Vergebung und Vergeltung. Strafe im Christentum


Facharbeit (Schule), 2003
14 Seiten

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Gliederung

1 “So sollst du das Böse aus deiner Mitte wegschaffen” Strafe im Alten Testament
1.1 Allgemeines
1.2 Die Todesstrafe
1.3 Weitere Strafen im israelitischen Recht
1.4 Beispiele für Strafanwendung

2 “Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als erster einen Stein auf sie” Strafe im Neuen Testament
2.1 Aussagen Jesu zur Strafe
2.2 Beispiele für Vergebung in den Evangelien
2.3 Strafanwendung in der Apostelgeschichte
2.4 Aussagen der Briefautoren zur Strafe

3 “Er schickte die Strafe. Das war falsch.” Aussagen von Theologen zur Strafe
3.1 Martin Luther
3.2 Dietrich Bonhoeffer
3.3 Karl Barth, Ernst Wolf
3.4 Jürgen Fliege

4 “Du sollst eine Zauberin nicht am Leben lassen” Strafanwendung mit christlicher Rechtfertigung
4.1 Hexenverfolgung
4.2 Inquisition und Glaubenskongregation
4.3 Religiöser Wahnsinn

5 “... dann leugnen wir die Kraft des Evangeliums” Die Todesstrafe im Christentum von heute

Quellenverzeichnis

Er schweigt. Er trinkt bedächtig seinen Wein aus. Dann sieht er mich wieder groß an: “Gott ist das Schrecklichste auf der Welt.”

Ich starre ihn an: Hatte ich richtig gehört? Das Schrecklichste?!

Er erhebt sich, tritt an das Fenster und schaut auf den Friedhof hinaus. “Er straft”, höre ich seine Stimme.

(von Horváth, Jugend ohne Gott)

1 “So sollst du das Böse aus deiner Mitte wegschaffen” Strafe im Alten Testament

1.1 Allgemeines

Das Alte Testament stellt Gott Jahwe als den “Gott des Rechts” dar: Jahwe hat sowohl dem Menschen seinen göttlichen Willen in Form von Gesetzen offenbart, als auch selbst gestraft: Die erste Strafe Jahwes an den Menschen ist die Vertreibung aus dem Paradies, verbunden mit dem Tod, also dem Verlust des ewigen Lebens. Er bestraft außerdem Adam und somit alle ihm folgenden Männer mit körperlicher Arbeit, die für den Nahrungserwerb nötig wird (“In Mühsal wirst du seinem [des Bodens] Ertrag essen alle Tage deines Lebens”, 1. Mo 3:17), sowie Eva und somit alle Frauen mit Schmerzen bei der Geburt. Auch später übt Gott Strafe aus, so zum Beispiel durch das Kainsmal (als Strafe für Kains Mord an Abel), durch die Sintflut (für das lasterhafte Leben der Menschheit), durch die Verwirrung der Strafen (für den Turmbau von Babel), durch die Auslöschung von Städten (z.B. Ninive, Sodom und Gomorra) und durch Seuchen und Plagen (z.B. zehn Plagen für den Pharao).

Der Mensch als das Bild Gottes - und somit als das Bild des “Gottes des Rechts” - besitzt von Anfang an Rechtsempfinden. Ihm wurden durch den Propheten Moses die Gesetze, also der Willen Jahwes, offenbart. Moses empfängt als Führer des Volkes Israels nicht nur die Zehn Gebote als die Grundlage aller Gesetze, sondern auch eine große Anzahl von verbindlichen Regelungen, die zumeist den Alltag betreffen (Sabbat und Feiertage, Reinigungen, Opferungen usw.). Gleichzeitig verkündet Jahwe für Verstöße gegen sein Gesetz die Strafen, die von den Menschen ausgeführt werden sollen. Die Grundlage nahezu aller von Gott bestimmten Strafen ist das Prinzip der Vergeltung: “Seele wird für Seele sein, Auge für Auge, Zahn für Zahn, Hand für Hand, Fuß für Fuß.” (5. Mo 19:21).

1.2 Die Todesstrafe

Für eine Reihe von Vergehen sieht das israelitische Recht die Todesstrafe vor. Unter anderem sind Verstöße gegen die Zehn Gebote mit dem Tod zu ahnden. Ausnahme ist das zehnte Gebot (“Du sollst nicht das Haus deines Mitmenschen begehren. Du sollst nicht die Frau deines Mitmenschen begehren noch seinen Sklaven, noch seine Sklavin, noch seinen Stier, noch seinen Esel, noch irgend etwas, was deinem Mitmenschen gehört.” 2. Mo 20:17), da Verstöße gegen dieses Gebot nicht nachzuweisen sind. Viele der mit Hinrichtung zu bestrafenden Delikte muten heute vergleichsweise harmlos an oder sind nicht verboten (Gotteslästerung, Zauberei, Ehebruch, Homosexualität). Der Sinn der Todesstrafe ist es, das Land vor Gottes Augen reinzuhalten sowie die Menschen vor Verstößen gegen das Gesetz abzuschrecken: Der Respekt vor Jahwe und vor dem Nächsten soll gewahrt bleiben.

Für folgende Verstöße gegen das göttliche Gesetz ist die Todesstrafe vorgesehen:

1. Gotteslästerung

Das dritte der Zehn Gebote verbietet die Gotteslästerung: “Du sollst den Namen Jahwes, deines Gottes, nicht in unwürdiger Weise gebrauchen.” (2. Mo 20:7). Deshalb ist für Gotteslästerer die Todesstrafe vorgesehen: “Und Jahwe redete dann zu Moses, indem er sprach: Führ denjenigen, der Übles herabgerufen hat, aus dem Lager hinaus, und alle, die ihn gehört haben, sollen ihre Hände auf seinen Kopf legen, und die ganze Gemeinde soll ihn bewerfen. Und du solltest zu den Söhnen Israels reden, indem du sagst: Falls irgendein Mann Übles auf seinen Gott herabruft, so soll er sich für seine Sünde verantworten. Wer also Jahwes Namen beschimpft, sollte unweigerlich zu Tode gebracht werden. Die ganze Gemeinde sollte ihn unbedingt mit Steinen bewerfen. Der ansässige Fremdling sollte ebenso wie der Einheimische zu Tode gebracht werden, wenn er den Namen beschimpft.” (3. Mo 24:13-16).

2. Götzen- und Götteranbetung

Das erste Gebot lautet: “Du sollst keine anderen Götter wider mein Angesicht haben.” (2. Mo 20:3). Demnach sind die, die fremde Götter anbeten, mit dem Tod zu bestrafen: “Jedermann von den Söhnen Israels und irgendein ansässiger Fremdling, der als Fremdling in Israel weilt, der einen seiner Nachkommen dem Molech gibt, sollte unweigerlich zu Tode gebracht werden. Das Volk des Landes sollte ihn mit Steinen bewerfen.” (3. Mo 20:2), und: “Falls dein Bruder, der Sohn deiner Mutter, oder dein Sohn oder deine Tochter oder deine inniggeliebte Frau oder dein Gefährte, der wie deine eigene Seele ist, versuchen sollte, dich im Geheimen zu verlocken, und spricht: “Lass uns gehen und anderen Göttern dienen”, die du nicht gekannt hast, weder du noch deine Vorväter, einigen von den Göttern der Völker, die rings um euch her sind, den dir nahen oder den dir fernen, von einem Ende des Landes bis zum anderen Ende des Landes, sollst du nicht auf seinen Wunsch eingehen noch auf ihn hören, noch sollte es deinem Auge leid tun um ihn, noch sollst du Mitleid haben mit ihm, noch in decken, sondern du solltest ihn unweigerlich töten. Deine Hand sollte als erste von allen an ihm sein, um ihn zu Tode zu bringen, und danach die Hand des ganzen Volkes. Und du sollst ihn mit Steinen steinigen und er soll sterben, denn er hat dich von Jahwe, deinem Gott, der dich aus dem Land Ägypten, aus dem Sklavenhaus, herausgeführt hat, abwendig zu machen versucht.” (5. Mo 13:6-10).

3. Zauberei und Spiritismus

Im 2. Buch Moses heißt es: “Du sollst eine Zauberin nicht am Leben lassen.” (2. Mo 22:18). Weiterhin wird gesagt: “Und was einen Mann oder eine Frau betrifft, in denen sich ein Mediumsgeist oder Geist der Vorhersage findet, sie sollten unweigerlich zu Tode gebracht werden. Man sollte sie mit Steinen bewerfen. Ihr eigenes Blut ist auf ihnen.” (3. Mo 20:27).

4. Falsches Prophezeien

Im 5. Buch Mose heißt es: “Der Prophet jedoch, der sich anmaßt, in meinem Namen ein Wort zu reden, das zu reden ich ihm nicht geboten habe, oder der im Namen anderer Götter redet, dieser Prophet soll sterben.” (5. Mo 18:20). Diese Anordnung führt ein Problem mit sich, nämlich die Unterscheidung von wahren und falschen Propheten. Gottes Hinweis hierfür lautet: “Wenn der Prophet im Namen Jahwes redet, und das Wort trifft nicht ein oder bewahrheitet sich nicht, so ist dieses das Wort, das Jahwe nicht geredet hat. Mit der Vermessenheit hat der Prophet es geredet. Du sollst vor ihm nicht erschrecken.” (5. Mo 18:20-21). Wenn also eine Prophezeiung nicht eintritt, so ist sie falsch und der Prophet muss sterben. Dass auch dies problematisch ist, zeigt die Geschichte von Jona, der im Namen Gottes der sündhaften Stadt Ninive den Untergang predigt. Nachdem die Bewohner der Stadt Reue gezeigt haben, beschließt Gott, Ninive nicht zu vernichten. Theoretisch hätten die Niniver Jona des falschen Prophetentums beschuldigen und hinrichten können.

5. Brechen des Sabbat

Das vierte der Zehn Gebote lautet: “Des Sabbattages gedenkend, um ihn heiligzuhalten, sollst du sechs Tage Dienst leisten. Und all deine Arbeit tun. Aber der siebte Tag ist ein Sabbat für Jahwe, deinen Gebot. Du sollst keinerlei Arbeit tun, weder du noch dein Sohn, noch deine Tochter, noch dein Sklave, noch deine Sklavin, noch dein Haustier, noch dein ansässiger Fremdling, der innerhalb deiner Tore ist.” (2. Mo 20:8-10). Als Verstoß gegen ein Gebot Gottes ist auch das Brechen des Sabbats mit dem Tode zu bestrafen: “Und ihr sollt den Sabbat halten, denn er ist euch etwas Heiliges. Wer ihn entweiht, wird unweigerlich zu Tode gebracht werden. Falls irgend jemand an ihm Arbeit verrichtet, so soll diese Seele von der Mitte ihres Volkes abgeschnitten werden.” (2. Mo 31:14), und: “Sechs Tage kann Arbeit getan werden, aber der siebte Tag wird euch etwas Heiliges werden, ein Sabbat vollständiger Ruhe für Jahwe. Jeder, der Arbeit an ihm verrichtet, wird zu Tode gebracht werden.” (2. Mo 35:2).

6. Mord

Mörder verstoßen gegen das sechste Gebot (“Du sollst nicht morden”, 2. Mo 20:13) und müssen aus diesem Grunde hingerichtet werden: “Jeder, der eine Seele erschlägt, sollte als Mörder auf die Aussage von Zeugen hin getötet werden, und ein einzelner Zeuge darf nicht gegen eine Seele zeugen, dass sie stirbt. Und ihr sollst für die Seele eines Mörders, der zu sterben verdient, kein Lösegeld annehmen, denn er sollte unweigerlich zu Tode gebracht werden.” (4. Mo 35:30-31). Die Tatsache, dass nur aufgrund einer einzelnen Zeugenaussage niemand zum Tode verurteilt werden darf, zeugt von der Wahrung rechtsstaatlicher Grundsätze.

7. Ehebruch

Ehebruch ist ein Verstoß gegen das siebte Gebot (“Du sollst nicht ehebrechen”, 2. Mo 20:14). Für Ehebrecher ist demnach die Todesstrafe vorgesehen: “Ein Mann nun, der mit der Frau eines anderen Mannes Ehebruch begeht, der begeht Ehebruch mit der Frau seines Mitmenschen. Er sollte unweigerlich zu Tode gebracht werden, der Ehebrecher wie auch die Ehebrecherin.” (3. Mo 20:10), und: “Falls ein Mann bei einer Frau liegend gefunden wird, die einem Besitzer zu eigen ist, dann sollen sie beide zusammen sterben, der Mann, der bei der Frau gelegen hat, und die Frau. So sollst du das Böse aus Israel wegschaffen.” (5. Mo 22:22).

8. Vortäuschen der Jungfräulichkeit

Wenn ein Mädchen bei ihrer Verlobung angibt, Jungfrau zu sein und erweist es sich im Nachhinein, dass sie bereits vor ihrer Hochzeitsnacht mit einem Mann Geschlechtsverkehr hatte, ist das Mädchen hinzurichten: “Wenn sich jedoch diese Sache als Wahrheit erwiesen hat, indem der Beweis der Jungfräulichkeit an dem Mädchen nicht gefunden worden ist, dann soll man das Mädchen an den Eingang des Hauses ihres Vaters hinausführen, und die Männer ihrer Stadt sollen sie mit Steinen bewerfen, und sie soll sterben, weil sie eine Torheit in Israel begangen hat, indem sie im Haus ihres Vaters Prostitution beging. So sollst du das Böse aus deiner Mitte wegschaffen.” (5. Mo 22:20-21).

9. Verkehr mit einem verlobten Mädchen

Als eine Form des im siebten Gebot verbotenen Ehebruchs ist auch der Verkehr mit einem verlobten Mädchen ein Delikt, das mit dem Tode zu bestrafen ist: “Falls es geschehen sollte, dass ein jungfräuliches Mädchen mit einem Mann verlobt ist, und tatsächlich hat ein Mann sie in der Stadt gefunden und sich zu ihr gelegt, so sollt ihr sie beide zum Tor jener Stadt hinausführen und sie mit Steinen bewerfen, und sie sollen sterben, das Mädchen darum, dass sie in der Stadt nicht geschrien hat, und der Mann darum, dass er die Frau seines Mitmenschen erniedrigt hat. So sollst du das, was übel ist, aus deiner Mitte wegschaffen. Wenn jedoch der Mann das Mädchen, das verlobt war, auf dem Feld gefunden hat, und der Mann hat sie gepackt und hat bei ihr gelegen, so soll der Mann, der bei ihr gelegen hat, allein sterben, und dem Mädchen sollst du nichts tun. Das Mädchen hat keine Sünde, die den Tod verdient, denn wie wenn sich ein Mann gegen seinen Mitmenschen erhebt und ihn, ja eine Seele, tatsächlich ermordet, so ist es in diesem Fall. Denn auf dem Feld hat er sie gefunden. Das Mädchen, dass verlobt war, schrie, aber da war niemand, der ihr zu Hilfe kam.” (5. Mo 22:23-27).

10. Inzest

Inzest ist ein Verbrechen, dass mit dem Tod zu bestrafen ist: “Ihr sollt euch nicht, kein Mensch von euch, irgendeinem Nähern, der sein naher Verwandter nach dem Fleische ist, um die Blöße aufzudecken. Ich bin Jahwe. Die Blöße deines Vaters und die Blöße deiner Mutter sollst du nicht aufdecken. Sie ist deine Mutter. Du sollst ihre Blöße nicht aufdecken. [...] Was die Blöße deiner Schwester, der Tochter deines Vaters oder der Tochter deiner Mutter, betrifft, ob in derselben Hausgemeinschaft oder außerhalb der selben geboren, du sollst ihre Blöße nicht aufdecken. [...] Falls irgend jemand irgendwelche von all diesen Abscheulichkeiten tut, dann sollen die Seelen, die sie tun, von den Reihen ihres Volkes abgeschnitten werden.” (3. Mo 18:6-7,9,29). Auch Geschlechtsverkehr, der nach heutigen Rechtsauffassungen kein Inzest ist (Stiefeltern, Schwiegereltern), ist strafbar: “Und ein Mann, der bei der Frau seines Vaters liegt, hat die Blöße seines Vaters aufgedeckt. Sie sollten beide unweigerlich zu Tode gebracht werden. Ihr eigenes Blut ist auf ihnen. Und wenn ein Mann bei seiner Schwiegertochter liegt, sollten sie beide unweigerlich zu Tode gebracht werden. Sie haben eine schändliche Verletzung dessen begangen, was natürlich ist. Ihr eigenes Blut liegt auf ihnen. [...] Und wenn sich ein Mann eine Frau und ihre Mutter nimmt, ist es Zügellosigkeit. Man sollte ihn und sie im Feuer verbrennen, damit nicht weiterhin Zügellosigkeit in eurer Mitte sei.” (3. Mo 20:11-14).

11. Homosexualität

Im 3. Buch Mose heißt es: “Und wenn ein Mann bei einer männlichen Person liegt, ebenso wie man bei einer Frau liegt, so haben sie beide eine Abscheulichkeit begangen. Sie sollten unweigerlich zu Tode gebracht werden. Ihr eigenes Blut ist auf ihnen.” (3. Mo 20:13). Homosexualität ist eines der Delikte, für das einige christliche Fundamentalisten noch heute die Todesstrafe fordern.

12. Sodomie

Laut göttlichem Gesetz soll “jeder, der bei einem Tier liegt, [...] unweigerlich zu Tode gebracht werden.” (2. Mo 22:19). Im 3. Buch Mose heißt es: “Und wenn ein Mann seinen Samenerguss einem Tier gibt, sollte er unweigerlich zu Tode gebracht werden, und ihr solltet das Tier töten. Und wenn sich eine Frau irgendeinem Tier naht, um Verkehr mit ihm zu haben, sollst du die Frau und das Tier töten. Sie sollten unweigerlich zu Tode gebracht werden. Ihr eigenes Blut ist auf ihnen.” (3. Mo 20:15-16).

13. Entführung

An zwei Stellen der Bücher Mose wird Entführung als ein mit dem Tode zu bestrafendes Delikt genannt: “Und wer einen Menschen entführt und ihn tatsächlich verkauft oder in wessen Hand er gefunden worden ist, soll unweigerlich zu Tode gebracht werden.” (2. Mo 21:16), und: “Falls ein Mann dabei gefunden wird, dass er eine Seele seiner Brüder, von den Söhnen Israels, entführt, und er hat ihn auf tyrannische Weise behandelt und ihn verkauft, dann soll dieser Menschenräuber sterben. Und du sollst das Böse aus deiner Mitte wegschaffen.” (5. Mo 24:7).

14. Auflehnung gegen die Eltern

Wer sich gegen seine Eltern auflehnt, verstößt gegen das fünfte Gebot (Ehre deinen Vater und deine Mutter”, 2. Mo 20:12) und muss demnach hingerichtet werden. “Und wer seinen Vater und seine Mutter schlägt, soll unweigerlich zu Tode gebracht werden. [...] Und wer Übles auf seinen Vater und seine Mutter herabruft, soll unweigerlich zu Tode gebracht werden.” (2. Mo 21:15,17).

15. Unbefugtes Nähern der Stiftshütte

Die Stifthütte war ein Gebäude, in dem die Priester Gott anbeteten und ihm Opfer darbringen sollten. Nur den Priestern war das Betreten der Hütte erlaubt: “Als einen Geschenkdienst werde ich euer Priestertum geben, und der Fremde, der sich nähert, sollte zu Tode gebracht werden.” (4. Mo 18:7), und: “Jeder, der sich naht, der sich der Stiftshütte Jahwes nähert, wird sterben! Sollen wir damit enden, dass wir auf diese Weise dahinscheiden?” (4. Mo 17:13).

16. Falsches Zeugnis

Als Verstoß gegen das neunte Gebot (“Du sollst nicht falsch zeugen als Zeuge gegen deinen Mitmenschen”, 2. Mo 20:16) ist das Ablegen eines falschen Zeugnisses vor Gericht mit dem Tode zu bestrafen: “Und die Richter sollen gründlich nachforschen, und wenn der Zeuge ein falscher Zeuge ist und eine Falschanklage gegen seinen Bruder vorgebracht hat, dann sollt ihr ihm so tun, wie er seinem Bruder zu tun gedachte, und du sollst das Böse aus deiner Mitte wegschaffen.” (5. Mo 19:18-19).

1.3 Weitere Strafen im israelitischen Recht

Die von Gott festgelegten Strafen im israelitischen Recht sind sogenannte Spiegelstrafen, das heißt sie basieren auf dem Grundsatz der Vergeltung. Gleiches soll mit Gleichem vergolten werden. Dafür werden im göttlichen Gesetz verschiedene konkrete Fälle genannt: Für Diebstahl ist Entschädigung durch Geldzahlung oder Sklavenarbeit vorgesehen. Wer ein Haustier seines Nächsten tötet, muss es ihm ersetzen. Bei Körperverletzung gilt: “Und falls ein Mann seinem Genossen ein Gebrechen zufügen sollte, dann sollte ihm ebenso getan werden, wie er getan hat. Bruch um Bruch, Auge um Auge, Zahn um Zahn; ein Gebrechen von derselben Art, das er dem Menschen zufügen mag, das sollte ihm zugefügt werden.” (3. Mo 24:19-20). Wer also beispielsweise jemandem dem Arm bricht, dem soll der Arm ebenfalls gebrochen werden. Eine Ausnahme ist im 5. Buch Mose genannt: “Falls Männer miteinander raufen, und die Frau des einen ist herzugetreten, um ihren Mann aus der Hand dessen zu befreien, der ihn schlägt, und sie hat ihre Hand ausgestreckt und ihn bei seinen Geschlechtsteilen gepackt, dann sollst du ihr die Hand abhauen. Es soll deinem Auge nicht leid tun.” (5. Mo 25:11-12). Diese Ausnahme ergibt sich notwendigerweise, da “ein Gebrechen von derselben Art” der Frau in diesem Fall nicht zugefügt werden kann.

1.4 Beispiele für Strafanwendung

1. Hinrichtung eines Sabbatbrechers

Über die Hinrichtung eines Sabbatbrechers wird im 4. Buch Mose berichtet: “Während die Söhne Israels weiterhin in der Wildnis waren, fanden sie einmal einen Mann, der am Sabbattag Holzstücke auflas. Dann brachten ihn diejenigen, die ihn beim Auflesen von Holzstücken gefunden hatten, zu Moses und Aaron und der ganzen Gemeinde. So legten sie ihn in Gewahrsam, denn es war nicht deutlich dargelegt worden, was mit ihm getan werden sollte. Zu seiner Zeit sprach Jahwe zu Moses: Der Mann soll unweigerlich zu Tode gebracht werden, indem ihn die ganze Gemeinde außerhalb des Lagers mit Steinen bewirft. Demgemäß führte ihn die ganze Gemeinde aus dem Lager hinaus und bewarf ihn mit Steinen, so dass er starb, so wie es Moses geboten hatte.” (4. Mo 15:32-36).

2. Hinrichtung eines Gotteslästerers

Noch vor der Ankündigung, dass Blasphemie mit dem Tod zu bestrafen ist, lästerte ein Israelit Gott. Er wurde in Gewahrsam genommen, bis Jahwe Moses offenbarte, wie mit Gotteslästerern zu verfahren sei. Daraufhin wurde der Mann wegen Blasphemie hingerichtet: “Danach redete Moses zu den Söhnen Israels, und sie führten denjenigen, der Übel herabgerufen hatte, aus dem Lager hinaus, und sie bewarfen ihn mit Steinen. So taten die Söhne Israels, wie Jahwe es Moses geboten hatte.” (3. Mo 24:23).

3. Bestrafung unsittlicher Beziehungen

Als das Volk auf ihrem Weg ins Gelobte Land in Schitim lebten, nahmen viele Israeliten “unsittliche Beziehungen” mit den “Töchtern Moabs” (4. Mo 25:1) auf. Die Moabiterinnen verleiteten sie zur Anbetung fremder Götter (“So hängte sich Israel an den Baal von Peor.” 4. Mo 25:3). Jahwe befahl deshalb Moses aus diesem Grund die Hinrichtung der Anführer des Volkes. Daraufhin ordnete Moses die Richter an, alle israelitischen Baal-Anhänger zu töten. Gleichzeitig strafte Gott Israel mit einer Seuche, der vierundzwanzigtausend Tote zum Opfer fielen. Als Pinehas, ein Enkel Aarons, einen Israeliten und seine midianitische Geliebte tötete (“... und durchstach sie beide, den Mann aus Israel und die Frau durch ihr Geschlechtsorgan.” 4. Mo 25:8), endete die Seuche. Jahwe sprach daraufhin zu Moses: “Pinehas, der Sohn Eleasars, des Sohnes Aarons, des Priesters, hat meinen Grimm von den Söhnen Israels abgewandt, indem er in ihrer Mitte gar keine Rivalität mir gegenüber duldete, so dass ich die Söhne Israels in meinem Beharren auf ausschließlicher Ergebenheit nicht ausgerottet habe.” (4. Mo 25:11).

4. Die Juden bestrafen ihre Feinde

Esther, die Frau des persischen Königs Ahasverus (auch Xerxes), war die Ziehtochter des Juden Mardochai. Von ihrem Vater erfuhr Esther von der Ermordung der persischen Juden: Mardochai hatte sich geweigert, sich vor Haman, Ahasverus´ wichtigstem Ratgeber, zu verbeugen. Daraufhin veranlasste Haman die Tötung sämtlicher in Persien wohnenden Juden. Esther berichtete davon ihrem Mann, und da Mardochai einst dem König das Leben gerettet hatte, indem er ein geplantes Attentat vereitelte, ließ Ahasverus Haman hinrichten und ernannte Mardochai zu seinem neuen Berater.

Die jüdischen Bewohner Persiens rächten sich nun an ihren Feinden: “Die Juden versammelten sich in ihren Städten in allen Gerichtsbezirken des Königs Ahasverus, um Hand an die zu legen, die ihnen Schaden zuzufügen suchten, und kein Mann hielt vor ihnen stand, denn der Schrecken vor ihnen war auf alle Völker gefallen. [...] Und dann schlugen die Juden all ihre Feinde mit einer Schlachtung durch das Schwert und mit Tötung und Vernichtung, und sie taten dann mit ihren Hassern nach ihrem Belieben. Und in Susa, der Burg, töteten die Juden, und es wurden fünfhundert Mann vernichtet. [...] Dann wurde in Susa ein Gesetz herausgegeben, und die zehn Söhne Hamans wurden gehängt. Und die Juden, die in Susa waren, gingen daran, sich auch am vierzehnten Tag des Monats Adar zu versammeln, und sie töteten in Susa schließlich dreihundert Mann. [...] Was die übrigen Juden betrifft, die in den Gerichtsbezirken des Königs waren, sie versammelten sich, und man trat für seine Seele ein, und man rächte sich an den Feinden und tötete unter seinen Hassern fünfundsiebzigtausend.” (Est 9:2,5-7,14-16). Die Juden wendeten das Prinzip der Vergeltung an, dass Gott ihnen offenbart hatte: “Seele wird für Seele sein, Auge für Auge, Zahn für Zahn, Hand für Hand, Fuß für Fuß.” (5. Mo 19:21).

2 “Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als erster einen Stein auf sie” Strafe im Neuen Testament

2.1 Aussagen Jesu zur Strafe

Jesus hebt das israelitische Gesetz nicht auf: “Denkt nicht, ich sei gekommen, um das Gesetz oder die Propheten zu vernichten. Nicht um zu vernichten, bin ich gekommen, sondern um zu erfüllen; denn wahrlich, ich sage euch: Eher würden Himmel und Erde vergehen, als dass auch nur ein kleinster Buchstabe oder ein einziges Teilchen eines Buchstabens vom Gesetz verginge und nicht alles geschähe. Wer immer daher eines dieser geringsten Gebote bricht und die Menschen demgemäß lehrt, der wird hinsichtlich des Königreiches der Himmel Geringster genannt werden. Wer immer sie hält und lehrt, dieser wird hinsichtlich des Königreiches der Himmel groß genannt werden. Denn ich sage euch, dass ihr, wenn eure Gerechtigkeit die der Schriftgelehrten und Pharisäer nicht weit übertrifft, keinesfalls in das Königreich der Himmel eingehen werdet.” (Mt. 5:17:20). Im Gegenteil Jesus verschärft sogar einige Gesetze: “Ihr habt gehört, dass zu denen, die in alten Zeiten lebten, gesagt wurde: Du sollst nicht morden; wer immer aber einen Mord begeht, wird dem Gerichtshof Rechenschaft abgeben müssen. Doch ich sage euch, dass jeder, der seinem Bruder fortgesetzt zürnt, dem Gerichtshof Rechenschaft wird geben müssen.” (Mt. 5:21-22), und: “Ihr habt gehört, dass gesagt wurde: Du sollst nicht ehebrechen. Ich aber sage euch, dass jeder, der fortwährend eine Frau ansieht, um so in Leidenschaft zu ihr zu entbrennen, in seinem Herzen schon mit ihr Ehebruch begangen hat.” (Mt. 5:27-28), sowie: “Ferner habt ihr gehört, dass zu denen, die in alten Zeiten lebten, gesagt wurde: Du sollst nicht schwören, ohne entsprechend zu handeln, sondern du sollst Jahwe deine Gelübde bezahlen. Doch ich sage euch: Schwört überhaupt nicht.” (Mt. 5:33-34).

Jesus fordert jedoch in der Bergpredigt seine Anhänger dazu auf, ihre Feinde zu lieben (“Doch ich sage euch: Fahrt fort, eure Feinde zu lieben und für die zu beten, die euch verfolgen, damit ihr euch als Söhne eures Vaters erweist, der in den Himmeln ist, da er seine Sonne über Böse und Gute aufgehen und es über Gerechte und Ungerechte regnen lässt.” Mt. 5:44-45), und ihnen ihre Schuld zu vergeben: “Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, wird euer himmlischer Vater auch euch vergeben; wenn ihr aber den Menschen ihre Verfehlungen nicht vergebt, wird euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben.” (Mt. 6:14-15). Niemand darf sich also anmaßen, ein Todesurteil gegen einen Sünder zu sprechen: “Hört auf zu richten, damit ihr nicht gerichtet werdet; denn mit dem Gericht, mit dem ihr richtet, werdet ihr gerichtet werden; und mit dem Maß, mit dem ihr messt, wird man euch messen. Warum schaust du also auf den Strohhalm im Auge deines Bruders, beachtest aber nicht den Balken in deinem eigenen Auge?” (Mt. 7:1-3).

Jesus wendet sich also gegen den jüdischen Grundsatz der Vergeltung. Statt dessen fordert er zur Vergebung auf: “Gebt acht auf euch selbst. Wenn dein Bruder eine Sünde begeht, und wenn er bereut, so vergib ihm. Auch wenn er siebenmal am Tag gegen dich sündigt, und er kommt siebenmal zu dir zurück und sagt: Ich bereue, sollst du ihm vergeben.” (Luk. 17:3-4). Als sein Jünger Petrus Jesus fragt, wie oft man seinem Nächsten vergeben soll, meint er: “Ich sage dir: Nicht bis zu siebenmal, sondern: Bis zu siebenundsiebzigmal.” (Mt. 18:21-22). Vergebung ist ein ungeschuldeter Akt der Nichtanrechung einer schuldhaft begangenen Tat eines Menschen. Vergebung ermöglicht einen echten Neuanfang, wenn bei dem Schuldigen Reue und Umkehrbereitschaft vorhanden ist und der Vergebende den ehrlichen Willen besitzt, den anderen nicht mehr als Schuldigen zu sehen. Ein menschliches Zusammenleben ohne den Willen zur Vergebung und der Bereitschaft zur Versöhnung, so Jesus, ist nicht möglich. Die Spiegelstrafe wird, solange es sich um Körperverletzung und Mord handelt, in der Ethik Jesu aufgehoben.

Hinter dem Akt der Vergebung zwischen zwei Menschen steht die Vergebung der menschlichen Sünden durch Gott. So vergibt Gott dem Menschen nur seine Sünden, wenn auch der Mensch seinen Mitmenschen ihre schlechten Taten verzeiht: “Und wenn ihr dasteht und betet, so vergebt, was immer ihr gegeneinander habt, damit euer Vater, der in den Himmeln ist, auch euch eure Verfehlungen vergebe.” (Mk. 11:25).

2.2 Beispiele für Vergebung in den Evangelien

1. Jesus und die Ehebrecherin

Exemplarisch für die Auffassung Jesu von Strafe steht die Geschichte von der Ehebrecherin, von der der Evangelist Johannes berichtet: “Jesus aber ging an den Ölberg. Bei Tagesanbruch jedoch fand er sich wieder im Tempel ein, und das ganze Volk begann zu ihm zu kommen, und er setzte sich nieder und begann sie zu lehren. Nun brachten die Schriftgelehrten und die Pharisäer eine Frau herbei, die beim Ehebruch ertappt worden war, und sie stellten sie in ihre Mitte, und sie sagten zu ihm: Lehrer, diese Frau ist auf frischer Tat beim Ehebruch ertappt worden. Im Gesetz schrieb uns Moses vor, solche Frauen zu steinigen. Was sagst du nun dazu? Natürlich sagten sie das, um ihn auf die Probe zu stellen, damit sie einen Grund zur Anklage gegen ihn hätten. Jesus aber beugte sich nieder und begann mit seinem Finger auf die Erde zu schreiben. Als sie aber dabei beharrten, ihn zu befragen, richtete er sich auf und sprach zu ihnen: Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als erster einen Stein auf sie. Und sich wieder vornüberbeugend, schrieb er weiter auf die Erde. Diejenigen aber, die das hörten, begannen hinauszugehen, einer nach dem anderen, angefangen bei den älteren Männern, und er wurde allein zurückgelassen mit der Frau, die in ihrer Mitte war. Sich aufrichtend, sagte Jesus zu ihr: Frau, wo sind sie? Hat dich keiner verurteilt? Sie sagte: Keiner, Herr. Jesus sprach: Auch ich verurteile dich nicht. Geh hin, treibe von nun an nicht mehr Sünde.” (Joh. 5:1-12). Jesus lehnt also die Todesstrafe an sich nicht ab; er meint jedoch, dass nur diejenigen sie anwenden dürften, die frei von Sünde seien.

2. Kapernaum

Als Jesus sich in Kapernaum befindet, wird ein Gelähmter zu ihm gebracht, damit Jesus ihn heile. Jesus spricht zunächst: “Kind, deine Sünden sind vergeben.” (Mk 2:5). Die anwesenden Schriftgelehrten sind darüber empört, da sie meinen, nur Gott könne Sünden vergeben: “Warum redet dieser Mann so? Er lästert. Wer kann Sünden vergeben, ausgenommen einer, Gott?” (Mk 2:7).

3. Der verlorene Sohn

Das bekannteste Gleichnis, das Jesus seinen Jüngern erzählt, ist die vom Verlorenen Sohn: Ein Mann hat zwei Söhne und gibt einem von beiden, der ihn verlassen will, sein Erbteil. Der Sohn zieht fort und verprasst sein Geld. Nachdem eine Teuerung durchs Land gegangen ist, beschließt der Sohn zurückzukehren. Er will bei seinem Vater als Knecht arbeiten: “Da sagte der Sohn zu ihm: Vater ich habe gegen den Himmel und gegen dich gesündigt. Ich bin nicht mehr würdig, dein Sohn genannt zu werden. Halte mich wie einen deiner Lohnarbeiter. Der Vater aber sagte zu seinen Sklaven: Schnell! Bringt ein langes Gewand heraus, das beste, und kleidet ihn damit, und tut einen Ring an seine Hand und Sandalen an seine Füße. Und bringt den gemästeten jungen Stier her, schlachtet ihn, und lasst uns essen und fröhlich sein, denn dieser mein Sohn war tot und kam wieder zum Leben; er war verloren und wurde gefunden.” (Luk 15:21-24). Der Vater bestraft seinen Sohn also nicht, sondern vergibt ihm seine Sünden. Jesus will seinen Jüngern mit der Parabel verdeutlichen, dass auch Gott den Menschen ihre Sünden vergibt und sich über jeden zurückgekehrten Sünder freut.

2.3 Strafanwendung in der Apostelgeschichte

1. Hinrichtung des Stephanus

Stephanus war einer der sieben Armendiener (Diakone), die in der Christenversammlung besondere Verwaltungsaufgaben zu übernehmen hatten. Neben diesen Diensten übte Stephanus seine Predigt- und Wundertätigkeit aus. Aufgrund eines Komplotts einiger jüdischer Männer - falsche Zeugen beschuldigten ihn, er habe “Lästerreden gegen Gott und Moses geführt” (Apg 6:11) - wurde er dem Hohepriester Sanhedrin vorgeführt. Nach einer Verteidigungsrede, die die jüdischen Männer “in ihrem Herzen zutiefst verletzt[e]” (Apg 7:54), bekam Stephanus eine Vision: “Er aber, voll heiligen Geistes, schaute unverwandt zum Himmel empor und erblickte die Herrlichkeit Gottes und Jesus, zur Rechten Gottes stehend, und er sprach: Siehe! Ich sehe die Himmel aufgetan und den Menschensohn zur Rechten Gottes stehend.” (Apg 7:55-56). Daraufhin “schrien sie mit lauter Stimme und hielten sich die Ohren zu und stürmten einmütig auf ihn los.” (Apg 7:57). Stephanus wurde wegen Gotteslästerung gesteinigt, wie es das israelitische Gesetz verlangte. Stephanus gilt als erster Märtyrer der Christenheit.

2. Hinrichtung des Jakobus

Jakobus, ein Bruder des Evangelisten Johannes, war der erste der zwölf Jünger Jesu, der als Märtyrer starb. Er wurde - wahrscheinlich im Jahre 44 n.Chr. - von Herodes Agrippa I. mit dem Schwert hingerichtet: “Um jene besondere Zeit legte der König Herodes Hand an einige von denen, die zur Versammlung gehörten, um sie zu misshandeln. Er brachte Jakobus, den Bruder des Johannes, mit dem Schwert um.” (Apg 12:1-2). Lukas, der Autor der Apostelgeschichte, berichtet, dass “es den Juden gefiel” (Apg 12:3) und Herodes daraufhin Petrus festnehmen ließ. Ihm drohte die gleiche Strafe, er wurde jedoch von einem Engel aus dem Gefängnis befreit.

2.4 Aussagen der Briefautoren zur Strafe

1. Briefe des Paulus

In seinen Briefen äußert sich der Apostel Paulus mehrmals zur Vergebung und zum Umgang mit Sündern. Er mahnt, sich Jesu Worte zu entsinnen, niemand solle seinen Nächsten richten. Im Brief an die Epheser schreibt Paulus: “Werdet aber gütig zueinander, voll zarten Erbarmens, einander bereitwillig vergebend, so wie auch Gott euch durch Christus bereitwillig vergeben hat.” (Eph 4:32). Im Römerbrief heißt es: “Darum bist du unentschuldbar, o Mensch, wer immer du bist, wenn du richtest; denn worin du einen anderen richtest, verurteilst du dich selbst, insofern als du, der du richtest, dieselben Dinge treibst. [...] Denkst du aber, o Mensch, dass du, während du die richtest, die solche Dinge treiben, und sie doch selbst tust, dem Gericht Gottes entrinnen wirst?” (Rö 2:1,3), und: “Warum aber richtest du deinen Bruder? Oder warum blickst du auch auf deinen Bruder hinab? Denn wir werden alle vor dem Richterstuhl Gottes stehen. [...] So wird denn jeder von uns für sich selbst Gott Rechenschaft ablegen.” (Rö 14:10,12). Im Kolosserbrief schreibt Paulus: “Fahrt fort, einander zu ertragen und einander bereitwillig zu vergeben, wenn jemand Ursache zu einer Klage gegen einen anderen hat. So, wie der Herr euch bereitwillig vergeben hat, so tut auch ihr.” (Kol 3:13). Im ersten Brief an die Korinther heißt es: “Wagt es jemand von euch, der eine Sache gegen den anderen hat, vor ungerechte Menschen vor Gericht zu gehen und nicht vor die Heiligen? Oder wißt ihr nicht, dass die Heiligen die Welt richten werden?” (1. Kor 6:1-2).

Paulus mahnt, Sünder zurechtzuweisen. Im Brief an die Thessalonicher heißt es: “Weist den Unordentlichen zurecht, redet bekümmerten Seelen tröstend zu, steht den Schwachen bei, seid langmütig gegen alle. Seht zu, dass niemand Böses mit Bösem vergelte, sondern jagt allezeit dem Guten nach gegeneinander und allen anderen gegenüber.” (1. The 5:14-15). Im zweiten Brief an die Korinther schreibt Paulus: “Wenn nun irgend jemand Traurigkeit verursacht hat, hat er nicht mich traurig gemacht, sondern in gewissem Maße - um in dem, was ich sage, nicht zu streng zu sein - euch alle. Dieser Verweis von seiten der Mehrheit genügt für einen solchen Menschen, so dass ihr im Gegenteil jetzt verzeihen und trösten sollst, damit ein solcher nicht etwa von seiner übergroßen Traurigkeit verschlungen werde. Darum ermahne ich euch, eure Liebe zu ihm zu bestätigen. Denn zu diesem Zweck schreibe ich auch, um euch betreffend den Beweis dafür zu ermitteln, ob ihr in allen Dingen gehorsam seid. Wenn ihr jemandem etwas verzeiht, so tue auch ich es. In der Tat, was ich meinerseits verziehen habe, wenn ich etwas verziehen habe, ist um euretwillen vor dem Angesicht Christi geschehen, damit wir nicht vom Satan überlistet werden, denn seine Anschläge sind uns nicht unbekannt.” (2. Kor 2:5-11). Im ersten Brief an Timotheus heißt es: “Weise Personen, die Sünde treiben, vor den Augen aller zurecht, damit auch die übrigen Furcht haben. Ich gebiete dir feierlich vor Gott und Christus Jesus und den auserwählten Engeln, diese Dinge ohne Vorurteil zu bewahren und nichts nach einer Neigung zu Voreingenommenheit zu tun.” (1. Tim 5:10-22).

Desweiteren hält Paulus dazu an, keinen Umgang mit Sündern zu pflegen, wenn Ermahnungen nicht wirken, damit die Sündigen sich ihrer Vergehen bewusst werden: “Wenn aber jemand unserem durch diesen Brief gesandten Wort nicht gehorcht, so haltet diesen bezeichnet und hört auf, Umgang mit ihm zu haben, damit er beschämt werde. Und doch betrachtet ihn nicht als einen Feind, sondern ermahnt ihn weiterhin ernstlich als einen Bruder.” (2. The 3:14.15), und: “Nun aber schreibe ich euch, keinen Umgang mehr mit jemandem zu haben, der Bruder genannt wird, wenn er ein Hurer oder ein Habgieriger oder ein Götzendiener oder ein Schmäher oder ein Trunkenbold oder ein Erpresser ist, selbst nicht mit einem solchen zu essen. Denn was habe ich damit zu tun, die, die draußen sind, zu richten? Richtet ihr nicht die, die drinnen sind, während Gott die richtet, die draußen sind? Entfernt den Bösen aus eurer Mitte.” (1. Kor 5:11-13).

2. Weitere Briefe

Auch andere Briefautoren bestätigen in den Ermahnungen und Ratschlägen die Lehre Jesu, in dem sie zur Vergebung aufrufen. So schreibt Jakobus, ein Halbbruder Jesu: “Hört auf, Brüder, gegeneinander zu reden. Wer gegen einen Bruder redet oder seinen Bruder richtet, redet gegen das Gesetz und richtet das Gesetz. Wenn du nun das Gesetz richtest, bist du nicht ein Täter des Gesetzes, sondern ein Richter. Einer ist es, der retten und vernichten kann. Du aber, wer bist du, dass du deinen Nächsten richtest?” (Jak 4:11-12). Der Apostel Simon Petrus richtet sich in seinem ersten Brief gegen die alttestamentarische Lehre der Vergeltung. Er schreibt: “Vergeltet nicht Schädigendes mit Schädigendem noch Beschimpfung mit Beschimpfung, sondern im Gegenteil, verleiht Segen, weil ihr zu diesem Lauf berufen worden seid, damit ihr Segen erbt.” (1. Pe 3:9).

3 “Er schickte die Strafe. Das war falsch.” Aussagen von Theologen zur Strafe

3.1 Martin Luther

Die Ansichten des Reformators D. Martin Luther (1483-1546), Namensgeber einer der größten Kirchen der Welt, zur Todesstrafe widersprechen den Aussagen Jesu und seinem Prinzip der Vergebung in erheblichem Maße. Galt für Luther sonst die Bibel als verbindlicher Maßstab theologischer Aussagen (Schriftprinzip, “sola scriptura”), zeigen seine Anmerkungen insbesondere zur Todesstrafe Luthers fehlendes Verständnis für die wesentlichen Grundzüge des Christentums - der Nächstenliebe und der Vergebung. In seinen Werken fordert Luther für verschiedene Gruppen die Todesstrafe.

1. Ehebrecher

In seinem Werk “Vom ehelichen Leben - der ander Teil” (1522) schreibt Luther: “Es wäre besser: Tot, tot mit ihm, um bösers Exempels willen zu meiden. [...] Es ist der Obrigkeit Schuld: Warum tötet man die Ehebrecher nicht?” Der Forderung, untreue Partner hinzurichten, steht die Geschichte von Jesus und der Ehebrecherin entgegen.

2. Wucherer, Mörder, Räuber

In der Schrift “An die Pfarrherren wider den Wucher zu predigen” von 1540 heißt es: “... so man die Straßenräuber, Mörder rädert und köpft, wie viel mehr sollte man alle Wucherer rädern und ädern und alle Geizhälse verjagen, verfluchen und köpfen.” Luther fordert also vor allem für Wucherer die Todesstrafe. Es ist in diesem Zusammenhang merkwürdig, dass Luther beim Übersetzen des Neuen Testaments nicht bemerkt zu haben scheint, dass Jesus trotz des Protestes der Schriftgelehrten bei Wucherern und Betrügern einzukehren pflegte.

3. Prostituierte

Luther fordert den Foltertod für Prostituierte. In der “Ersten Vermahn- und Warnschrift Luthers an die Studenten zu Wittenberg, am 13.5.1543 öffentlich an die Kirche angeschlagen” heißt es: “Wenn ich Richter wäre, so wollte ich eine solche französische, giftige Hure rädern und ädern lassen.” Jesus hingegen meint: “Wahrlich, ich sage euch, dass die Steuereinnehmer und die Huren vor euch in das Königreich Gottes eingehen.” (Mt. 21:31)

4. “Hexen” und “teuflische Kinder”

In einer Predigt von 1526 fordert Luther: “Die Zauberinnen sollst du nicht leben lassen. [...] Es ist ein gerechtes Gesetz, dass sie getötet werden. Sie richten viel Schaden an. [...] Sie können auch ein Kind bezaubern, dass es fortwährend schreie und nicht mehr esse noch schlafe. Schaust du solche Weiber an, wirst du sehen, dass sie ein teuflisches Gesicht haben. Ich habe deren etliche gesehen. [...] Man töte sie nur.” In der “Opery exegetica” schreibt Luther: “Wenn man aber von den teufelsähnlichen Kindern erzählt, von denen ich einige gesehen habe, so halte ich dafür, dass sie entweder vom Teufel entstellt, aber nicht von ihm gezeugt sind, oder dass es wahre Teufel sind.” Der Historiker Hans-Jürgen Wolf meint, dass der lutherische Hexenglaube später dramatische Formen annahm: “Er [der lutherische Hexenglaube] mündet in die Auffassung, dass man arme, blödsinnige und geistesgestörte Kinder, in denen man Teufelskinder zu erkennen glaubte, ertränken soll.” Jesus hingegen mahnt zur Achtung gegenüber allen Kindern: “Seht zu, dass ihr keinen von diesen Kleinen verachtet, denn ich sage euch, dass ihre Engel im Himmel allezeit das Angesicht meines Vaters schauen, der im Himmel ist.” (Mt. 18:10).

5. Aufständische Bauern

In “Wider die stürmenden Bauern” fordert Luther die Fürsten auf, aufständische Bauern zu töten. Unter anderem heißt es: “Solch wunderliche Zeiten sind jetzt, dass ein Volk den Himmel eher mit Blutvergießen verdienen kann denn anders sonst mit Beten. [...] Steche, schlage, würge hie, wer da kann. Bleibst du darüber tot, wohl dir, einen seligeren Tod kannst du nimmermehr erlangen. Denn du stirbst im Gehorsam gegenüber dem göttlichen Wort und Befehl.”

6. Der Papst

Luther meint außerdem: “Der Papst ist der Teufel; könnte ich den Teufel umbringen, warum wollte ichs nicht tun?”

3.2 Dietrich Bonhoeffer

Dietrich Bonhoeffer, Mitglied der Bekennenden Kirche, Widerstandskämpfer und einer der bedeutendsten Theologen des 20. Jahrhunderts, äußerte sich in Briefen aus dem Gefängnis, in dem er wegen der Beteiligung an einem gescheiterten Attentat auf Hitler saß, zu Ideen für eine Strafjustizreform: “Die Gedanken einer gründlichen Reform der Strafjustiz beschäftigen mich sehr und werden hoffentlich auch einmal fruchtbar gemacht werden können.” In einem Brief vom 20. November 1943 an einen Freund heißt es: “Man sieht in 7 1/2 Monaten viel, besonders was kleine Dummheiten für große Folgen haben können. Längerer Freiheitsentzug wirkt sich m.E. auf die meisten in jeder Hinsicht demoralisierend aus. Ich habe mir ein anderes System des Strafvollzugs ausgedacht: Prinzip: Jeden auf dem Gebiet strafen, auf dem er etwas ausgefressen hat; z.B. »unerlaubte Entfernung« mit Urlaubsentzug etc., »unberechtigtes Ordentragen« mit verschärftem Fronteinsatz, »Kameradendieb-stahl« mit zeitweiliger Kennzeichnung des Diebes, »Lebensmittelschiebung« mit Beschränkung der Rationen etc.” Bonhoeffer greift also die alttestamentarische Bestrafung durch Wiedergutmachung auf. So fragt er: “Warum gibt es im alttestamentarischen Gesetz eigentlich keine Freiheitsstrafen?”

3.3 Karl Barth, Ernst Wolf

Laut Karl Barth ist die gerechteste Strafe die, “welche die umfassendste Fürsorge für den Täter und die Gesellschaft bringt.” Auf der Grundlage von Barths Straftheorie erarbeitete der Theologe Ernst Wolf die Theorie, dass Recht nicht nur eine sündenabwehrenden Funktion hat, sondern dass rechtliche Normierungen auch eine lebensfördernde Bedeutung haben. So erarbeitete er eine Theologie gegen die Todesstrafe.

3.4 Jürgen Fliege

In einem Gespräch mit dem Hamburger Richter und Politiker Ronald Schill über den Umgang mit Straftätern stellt der Theologe und Talkshow-Moderator Pfarrer Jürgen Fliege seine Vorstellungen über christliche Bestrafung vor. Fliege hebt den Unterschied zwischen den Aussagen zur Strafe im Alten und im Neuen Testament hervor: “Gott hatte das gleiche Konzept wie Sie [gemeint ist Richter Schill]. Er schickte die Strafe. Das war falsch. Vor 3000 Jahren genauso wie heute. Sie [Schill] richten die Menschen vorsintflutlich. Das Konzept von Jesus ist anders. Es ist das der Geduld.” Weiterhin meint Fliege: “Jesus sagt: Jede Form von Spekulation über Schuld und Ursache lenkt davon ab, dass der Augenblick gekommen ist, den anderen zu lieben und an seiner Seite zu gehen. [...] Man muss mit Verbrechern im Gespräch bleiben. Strafe allein reicht nicht aus.” Entgegen der biblischen Aussage, dass der Mensch einen freien Willen hat und somit für seine Taten verantwortlich ist, meint Fliege: “Man kann doch gar nicht frei entscheiden, ob man eine Straftat begeht oder nicht. Die Vorgeschichte entscheidet.”

4 “Du sollst eine Zauberin nicht am Leben lassen” Strafanwendung mit christlicher Rechtfertigung

4.1 Hexenverfolgung

Im 2. Buch Mose steht geschrieben: “Du sollst eine Zauberin nicht am Leben lassen.” (2. Mo 22:18). Die Anwendung dieser Anordnung bis in die Neuzeit hinein ist unter dem Begriff “Hexenverfolgung” als eines der schlimmsten Kapitel des Christentums in die Geschichte eingegangen. Bereits aus dem Mittelalter sind einige Todesstrafen gegen Wahrsager, Zauberer und Wettermacher von staatlichen und kirchlichen Institutionen bekannt, bei denen Folter und sogenannte “Gottesbeweise” angewandt wurden. Beispiel hierfür ist die Hexenverfolgung um 580 in Paris, angeordnet von der fränkischen Königin Fredegunde. 1080 mahnte Papst Gregor VII. den Dänenkönig Harald für den Mord an alten Frauen und Priestern, die für Stürme und Krankheiten bestraft wurden. Laut Papst Gregor VII. waren diese jedoch Zeichen des Unmuts Gottes, der durch die Bestrafung Unschuldiger noch verschärft würde. Mit der Legalisierung begannen auch die systematischen Hexenverfolgungen. Von 1430 bis 1780 wurden in Deutschland etwa 25.000 sogenannte Hexen hingerichtet, in Polen und Litauen etwa 10.000, in der Schweiz und in Frankreich etwa je 10.000 und in Frankreich etwa 4.000. Die wenigsten “Hexen” in Europa - nämlich 2 - wurden in Irland hingerichtet. Etwa ein Viertel der Verurteilten waren Männer. Der Höhepunkt der deutschen Hexenverfolgung - betrieben vor allem von den Dominikanern - waren die Jahre zwischen 1626 und 1630, als aufgrund des dreißigjährigen Krieges Lebensmittelknappheit herrschte, für die Schuldige gesucht wurden. Die letzte Hinrichtung einer “Hexe” auf deutschem Gebiet fand 1793 in Posen statt.

Sowohl im Alten Testament auch in Thomas von Aquins Werk “Incubus und Succubus” fand man “christliche” Rechtfertigungen für die Verbrennung von Hexen. Der Theologe Oskar Pfister stellt fest, dass bei der Hexenverfolgung die Botschaft des Neuen Testaments ins Gegenteil verkehrt wurde. Laut F. von Spee ähnelte der Gott der Hexenverfolger eher den Götzen der Heiden als dem christlichen Gott. Nicht ein gütiger Vater, so der Historiker Wolfgang Behringer, sondern ein fundamentalistischer Dogmatiker steht für das Gottesbild der Hexenverfolger.

Einflussreiche Gegner der Hexenverfolgung waren auf evangelischer Seite die Theologen Johannes Weyer und Matthäus Meyfart, bei den Katholiken Adam Tanner und F. von Spee.

4.2 Inquisition und Glaubenskongregation

Bis ins 11. Jahrhundert war die Verfolgung von Ketzern und Häretikern Angelegenheit der Fürsten. Anfang des 13. Jahrhunderts begann das Zusammenwirken von weltlichen und kirchlichen Obrigkeiten. Somit entstand die Inquisition (lat. inquisitio = Untersuchung). Sie richtete sich anfangs vor allem gegen “abtrünnige” Glaubensgemeinschaften wie die Katharer und die Waldenser. Notwendig geworden war sie, nachdem sich die Kirche nicht mehr in der Lage sah, durch Argumentation und öffentliche Disputation die vermeintlichen Irrlehrer zu überzeugen. Mit der Durchführung der Inquisition war 1232 vom Papst der Orden der Dominikaner beauftragt worden.

Ein Inquisitionsverfahren konnte aufgrund von Denunziation, aber auch wegen “schlechten Rufs” - dazu zählte auch, ob ein naher Verwandter als Ketzer verschrien war - eingeleitet werden. Die Angeklagten wussten nicht, was genau ihnen vorgeworfen wurde. Sie wurden mit Beugehaft und Folter zu “Geständnissen” gezwungen. War ein Inquisitionsverfahren erst einmal eingeleitet, war ein Freispruch faktisch nicht mehr möglich, man konnte höchstens Strafmilderung oder Anerkennung von Unzurechnungsfähigkeit erreichen oder ein Gnadengesuch an den Papst richten. Die Strafen reichten von Auferlegung von Gebeten, Almosen, Fasten und Tragen des Büßergewands über Enteignung und Einkerkerung bis zum Tod durch Verbrennen.

Mit der “Nachfolge Jesu” hatte diese kirchliche Praxis, die sich über nahezu alle neutestamentarischen Lehren, wie der Nächstenliebe, dem Richtverbot und der Vergebung hinwegsetzt, nichts mehr zu tun.

Die Inquisition wurde im Zuge des II. Vatikanischen Konzils abgeschafft. Zur Bestrafung von Irrlehrern wurde die sogenannte “Glaubenskongregation” unter Vorsitz des Deutschen Joseph Kardinal Ratzinger eingesetzt, diese bedient sich jedoch nicht mehr der Hilfe der Folter und spricht verständlicherweise auch keine Todesurteile.

4.3 Religiöser Wahnsinn

Mehrere Mörder berufen sich vor Gericht darauf, die ihnen zur Last gelegten Morde in Gottes Auftrag ausgeführt zu haben. Teilweise aus taktischen Gründen, um als “unzurechnungsfähig” einer Gefängnisstrafe zu entgehen, sind die meisten dieser Mörder jedoch in erheblichem Maße psychisch gestört. Meist handelt es sich bei den Erkrankungen um eine paranoide Schizophrenie. Zwei Beispiele sollen hierfür im Folgenden genannt werden, da die Täter jeweils angaben, die Morde seien im Auftrag Gottes als Strafe für sündiges Verhalten begangen worden.

1. Der Fall Bernadette Hasler

Ein Fall moderner Hexenverfolgung wurde 1969 vor dem Geschworenengericht des Kantons Zürich verhandelt: Im Januar 1969 begann der Prozess gegen fünf Angehörige der “Internationalen Gemeinschaft zur Förderung des Friedens”, unter ihnen ein ehemals katholischer, mittlerweile exkommunizierter Geistlicher. Sie waren der schweren Körperverletzung mit voraussehbarem tödlichen Ausgang angeklagt. Die “Gemeinschaft” verfügte über ein Heim in Singen, in dem mehrere Mädchen untergebracht waren. Unter ihnen befand sich die 17-jährige Bernadette Hasler, die 1966 zur “Erziehung und Gewissensforschung” in ein Chalet in Ringwil gebracht wurde. Der Aufenthalt des Mädchens dort diente zum Sühnebekenntnis und zur Selbstanklage. Bernadette Hasler gab, aus Trotz gegen die Maßnahmen ihrer “Heiligen Eltern”, wie sich die beiden Hauptangeklagten Josef Stocker und Magdalena Kohler nannten, einen Pakt mit Luzifer geschlossen zu haben. Die daraufhin folgende Bestrafung des Mädchens bestand aus etwa hundert Schlägen mit verschiedenen Gegenständen und weiteren Folterungen. Bernadette Hasler starb am folgenden Tag. Die Mitglieder der “Gemeinschaft” gaben an, von Gott Aufträge erhalten zu haben, unter anderem auch die Gründung der Gemeinschaft. So sollte der Tod des Mädchens als eine von Gott gewollte “Bestrafung” dargestellt werden. Die beiden Hauptangeklagten wurden zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt, die übrigen Beschuldigten erhielten Haftstrafen von dreieinhalb und vier Jahren.

2. Der Fall Joseph Kallinger

Der Schuhmacher Joseph Kallinger aus Philadelphia wurde in seiner Kindheit von seinen Eltern schwer missbraucht. Er selbst quälte seine eigen Tochter so schwer, dass er festgenommen werden musste. Ein Prozess fand nicht statt, da Kallinger nicht verhandlungsfähig erschien. Mitte der siebziger Jahre beauftragte Gott nach Kallingers Aussagen ihn mit damit, junge Knaben zu töten. Kallinger ermordete “auf Gottes Befehl hin” drei Menschen, teilweise mit Hilfe seines noch minderjährigen Sohnes. 1976 wurde er zu einer vierzigjährigen bis lebenslangen Haftstrafe verurteilt und wurde 1977 nach einem Versuch, seine Gefängniszelle in Brand zu stecken, in eine psychiatrische Anstalt eingewiesen. Kallinger starb 1996.

5 “... dann leugnen wir die Kraft des Evangeliums” Die Todesstrafe im Christentum von heute

Die Todesstrafe ist in den christlichen Religionsgemeinschaften ein umstrittenes Thema. Viele Konfessionen lehnen sie heute ab: So machte der Papst in mehreren Aktionen gegen die Todesstrafe in den Vereinigten Staaten mobil, und auch die evangelisch-lutherische Kirchenführung spricht sich gegen Hinrichtungen aus. So meinte ein deutscher Bischof: “Wenn wir als Christen nicht daran glauben, dass sich jeder Mensch ändern kann, dann leugnen wir die Kraft des Evangeliums, der Botschaft Jesu.” Die Heilsarmee, eine weitere christliche Religionsgemeinschaft, ist der Meinung, die Todesstrafe sei für einen Christen nicht zu verantworten, da sie Jesu Anordnung zur Vergebung widerspreche: “Die langjährige Erfahrung in vielen Ländern auf dem Gebiet des Strafvollzugs - in der Betreuung von Tätern und Opfern sowie der betroffenen Familien - hat bestätigt, dass für alle Vergebung und Versöhnung möglich ist”, heißt es in einer Veröffentlichung der Heilsarmee. “Die Heilsarmee vertritt die Ansicht, dass die alttestamentlichen Gesetze zu Ritualen und Verhaltensregeln durch Christus aufgehoben wurden, und dass ihr wörtliches Befolgen für vergleichsweise leichte Vergehen die Todesstrafe fordern würde.”

In den USA, wo die Todesstrafe in mehreren Staaten praktiziert wird, sind die Meinungen diesbetreffend gespalten: 73,3 % der amerikanischen Katholiken und 71,4 % der Protestanten sind für die Beibehaltung der Todesstrafe. Beide Zahlen liegen knapp über dem gesamtamerikanischen Durchschnittswert von 71,2 %. Dennoch geben immer mehr Führungsorgane christlicher Vereinigungen Erklärungen gegen die Todesstrafe heraus; beispielsweise verwirft die amerikanische Bischofskonferenz sie aufs strengste, da sie grundsätzlich nicht mit dem Wert und der Würde des Menschen zu verantworten sei.

In Amerika sind es vor allem christliche Fundamentalisten, die die Beibehaltung der Todesstrafe fordern. Einige von ihnen, die sogenannten Rekonstruktionisten, die das alttestamentarische Recht als staatliches Gesetz einführen wollen, fordern die Todesstrafe sogar für Gotteslästerer, Ehebrecher und Homosexuelle. Ihrer Meinung nach seien die Vereinigten Staaten von Amerika auf biblischen Grundsätzen gegründet worden, und zur Bibel gehören auch die Vorschriften des Alten Testaments.

Quellen:

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BEHRINGER, Wolfgang: Hexen. Glaube - Verfolgung - Vermarktung. Verlag C. H. Beck München, 1998

BISER, Eugen; HAHN, Ferdinand; LANGER, Michael (Hrsg.): Der Glaube der Christen. Band 1: Ein ökumenisches Handbuch. Band 2: Ein ökumenisches Wörterbuch. Pattloch Verlag München / Calwer Verlag Stuttgart, 1999

BONHOEFFER, Dietrich: Widerstand und Ergebung. Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft. Herausgegeben von Eberhard Bethge. Evangelische Verlagsanstalt Berlin, 1957

GOETSCH, Monika: Wie viel Verständnis verdienen Verbrecher? Ein Gespräch mit Jürgen Fliege und Ronald Schill. Aus: Chrismon. Das evangelische Magazin, Ausgabe 10/2000

HÄRLE, Wilfried; WAGNER, Harald (Hrsg.): Theologenlexikon. Von den Kirchenvätern bis zur Gegenwart. Verlag C.H. Beck München, 19942

HORVÁTH, Ödön von: Jugend ohne Gott. Text und Kommentar. Suhrkamp Verlag Frankfurt, 1998

IBER, Gerhard: Das Neue Testament. Die wichtigsten Texte modern erläutert. Piper Verlag München, 19996

KIEFER, Irmentraud: Frauen auf dem Weg. Begegenungen mit Jesus. Geschichten aus dem Neuen Testament. Burckharthaus-Laetare Verlag Offenbach, 1996

KÜNG, Hans: Kleine Geschichte der katholischen Kirche. Berliner Taschenbuch Verlag Berlin, 2002. Original: The Catholic Church. A Short History. Weidenfeld & Nicholson London, 2001

LUTZ, Hanns-Martin u.a. (Hrsg.): Das Alte Testament. Die wichtigsten Texte modern erläutert. Piper Verlag München, 19976

MURAKAMI, Peter und Julia: Lexikon der Serienmörder. 450 Fallstudien einer pathologischen Tötungsart. Ullstein Taschenbuch Verlag München, 2000

OBERMEYER, Heinz u.a.: Kleines Bibel-Lexikon. Evangelische Haupt-Bibelgesellschaft Berlin und Altenburg, 1988

SCHREIBER, Flora Rheta: Der Mörder. Schweizer Verlagshaus Zürich, 1985. Original: The Shoemaker. Simon and Schuster New York, 1983

SEIFERT, Petra (Hrsg.): Das Buch der Inquisition. Das Originalbuch des Inquisitors Bernard Gui. Pattloch Verlag Augsburg, 1999

SHALEV, Meir: Der Sündenfall - ein Glücksfall? Alte Geschichten aus der Bibel neu erzählt. Diogenes Verlag Zürich, 1997. Original: Tanach achshav. Schocken Verlag Tel Aviv, 1985

SINN, Dieter: Das große Verbrecher-Lexikon. Die spektakulärsten Kriminalfälle des 19. und 20. Jahrhunderts. Manfred Pawlak Verlag Herrsching, 1984

WACHTTURM Bibel- und Traktatgesellschaft Deutscher Zweig e.V. Selters / Taunus (Hrsg.): Hilfe zum Verständnis der Bibel (8 Bände). Wachtturm-Gesellschaft Selters, 1987

WACHTTURM Bibel- und Traktatgesellschaft Deutscher Zweig e.V. Selters / Taunus: Schuldgefühle - sind sie immer schlecht? Aus: Der Wachtturm, Ausgabe vom 08.03.2002

WACHTTURM Bibel- und Traktatgesellschaft Deutscher Zweig e.V. Selters / Taunus: Gottes Gesetze sind zu unserem Nutzen. Aus: Der Wachtturm, Ausgabe vom 15.04.2002

WEITZ, Burkhard: Sind Christen zu Gewaltlosigkeit verpflichtet? Aus: Chrismon. Das evangelische Magazin, Ausgabe 06/2002

2. Internet

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www.zdf.de/ZDFde/inhalt/0,1872,2005610,00.html

www.zum.de/Faecher/kR/BW/wagner/todstr.htm

home.t-online.de/home/MH.Reinhardt/schueler/todreli.htm#christ

3. Bibel-Zitate

Neue-Welt-Übersetzung der Heiligen Schrift. Übersetzung: New World Bible Translation Committee New York. Deutsche Verbreitung: Wachtturm-Gesellschaft Selters. (Offensichtliche Fehler der Übersetzung wurden stillschweigend berichtigt, d.A.)

14 von 14 Seiten

Details

Titel
Vergebung und Vergeltung. Strafe im Christentum
Autor
Jahr
2003
Seiten
14
Katalognummer
V107815
Dateigröße
390 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Anmerkungen, Hinweise, Fragen, Kritiken usw. sind erwünscht: tgriebel@web.de
Schlagworte
Vergebung, Vergeltung, Strafe, Christentum
Arbeit zitieren
Thomas Griebel (Autor), 2003, Vergebung und Vergeltung. Strafe im Christentum, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/107815

Kommentare

  • Gast am 16.11.2003

    gute Arbeit.

    Ich habe die Arbeit bei einer mündlichen Diskussionsrunde als Informationsmaterial genutzt. Sie war sehr hilfreich...
    gute Arbeit!

    Susa

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