Die Ehebruchskonstellation in Eduard von Keyserlings "Beate und Mareile"


Seminararbeit, 2002

19 Seiten, Note: 2,0


Gratis online lesen

Inhalt

1 Einleitung

2.1 Familiäre Herkunft und das Leben vor der Ehe
2.1.1 Günther
2.1.2 Beate
2.2 Die Gründe für die Eheschließung zwischen Günther und Beate
2.3 Die Ehe zwischen Günther und Beate
2.3.1 Günther
2.3.2 Beate
2.4 Der Ehebruch
2.4.1 Die Rolle der Eve Mankow
2.4.2 Die Beziehung zwischen Günther und Mareile
2.5 Beate und Mareile
2.6 Günthers Rückkehr zu Beate

3 Schlussbetrachtung

4 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

In meiner Hausarbeit befasse ich mich mit der Ehebruchskonstellation in Eduard von Keyserlings „Beate und Mareile“. Dazu habe ich meine Arbeit in sechs Kapitel unterteilt, in denen ich die unterschiedlichen ‚Stationen‘ des Romans durchleuchte. Im ersten Kapitel befasse ich mich mit Günthers und Beates familiärer Herkunft, ihrer Erziehung, und ihrem Leben vor der Ehe. Im zweiten Kapitel erörtere ich die Gründe, die Günther und Beate zu einer Eheschließung bewogen haben. Die ersten beiden Kapitel meiner Arbeit geben bereits erste Aufschlüsse über die späteren Defizite in der Ehe. Das dritte Kapitel stellt zunächst Günthers und dann auch Beates Sicht der Ehe dar. Im vierten Kapitel befasse ich mich schließlich mit dem eigentlichen Ehebruch. Hier wird die Rolle der Eve Mankow kurz erläutert und die spätere Beziehung zwischen Günther und Mareile analysiert. Um die Dreiecksbeziehung zwischen Günther, Beate und Mareile darzustellen wird im fünften Kapitel die Beziehung zwischen Beate und Mareile durchleuchtet. Hier werden auch die gegensätzlichen Merkmale dieser beiden Frauentypen dargestellt. Im sechsten Kapitel befasse ich mich abschließend mit Günthers Rückkehr zu seiner Ehefrau Beate. In diesem Kapitel erörtere ich speziell die Frage nach der Endgültigkeit dieser Rückkehr.

Den Schwerpunkt meiner Arbeit habe ich auf die Erörterung der Ursachen für das Scheitern der Ehe gelegt. Familiäre Herkunft, das Leben vor der Ehe und die Charakterzüge der Ehepartner spielen hier eine wesentliche Rolle. Zentrales Thema meiner Arbeit ist zudem Günthers innere Zerrissenheit, die sich durch alle ‚Stationen‘ des Romans zieht.

2.1 Familiäre Herkunft und das Leben vor der Ehe

2.1.1 Günther

Zu Beginn des zweiten Kapitels des Romans „Beate und Mareile“ wird Günthers familiäre Herkunft beschrieben. Als Sohn der Tarniffschen Familie gehört Günther der jüngeren Generation des alteingesessenen Landadels an . „Die Tarniffs und die Losnitz´ gehörten zu dem alteingesessenen Landadel, zu den braungebrannten Herren von denen Bismarck spricht: die man morgens früh um fünf auf ihren Feldern einhergehen oder reiten sieht.“[1] Hier wird auch bereits die gemeinsame Abstammung von Günther, dem Sohn der Tarniffs, und Beate, der Tochter der Losnitz, deutlich. Wie eng die Beziehung zwischen den beiden adeligen Familien ist, zeigen schon die ersten Sätze des zweiten Kapitels: „Lantin, das Stammgut der Tarniffs, grenzte an Kaltin, den Sitz der Losnitz. Beate und Günther waren Nachbarskinder und verwandt.“[2]

Doch neben den Gemeinsamkeiten der beiden altadeligen Familien macht das zweite Kapitel des Romans auch auf einen wesentlichen Unterschied zwischen den Tarniffs und den Losnitz aufmerksam:„Der Lantiner Zweig der Tarniffs jedoch hatte durch mehrere Generationen dem Staat Diplomaten geliefert. Der Aufenthalt in der Fremde entrückte sie ihrem Landsitz.“2 Anders als die Losnitz hatten sich die Tarniffs über die Jahre hinweg ein Stück weit vom traditionellen alteingesessenen Landadel entfremdet. Günthers innere Zerissenheit und seine zwiespältige Beziehung zum Adel findet ihren Ursprung also bereits in der Geschichte seiner Abstammung. Schon Günthers Vorfahren befanden sich mit den Traditionen und Normen des alten Landadels nicht mehr im Gleichgewicht „[...] ; neue Gedanken und Appetite komplizierten ihr Seelenleben.“2 Zudem hatten die Tarniffschen Diplomaten oft Ehen mit Ausländerinnen geschlossen und „Das exotische Blut nagte an den starken Nerven der märkischen Rasse, erhitzte und schwächte sie mit einer Erbschaft fremder Geschlechter.“2 Auch Günther ging aus einer solchen Ehe hervor. Günthers Vater, Graf Botho, war mit einer italienischen Prinzessin vermählt gewesen. Seine Mutter lebte mit Günther, räumlich getrennt von ihrem Ehemann, in Italien. Als sie jedoch sehr früh verstarb, holte Graf Botho seinen Sohn nach Lantin, wo er ihn allein mit einer Komtesse zurückließ. In Lantin wuchs Günther ohne Mutter und ohne Vater heran. Das Leben seines Vaters und dessen Aufenthaltsorte werden im Roman nicht näher thematisiert. Lediglich seine fatale Affinität zu Frauen und sein indirekt damit verbundener Tod werden beschrieben. Das ‚Frauengeschichten‘ eine wesentliche Rolle im Leben der Tarniffs spielen wird auch in den Erläuterungen zum Tarniffschen Wappen angedeutet:„Die drei herzförmigen Blätter , sagten die Lantiner, sind die drei Weiberherzen, die jeder Tarniff bricht.“[3]

Und auch für Günther macht seine Wirkung auf Frauen und die sinnliche Beziehung zu ihnen den zentralen Bestandteil seines Lebens aus.„Für jede Stimmung das richtige Weib zu finden erschien ihm als die bedeutsamste Kunst; [...]“[4] In seiner Junggesellenzeit, die er in Berlin und Athen verlebte, durchsuchte Günther „[...] das Leben mit leidenschaftlicher Hast nach Genüssen, als fürchtete er beständig, irgendein Genuß, ein seltenes Glück könnte ihm unterschlagen werden.“4 So war sein Junggesellenleben geprägt von Rastlosigkeit und der ständigen Suche nach neuen Reizen und sinnlichen Genüssen.

2.1.2 Beate

In den Schlössern unseres Landadels wachsen noch, unter feiner berechneter Obhut, solche Mädchen von wunderbar naiver Reinheit heran. Das Gute und Schöne erwarten sie vom Leben, wie das Selbstverständliche, [...][5]

Allein durch diesen Satz wird Beates Leben vor der Ehe charakterisiert. Als einzige Tochter der Baronin von Losnitz wächst Beate auf Kaltin, dem Stammgut der Losnitz, heran. Wie Günther wächst auch sie ohne ihren Vater auf. Daher liegt ihre Erziehung in den Händen ihrer früh verwitweten Mutter und deren Schwester Seneide. Von den beiden Frauen wird Beate ganz nach dem System der alten aristokratischen Familien erzogen. Durch diese Erziehung wurde ihr schon früh das Selbstbild eines besonders wertvollen und auserlesenen Geschöpfes vermittelt, das sie verinnerlicht hat.[6] Wie selbstverständlich wartete sie daher schon als kleines Mädchen „auf das Schöne, das im Leben für sie bereit lag.“[7] Schon von frühester Kindheit an ist ihre Erziehung ganz auf eine spätere Heirat hin ausgerichtet. Denn „dieses Schöne und Gute“5, das Beate vom Leben erwartet, kann ihr in der adeligen Gesellschaft nur durch einen Ehemann zuteil werden. Und da der Triebverzicht eine hochrangige Maxime im Kultursystem der alten Aristokraten darstellt, verharrt sie bis zu ihrer Heirat in „wunderbar naiver Reinheit“5. Die „feine berechnete Obhut“5 der Mutter und deren Schwester gewährleistet dem späteren Ehemann eine jungfräuliche und sexuell unaufgeklärte Frau. Auch eine begrenzte Bewegungsfreiheit gewährleistet diese asexuelle Erziehung. Daher wächst Beate vollkommen abgeschottet von der Außenwelt auf. Ihre Bewegungsfreiheit ist begrenzt auf den Kulturraum und endet am Gartenzaun[8]. Die jenseits davon liegende „Welt der Ereignisse“[9] bleibt ihr verschlossen. Ein ‚gesteigertes‘ Leben kann Beate daher nur durch die Verbindung mit einem Ehemann erlangen. So wird die Heirat zum primären Ziel ihrer Erziehung.

Aufgrund der Erziehung, die ihr zuteil wurde, gehört Beate räumlich und sozial eindeutig dem Kulturraum und den Familien der alten Aristokraten an. Daher wird Beate auch als „auserlesene, eingehegte Adelstochter“[10] bezeichnet. Die Erziehung, die ihr zuteil wurde, bestimmt auch ihr späteres Verhalten in der Ehe.

2.2 Die Gründe für die Eheschließung zwischen Günther und Beate

Im zweiten Kapitel des Romans „Beate und Mareile“ wird deutlich, aus welchen Gründen Günther von Tarniff sich zu Beate von Losnitz hingezogen fühlt und warum er eine Ehe mit ihr anstrebt: Als Günther seine Jugendfreundin Beate in Berlin wieder trifft, befindet er sich gerade in einer Krise: „Günther befand sich gerade in einer Krisis, die bei solchen nervösen, allzu gierigen Lebenstrinkern gegen Ende der zwanziger Jahre einzutreten pflegt. Er war satt.“[11] Gleichzeitig wird hier bereits die Ursache für Günthers Krise angedeutet: Für Günther hatte sein früheres, ausschweifendes Junggesellenleben jeglichen Reiz verloren. „Für jede Stimmung das richtige Weib zu finden erschien ihm als die bedeutsamste Kunst; und urplötzlich war er der Weiber so müde.“11 In einem Brief an seinen Freund Hans Berkow faßt Günther die Überdrüssigkeit, die er gegenüber den „Weibern“11 seiner Junggesellenzeit empfindet, selbst in Worte. Gleichzeitig gibt er in diesem Brief Auskunft über seine neuen Sehnsüchte: „Ich gehe den Weibern wie einer Drehorgel, die eine zu oft gehörte Melodie spielt, aus dem Wege. Ich kann nur noch mit den stillen, kühlen Marmordamen im Museum verkehren.“11

Hier wird deutlich, dass sich Günther nach einem Kontrast zu seinem bisherigen Leben sehnt. Dasselbe Kontrasterlebnis, das er bei den „stillen, kühlen Marmordamen im Museum“11 sucht, vermeint Günther bei Beate, einem „Mädchen, mit einer stilvollen Reinheit“11, finden zu können. Daher erscheint es Günther als verspräche Beate ihm ein Glück, „das ihm wirklich bisher unterschlagen worden war.“11

In diesem Kapitel wird auch zum ersten Mal klar, wie Günther seine zukünftige Frau wahrnimmt. Die zuvor erwähnten „Weiber“11 stellten für Günther vor allem einen sexuellen Reiz dar. Beate nimmt er dagegen als „die adelige Poesie in Person“11 wahr. Sie scheint frei von sexuellen Reizen zu sein und ist für Günther vor allem in ästhetischer Hinsicht interessant.[12] Auffällig ist zudem, dass alle Attribute durch die sich Günther zu Beate hingezogen fühlt, gleichzeitig wesentliche Merkmale einer ‚femme fragile‘ sind. Dadurch kommt die Vermutung auf, dass Beate nicht als Individuum, sondern lediglich als Repräsentantin eines bestimmten Frauentypus für Günther interessant ist.

Durch die Ehe mit Beate will Günther also einen „Abschluss“[13] unter sein Junggesellenleben setzen und endlich zur „Ruhe“13 kommen. Er ist fest entschlossen „ ein glückliches Familienleben nach wohlbewährtem, altadeligem Rezepte“[14] mit ihr zu führen.

Auch Beate knüpft spezielle Erwartungen an eine Ehe mit Günther und nimmt daher seine „Werbung, in ihrer wohlerzogenen Art hin“[15]. Als „auserlesene, eingehegte Adelstochter“[16] wurde Beate in ihrer Erziehung das Selbstbild eines exklusiven, kostbaren Geschöpfes vermittelt, das sie verinnerlicht hat.[17] Sie erwartet die Auslese des Lebens und Günther erscheint ihr „als dieses Schöne und Gute “15, auf das sie ihr Leben lang gewartet hat.

Wenn man die Gründe für die Eheschließung zwischen Beate und Günther betrachtet, wird deutlich, dass beide Partner nicht aus Liebe, sondern in der Hoffnung ihr Leben in positiver Hinsicht zu verändern, die Ehe eingehen. Die Gründe für die Eheschließung sind bei beiden von egoistischer Natur. In den Erwartungen, die sie an das Eheleben knüpfen, unterscheiden sich Günther und Beate jedoch grundlegend. Während Beate in Günther das Erlebnis zu finden erhofft, auf das sie während ihres ganzen, bisherigen Lebens gewartet hat, stellt Beate für Günther eine „Art Hafen“[18] dar: „ Ihr Ehefrauen seid immer ´ne Art Hafen. Du, Beating, bist ein hübscher, glatter, tiefer Hafen, gut ausgebaggert, man sieht bis auf den Grund.“18 Im ersten Kapitel formuliert Günther selbst die unterschiedlichen Voraussetzungen, mit denen beide in die Ehe gehen:

Für euch Frauen, dozierte Günther mit klingender Stimme, für euch ist die Ehe ein Anfang- der Anfang. Für uns Männer ist die Ehe auch ein Ende. Das Frühere ist zu Ende - aus -, verstehst du? Frauen unserer Gesellschaft haben kein Früher. Sie haben Gouvernanten, aber keine Vergangenheit gehabt.18

Während Günther durch die Eheschließung einen Schlussstrich unter sein Junggesellenleben setzen will und sich nach Ruhe und Ordnung sehnt, sieht Beate der Ehe mit Spannung entgegen. Für sie ist die Ehe der Beginn eines neuen Lebens: „Jetzt fängt´s doch gerade an-unser Leben.“18 Günther ist jedoch nicht klar, dass es nicht nur die unterschiedlichen Voraussetzungen sind, mit denen beide in die Ehe gehen. Die Unvereinbarkeit der daraus resultierenden Erwartungen an diese Ehe wird ihm nicht deutlich.[19]

2.3 Die Ehe zwischen Günther und Beate

2.3.1 Günther

Nach einem ausgiebig gelebten Junggesellenleben möchte Günther zur Ruhe kommen, um, zusammen mit Beate, „ein glückliches Familienleben zu führen nach wohlbewährtem, altadeligem Rezepte.“[20] Doch schon zu Beginn der Ehe weisen Günthers Appelle und Absichtsbekundungen bezüglich seiner Ehe auf ein späteres Versagen und Scheitern dieser Ehe hin. Der adeligen Gesellschaft will Günther „mal zeigen, was´ne Ehe ist.“[21] und auch gegenüber Beate weiß er genau, wie er sein will: „Eifrig machte er sich nun an das Familienleben. Er wußte genau, wie er sein wollte.“[22] Dieses ‚wie er sein wollte‘, weist erst recht darauf hin, dass er den Ansprüchen der Ehe auf Dauer nicht gerecht werden kann. Doch diese, sich schon zu Beginn der Ehe abzeichnenden, Hinweise auf ein Scheitern der Ehe werden zunächst nur vom Leser wahrgenommen. Für Günther scheinen sich zunächst alle Erwartungen, die er an sein Eheleben geknüpft hat, zu erfüllen. Beate scheint ihm der geeignete Kontrast zu seinem bisherigen Leben zu sein. Günther selbst unterstützt diesen Kontrast zusätzlich, indem er Beate als auserlesenes, kostbares Wesen ansieht und sie zu einem Heiligtum erhöht. Wie sehr Günther seine Frau zu einem Heiligtum stilisiert, wird deutlich, als die Unnahbarkeit seiner Frau für ihn bereits so unerträglich ist, dass er fest entschlossen ist sie zu verlassen. Gleichzeitig zeigt diese Textstelle Günthers stark ausgeprägtes Besitzdenken gegenüber seiner Frau:

Dieses auserlesene Wesen hier war sein, er konnte es am empfindlichsten treffen und verwunden. Wiederum freute er sich an seiner eigenen Rührung vor dieser Frau, der er untreu zu werden fest entschlossen war. Stand dort zwischen Beates Augenbrauen nicht eine kleine aufrechte Falte, ein feiner Strich, wie mit einem Messer in die Haut geritzt? Die mußte eine Sorge um ihn da hineingezeichnet haben; wer sonst als er durfte solche Zeichen in dieses königliche Buch schreiben? Nie hatte er die Klarheit dieser Frau deutlicher empfunden. Kein Begehren mischte sich bei ihrem Anblick in sein Gefühl. Der Friede, der über ihr lag, war ganz tief und rein. Ein Heiligtum, das Günther mit Bedauern zu verlassen sich anschickte.[23]

Die sexuelle Unnahbarkeit seiner Frau ist jedoch zum Teil auch Günthers eigenes Verschulden. Denn nicht nur die Gesellschaft erwartet von Beate vollkommene sexuelle Zurückhaltung. Auch Günther selbst ist es, der Beate jegliches sexuelles Verlangen abspricht und sie nur als asexuelle, ‚weiße Frau‘ wahrnehmen will. Er weiß, dass Beate sich ihm aufgrund ihrer adeligen Erziehung verweigern muss und in seinen Äußerungen gegenüber Beate befürwortet Günther die Asexualität seiner Frau. Das Günther die Erfüllung seiner sexuellen Wünsche durch seine Ehefrau ablehnt wird auch deutlich, als er seinen späteren Ehebruch zu rechtfertigen versucht:

Doch, doch! Du verstehst mich. Du weißt, daß ich dich liebe, wie du bist und weil du so bist, und daß ich zuweilen Sehnsucht haben kann-nach-nach heißem Blut- nach Leidenschaft- nach- nach...nun, mein Gott, nach allem, was du nicht geben kannst und sollst.[24]

Günther ist jedoch nicht in der Lage, seine Frau so wahrzunehmen, wie sie wirklich ist. Ihre versteckte Sexualität übersieht oder verdrängt er. Durch die Befürwortung ihrer Asexualität zwingt er ihr ihre ohnehin schon anerzogene Tatenlosigkeit und Passivität zusätzlich auf und reduziert sie auf ein reines Anschauungsobjekt.[25] Den Anforderungen ihres Ehemannes und ihrer Erziehung gemäß weist Beate daher selbst zarte Annäherungsversuche Günthers zurück.

Als Günther sich auf sie niederbeugte und ihr die Lippen, die Augen küßte, ihren schmalen, ruhigen Körper in seine heißen, fiebernden Hände nahm, sagte sie: „Ach laß- Liebster.“ Günther wurde sofort ruhig. Er seufzte.[26]

Diese sexuelle Enttäuschung durch seine Ehefrau kränkt Günther in seiner Selbstgefälligkeit und Männlichkeit. Das Günther zudem gereizt auf die Zurückweisungen seiner Frau reagiert zeigt seine deutliche Ambivalenz gegenüber ihr.[27] Das, was Günther an Beate anzieht ist ihm gleichzeitig zuwider. Auch das adelige Leben empfindet Günther als „zu[...] stilisiert[...] um lustig zu sein“26. Beate, die dieses adelige Leben in Stil, Ästhetik und Künstlichkeit verkörpert, kann Günther daher auf Dauer nicht glücklich machen. Daher empfindet Günther die Ehe zunehmend als „eine Arbeit“[28], zu der er sich „ein wenig müde fühlt“28. So sehnt sich bald wieder nach körperlicher Liebe und der damit verbundenen Erfüllung seiner sexuellen Wünsche:

Warum hatte er nichts Starkes, Heißes? [...] Ungeduldig und feindlich dachte er an die Frauen hier, mit ihrem vornehmen Verhüllen aller schönen Nacktheit, an die Frau, deren Leib nach jeder Umarmung rein und keusch zu bleiben schien. Konnte das ihn satt machen! - -[29]

Doch in der weißen Welt des Adels, welche stilisiert, rein und ästhetisch ist, kann Günther diese Triebbefriedigung nicht erlangen. Die von ihm selbst immer neu beschworene Ruhe auf seinem Landsitz kann Günther schon bald nicht mehr ertragen: „Er erträgt das Gleichmaß, die feste Ordnung ohne Sensation nicht.“[30] Um seine sexuellen Bedürfnisse zu stillen, geht er daher eine Affäre mit der Wirtstochter Eve ein. Mit ihr unternimmt er einen ersten Ausbruchsversuch aus der Ehe und der reglementierten weißen Schloßwelt. Eine ernsthafte Bedrohung seiner Ehe stellt aber erst sein späteres Verhältnis mit Mareile dar. Von dieser Beziehung erhofft sich Günther eine Vereinigung der roten und weißen Lebenswelt.

Letztendlich bleibt „der aus einer Laune geborene Plan eines glücklichen Familienlebens nach wohlbewährtem, altadeligem Rezepte forsch vorgetragenes Programm.“[31] Für Günther bleibt seine Ehefrau stets das „weiße Rätsel.“[32] Seine sexuellen Bedürfnisse kann Beate nicht erfüllen. Vielmehr weist sie seine Annäherungsversuche zurück, schließt „ihre geduldigen Opferaugen gerade vor allem, nach dem er sich jetzt sehnte.“[33]

Neben Günthers zwiespältigem Charakter tragen vor allem die unterschiedlichen Voraussetzungen, mit denen beide Partner in die Ehe gingen, Schuld am Scheitern der Ehe. Denn das, was die „ Liebe der Junggesellenjahre“32 Günther einst lehrte, ließ sich „bei den Beaten schlecht verwenden.“32

2.3.2 Beate

Da Beate als „auserlesene, eingehegte Adelstochter“[34] des 19. Jahrhunderts unter der Verfügungsgewalt ihres Ehemannes steht und ihre Meinung in den Gesprächen zwischen ihr und Günther meist von ihrem Ehemann übergangen wird[35], gibt der Roman nur wenig Auskunft darüber, wie Beate Günther wahrnimmt. Es gibt aber dennoch einige Textstellen, die auf Beates Sicht der Ehe schließen lassen. So heißt es im dritten Kapitel: „Beate nahm dort etwas Erstauntes, bleich Ergebenes ein, als hätte sie eine Enttäuschung erlebt. Daß er diese Enttäuschung sein könnte, war für Günther kränkend und quälend gewesen.“32

Beate scheint also schon während des Ehejahres in Berlin von der Ehe mit Günther und dem daraus resultierenden Leben enttäuscht zu sein. Doch diese Enttäuschung verschwindet scheinbar, als Beate und Günther auf Kaltin wohnen. Hier fühlt sich Beate sicher, so sicher, dass sie die Vorzeichen eines Ehebruchs verdrängt. Und auch als sie von Günthers Seitensprung mit der Wirtstochter Eve Mankow erfährt, versucht sie diese Gedanken zu verdrängen, indem sie die Vorhänge im Schloss zuzieht, ein typisches Merkmal der adeligen Schlossbewohner, die sich gegen alles Feindliche und Hässliche abschirmen möchten, um das Schöne und Reine in ihrer Welt zu bewahren.

Günther und Beate sind sich in ihrer Ehe geradezu fremd. Es ist ihnen nicht möglich eine lebendige und kommunikative Ehe zu führen. Günther, der ein sehr festgelegtes Bild von seiner Frau hat, engt Beate in ihrem ohnehin schon sehr begrenzten Handlungsraum zusätzlich ein. Beates frühzeitige Enttäuschung in der Ehe resultiert also aus dem Gefühl von Einschränkung und beschränktem Leben. Ihre eigenen Wünsche kann Beate Günther nicht deutlich machen. Dies wird zum Beispiel im neunten Kapitel deutlich, als ihr beim Reden über die eigene Sinnlichkeit die Sprache versagt.

„Und wer...wer sagt dir - daß ich nicht auch heißes Blut habe...daß ich nicht auch..., sie kam nicht weiter. Mit beiden Händen bedeckte sie ihr Gesicht. Sie schämte sich. Die arme geknechtete, verleugnete Sinnlichkeit wollte sich wehren, aber sie schämte sich davor, sich selbst zu bekennen.“[36]

Beate ist also durchaus für erotisches Verlangen empfänglich, unterdrückt dies aber aufgrund der Erwartungen der adeligen Gesellschaft.[37] So tragen vor allem Beates Erziehung und die Gesetze der Schlosswelt zu einem späteren Scheitern ihrer Ehe bei. Sendlinger formuliert diese Problematik wie folgt:

Die strenge, moralische Erziehung der adeligen Töchter unterbindet ihre Sexualität vor der Ehe, hindert aber durch die allzu starke und lange Kasteiung die Frauen auch in der Ehe daran, ihre Sexualität mit einem Partner auszuleben. Hinzu kommt die bis zur Egozentrik gesteigerte Individualität, die stets um sich selbst kreist, ohne sich dem anderen öffnen zu können, und die Ursache für das Scheitern der Liebesbeziehungen darstellt.[38]

Für Beate ist Günther eine Enttäuschung. Ihre Sehnsüchte nach dem Guten und Schönen im Leben haben sich durch ihre Ehe mit ihm keinesfalls erfüllt. Von Günther und der Gesellschaft zu einem asexuellen, auserlesenen Wesen erhöht, fühlt sie sich mißverstanden. Anders als Günther erkennt Beate die wahre Persönlichkeit ihres Ehemannes. Seine Geltungssucht erkennt und durchschaut sie.[39]

Doch niemals würde sich Beate gegen ihre Unterdrückung wehren. Schon ihr äußeres Erscheinungsbild verdeutlicht ihre schwache Persönlichkeit. Als Vertreterin der ‚femme fragile‘ ist sie eine Frau von blassem Teint, die zart, kränklich, fast zerbrechlich wirkt. Ihrer Erziehung gemäß nimmt sie daher ihre Rolle als reine, stilvolle Ehefrau an, ohne sie zu hinterfragen. Auch als sie brutal auf die Untreue Günthers gestoßen wird und Günther mit Mareile nach Berlin geht, kommt Beate ihren Pflichten als Ehefrau nach. Als Ehefrau ist es ihre Pflicht auf ihren Ehemann zu warten. Gegen Ende des Romans kehrt Günther auch tatsächlich zu Beate, die ihn trotz eigener Vorbehalte sofort nach Kaltin holt, zurück. So bleibt Beate bis zum Ende des Romans ihren anerzogenen Verhaltensweisen und ihrem ‚wohlgeordneten‘ Leben, an das sie gefesselt ist, treu. Doch nicht nur Günther erscheint gegen Ende des Romans als ‚gebrochene‘ Person. Zu Beginn des Romans wies auch die ‚weiße‘ Beate noch farbige Attribute auf: „Die eine Hand hielt die Schleppe des weißen Kleides, die andere einen bunten Strauß Erbsenblüten.“[40] Erst durch die Enttäuschungen in der Ehe wird Beate zu einer vollkommen devitalisierten Frau von bleichen Teint.[41]

2.4 Der Ehebruch

2.4.1 Die Rolle der Eve Mankow

Da Beate Günthers sexuelle Bedürfnisse nicht stillt, sehnt sich Günther bald wieder nach purer Erotik und Leidenschaft. Die Erfüllung seiner sexuellen Bedürfnisse findet Günther zunächst bei der Wirtstochter Eve Mankow. Eve Mankow wird als polarer Gegensatz zu der ‚weißen Beate‘ beschrieben. Ihr äußeres Erscheinungsbild ist geprägt von roten Haaren, rotbraunen Augen und einem roten Mund. Bei ihrem ersten Erscheinen im Roman ist sie zudem in rot gekleidet.

In der niedrigen Tür der Nebenkammer stand plötzlich Eve Mankow und sah Günther unverwandt an. In ihrem kurzen, roten Rock, das rotblonde Haar wirr über dem heißen Gesicht, die nackten Arme, Schultern, Beine vom Ofenlicht beschienen,[...][42]

Daher spricht Günther von ihr auch als der „roten Eva“[43] und Hans Berkow bezeichnet sie als eine „Studie in Rot“[44]. Die Dominanz der Farbe Rot verweist auf die starke Sinnlichkeit bei Eve. Auch ihre Eigenschaft als Jägerin[45] und die Nacktheit ihrer Arme, Schultern und Beine, sowie ihr heißes Gesicht, verweisen auf ihre ausgeprägte Erotik.[46] Mit Eve kann Günther seine in der Ehe unbefriedigte Sexualität ausleben. Doch auch in der Beziehung zu Eve zeigt sich Günthers, zuvor gegenüber Beate beschriebene, Ambivalenz. So sehnt sich Günther nach dem Zusammensein mit Eve wieder nach Beate und der stillen Schloßwelt.

Er stieß sie von sich, er wollte nicht mehr bleiben, er hatte es eilig, wieder in dem stillen Schlafgemach zu sein, indem es nach weißen Flieder duftete und wo die matte Ampel über einer schlafenden, weißen Frau wachte.[47]

Günther sucht in Eve also nur nach der Erfüllung seiner sexuellen Wünsche. Daher kommandiert er sie herum und findet zusätzliche Befriedigung in ihrer Unterwerfung:[48]

„So war’s jedesmal. Das Starke in diesem wilden Mädchen zog Günther an, aber kaum fühlte er es in seiner Gewalt, dann trieb es ihn, es zu beugen. Er mußte Eve weinen und gehorchen sehen.“47

Von einer wirklichen Beziehung zwischen Günther und Eve kann daher nicht gesprochen werden.[49] Und auch das Verhältnis zwischen den beiden ist von sehr kurzer Dauer und bleibt für den weiteren Verlauf des Geschehens ohne Folgen. In Hinblick auf die Figurenkonstellation nimmt das Verhältnis zwischen Günther und Eve eine vorausdeutende Funktion ein. Es verweist bereits auf eine spätere erotische Beziehung zwischen Günther und Mareile.

2.4.2 Das Verhältnis zwischen Günther und Mareile

Anders als Eve Mankow ist Mareile Ziepe keine reine Vertreterin der „roten Welt“[50].

Mareile Ziepe, die Inspektorentochter, wuchs zusammen mit der Schloßtochter Beate auf. Als Gesangskünstlerin ist sie später durch „adelige Protektion“[51] scheinbar gesellschaftsfähig geworden. Als gesellschaftlich anerkannte Frau, die trotz ihrer starken Affinität zum Adel, deutliche Attribute einer ‚femme fatale‘ zeigt, ist Mareile für Günther besonders interessant.[52] Besonders ihren ‚roten‘ und somit erotischen Attributen verdankt Mareile Günthers starkes Verlangen nach ihr. Günther begehrt Mareile so sehr, dass er ihr aus sexuellem Verlangen heraus nach Berlin folgt. Mareiles sinnliche Kraft erregt Günther beinahe bis zur Ohnmacht: „Sie beugte sich auf Günther nieder, der die Augen schloß, bleich, fast ohnmächtig vor übergroßer Erregung.“[53] Gleichzeitig stellt Mareile für Günther auch einen ästhetischen Genuß dar. Er vergleicht sie mit einer „Welle“[54], die man über sich ergehen läßt. Doch obwohl Mareile alle gesellschaftlichen und erotischen Anforderungen Günthers zu erfüllen scheint, kommt es zu keiner funktionierenden Beziehung zwischen ihnen. Im Gegensatz zu Mareile erweist sich Günther als unfähig Mareile als Individuum und Partnerin wahrzunehmen. Mareiles Versuche Günther ihre Vorstellungen von einer gelingenden Beziehung näher zu bringen, dringen nicht bis in Günthers Bewußtsein vor. Günthers Beziehung zu Mareile ist, wie auch sein kurzes Verhältnis zu Eve und seine Ehe mit Beate, sehr egoistisch geprägt. Mit Hilfe von ‚Liebeserfahrungen‘ versucht Günther immer wieder seine Erlebnis- und Lebensqualität zu steigern. Günthers Selbstbezogenheit macht ihn zu einem beziehungsunfähigen Menschen. Mit Mareile wird Günther jedoch das erste Mal mit einer Person konfrontiert, die sich ihm nicht unterwirft. In Hinblick auf Liebe und Beziehungsfähigkeit stellt Mareile einen Gegensatz zu Günther dar. Mareiles Ausführungen über eine intakte Beziehung weisen auf ihre Beziehungsfähigkeit hin.[55] Von einer funktionierenden Beziehung hat sie klare Vorstellungen.[56] Insgesamt ist Mareile der stärkere Partner in der Beziehung, denn indem sie Günther gefällt, kann sie eine gewisse Macht über ihn ausüben.[57] Besonders in Berlin erweist sich Mareile als die stärkere Person in der Beziehung. Den Alltag, den Günther und Mareile in Berlin erleben, macht Mareile durch ihre Einfügung in die ‚Arbeitswelt‘ erst möglich. Der Alltag in Berlin erfüllt Mareile vollkommen. Für Mareile besteht der Reiz dieser Beziehung in der Aufgabe, Günther bei sich zu halten. Wie Günther ist auch Mareile sehr besitzergreifend. Sie freute „[...] sich daran, wie viel stärker sie als dieser Mann war und wie fest sie ihn hielt.“[58] Günther empfindet die Beziehung jedoch zunehmend als langweilig. So sieht er den einzigen Ausweg aus seiner Langeweile in einem Duell mit einem alten Patriarchen. Als Mareile von Günthers Duellverletzung erfährt, wird sie mit der Situation konfrontiert Günther zu verlieren. Es wird deutlich wie sehr Mareile sich an Günther gebunden hat. Sie kann sich ein Leben ohne ihn nicht mehr vorstellen und ist fest entschlossen für ihren Geliebten zu kämpfen und ihn nicht einfach Beate zu überlassen:

Sie war gekommen, ihr Eigentum wieder an sich zu nehmen, und hielt sich für stark genug dazu. Günther konnte ohne sie nicht leben; wer sie besessen hatte, mußte krank vor Verlangen nach ihr sein und konnte sich nicht mit den bleichen Beaten zufrieden geben. Er wäre fast für sie gestorben. Er gehörte ihr.[59]

Doch Günther zieht es zurück in die ruhige, ‚wohlgeordnete‘ Schlosswelt. Gegen Ende des Romans scheint sich Mareile von der Adelswelt abzuwenden. Trotz ihrer gescheiterten Liebesbeziehung zu Günther zeigt sie Stärke. Als einzige Figur des Romans erscheint sie gegen Ende des Romans nicht als passive, ‚gebrochene‘ Person: „Nein, sterben, das verstand auch Mareile nicht, und noch um die dort. O nein! Und sie erhob ihre kleine, festgeballte Faust drohend gegen das blanke Spielzeug dort unten in der Ferne.“[60]

2.5 Beate und Mareile

Um die Dreiecksbeziehung zwischen Günther, Beate und Mareile vollständig darzustellen, möchte ich noch kurz auf die Beziehung zwischen Beate und Mareile eingehen. Günther, Beate und Mareile sind zusammen in Kaltin aufgewachsen.[61] Nach außen sind die Inspektorentochter Mareile und die Schloßtochter Beate also Jugendfreundinnen. Doch schon damals wollte Mareile „ganz zu denen auf dem Schlosse gehören.“[62] Seit ihrer Kindheit war Mareile neidisch, „weil sie keine Baronesse war und nicht wie Beate später Günther heiraten sollte.“[63] Bei näherer Betrachtung wird also schnell klar, dass der Schein einer Freundschaft zwischen Beate und Mareile trügt. In Wirklichkeit sind Beate und Mareile schon von klein auf Rivalinnen. Früh zeigt sich auch Mareiles Interesse an Günther . Die erste erotische Begegnung zwischen Günther und Mareile findet bereits in jugendlichen Jahren statt. Im Rübenkeller küßt Günther Mareile auf die Schulter.[64] Schon damals liegt der Schwerpunkt der Beziehung zwischen Günther und Mareile in der Erotik. Gleichzeitig deutet dieses Erlebnis bereits auf eine spätere erotische Beziehung zwischen Günther und Mareile hin. Mareiles Konkurrenzstellung zu Beate wird noch deutlicher als sie später tatsächlich ein Verhältnis zu dem bereits mit Beate verheirateten Günther eingeht. Günthers Zuneigung wird von Mareile als Triumph gegenüber Beate empfunden:

„Sie fühlte wieder in sich etwas wie den Triumph des kleinen, neidischen Mädchens von früher, das vor Beate auch mal etwas voraus haben wollte.“[65]

Auch Beate sieht Mareile als ihre Rivalin an. Unterschwenglich beneidet sie Mareile jedoch um den freien Umgang mit ihrer Sinnlichkeit und Sexualität. Gleichzeitig empfindet sie gegenüber den Even und Mareilen Abscheu. Mareiles Triebhaftigkeit wird von Beate als negativer, bürgerlicher Charakterzug angesehen. Das Beate Mareile nicht als ebenbürtig ansieht wird auch deutlich wenn sie von Mareile als ‚der Inspektorentochter spricht: „Was wagte diese Inspektorentochter?“[66] Das Beate ihre adelige Herkunft als Privileg ansieht wird deutlich, als sie Mareile nach Bekanntwerden ihres Verhältnisses zu Günther des Schlosses verweist: „>Bitte<, unterbrach Beate sie.> Sprich nicht. Ich ertrag´ es nicht. Geh! Recht-! Eine wie du hat kein Recht.<“[67]

Innerhalb des Romans stellen Beate und Mareile zwei gegensätzliche, miteinander konkurrierende, Frauentypen dar. Ihre Gegensätzlichkeit zeigt sich schon in ihrem äußeren Erscheinungsbild. Mareile hat gebräunte Haut und dunkle, große Augen. Ihr kann man deutlich die Züge einer ‚femme fatale‘ zusprechen. Die Farbe Rot wird oft im Zusammenhang mit ihr genannt.[68] Beate verkörpert hingegen den Frauentyp der ‚femme fragile‘. Sie ist blass, zerbrechlich und kränklich. Besonders in sexueller Hinsicht bilden Beate und Mareile einen polaren Gegensatz. Während die Farbe Rot auf Mareiles Erotik hinweist, lässt die ‚Farbe‘ Weiß Beate keusch erscheinen. Im Roman wird zudem oft von den ‚Mareilen‘[69] und den ‚Beaten‘[70] gesprochen. Beate und Mareile scheinen daher nicht individuelle Personen, sondern bestimmte Frauentypen zu verkörpern.

2.6 Günthers Rückkehr zu Beate

Nach einem Duell mit einem alten Patriarchen liegt Günther schwer verletzt im Tarniffschen Haus in Berlin. In seiner jetzigen Situation vermag ihm Mareile keinen Trost zu spenden. Daher verlangt Günther wieder nach seiner Ehefrau Beate. Und Beate kommt ihren Pflichten als Ehefrau nach und holt Günther zurück nach Kaltin. So kehrt Günther gegen Ende des Romans, „wund, vom Leben besudelt und gebrochen“[71] zu Beate zurück. Günther kehrt also wieder in den Ausgangspunkt des Romans und somit in die Ehe mit Beate zurück. Durch seine Rückkehr findet daher eine Wiederherstellung des alten Ordnungszustandes statt. Nach seiner Flucht in die Außenwelt kommt er als gebrochener Mann auf sein Gut zurück und es erweckt den Anschein, als fände er sich von nun an mit seiner Aufgabe als passiver und ruhiger Gutsherr ab:

Die nassen Wege blitzten in der Sonne. Der Teich glitzerte hartblau. Die Enten trieben sich auf dem Hof umher [...] Das interessierte Günther alles. Ein angenehmes Herren- und Eigentumsgefühl stieg in ihm auf. Es war als schnatterten die Enten im Chor: „Dein- dein.[72]

Günther scheint nach der Normverletzung durch sein Verhältnis mit Mareile jetzt endgültig in die Ordnungswelt des Adels eingegliedert zu sein. Einen Versuch Mareiles ihn wieder für sich zu gewinnen, läßt Günther beinahe tatenlos an sich vorüberziehen. In einem Brief an Mareile verinnerlicht Günther sein Ausbruchserlebnis: „Die Erinnerung an das Glück, welches du mir gegeben, wird mir mein Leben hindurch ein teurer Schatz sein. G.“[73]

Gleichzeitig setzt er mit diesen „flüchtig hingeworfenen Zeilen“[74] einen Schlußstrich unter seine Beziehung mit Mareile. Von nun an soll sein Verhältnis zu Mareile nur noch in seiner Erinnerung existieren. Nach den Turbulenzen der Beziehung mit Mareile entscheidet sich Günther wieder für sein früheres, ruhiges Eheleben. Auffällig ist, dass Günthers Rückkehr in den Ausgangszustand des Romans wieder aus der Sehnsucht nach einem Kontrast zu seinem bisherigen Leben resultiert. Dieselbe Sehnsucht nach einem Kontrasterlebnis, die ihn zu Beginn des Roman zu einer Ehe mit Beate bewogen hatte, ist auch verantwortlich für seine Rückkehr in diese Ehe. Nach Unruhe, Abenteuer und Erotik sehnt sich Günther stets wieder nach der Ruhe, die er nur in der ‚weißen‘ Schloßwelt und bei Beate findet. Daher ist es fraglich, ob Günther nun endgültig in die Ordnungswelt des Adels eingegliedert ist. Kann man nicht vermuten, dass seine Sehnsucht nach ‚gesteigerten Leben‘ wieder ausbrechen wird? Vielleicht ist es nur eine Frage der Zeit, wann Günther die Ruhe nicht mehr erträgt und ihn die Sehnsucht nach einem neuen Rausch erneut von Beate wegführt.

3 Schlussbetrachtung

Die Ehebruchskonstellation des Romans „Beate und Mareile“ besteht aus drei Hauptpersonen. Günther, Beate und Mareile bilden dabei eine Dreiecksbeziehung, in der Günthers innerer Zwiespalt das zentrale Thema darstellt. Günther ist hin- und hergerissen zwischen Beate und Mareile, die zwei komplementäre Frauentypen verkörpern. Während Beate den Frauentyp einer ‚femme fragile‘ repräsentiert, ist Mareile dem Frauentyp der ‚femme fatale‘ zuzuordnen. So gegensätzlich wie die beiden Frauentypen ist auch Günthers Beziehung zu ihnen. Die beiden Frauentypen werden von Günther seinen eigenen Bedürfnissen gemäß zugeordnet: Die „heißen Stunden ganz voller Licht“[75] gehören dem sinnlichen Frauentyp der ‚femme fatale‘, so bestimmt er, „für die Dämmerstunden sind die anderen da, die stillen, weißen Frauen...[...]“75 Während Günther Beate gleich einem leblosen Gemälde verehrt, ist seine Beziehung zu Mareile hauptsächlich erotisch geprägt.

Bis zum Ende des Romans bleibt Günther ein zwischen zwei Frauentypen schwankender Mann. Aufgrund seiner hedonistischen Charakterzüge kann nicht eindeutig geklärt werden, ob Günthers Rückkehr zu Beate von endgültiger Natur ist. So bleibt Günthers innerer Zwiespalt[76] auch über den Schluss hinaus das zentrale Thema des Romans.

4 Literaturverzeichnis

Primärliteratur

Keyserling, Eduard von: Beate und Mareile. Eine Schloßgeschichte. München: Wilhelm

Goldmann 1998.

Sekundärliteratur

Brinkmann, Richard: Wirklichkeit und Illusion. Studien über Gehalt und Grenzen des

Begriffs Realismus für die erzählende Dichtung des Neunzehnten Jahrhunderts. 2. Aufl.

Tübingen: Max Niemeyer 1966.

Harns-Ziegler, Beate: Illegitimität und Ehe. Illegitimität als Reflex des Ehediskurses in

Preußen im 18. und 19. Jahrhundert. Berlin: Duncker & Humbolt 1991 (Schriften zur Rechtsgeschichte; Heft 51).

Peter, Ulrike: Das Frauenbild im späten Erzählwerk Eduard von Keyserlings: Darstellung an ausgewählten Erzählungen und Romanen. Essen: Die Blaue Eule 1999.

Rasch, Wolfdietrich: Die literarische Décadence um 1900. München: Beck 1986.

Schwalb, Irmelin: Eduard von Keyserling. Konstanten und Varianten in seinem erzählerischen Werk ab 1903. Frankfurt am Main: 1993. (Europäische

Hochschulschriften/I; 1364).

Sendlinger, Angela: Lebenspathos und Décadence um 1900. Studien zur Dialektik der

Décadence und der Lebensphilosophie am Beispiel Eduard von Keyserlings und Georg

Simmels. Frankfurt am Main: Peter Lang 1994. (Europäische

Hochschulschriften/I; 1441).

Sturies, Andreas: Intimität und Öffentlichkeit. Eine Untersuchung der Erzählungen Eduard

von Keyserlings. Frankfurt am Main: Peter Lang 1990.

[...]


[1] Keyserling, Eduard von: Beate und Mareile. Eine Schlossgeschichte. München: Goldmann 1998. S. 11.

[2] Keyserling 1998, S. 11.

[3] Ebd., S. 13.

[4] Ebd., S. 14.

[5] Keyserling 1998, S. 15.

[6] Vgl. Schwalb, Irmelin: Eduard von Keyserling. Konstanten und Varianten in seinem erzählerischen Werk ab 1903. Frankfurt am Main: 1993. (Europäische Hochschulschriften/I; 1364) S. 67.

[7] Keyserling 1998, S. 44.

[8] Schwalb 1993, S. 24. Schwalb bezeichnet den Kulturraum als den Bereich des Handlungsraumes, der das Schloss und dessen unmittelbare Umgebung bestimmt.

[9] Schwalb 1993, S. 60.

[10] Ebd., S. 49.

[11] Keyserling 1998, S. 14.

[12] Vgl. Sturies, Andreas: Intimität und Öffentlichkeit. Eine Untersuchung der Erzählungen Eduard von Keyserlings. Frankfurt am Main: Lang 1990. (Europäische Hochschulschriften/I; 1176) S. 100.

[13] Keyserling 1998, S. 9.

[14] Ebd., S. 15.

[15] Keyserling 1998, S. 15.

[16] Schwalb 1993, S. 49.

[17] Vgl. Ebd., S. 67.

[18] Keyserling 1998, S. 10.

[19] Vgl. Peter, Ulrike: Das Frauenbild im späten Erzählwerk Eduard von Keyserlings: Darstellung an ausgewählten Erzählungen und Romanen. Essen: Die Blaue Eule 1990. S. 48.

[20] Keyserling 1998, S. 15.

[21] Ebd., S. 29.

[22] Ebd., S. 45.

[23] Ebd., S. 72.

[24] Keyserling 1998., S. 103.

[25] Vgl. Peter 1999, S. 49. Laut Peter stilisiere Günther Beate sogar zu einem Bild, wenn er denkt: „Berlin war für Beate nicht der richtige Hintergrund.“ (BM 14).

[26] Keyserling 1998, S. 20f. Vgl. auch Sturies 1990, S. 104. Sturies beschreibt diese Textstelle als die erste „Störung der Hochstimmung Günthers.“

[27] Vgl. Peter 1999, S. 48. Peter bringt diese Problematik auf den Punkt wenn sie schreibt, dass Günther gerade von dem was er an Beate verehrt abgestoßen wird.

[28] Keyserling 1998, S. 133.

[29] Ebd., S. 48f.

[30] Rasch, Wolfdietrich: Die literarische Décadence um 1900. München: Beck 1986. S. 226.

[31] Keyserling 1998, S. 133.

[32] Ebd., S. 18.

[33] Ebd., S. 48.

[34] Schwalb 1993, S. 49.

[35] Vgl. Sturies 1990, S. 102. Sturies schreibt, dass sich Günthers Reden weniger auf seine Gesprächspartnerin als auf sich selbst beziehe. Auf diese Weise versuche Günther sich selbst zu beruhigen und zu bestätigen.

[36] Keyserling 1998, S. 103.

[37] Vgl. Schwalb 1993, S. 64. Schwalb ist hier anderer Ansicht. Ihrer Meinung nach geht Beates Abneigung gegenüber der Sexualität sogar so weit, dass sie sie auch in der Ehe als etwas Gewaltsames empfindet und ablehnt.

[38] Sendlinger, Angela: Lebenspathos und Décadence um 1900. Studien zur Dialektik der Décadence und der Lebensphilosophie am Beispiel Eduard von Keyserlings und Georg Simmels. Frankfurt am Main: 1994. S. 235.

[39] Keyserling 1998, S. 102.

[40] Ebd., S. 9.

[41] Vgl. Schwalb 1993, S. 54

[42] Keyserling 1998, S. 50.

[43] Ebd., S. 49.

[44] Ebd., S. 26.

[45] Schwalb 1993, S. 80. Laut Schwalb besteht eine enge Verbindung zwischen Jagd- und Liebeserlebnis.

[46] Sturies 1990, S. 105. Auch Sturies beschreibt Eve als eine Protagonistin ungetrübter Vitalität und einer beinahe animalischen Sexualität.

[47] Keyserling 1998, S. 54.

[48] Peter 1999, S. 84. Laut Peter bestätigt sich hierin Sigmund Freuds Auffassung über die Sexualität des Mannes, die ihre volle Befriedigung erst gegenüber einem erniedrigtem Sexualobjekt findet.

[49] Sturies 1990, S. 106. Sturies schreibt, dass eine wirkliche Beziehung zwischen Günther und Eve allein dadurch nicht denkbar wäre, da Eve als Vertreterin des Landproletariates keinerlei Anteil an der für Günther so bedeutsamen ‚weißen‘ Schlosswelt habe. Dies zeige sich vor allem in ihrem rudimentären Sprachgebrauch.

[50] Ebd., S. 107.

[51] Schwalb 1993, S. 51.

[52] Vgl. Schwalb 1993, S. 51. Nach Schwalb kontrastiert Mareile als veredeltes Naturwesen sowohl die eingehegten Kulturwesen (Beate) als auch die rohen, triebhaften Mädchen (Eve).

[53] Keyserling 1998, S. 91.

[54] Ebd., S. 87.

[55] Vgl. Sturies 1990, S. 114. Liebes- und Beziehungsfähigkeit stellen nach Sturies bürgerliche Fähigkeiten dar, während die Selbstbezogenheit Günthers den Adel charakterisiere.

[56] Keyserling 1998, S. 88

[57] Vgl. Frevert, Ute: Bürgerinnen und Bürger. Geschlechterverhältnisse im 19. Jahrhundert, Bd.77. Göttingen 1988. S. 23.

[58] Keyserling 1998, S. 110.

[59] Ebd., S. 120.

[60] Ebd., S. 123.

[61] Ebd., S. 12.

[62] Ebd., S. 23.

[63] Ebd., S. 74.

[64] Keyserling 1998, S. 17

[65] Ebd., S. 75

[66] Ebd., S. 98.

[67] Ebd., S. 101.

[68] Ebd., S. 22, S. 32 u.a.

[69] Ebd., S. 62.

[70] Ebd., S. 120.

[71] Keyserling 1998, S. 118.

[72] Ebd., S. 118f.

[73] Ebd., S. 120.

[74] Ebd., S. 121.

[75] Keyserling 1998, S. 90.

[76] Vgl. Brinkmann, Richard: Wirklichkeit und Illusion. Studien über Gehalt und Grenzen des Begriffs Realismus für die erzählende Dichtung des neunzehnten Jahrhunderts. 2.Aufl. Tübingen: Max Niemeyer 1966. S. 274. Brinkmann sieht Günthers zwiespältige Seelenlage vor allem durch den häufigen Motivwechsel zwischen der weißen Welt des Adels und der roten Welt des Bürgertums verdeutlicht.

19 von 19 Seiten

Details

Titel
Die Ehebruchskonstellation in Eduard von Keyserlings "Beate und Mareile"
Hochschule
Universität zu Köln
Note
2,0
Autor
Jahr
2002
Seiten
19
Katalognummer
V107833
Dateigröße
496 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ehebruchskonstellation, Eduard, Keyserlings, Beate, Mareile
Arbeit zitieren
Anja Widdel (Autor:in), 2002, Die Ehebruchskonstellation in Eduard von Keyserlings "Beate und Mareile", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/107833

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Die Ehebruchskonstellation in Eduard von Keyserlings "Beate und Mareile"



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden