Achim von Arnim - ein romantischer Erzähler


Hausarbeit, 2002

12 Seiten, Note: 1,7


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Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Romantik
2.1 Historisch-politischer Hintergrund
2.2 Gesellschaftlicher Hintergrund
2.3 Phasen
2.3.1 Frühromantik („Jenaer Romantik“, ab 1798)
2.3.2 Hochromantik („Heidelberger Romantik“, ab 1805)
2.3.3 Spätromantik

3. Isabella von Ägypten, Kaiser Karl des Fünften erste Jugendliebe
3.1 Die progressive Universalpoesie
3.1.1 Gattungsmischung
3.1.2. Arabeske
3.1.3 Das Fragment
3.1.4 Mischung der rhetorischen Stillagen
3.1.5 Die romantische Ironie
3.2 Dichtung und Geschichte
3.2.1 Arnims Umgang mit Historie und literarischen Quellen
3.2.2 Arnim und die Geschichtsphilosophie
3.3 Romantische Motive
3.3.1 Kindheit und Unschuld
3.3.2 Mystik und Natur

4. Schlußteil

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Achim von Arnims Werke lösten bei vielen Literaturkritikern gemischte Gefühle aus: auf der einen Seite wurde ihm abgesprochen überhaupt ein Künstler zu sein, während andere ihn zwar als begabten, jedoch nicht wirklich romantischen Dichter ansahen. „Aus klassizistisch-realistischer Perspektive galt seine Kunst als unausgegorenes Übergangsphänomen zwischen Romantik und Realismus.“[1]

Diese Hausarbeit soll nun aufzeigen, daß Achim von Arnim sehr wohl als romantischer Dichter anzusehen ist. Es werden die gesellschaftlichen, philosophischen und literaturtheoretischen Strömungen seiner Zeit umrissen, und inwieweit diese seine Art zu erzählen beeinflussten, aber auch in welchen Punkten er sich davon abgrenzte. Auf dieser Grundlage soll anhand Arnims Erzählung „Isabella von Ägypten. Kaiser Karls des Fünften Jugendliebe“ ein Bild von ihm als romantischem Erzähler, mit seinen speziellen Eigenheiten, entstehen.

2. Die Romantik

Die romantische Bewegung entstand um 1798 als Reaktion auf die einseitige Verherrlichung des Rationalismus in der Epoche der Aufklärung. Sie beschränkte sich nicht nur auf die Literatur, sondern umfaßte gleichermaßen Philosophie, Kunst, Wissenschaft und Musik.

2.1 Historisch-politischer Hintergrund

Die frühen Romantiker waren zunächst von den Ideen der französischen Revolution (1789) begeistert. Später waren die Romantiker zunehmend vom Verlauf der französischen Revolution enttäuscht und entwickelten eher konservative Haltungen.

2.2 Gesellschaftlicher Hintergrund

Die zeitgenössische Gesellschaft mit der Industrialisierung, der zunehmenden Anonymisierung und dem Bürgertum mit seinen Normen paßte nicht in das Weltbild eines Romantikers. „Es werden Gegenmodelle zum bürgerlichen Alltag (repräsentiert im Negativbild des kunstfeindlichen ‚Philisters’) entworfen: in den Figuren des Künstlers, Taugenichts, Träumers oder Wanderers.“[2]

2.3 Phasen

2.3.1 Frühromantik („Jenaer Romantik“, ab 1798)

Die erste Phase der romantischen Epoche war vor allem der Philosophie und Literaturtheorie- und kritik gewidmet. Im Umfeld der Zeitschrift „Athenäum“ entwarfen Literaten wie August und Friedrich Schlegel, Novalis, Ludwig Tieck und Philosophen wie Fichte, Schelling und Schleyermacher ihr Bild einer neuen Poesie: der Universalpoesie. Auf diese soll jedoch in Kapitel 3.1. näher eingegangen werden.

Die Frühromantiker setzten dem „Vernunftkult“ der Aufklärung die Leitbegriffe des Sturm und Drang entgegen: Gefühl, Phantasie, Sehnsucht, Genie, Freiheit.

Die Kunst, die Poesie werden als Mittel zur Welterschließung, aber auch Welterneuerung gesehen. „Die Welt muß romantisiert werden. So findet man den ursprünglichen Sinn wieder.“[3] Die Kunstanschauung wird zur Lebensanschauung.

2.3.2 Hochromantik („Heidelberger Romantik“, ab 1805)

Zu dem Heidelberger Kreis gehörten Clemens Brentano, Achim von Arnim, Joseph von Eichendorff und die Brüder Grimm.

„Die Jakobinerherrschaft in Frankreich hatte bei den meisten Romantikern den Zusammenbruch ihrer demokratischen Jugendideale zur Folge“[4]. Dies und die schon angesprochenen gesellschaftlichen Verhältnisse ließen die eigene Zeit in einem sehr schlechten Licht erscheinen, so daß den Romantikern vergangene Zeiten, vor allem das Mittelalter, als besser und ehrlicher erschienen.

Die Heidelberger Romantiker waren bestrebt „das goldene Zeitalter“ wiederaufleben zu lassen, indem sie sich der Sammlung und Bearbeitung volkstümlicher Literatur widmeten. Zentral in ihrem Denken war das sogenannte ‚triadische Modell’: „In der Romantik bezieht sich die Vorstellung auf eine ursprünglich vorhandene Einheit von Mensch und Natur […], die in der Entwicklung zur Gegenwart verloren gegangen sei (2.Stufe) und deren Wiedergewinnung durch die Poesie künftig eine neue Synthese ergeben werde[…].“[5]

Ein wichtiger Aspekt war aber auch der, die eigene nationale Identität in eben diesen volkstümlichen Zeugnissen zu entdecken, weswegen die Hochromantik auch häufig Nationalromantik genannt wird.

Wichtige Resultate dieser Bemühungen waren beispielsweise die Sammlungen „Des Knaben Wunderhorn“ von Arnim und Brentano, sowie die „Kinder- und Hausmärchen“ der Brüder Grimm.

2.3.3 Spätromantik

„Mit der ‚Spät-R. [omantik]’ nach 1820, zu der Eichendorff, E.Mörike (1804-75), N. Lenau (1802-50) und H. Heine (1797-1856) gehören, erreicht die Epoche im Übergang zur Biedermeierzeit und zum Realismus ihr Ende“[6]

3. Isabella von Ägypten, Kaiser Karl des Fünften erste Jugendliebe

Die Erzählung „Isabella von Ägypten“ erschien im Rahmen der Novellensammlung von 1812 mit drei weiteren Erzählungen: „Melück Maria Blainville, die Hausprophetin von Arabien“, „Angelika, die Genueserin und Cosmus, der Seilspringer“ und „Die drei liebreichen Schwestern und der glückliche Färber“. Die Erzählungen sind durch den Rahmen einer Rheinreise verknüpft und mit dieser ‚Einrahmung’ steht Arnim in der Tradition romantischer Erzählzyklen, wie etwa E.T.A. Hoffmanns „Serapionsbrüder“ oder Tiecks „Phantasus“.

Im folgenden sollen sowohl formale als auch inhaltliche Elemente aufgezeigt werden, die die Erzählung als romantisch kennzeichnen, aber auch jene, die man als spezifisch für Arnim bezeichnen kann.

3.1 Die progressive Universalpoesie

Friedrich Schlegel bezeichnet in seinem 116. ‚Athenäum’-Fragment die romantische Poesie als ‚progressive Universalpoesie’. Sie soll alle getrennten Gattungen der Poesie, die in der Klassik einer strikten Trennung unterliegen, wieder vereinigen und überhaupt alle Künste und Wissenschaften zu einem Kunstwerk verbinden. „Der universale Aspekt meinte eine ebenfalls andauernde, notwendig unabschließbare Potenzierung und Vervielfältigung“[7]. Zudem forderte Schlegel „von der romantischen Poesie eine Kombination von künstlerischer Komposition und gleichzeitiger theoretischer Selbstreflexion“[8]. Sie sollte Poesie und Poesie der Poesie sein. Es geht also nicht nur um das reine Darstellen, sondern auch um die Thematisierung der Art der Darstellung.

Formale Figuren zur Realisierung dieser Universalpoesie sind die Gattungsmischung, die Arabeske, das Fragment, die Gegenüberstellung von Erhabenheit und Groteske und die sogenannte ‚romantische Ironie’, die zum Teil in dieser Erzählung Arnims nachzuweisen sind. „In jeder einzelnen dieser Figuren und in ihrem Zusammenspiel manifestiert sich ein selbstreflexiver Grundzug romantischer Poesie.“[9]

3.1.1 Gattungsmischung

In „Isabella von Ägypten“ verbindet Arnim legendenhafte, historische und phantastische Elemente miteinander, webt in den Erzählfluß Lyrik- oder Gesangseinlagen ein oder läßt sogar seine Figuren selbst Geschichten erzählen, wie etwa die Zigeunerin Braka, die die Bärnhäutergeschichte erzählt. Er vereint damit nicht nur die Gattungen Epik und Lyrik, sondern gleichzeitig die Künste Literatur und Musik, sowie die Schriftlichkeit und die Mündlichkeit.

Arnim wird hier der progressiven Universalpoesie insofern gerecht, als daß er mit der Technik der Gattungsmischung einen totalen, universalen Blick auf das Leben bietet

3.1.2. Arabeske

Die vielen aneinander gereihten Episoden und Handlungsschauplätze der Erzählung kann man kaum zu bestimmten Handlungsabschnitten zusammenfassen und somit die ganze Erzählung gliedern. „Ein linear geordneter Plot ist dieser Art des Erzählens fremd.“[10] Diese Erzählweise wurde von einigen Kritikern als zügellose Willkür verurteilt und somit Armin auch jede künstlerische Qualifikation abgesprochen.

Tatsächlich steht Arnims Erzählprinzip durchaus in der Tradition der Romantik, denn es ist in Friedrich Schlegels Definition der Arabeske wiederzufinden: „Er [Schlegel] bezeichnete damit Werke, die […] in der Form ein gebildetes künstliches Chaos darstellten, d.h. der Natur nachempfundene, scheinbar ordnungslose, wilde Kompositionen, die gleichwohl den Kunstwillen des Autors spiegeln.“[11]

3.1.3 Das Fragment

Dieses Stilmittel spielt in der hier behandelten Erzählung zwar keine Rolle, ist aber im Zusammenhang mit Schlegels Theorien sehr wichtig und soll daher kurz dargestellt werden.

Friedrich Schlegel bestimmt das Fragment als Kunstwerk, das zwar eine äußere Begrenzung hat, aber auf der inhaltlichen Ebene grenzenlos oder unendlich ist.

Deswegen ist das Fragment für die Universalpoesie das perfekte Mittel, um, wie von Schlegel gefordert, das Unendliche durch das Endliche zu vermitteln. Es soll das Ganze, die Universalität, gezeigt werden, doch eben das ist unmöglich, beziehungsweise unabschließbar. Das Wesen der romantischen Dichtart ist, laut Schlegel, daß sie immer nur werden, aber nie vollendet sein könne.

3.1.4 Mischung der rhetorischen Stillagen

Diese Technik findet „ihren exemplarischen Ausdruck in der Kontrastierung von Komik und Pathos, Groteskem und Erhabenem“[12]. Sie zieht sich fast durch Arnims gesamte Werke. Die Figur der Isabella, die für Reinheit und Unschuld, fast schon Heiligkeit steht, wird durchweg in groteske, teilweise auch verfängliche Situationen gebracht, die im Kontrast zu ihrer Persönlichkeit stehen. So wird sie beispielsweise von Braka nackt in das Bett des Prinzen geschickt und ist sich der sexuellen Konnotation ihres Handelns eigentlich nicht bewußt. „Bella ahndete von dem allen nicht, es war ihr lieb den Prinzen in der Nähe zu sehen […].[13]

Detlef Kremer hat einzelne Elemente definiert, die in diesem Zusammenhang in romantischen Texten verwendet werden und so auch in „Isabella von Ägypten“ vorkommen.

a) „die Vermischung menschlicher und tierischer Züge in der grotesken Gestalt“[14] findet man sowohl in der Figur des Alrauns, als auch in der des Bärenhäuters. „Den Bärenhäuter […], der in seiner braunen Livrei einem Bären glich, auf welchem der Alraun, wie ein menschlich angezogener Affe ritt […]“.[15] Der Alraun versucht Mensch zu sein und gerade diese Versuche ziehen ihn immer ins Lächerliche.
b) „die Konfrontation des Menschen mit seinem maschinellen oder marionettenhaften, jedenfalls toten Spiegelbild“[16] ist durch die Konstellation Isabella – Golem Bella gegeben. Isabella ist das erhabene, reine Mädchen, während der Golem für die niederen, weltlichen Gelüste steht.
c) „der Hang zu Maskeraden, Maskenbällen“[17] spielt in dieser Erzählung von Anfang an eine zentrale Rolle. Es fängt mit der Szene in Bellas Haus an, als sie dem Erzherzog Karl als Gespenst erscheint, geht weiter in der Vortäuschung einer reichen Familie mit Braka und dem Alraun und immer wieder gibt es Situationen, in denen jemand vorgibt jemand anders zu sein, was in den meisten Fällen zu recht grotesken Situationen führt, wie etwa als Karl sich als Arzt ausgibt und den Alraun überzeugt, daß er todkrank sei.
d) „die ganz zentrale Figur der Inversion“[18], die hier alle phantastischen Bezüge ins Normale und Alltägliche verkehrt, ist ebenfalls konstitutiv für dieses Werk. In der Erzählung treten Figuren auf, die es eigentlich nicht wirklich gibt. . „Die sonderbare Gesellschaft, eine alte Hexe, ein Toter, der sich lebendig stellen mußte, eine Schöne aus Tonerde und ein junger Mann aus einer Wurzel geschnitten.“[19] Sie werden künstlich erschaffen oder treten, wie der Bärnhäuter, aus einer anderen Fiktionsebene in die erzählte Welt ein. Diese grotesken Figuren werden von ihrer „normalen“ Umwelt jedoch als völlig normal eingestuft und auch so behandelt.

3.1.5 Die romantische Ironie

Eine genaue Definition der romantischen Ironie ist relativ schwierig, schon alleine deswegen, weil verschiedene Romantiker verschiedene Theorien hatten. Überhaupt sind die Überlegungen zu diesem Thema teilweise widersprüchlich oder eben nur rein theoretisch, so daß schwer zu sagen ist, wie genau die praktische Umsetzung in der Literatur auszusehen hat.

Entscheidend waren auch in diesem Falle Friedrich Schlegels Theorien. Die romantische Ironie soll die Möglichkeiten der Mitteilung steigern und über den gegebenen Zustand der Sprache hinausführen (nach Prof. Japp). Sie soll Mittel sein, das Unendliche im Endlichen, also in der Sprache, auszudrücken. Letztlich bleibt der Besitz dieser Unendlichkeit Utopie der romantischen Ironie, weil die Sprache begrenzt, eben endlich ist. „Dagegen bezeichnet der Gedanke der Potenzierung eine mögliche Praxis der Kunst. Diese Praxis realisiert sich einerseits in der poetischen Desillusionierung und andererseits in der poetischen Reflexion.“[20]

Die poetische Desillusionierung betreibt Arnim in „Isabella von Ägypten“ mit Hilfe von eingestreuten Kommentaren zum erzählten Geschehen, die die Erzählfiktion durchbrechen und somit also thematisieren, daß dies doch nur Fiktion ist, die einem durch einen Erzähler vermittelt wird, womit man auch zugleich bei der poetischen Selbstreflexion ist. Schon auf den ersten Seiten ist solch ein Erzählerkommentar zu finden: „-wär ich ein ziehender Vogel gewesen, ich hätte mich niedergelassen und meinen Schnabel eingetunkt […].[21] An einer Stelle tritt Arnim sogar ganz aus der Erzählung und lässt sich in einer Glosse über Kunstkritiker aus, „O Ihr kunstschwatzenden Menschen“[22], in der er sich sogar deutlich als Erzähler zu erkennen gibt.

Die „magische Funktion literarischer Imagination“[23] an sich thematisiert Arnim, laut Detlef Kremer, mit der Schöpfung der phantastischen Figuren. In erster Linie entstehen die Figuren durch Arnims Sprachschöpfung. In der Fiktion jedoch sind es ebenfalls Worte, die den Golem oder den Bärnhäuter zum Leben erwecken. Die Schöpfung des Alrauns ist in der Fiktion ebenfalls zuerst in Worten in den „merkwürdigen Zauberhistorien“[24] abgefaßt.

3.2 Dichtung und Geschichte

3.2.1 Arnims Umgang mit Historie und literarischen Quellen

Die Verknüpfung historischer, legendenhafter und phantastischer Elemente zu einer Erzählung ist ein markantes Merkmal Arnimschen Erzählens. Kaiser Karl gab es tatsächlich und unter seiner Herrschaft zerfiel im 16. Jahrhundert das deutsche Reich. Die Figuren des Alrauns, des Bärnhäuters und des Golems stammen aus verschiedenen alten Sagen und Erzählungen, und auch aus einem Archiv religiöser Motive bediente sich Arnim reichlich.

Diese von Arnim häufig verwendete Praxis, die bei ihm, nach Kremer, ins Extrem geht, brachte ihm einiges an Kritik ein. Vor allem die Gebrüder Grimm vertraten die Ansicht, daß die Historie und auch die Volksdichtung, also die Sagen und Legenden, die eine für sie eine „reine“ Literatur waren, nicht auf diese Art verfälscht und vermischt werden dürften. Dies wird dann auch in der „Zueignung an meine Freunde Jakob Grimm und Wilhelm Grimm“ zur Novellensammlung von 1812 thematisiert: „In eurem Geist hat sich die Sagenwelt/ Als ein geschloss’nes Ganzes schon gesellt.“[25] Arnim jedoch glaubte, daß die alten Quellen der eigenen Zeit anzupassen seien, um sie auch verständlich zu machen. Den freien Umgang mit den literarischen Quellen sah er als natürlichen Vorgang in der Produktion von Literatur an: „wer erst Dichter war, wird nachher Begeisterung […] eines dritten.“[26]

Intertextualität wird häufig als bloße Kopie oder als Sammelsurium verschiedener Quellen gesehen, doch zu beachten ist, in welcher Form die literarischen Quellen verwendet und (neu) angeordnet werden. So steht auch bei Achim von Arnim eine Intention hinter der Verschmelzung von Legende und Historie. Die Geschichte ist für ihn eine Art unvollständiges Bild, dessen Lücken es zu füllen gilt, um letztlich zu verstehen, warum es zu diesen historischen Tatsachen gekommen ist. „Dichtung, sie ist aus Vergangenheit in Gegenwart, aus Geist und Wahrheit geboren.“[27] Um die eigene Zeit zu verstehen, muß man also auch die Vergangenheit verstehen und bei diesem Vorgang bietet die Dichtung eine Hilfestellung: sie erklärt.

Arnim ruft das Bild des politisch und religiös zerrissenen deutschen Reiches unter Karl ins Gedächtnis und hält es der eigenen Zeit, die sich ebenfalls durch große politische Probleme auszeichnet, exemplarisch entgegen. Der historische Karl stützte seine Herrschaft auf Geld und dies korrespondiert in der Erzählung dem Alraun, der Geldwurzel, die Karl mit Geld versorgt, was letztlich zur Trennung Deutschlands führt.

Anhand der Beziehung zwischen Karl und Isabella werden auch verschiedene Charakterzüge Karls veranschaulicht, die ebenfalls seine schlechte Herrschaft erklären sollen. Seine Lust an Täuschungen, seine Bevorzugung der körperlichen Liebe des Golems vor der eher geistigen Isabellas, faßt Arnim als „Mangel frommer Einheit und Begeisterung“[28] zusammen. Schließlich stellt er auch fest, daß „sich manche seiner Launen, an denen seine wichtigsten Unternehmungen scheiterten, aus diesem ersten Mißgriffe seiner Klugheit erklären“[29].

Die phantastischen Figuren erfüllen ebenfalls eine geschichtserklärende Funktion. Der Alraun und insbesondere der Bärnhäuter stehen für den Kapitalismus und die Geldgier der Menschen in der damaligen, aber auch in Arnims Zeit. Die Macht des Geldes führt jedoch immer zu einem schlimmen Ende. Golem Isabella verkörpert die Seelenlosigkeit und erweist sich „mit einem von Habgier und Hochmut gekennzeichneten Charakter […] als ausgesprochen wirklichkeits-tauglich“[30]. Tatsächlich wird sie von den sie umgebenden Figuren besser akzeptiert als die wirkliche Bella.

Somit ist nicht nur ein einzelner, nämlich Karl, für die Misere verantwortlich, sondern im Grunde die Mentalität des gesamten Volkes.

3.2.2 Arnim und die Geschichtsphilosophie

Das unter Punkt 2.3.2 schon angesprochene triadische Modell wird von Arnim in dieser Erzählung zitiert, ohne jedoch dessen genaue Struktur einzuhalten. Die Vergangenheit, also die Zeit Karls, wird zwar mit seiner eigenen Gegenwart in Verbindung gebracht, doch erscheint die Vergangenheit keineswegs idealisiert oder gar als goldenes Zeitalter. Auch der Ausblick oder die Hoffung auf eine bessere Zukunft bleibt aus, sie wird sogar negativ gesehen: „[…] wehe uns Nachkommen seiner Zeit.“[31]

3.3 Romantische Motive

In diesem Kapitel sollen zentrale Motive der Romantik und ihr Vorkommen bei Arnim besprochen werden.

3.3.1 Kindheit und Unschuld

Die Kindlichkeit mit den Attributen der Naivität, der spontanen Gefühlsäußerung, Einfachheit und Ursprünglichkeit, ist das neue Ideal für die Romantiker. „Man kann im Lob der Kindlichkeit das beliebteste Lobschema der Zeit um 1800 sehen“.[32]

Bella ist zu Anfang noch ein verspieltes Kind, eins mit der Natur, aber mit dem Alraun vollzieht sich ihr Abschied von der Kindheit und damit der Zeit ihrer Unschuld. Allein ihre kindliche Naivität bewahrt sie sich und die Tatsache, daß sie sich von ihren Gefühlen leiten lässt. „Ihre Sehnsucht, ihre Wehmut überströmten sie grenzenlos, sie konnte nicht bleiben und wußte doch nicht warum“[33]

3.3.2 Mystik und Natur

Isabella gehört zu dem Volk der Zigeuner, die ein fahrendes, freies suchendes, naturverbundenes, geheimnisvolles, also im Grunde zutiefst romantisches Volk sind. Die Mystik Isabellas zeigt sich an den Tatsachen, daß sich ihr Leben anfangs nur nachts abspielt, daß sie eine besondere Beziehung zu den Gestirnen hat, „Sie sah zu den Sternen zutraulich, als zu ihren Ahnen“[34]. Sie hat ein Zauberbuch, kann ein phantastisches Wesen erschaffen und erscheint im Ganzen als ein eher übernatürliches Wesen.

4. Schlußteil

Achim von Arnim als Übergangsphänomen zwischen Romantik und Realismus zu sehen, ist absolut ungerechtfertigt. Denn es würde bedeuten, daß deutliche Spuren beider Epochen in seinen Werken zu finden sein müßten. Jedoch kann von einer realistischen Erzählweise keine Rede sein, zwar neigt Arnim an manchen Stellen zu sehr detailreichen Beschreibungen von Orten, doch macht in dies keineswegs zu einem „halben“ Realisten.

Gerade die in dieser Hausarbeit aufgezeigten romantischen Merkmale seines Erzählens sind das genaue Gegenteil der Maßstäbe des Realismus, der einen objektiven Erzähler, „das Verharren in einer ‚mittleren’ Stillage, […]Verzicht auf rhetorisches Dekor, auf Mystik und Allegorik“[35] fordert.

Arnims fast schon extreme intertextuelle Praxis, aber auch der große Hang zum Phantastischen können nicht als Gründe einer Ablehnung seiner Zugehörigkeit zur Romantik aufgeführt werden, da sie ihr nicht widersprechen und es deutlich mehr Belege für das Erfüllen romantischer Maßstäbe gibt. Deutlich ist der Einfluß der Schlegelschen Theorien der Universalpoesie bei der Komposition seines Werkes zu sehen, sowie auch die Verwendung der gängigen, romantischen Motive, wie etwa Phantasie, Sehnsucht, Natur, Phantastik oder Mystik.

5. Literaturverzeichnis

Primärliteratur

- von Arnim, Achim. Sämtliche Erzählungen 1802-1817, hg. von Renate Moering. Frankfurt am Main 1990
- von Arnim, Achim. Isabella von Ägypten. Kaiser Karl des Fünften Jugendliebe. In. Achim von Arnim. Erzählungen, hg. Von Gisela Henckmann. Stuttgart 1991

Sekundärliteratur

- Andermatt, Michael: Happy-End und Katastrophe. In: Grenzgänge. Studien zu L. Achim von Arnim, hg. Von Michael Andermatt. Bonn 1994
- Brunner, Horst & Moritz, Rainer (Hgg): Literaturwissenschaftliches Lexikon. Grundbegriffe der Germanistik. Berlin 1997
- Fischer, Bernd: Literatur und Politik – die „Novellensammlung von 1812“ und das „Landhausleben“ von Achim von Arnim. Frankfurt am Main 1983
- Grenzmann, Ludger: Romantik. In: Joachim Bark & Dietrich Steinbach (Hg): Geschichte der deutschen Literatur. Klassik/Romantik. Stuttgart 1983, S.108.
- Haustein,Bernd: Romantischer Mythos und Romantikkritik in Prosadichtungen Achim von Arnims. Göppingen 1974
- Japp, Uwe: Theorie der Ironie. Frankfurt am Main 1983
- Kremer, Detlef: Romantik. Stuttgart/Weimar 2001
- Med, Volker: Sachwörterbuch zur deutschen Literatur. Stuttgart 1999
- Neumann, Peter Horst: Legende, Sage und Geschichte in Achim von Arnims „Isabella von Ägypten“. Quellen und Deutung. In: Jahrbuch der Deutschen Schillergesellschaft 12. Stuttgart 1968.
- Uerlings, Herbert (Hg.): Theorie der Romantik. Stuttgart 2000
- Schmitt, von Hans-Jürgen (Hg.): Romantik 1. Stuttgart 1974 (Die deutsche Literatur in Text und Darstellung)

[...]


[1] Bernd Haustein: Romantischer Mythos und Romantikkritik in Prosadichtungen Achim von Arnims. Göppingen 1974, S. V.

[2] Horst Brunner & Rainer Moritz (Hgg): Literaturwissenschaftliches Lexikon. Grundbegriffe der Germanistik. Berlin 1997, S. 298.

[3] Novalis: Die Welt muß romantisiert werden. In: Theorie der Romantik, hg. Von Herbert Uerlings. Stuttgart 2000, S. 51.

[4] Ludger Grenzmann: Romantik. In: Joachim Bark & Dietrich Steinbach (Hg): Geschichte der deutschen Literatur. Klassik/Romantik. Stuttgart 1983, S.108.

[5] Horst Brunner & Rainer Moritz (Hgg): Literaturwissenschaftliches Lexikon. Grundbegriffe der Germanistik. Berlin 1997, S. 298.

[6] Ebd.

[7] Horst Brunner & Rainer Moritz (Hgg): Literaturwissenschaftliches Lexikon. Grundbegriffe der Germanistik. Berlin 1997, S. 299

[8] Detlef Kremer: Romantik. Stuttgart/Weimar 2001, S.91.

[9] Ebd. S.92.

[10] Michael Andermatt: Happy-End und Katastrophe. In: Grenzgänge. Studien zu L. Achim von Arnim, hg. Von Michael Andermatt. Bonn 1994, S. 18.

[11] Volker Med: Sachwörterbuch zur deutschen Literatur. Stuttgart 1999, S. 38

[12] Detlef Kremer: Romantik, S. 100.

[13] Achim von Arnim. Isabella von Ägypten. Kaiser Karl des Fünften Jugendliebe. In. Achim von Arnim. Erzählungen, hg. Von Gisela Henckmann. Stuttgart 1991,, S. 44

[14] Detlef Kremer: Romantik, S. 100.

[15] Achim von Arnim. Isabella von Ägypten S.72.

[16] Detlef Kremer: Romantik, S. 100.

[17] Detlef Kremer: Romantik, S. 100.

[18] Detlef Kremer: Romantik, S. 100.

[19] Achim von Arnim. Isabella von Ägypten. S 103

[20] Uwe Japp: Theorie der Ironie. Frankfurt am Main 1983, S. 186.

[21] Achim von Arnim. Isabella von Ägypten. S. 34

[22] Ebd., S. 140

[23] Detlef Kremer: Romantik. S. 170

[24] Achim von Arnim. Isabella von Ägypten. S. 40

[25] Achim von Arnim: Zueignung an meine Freunde Jakob Grimm und Wilhelm Grimm. In: Achim von Arnim. Sämtliche Erzählungen 1802-1817, hg von Renate Moering. Frankfurt am Main 1990, S. 616.

[26] Ebd.

[27] Achim von Arnim: Dichtung und Geschichte. In: Romantik 1,hg. von Hans-Jürgen Schmitt. Stuttgart 1974 (Die deutsche Literatur in Text und Darstellung), S. 261.

[28] Achim von Arnim. Isabella von Ägypten. S. 149

[29] Ebd., S. 147

[30] Bernd Fischer: Literatur und Politik – die „Novellensammlung von 1812“ und das „Landhausleben“ von Achim von Arnim. Frankfurt am Main 1983, S. 101

[31] Achim von Arnim. Isabella von Ägypten., S.149

[32] Ludger Grenzmann: Romantik. S.105.

[33] Achim von Arnim. Isabella von Ägypten. S.145.

[34] Achim von Arnim. Isabella von Ägypten., S.70.

[35] Horst Brunner & Rainer Moritz (Hgg): Literaturwissenschaftliches Lexikon. S.277.

12 von 12 Seiten

Details

Titel
Achim von Arnim - ein romantischer Erzähler
Hochschule
Universität Karlsruhe (TH)
Note
1,7
Autor
Jahr
2002
Seiten
12
Katalognummer
V107876
Dateigröße
484 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Achim von Arnims Werke lösten bei vielen Literaturkritikern gemischte Gefühle aus: auf der einen Seite wurde ihm abgesprochen überhaupt ein Künstler zu sein, während andere ihn zwar als begabten, jedoch nicht wirklich romantischen Dichter ansahen. 'Aus klassizistisch-realistischer Perspektive galt seine Kunst als unausgegorenes Übergangsphänomen zwischen Romantik und Realismus.' Diese Hausarbeit soll nun aufzeigen, daß Achim von Arnim sehr wohl als romantischer Dichter anzusehen ist. Es werden die gesellschaftlichen, philosophischen und literaturtheoretischen Strömungen seiner Zeit umrissen, und inwieweit diese seine Art zu erzählen beeinflussten, aber auch in welchen Punkten er sich davon abgrenzte. Auf dieser Grundlage soll anhand Arnims Erzählung 'Isabella von Ägypten. Kaiser Karls des Fünften Jugendliebe' ein Bild von ihm als romantischem Erzähler, mit seinen speziellen Eigenheiten, entstehen.
Schlagworte
Achim, Arnim, Erzähler
Arbeit zitieren
Marijana Prusina (Autor), 2002, Achim von Arnim - ein romantischer Erzähler, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/107876

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