Psychoanalytische Aspekte zur Entstehung dissozialen Verhaltens bei Jugendlichen


Seminararbeit, 2002

20 Seiten, Note: unbenotet


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Inhaltsverzeichnis

1 Grundannahmen der Psychoanalyse:
1.1 Instanzenmodell nach Freud
1.2 Die Entwicklungsphasen nach Freud
1.3 Entstehung des Gewissens

2 Störungen der Identifikation
2.1 Identifikation und Gewissensbildung
2.2 Die ICH-Entwicklung als Voraussetzung der ÜBER-ICH-Bildung
2.3 Probleme der ödipalen Identifikation

3 Literaturverzeichnis:

Psychoanalytische Kriminaltheorien

Ziel der Psychoanalyse ist es nicht, Menschen zu heilen, sondern ihnen zu zeigen, dass ihnen nichts fehlt. ( Adam Philips)

Begründer der Psychoanalyse ist Sigmund Freud, geboren 1856 in Freiberg, Nordmähren, starb 1939 in London, nachdem er als Jude Wien, wo er lange Jahre als Arzt tätig war, verlassen hatte.

1 Grundannahmen der Psychoanalyse:

Nur ein geringer Teil der seelischen Vorgänge, die im Menschen vorgehen, ist bewusst; die meisten Vorgänge gehen unter die Oberfläche des Bewusstseins zurück und spielen sich im Unbewussten und Vorbewussten ab.

Grundlegende Annahme der Psychoanalyse ist, dass bestimmte seelische Vorgänge und innere Kräfte – z. B. verbotene und bestrafte Wünsche, unangenehme Erlebnisse und Probleme – dem Bewussten verborgen, also „unbewusst“ sind, sich jedoch auf das individuelle Verhalten und die Entwicklung der Persönlichkeit nach ganz bestimmten Gesetzmäßigkeiten auswirken.

Freud sieht den Menschen als ein Wesen, dessen Verhalten durch Triebe erzeugt und gesteuert wird. Um diese Triebe möglichst umfassend zu befriedigen, wird das Verhalten eines Menschen in eine ganz bestimmte Richtung gelenkt. Die seelischen Kräfte und Motive, die das Verhalten einer Person steuern, sind dieser i. d. R. nicht bewusst.

1.1 Instanzenmodell nach Freud

Freud unterscheidet 3 Persönlichkeitsinstanzen: ES, ICH und ÜBER-ICH. Diese Instanzen entwickeln sich nacheinander in der frühen Kindheit.

Das ES ist vom 1. Lebenstag an vorhanden. Es ist die Instanz der Triebe, der Wünsche und der Bedürfnisse und kennt keine Wertungen, kein Gut und Böse und keine Moral. Das ES hat nur ein Ziel: Das Streben nach Befriedigung der Triebe, Wünsche und Bedürfnisse. Hier herrscht das „Lustprinzip“.

Das ICH entwickelt sich unter Einfluss der Außenwelt, die einer ständigen und sofortigen Bedürfnisbefriedigung im Wege steht.

Das ICH ist die Instanz der bewussten Auseinandersetzung mit der Realität. Hier sprechen wir vom „Realitätsprinzip“, es muss einen Kompromiss finden zwischen dem ES und den Anforderungen der Außenwelt und gibt uns die Fähigkeit, besonnen und vernünftig zu handeln.

Gebote, Verbote, Mahnungen, Belehrungen und dergleichen werden im Laufe der Entwicklung vom Kind übernommen und als richtig und wahr akzeptiert. Dadurch entwickelt sich das ÜBER-ICH. Es umfasst die Wert- und Normvorstellungen der Gesellschaft und führt das Verhalten und Handeln des ICH im Sinne der geltenden Moral. Hier herrscht das „Moralitätsprinzip“. Seine Funktion tritt im Konflikt mit dem ICH in Erscheinung, das ÜBER-ICH entwickelt Gefühle, die mit Gewissensregungen, vor allem dem Schuldempfinden, zusammenhängen.

Die drei Instanzen stehen in ständiger Wechselbeziehung, Mit- und Gegeneinander. Dies wird im folgenden Schaubild deutlich:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Im Mittelpunkt des Freudschen Persönlichkeitsmodells steht das ICH. Das ICH versucht, zwischen ES und ÜBER-ICH zu vermitteln und überprüft die Realität, ob eine Befriedigung möglich ist oder nicht. Vom ÜBER-ICH zugelassene Ansprüche werden vom ICH gesteuert und verwirklicht. Nicht zugelassene Wünsche müssen vom ICH abgewehrt werden.

Ansprüche vom ES, die nicht zugelassen werden können, lösen beim Menschen verschiedene Ängste aus. Um das zu vermeiden oder zu verringern, gebrauchen wir Abwehrmechanismen, z. B. Verdrängung, Projektion etc.

Eine Entstehung von seelischen Fehlentwicklungen ist dann gegeben, wenn ein Mensch fortwährend Abwehrmechanismen einsetzt. Dies führt zur Leugnung und Verfälschung der Realität, so dass es zu einem der Realität nicht angepasstem Verhalten kommt. Dies ist der Ausgangspunkt für seelische Fehlentwicklungen.

1.2 Die Entwicklungsphasen nach Freud

Alles Verhalten wird durch den Lebens- und Todestrieb erzeugt und gesteuert. Grundlage von Trieben ist eine psychische Energie, die sich beim Kind noch ungerichtet und völlig wahllos entlädt, im Laufe der Entwicklung jedoch in bestimmte Bahnen gelenkt wird. Die dem Lebenstrieb zugrunde liegende psychische Energie ist die „Libido“. Diese Quelle der Triebenergie ist angeboren. Der Mensch strebt nach Abfuhr der Triebenergie, er sucht Triebbefriedigung.

Die Abfuhr der Triebenergie wird in der frühen Kindheit über bestimmte Körperteile, den Mund, After und die Genitalien und alles, was mit dem betreffenden Körperteil unmittelbar in Zusammenhang steht, erreicht. Im Laufe der frühkindlichen Entwicklung dominiert jeweils einer dieser Körperteile; die Entwicklung der Libido verläuft in bestimmten Phasen, die nach dem jeweilig dominierenden Körperteil benannt sind:

Orale Phase: Reduktion der Triebspannung durch Stimulation des Mundes und alles, was mit ihm in Zusammenhang steht (Saugen, Schlucken, Beißen, Lutschen, Nahrungsaufnahme etc.). Vorherrschend sind Wünsche des Einverleibens; in dieser Phase wird die Beziehung zur Umwelt aufgebaut (optimistische, pessimistische Lebensgrundeinstellung)

Anale Phase: Reduktion der Triebspannung durch Stimulation der Afterregion. Vorherrschend sind Wünsche des Spielens mit den Ausscheidungsorganen, dem –produkt sowie des Gebens und Nehmens. In dieser Phase wird die Beziehung zum ICH, zur eigenen Person aufgebaut.

Phallische oder ödipale Phase: Reduktion der Triebspannung durch Betätigung an den Genitalien. Die geschlechtliche Andersgeartetheit kann beim Jungen eine Kastrationsangst, beim Mädchen einen Penisneid hervorrufen. Die Triebwünsche äußern sich vor allem im Begehren des gegengeschlechtlichen Elternteils („Ödipus-Konflikt“), dessen Bedeutung in der Identifizierung mit der jeweiligen Geschlechtsrolle liegt. Folgen eines nicht überwundenen Ödipus-Konfliktes (=“Ödipus-Komplex“) können Nichtbejahung der eigenen Geschlechtsrolle, keine Identifizierung mit dem eigenen Geschlecht oder sexuelle Probleme sein.

Die Entwicklung der Libido vollzieht sich nach einem eigengesetzlichen, genetischen Verlauf, und sie tritt nach der phallischen Phase in den Hintergrund (Latenzperiode). Mit Beginn der Vorpubertät erwacht sie wieder zu neuer Macht, kann aber jetzt nicht mehr nur zur Lust, sondern auch zur Fortpflanzung eingesetzt werden. Zudem tritt sie in den Dienst der menschlichen Partnerschaft außerhalb der Familie und wird somit eine wichtige Form sozialer Interaktion und Kommunikation.

Genitale Phase (Pubertät):

Nach einer sogenannten Latenzphase oder Ruhepause in den ersten Schuljahren kommt es mit der Pubertät dann zur genitalen Phase. Hier ist erst eine echte Sexualität des Menschen möglich. In den vorhergegangen Phasen war das Interesse des Kindes noch mehr oder weniger selbstbezogen oder narzisstisch. Erst in der genitalen Phase kann es zu sexuellen Begegnungen kommen, in denen Partnerschaft vorherrscht und nicht orale, anale oder ödipale Strebungen.

Wie der Mensch diese Phasen durchläuft, ist von seiner Umwelt, insbesondere von seinen Bezugspersonen und seiner Erziehung abhängig. Bei einer angemessenen, der Realität angepassten Befriedigung der für die einzelnen Phasen charakteris-tischen Triebwünsche ist eine seelisch gesunde Entwicklung gegeben. Werden die Wünsche und Bedürfnisse des Kindes in den jeweiligen Phasen nicht oder nur unzureichend befriedigt, so kommt es zu Triebfrustrationen, die eine Fixierung[1] oder eine Regression[2] bewirken, was zu einer abweichenden Persönlichkeitsent-wicklung führen kann. Fixierungen und Regression können auch eintreten, wenn die Wünsche und Bedürfnisse des Kindes über die Maßen hinaus befriedigt werden.

1.3 Entstehung des Gewissens

Definition des Begriffes: Das Präfix „Ge-“ war ursprünglich mit dem lateinischen „con“ (=mit) identisch. Gewissen ist also eine direkte Übersetzung des lateinischen conscientia und bedeutet demzufolge eigentlich „Mitwissen“. Hier wird der mythologische Gedanke der Entstehung deutlich: Gemeint war das „göttliche Mitwissen“. Oft wird das Gewissen als „innere Stimme“ wahrgenommen, wenn etwas Falsches getan wird. Dies ist wiederum abhängig davon, welche Werte die Gesellschaft hat und welche geltenden Moralvorstellungen übernommen werden.

Freud hat bereits in seinem Aufsatz „Zur Einführung des Narzissmus“ die Entstehung einer zensurierenden Instanz, die das Aktual-ICH am ICH-Ideal misst, geschildert. Die Anregung zur Bildung des ÜBER-ICHs geht von dem durch die Stimme vermittelten kritischen Einfluss der Eltern aus, an die sich erst später der Einfluss der Erzieher, Lehrer und anderer Personen angeschlossen hat.

Laut Freud bildet sich das ÜBER-ICH im Anschluss an die primäre Identifizierung des Kindes mit dem Vater und das infantile ICH stärkt sich für die Verdrängungsleistung, die von ihm erwartet wird dadurch, dass es dieselben Hindernisse, die ihm früher der Vater entgegengestellt hat, in sich selbst aufrichtet. Es lieh sich dazu gewissermaßen die Kraft vom Vater.

Das ÜBER-ICH erweist sich also als „Erbe des Ödipuskomplexes“. Die Spannung zwischen den Ansprüchen des ÜBER-ICH und den Leistungen des ICH wird als Schuldgefühl empfunden.

2 Störungen der Identifikation

2.1 Identifikation und Gewissensbildung

Die Identifikation mit den Eltern und anderen Pflegepersonen spielen für die Bildung von Charakter, ICH und ÜBER-ICH des Kindes eine zentrale Rolle. Von Art, Dauer, Intensität und Tönung der Identifikation scheint es abzuhängen, wie die Gewissensbildung sich vollzieht, welche Inhalte sich in ihr dauerhaft niederschlagen.

Die Bildung des ÜBER-ICH ist an eine Reihe von Voraussetzungen der ICH-Entwicklung gebunden. Hierbei ist die Bereitschaft und Fähigkeit zu stabilen Identifikationen unerlässlich.

Bei Delinquenten ist die Identifikation mit den Elternfiguren stark gestört oder nicht zustande gekommen. Die Fähigkeit zur Identifikation hängt davon ab, wie lohnend bzw. bedrohlich sie für das psychische Gleichgewicht des Kindes ist und welche Identifikationschancen ihm angeboten werden. Das ÜBER-ICH fehlt ganz oder wurde abgewehrt. Solide Identifikationen lassen sich nicht feststellen. Das ICH leistet eine verzweifelte Aktivität gegen die archaischen Fragmente des ÜBER-ICH. Diese Fragmente kann man mit den Begriffen „sadistisch“ oder „grausam“ umreißen.

Bei Kriminellen sind die Identifikation und das ÜBER-ICH entweder unterentwickelt, defekt, lückenhaft oder aber nur wirksam als isolierte, abgewehrte Fragmente, deren Realität an den panischen Aktivitäten des ICHs abgelesen werden kann.

Zur Darstellung der Probleme der Identifikation eignet sich die Theorie des Narzissmus.

Der Narzissmus schlägt eine Brücke zu den massiven Störungen im Verhältnis von „primärem“ und „sekundärem“ Narzissmus bei Delinquenten und den Störungen im Aufbau eines ICH-Ideals. Diese Störungen im Aufbau des ICH-Ideals hängen oft damit zusammen, dass das Kind seine Eltern idealisiert.

Nach Freud befindet sich ein Säugling im Zustand des „primären“ Narzissmus. Er hat eine glückliche Selbstzufriedenheit und empfindet Selbstliebe und ist zugleich sein eigenes Ideal. Gleichzeitig befindet er sich im Zustand der primären Identifikation mit der Mutter. Das Kind kennt noch keinen Unterschied zwischen ICH und Umwelt. Daher ist die Trennung zwischen ICH und Objekt für das Kind sehr schmerzlich. Sie geht einher mit Angst und dem Gefühl der Trennung und Zerstörung der Einheit. Bei dem Kind herrscht der mächtige Wunsch vor, sich an den ursprünglichen Zustand der Einheit wieder anzunähern.

Das Kind hat mehrere Techniken, um den ursprünglichen Zustand wieder herzustellen:

- Gehorsam und Einwilligung in die Forderungen der Eltern
- Identifikation mit den Eltern und Nachahmung

Freud sagte dazu: Der Mensch will die „narzisstische Vollkommenheit“ seiner Kindheit nicht entbehren, und wenn er diese nicht festhalten konnte (...) sucht er sie in der neuen Form des ICH-Ideals wieder zu gewinnen. Was er als Ideal vor sich projiziert, ist der Ersatz für den verlorenen Narzissmus seiner Kindheit, in der er sein eigenes Ideal war.“

Die erfolgreiche Aufrichtung eines narzisstisch besetzbaren ICH-Ideals ist nur durch „Introjektion“ positiver Elternbilder möglich. Das Wohlbefinden des Kindes hängt davon ab, in wieweit es sich dem ICH-Ideal annähert bzw. damit übereinstimmt. Nicht nur der Mangel eines verbietend-kontrollierenden ÜBER-ICHs, sondern der eines leitenden ICH-Ideals spielt eine bedeutende Rolle bei der Entstehung einer kriminellen Charakterstruktur. Das ICH kann sich lieben und sich selbst zustimmen nur in dem Maß, als es mit dem ICH-Ideal übereinstimmt. Das ICH-Ideal wiederum ist ein Ergebnis von der Identifikation mit Objekten, deren direkter erotischer Besitz aufgegeben werden muss. Dieses ICH erledigt die ersten und sicher auch spätere Objektbesetzungen des ES dadurch, dass es deren Libido ins ICH aufnimmt und an die durch die Identifikation hergestellte ICH-Veränderung bindet.

Identifikationen bewirken also ICH-Veränderungen in Richtung des ins ICH-Ideal aufgenommenen Objekts.

Hier findet man auch den Unterschied zwischen Narzissmus des Psychopathen und dem „sekundären“ Narzissmus. Der Narzissmus des Psychopathen bedeutet eine Fixierung an, bzw. eine Rückkehr zu primärer Selbstliebe ohne Umweg über verlässliche, in die Identifikation aufgenommene Objektbeziehungen.

Im Gegensatz dazu hat das ICH beim „sekundären“ Narzissmus eine libidonöse Bindung in eine Identifikation verwandelt. Liebe, die das Objekt besitzen will, wurde in Identifikation verwandelt. Dies wurde durch Versagungen ausgelöst. Wenn die Versagungen, die vom Objekt ausgehen, unerträglich sind, wird die Libido folgenlos für die ÜBER-ICH-Bildung vom Objekt abgezogen. Bleibt die positive Beziehung trotz der notwendigen Ambivalenzspannung, die durch die Versagungen erzeugt wird, erhalten, so kommt eine fortschreitende Internalisierung zustande.

Identifikation bedeutet neben der Erhaltung der Nähe und Übereinstimmung mit dem Objekt auch Angstminderung.

Je früher die Angst vor Liebesverlust eintritt, desto mehr ist es auch die Angst vor dem Aussetzen von Nahrung, Pflege und Gegenwart der Mutter. Wenn in dieser frühen Phase schwere Beziehungsstörungen auftreten kommt es zu einer „oralen Fixierung“ des Psychopathen und eine höhere Anfälligkeit für „orale Panik“ und extreme Frustrationsintoleranz.

Mit fortschreitender Erforschung des mütterlichen ÜBER-ICHs treten dessen schützende Aspekte in den Mittelpunkt. Schafer spricht hierbei von einem „liebenden und geliebten ÜBER-ICH“ im Gegensatz zum „feindseligen ÜBER-ICH“ von Freud. Schafer spricht ihm Schutz und Trostkraft zu. Schuldgefühle, die es erzeugt, wirken nicht nur destruktiv und ICH-einschränkend, sondern sind auch eine Warnung bei drohenden Gefahrensituationen. Das ÜBER-ICH ist hierbei leitend und schützend für das ICH.

Beim Psychopathen ist die liebevoll warnende Funktion des ÜBER-ICH nicht vorhanden, sondern das ÜBER-ICH ist „sadistisch“ ohne Vorwarnung und muss schon aus diesem Grunde abgewehrt werden.

Das ICH muss jedoch stark genug sein, die Warnungen des ÜBER-ICH positiv zu verstehen, denn das ICH von psychopathischen Kindern ist unfähig, Schuldge-fühle, soweit vorhanden, wahrzunehmen.

Schuldgefühle basieren auf der Spannung zwischen ICH und ICH-Ideal und sind ein Ausdruck einer Verurteilung durch seine kritische Instanz. Ist das NEIN des ICH-Ideals nicht absolut, ängstigend oder vernichtend, so bleiben die Schuldgefühle erträglich.

Die Einschätzung des ICH durch das ÜBER-ICH stellt eine Wiederholung der elterlichen Schätzung des Kindes dar. Dosierte Kritik und dosierte Versagung können integriert werden, Ablehnungen und Versagungen, die vom Kind nicht ausgeglichen werden können, setzen massive Abwehr in Gang.

„Die Einschätzung des ÜBER-ICHs kann als ein gelungener Fall von Identifikation mit der Elterninstanz beschrieben werden.“ (Freud)

Die ödipale Identifikation mit dem Vater stellt deren definitive Festigung dar.

In der ödipalen Phase entsteht für das Kind erneut eine psychische Gefahrensituation, in der die Identifikation mit dem Vater, da sie der einzige Ausweg aus profunder Angst und das einzige Mittel zur Erhaltung von Nähe und narzisstischer Übereinstimmung bedeutet, eine qualitativ andere Intensität annimmt.

Die Beziehung des Kindes zum Vater und zur Mutter läuft lange ungestört nebeneinander her, bis durch die Verstärkung der sexuellen Wünsche nach der Mutter und die Wahrnehmung, dass der Vater diesen Wünschen ein Hindernis ist, der Ödipus-Komplex entsteht. Die Vateridentifikation nimmt eine feindselige Tönung an. Da es aber unmöglich ist, eine den Vater ausschließende Beziehung zur Mutter zu haben, kann die Beziehung nur erhalten werden, wenn der Junge so wird, wie der Vater. Objektbesetzungen werden aufgegeben und durch Identifikationen ersetzt.

Die ödipale Identifikation könnte man also als eine Zusammenfassung und Festigung aller früheren Identifikationen sehen.

2.2 Die ICH-Entwicklung als Voraussetzung der ÜBER-ICH-Bildung

Die Identifikationen mit der Mutter dienen primär der ICH-Entfaltung. Man könnte sagen, die ICH-Identifikation findet mit der Mutter, die ÜBER-ICH-Identifikation findet mit dem Vater statt.

Die Mutter agiert als Organisator und Regulator der triebhaften Bedürfnisse des Kindes. Entscheidend für die Fähigkeit des Kindes, Triebziele durch ICH-Ziele zu ersetzen ist, wie die Mutter die Balance zwischen Abfuhr und Aufrechterhaltung der Spannung beeinflusst. Am störendsten wirkt sich hierbei die Inkosistenz von Härte und Verwöhnung aus, sowie bestimmte dauerhafte Charakterzüge der Mutter, wie z. B. primäre unverhüllte Ablehnung, ängstliche übertriebene Besorgnis, Feindseligkeit in Form von Ängstlichkeit, Schwanken zwischen Verwöhnung und Feindseligkeit, starke Stimmungsschwankungen und bewusst kompensierte Feindseligkeit. Hierdurch entsteht beim Kind die Unfähigkeit zu verlässlichen positiven Beziehungen, auf deren Basis Triebregulierung und Internalisierung von Forderungen möglich werden.

Solche Eigenschaften bedeuten schwere Gefahren für das psychische Gleichgewicht des Kleinkindes. Es antwortet mit primitiven Abwehrmechanismen, z. B. die Aufgabe der Beziehung selbst.

Die ICH-Identifikation des Kindes leiten sich eher von der Art der Mutter, bestimmte Dinge zu tun ab, als von ihren Verboten gegen das, was das Kind tun will. Diese Prozesse liegen lange vor der ÜBER-ICH-Ausbildung. Die ICH-Entwicklung ist an die früheren und „primitiveren“ Beziehungen des Kindes gebunden.

Die Stelle, an der im Prozess der ICH-Entwicklung sich die ersten Spuren einer verbal vermittelten ÜBER-ICH-Bildung zeigen, analysierte Spitz am Beispiel der Verarbeitung einer verbietenden Verneinung der Mutter durch das Kind.

Die Voraussetzung dafür ist eine bestimmte Stufe der ICH-Reifung: Das Kind muss semantische Gesten verstehen, d.h. die Grenzen zwischen ICH und NICHT-ICH müssen bereits abgesteckt sein.

Eine identifikationsverstärkende Tendenz ist, dass nicht nur das Kind die Erwachsenen nachahmt, sondern es ist auch umgekehrt der Fall. Spitz spricht hier von einer „Regression“ der Eltern, die elterlichen Identifikationen auf archaischer Ebene bilden eine Brücke, über die das Kind durch Umkehrung des Prozesses die Identifikation mit den Eltern vollziehen kann. Lerntheoretisch erklärt erfährt das Kind diese Rückidentifikation der Eltern als sekundäre Belohnung.

Das Kind hat schon vor Erwerb des ÜBER-ICHs Verständnis für Gebote und Verbote, sieht sie jedoch erst einmal als von außen auferlegte Einschränkungen. Zuerst empfindet es sie als undurchschaubare Widerstände, später jedoch als strukturierte Eingrenzungen.

Wenn sich das verbal und gestisch geäußerte NEIN der Mutter als „dauernde Gedächtnisspur“ konstituiert hat, kommt zur Bewältigung der Frustration ein dynamischer Faktor hinzu, denn die gefühlsbetonte Belastung der Versagungserfahrung erzeugt eine aggressive Besetzung aus dem ES, mit dem die Gedächtnisspur des Verbotes nun belegt wird. Hier spricht man dann von der „Identifikation mit dem Angreifer“, welche Freud als eine Vorstufe des ÜBER-ICHs bezeichnet.

Das Kind hat den Drang, sich – koste es, was es wolle – mit dem Liebesobjekt zu identifizieren. Dieser Drang ist so stark und spielt in den Objektbeziehungen so sehr die Hauptrolle, dass das Kind sich ohne Unterschied mit jeglichem Verhalten identifiziert, das es sich vom Liebesobjekt aneignen kann.

Der Identifikationsdrang des Kindes hängt davon ab, in welchem Maße das Objekt „Liebesobjekt“ ist. Das Kind versteht nicht, ob ein Verbot eines Erwachsenen aus Sorge für die Sicherheit des Kindes erfolgt oder aus Ärger, weil das Kind was Verbotenes tut. Das Kind hat allerdings bereits die Fähigkeit, zwei Affekte zu unterscheiden, den „für-„ und den „gegen-Affekt“. Es fühlt sich vom Liebesobjekt entweder geliebt oder gehasst.

Das Kopfschütteln als Nein-Geste hat das Kind schon früher rein imitatorisch erlernt. Mit dem Einsetzen erster Denkvorgänge kommt es zu einer Schwellensituation. Hier fällt die Entscheidung, ob mit der imitierten Geste des Kopfschüttelns auch deren Bedeutung verinnerlicht wird oder nicht. Überwiegt der negative Affekt der Ablehnung, kommt die Identifikation mit der Intention oder dem Wunsch des Objektes nicht zustande.

Der Psychopath verinnerlicht als kleines Kind nicht Kritik, sonder Verbote und den Globaleffekt des „gegen“. Und es kehrt nicht eine bestimmte Verletzung nach außen, sondern die globale Verletzung des „Gegen-es-seins“. Hier tauchen Zweifel auf, ob überhaupt Schuldgefühle involviert sind.

Laut Grossbard hat der Delinquente unwirksame ICH-Mechanismen und neigt folglich dazu, Konflikte eher auszuagieren als mit ihnen mit rationalen Mitteln oder durch Symptombildung umzugehen.

Hervorzuheben ist ebenfalls die mangelnde Sprachentwicklung bei Delinquenten.

Dies hebt die Sicherung der Distanz zwischen seinen Wünschen und ihrem Ausdruck auf. Die Möglichkeit, durch sprachlichen Ausdruck Hilfe zur Triebregulierung bei Erwachsenen zu suchen, wenn die Triebgefahr lokalisiert, benannt und kommuniziert werden kann, hat der Delinquente nicht. Die Benutzung des Erwachsenen als stützendes Hilfs-ICH hängt von Fähigkeit und Verständnis der Sprache ab.

Redl und Winemann beschreiben ein Therapieprogramm mit einer kleinen Gruppe von schwer aggressiven Kindern aus einem Slum.

Die Qualität der Bindung zwischen Kindern und Erwachsenen waren meist zerstört durch Ablehnung, die von offener Brutalität, Grausamkeit und Vernachlässigung bis zu Affektsperren auf seiten einiger Eltern und narzisstischen Absorption in ihre eigenen Interessen reichte. Die Kinder entfernten sich emotional von ihnen.

Bei Delinquenten liegt eine gestörte Aufgabe des ICHs, die Wertforderungen von innen, nicht nur die Realitätsdrohungen von außen zu registrieren, mit eigenen ÜBER-ICH-Forderungen realitätsgerecht umzugehen.

Psychopathische Entwicklungen scheinen sowohl bei starkem oralen wie analen Schädigungen möglich. Die Schwere wie die Richtung der Triebbefriedigung hängt jedoch vom Zeitpunkt des „Traumas“ ab. Die Frustrationsreaktionen in der oralen wie in der analen Phase sind verantwortlich für die Übersteigerung der narzisstischen Einschätzung des wachsenden ICHs. Dadurch wird die Kränkbarkeit und der Egozentrismus des Psychopathen erhöht und stört auch seine Fähigkeit zur freundlichen Identifikation mit Objekten. Des weiteren wird so Altruismus und die Liebesfähigkeit auf eine niedrige Stufe reduziert.

Ein Kind mit oralen Störungen aus massiven Frustrierungen, die einerseits Aggressionen hervorrufen, andererseits das ICH durch mangelnde Identifikationsmöglichkeiten schwächen, tritt in die Krisen der analen Phase bereits geschwächt ein, mit einer verminderten Frustrationstoleranz und einer bereits eingeleiteten Tendenz zur Triebentmischung.

Laut Anna Freud ist hier ein Gefahrenpunkt „die anal-sadistische Phase, wo einerseits die Aggression besonders stark ist, andererseits die libidonösen Beziehungen des Kindes zur Umwelt durch seine Ambivalenz bedroht sind. (...) Wo die Fusion zwischen Aggression und Libido sich nicht durch neue geglückte Objektbindungen wiederherstellt, geht der weitere Entwicklungsweg zur Verwahrlosung und Kriminalität.“

Es scheint, dass für Kinder mit den bisher beschriebenen Störungen die Identifikation mit dem Vater aus folgenden Gründen blockiert ist:

1. äußere Gründe: - Brutalität des Vaters - Ablehnung des Kindes
2. familiendynamische Gründe: - Streit der Eltern - Ablehnung des Vaters durch die Mutter
3. innere Gründe des Kindes: - Unfähigkeit zu oder Abwehr von neuen Objektbeziehungen - Störung der Identifikationsfähigkeit überhaupt.

2.3 Probleme der ödipalen Identifikation

In der ödipalen Entwicklungsphase lassen sich drei Identifikationstheorien erfassen:

1. Defensive Identifikation: So nennt man die Identifikation, die neben der Erhaltung der Beziehung zur Mutter der Bewältigung einer vom Vater ausgehenden Gefahr dient. Das Ausmaß der Identifikation hängt von der oft mehr befürchteten als wahrgenommenen Vergeltungsstrenge des Vaters ab.

2. Anaklitische Identifikation: Die anaklitische Identifikation wird als Kompensation eines partiellen Liebesverlustes durch Selbstangleichung an das Objekt und durch Übernahme seiner Verhaltensforderungen verstanden.

3. Die „Rollenübernahme“: Das Maß der Identifikation wird vom Wunsch (Neid-Identifikation) nach oder Neid auf Prestige, Macht und Einfluss des Modells abhängig gemacht. Die Identifikation ist am Höchsten, wenn der Vater gleichzeitig als Träger von Strafe und Belohnung erlebt wurde. Voraussetzung hierzu ist eine positive Beziehung zum Vater.

Idealtypisch wirken die defensive, anaklitische und die Neid-Identifikation um so mehr zusammen, je stärker die affektive Übereinstimmung zwischen den Eltern und zwischen Eltern und Kind ist.

Das erste Objekt anaklitischer Identifikation ist die Mutter. Daraus folgt: Der Junge, der am schnellsten reift, wird auch am weiblichsten in seiner Identifikation – oder wenigstens der Mutter ähnlich. Der Druck zur Männlichkeit muss groß sein, denn das ist letztlich das Ziel.

Nachdem die anaklitische Identifikation an der Mutter erlernt wird, wird sie auf den Vater angewandt. Das Kind muss sich erst als Junge oder Mädchen einstufen, so dass es seine eigene Konzeption der Geschlechterrolle und danach die Richtungen der Verhaltensänderungen bestimmen kann, die durch Umwelteinflüsse induziert werden.

Das Fundament der anaklitischen Identifikation mit dem Vater, auf das die ödipaldefensive Identifikation nach dem Bruch, also dem Identifikationstransfer von der Mutter zum Vater, zurückgreifen kann, ist umso stabiler, je geringer die Rollenaufteilung in der Erziehung war und je stärker sich der Vater am pflegenden Umgang mit dem Kind beteiligt hat, je mehr positive Kontaktchancen das Kind also mit ihm hatte. Ferner bedeutet das: Die Mutter muss aktiv dazu beitragen, die Identifikation des Kindes mit ihr „abzubrechen“.

Die Identifikation ist nicht möglich, wenn die erstens die Mutter den Vater als Schwächling ablehnt und die Identifikation mit dem Vater mit der Drohung von Strafe oder Liebesverlust einhergeht. Zweitens wenn der Vater ein brutaler Störenfried ist. Dann würde die ödipale Ambivalenz in direkten Hass umschlagen.

In der normalen Auflösung des Ödipus-Konfliktes wird der Hassanteil zugunsten der Identifikation verdrängt oder dem ÜBER-ICH als Energie zur Verfügung gestellt. Ist eine Identifikation nicht möglich, erfolgt eine völlig unzureichende Verarbeitung des Konfliktes, die Rivalität um die Mutter wird offen gelebt, sie wird verstärkt gelebt.

Ist der ödipale Hass, wie tendenziell bei der zu schwerer Delinquenz führenden Konstellation nicht verdrängt, so bedeutet Strafe dessen Steigerung. Schwäche oder Rückzug der positiven emotionalen Besetzung fördern die Triebentmischung, Aggression wird in reiner Form frei.

3 Literaturverzeichnis:

- Moser, Tilmann: Jugendkriminalität und Gesellschaftsstruktur, Hamburg 1978
- Reik, Alexander und Staub: Psychoanalyse und Justiz, Frankfurt 1974
- Heinemann, Rauchfleisch, Grüttner: Gewalttätige Kinder, Frankfurt 1992
- Rauchfleisch, Udo: Begleitung und Therapie straffälliger Menschen, Mainz 1991
- Altenthan, Dirrigl, Gotthardt, Hobmair, Höhlein, Ott, Pöll, Schneider: Pädagogik, Köln 1996
- Kühne, Gewicke, Harder-Kühne, Priester, Sudhues, Tiator: Psychologie für Fachschulen und Fachoberschulen, Köln 1993

[...]


[1] Fixierung = Steckenbleiben in einer Entwicklungsphase

[2] Regression = Zurückfallen auf eine bereits überwundene Entwicklungsstufe

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Details

Titel
Psychoanalytische Aspekte zur Entstehung dissozialen Verhaltens bei Jugendlichen
Hochschule
Universität Siegen
Veranstaltung
Seminar
Note
unbenotet
Autor
Jahr
2002
Seiten
20
Katalognummer
V107898
Dateigröße
505 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Psychoanalytische, Aspekte, Entstehung, Verhaltens, Jugendlichen, Seminar
Arbeit zitieren
Silke Schneider (Autor), 2002, Psychoanalytische Aspekte zur Entstehung dissozialen Verhaltens bei Jugendlichen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/107898

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