Machiavelli und die Republik


Hausarbeit, 2002

17 Seiten


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Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Leben Machiavellis

3. Machiavelli Sicht des Menschen und der Geschichte
3.1. Menschenbild
3.2. Machiavellis Geschichtsauffassung

4. Machiavellis Vorstellungen von der Republik
4.1. Die verschiedenen Staatsformen und der Kreislauf der Regierungen
4.2.1. Die Republik als beste Staatsform
4.2.2. Errichtung und Niedergang der Republik
4.2.3. Republik und Religion

5. Machiavelli ein Machiavellist?

6. Schlußbetrachtung

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Niccolo Machiavelli, vielleicht der umstrittenste, zweifelsohne aber einer der wichtigsten politischen Theoretiker des Mittelalters. Seine wichtigsten Werke „Il Principe“ und „Discorsi spora la prima deca de Tito Livio“ kurzgenannt „Discorsi“, in denen Machiavelli seine Ideen zur Herrschaftslehre und zum Staatsaufbau niederschrieb, spalten noch heute die Geister! Während er einerseits oftmals als klassischer Vertreter der republikanischen Denkweise betrachtet wird, wird der Name Machiavelli andererseits als Synonym für skrupellose Machtpolitik und Machtusurpation um jeden Preis benutzt.[1] Das geht so weit, daß das Wort Machiavellist oder Machiavellismus in der heutigen Zeit verbreitet als Schimpfwort betrachtet wird. Es gibt wohl kaum einen Politiker, der sich der demokratischen Tradition verpflichtet fühlt, der sich den Vorwurf gefallen lassen würde, ein Machiavellist zu sein! Doch woran liegt das? Als Henry Kissinger, ehemaliger Außenminister und einer der einflußreichsten Politiker der USA des 20. Jahrhunderts, 1972 in einem Interview mit The New Republic mit der Frage konfrontiert wurde: Ob er nicht bis zu einem gewissen Grade von Machiavelli beeinflusst sei? Antwortete er: „Nicht im geringsten.“[2] Doch was sind die Ursachen für diese ablehnende Haltung? Sind es wirklich nur die politischen Aussagen Machiavellis oder gibt es noch andere Gründe, warum er oftmals in ein schlechtes Licht gerückt wird?

In dieser Hausarbeit soll es vor allem darum gehen, wie sich Machiavelli die Republik, die er als die beste Staatsform ansieht, vorstellt. Es wird des weiteren der Frage nachgegangen, inwieweit der Vorwurf des Machiavellismus gerechtfertigt ist, und ob Machiavelli selbst überhaupt als Machiavellist bezeichnet werden kann. Zur Fertigstellung dieser Hausarbeit wurden vor allem natürlich die „Discorsi“, in einer Übersetzung von Friedrich von Oppeln-Bronikowski, verwandt, aber auch Arbeiten des bekannten Politikwissenschaftlers Herfried Münkler, sowie Wolfgang Kerstings.

2. Das Leben Machiavellis

Niccolo Pietro Michele Machiavelli wurde am 3. Mai 1469 als drittes Kind und erster Sohn des Notars Bernardo Machiavelli und seiner Ehefrau Bartolomea de’ Nelli in Florenz geboren.[3] Über seine Kindheit ist nicht viel bekannt. Sicher ist, daß er keiner besonders wohlhabenden Familie entstammte, aber trotzdem ist es dem Vater, trotz erheblicher Unkosten, gelungen, dem Sohn eine sehr gute Bildung, was damals die einzige Chance war, gesellschaftlich aufzusteigen, zu ermöglichen. Und der Sohn sollte es dem Vater bald danken. Denn bereits im Alter von 29 Jahren, wurde Niccolo Machiavelli am 19. Juni 1498 zum Sekretär der Zweiten Kanzlei und anschließend des Rats der Zehn in Florenz gewählt, von dem die Außen- und Verteidigungspolitik der Republik geleitet wurde.[4]

Das war der Startschuß für seine politische Karriere. Als diplomatischer Gesandter bereiste er unter anderem Frankreich und Deutschland, aber auch einen Großteil der italienischen Höfe. Auf seinen diplomatischen Missionen, die es ihm ermöglichten, viele bedeutende Führer und Persönlichkeiten seiner Zeit kennenzulernen und zu studieren, sammelte Machiavelli viele Erfahrungen über deren Charaktere und Führungsqualitäten. Besonders bedeutsam waren dabei die Begegnungen mit Cesare Borgia, der sich durch seine Skrupellosigkeit und äußerst aggressiv vorangetriebene Expansionspolitik innerhalb kürzester Zeit von einem eher unbedeutsamen Fürsten zu einem für Florenz ernst zunehmenden Machtfaktor entwickelt hatte. Diese Begegnungen mit Cesare Borgia haben im „Principe“ Spuren hinterlassen.[5] Aber nicht nur als Diplomat, sondern auch als Militärreformer machte er sich in der florentinischen Republik einen Namen. So gelang es ihm, Florenz militärisch unabhängiger von Söldnern, die er für uneinig, machtgierig, feige und disziplinlos hielt, zu machen, indem er ein florentinisches Volksheer aufstellte. Diesem Volksheer gelang es am 21. Mai 1509 Pisa einzunehmen. Dies war der größte politische Erfolg, den Machiavelli während seiner Sekretärszeit errungen hat.[6]

Im Jahre 1512, nachdem das Heer des Papstes Julius II. die Franzosen, den traditionellen Verbündeten von Florenz aus Norditalien vertrieben hatten, zerbrach die florentinische Republik und die Familie Medici übernahm die Macht in Florenz. Machiavelli verlor in Folge dessen alle seine politischen Ämter und schlimmer noch, wurde er wegen Verschwörungsverdachts gefoltert und inhaftiert, und schließlich aus Florenz verbannt. Die Amtsenthebung und Verbannung Machiavellis war die Voraussetzung dafür, daß aus dem rührigen und vielbeschäftigten Politiker jener Theoretiker werden konnte, der die Muße hatte, antike Autoren zu lesen und über die Grundprobleme von Politik und Geschichte nachzudenken.[7] Nach dem Ende seiner politischen Karriere begann die, aus heutiger Sicht, produktivste und denkwürdigste Schaffensperiode seines Lebens, in der er die Werke schrieb die ihn berühmt machten. 1513 vollendete er sein Werk „Il Principe“ und begann mit den „Discorsi“, die er 1522 fertigstellte. Doch diese Tätigkeit erfüllte ihn nicht. Sein Wunsch war es, in die aktive Politik zurückzukehren, und so versuchte er es immer wieder, die Gunst der Medici zu erlangen. „Il Principe“ spielte dabei eine Schlüsselrolle. Machiavellis größte Hoffnung war, daß diese Abhandlung dazu dienen könnte, ihm die Aufmerksamkeit der Herren Medici zu verschaffen.[8] Im Jahre 1520 erhielt er von den „Medici“ den Auftrag, die Geschichte der Stadt Florenz aufzuschreiben und ein Jahr später wurde er dann offiziell politisch rehabilitiert. Trotz dieser politischen Rehabilitation gelang es ihm nicht, seine politische Karriere unter den „Medici“ wieder anzukurbeln. 1527 tat sich Machiavelli dann unerwartet eine neue Chance auf. Am 16.Mai 1527, nachdem sich die Bürger von Florenz gegen die ungeliebten Herrscher aufbegehrt hatten und diese schließlich zu Fall brachten, wurde die alte republikanische Verfassung wieder in Geltung gesetzt.[9] Als sich aber Machiavelli für einen Posten in der neuen Regierung bewarb, wurde er als Medici-Sympathiesant abgelehnt. Kurze Zeit später starb er am 21. Juni 1527 nach kurzer Krankheit in Florenz.

3. Machiavelli Sicht des Menschen und der Geschichte

3.1. Menschenbild

Elementar wichtig zum Verständnis der politischen Theorie Machiavellis, ist dessen Bild vom Menschen. Aus den Anschauungen der damaligen Welt und dem Studium der antiken Geschichtsschreiber (vor allem Polybius und Livius ) entwickelte er eine neue Sicht der Welt, einer neuen Welt der Profanität.[10] Er geht auf Grund seiner geschichtlichen Analysen davon aus, daß die Natur des Menschen unveränderlich ist. Der Mensch hat, innerhalb des Laufes der Geschichte und unabhängig von den jeweiligen politischen Konstellationen, stets die gleichen Eigenschaften und Leidenschaften. Im Gegensatz zu vielen anderen Vertretern seiner Zeit, die ein optimistisches Menschenbild vertraten und den Menschen oft als frei, rational, kalkulierend und klug charakterisierten, vertrat Machiavelli eher ein düstereres, pessimistischeres Menschenbild. Vor dem Hintergrund der damaligen politischen Krise in Italien sind für ihn die Menschen vielmehr undankbar, korrumpierbar, verlogen, heuchlerisch, ängstlich, und raffgierig. Sie trachten stets nach dem eigenen Vorteil. Machiavelli sieht im Menschen ein seinen Begierde unaufhörlich expandierendes Triebwesen, das von seinen Leidenschaften rastlos vorangetrieben wird.[11] Besitz ist laut Machiavelli des Menschen höchste Gut und weit aus höher einzuschätzen als Ehre oder Familie, denn die Menschen vergessen rascher den Tod des Vaters als den Verlust ihres väterlichen Erbes.[12]

Die ambizione (der menschliche Ehrgeiz ) ist für ihn der Inbegriff für die menschlichen Leidenschaften und Begierden. Machiavelli setzt diesem Ehrgeiz den Begriffen Eigennutz und Selbstinteresse gleich. Die ambizione wohnt in jedem Menschen und tritt besonders in Zeiten der Krise zu Tage. Aufgrund ihrer prinzipiellen Grenzenlosigkeit und Unbefriedigbarkeit sind die ambizioni der Menschen eine Große Gefahr für die Erhaltung der politischen Ordnung, da sich diese zerstörerisch auf das Zusammenleben auswirken. Die ambizione ist durch die Unwandelbarkeit der menschlichen Natur tief im Menschen verwurzelt und muß daher durch Disziplinierung soweit eingeschränkt werden, daß eine gemeinschaftliche Existenz der Menschen möglich ist.

3.2. Machiavellis Geschichtsauffassung

Geschichte ist für Machiavelli kein linearer, fortschreitender sich ständig weiterentwickelnder Prozeß, sie stellt sich ihm vielmehr als das unablässige Durchlaufen eines ewigen Kreislaufs von Ordnung und Verfall, Verfall und Ordnung dar.[13]

,, In einem Kreislauf pflegen die meisten Staaten von Ordnung zu Unordnung überzugehn, um dann von der Unordnung zur Ordnung zurückzukehren. Denn da die Natur den menschlichen Dingen keinen Stillstand gestattet, so müssen sie notwendig abwärts steigen, nachdem sie den Gipfel der Vollkommenheit erreicht haben, so sie nicht ferner aufwärts zu steigen vermögen. Sind sie nun herabgestiegen und durch Zerrüttung aufs tiefste gesunken, so müssen sie, da ferneres Sinken unmöglich, notwendig wieder aufwärts steigen. So in stetem Wechsel geht es abwärts zum Bösen, aufwärts zum Guten. Denn Tugend zeugt Ruhe, Ruhe Trägheit, Trägheit Unordnung, Unordnung Zerrüttung , wie hinwieder aus der Zerrüttung Ordnung entsteht, aus der Ordnung Tugend, aus der Tugend Ruhm und Glück."[14]

Im Lauf der Menschheitsgeschichte wiederholen sich, seiner Meinung nach, immer wieder die gleichen Situationen, Probleme und die daraus resultierenden Handlungsstrukturen. Er begründet dies unter anderem mit der Unwandelbarkeit der menschlichen Natur. Daher kann man laut Machiavelli nichts grundsätzlich Neues, Evolutionäres, von der Geschichte erwarten, sondern nur Wiederholungen. Machiavelli geht sogar soweit, zu behaupten, daß man historische Ereignisse als Beispiele nutzen kann, aus denen politisch verwertbare Handlungsweisen gezogen werden können.

„Wer also sorgfältig die Vergangenheit untersucht, kann leicht die zukünftigen Ereignisse in jedem Staate vorhersehen und dieselben Mittel anwenden, die von den Alten angewandt wurden, oder wenn er keine angewandt findet, kann er bei der Ähnlichkeit der Ereignisse neue ersinnen."[15]

4. Machiavellis Vorstellungen von der Republik

4.1. Die verschiedenen Staatsformen und der Kreislauf der Regierungen

Im zweiten Kapitel des ersten Buches der „Discorsi“ beschäftigt sich Machiavelli mit dem Kreislauf der für ihn existenten Regierungsformen und mit der Entstehung dieser Formen. Wie Aristoteles unterscheidet auch Machiavelli grundsätzlich sechs verschiedene Regierungsformen. Dabei unterscheidet er die drei guten, dem Gemeinwohl nutzenden, Monarchie, Aristokratie und Demokratie und die drei schlechten, dem Gemeinwohl schadenden, Tyrannis, Oligarchie und Anarchie. Laut Machiavelli sind diese Regierungsformen durch Zufall entstanden.

„Im Anfang der Welt, als die Menschen noch spärlich waren, lebten sie zerstreut wie die Tiere. Später, als ihr Geschlecht sich vermehrte, schlossen sie sich zusammen und begannen, um sich besser verteidigen zu können, den Stärksten und Tapfersten unter ihnen zu achten, machten ihn zu ihrem Oberhaupt und gehorchten ihm.“[16]

Dies war für Machiavelli die Geburtsstunde der Monarchie, eine der drei guten Regierungsformen. Gesetze wurden erlassen, um Schlechtes zu vermeiden, und nach und nach entwickelte sich der Begriff der Gerechtigkeit. Es entwickelte sich eine juristische Ordnung und der Fürst war der Vernünftigste und Gerechteste. Doch diese Monarchie entartete bald zur Tyrannis. Den Grund sieht er im Übergang von der Wahlmonarchie zur Erbmonarchie. Durch die Erbfolge wurde nicht mehr unbedingt der Fähigste zum Oberhaupt der Regierung. So konnte auch ein zügelloser, prunksüchtiger Herrscher an die Macht gelangen, der sich nur noch durch Gewalt und Unterdrückung dem ihm entgegengebrachten Haß seines Volkes erwehren konnte. Diese Erbfolge ist das Übel, das für Machiavelli den Zyklus der Regierungsformen auslöst. Der für ihn nächste logische Schritt ist der Sturz des Tyrannen, angeführt durch die großmütigsten, hochherzigsten, reichsten und vornehmsten Persönlichkeiten des Volkes, die nach erfolgreichem Sturz des Tyrannen die Regierung bildeten, und den Staat im Interesse des Gemeinwohls führten. Die Aristokratie war entstanden. Doch auch diese Regierungsform kann sich seiner Meinung nach nicht lange halten. Grund dafür ist wiederum die Schlechtigkeit des Menschen.

„ Dann aber ging die Regierung auf ihre Söhne über, die den Wechsel des Glücks nicht kannten und nie das Unglück erfahren hatten. Sie wollten sich mit der bürgerlichen Gleichheit nicht begnügen,“ (...) „und machten die Herrschaft der Vornehmen zur Herrschaft der Wenigen, ohne irgendwelche Rücksicht auf die bürgerlichen Rechte.“ [17]

Die aus der Aristokratie entstandene Oligarchie ist laut Machiavelli ähnlich schnell durch Sturz dem Untergang geweiht, wie die Tyrannis. Die seiner Meinung nach darauf folgende Regierungsform ist die Demokratie, die Herrschaft des Volkes, da sich das Volk aufgrund der schlechten Erfahrungen weder durch einen Fürsten noch durch einige Wenige regieren lassen will. Wieder war diese Regierungsform eine Zeit lang stabil und erfolgreich, aber nur so lange bis „das Geschlecht, das sie eingeführt hatte’, ausgestorben war.“[18] Danach griff wieder Zügellosigkeit um sich, und die Demokratie entartete nach und nach zur Anarchie, die durch Rücksichtslosigkeit geprägt war, und in der, jeder nach seiner Art, lebte. Um dieser Anarchie zu entgehen, kam es folglich wieder zur Herrschaft eines redlichen Fürsten, folglich wieder zur Monarchie. Damit ist der Kreis geschlossen, und der Zyklus beginnt von vorne. Nach Machiavellis Meinung sind daher alle sechs Regierungsformen verderblich. Dies begründet er mit der Kurzlebigkeit der drei Guten und der Schlechtigkeit der drei Anderen. Der Motor dieses Kreislaufes der Geschichte ist die virtu (politische Tüchtigkeit), genauer: der Prozeß ihres Verfalls und ihrer Wiedergewinnung.[19]

4.2.1. Die Republik als beste Staatsform

Eines der wichtigsten politischen Ziele Machiavellis, wenn nicht das wichtigste, ist die Stabilisierung und Sicherung der Ordnung im Staat. Seiner Meinung nach ist nur die Republik dazu in der Lage, den bereits genannten verhängnisvollen Kreislauf der Verfassungen zu durchbrechen. Er sieht in der Republik eine Mischverfassung aus Monarchie, Aristokratie und Demokratie.

„Nach meiner Meinung sind alle diese Staatsformen verderblich, die drei guten wegen ihrer Kurzlebigkeit und die drei anderen wegen ihrer Schlechtigkeit. In Erkenntnis dieser Mängel haben weise Gesetzgeber jede von ihnen an sich gemieden und eine aus all den dreien zusammengesetzte gewählt. Diese hielten sie für fester und dauerhafter, da sich Fürsten-, Adels- und Volksherrschaft, in ein und demselben Staat vereinigt, gegenseitig überwachen.“[20]

Machiavelli orientiert sich in den „Discorsi“, seinen Abhandlungen über die republikanische Ordnung, am Beispiel Roms. Das monarchische Element bildet dabei der Konsul oder der König. Das aristokratische Element bildet der Senat, in dem die ehrenwerten und wohlhabenden Bürger vertreten sind, und das demokratische Element bildet der Volkstribun. Somit sind alle Schichten vertreten. Da die Mischverfassung sowohl der quasi-naturgesetzlichen Zyklizität der Geschichte als auch dem politischen Imperativ der Selbsterhaltung der politischen Gemeinschaft entsprach, glaubte Machiavelli, die Lösung der verfassungspolitischen Probleme von Florenz gefunden zu haben.[21] Die gegenseitige Kontrolle der drei Elemente verhilft der Republik zur Stabilität, und sichert die Freiheit des Einzelnen, da ein zu starker Machtzuwachs eines der drei Elemente verhindert wird. Damit wird auch dem drohenden Umkippen in das jeweilige schlechte Gegenstück vorgebeugt.

Die politische Beteiligung aller in der Republik ist ein weiterer Stabilität fördernder Aspekt, denn dadurch steht, anders als zum Beispiel in einer Monarchie, der Regierung eine Vielzahl von klugen Köpfen mit verschiedenen Fähigkeiten zur Verfügung, die der Republik gleichzeitig ein Höchstmaß an virtu zusichert. Durch dieses Höchstmaß an virtu ist die Republik stark und handlungsfähig und somit unabhängiger von fortuna (Göttin des Schicksals und des Glücks ). Zusätzlich wird den ambizioni der Menschen durch Beteiligung an der Macht Genüge geleistet.

Aber die von Machiavelli eher als destruktiv beschriebenen, ambizioni der Menschen können in einer Republik auch zu Gunsten der Machterweiterung genutzt werden. Es besteht die Möglichkeit, durch eine expansive Politik, die ambizioni der Menschen von innen nach außen zu lenken, und so im Inneren Ruhe zu schaffen. Um diese expansive Politik zu ermöglichen, und den Schutz vor äußeren Kräften zu gewährleisten, muss sich die Republik bewaffnen, bedarf es einer buona milizi, einer ausgezeichnet organisierten und schlagkräftigen Bürgerwehr, tapferer und aufopferungsbereiter patriotischer Bürger und vortrefflicher Militärs.[22] Krieg ist für Machiavelli nicht nur ein legitimes Mittel im Verteidigungsfall, auch der Angriffskrieg ist für ihn Mittel der Politik.

„Ein Gemeinwesen mit einer freien Verfassung hat zwei Ziele; das eine ist neues Land zu erobern, das andere, seine Freiheit zu erhalten.“

Die Republik sollte also laut Machiavelli nach innen stabil und nach außen expansionsfähig sein.

4.2.2. Errichtung und Niedergang der Republik

Ausgehend von Machiavellis Geschichtsauffassung und dessen daraus abgeleiteten zyklischen Kreislauf der Regierungsformen, ist es nur möglich, in Zeiten der politischen Krise, eine Herrschaftsform zu überwinden und eine neue zu etablieren. Auch bei der Errichtung der Republik ist das nicht anders. Machiavelli bezweifelt allerdings, dass eine Republik von Republikanern errichtet werden kann. Er geht vielmehr davon aus, dass es zur erfolgreichen Errichtung einer Republik eines „Zwingherrn zur Republik“ bedarf.[23] Er ist der Meinung, dass einer alleine dazu in der Lage ist, einen Staat zu gründen, da durch die Meinungsvielfalt mehrerer mit virtu gesegneter Persönlichkeiten zu viel Unordnung entsteht. Frei nach dem Motto: „Zu viele Köche verderben den Brei.“ Nur ein Mann mit einem Höchstmaß an virtu kann die politische Krise überwinden.

„Wo die Menschen verderbt sind, daß die Gesetze zu ihrer Bändigung nicht ausreichen, da muß man ihnen durch eine höhere Gewalt Geltung verschaffen. Das aber vermag nur die Hand eines Königs, die der übermäßigen Herrschsucht und der Verderbtheit der Mächtigen mit unumschränkter Gewalt entgegentritt.“[24]

Nach Machiavellis Überzeugung kann nur der uomo virtuoso, ein kühner, entschlossener und kluger Mann mit außergewöhnlichen Charaktereigenschaften, die Krise überwinden. Seine Aufgabe ist es, die Macht an sich zu reißen und diese zu verteidigen, um nach und nach die Ordnung wieder herzustellen. Zur Wiederherstellung der Ordnung muss er sich skrupellos und ohne Moral aller ihm zur Verfügung stehenden Mittel bedienen. Nach Überwindung der Krise und Wiederherstellung der Ordnung durch den uomo virtuoso kommt es zur Verfassungs- und Gesetzgebung, und es bildet sich eine Gemeinschaft heraus. Werden die erlassenen Gesetze geachtet, ist kein uomo virtuoso mehr von Nöten. Deshalb sollte er, laut Machiavelli, an diesem Punkt nach und nach seine Macht zu Gunsten der Gemeinschaft abgeben. Folgerichtig ist es, die Funktion des uomo virtuoso in Machiavellis politischer Theorie, sich selbst überflüssig zu machen.[25] Durch die schrittweise Machtabgabe an die Gemeinschaft entwickelt sich mit der Zeit ein republikanisches und selbsterhaltungsfähiges Gemeinwesen, das sich immer mehr verfestigt und die Entstehung einer stabilen Republik zur Folge hat. Diese stabile Republik ist für Machiavelli beste Staatsform, doch auch sie unterliegt dem Kreislauf der Geschichte. Nach der Konsolidierung und einer Phase der Ruhe, kommt es zur langsamen Auflösung des republikanischen Gemeinwesens durch einen sittlich-politischen Zerfall, und somit zum Zerfall der institutionellen Ordnung. Endergebnis ist wieder die politische Krise, in der die Rückkehr eines uomo virtuoso wieder erforderlich wird.

4.2.3. Republik und Religion

In vielen Kapiteln der „Discorsi“ befasst sich Machiavelli mit der Religion, nicht weil er ein besonders frommer Mensch gewesen wäre, sondern weil er die Wichtigkeit der Religion für die Politik erkannt hatte. Er sieht die Religion als Mittel der Politik, mit dem sich die Stabilität der Republik, Machiavellis Hauptziel, stärken läßt. Wie wichtig die Religion für die Politik ist, zeigt seiner Meinung nach die Geschichte Roms.

„Bei aufmerksamen Lesen der römischen Geschichte wird man stets finden, wie sehr die Religion zum Gehorsam im Heere, zur Eintracht im Volke , zur Erhaltung der Sittlichkeit und zur Beschämung der Bösen beitrug.“[26]

Durch die Gottesfurcht des Menschen ist die Religion für ein sehr wichtiges politisches Werkzeug. Mit ihrer Hilfe lassen sich die Menschen sowohl inspirieren als auch disziplinieren. Die Religion stärkt das Gemeinwesen einer Gesellschaft, indem es ihr ein einheitliches Wertesystem verschafft. Machiavelli erkannte die umfassende erzieherische Funktion der Religion, die den Menschen zum Bürger macht, in ihm politisches Engagement und patriotische Gefühle weckt.[27] Die Religion ist seiner Meinung nach also durchaus etwas Gutes, man muß sie daher fördern und stärken, aber nicht weil sie wahr ist, sondern weil man mit ihr politische Ziele erreichen kann. An der Wahrheit der Religion ist er also nicht interessiert, und daher ist es auch völlig unwichtig, um welche Religion es sich handelt. Diese Bedeutungslosigkeit der religiösen Inhalte und die reine Nutzung der Religion als politisches Mittel bedeutet eine völlige Unterordnung der Religion unter die weltliche Gewalt.

Machiavelli ist zwar grundsätzlich für Religion, das Christentum allerdings eignet sich seiner Meinung nach nicht dazu, es als politisches Werkzeug zu nutzen, da es zu Spaltung und Sektenbildung tendiere. Außerdem lenke es durch seine Jenseitsorientierung von den Erfordernissen der weltlichen Dinge ab und stellt das Heil des Einzelnen über das politische Wohl des Vaterlandes.[28] Diese Ablehnung des Christentums geht so weit, daß er im ersten Buch der „Discorsi“ der römischen Kirche die Schuld, für die politische Krise des damaligen Italiens gibt.

„Gewiß war noch nie ein Land einig oder glücklich, wenn es nicht ganz einer Republik oder einem Fürsten gehorchte, wie z.B. Frankreich und Spanien. Wenn Italien nicht in der gleichen Lage ist und nicht gleichfalls von einer Republik oder einem Fürsten regiert wird, so ist einzig die Kirche daran Schuld.“[29]

5. Machiavelli ein Machiavellist?

Nachdem man sich etwas genauer mit den „Discorsi“ , in denen Machiavelli seine Vorstellungen zum Staat äußert, beschäftigt hat, stellt sich automatisch die Frage, warum dieser Staatstheoretiker bis heute einen so schlechten Ruf hat? Und inwieweit Machiavelli überhaupt ein Machiavellist war? Ein Machiavellist ist ein Anhänger des Machiavellismus, der die politische Lehre und Praxis ist, in der die Politik den Vorrang über die Moral erhält. Kurz gesagt, eine durch keine Bedenken gehemmte Machtpolitik.[30]

Es ist sicherlich richtig, daß Machiavelli vor allem im „Il Pricipe“ den Fürsten als einen Führer beschreibt, wenn nötig, grausam und ohne Rücksicht auf jegliche Moral handeln muß. Mann darf daraus jedoch nicht schließen, daß Machiavelli ein reiner Verfechter dieser brutalen Politik wäre. Vielmehr muß man den geschichtlichen Kontext beachten vor dem Machiavelli seine Werke verfaßt hat. In einer Zeit nämlich, in der Italien zersplittert war, stark von ausländischen Machten (Frankreich, Spanien) beeinflußt wurde, und dabei moralisch immer mehr verrohte, sehnte er sich nach einem starken und geeinten Italien nach dem Vorbild Roms. Nur durch die starke Hand eines starken Fürsten, eines uomo virtuoso, der die Ordnung und die Stabilität wiederherstellen sollte, war Italien seiner Meinung nach aus der Krise zu führen. Wie oben bereits erwähnt, ist den „Discorsi“ zu entnehmen, daß der uomo virtuoso nach Wiederherstellung der Ordnung nach und nach seine Macht abgibt, und die Republik entstehen soll. Dadurch wird deutlich, daß Machiavelli die Herrschaftsform von der jeweiligen politischen Situation abhängig macht.

Daraus ergibt sich der Rückschluß, daß man Machiavelli zwar durchaus als Befürworter der Willkürherrschaft ansehen kann, allerdings darf man dabei nicht vergessen, daß er diese Willkürherrschaft nur in bestimmten politischen Situationen, in Zeiten der Krise für sinnvoll hält. Ihn allein also auf einen Befürworter von skrupelloser Machtpolitik zu beschränken, ist daher falsch. Zu diesem Urteil gelangt man allerdings nur, wenn man die Werke „II Pricipe“ und „Discorsi spora la prima deca de Tito Livio“ nicht als unabhängig von einander geschriebene Werke betrachtet.

Es läßt sich also erkennen, daß Machiavelli im eigentlichen Sinne kein Machivellist war; gleichwohl hat er allerdings mit seinem Werk „II Pricipe“ den Grundstein für den Machiavellismus gelegt.

6 . Schlußbetrachtung

Wie in der Arbeit dargelegt, war Machiavelli ein Theoretiker, der mit seinen Werken versuchte, eine pragmatische Anleitung für Politik zu geben, die das Ziel verfolgt, den Staat zu stabilisieren und die Ordnung aufrecht zuhalten. Vor dem Hintergrund der damaligen Krise in Italien, ist das sicherlich nicht verwunderlich. Aus diesem Grund verfaßte er seine Schriften.

Zwar war die Republik für ihn prinzipiell die beste Staatsform, dennoch darf man in ihm nicht einen Vordenker des Liberalismus oder des heutigen Demokratieverständnisses sehen. Denn Machiavelli stellte zum einen die Interessen des Staates über die persönlichen Bedürfnisse und Interessen des einzelnen, zum anderen war die Republik, ganz nach dem Vorbild Roms, voll auf Expansion gerichtet, das mit dem heutigen eher friedensstiftenden Demokratieverständnis Europas kaum vereinbar ist.

Es konnte in dieser Arbeit auch dargelegt werden, das Machiavelli selbst nicht im eigentlichen Sinne ein Machiavellist gewesen ist, dennoch steht sein Name noch heute in einem schlechten Licht. Man muß sich also die Frage stellen, ob das nur an einer einseitigen Interpretation seiner Schriften liegt, oder nicht vielmehr auch daran, daß sich im Laufe der Geschichte immer wieder eher zweifelhafte Persönlichkeiten wie zum Beispiel Mussolini auf Machiavellis Schriften berufen haben. Sicher ist indes nur eins, daß Machiavelli auch zukünftig noch die Geister spalten wird.

7. Literaturverzeichnis

Blickle Peter/Moser Rupert (Hrsg.): Traditionen der Republik – Wege zur Demokratie, Bern 1999

Flasch Kurt: Das philosophische Denken im Mittelalter (von Augustin bis Machiavelli, Stuttgart 1986

Günther Horst (Hrsg.): Machiavelli Discorsi (übersetzt von Friedrich von Oppeln-Bronikowski), Frankfurt/M./Leipzig 2000

Kersting Wolfgang: Niccolo Machiavelli, 2. Auflage, München 1998

Münkler Herfried: Machiavelli (Die Begründung des politischen Denkens der Neuzeit aus der Krise der Republik Florenz), Frankfurt/M. 1984

Oberndörfer Dieter/Rosenzweig Beate (Hrsg.): Klassische Staatsphilosophie (Texte und Einführungen von Platon bis Rousseau), München 2000

Skinner Quentin: Machiavelli zur Einführung, 2. Auflage, Hamburg 1990

Wiss. Rat d. Dudenred. (Hrsg.): Duden (Das Fremdwörterbuch), 5. Auflage, Mannheim 1990

[...]


[1] Dieter Oberndörfer/Beate Rosenzweig, Klassische Staatphilosophie: Texte und Einführungen von Platon bis Rousseau, München 2000, S.135

[2] Ouentin Skinner, Machiavelli zur Einführung, 2. Auflage, Hamburg 1990, S.12

[3] Wolfgang Kersting, Niccolo Machiavelli, 2. Auflage, München 1998, S.13

[4] Herfried Münkler, Machiavelli Die Begründung des politischen Denkens der Neuzeit aus der Krise der Republik Florenz , Frankfurt/M., S.10

[5] Kersting S. 19

[6] Kersting S.17

[7] Münkler S.11

[8] Skinner S.43

[9] Kersting S.27

[10] Kurt Flasch, Das politische Denken im Mittelalter, Von Augustin zu Machiavelli, Stuttgart 1986, S.575

[11] Kersting S.36

[12] Oberndörfer/Rosenzweig S.144

[13] Münkler S.338

[14] Kersting S.62

[15] Horst Günther (Hrsg.), Machiavelli Discorsi, übersetzt von Friedrich von Oppeln-Bronikowski, Frankfurt/M. Leipzig 2000 S.118

[16] ebd., S.21

[17] ebd., S.22

[18] ebd., S.23

[19] Münkler S. 369

[20] Günther S.23

[21] Münkler S. 377

[22] Kerdting S.138

[23] Herfried Münkler, Republikanismus in der Renaissance, in: Peter Blickle/Rupert Moser (Hrsg.), Traditionen der Republik – Wege zur Demokratie S.59

[24] Günther S.155

[25] Münkler S. 366

[26] Günther S. 53

[27] Kersting S.150

[28] ebd S.151

[29] Günther S.58

[30] vgl., Wiss. Rat der Dudenred. (Hrsg.), Duden, das Fremdwörterbuch, 5. Auflage, Mannheim 1990, S. 470

17 von 17 Seiten

Details

Titel
Machiavelli und die Republik
Hochschule
Universität Rostock
Autor
Jahr
2002
Seiten
17
Katalognummer
V107960
ISBN (Buch)
9783640143108
Dateigröße
540 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Machiavelli, Republik
Arbeit zitieren
Carsten Socke (Autor), 2002, Machiavelli und die Republik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/107960

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