Joseph de Maistre Und John S. Mill: Ein Diskurs über die beste Regierungsform


Seminararbeit, 2003

11 Seiten


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Gliederung

1. Einleitung

2. Joseph de Maistre

3. John Stuart Mill

4. Resümee

Literaturliste

1. Einleitung

Den Menschen und ihre Ethik ins Zentrum von Machtstrukturen zu stellen, war der tragende Gedanke der frühen liberalen Denker. Getrieben von dem Wunsch die beste Regierungsform für die sich emanzipierenden europäischen Nationen zu finden, formulierten sie Gesellschaftsmodelle die den Wandel von totalitär-autoritären Regimes hin zu Demokratien verlangten. Die beste Regierungsform müsse auf der Grundlage der Gleichheit der Bürger, die Freiheit als notwendige Bedingung sichern und nach dem größten Wohlstand für die größte Zahl streben. Ihre Ideen wurden zu Leitmotiven großer Bewegungen die sich zum Ziel gesetzt hatten die starren hierarchischen Strukturen der Monarchie zu beseitigen und eine gerechtere, pluralistische Staatsform an ihre Stelle treten zu lassen.

Ketzerisch klangen diese Ideen in den Ohren der der Monarchie zugewandten Eliten. Die Liberalen mit ihrem Glauben an die pluralistische Gesellschaftsform erschienen ihnen als Phantasten, die einer Idee nacheiferten, die die Überlebenschancen eines so gestalteten Staates gegen null tendieren ließen. Chaos und Verderben würde sich über die Menschen ausbreiten, nur ein Herrscher von Gottes Gnaden, ausgestattet mit absoluten Machtbefugnissen könne so ein Desaster verhindern.

Zwischen diesen beiden Denkrichtungen entbrannte ein unerbittlicher Kampf, denn der Sieg der einen Partei würde unweigerlich zur Verdammung der anderen führen. Um die auf Papier geführten Feldzüge für oder gegen den Liberalismus zu illustrieren habe ich jeweils einen schwergewichtigen Vertreter der jeweiligen Position ausgesucht, um in einem Diskurs der beiden Parteien die Hauptargumente herauszuarbeiten.

2. Joseph de Maistre

Joseph de Maistre gilt als einer der ersten und stärksten Gegner liberalen Denkens. Keiner habe mehr Waffen in das Arsenal der Antiliberalen Kämpfer eingeführt wie de Maistre, schreibt Isaiah Berlin in seiner Untersuchung „Joseph de Maistre und die Ursprünge des Faschismus“. Maistres ganze Gesellschaftstheorie ist als ein Bollwerk gegen den Liberalismus gedacht. Er hielt die Vorstellungen der liberalen Denker für abwegig und verachtenswert. Sie würden mit grundsätzlich falschen Annahmen die Menschen geradewegs in die Anarchie treiben, denn Demokratie sei nichts anderes als Anarchie.

Der Mensch sei frei, verkündeten die Liberalen, aber diese Behauptung ist schlichtweg absurd für de Maistre, da er doch überall sichtbar in Ketten liegt. „ Das Gegenteil dieser verrückten Behauptung: Der Mensch ist frei geboren trifft zu.“[1] Die Liberalen haben das menschliche Wesen nicht erkannt, wie sonst könnten sie behaupten der Mensch sei von Natur aus gut, dabei ist es doch allzu offensichtlich, dass dies nicht stimmen kann. In Wirklichkeit sei der Mensch von Natur aus böse und dies lasse sich nicht durch Erziehung oder Aufklärung ändern. „ L’ homme est mouvais, horriblement mouvais.“[2] Der Mensch ist irrational, willensschwach, gespalten und kurzsichtig. Die Liberalen sehen dies jedoch nicht und folgen der Illusion eines freien, rationalen, guten und gleichen Menschen. Allein die Vorstellung eines gleichen Menschen sei nicht haltbar. „ Nun gibt es auf der Erde keinen Menschen schlechthin. Ich habe in meinem Leben Franzosen, Italiener, Russen usw. gesehen […] Den Menschen aber erkläre ich, nie in meinem Leben gesehen zu haben[…].“[3] Maistre fragt sich wie Herrschaft in einer Demokratie funktionieren soll wenn die Beherrschten sich gegenüber dem Herrscher für gleichberechtigt halten.

Er ist der festen Überzeugung, dass der Mensch Autorität, Religion und Gemeinschaft braucht. Autorität weil dies die Voraussetzung für gesellschaftliche Ordnung sei.Der Mensch müsse sich einem Monarchen unterwerfen, denn„der Mensch ist für die Monarchie geschaffen“[4]. Jegliche Kritik am Herrscher führe zu Chaos und zur Zerstörung des Staates. Wie soll regiert werden, wenn die Entscheidungen des Staates stets der Prüfung unterzogen werden? Ein Staat kann auf solch einer Grundlage nicht funktionieren und bedarf, ja ist angewiesen auf einen absolutistischen Herrscher, dessen Wort strikt und ausnahmslos befolgt wird. Öffentliche Debatten sind Gift für eine stabile Herrschaftsform.„Sie zu vernichten kommt auf dasselbe heraus, wie sie jedem Individuum zur Diskussion freizustellen.“[5] Der Monarch ist die Quelle aus dem die Gesellschaft mitsamt der Moral entspringt. Die Monarchie abschaffen bedeutet die Menschheit ins Chaos stürzen. Der einzelne Mensch ist zu sündhaft, zu schwach um sich selbst zu regieren. Herrschaft entsteht erst dadurch, dass einer über den anderen gebieten kann. „Das Volk ist der Souverän, sagt man. Und von wem? Von sich selbst offenbar. Das Volk ist also Subjekt. Es gibt hier eine Zweideutigkeit, wenn nicht gar einen Irrtum, denn das Volk, das befiehlt, ist nicht dasselbe, das gehorcht. Es reicht, den allgemeinen Satz aufzustellen, »Das Volk ist der Souverän«, um zu fühlen, daß es hier eines Kommentars bedarf.“ Berlin fasste Maistres Gesellschaftstheorie folgendermaßen zusammen: „Es kann keine Gesellschaft ohne Staat geben; keinen Staat ohne Souveränität, die eine letzte Instanz bildet; keine Souveränität ohne Unfehlbarkeit; keine Unfehlbarkeit ohne Gott.“[6]

Religion braucht der Mensch weil er halt an einem unantastbaren Wertesystem benötigt. Um richtig handeln zu können braucht der Mensch Glaubensüberzeugungen, nach denen er sich richten kann. „Nichts ist wichtiger für ihn als Vorurteile“[7]. Diese Vorgaben erleichtern das Leben des wurmgleichen, sündenverschmutzten Menschen ungemein. Wenn der Mensch jedoch dem Skeptizismus verfällt, dann hat nichts mehr Bestand. Sobald der Mensch nämlich beginnt vormals anerkannte Dogmen zu hinterfragen, führt eine Frage zur Nächsten und letztendlich wird alles anzweifelbar und nichts gilt als sicher. Maistre schreibt „Wir haben das Gemeinwesen bis auf seine Grundfesten erschüttert gesehen, weil es in Europa zuviel Freiheit und zuwenig Religion gibt.“[8] Die Stabilität einer Gesellschaft erfordert aber Dogmen die einen Glauben an die Unabänderlichkeit der Verhältnisse zementieren. Mitunter argumentiert de Maistre dafür das Volk mit Märchen zu betäuben, um die Bürger vor dem Gebrauch ihrer eigenen Vernunft abzuhalten.

Gemeinschaft sei deshalb erforderlich, weil Gott den Menschen als ein soziales Wesen erschaffen habe. Individualismus sei eine Lüge, der Mensch müsse danach streben sich selbst im großen Meer der Gemeinschaft zu verlieren, um ein Teil des großen Ganzen zu werden. Der Einzelne kann nicht das Geringste erschaffen, weder die Sprache, noch die Gesellschaft oder gar eine Verfassung. De Maistre gehörte zu den Ersten, die den Menschen als von Natur aus soziales Wesen definierten und mit diesem Argument gegen den von liberaler Seite propagierten Individualismus zu Felde zogen. “Gott machte den Menschen zu einem sozialen Wesen.“[9] Den Naturzustand hat es nach ihm nie gegeben. „Es hat für die Menschheit nie eine Zeit vor dem Gesellschaftszustand gegeben, denn vor dem Zusammenschluß zu politischen Gesellschaftsgefügen war der Mensch noch nicht Mensch.“[10] Maistre will der Institutionalisierung des Individuums auf zwei Wegen entgegenwirken. Erstens muss das Individuum durch den Monarchen gebändigt werden und zweitens muss sich die Vernunft des Einzelnen „in der Vernunft der Nation verlieren.“[11] Dadurch wird es gleichsam seiner inneren Widersprüche entledigt.

De Maistres ideale Regierung ist aber neben dem Herrscher noch auf eine weitere Schlüsselperson angewiesen, auf den Scharfrichter. Seine Rolle beschreibt er in grausamen, ekeleregenden Worten, die sich lohnen im Original gelesen zu werden, wenn auch nur in einem sehr kurzem Zitat. „Ein düsteres Signal wird gegeben: ein elender Diener der Gerechtigkeit klopft an seine Tür und teilt ihm mit, daß man seiner bedarf: er geht; er betritt einen öffentlichen Platz, auf dem sich eine wogende Menschenmenge drängt. Man wirft ihm einen Giftmörder, einen Vatermörder, einer Frevler vor: er ergreift ihn, er streckt ihn, er bindet ihn auf ein waagerecht liegendes Kreuz, er hebt den Arm: eine furchtbare Stille breitet sich aus, und man hört nichts als das Knirschen der Knochen, die unter dem Stab brechen, und die Schreie des Opfers.“[12] Die Figur des Scharfrichters macht de Maistres Überzeugung deutlich, die Menschen könnten nur durch Autorität und Schrecken vor sich selber gerettet werden. Der Scharfrichter erinnert jeden Einzelnen an seine Boshaftigkeit, an seine Sündhaftigkeit und schließlich an die Nichtigkeit des Seins. Gleichzeitig verbindet er die Menschen miteinander. Ein weiteres Zitat soll die Unverzichtbarkeit des Henkers aus de Maistres Sicht belegen „Und doch beruht alle Größe alle Macht, alle Unterordnung auf dem Scharfrichter; er ist der Schrecken und zugleich das Band aller menschlichen Zusammenschlüsse. Nehmt diesen unbegreiflichen Bediensteten aus der Welt fort, und schon tritt an die Stelle der Ordnung das Chaos, die Throne versinken, und die Gesellschaft verschwindet. Gott, der Urheber der Herrschaftsgewalt, ist also auch der Urheber der Sühne: er hat die unsere Erde auf diese beiden Pole gesetzt: Denn der Welt Grundfesten sind des Herrn, und er hat die Erde daraufgesetzt. (I. [Samuel] 2,8)“[13]

3. John Stuart Mill

John Stuart Mill gehört zu den klassischen Vertretern liberalen Denkens. Konträr zu de Maistre, ist er davon überzeugt die beste Regierungsform sei die Repräsentativregierung und nicht die Monarchie. Um dies zu begründen geht er auf die Monarchie als Staatsform ein und will deren Mängel herausarbeiten.

Angenommen es gibt einen „guten Despoten“, schreibt er, der die vortrefflichsten Männer des ganzen Landes auserwählt hat ihm zur Seite zu stehen, der ein meisterhaftes Rechtssystem aufgebaut hat, der die Lasten gleich und gerecht verteilt, kurz einen idealen Monarchen. Nehmen wir an es gäbe diesen einen „einzigen Mann von übermenschlicher geistiger Aktivität, der sämtliche Belange eines geistig passiven Volkes regelt.“[14] So wäre diese Staatsform trotzdem der Repräsentativregierung unterlegen. Denn in der Passivität des Volkes liegt eines der Hauptübel der Monarchie zugrunde. Indem sie nicht in Entscheidungen miteinbezogen werden, indem man über ihre Köpfe hinweg über ihre Belange entscheidet wird das Volk vor geistiger Arbeit gehindert. Gleichsam erschlaffen die sittlichen Kräfte, denn der Mensch entfaltet seine Sittlichkeit in dem er handelt und sobald seinem Handlungsspielraum eine künstliche Barriere gesetzt wird, wird ihm gleichzeitig die Möglichkeit zur Entfaltung dieser genommen. Das Streben des Volkes reduziert sich sodann nur auf die Befriedigung materieller Güter, dies ist dann gleichzeitig „die Ära des nationalen Niedergangs“[15]. Selbst die Religion kann in einem solchen Staatssystem nur eine Bindung zwischen dem Individuum und Gott herstellen, keinesfalls jedoch eine Bindung an die Mitmenschen.

Mill ist davon überzeugt, dass „die ideale Regierungsform jene ist, in der die Souveränität oder die höchste Kontrollfunktion in letzter Instanz bei der Gesamtheit des Volkes liegt und jeder Bürger nicht nur bei der Ausübung dieser obersten Souveränität eine Stimme hat, sondern auch, zumindestens zeitweise, zur aktiven Teilnahme am Regierungsprozeß aufgefordert ist, indem er persönlich eine öffentliche Funktion, sei sie lokaler oder übergreifender Art, übernimmt.“[16]

Die Überlegenheit dieser Staatsform beruht auf „zwei Prinzipien […] universeller Wahrheit“[17]. Die Erste besagt, dass die Belange des Einzelnen nur dann ihre verlässliche Beachtung finden, wenn derjenige, den es betrifft die Möglichkeit hat für sein Recht einzustehen. Die Zweite besagt, dass der Wohlstand vermehrt und gerechter verteilt wird, wenn die Anzahl der Beteiligten an der Vermehrung mannigfaltiger und größer ist. Mill schreibt: „ der Mensch ist vor Unrecht von Seiten anderer nur in dem Maße sicher, als er in der Lage und auch bereit ist, sich selbst zu schützen; in seinem Kampf gegen die Natur ist er nur soweit erfolgreich, wie er sich, von anderen unabhängig, mehr auf das verläßt, was er allein oder in Gemeinschaft tun kann, als auf das, was andere für ihn tun.“[18]

Die Überlegenheit der Repräsentativregierung gegenüber allen anderen Staatsformen wird an einem anderen Punkt weitaus deutlicher. Mill stellt sich die Frage, welchem Menschentypus im Interesse der Prosperität der Vorrang gebührt: den passiven oder den aktiven? Während die meisten Menschen den passiven Typus bevorzugen würden, weil dieser einem ungefährlicher und kontrollierbarer erscheint, spricht sich Mill für den aktiven Typus aus. Denn der Fortschritt wird zweifelsfrei immer von Personen vorangetrieben die mit den jetzigen Verhältnissen unzufrieden sind. Während passive Menschen sich ihrem Schicksal ergeben, packen aktive Menschen an und versuchen die Verhältnisse zu ihren Gunsten zu verändern. „Nicht derjenige verbessert das menschliche Leben, der den Kräften und Tendenzen der Natur ausweicht, sondern der, welcher den Kampf mit ihnen aufnimmt.“[19] Während der passive Typ Hindernissen ausweicht, schaut er jedoch neidisch zu dem aktiven Typ hinauf, der diese Hindernisse aus dem Weg räumt. Dabei wird allzu oft der Fehler begangen und dem Passiven eine innere Zufriedenheit zugesprochen, doch Mill stellt klar, dass aus seiner Sicht wahre Zufriedenheit sich nur bei dem einstellen kann, der durch aktives Schaffen etwas erreicht. Trägheit, Verweichlichung, Gleichgültigkeit und Unmännlichkeit sind Adjektive die Mill im Zusammenhang mit dem passiven Typ benutzt. „ Ein zufriedener Mann oder eine zufriedene Familie, die nicht den Ehrgeiz haben, andere glücklicher zu machen, zur Steigerung des Wohls ihres Landes oder ihrer unmittelbaren Umwelt beizutragen oder aber sich selbst sittlich zu vervollkommnen, wecken in uns weder Bewunderung noch Billigung: mit Recht schreiben wir dieser Art von Zufriedenheit bloßer Unmännlichkeit und fehlendem Geist zu.“[20] Die Zufriedenheit, die Mill gutheißt, ist die Fähigkeit auf etwas verzichten zu können, um etwas Bedeutenderes zu erreichen. Derjenige der handelt lernt schnell was erreichbar ist und der Mühe lohnt oder was unerreichbar ist und pure Zeitvergeudung darstellt. Derjenige der sein Denken und sein Handeln danach ausrichtet nützliches zu tun und keine Zeit damit verbringt unerreichbaren oder nutzlosen Zielen nachzueifern, der ist der zu bevorzugende Menschentyp.

Doch welche Regierungsform bevorzugt welchen Typ? Mills Ansicht nach kann es keinen Zweifel darüber geben, dass der passive Charakter von totalitären Herrschaftsformen vorgezogen wird, „der aktive und selbsttätige Typ dagegen von der Regierung der Vielen.“[21] Es liegt im Interesse des Einzelherrschers für Ruhe und Passivität im Volk zu sorgen. Sobald jedoch einer die loblichen Eigenschaften eines aktiven Typus aufzeigt, muss er mit Sanktionen rechnen. Anstatt zu belohnen wird bestraft. Es mag zwar unterschiede in der Form der Unterdrückung von aktiven Handlungen geben, diese sind jedoch nur graduell und nicht prinzipiell. Im Grunde genommen ist es das Ziel „ die große Masse der Menschen eines Gemeinwesens in eine Herde von Schafen zu verwandeln, die friedlich nebeneinander weiden.“[22]

In der Repräsentativregierung hingegen wird der einzelne Bürger dazu aufgefordert aktiv am politischen Geschehen teilzunehmen. Die garantierte Gleichheit aller befördert ein neues Selbstbewusstsein und gleichzeitig einen Anreiz zur Partizipation. Der Charakter wird noch stärker geformt, wenn der Einzelne auch in die Pflicht genommen wird von Zeit zu Zeit, abwechselnd eine gesellschaftliche Funktion zu übernehmen. Die Wahrnehmung solcher Pflichten lässt den Bürger reifen und bildet ihn. Ein weiterer Vorteil gegenüber der Herrschaft der Wenigen über die Vielen, liegt in der Entstehung einer Identifikation des Einzelnen mit der Öffentlichkeit. Der Bürger in solch einem Staat sieht in dem Nachbarn keinen Rivalen sondern umso mehr einen Verbündeten der mit ihm um dieselbe Sache kämpft. Mitsamt wird das individuelle sittliche Verhalten gefördert und die öffentliche Moral bestärkt.

Mill hält fest, „daß nur eine Regierungsform, die auf der Beteiligung des ganzen Volkes beruht, allen Erfordernissen der Gesellschaft gerecht wird, dass jede Mitarbeit, auch in der geringfügigsten Funktion, von Nutzen ist und so umfassend sein sollte wie es der allgemeine Entwicklungsgrad des jeweiligen Gemeinwesens gestattet und daß letztlich das Ziel allein die Beteiligung aller an der Staatsgewalt sein kann.“[23] Er schließt ab mit der Ergänzung, dass es in einer Gesellschaft die größer als eine kleine Stadt sei nicht möglich sein wird jeden einzelnen Bürger mitregieren zu lassen, deshalb sei die „Repräsentativregierung der ideale Typus der vollkommenen Regierungsform“[24].

4. Resümee

Bei der Analyse dieser beiden weit entgegengesetzten Vorstellungen einer idealen Regierungsform wird eines deutlich: Es sind die antagonistischen Auffassungen des Menschenbildes, die zu verschiedenen Standpunkten in der Frage nach der „idealen Regierungsform“ führen. Während der eine, seine tiefe Skepsis gegenüber der menschlichen Vernunft verkündet und nach der Monarchie verlangt, bekundet der andere sein tiefes Vertrauen in die Menschen und spricht sich für die Repräsentativregierung aus. Für de Maistre steht fest: „Von der Theorie und noch mehr von der Erfahrung ist bewiesen, daß die Regierung der Erbaristokratie vielleicht die günstigste für die Masse des Volkes ist, daß sie viel Ansehen, Weisheit und Beständigkeit hat und sich den Ländern mit einer sehr unterschiedlichen Ausdehnung anpaßt. Wie alle Regierungen ist sie überall dort, wo sie etabliert ist, gut und es ist ein Verbrechen, sie den Untertanen zu verleiden.“[25]

Für Mill ist aber die Volkssouveränität der zentrale Punkt einer guten Regierungsform. Er schreibt: „Wir haben in der Repräsentativregierung den idealen Typus einer vollkommenen Regierungsform erkannt, der sich folglich für jeden Teil der Menschheit um so mehr eignet, je höher die Stufe seines allgemeinen Fortschritts ist.“[26]

Mill geht mit seiner Einteilung in passive und aktive Menschen einen Schritt weiter als de Maistre. Er sieht im Gegensatz zu de Maistre nicht nur faule, tadelnswerte Menschen, sondern auch Menschen die gestalten wollen. Er sieht einen Typ Mensch der zum Allgemeinwohl beitragen kann und fordert danach, diesem aktiven Typus die Möglichkeit einzuräumen seine Ideen in Taten umzusetzen. Dies könne nur in einem demokratischen System verwirklicht werden und daher ist die Demokratie der Monarchie überlegen, denn allein in der Demokratie ist Pluralismus gewährleistet.

Wenn wir heute unseren Blick durch die Gesellschaft wandern lassen, dann kommen wir nicht umhin der schwarz-weiß Malerei de Maistres eine Absage zu erteilen. Überall ist die Meinungsvielfalt sichtbar, sei es in der Frage der notwendigen Reformen in Deutschland oder die Frage nach der Notwendigkeit eines Irak Krieges. Nur die demokratische Regierungsform bietet die Möglichkeit die verschiedenen Meinungen nebeneinander bestehen zu lassen und nach der besten Lösung zu suchen. Im 19. Jahrhundert als das Experiment Demokratie noch nicht stattgefunden hatte, entschied man sich je nach Menschenbild oder sozialer Zugehörigkeit, für die eine oder die andere Seite. Nun beinahe zwei Jahrhunderte später, kann sich der Leser bei der Lektüre beider Denker in eine Zeit begeben in der es noch nicht eine Selbstverständlichkeit war sich für die Demokratie auszusprechen. In eine Zeit in der die Idee der Demokratie seine Renaissance erlebte und auf starken Widerstand stieß. In eine Zeit in der die Verfechter der Demokratie den Keim säten der heute gewachsen ist und sich anschickt sich auf der Erde auszubreiten, um seine Anpassungsfähigkeit zu beweisen.

Literaturliste

1. Berlin, Isaiah (1992); Das krumme Holz der Humanität; Frankfurt am Main(S. Fischer)
2. Holmes, Stephen (1995); Die Anatomie des Antiliberalismus; Hamburg (Rotbuch-Verlag)
3. Maistre, Joseph de (2000); Von der Souveränität; Berlin (Kadmos)
4. Mill, John Stuart (1971); Betrachtungen über die repräsentative Demokratie; Paderborn (Schoeningh)

[...]


[1] Berlin, Isaiah; Das krumme Holz der Humanität; Frankfurt am Main(S. Fischer); 1992; S. 163

[2] Holmes, Stephen; Die Anatomie des Antiliberalismus; Hamburg (Rotbuch-Verlag); 1995; S. 46

[3] ebenda S. 36

[4] ebenda S. 45

[5] ebenda S. 40

[6] Berlin, Isaiah; Das krumme Holz der Humanität; Frankfurt am Main(S. Fischer); 1992; S. 174

[7] Holmes, Stephen; Die Anatomie des Antiliberalismus; Hamburg (Rotbuch-Verlag); 1995; S. 49

[8] ebenda S. 49

[9] ebenda S. 42

[10] ebenda S. 41

[11] ebenda S. 56

[12] Berlin, Isaiah; Das krumme Holz der Humanität; Frankfurt am Main(S. Fischer); 1992; S. 153

[13] Berlin, Isaiah; Das krumme Holz der Humanität; Frankfurt am Main(S. Fischer); 1992; S. 153

[14] Mill, John Stuart; Betrachtungen über die repräsentative Demokratie; Paderborn (Schoeningh); 1971; S.60

[15] ebenda S. 62

[16] ebenda S. 65

[17] ebenda S. 65

[18] ebenda S. 66

[19] ebenda S. 69

[20] ebenda S. 71

[21] ebenda S. 72

[22] ebenda S. 75

[23] ebenda S. 76

[24] ebenda S. 76

[25] Maistre, Joseph de; Von der Souveränität; Berlin (Kadmos); 2000; S. 106

[26] Mill, John Stuart; Betrachtungen über die repräsentative Demokratie; Paderborn (Schoeningh); 1971; S.77

11 von 11 Seiten

Details

Titel
Joseph de Maistre Und John S. Mill: Ein Diskurs über die beste Regierungsform
Hochschule
Universität Erfurt
Autor
Jahr
2003
Seiten
11
Katalognummer
V107986
Dateigröße
626 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Joseph, Maistre, John, Mill, Diskurs, Regierungsform
Arbeit zitieren
Kaweh Sadegh-Zadeh (Autor), 2003, Joseph de Maistre Und John S. Mill: Ein Diskurs über die beste Regierungsform, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/107986

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