Fontane, Theodor - Effi Briest - Georg Lukács über Fontanes Roman ,,Effi Briest":


Referat / Aufsatz (Schule), 2003

7 Seiten, Note: 14 Punkte


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Literarische Erörtung mit Textvorlage

Aufgabenstellung:

Erörtere Lukács Ansicht anhand deiner Kenntnis des Romans. Berücksichtige beide Hauptfiguren: Effi und Innstetten.

Textvorlage: Georg Lukács über Fontanes Roman „Effi Briest“:

Fontane zeigt in seinem Roman die Macht der gesellschaftlichen Konventionen und der Moral der preußischen Adelswelt des 19.Jahrhunderts.

Jeder Mensch, in dem sich nur das geringste Bedürfnis nach menschenähnlichem Leben regt, muss mit diesen Konventionen bzw. dieser Moral in Konflikt geraten.

Dieser Konflikt wird äußerlich durch Einhalten aller Formforderungen gelöst, lässt aber den Menschen innerlich gebrochen zurück.

(Georg Lukács: Werke Bd.7, 1964, S.494-498, zitiert nach: Scharfschick: Fontanes „Effi Briest“ - Erläuterungen und Dokumente, Reclam, Stuttgart 1972, S.136)

Lösung:

Georg Lukács stellt drei Thesen über den Roman „Effi Briest“ auf:

1. Fontane zeigt in seinem Roman die Macht der gesellschaftlichen Normen und Moralvorstellungen der preußischen Adelswelt im 19. Jahrhundert dar.
2. In Konflikt mit dieser Moral gerät jeder, der ein Bedürfnis nach menschlichem Leben hat.
3. Jeder der sich an diese Normen hält, bleibt als gebrochener Mann zurück.

Im nachfolgenden Text soll nun erörtert werden, inwieweit man diese Aussagen anhand des Romans nachweisen kann.

Die siebzehnjährige Effi von Briest heiratet zu Beginn es Romans, den etwa 20 Jahre älteren Baron von Innstetten, einen Landrat aus Kessin.

Da sich ihr karriereorientierter Mann kaum um sie kümmert, sie unter dem Landadel keine Annerkennung erhält, droht Effi in ihrer fröhlichen Art und ihrem Bedürfnis nach Liebe, Zerstreuung und unterhaltsamen Leben auszutrocknen. So hat sie mit dem „Damenmann“ Major Crampas eine kurze Affäre, da er ihr diese Aufmerksamkeit und Unterhaltung entgegenbringt. Diese Affäre beendet sie allerdings, als ihr nichtsahnender Mann von Kessin nach Berlin versetzt wird.

Dort scheint sich alles zum Guten zu wenden: Die Ehe bessert sich, das Gesellschaftliche Leben ist anregender als in Kessin, und von erfolg begleitet. Es folgen sechs glückliche Jahre. Als Effi zur Kur fährt, findet ihr Mann alte Liebesbriefe von Crampas an seine Frau. Er tötet Crampas im Duell und lässt sich von seiner Frau scheiden.

Effi lebt von nun an isoliert in Berlin, da selbst ihre Eltern sie zunächst nicht aufnehmen können. Sie wird krank und stirbt zuletzt in ihrem geliebten Hohen-Cremmen, nachdem ihr Vater ein Machtwort gesprochen hatte, und sie in ihr Elternhaus zurückkehren durfte.

Die konventionellen Wertevorstellungen der preußischen Adelswelt zieht sich wie ein roter Faden durch den ganzen Roman. Dies wird gleich zu Beginn, bei der Verlobung von Effi mit Innstetten deutlich: Effi wird nicht mit Innstetten verlobt, weil sie ihn liebt, sondern weil er „ein Mann von Charakter, von Stellung und guten Sitten“ ist. (S.17) Ihre Mutter, Luise von Briest, macht deutlich, was bei einer Heirat in der Adelswelt wichtig ist: Effi wird mit 20 Jahren da stehen, wo andere mit 40 stehen; sie wird ihre Mutter weit überholen (S.17). auch Effi erklärt dies: „Gewiss ist er der Richtige. Das verstehst du nicht Hertha. Jeder ist de Richtige. Natürlich muss er von Adel sein und eine Stellung habe und gut aussehen.“ (S.20)

Hier werden einige Leitmotive der Adelswelt klar: Nicht Liebe ist wichtig, sondern einzig und allein der Materialismus. Hätte Effi die Heirat abgelehnt, wäre unter den Adligen bestimmt geredet worden, und dies will man ja nicht. Um unter Gleichgesinnten Anerkennung zu erhalten, muss man sich an die Regeln halten: geheiratet wird nur, um die soziale Stellung zu erhalten oder zu verbessern, egal ist dabei, ob sich die Partner ähnlich sind und sich lieben.

Auch in die Ehe und den Alltag wirken gesellschaftliche Normen hinein: Effi hätte gerne einen teuren Mantel, doch ihre Mutter erklärt ihr, dass sie dafür zu jung sei, und dass man über sie reden würde, träge sie ihn. Auch den gewünschten Bettschirm bekommt sie nicht, da auch hier die Adligen reden könnten, da er etwas fremdländisch sei (obwohl ihn im Schlafzimmer keiner sehen würde!).

Spazieren gehen durfte Effi in Kessin, aber alleine ausreiten, kam nicht in Frage. Wenn überhaupt nur in Begleitung Innstettens oder einer „Ehrengarde“ (S. 142: „…Effi plötzlich den Wunsch äußerte, mit ausreiten zu dürfen;….und es sei doch zu viel verlangt, bloß um das Gerede der Kessiner willen, auf etwas zu verzichten, das einem so viel wert sei.“…“Innstetten, dem es augenscheinlich weniger passte-…“.)

An Innstettens Haltung zeigt sich das Diktat der gesellschaftlichen Normen; er kümmert sich mehr um das mögliche Gerede der Kessiner, als um die Wünsche seiner Frau. Nicht die Wünsche des Einzelnen sind wichtig, sondern die Normen der Adelswelt. Bei den kleinsten Kleinigkeiten müssen sowohl Innstetten als auch Frau von Briest über die Reaktionen der Leute nachdenken, obwohl es diese gar nichts angeht. Der Mensch war damals eben kein frei entscheidendes Individuum, sondern ein Teil der Gesellschaft.

Außerdem hat ein Adliger nach außen hin das Bild abzugeben, dass er gebildet ist. Die Hochzeitsreise geht deshalb nach Italien, Effi und Innstetten besuchen dort unzählige Museen, auch wenn Effi das kaum interessiert. (S.39; Briest zu seiner Frau: „Ich fürchte, dass er sie mit seinem Kunstenthusiasmus etwas quälen wird.“)

Am deutlichsten wird die Macht der gesellschaftlichen Konventionen an dem Ehebruch und dessen, für die damalige Zeit, logischen Konsequenzen.

Die Folge der verletzten Ehre Innstettens ist das Duell. Seine Ehre muss wiederhergestellt werden, folglich muss Crampas sterben.

Obwohl die Affäre schon Jahre zurückliegt und Innstetten Effi immer noch liebt und ihr auch verzeihen könnte, sieht er sich gezwungen, sich von Effi scheiden zu lassen und Crampas im Duell zu töten. Im Gespräch mit Wüllersdorf sagt Innstetten, dass er Effi noch liebt und keine Hassgefühle hegt, dass es aber trotzdem sein muss: „Man ist nicht bloß ein einzelner Mensch, man gehört einem Ganzern an, und auf das Ganze haben wir beständig Rücksicht zu nehmen“, und „das rechte Glück wäre hin, aber so viele leben ohne das rechte Glück, und ich würde es auch müssen und – auch können“ (S. 264) und zuletzt: „das uns tyrannisierende Gesellschaftsetwas, das fragt nicht nach Charme und nicht nach Liebe und nicht nach Verjährung. Ich habe keine Wahl. Ich muss.“ (S. 265)

An dieser Passage wird am deutlichsten dargestellt, welche Macht die gesellschaftlichen Normen haben: Innstetten opfert lieber sein persönliches Glück, als dass er sich diesen Normen wiedersetzt und mit Effi verheiratet bleibt und versucht wieder glücklich zu leben.

Er weiß auch, dass er durch das Duell Effis Glück zerstört. Mit dem Schuss beim Duell ist ihr Schicksal besiegelt: Sie muss von nun an gesellschaftlich isoliert in Berlin leben (nur noch Roswitha hält zu ihr).

Innstetten ist also nicht nur Opfer des Systems, sondern zugleich auch Täter. Auch Wüllersdorf erklärt die Notwendigkeit des Duells: „Unser Ehrenkultus ist ein Götzendienst, aber wir müssen uns ihm unterwerfen, solange der Götze gilt.“ (S. 266)

Diese Moralvorstellungen und Normen der Gesellschaft sind also ein Götzendienst. Sie sind so wichtig wie eine Art von „Gott“. Mann muss sich diesem Gott unterwerfen, auch wenn man es selbst als falsch empfindet. Folglich sind die Moralvorstellungen wichtiger als das Glück des einzelnen Menschen.

Ich glaube nichts verdeutlicht die Machstellung der gesellschaftlichen Konventionen mehr als diese Passage, in der gezeigt wird, dass diese Konventionen wichtiger sind als alles andere.

Ebenfalls wird diese Macht anhand des Verhaltens der Eltern Briest verdeutlicht, nachdem sie von Effis Seitensprung erfahren. Auch sie verstoßen Effi zunächst: „Und das Traurigste für uns und für dich ist – auch das elterliche Haus wird dir verschlossen sein.“, und weiter: „denn es hieße, dies Haus von aller Welt abzuschließen, und dies zu tun, sind wir entschieden nicht geneigt.“ (Brief an Effi von ihrer Mutter – S. 287)

Obwohl die Eltern ihr einziges Kind lieben, verstoßen sie es um der Gesellschaft willen. Nichts ist wahrscheinlich stärker, als die Liebe von Eltern zu ihren Kindern, aber auch hier ist die Macht der Normen zunächst stärker.

Briest kommt zum Schluss dennoch zu der Einsicht, dass nichts wichtiger ist, als die elterliche Liebe zu ihren Kindern. Er schickt Effi ein Telegramm und sie kehrt nach Hohen-Cremmen zurück. (S. 312)

Dass auch Effi diese Normen, obwohl sie diese gebrochen, verinnerlicht hat, zeigt ihre rasche Abfahrt aus Bad Ems. Sie darf nicht am selben Ort sein wie das Kaiserpaar.

These Zwei besagt, dass jeder Mensch, der ein Bedürfnis nach menschenähnlichem Leben hat, in Konflikt mit dieser Moral gerät. Auf die Person Effi trifft dies zu: Effi ist zwar konservativ erzogen worden und kennt die Folgen eines Ehebruchs (siehe S.13: „so vom Boot aus sollen früher ach arme unglückliche Frauen versenkt worden sein, natürlich wegen Untreue.“), doch sie begeht ihn trotzdem. Sie bricht diese Norm, da sie dies, was sie sich von ihrem Mann wünscht, nicht erhält. Sie ist unglücklich, sie sehnt sich nach Liebe, Aufmerksamkeit und Zerstreuung. Als sie dies von Crampas erhält, beginnt sie mit ihm eine Affäre. Doch eben weil sie sich dies holt, was sich jeder Mensch wünscht, nämlich das Gefühl geliebt zu werden, wird sie mit der sozialen Isolation bestraft. Sie will glücklich sein, dies klappt aber nicht, da ihr Mann gefühlskalt ist und sie sich in Kessin langweilt. Sie wird für etwas bestraft, was für jeden Menschen eigentlich normal ist: Sie versucht glücklich zu sein. Und da dies nicht mit den gesellschaftlichen Normen der Adelswelt vereinbar ist, gerät sie in Konflikt mit ihnen. Die Folge ist die gesellschaftliche Ächtung.

Auch ihre Eltern widersetzen sich zum Schluss einer Gesellschaftlichen Norm: Sie nehmen Effi wieder in ihr Haus auf, dafür bleibt dann ihr Haus leer, es kommen keine anderen Adligen mehr zu Besuch. (Luise von Briest bei ihrer Zustimmung zu Effis Heimkehr: „Und unser Leben wird von Stund an ein anderes.“ Herr von Briest: „Kommen die Rathenowers, so ist es gut, kommen sie nicht, ist es auch gut.“ – Beides S.312)

These Zwei trifft also auch zu: Effi will glücklich sein und bricht eine Norm und wird gesellschaftlich isoliert, das sich die Norm und ihr Wunsch glücklich zu sein, sich nicht vereinen lässt.

Und auch die Eltern werden isoliert, nur weil sie ihre Tochter lieben und sie nach Hause zurück holen, wodurch sie auch eine Norm der Gesellschaft brechen.

Die Letzte These besagt, dass derjenige der sich an die Normen der Gesellschaft hält, als gebrochener Mensch zurückbleibt.

Dies kann man mit der Figur Innstettens belegen: Er befolgt die Normen der Gesellschaft, indem er sich von Effi scheiden lässt, und Crampas im Duell tötet.

Er wird zwar äußerlich dafür belohnt, indem er befördert wird (S.320), doch in seinem Innern ist er unglücklich und unzufrieden. So sagt er zu Wüllersdorf: „Mein Leben ist verpfuscht.“ (S.323).

Er erkennt er, dass er einmal ein Glück gehabt habe, dass er nicht mehr hat, und dass er niemals mehr haben kann: Seine Frau.

Er sagt er habe sich zu freuen verlernt (S.322) und das auch dieser Schein der Beförderung ihn nicht glücklich macht (S.321).

Obwohl er also alles so machte, wie es die Gesellschaft wünschte, wurde auch er nicht glücklich, sondern unglücklich.

Er hatte sich diese Normen und Werte so sehr verinnerlicht, dass er sie, gegen seinen eigenen Verstand, befolgte, um zum Schluss herauszufinden, dass die Ehre und Kultur an allem Schuld hat: „Denn gerade das, dieser ganze Krimskrams, ist doch an allem Schuld.“ (S.324)

Zum Schluss ist zu sagen, dass Lukács mit seinen drei Thesen recht behält.

Die Macht der gesellschaftlichen Normen zieht sich wie ein roter Faden durch den gesamten Roman.

Effi und ihre Eltern geraten in Konflikt mit diesen Normen und werden sozial isoliert, nur weil sie „menschlich“ handeln, und zum Schluss bleibt Innstetten, der zwar äußerlich belohnt wird, weil er die Normen befolgt, innerlich unglücklich.

Lukács Thesen kann man also alle anhand des Romans belegen.

Literatur:

Georg Lukács: Werke Bd.7, 1964, S.494-498, zitiert nach: Scharfschick: Fontanes „Effi Briest“ - Erläuterungen und Dokumente, Reclam, Stuttgart 1972, S.136

7 von 7 Seiten

Details

Titel
Fontane, Theodor - Effi Briest - Georg Lukács über Fontanes Roman ,,Effi Briest":
Veranstaltung
Kursarbeit Klasse 12
Note
14 Punkte
Autor
Jahr
2003
Seiten
7
Katalognummer
V108023
Dateigröße
531 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Handlungsbeispiele und Zitate.
Schlagworte
Fontane, Theodor, Effi, Briest, Georg, Lukács, Fontanes, Roman, Kursarbeit, Klasse
Arbeit zitieren
Romy Schwarz (Autor), 2003, Fontane, Theodor - Effi Briest - Georg Lukács über Fontanes Roman ,,Effi Briest":, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/108023

Kommentare

  • Gast am 17.3.2004

    Haschd gut gemacht Romy.

    Äfach wondabra, än Traum wie de Greg jetzt sache ded

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Titel: Fontane, Theodor - Effi Briest - Georg Lukács über Fontanes Roman ,,Effi Briest":



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