Kriegführung und Politik im 1. Weltkrieg (aus deutscher Sicht)


Referat / Aufsatz (Schule), 2003
27 Seiten, Note: 3

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Inhaltsverzeichnis

A I. Aufhänger
A II. 1. Einleitung
A II. 2. Was war neu am Ersten Weltkrieg?

B I. 1. Innerdeutsche Vorraussetzungen für den Krieg
B I. 2. Kriegsursachen
B II. 1. Auslösung des Kriegsmechanismus
B II. 2. Kriegsausbruch in Europa (1914)
B II. 3. Erstarren der Fronten (1915)
B II. 4. Wirtschaftsblockade (1915-´16)
B II. 5. Materialschlachten (1916)
B II. 6. „Epochenjahr der Weltgeschichte“ (1917)
a. Kriegsgeschehen
b. Innenpolitik
B III. 1. Der Untergang des Deutschen Reichs
a. Vorraussetzungen des Untergangs
b. Die letzte Offensive
c. Zusammenbruch der Mittelmächte

C I. 1 Thesen
C II. Resümee
C II. 1. Bilanz des Krieges
C II. 2. Transfer zum Zweiten Weltkrieg
C II. 3. Auswirkungen des Ersten Weltkriegs
a. allgemein
b. für Deutschland

D I. Literaturverzeichnis

Aufhänger

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

- Deutsche Verteidigungslinie durchbrechender Tank / 1918 -

Einleitung

In diesem Referat sollen die Einzigartigkeit und die weitreichenden politischen und gesellschaftlichen Folgen des Ersten Weltkrieges für das Deutsche Reich betont werden. Die bedeutenden historischen Ereignisse am Ende des „langen“ 19. Jahrhunderts (von 1914 bis 1918) und einige Hinweise zur Vorgeschichte der Situation in Europa sowie ein Ausblick auf die Nachkriegsjahre bis hin zum Zweiten Weltkrieg werden in den nachfolgenden Kapiteln in chronologischer Reihenfolge Erwähnung finden.

Besondere Schwerpunkte dieser Arbeit liegen dabei auf der Kriegführung (allzu detaillierte Schlachtpläne und die genaue Waffentechnik einmal ausgenommen) und der Politik, die hauptsächlich von diplomatischem Versagen, einigen äußerst diktatorischen Generälen, dem Machtverlust des Kaisers, einer mehrfach veränderten Verfassung, sowie der Oberheeresleitung geprägt wurde.

Hinweis: Da sich dieses Referat weitgehend auf die deutsche Sicht des Ersten Weltkrieges beschränkt, wird auf die Situation jedes am Krieg beteiligten Landes nur eingegangen, wenn es auch das Deutsche Reich unmittelbar betrifft. Es ist nicht als vollständiges Bild des Ersten Weltkrieges zu verstehen.

Im Gegenzug wird jedes Kriegsjahr mit Spezialthemen versehen, also unter einem bestimmten Aspekt beleuchtet, was ein möglichst vielseitiges Bild des Ersten Weltkrieges aufweisen soll.

Als Literatur habe ich hauptsächlich Michael Salewskis Geschichtsbuch „Der Erste Weltkrieg“ benutzt, da es die Bedeutung der einzelnen Geschehnisse durchaus detailliert beschreibt und sich sehr bemüht, die schwierigen Entscheidungen der Politiker durch sensibles Gespür für die damalige Situation und Gefühlslage der Deutschen, zu begründen. Aber auch der „Grundriß der Geschichte“ aus dem Band „Die Weimarer Republik“ von Eberhard Kolb, der sich eingehend mit der Nachkriegszeit befasst, und das Schulbuch „Geschichte, Politik und Gesellschaft 1“ aus dem Cornelsen-Verlag sowie ein Lexikonartikel über den Ersten Weltkrieg aus dem „Brockhaus in 15 Bänden“ zur besseren Übersicht der Geschichte und Strukturierung des Referats, fanden Verwendung.

Was war neu am Ersten Weltkrieg?

Der Erste Weltkrieg bot einige Neuerungen gegenüber den Kriegen, die z. B. Napoleon geführt hatte. Die Art der Kriege ist sowohl was Technik als auch was Politik betrifft, in keiner Weise zu vergleichen. Auf der technischen Seite war es der Einsatz der Funkentelegraphie, die die gesamte Diplomatie veränderte. Diese neue, extrem schnelle Kommunikationsart sorgte für eine sehr viel direktere Diplomatie, mit der man – vor allem im Deutschen Reich – leider nur sehr schlecht umzugehen wusste.

Erstmals bot das Weltgeschehen – nicht zuletzt durch den Beginn der wirtschaftlichen Globalisierung und politische, geographisch weitreichende Verträge– ein „weltweites Interaktionsmuster“ (Salewski, S. 10).

Auch Militärinteressierte kommen beim Ersten Weltkrieg voll auf ihre Kosten, da dieser gerade im Einsatz von Waffen wahrscheinlich so vielfältig war wie kein zweiter. Zeitgleich waren zu Land Infanterie (mächtig durch die Erfindung des Maschinengewehrs; gefährdet durch die Bekämpfung mit Giftgas) und Artillerie (u. a. entscheidend bei Grabenschlachten) und die veraltete Kavallerie, auf Seiten der - später hinzugestoßenen - Alliierten die ersten Tanks (neuartige gepanzerte Fahrzeuge) und mehrere Millionen Soldaten im Einsatz. Auf See bildete sich die englische Wirtschaftsblockade, die den Deutschen als „Hungerblockade“ schmerzhaft im Gedächtnis blieb, und unter Wasser schwammen erstmals deutsche U-Boote. Lediglich die Luftwaffe kann zwar mit einigen Fliegerassen und anderen Kriegshelden aufwarten, spielte für den Verlauf des Ersten Weltkrieges jedoch keine große Rolle.

Zudem war der Erste Weltkrieg der bis damals höchst organisierte Krieg, den es jemals gegeben hatte. Anfänglich war er sogar organisierter als der Führerstaat[1].

Innerdeutsche Vorraussetzungen für den Krieg

Das Deutsche Reich wurde aus mehreren Gründen immer instabiler, wodurch sich der Drang nach Veränderung verstärkte. Nicht nur die Reichskasse war beinahe erschöpft, auch die soziale Struktur des Landes veränderte sich in einer langjährigen, empfindlichen Übergangsphase vom Agrar- zum Industriestaat. Als ob das nicht genug wäre, verlor auch der Kaiser seine Macht und war – ähnlich wie die Königsfamilie im Vereinigten Königreich heute – nur noch Dekoration, weil die Verfassung zeitlich überholt, der Reichstag aber sehr modern war.

In dieser instabilen Lage bildete sich die Sozialdemokratie und Gewerkschaften. Der Sozialismus verbreitete sich zunächst als Gedankengut unter den Kulturellen, strebte den ewigen Frieden an und übernahm Karl Marx Meinung, dass Krieg nur aus Klassenkampf und Kapitalisierung der Ökonomie entstehe. Dies klingt zunächst nicht gerade nach optimalen Vorraussetzungen das Volk für einen kommenden Krieg zu mobilisieren, ließ sich jedoch richten, da die Sozialistische Internationale zwar den Krieg verhindern, aber auch dem Kapitalismus nicht verlängern wollte. Aus letzterem Grund und aus unschlüssiger Parteipolitik zogen die Sozialisten für das Vaterland dann in den Krieg.

Die übrige Parteilandschaft war derartig vielfältig und wies eine breite Palette von links bis rechts auf, dass man viele der Entschlüsse, die das Deutsche Reich in den nächsten Jahren beschlossen hat, sehr oft mit Irrationalität begründen muss.

Eine weitere etwas radikale Ansicht der Wissenschaft ist die These, dass Bismarck für das 20. Jahrhundert einfach nicht taugte und deshalb „spielte“[2].

Kriegsursachen

Sucht man in einem Lexikonartikel nach den Ursachen des Ersten Weltkriegs, so stößt man auf Stichworte wie „machtpolitische Gegensätze und Interessenkonflikte im europäischen Staatensystem“ oder „zunehmende Rivalität zwischen der See- und Kolonialmacht Großbritannien und Deutschland“[3].

Doch das Deutsche Reich hatte auch eine ganz eigene Motivation zum Krieg. Neben dem Streben nach Weltgeltung („Platz an der Sonne“), das einige Jahre später zu einem Vorläufer des totalen Krieges ausarten sollte, und dem eifrigen Wettrüsten mit Großbritannien, das sich bis 1912 zog, waren diese die „rasche wirtschaftliche Expansion nach der Reichsgründung 1871“ und das Gefühl zwischen mächtigen Bündnispartnern eingeengt zu sein. Die Situation für die Deutschen wurde durch mehrere Faktoren immer bedrohlicher. 1890 lief der Rücksicherungsvertrag aus, 1892 traf das russisch-französische Bündnis in Kraft, das zwei Jahre später sogar militärisch wurde. Das deutsche Reich war also vom Westen wie vom Osten durch zwei mächtige Bündnispartner eingeschlossen. Um dieser Situation entgegen zu wirken, strebten die Deutschen ein Bündnis mit England an, was jedoch erfolglos blieb, da es sich nicht mit dem Wettrüsten vereinbaren ließ und sich England durch den Kolonialausgleich von Faschoda (1898) mit den Franzosen anscheinend besser verstand. Spätestens im Kriegsfall erwartete die Regierung jedoch ein Bündnis mit England, was sich jedoch als verhängnisvoller Denkfehler erwies. Ein Bündnis zwischen England und Russland hielt man ebenfalls nicht für möglich. Noch ahnte man nicht, dass sich eben jene drei Länder (nämlich England, Frankreich und Russland) zu einer machtvollen Entente zusammenschließen sollten, die die sogenannten Mittelmächte, welche lediglich aus dem Deutschen Reich und Österreich bestanden, umklammern würden.

Die Lage besserte sich nur kurzfristig, als Russland 1904 gegen Japan verlor, was im darauffolgenden Jahr zur russischen Revolution führte. Nach Einschätzung der Deutschen war Russland damit kein Bündnispartner mehr und zudem derartig geschwächt, dass es im Falle eines Krieges ohnehin keine große Gefahr darstelle. Bereits 1908 zeigte sich ein – damals wohl üblicher – sehr spielerischer Umgang mit der Politik, als Österreich die kurzfristige Schwäche des von der Revolution zerrütteten und unorganisierten Russlands ausnutzte und Bosnien und Herzegowina eroberte. Auch für das Deutsche Reich bedeutete es nichts Gutes, das es Russland zu dieser schweren Zeit nicht im Geringsten half.

Schon eine kleine diplomatische Geste hätte die Situation wohl auch für die Zukunft entscheidend verbessern können, doch Bismarcks Politik erwies sich als sehr stur und sein diplomatisches Geschick als unprofessionell. Dies lässt sich auch an der miserabel geführten Frankreichpolitik belegen, da das Deutsche Reich keinerlei Zugeständnisse machte oder gar die Einwilligung, Elsaß und Lothringen zurückzugeben, machte.

Da sich die eine Ursache für den Ersten Weltkrieg nicht finden lässt, entwickelten Historiker die „Spieltheorie“. Entgegen allen Versuchen, Politikern absolute Objektivität und vor allem blanke Rationalität zu unterstellen, gewöhnte man sich hier an den Gedanken, dass sich auch Politiker gerne spielen, sei es auch nur mit Gedanken. Am 8. Dezember 1912 stellte sich Wilhelm II. beispielsweise einen Krieg gegen Frankreich zu Land und gegen England zu Wasser mit Österreich als Verbündeten vor. Betrachtet man die Leichtigkeit mit der auch zukünftige Entscheidungen getroffen wurden, so kann man der in der Tat erschreckenden Spieltheorie durchaus Glauben schenken.

Doch auch die Zeitknappheit führte letztendlich zum Kriegsausbruch. Während das Deutsche Reich sich dem Bankrott immer weiter näherte, rüsteten die Engländer weiter auf und auch Russland regenerierte sich allmählich. Und Italien zieht in den Krieg gegen die Türkei, die ebenfalls ein attraktiver Bündnispartner gewesen wäre. Doch nach dem ersten Balkankrieg im Oktober 1912 ist die Türkei ohnmächtig.

Betrachtet man alle wesentlichen Faktoren die in Europa eine Rolle spielten, so lässt sich feststellen, dass es über Jahre hinweg (spätestens seit 1908) eine Konstellation gab, die einen Krieg jederzeit möglich machte. Durch unzählige Verträge und genau geregelte Bündnisse, waren die politische Staaten derartig miteinander verwoben, dass im Kriegsfall ein umfassender Mechanismus einsetzen würde, der durchaus in der Lage war, einen Weltkrieg auszulösen. Nur konnte sich diesen Weltkrieg niemand vorstellen und außerdem gab es ja keinen Zwang den Auslöser zu diesem Mechanismus auch zu betätigen.

Auslösung des Kriegsmechanismus

Genau dies geschah jedoch am 28. Juni 1914 mit der Ermordung des österreichischen Thronfolgerpaares, was zu einer kriegsreifen Situation führte. Der Täter war schnell erkannt als Gavrilo Princip, Mitglied der Terrorgruppe „Schwarze Hand“. Österreich machte jedoch – wie man heute weiß, unberechtigterweise – die serbische Regierung für den Anschlag verantwortlich. Und da diese die daraufhin am 25. Juli gestellten Forderungen Österreichs nur zum Schein akzeptierte, erklärte Österreich den Serben drei Tage später den Krieg. Diese rasche militärische Reaktion weist geschichtliche Parallelen mit der Handlungsweise der US-Regierung nach den Anschlägen am 11. September 2001 auf. Es ging im wesentlichen darum, trotz der Anschläge sein Gesicht zu wahren.

Österreich wagte sich mit dem Angriff auf Serbien in ein von Russland beschütztes Gebiet, was es wohl nicht ohne den „Blankoscheck“ der Deutschen (also der Zusicherung militärischer Unterstützung im Kriegs- bzw. Verteidigungsfall) getan hätte. Zunächst griff das österreichische Heer mit halber Stärke an, woraufhin das wieder erstarkte Russland am 30. Juli 1914 eine Generalmobilmachung ausrief. Aus diesem Grund unterstützte Deutschland die Österreicher ab dem 1. August (eigentlich ohne Grund, da der „Blankoscheck“ nur für den Fall, dass Österreich angegriffen werde, nicht aber selber angriff, stand). Dieser Mechanismus weitete sich noch weiter aus. Da das Deutsche Reich nun im Krieg involviert war, musste es sich gegen das komplette Bündnis stellen. Also besetzten deutsche Truppen am 2. August Luxemburg und erklärte am 3. August Frankreich den Krieg. Als die Deutschen am 4. August dann das neutrale Belgien besetzten, stieg auch Großbritannien in den Krieg ein, womit die Entente vollständig war. Am 23. August trat außerdem Japan dem Krieg gegen Deutschland bei.

Der Kriegsausbruch löste – wie zu erwarten – Widerspruch seitens der Sozialisten aus. Die Generalkommandos befürchteten sogar Sabotageakte der Sozialisten nachdem es schon zu mehreren Antikriegsdemos der SPD gekommen war. Doch die deutsche Regierung konnte glücklicherweise auf Gruppenzwang setzen, da Deutschland sich ja unschuldig am Kriegsausbruch fühlte. Deutschland sah sich lediglich im Verteidigungskrieg befindlich. Dem deutschen Kaiser gelang es in seiner Thronrede vor den Mitgliedern des Reichtages im Stadtschloss am 4. August 1914 geschickt die zerstreute Parteilandschaft zu einen, und den sogenannten „Burgfrieden“ (die Verteidigung des Deutschen Reiches) auszurufen:

„Uns treibt nicht Eroberungslust, uns beseelt der unbeugsame Wille, den Platz zu bewahren, auf den Gott uns gestellt hat, für uns alle und alle kommenden Geschlechter...

Sie haben gelesen, meine Herren, was ich an mein Volk vom Balkon des Schlosses aus gesagt habe. Hier wiederhole ich: Ich kenne keine Parteien mehr. Ich kenne nur Deutsche.“ – Langanhaltendes brausendes Bravo.

„Zum Zeichen dessen, dass sie fest entschlossen sind, ohne Parteinunterschiede, ohne Stammesunterschiede, ohne Konfessionsunterschiede durchzuhalten mit Mir durch dick und dünn, durch Not und Tod, fordere Ich die Vorstände der Parteien auf, vorzutreten und Mir das in meine Hand zu geloben.“

Auch der Begriff „Burgfrieden“ lässt sich leicht erklären. Er passt gut zu der Situation der Deutschen. Sie sind eingekreist und defensiv eingestellt gewesen. Und genau wie in einer Burg, ist auch im Krieg der innere Zusammenhalt wichtig.

[4]

Kriegsausbruch in Europa (1914)

Einen Krieg gegen Serbien zu führen sollte für Österreich nicht leicht werden. Seine Heeresstärke lag bei knapp 500.000 Mann (mit Resverven bei 1,338 Mio.); die der Deutschen bei 880.000 Mann (inkl. Marine und Kolonialtruppen), mit Reserven kam das Deutsche Reich auf 2,174 Mio., was der natürlichen Belastungsgrenze eines Landes entsprach. Obwohl die serbische Armee nur über 285.000 Soldaten verfügte, reichte dies aus um das eigene Land zu verteidigen. In der damaligen Kriegführung musste man drei Angreifer auf einen Verteidiger rechnen, um eine Schlacht siegreich zu schlagen. Die Entente stellte zusammen 5,379 Mio. Soldaten von Ost und West, die Mittelmächte (Deutschland und Österreich) 3,547 Mio. Allein dieser Vergleich lässt erahnen, dass sich der Zwei-Fronten-Krieg früher oder später fest fahren würde, da keine Partei die dreifache mengenmäßige Überlegenheit der anderen aufweisen konnte.

Doch zunächst (solange sich der Krieg noch bewegte) konnten die Mittelmächte einige Erfolge im Osten verzeichnen. Die Schlacht von Tannenberg (vom 6. bis 15. 9. 1914) ging als ein glorreicher Sieg über die Russen in die deutsche Geschichte ein. Auch in der Winterschlacht von Masuren, die die Deutschen und Österreicher zusammen bestritten, verlor Russland 100.000 Mann, was für den Kriegsbeginn eine ungeheuer hohe Zahl war.

Die darauf folgende Propaganda schürte den gegenseitigen Hass und vor allem England und Deutschland verteufelten sich nach dem Einmarsch der Deutschen nach Belgien gegenseitig aufs Übelste. Zum einen hatte diese übertrieben heftige Propaganda den Effekt, dass sämtliche Staatsmänner mit dem entstandenen gegenseitigen Hass ihrer Völker nicht mehr umzugehen wussten, zum anderen hatte sie unabsehbare Spätwirkungen im Zweiten Weltkrieg, indem die Engländer, der von ihrer eigenen Regierung verbreiteten Propaganda über das Hitler Regime nicht mehr glaubten.

Weder die Entente noch die Mittelmächte wollten die relative Ausgeglichenheit ihrer militärischen Kräfte einsehen, so dass jedes beteiligte Land eigene Kriegsziele steckte: Das Deutsche Reich (und jede ihrer Parteien) wollte den „blanken Sieg“. Angesichts der Ziele der Gegner, nämlich Zerstörung des deutschen Reiches (von Frankreich) und Abschaffung der deutschen Kolonien und der deutschen Flotte (von Großbritannien), ging es den Deutschen schon bald um die blanke Existenz.

Erstarren der Fronten (1915)

Bereits 1915 waren die Munitionsvorräte beider Parteien weitgehend aufgebraucht. Und besonders die deutsche Armee litt unter der schlechten Winterversorgung. In den vielen Schlachten war es Russland immer wieder gelungen Österreich – unter einigem Aufwand und Verlusten - zu schlagen.

Nach einigen Angriffen beider Seiten (zwei Kriegsschiffe schafften es beispielsweise vom Mittelmeer bis nach Konstantinopel an französischen und teilweise russischen Flottenverbänden vorbei, Bulgarien wurde damit Verbündeter, im Februar führten die Alliierten die verlustreiche Dardanellenschlacht), dem nichtgehaltenen Versprechen der Alliierten Italien Territorialerweiterungen zu geben (was Mussolini enttäuscht im Zweiten Weltkrieg aufgriff) und dem fehlgeschlagenen Versuch der Alliierten dem politisch angeschlagenen Russland mit Gütern zu helfen, und dem ebenfalls fehlgeschlagenen Versuch des Deutschen Reiches nach einem Frontaufriss, eine „Zange“ um Polen zu legen, erstarrt die Front wegen des zu erwartenden Kräfteausgleichs.

Wenn die Front erstarrt, ist das eine bizarre Situation für beide Seiten. Wegen dem ungeheuer großen Aufwand eine Verteidigungslinie zu überrennen, sind beide Seiten (zunächst) dazu übergegangen ihre eigene Verteidigung zu verstärken. Am praktischsten ließ sich dies durch Gräben, dem Aufstellen von Geschützen und Maschinengewehren einrichten. Ein erfolgreicher Angriff benötigte nun wirklich mindestens das dreifache Aufkommen an „Menschenmaterial“, was niemand flächendeckend aufbringen konnte.

Die Strategie der Angelsachsen war jedoch eine andere: Sie errichteten eine Seeblockade, was sich durch die überlegene Seemacht der Briten auch problemlos einrichten ließ. Das Deutsche Reich konnte während all der Jahre des Wettrüstens das „United Kingdom“ nie übertreffen, deren Werften waren schlicht größer und effektiver. Ziel der – übrigens das Kriegsvölkerrecht verletzenden – Seeblockade war die Aushungerung der Deutschen und auch die Unterversorgung an nicht essbaren Gütern und Rohstoffen. Diese verachtenswerte Maßnahme sorgte nicht nur in Deutschland für Diskussionen. Als Gegenmaßnahme planten die Deutschen U-Boote einzusetzen, um die Blockade aufzubrechen, was wiederum auf deutscher Seite einen Kriegsvölkerrechtsbruch verursacht hätte. Aus diesem Grunde zögerten die Deutschen wohl auch ihre Unterseeboote in den sogenannten „uneingeschränkten U-Boot-Krieg“ zu führen.

Doch der Krieg auf hoher See war für die Deutschen nicht unerfolgreich. U-Booten wie der U 9 (Weddigen) gelang die Versenkung einiger, älterer Zerstörer und britischer Handelsschiffe. Eine weitere, utopische Idee war es, die britische Flotte in der Nordsee soweit zu dezimieren, dass eine Art Kräfteausgleich entstünde.

Wegen all dieser „Festgefahrenheiten“ überlegte man sich zum ersten – nicht zum letzten Mal in der Geschichte des Ersten Weltkrieges – einige Sonderfriedenslösungen. Dies konnte jedoch nicht gelingen, da das Deutsche Reich mit jedem Land der Entente in einem anderen Zwist lag. Mit Frankreich gab es territoriale Konflikte um Elsaß und Lothringen. England war zu sehr als der Feind hinaufstilisiert worden, so dass man wegen all der Propaganda keinen glaubwürdigen Frieden einrichten konnte. Und die deutsche Diplomatie war erneut zu schlecht, als dass sie in der Lage gewesen wäre, wenigstens einen Frieden mit Russland auszuhandeln. Hier machten die Deutschen den Fehler, ihr Friedensangebot mit Territorialforderungen den polnischen Grenzstreifen betreffend zu verknüpfen.

Gegen Ende des Jahres 1915 wurde die Ernährungs- und Rohstoffversorgung sowie die Rüstung und die Finanzierung derartig schlecht, dass im Deutschen Reich ein Anflug von Antisemitismus aufkam (es kam zu einer Judenzählung im Heer).

Wirtschaftsblockade (1915-1916)

Obwohl das Jahr 1916 einige der blutigsten Schlachten der Geschichte aufweist, die zumindest dazu gedacht waren, die erstarrte Front wieder zu bewegen, möchte ich mich zuerst mit den in diesem Kriegsjahr für das deutsche Volk sehr ernsten Folgen der Hungerblockade und den Gegenmaßnahmen sowie den wirklichen Gründen für das elende Hungern befassen.

Der Grund dafür, dass die Wirtschaftsblockade der Briten im Jahre 1916 so wirkungsvoll war, liegt darin, dass in Deutschland und wohl auch anderswo niemand mit einem derartig langen Krieg gerechnet hatte. Durch die schlechte Diplomatie der Regierung hatte man sich derartig ins Aus manövriert und sich außerdem durch die diversen Kriegserfolge auch allmählich selbst überschätzt. Obwohl Krieg war, ging man nie derartig verschwenderisch mit den Lebensmitteln um, wie zu dieser Zeit. Abertausende von Kuchen wurden aus lauter Solidarität an die Front geschickt, dass man gar nicht mehr wusste wohin damit. In den ersten Kriegsjahren bekam die Blockade niemand zu spüren, weil sie noch nicht wirkte. Auch im amerikanischen Sezessionskrieg verwendete man die sogenannte „Politik der Anakonda“, ein klares Sinnbild für das Abschneiden von Zufuhr. Bei den Südstaaten dauerte es ebenfalls drei Jahre, bis die Nordstaaten sie „abgewürgt“ hatten. Doch in diesem Jahr zeigte die Blockade ihre volle Wirkung.

Um die dramatisch werdenden Zustände zu mildern, musste die Ernährungspolitik deutlich umdisponiert werden. So wurde die Getreide-Abhängigkeit vom Ausland von ehemals knapp 26% auf etwas mehr als 9% gesenkt. Die Fettabhängigkeit belief sich auf 2/5, was ebenfalls erheblich war. Am schlimmsten war jedoch der erhebliche Zuckermangel der bereits im Sommer des Jahres 1915 auftrat.

Kriegsprägender war allerdings die verheerende Missernte 1916. Die darauffolgende Winterkrise führte zum Verlust Galiziens und schränkte die Transportbedingungen des rumänischen Feldzuges ein.

Die eroberten Flächen im Osten wusste man agrar- und ernährungswirtschaftlich nicht zu nutzen.

Die Ernährung wurde ebenfalls durch die hohe Veredelungsrate beeinträchtigt. Die Regierung plante tatsächlich, dass die gesamte Bevölkerung vegetarisch werden sollte. Zu Kriegsbeginn hatte das Deutsche Reich 25 Mill. Schweine. Bereits im Frühjahr 1915 entschloss man sich deshalb alle noch übrigen Schweine in einem Fortgang zu schlachten. Diese Schlächterei gigantischen Ausmaßes ging unter zwei Namen in die Geschichte ein: „Der große Schweinemord“ und – etwas einfallsreicher – „die Bartholomäusnacht der Borstentiere“.

Durch den hohen Mangel an Lebensmitteln, musste man diesen über das gesamte Deutsche Reich möglichst gerecht verteilen. Dies ging nur über eine extreme Bürokratisierung von statten. Es heißt, dass diese Bürokratisierung durch das in einzelne Suborganisierungen untergliederte Kriegsernährungsamt, die Vereinheitlichung Deutschlands gefördert habe.

Mit dem Ermächtigungsgesetz vom 4. August 1914 wurde die Verfassung immer zentralistischer agierend und diktatorischer. Die gesamte Verfassungsstruktur war zu föderalistisch gewesen, weshalb der Staatenbund Deutsches Reich am Ende des ersten Weltkrieges zum Bundesstaat Deutsches Reich wurde. Im Zweiten Weltkrieg funktionierte die Aufteilung und Verwaltung wegen der national-sozialistischen „Reichseinheitlichkeit“ schon wesentlich besser.

Die Gesamtsituation in der deutschen Heimat und an der Front verschlechterte sich zusehends mit steigender Inflation, dem durch die harte Arbeit erhöhten Nahrungsmittelbedarf der Soldaten und durch einen Mangel von 1 Mio. Landarbeitern im Hinterland, da diese an der Front waren.

In den letzten beiden Kriegsjahren starben ca. 750.000 Deutsche am Hungertod, was einen – nicht gerechtfertigten – Grund darstellte, die Engländer, den Sündenbock für das Elend, zu hassen. Jene Hungererfahrungen prägten die Deutschen nachhaltig und konnten daher im Zweiten Weltkrieg wieder aufgegriffen werden.

Vorrausschauend lässt sich noch erwähnen, dass die Ernährungswirtschaft im Deutschen Reich im Oktober/November 1918 zusammenbrach. Deren genaue Kausalität ist bis heute umstritten.

Materialschlachten (1916)

Da man in Europa zu keiner friedlichen Lösung kam, beschlossen beide Mächte den Krieg in einer radikaleren Form fortzuführen, um endlich zu einer Entscheidung zu kommen. Paradoxerweise entschloss man sich noch mehr „Menschenmaterial“ einzusetzen, um dem – mittlerweile schon Jahre – andauernden Sterben ein Ende zu setzen. Das grausame an diesem Krieg und im Besonderen an diesen Schlachten war das Kalkül der Herrscher[5]. Gefühlsarme Befehlshaber wie Nivelle aus Frankreich oder Ludendorff rechneten in Menschenleben ohne dabei an selbige zu denken.

In der Weihnachtsgedenkschrift Falkenhayns von 1915 (oder 1919; ungeklärt) beschreibt er die Lage der übrigen europäischen Staaten als so schlecht, dass sich ein erneutes Kräfte-Sammeln und eine Reihe neuer Offensiven lohne. Zudem scheint ihn der uneingeschränkte U-Boot-Krieg erneut zu reizen, um die Versorgungslage im Landesinnern und an der Front wieder zu verbessern. Die in diesem Fall eingreifenden Amerikaner sah er unmittelbar nicht als Problem, da diese nicht schnell genug reagiert hätten.

Nun fasst der Chef des Generalstabs des deutschen Feldheeres außerdem den Gedanken zur „Griff nach der Weltmacht“, der angesichts der kläglichen Missstände im Deutschen Reich äußerst übertrieben erscheint. Seine Ziele umfassten zunächst die Eroberung von Belfort und vor allem Verdun, was einen schier grenzenlosen Ressourcenverbrauch bedeuten sollte.

In diesem Absatz wollen wir einmal die Schlacht Verdun, als Beispiel für eine der berühmtesten Schlachten beleuchten. Die Schlacht von Verdun begann am 21. Februar 1916 und kostete 317.000 französischen und 282.000 deutschen Soldaten das Leben. Ca. 4/5 der französischen Soldaten waren in Verdun im Einsatz und immerhin jeder dritte deutsche Soldat. Ähnliche wie bei der Schlacht in Somme kam es in vielen Fällen zu langanhaltenden Traumata und psychischen Störungen bei den Soldaten.

Bereits am 25. Februar gelang es deutschen Truppen Fort Douaumont und im 2. Juni Fort Vaux zu erobern. Am 24. Oktober des selben Jahres eroberten die Franzosen Douaumont und Thiaumont zurück, nachdem sie bereits von den Deutschen geräumt waren. Im Falle von Fort Vaux verhielt es sich ähnlich, die Deutschen mussten auch hier zurückweichen, nur sprengten sie das Fort diesmal bevor die Franzosen es erreichen konnten. Die darauf folgende Marne-Offensive lässt sich als Revenge der Franzosen verstehen.

Die Brussilow-Offensive (Russen attackierten Österreicher) im selben Jahr kostete 200.000 Soldaten der Mittelmächte das Leben, weshalb Falkenhayn nun endgültig zurücktrat.

Anfang September 1916 wurde Somme durch eine Offensive der Alliierten zu einer regelrechten „Kraterlandschaft“. Generalstabschef Ludendorff, der später fast zu einem Diktator avancierte, wusste Somme jedoch trotz Materialmangels zu verteidigen. Selbst der aufsehenerregende Einsatz von Tanks seitens der Alliierten konnte mit hohen Verlusten auf beiden Seiten abgewandt werden. Von 2,5 Mio. (!) eingesetzten Alliierten starben 0,7 Mio., bei den Verteidigern ein Drittel der 1,5 Mio. Ein kleiner Vergleich zum Zweiten Weltkrieg macht das massenhafte Sterben der Soldaten in dieser Schlacht noch deutlicher: Die Engländer hatten in diesen 5 Monaten der Offensiven mehr Verluste als im gesamten Zweiten Weltkrieg.

Ein weiterer militär-geschichtlicher Rekord ist die größte Seeschlacht der Geschichte die am 31. Mai 1916 in Skagerak eher zufällig stattfand. Hier trafen deutsche und britische Flotten versehentlich aufeinander und bekriegten sich ohne jede strategische Zielsetzung. Es starben 6097 englische Matrosen und 2551 deutsche. Und trotzdem wusste man anscheinend, dass man den Briten auf See wohl kaum siegreich begegnen konnte. Aus diesem Grunde ging man dazu über deutsche Schlachtschiffe personell „auszudünnen“, was natürlich zu Meutereien führte, und verstärkte dafür die U-Boot-Besatzungen, was unschwer auf eine Änderung der Strategie der Deutschen schließen lässt.

Auch im Jahr 1916 flammten noch ganz kurz Friedensbemühungen auf, die aber entweder anmaßend (Frankreich forderte gleichzeitig das Rheinland und sah den Rhein als natürliche und anscheinend auch selbstverständliche Grenze an) oder nicht ernst gemeint (deutsche Forderungen) waren.

„Epochenjahr der Weltgeschichte“ (1917)

Lässt sich das Jahr 1916 als eine Art blutige Eskalation des Ersten Weltkrieges bezeichnen, so kann man 1917 getrost als das „Epochenjahr der Weltgeschichte“ bezeichnen. Denn dieses Jahr war sowohl vom verstärkten Einsatz neuer militärischer Mittel (Giftgas, Tanks), von der Entstehung einer Lücke zwischen moderner Technik der Alliierten und veralteter der Mittelmächte, Brechen alter Hemmungen (uneingeschränkter U-Boot-Krieg), wie auch massiven Veränderungen und Krisen in der Innenpolitik geprägt.

a. Kriegsgeschehen

Die Ausgangssituation war jedoch wieder die selbe – ständige Wiederholungen gehören auch zur Geschichte des Ersten Weltkrieges: Ein Kriegsende war nicht absehbar, es gab keine gemeinsame Vorstellung eines europäischen Friedens. Erneut nahm die Entente den Kampf gegen die Mittelmächte auf und kämpften in Gräben um die gegnerischen Verteidigungslinien zu durchbrechen. Die Nivelle-Offensive scheiterte, die Deutschen zogen sich wegen besserer Abwehrmöglichkeiten auf die bereits benutzte Siegfriedlinie mit der ersten, zweiten und sechsten Armee zurück.

Wie bereits oben erwähnt gerieten die Deutschen nun technisch endgültig ins Hintertreffen. Den alliierten Einsätzen von Tanks hatten sie absolut nichts entgegen zu setzen. Um an den Fronten doch noch etwas verändern zu können, setzten beide Seiten Senfgas zur Bekämpfung der gegnerischen Soldaten ein. Es wurde lediglich an den Fronten und nicht zur Tötung der Zivilbevölkerung eingesetzt, da die Heerführer ja lediglich eine Rechnung aufstellen wollten. Der Einsatz von Giftgas war nämlich rechnerisch durchaus vertretbar: Eine schnelle, für den Gegner tödliche Entscheidung, würde Freund und Feind das Sterben von weiteren hunderttausenden von Soldaten ersparen. Die Verluste zwischen Frankreich und dem Deutschen Reich betrugen 320.000 Mann. Die Aufteilung zwischen Entente und Mittelmächten erscheint, was Verluste angeht, im Moment noch müßig, da sich ohnehin keine großen Differenzen ergäben. Das vertrackte an diesen Grabenkriegen war – wie bereits erwähnt - die ungleiche Überlegenheit der Verteidigung.

Der sehr brutal agierende Nivelle, der die Leitung der französischen Truppen inne hatte, wurde durch die hohen eigenen Verluste zunehmend unbeliebter, wodurch es zu von den Deutschen anscheinend unbemerkten, zumindest jedoch – so viel ist sicher – ungenutzten Meutereiein in der französischen Armee kam.

Ein „Auflockerungsversuch“ der Deutschen war es den bereits lange geplanten U-Boot-Krieg nun endlich durchzusetzen. Er sollte fünf bis sechs Monate dauern, dann wäre die britische Flotte zurückgeschlagen, so der Plan. Den Deutschen ging es zu diesem Zeitpunkt schon schlecht genug und auch die Politiker hatten wenig scheu auch noch einen Krieg gegen die USA aufzunehmen. Durch Ludendorff war ein sehr radikal und diktatorisch denkender Mann an die Führung gekommen. Sein „Alles-oder-nichts“-Denken nahm auch die Möglichkeit des Untergangs des deutschen Reiches in Kauf. Unmittelbare Folge des U-Boot-Krieges war aber nicht – wie propagiert – das Einlenken und ein Friedensangebot der Briten, sondern das Beitreten der Amerikaner in den Krieg. Im Konkreten vollzog sich dies mit dem Abbruch aller diplomatischer Beziehungen zum Deutschen Reich seitens der USA am 3. Februar, der Kriegserklärung an Deutschland am 6. April 1917 und einen Tag später mit der Kriegserklärung an das schon sehr angeschlagene Österreich.

Ginge der geplante Zusammenbruch des „United Kingdom“ nur schnell genug von statten, habe man den Angriff der Amerikaner gar nicht zu fürchten brauchen,[6] denn dann wären diese vor schon vollendete Tatsachen gestellt und könnten wieder abziehen. Dass diese Vorstellung mehr als utopisch war, lässt sich denken, denn die Engländer waren bereits dazu übergegangen Konvois zu bilden, was die Transporte deutlich sicherer und fast zu einer Jagd auf U-Boote machte.

b. Innenpolitik

Um zu verdeutlichen, dass das Deutsche Reich nicht allein mit der Kriegführung und dem Halten der Fronten, sondern auch mit der sich immer mehr zuspitzenden Innenpolitik beschäftigt war, wollen wir uns in diesem Kapitel mit den innenpolitischen Gegebenheiten und Veränderungen befassen.

Generell bezeichnend für das Ende der Monarchie ist die schleichende Machtabgabe des Kaisers an die Oberheeresleitung. Zum Ende des Ersten Weltkrieges hin wurde das Deutsche Reich nämlich militaristischer als es ohnehin schon war.

Aber wenn der Kaiser seine Macht verlor, wer bekam sie dann? Im Endeffekt Ludendorff als Militärdiktator. Dieser wäre es auch „am liebsten schon im September 1916, also unmittelbar nach dem Sturz Falkenhayns“7 geworden), doch dafür war „die Position des Kanzlers noch viel zu stark“[7]. Die Stärke des Kanzleramts erklärt sich durch die Machtabnahme des Kaisers und der nahezu unbegrenzten Machtbefugnisse, die er durch den Reichstag bekommen hatte. Der Kanzler hatte den Reichstag hinter sich, der wiederum über das Budget der Oberheeresleitung (OHL) verfügte, was eine klare Machthierarchie vorgab.

Die Kluft zwischen den Interessen der Sozialdemokraten und der 3. OHL schwächten die Macht des Kanzler Bethman Hollweg jedoch. Weitere innenpolitische Prozesse taten ihr Übriges, um den Kanzler langfristig zu schwächen. Nicht nur die Kluft zwischen OHL und Sozialdemokraten, auch der hoffnungslose U-Boot-Krieg, die sich nähernde Bedrohung der amerikanischen Kriegserklärung sowie die russische Märzrevolution rüttelten zusätzlich am Stuhl des Kanzlers.

Im April 1917 kam es dann in Gotha zur Aufspaltung der SPD in SPD und USPD. Während die SPD lediglich eine Reform zusammen mit der Elite anstrebte, wollte die USPD die Revolution und den Frieden in Deutschland wie auch in Russland[8].

Dem folgte der Kampf um das Drei-Klassen-Wahlrecht der SPD, die Ideologisierung des Krieges (es stand die in Russland bereits gefallene Autokratie gegen die Demokratie) und Massenstreiks der Arbeiter, weil das Klassenwahlrecht erst nach Kriegsende abgeschafft werden sollte. Daraus ergab sich die sogenannte Julikrise, die bald einer Zerreisprobe für das Deutsche Reich glich.

Am 6. Juli 1917 erklärt Erzberger in seiner Rede im Hauptausschuss des Reichstages das Scheitern des U-Boot-Krieges. Diese Verkündung stellt eine herbe Enttäuschung für das desinformierte deutsche Volk dar. Liberale und Sozialisten rücken daraufhin zusammen (es kommt zur „parlamentarischen Blockbildung“), die in einer Friedensresolution des Reichstages und in dem Beginn des parlamentarischen-demokratischen Systems in Deutschland, was sich wiederum als „Mutter der Weimarer Koalition“ bezeichnen lässt.

Wegen der Illoyalität und politischer Ignoranz des Reichstages, wurde das Amt des Kanzlers danach zum Machtvakuum[9], das von der OHL eingenommen wurde, so dass das Reich nun vollkommen militaristisch und zur Militärdiktatur wurde. Der darauffolgende Reichskanzler sei der Vollständigkeit halber noch namentlich erwähnt: Er hieß Michaelis, spielte aber weiter keine große Rolle.

Der Untergang des Deutschen Reichs

a. Vorraussetzungen des Untergangs

Bevor das Deutsche Reich zusammenbrechen konnte, musste es zunächst einmal wirtschaftlich am Boden zerstört, finanziell wie auch versorgungsmäßig brach liegen, innenpolitisch völlig ungeordnet und durch Revolutionen und Streiks bedroht sein, was dann als nächsten Schritt das Schwinden der Moral an der Front und im Hinterland zur Folge hatte.

All diese Punkte waren bereits im Sommer 1917 zur Genüge erfüllt. Einzig die Herrschaft eines uneinsichtigen Diktators konnte das Deutsche Reich noch eine Weile künstlich am Leben erhalten. Die Ausweglosigkeit war – nicht zuletzt durch die Enge zwischen russischer Revolution und dem unaufhaltsamen Heranrücken der Amerikaner - besiegelt gewesen. Wie in allen Kriegsjahren zuvor, kam man zu keiner befriedigenden Friedenslösung, so dass man auf die USA angewiesen war. Am 26. Juni 1917 machte auch der Papst einen vorläufigen Friedensvorschlag, der die Rückgabe Belgiens, also den ursprünglichen Zustand, vorsah.

Beruhigenderweise kam es durch die Revolution in Russland zu einem informellen Waffenstillstand an der Ostfront. Ein echter Friede war dennoch ohne Annexionen in Polen nicht denkbar (da sie gut fürs bolschewistische System waren), aber von Beider Interesse. Denn Lenin plante seine Weltrevolution und Ludendorff wollte sich nun „in Ruhe“ von der Ostfront auf die im Westen konzentrieren können.

Am 24. 1. 1918 lehnten die Deutschen den 14 Punkte umfassenden Friedensvertrag der USA ab.

Am 10. Februar 1918 beendeten die Russen den Krieg von sich aus und zogen sich in die Weiten ihres Landes zurück, wohlbemerkt jedoch ohne sich auf die Forderungen der deutschen einzulassen. Daraufhin marschiert Deutschland ohne jeden Widerstand ins Landesinnere.

Am 18. Februar kapitulierte Russland dann formal und bekam einen Diktatfrieden auferlegt (Kurland, Litauen und Polen mussten abgegeben werden; Estland und Livland blieben besetzt; Anerkennung der Unabhängigkeit der Ukraine; Räumung Finnlands; hohe wirtschaftliche Verluste).

Dies brachte Deutschland in eine vorteilhafte Situation für einen weiteren Krieg (Einkreisungsring gesprengt, einen Gegner geschlagen). Lediglich Österreich war „am Ende der Möglichkeiten“[10]. Durch die höhere Technisierung versprachen sich die Franzosen und Engländer verlustärmere und nicht nach so vielen Menschenleben trachtende Schlachten, so dass es schien, als würde alles besser werden.

b. Die letzte Offensive

Nachdem die Einstellung beider Kontrahenten nun eindeutig geklärt war, ging es für beide Seiten darum, den durch Krater und Geschütze unverwechselbar deutlich markierten Grenzverlauf zu überschreiten.

Die Amerikaner hatten bis zum letzten Aufbäumen der Deutschen bereits weit über eine Million Soldaten in Frankreich positioniert, sodass – nimmt man alle Truppen der Entente zusammen, die Übermacht rechnerisch gewährleistet sein sollte. Ludendorff, der in seinem Größenwahn schon vage Ähnlichkeiten zu Diktatoren wie Adolf Hitler aufwies, ließ sich davon jedoch nicht übermäßig beeindrucken. Der Gedanke, dass das Deutsche Reich durch die harte Probe eines Weltkrieges zu Grunde gehen könnte, ließ ihn jedoch unruhig und in seinen emotionsgeleiteten Entscheidungen stark schwankend erscheinen. In diesem unverantwortlichen Wahn formulierte er – seine unfreiwillig letzten – Angriffsziele: Geplant waren der Durchbruch der Verteidigungslinie, dann die Trennung der englischen von den französischen Truppen, Einkesselung und Vernichtung englischer Truppen und, als zweites großes Ziel, den erneuten Wettlauf zum Meer, um die Kanalhäfen zu besetzen.

Ludendorff ließ sich eine Erfolg versprechende Angriffstaktik einfallen, um die gegnerische Verteidigung diesmal zu durchbrechen: Die Feuerwalze. Die deutsche Feuerwalze wies eine Breite von stolzen 70 Kilometern auf und brach die Verteidigung der Franzosen zwischen Cambrai und St. Quentin. Unter Einbüßung massiver Verluste (230.000 Mann) gelang es den Deutschen am 5. April 60 km vorzudringen. Mitte Juli stiegen die Verluste auf 425.000, bis zum Juli auf die ungeheure Anzahl von 1.000.000 Soldaten. Allein dieser „Verschleiß an Menschenmaterial“ brachte Ludendorff im Nachhinein natürlich riesige Vorwürfe ein.

Als die Offensive zum Stillstand kam, blieb Ludendorff immer noch uneinsichtig und gab nicht - wie ihm vorgeschlagen wurde – den Befehl schnell zur gutausgebauten Siegfriedlinie zurückzukehren, sondern ordnete an sich langsam zurückdrängen zu lassen.

Den 8. August 1918 bezeichnete er selber als den „Schwarzen Tag des Heeres“, da 500 alliierte Tanks deutlich machten, welche Partei durch einen „technischen Quantensprung“[11] überlegen war und obsiegen würde. Wie nicht anders zu erwarten führte dies schlussendlich zur Resignation und zum moralischen Einbruch der deutschen Truppen.

c. Zusammenbruch der Mittelmächte

Bis zum 12. August gelang den Deutschen die Stabilisierung der Front. Dabei gilt zu berücksichtigen, dass 70% der Verluste der 2. Armee Kriegsgefangene waren, was auf die niedrige Moral der Truppe schließen lässt.

Am 14. August wiesen viele Divisionen nur noch die Hälfte ihrer Sollstärke auf. 22 Divisionen lösten sich gar ganz auf[i]. Ludendorff verfälschte die Beschreibung der Situation jedoch so, dass das Hauptquartier in Berlin beruhigt war.

Eine Niederlage wurde bis kurz vor Kriegsende nicht hingenommen, man bemühte sich eher die aktuelle Lage als bislang schwerste Krise zu verstehen. Zuversicht gab außerdem die Tatsache, dass Preußen seit 1813 viermal in Folge siegreich gewesen war; außerdem gab es noch Raum im Osten in den man fliehen und den man nutzen konnte. All diese Hoffnungen waren nur letzte, verzweifelte Ausflüchte.

Und es gab weitere Signale für einen Untergang: Der Vielvölkerstaat bot (unabhängig vom Deutschen Reich) der Entente den Frieden an. Doch die Alliierten wollten ausdrücklich die Kapitulation Österreichs.

Ein weiterer Schlag war die Offensive der Alliierten am 15. September an der Salonikifront, was zur Niederlage Bulgariens (die Kapitulation Sofias war am 25. September) und wenig später zur Niederlage des osmanischen Reichs führte.

All diese Umstände machten die Einwilligung des Reichskanzlers in den „14-Punkte“-Vertrag am 4. Oktober 1918 unumgänglich.

Thesen

1. These: Eine erfolgreiche Michael-Offensive hätte für Frieden gesorgt.

Wäre eine Michael-Offensive erfolgreich gewesen, so hätten die Deutschen die Kanalhäfen kontrolliert, die Franzosen sich zurückgezogen, die Entente wäre entscheidend geschlagen worden, und die Amerikaner hätten nur noch wenige Möglichkeiten gehabt, diese mit Truppen zu unterstützen.

In diesem Fall hätte das Deutsche Reich bestenfalls Frankreich, nicht aber England oder gar USA schlagen können. Im Falle eines Angriffs der beiden zuletzt Genannten, hätte Deutschland aber auf Ressourcen des besiegten Russland zurückgreifen können. Dies böte eine bessere Ausgangslage für einen Verteidigungskrieg als dies 1944 für Deutschland der Fall war.[12]

2. These: Der Versailler Vertrag unterstützte den Aufschwung der National-Sozialisten.

Dies ist möglich, da die Reparationen derartig hoch angesiedelt waren, dass Deutschland nach Schätzungen bis in die 1980er Jahre Kriegsschulden hätte zahlen müssen. Zudem war der Versailler Vertrag der Reichsregierung aufgezwungen worden (Diktatfrieden), „belastete die junge Demokratie arg“[13] und unterstellte dem deutschen Volk die Kriegsschuld.

Da diese Zustände von vielen Bürgern vor allem während der Weltwirtschaftskrise 1929 als untragbar empfunden wurden und sich die wirtschaftliche Lage durch den Versailler Vertrag ebenfalls verschlechterte, war dies ein guter Anknüpfungspunkt um das Volk wieder gegen England und Frankreich aufzuwiegeln.

Bilanz des Krieges

Im ersten Weltkrieg waren insgesamt rund 70 Mio. Mann für die Streitkräfte mobilisiert. Der Krieg forderte etwa 10 Mio. Tote (davon 2 Mio. In Deutschland, was laut Notesteins Schätzung 8% der Bevölkerung entspricht[14] ), 20 Mio. Verwundete und Invaliden (ca. 4,25 Mio. in Deutschland; die direkten Gesamtausgaben belaufen sich auf rund 956 Mrd. Goldmark (davon über 150 Mrd. in Deutschland).[15]

Transfer zum Zweiten Weltkrieg

Obwohl die beiden Weltkriege jeweils von Deutschland aus begonnen wurden, und beide aus einer wirtschaftlichen Notlage heraus entstanden sind, ist die Art der Kriege sehr verschieden. Es gab zum Beispiel keine „festgefahrenen“ Grabenkriege mehr, sondern – zumindest zu Beginn des Zweiten Weltkrieges – „Blitzkriege“. Während der Erste Weltkrieg am Boden durch die Tanks entschieden wurde, wurde der zweite aus der Luft bestimmt. Auch gab es einen deutlich härteren Seekampf. Im Ersten Weltkrieg gab es (trotz Giftgas) noch keine alles einschüchternde Bedrohung (wie es im zweiten Weltkrieg die Atombombe war).

Auswirkungen des Ersten Weltkriegs

Die Auswirkungen dieses ersten weltweiten Krieges drangen mit erheblicher Ausprägung in nahezu alle geschichtlich relevante Gebiete, nämlich Neubildung von Staaten, erheblichen Änderungen einiger Grenzverläufe, neue Staatssysteme, Auflösung von Monarchien, Zerfallen von einzelnen Ländern in viele kleine, Machtergreifungen und Erlangung der Selbstständigkeit sowie innenpolitische Veränderung (Rücktritte etc.).

Im Detail sind das die Auflösung „der Monarchie in Deutschland, Russland, dem osmanischen Reich, Österreich-Ungarn; die Donau-Monarchie sowie das Osmanische Reich zerfielen in eine Reihe von Nachfolgestaaten (Österreich, Ungarn, Türkei) bzw. neue Nationalstaaten [...]. Polen wurde selbstständig.“[16] Zar und Kaiser mussten zurücktreten. Weitere Folgen waren die Machtergreifung der Bolschewiki und die Gründung der Sowjet-Union.

Nach dem Aufschwung der Sozialisten brachte die „deutsche Novemberrevolution [...] die Weimarer Republik hervor“[17]. Der erste Weltkrieg verschlimmerte allerdings auch die Inflation, Wirtschaftskrisen und die „Verschärfung innerer Konflikte“17 nicht nur in Deutschland.

Literaturverzeichnis

- Michael Salewski, „Der Erste Weltkrieg“, Schöningh Verlag, Paderborn, 2003
- Eberhard Kolb, „Die Weimarer Republik“, R. Oldenburg Verlag, München/Wien, 1984
- Wolfram Fischer (Hrsg.), „Handbuch der europäischen Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Band 6“, Ernst Klett Verlage, Stuttgart, 1987
- Wolfgang W. Mickel, „Geschichte, Politik und Gesellschaft 1“, Cornelsen Verlag, Berlin, 1988

[...]


[1] (Salewski, S. 129)

[2] (Salewski, S. 81)

[3] Brockhaus, S. 170

[4] Salewski, S. 107

[5] Salewski, S. 248

[6] Salewski, S. 314

[7] Salewski, S. 242

[8] Salewski, S. 347

[9] siehe Salewski, S. 258

[10] Salewski, S. 290

[11] vgl. Salewski, S. 316

[12] nach Salewski, S. 305

[13] nach Kolb, S. 35

[14] F. W. Notestein u. a., „The Future Population of Europe and the Soviet Union. Population Projections 1940-1970 » , Genf 1944, S. 75

[15] vgl. Brockhaus, S. 176

[16] Brockhaus, S. 176

[17] Brockhaus, S. 176

27 von 27 Seiten

Details

Titel
Kriegführung und Politik im 1. Weltkrieg (aus deutscher Sicht)
Note
3
Autor
Jahr
2003
Seiten
27
Katalognummer
V108041
Dateigröße
506 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Zusammenfassung der Geschichte des ersten Weltkriegs, (ein wenig) aus deutscher Perspektive.
Schlagworte
Kriegführung, Politik, Weltkrieg, Sicht)
Arbeit zitieren
Konstantin Magnus Lucke (Autor), 2003, Kriegführung und Politik im 1. Weltkrieg (aus deutscher Sicht), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/108041

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