Narrative Bibelauslegung - Jakob und Esau - Eine Versöhnung


Facharbeit (Schule), 2003

19 Seiten


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Inhaltsverzeichnis

1. Vorbemerkung

2. Das Alte Testament
2.1. Begriffsdefinition – „narrativ“
2.2. Erzählen in der Bibel
2.3. Wie erzählen?
2.4. Narrative Exegese

3. Exegese – Die Versöhnung von Jakob und Esau
3.1. Die Vorgeschichte – Exodus 25, ff
3.2. Exegese – Exodus 33, 1-16
3.3. Schlußfolgerungen
3.4. Was kann uns die Geschichte heute sagen?

4. Nacherzählung – Eine Versöhnung

5. Literaturnachweis

1. Vorbemerkung

Dieses Jahr – 2003 – gilt als Jahr der Bibel. Beim Kirchentag in Berlin, der diesmal von evangelischen und katholischen Christen gemeinsam gestaltet wird, werden hohe Besucherzahlen erwartet. In diesem Zusammenhang höre ich in letzter Zeit häufiger, dass die Bibel eines der meistverkauften und doch am seltensten gelesenen Bücher ist. Denke ich über diese Aussage nach, fallen mir die regelmäßigen Gottesdienste, Bibel- und Religionsstunden und Kindergottesdienste in den Kirchen und Schulen ein. Diese Darstellung erscheint mir dann zunächst unwahrscheinlich. Trotzdem lässt sich aufgrund von Umfragen wohl nicht bestreiten, dass die Bibelkenntnis und die Zahl der Kirchgänger in den letzten Jahrzehnten stark zurückgegangen sind. Immer weniger Menschen werden in Zukunft mit den Inhalten und Sprachformen des christlichen Glaubens vertraut sein.

Eine Ursache liegt vielleicht darin, dass das Alte Testament und das Neue Testament aus alter, lang vergangener Zeit zu stammen scheinen. Viele Menschen heute haben offenbar Schwierigkeiten, die alte Sprache und die alten Begriffe der Bibel zu verstehen. Die Schauplätze und Situationen, die in der Bibel beschrieben werden, sind in einem ganz anderen kulturellen und zeitlichen Bezugsrahmen, als die Menschen ihn heute kennen. Es fällt ihnen dann schwer zu erkennen, was diese Worte für die heutige Zeit bedeuten könnten.

Bei alle dem sollte man nicht vergessen, dass unsere kulturelle Identität – bis auch in den Alltag hinein – durch das Christentum und somit durch die Bibel geprägt ist. Die Bibel ist ein Buch, das menschliche Geschichte beinhaltet – Geschichte mit Gott und den Menschen. Verlieren die Menschen den Zugang zur Bibel, verlieren sie auch wichtige Quellen der eigenen Kultur.

Es erscheint mir als eine Herausforderung an die Kommunikation der Menschen, den Anderen immer wieder neu zu erreichen und die Botschaft des Glaubens weiter zu vermitteln. Mit der Methode der „Narrativen Bibelauslegung“ möchte ich aufzeigen, wie durch predigende Erzählungen der ursprüngliche Zugang zu biblischen Texten neu eröffnet werden kann.

2. Das Alte Testament

Das Alte Testament umfaßt einen Zeitraum von tausend Jahren. In dieser Zeit spielt sich der Weg des Volkes Israels ab. Auf diesem Weg werden alle Lebensbereiche und Lebensinhalte der menschlichen Existenz beschrieben. Im Alten Testament wird von den großen Stadien der Menschheitsgeschichte berichtet – angefangen von der Erschaffung der Welt und des Lebens, über das ägyptische Weltreich bis hin zu den Anfängen des römischen Imperiums.

Claus Westermann beschreibt es in seinem Buch „Tausend Jahre und ein Tag“ so: „Es gibt nichts Menschliches, das nicht irgendwo im Alten Testament berührt würde. Es spricht vom Menschsein in seiner ganzen, unerschöpflichen Fülle: von der Geburt des Kindes bis zum hohen Alter, vom Spielen des Kindes über die Ehe und die Arbeit in allen ihren Gestalten. Es gibt keine menschliche Fähigkeit, die nicht in diesem Buche irgendwo anklänge. Alle Formen gemeinsamen Lebens, alle sozialen und politischen Grundformen haben auf dem Weg durch das Jahrtausend des Alten Testamentes ihren Platz.“

Und alles dieses geschieht in der Beziehung zwischen Gott und dem Menschen. Und weil der Mensch vor Gott nichts verbergen kann, wird er so realistisch und ohne Idealisierung dargestellt – so wie er wirklich ist. Weder seine Fehler noch seine Möglichkeiten zum Bösen und zur Sünde werden ausgelassen.

2.1. Begriffsdefinition – „narrativ“

- Bei der Suche nach den Ursprüngen des Begriffes findet sich in der antiken Rhetorik der Ausdruck „narratio“. Er bezeichnete den Teil einer Gerichtsrede, der dem Richter als Information diente. Kennzeichnend dabei war eine genaue und sorgfältige Wortwahl bei der Darstellung des zu verhandelnden Tatbestands bzw. Tathergangs.
- Im Orient wurde „narratio“ als Oberbegriff für zwei Formen der Geschehensmitteilung verwendet: Einerseits für die Gattung „Erzählung“ und anderseits für die des „Berichts“.
- Das neuzeitliche Fremdwörterbuch erklärt den Begriff „narrativ“ so: „erzählend, in erzählender Form darstellend (Sprachw.)“.

2.2. Erzählen in der Bibel

Erzählen hat in der Bibel eine umfangreiche Tradition. Ein großer Teil der Bibel besteht aus Erzählungen. Neben den Erzählungen findet man im Alten Testament und im Neuen Testament auch noch andere Texte, wie z. B. Gesetzestexte, moralische Anweisungen, hygienische Vorschriften, Lobpreisungen usw. Jedoch handelt es sich bei den Texten, die als besonders wichtig und bedeutsam für die christliche Religion gelten, um Erzählungen. Daraus kann man folgenden Schluß ziehen: Bei der erzählenden Weitergabe handelt es sich nicht um irgendeine beliebige Form der biblischen Überlieferung. Erzählungen haben eine fundamentale Bedeutung, weil sie eine Grundform biblischer Verkündigung darstellen.

Das Alte Testament erzählt von einer Beziehung – der Beziehung zwischen Gott und den Menschen und der des Menschen mit Gott. Es erzählt von einer Geschichte mit Gott, die mit der Erschaffung der Welt einen Anfang hat und auf ein Ende zuläuft, wie es von Gott bestimmt wird. In diesen Geschichten haben die Menschen Verantwortung zu übernehmen. Das Volk Israel wird dabei aus der Gefangenschaft durch die Wüste in das gelobte Land geführt. Die damaligen Menschen haben ihre Erfahrungen mit Gott weitererzählt. In ihren Geschichten ist das Gedächtnis der biblischen Menschen festgehalten.

Im Neuen Testament wird von Jesus erzählt. Dies geschieht in den vier Evangelien, und wir erfahren dort viel über das Leben und Wirken von Jesus. Doch auch Jesus von Nazareth hat einen großen Teil seines öffentlichen Lebens damit zugebracht, Geschichten zu erzählen. Er verwendet dazu eine ganz besondere Erzählform: die Gleichnisse. Die Apostel und Jünger, sowie andere Zuhörer in seiner Erzählrunde, hören seine Erzählungen und erzählen ihrerseits das Gehörte und ihr Erleben mit Jesus weiter. Und so sind diese Erzählungen schließlich auch zu uns gekommen. Wenn wir – angefangen bei unseren Kindern – die biblischen Geschichten nacherzählen, setzen wir eine lange Erzähltradition fort.

Auch das jüdische Volk hat im Chassidismus eine bedeutende Erzählkultur realisiert. Hierzu weiter unten ein Beispiel.

2.3. Wie erzählen?

Erzählungen haben ein zentrales Ziel: Erfahrungen auszutauschen. In den vorangegangenen Abschnitten wird beschrieben, wie dies die Menschen in der Bibel getan haben. Im Alten Testament haben sich die Menschen über ihre Erfahrungen in der Beziehung mit Gott ausgetauscht. Genauso haben sich auch die Christen ihre Erfahrungen mit dem gekreuzigten und auferweckten Jesus erzählt. Im Erzählen kann ich den anderen Menschen an meinen Erfahrungen teilhaben lassen. Erzählen ist so etwas wie eine „Erfahrungsform“, in der andere meine Welt erleben können. Sie können miterleben, was geschieht, mit anderen Personen in der Geschichte leiden oder sich freuen, krank oder gesund sein usw.

Beim Erzählen geht es nicht darum, zu informieren – „geschichtliche Wirklichkeit als Ereignisabfolge“ zu schildern. Nacherzählen bedeutet auch nicht Wiederholen, Reproduzieren oder Nachsagen. Der Text soll durch Umerzählen in einen neuen, modernen Zusammenhang gebracht werden. Dadurch soll die Botschaft des Textes für den heutigen Menschen besser verständlich werden. Man könnte sich jetzt die Frage stellen: „Darf ich das überhaupt? Darf ich irgend etwas an der bereits erzählten Geschichte der Bibel verändern?“ Ich meine, dass dies innerhalb gewisser Grenzen zulässig ist, auf die ich im Folgenden noch näher eingehen werde. Bei Erzählungen ist es von zweitrangiger Bedeutung, ob sie der Wahrheit entsprechen oder nicht, ob sie erfunden wurden oder sich tatsächlich so ereignet haben. Die Wahrheit kann auch in einer anderen – erfundenen – Geschichte enthalten sein. Wichtig ist vielmehr die Frage nach der Relevanz – welche Bedeutung die Erzählung für den Glauben des Hörers hat. Es handelt sich vielmehr um bildhafte Geschichten. Sie dienen einer Metapher, die etwas entschlüsseln soll. Im Verhalten der biblischen Personen werden dem Hörer Verhaltensmuster bereitgestellt, die ihn dann zum eigenen Handeln ermuntern sollen.

Die Absicht von Erzählungen liegt darin, den Hörer in seinem Glauben betroffen zu machen. Durch meine Geschichte soll der Hörer angeregt werden, auch seine eigene Geschichte mit Gott weiterzuerzählen und sich mit anderen Menschen darüber auszutauschen. Dadurch wird für beide Seiten – Erzähler und Hörer – erlebbar, wie Gott auch heute noch bei uns Menschen wirksam ist. Uns kann bewußt werden, wie Gott auch heute Geschichte bewirkt, und nicht nur im biblischen Damals.

Wirkliche Erzählungen setzen ein bestimmtes Maß an eigener Beteiligung mit der Geschichte voraus. Wozu ich gar keine Beziehung habe, davon kann ich auch nicht glaubhaft erzählen. Durch das Miterleben, Nachempfinden und Hineinfühlen, wird der Hörer selbst mitten in das Geschehen aufgenommen. Dem Hörer können so biblische Botschaften auf spannende und kurzweilige Weise übermittelt werden.

Wie wir sehen konnten, haben Menschen schon immer Geschichten erzählt. Sie haben sie zur Unterhaltung erzählt, oder um sich die Arbeit zu erleichtern. Aber sicherlich auch, weil sie von der Kraft der Geschichten überzeugt waren. In seinem Vorwort zu den „Erzählungen der Chassidim“ schreibt Martin Buber: „Das Erzählen ist selber Geschehen, es hat die Weihe einer heiligen Handlung ... Die Erzählung ist mehr als eine Spiegelung; die heilige Essenz, die in ihr bezeugt wird, lebt in ihr fort ... Kraft, die einst wirkte, pflanzt in lebendigem Wort sich fort und wirkt noch nach Generationen.“

Eine Erzählung der Chassidim:

„Man bat einen Rabbi, dessen Großvater ein Schüler des Baalschem gewesen war, eine Geschichte zu erzählen. „Eine Geschichte“, sagte er, „soll man so erzählen, dass sie selber Hilfe sei.“ Und er erzählte: „Mein Großvater war lahm. Einmal bat man ihn, eine Geschichte von seinem Lehrer zu erzählen. Da erzählte er, wie der heilige Baalschem beim Beten zu hüpfen und zu tanzen pflegte. Mein Großvater stand und erzählte, und die Erzählung riß ihn so hin, dass er hüpfend und tanzend zeigen musste, wie der Meister es gemacht hatte. Von der Stunde an war er geheilt. So soll man Geschichten erzählen.““

Die narrative Auslegung hat zum Ziel, jeden Menschen zu erreichen. Durch die erzählende Form kommt sie dem einzelnen Menschen entgegen, der sich ja auch selbst in seinem Leben immer wieder in „Geschichten verstrickt“ erlebt. Im Gegensatz zu z. B. einer theologischen Abhandlung hat eine Geschichte den Vorteil, dass sie von jedem verstanden werden kann. Wird wirklich erzählt, erschließt sich die Bedeutung im Verlauf des Erzählens – wie bei einem Symbol. Das Ziel der narrativen Auslegung ist erreicht, wenn die Geschichte – ohne anschließende Deutung – vom Analphabeten genauso verstanden wird wie vom Universitätsprofessor, wenn sie den Arbeiter genauso erreicht wie den Intellektuellen.

2.4. Narrative Exegese

Wer sich mit der narrativen Bibelauslegung beschäftigt, sollte einige Punkte bei der Erstellung beachten. Dies ist notwendig, um sich gewissenhaft der biblischen Überlieferung zu nähern.

Einer narrativen Bibelauslegung muss eine exakte theologische und kritische Exegese vorausgehen. Die Aufgabe dieser Exegese ist es, verschiedene Ebenen eines Textes herauszustellen, Wortspiele zu erkennen und eigentümliche Begriffe und kulturelle Merkmale der damaligen Zeit zu erklären.

Die Erzählung muss die Botschaft des biblischen Textes klar zutage treten lassen. Die freigesetzte Phantasie des Erzählers verlangt hierbei eine hohe Selbstdisziplin und darf sich nur an der Botschaft des Textes orientieren. Eine Ausarbeitung in Form einer historisch-kritischen Exegese ist Voraussetzung, um einen Predigttext zu schreiben. Sie gilt als Orientierung während der gesamten Texterstellung. Denn letztlich ist der entstehende Predigttext „nur“ ein Transportmittel der biblischen Botschaft.

Nun soll die narrative Exegese nicht andere Methoden der Bibelauslegung ersetzen, sondern als Ergänzung dienen. Es geht vielmehr um die Frage, wie die narrative Bibelauslegung hilfreich sein kann – hilfreich für das Verständnis der Rede und dem Wirken Gottes – bei der Auslegung biblischer Texte.

Exegese – Die Versöhnung von Jakob und Esau

Im folgenden Teil konzentriere ich mich auf die Versöhnung zwischen Jakob und Esau. Um die Versöhnungssituation als Ganzes zu verstehen, ist es jedoch notwendig, die Vorgeschichte der beiden Charaktere zu kennen. Der Konflikt zwischen Jakob und Esau ist in zwei Teilen dargestellt. Am Anfang (Exodus 25-28) beginnt er bei der Geburt. Er endet am Schluß (Exodus 32-33) mit der Versöhnung. Dazwischen steht Jakobs Aufenthalt bei Laban (Exodus 29-31).

3.1. Die Vorgeschichte – Exodus 25, ff

Isaak, der Sohn Abrahams, hatte zwei Söhne. Es waren die Zwillinge Esau und Jakob. Esau liebte es, als Jäger in der Steppe herumzustreifen. Jakob hingegen war ein ruhiger Mensch, der sich in der Nähe der Zelte aufhielt. Isaak hatte eine Vorliebe für seinen Sohn Esau. Jakob war der Liebling seiner Mutter Rebekka. Als Esau eines Tages erschöpft von der Jagd nach Hause kam, hatte Jakob Linsen gekocht. Esau wollte davon essen. Jakob sagte: „Erst, wenn du mir dein Erstgeburtsrecht abgibst.“ Esau war der Hunger wichtiger, und so schwor er Jakob, sein Erstgeburtsrecht für die Linsen abzugeben. Die Jahre vergingen, und Isaak wurde alt und blind. Er wollte seinen Erstgeborenen segnen. Die Mutter Rebekka hatte davon gehört und schickte Jakob anstelle von Esau zum Vater. Isaak bemerkte den Betrug nicht und segnete Jakob. Als Esau davon erfuhr, wollte er Jakob töten. Jakob floh zum Bruder seiner Mutter in ein fremdes Land und blieb lange Zeit dort.

Die Geschichte hatte ursprünglich eine andere Bedeutung. Der Bauer spielt den Jäger aus. Der wilde, dumme Jäger lebt in der Gegenwart und wird vom Bauern, der an die Zukunft denkt, übers Ohr gehauen. Die Geschichte spiegelt außerdem eine Wendung vieler Völker in der Geschichte. Die Jagd als Lebensunterhalt weicht der Landwirtschaft – der Jäger verliert an Bedeutung. Dies ist eine sehr alte im Volk weitererzählte Geschichte. Hier wird sie in einen neuen Zusammenhang gestellt.

Doch zurück zu Jakob und Esau. Zwischen den Brüdern steht nun eine alte Geschichte. Eine Geschichte von Schuld und Feindschaft, Trennung und Flucht. Es vergehen 20 Jahre, bis sich die Brüder wieder treffen.

Kurz bevor sie sich treffen, kämpft Jakob am Jabbok mit Gott. Direkt am nächsten Tag begegnet er seinem Bruder Esau. Dieser zieht ihm mit 400 Mann entgegen. Späher haben ihm vom Anmarsch Esaus berichtet

(Kap. 32, 7). Er ist bereits seit einiger Zeit auf dem Weg zu ihm. Jakob fürchtet sich daraufhin sehr und teilt seine Gemeinschaft in zwei Lager. Die Begegnung der Brüder wird sehr ausführlich erzählt.

3.2. Exegese – Exodus 33, 1-16

33, 1-2

Esau ist im Anmarsch, und Jakob hat nicht mehr viel Zeit. Er bekommt wieder große Angst. Jakob weiß nicht, ob Esau seine Geschenke angenommen hat – ob er ihm freundlich gestimmt ist oder nicht. Als erste Maßnahme stellt er seine Familie in einer bestimmten Formation auf. Dabei erhalten Rahel und ihr Sohn Joseph eine bevorzugte Position. Die Frauen Silpa und Bilha – die ihm weniger nahestehen – stellt er an die Spitze. Anschließend folgt Lea, und Rahel und Josef gehen als Letzte. Im Falle eines Angriffs hätte Rahel so die Chance gehabt, zu fliehen, vorausgesetzt, Esau greift die Ersten an. Besonders fällt auf, dass Jakob allein vor ihnen allen hergeht. Das heißt, dass er sich notfalls selbst opfern würde – allerdings auch einen Teil seiner Leute, damit die engste Familie davonkommt.

In dieser Situation unternimmt Jakob einen entscheidenden Schritt zur Versöhnung. Jakob gibt Esau – der ja ursprünglich geschädigt wurde – die Würde zurück, indem er sich wehrlos macht. Außerdem überläßt er Esau die Initiative. Dieser hat nun die Möglichkeit, von sich aus zur Versöhnung beizutragen.

33, 3

Bevor Jakob seinen Bruder erreicht, neigt er sich sieben Mal zur Erde. Im Kommentar von G. v. Rad wird dies als Begrüßungsritus erläutert, wie er von den kleineren Stadtfürsten vor dem Pharao durchgeführt wurde. Dieser Ausdruck der Demut bedeutet aber noch mehr. Indem sich Jakob vor Esau niederwirft, erkennt er ihn als Herrn an. Das bedeutet, dass er seine Tat – die Erschleichung des Segens – seinem Bruder gegenüber eingesteht.

Hier wird eine Wandlung im Verhalten Jakobs deutlich. Er hat ja kurz vorher mit Gott gekämpft. Dieser Kampf hat ihn verändert. Jakob musste seinen Namen nennen. Der Name – der soviel bedeutet wie „der Hinterlistige“ – deckt seine ganze Vergangenheit auf. Das Aussprechen seines vielsagenden Namens ist wie ein Übernehmen der Verantwortung für seine Vergangenheit. Er ist nun stark genug, seinem Bruder entgegenzutreten.

33, 4

„Und er küßte ihn“ steht in der hebräischen Bibel. Im jüdischen Midrasch ist an dieser Stelle von „Bissen“ die Rede. Dies ist eine sehr entgegengesetzte Bezeichnung. Betrachtet man den weiteren Verlauf der Geschichte, scheint der Erzähler allerdings die Auffassung von „Küssen“ zu vertreten.

Esau hebt den am Boden liegenden Jakob auf, umarmt und küsst ihn. Sie weinen. Doch nun sind es Tränen, die sie gemeinsam weinen. Als Esau damals von dem Betrug Jakobs erfuhr (Kap. 27, 38), weinte er allein. Die Umarmung und die Tränen sind ein sichtbares Zeichen der inneren Gefühle und Zeichen der Versöhnung.

In der Begrüßung wird ein überraschender Kontrast zwischen Jakob und Esau deutlich. Esau begrüßt ihn als „Bruder“ und begegnet ihm herzlich und menschlich. Ein Zeichen, dass für ihn eine Gemeinschaft auf gleicher Ebene wieder hergestellt ist. Jakob verhält sich dagegen unterwürfig und bezeichnet Esau als „Herrn“ und sich selbst als „Knecht“ Esaus.

33, 5-11

Ab hier wird das Gespräch der Brüder erzählt. Auf die Frage von Esau nach den Frauen und Kindern, spricht Jakob von seinen Kindern als einem Geschenk Gottes. Er sieht sie nicht nur als seine natürlichen Kinder. Durch das Verneigen der Mägde vor Esau scheinen auch sie sich dem Tode nahe zu fühlen.

Jakob hat seinem Bruder bereits einige Herden voraus geschickt (Kap. 32, 8ff). Durch dieses Geschenk versucht er, Gnade vor ihm zu erlangen. Man könnte dies auch als eine Art „Wiedergutmachung“ verstehen.

In Vers 8 fragt Esau nach der Bedeutung der Herden. Entweder hat er die Erklärung der Knechte (32, 18ff) nicht beachtet, oder er wollte das Geschenk – welches zu seiner Besänftigung gedacht war – nicht annehmen. Nachdem ihn Jakob weiter dazu drängt, nimmt er es an. Hierdurch wird die Versöhnung weiter vollzogen. Es bedeutet, dass ihn Esau als Besitzer des umstrittenen Erbes akzeptiert, und weitere Feindseligkeiten in Zukunft ausbleiben.

In der Begegnung der Brüder wird ein gewisser Vergleich mit dem Kampf Jakobs mit Gott deutlich. Beide Male hat er große Angst und ist einer tödlichen Bedrohung ausgesetzt – in beiden Situationen erfährt er eine überraschende Gunst. Deutlich wird diese Parallele in dem Satz „als sähe ich Gottes Angesicht“. In Esaus versöhnter Miene erkennt Jakob, dass der Gott von Pniel sein Angesicht über ihm leuchten ließ. In dem Wort Pniel steckt das hebräische Wort für „Angesicht“. Vom Erzähler wird hier allerdings nur die Parallele festgestellt, aber nicht weiter erklärt.

33, 12-16

Jakob lehnt das angebotene Geleit seines Bruders entschieden ab. Er scheint dem angebotenen Frieden nicht wirklich zu trauen. Vielleicht wird hier das Mißtrauen Jakobs deutlich – einem Menschen, der selber viel betrogen hat. Außerdem wollte er keine Verpflichtung Esau gegenüber eingehen.

Im Weiteren erklärt er zu seiner Entschuldigung, dass er langsam gehen muss. Das stimmt zwar, ist jedoch offenbar nicht der wahre Grund. Er hatte gar nicht vor, zu seinem Bruder nach Hause zu gehen. Anstatt ihm zu folgen, geht er nach Sukkot.

3.3 Schlußfolgerungen

Die Versöhnung endet nicht so, wie man es vielleicht erwartet hätte. Die beiden Brüder trennen sich wieder. Jeder geht mit seinen Leuten seinen eigenen Weg. Doch diesmal gehen sie in Frieden. Ein Wunsch nach totaler Versöhnung – im Sinne von „von nun an alles gemeinsam“ – ist nicht da. Es ist genug, dass bei ihrem Konflikt Gewalt und Leid vermieden wurden. Jakob und Esau werden beide in getrennten Gebieten in eigener Unabhängigkeit leben.

Man könnte den Ausgang der Geschichte so verstehen: Es ist nicht möglich, einfach wieder in die Vergangenheit zurückzukehren. Jeder hat seine eigene Lebensgeschichte und ist unterschiedlich geprägt. Die Eigenverantwortung des Anderen ist zu achten. So kann man sich dann auch gegenseitig freigeben.

3.4 Was kann uns die Geschichte heute sagen?

Die Geschichte von Jakob und Esau handelt vom Konflikt zweier Brüder. Konflikte innerhalb der Familie sind normal. Hier gibt es z. B. den Lieblingssohn des Vaters oder die Lieblingstochter der Mutter. Hinzu kommt, dass jeder Mensch verschieden ist. Jeder hat seinen eigenen Charakter. So kann es schnell zum Streit zwischen Geschwistern – zwischen Brüdern – kommen. Eine absolute Harmonie untereinander entspräche nicht der Realität.

Die Frage bei Konflikten zwischen Brüdern ist also nicht, ob diese da sein dürfen. Es geht viel mehr darum, wie die Konflikte ausgetragen werden. Eine Möglichkeit wäre, den Anderen zu töten. Dies ist in dem Bruderkonflikt zwischen Kain und Abel geschehen. Eine andere Möglichkeit ist es, irgendwie mit dem Bruder auszukommen. Ein völliges Gleichgewicht wird es dann wahrscheinlich nicht geben. Einer wird wohl immer den größeren Vorteil haben. Der Andere wird der mit dem geringeren Vorteil sein.

Die beiden Brüder begegnen sich als Rivalen. Zwei, die im gleichen Haus, im gleichen Lebensraum, im gleichen Eigentum aufwachsen. Übertragen auf die heutige Zeit könnte man das Wort „Rivale“ gegen das Wort „Konkurrent“ austauschen. Der wirtschaftliche Konkurrenzkampf ist nur eine neue Gestalt des Rivalitätskampfes der Brüder.

Im Streit zwischen Jakob und Esau ist der Segen Isaaks Anlaß des Konfliktes. Der Segen bedeutete Macht, Einfluß und Reichtum. In der heutigen Zeit bedeutet „Segen“ soviel wie „Erfolg“. Das Streben nach Erfolg und das Arbeiten darauf hin, hat heute eine große Bedeutung. Bei Jakob entsteht nun Eifersucht und Neid. Dies wurde zu seinem Motiv für den Betrug am Bruder. So etwas begegnet uns immer wieder im Leben. Es kommt vor zwischen Einzelnen in der Schule, in der Familie, im Betrieb, in der Freizeit und auch zwischen Völkern. Solche Geschichten enden dann häufig mit Tränen, Streit, Schlägen, Verletzungen, mit Tod und Krieg. Dieses Muster begegnet uns immer wieder. Auch bei Jakob und Esau geht es zwar nicht ohne Tränen, Schmerz und Narben ab – aber am Ende steht die Versöhnung.

Wie aber kommt es zur Versöhnung? Eine Voraussetzung für Versöhnung ist die Vergebung. Vergebung erfordert eine Art von Größe. Oft fällt es schwer, Schuld und uralte Kränkungen anzuerkennen und auszusprechen. Vergebung ist eine Art innerer Kampf. Man wird an den Ursprung des Unrechts zurück geführt. In der Umarmung der verfeindeten Brüder geschieht die Entwaffnung des Mißtrauens, des Hasses, der Rache und der Wut. In der Bitte um Vergebung und in der Annahme dieser Bitte geschieht Versöhnung.

Zur Versöhnung gehört der Wille, etwas zu geben. Jakob hofft, durch seine Geschenke Gnade vor Esau zu finden. Dies soll hierbei als Wiedergutmachung verstanden werden – als Sühne. Wiedergutmachung kann es natürlich nicht nur durch materielle Leistungen geben. Man kann sich nicht einfach freikaufen. Das Geben kann ein sichtbares Zeichen der Reue sein. Hierbei ist es wichtig, dass es nicht nur aus schlechtem Gewissen geschieht. Grund für das Geben sollten Schulderkenntnis und Reue sein. In der Geschichte wirft sich Jakob unterwürfig vor seinem Bruder auf die Erde. Ohne Sühne wird Versöhnung leicht zur „billigen Versöhnung“.

4. Nacherzählung – Eine Versöhnung

Persönliches Tagebuch von Jack

Montag, 05. Januar 1970

Während des gemeinsamen Abendessens hat Vater Isaak heute eine aufregende Nachricht verkündet. Es läuft mit seiner Werkzeugfirma so gut wie nie. Die Zahlen für das vergangene Jahr zeigen eine Umsatzsteigerung von 13%. Das finde ich großartig. Jetzt wird Vater wahrscheinlich noch ein paar mehr Leute einstellen und die neue Werkhalle bauen können. Ich denke, man kann sagen, dass wir mittlerweile eine ziemlich wohlhabende Familie geworden sind.

Meinen Bruder Harry hat diese Nachricht mal wieder überhaupt nicht interessiert. Anstatt sich dafür zu begeistern, hat er einfach sein Essen in sich hinein geschlungen. Eigentlich sagt man Zwillingen doch nach, dass sie sich ähnlich sein sollen. Bei uns ist das wohl ganz anders. Wir haben doch kaum etwas gemeinsam. Anstatt, wie ich, zu studieren und sich für die geistigen Künste zu interessieren, ist er Zimmermann geworden. Er lebt von der Hand in den Mund – immer von Auftrag zu Auftrag, zieht in der Gegend herum – von Baustelle zu Baustelle. Eigentlich sagt man doch, der Ältere sei der Klügere. Aber das ist er nun wirklich nicht. Ein einfacher Mann ist er geworden.

Mittwoch, 07. Januar 1970

Mit meiner Mutter Rebekka habe ich heute das tolle Geschäftsergebnis gefeiert. Wir sind in den Garten in den Pavillon gegangen und haben Sekt getrunken und uns stundenlang unterhalten. Mit ihr verstehe ich mich so gut wie mit keinem anderen Menschen. Manchmal denke ich, dass es auch schön wäre, wenn wir uns als ganze Familie so gut verstehen würden. Aber scheinbar gibt es bei uns zwei verschiedene Welten – Vater und Harry und Mutter und ich.

Mittwoch, 27. September 1972

Vater geht es wieder besser. Der Arzt hat gesagt, dass es nur ein leichter Herzinfarkt war. Aber er müsse jetzt in jedem Fall kürzer treten und sich mehr schonen. Wir waren alle erleichtert.

Aber ein anderer Gedanke will mir nicht aus dem Sinn gehen, und er macht mich rasend. Wer wird die Firma übernehmen, wenn Vater sich nicht mehr darum kümmern kann? Natürlich mein Bruder, weil der richtig anpacken kann. Außerdem ist er der Ältere – wenn auch nur ein paar Minuten älter. Aber es war in unserer Familie schon immer Tradition, dass der Älteste die Firma bekommt. Das war bei Isaak so und seinem Vater genauso. Ich bin so wütend, weil ich nichts daran ändern kann Oder vielleicht doch?

Donnerstag, 12. April 1973

Ist ja wieder typisch! Mein Bruder Harry ist mal wieder pleite. Er hat nicht richtig geplant, und jetzt kann er nicht mal mehr seine nächste Miete bezahlen. Er kam neulich zu mir und hat sich von mir Geld leihen wollen.

Und da war sie plötzlich – meine Chance! Natürlich habe ich ihm Geld gegeben. Und ihn gleichzeitig ordentlich übers Ohr gehauen. Er hat es nicht mal richtig gemerkt, so sehr hat er sich um sich selbst gesorgt. Jetzt werde ich die Firma bekommen. Ich habe ihn sogar schwören lassen, dass er nichts mehr mit der Firma zu tun haben will. Jetzt muss mir Vater die Firma nur noch überschreiben, und sie gehört mir.

Donnerstag, 18. Mai 1978

Vater geht es immer schlechter. Der letzte Herzinfarkt hat ihn schwer getroffen, und er kann erst mal das Bett nicht mehr verlassen.

Donnerstag, 24. Mai 1979

Ja, jetzt weiß ich, wie ich es anstellen muss! Ich kann die Firma und das ganze Erbe bekommen, ich muss nur schnell sein. Meine Mutter hat mir erzählt, dass Vater ein Testament aufsetzen will. Weil Vater nicht mehr schreiben kann, soll mein Bruder es für ihn aufsetzen und es zu ihm bringen. Vater will es dann unterschreiben.

Aber ich glaube, ich kann die Beiden austricksen. Meine Mutter will mir helfen den Namen meines Bruders gegen den Meinen auszutauschen. Ich werde ihm dann sagen, dass Harry verhindert sei und Vater das Testament schon mal unterschreiben soll. So werde ich im Testament stehen, und die Firma wird mir gehören.

Sonntag, 03. Juni 1979

Mist! Mein Bruder ist hinter den Schwindel gekommen, und alles ist aufgeflogen! Doch er kann nichts unternehmen, weil Vater im Koma liegt, und er so das Testament nicht mehr ändern kann. Ich bleibe trotzdem der Erbe.

Aber jetzt will mir mein Bruder an den Kragen. Meine Mutter hat mir erzählt, dass er die halbe Wohnung vor Wut verwüstet hat und mich jetzt sogar umbringen will. Ich glaube, er meint es ernst. Er konnte schon früher ziemlich ausrasten. Höchste Zeit für mich, abzuhauen und erst mal unterzutauchen. Und ich weiß auch schon, wo ich hingehen kann. In Hamburg wohnt ein Onkel von mir. Dort werde ich erst mal unterkommen können.

Sonntag, 17. Dezember 2000

Meine Güte, soviel Zeit ist vergangen! Ich habe über zwanzig Jahre nicht mehr in dieses Tagebuch geschrieben. Wir haben ja mittlerweile schon das Jahr 2000. Wieviel in der Zwischenzeit geschehen ist – ich kann es kaum glauben! Aber bin ich in all dieser Zeit glücklich geworden? Glückliche Momente gab es gewiß, aber alles in Allem ...?

Manchmal komme ich mir vor wie ein Heimatloser. Ich bin jetzt schon wieder auf der Flucht und muss woanders hin ziehen. Von einer Stadt in die andere. Bis vor Kurzem bin ich noch vor meinem Onkel geflüchtet. Den habe ich mit seinen Aktienanteilen ganz schön betrogen und mir ein nettes Vermögen an die Seite geschafft. Aber er ist mir doch auf die Schliche gekommen und hat mich verfolgt. Als er mich dann gefunden hat, dachte ich schon: Jetzt ist es aus! Aber wir konnten dann doch noch Frieden schließen.

Freitag, 16. Februar 2001

Ich habe dieses Herumreisen satt. Ich möchte seßhaft werden und mich mit meiner Familie niederlassen und für den Rest meines Lebens an einem Ort bleiben. Ich glaube, es wird Zeit dazu. Am Besten, ich gehe zurück zu meiner Familie. Dort gehöre ich hin. Doch ... da ist ja noch eine Sache offen. Was ist mit meinem Bruder Harry? Hasst er mich noch immer so? Damals wollte er mich umbringen, weil ich ihn um das Erbe – die Firma – betrogen habe. Was wird geschehen, wenn wir uns wieder begegnen?

Ich glaube, ich habe eine Idee: Ein Privatdetektiv soll herausfinden, wo er jetzt wohnt und ihm schon einmal sagen, dass ich komme. An der Reaktion meines Bruders werde ich dann im voraus wissen, wie er mir gesonnen ist.

Mittwoch, 21. Februar 2001

Was soll ich nur tun? Gestern habe ich Post von dem Privatdetektiv erhalten. Er schreibt, dass mein Bruder ganz schön ausgerastet ist, als er erfahren hat, dass ich zurück kommen will. Dann hat Harry ihn so lange ausgequetscht, bis er heraus bekommen hat, wo ich wohne. Jetzt will er sicher kommen und sich an mir rächen.

Naja, ich habe es ja auch nicht besser verdient. Schließlich habe ich ihn um sein Erbe gebracht. Er wird mich nun vor Gericht bringen, und ich werde alles verlieren. Dass es jetzt soweit gekommen ist, ist allein meine Schuld.

Freitag, 02. März 2001

Ja, ich muss zugeben, ich habe jetzt wirklich Angst. Aber was kann ich nur machen? Vielleicht könnte ich wieder verschwinden, wie ich es früher bei Problemen auch getan habe – einfach abhauen und untertauchen. Aber nein, diesmal will ich es nicht mehr tun. Das Weglaufen muss ein Ende haben!

Irgendwie muss ich meinem Bruder zeigen, dass es mir ernst ist, und ich mich wieder mit ihm versöhnen will. Ich weiß es: Ich werde ihm Geld schicken. Er war doch früher so oft pleite und braucht bestimmt jetzt auch wieder welches. Und wenn er nicht pleite ist – Geld kann man immer gebrauchen! Aber ich habe noch einen zweiten Plan. Zur Sicherheit werde ich die Hälfte meiner Aktienanteile auf ein Nummernkonto in die Schweiz transferieren. Falls alles schief läuft, und mein Bruder mir an den Kragen will, ist wenigstens etwas Geld in Sicherheit.

Sonntag, 11. März 2001

Was hat das zu bedeuten? Es ist jetzt über eine Woche vergangen, und ich habe immer noch nichts von meinem Bruder gehört. Er müsste mittlerweile das Geld erhalten haben. Doch bis jetzt habe ich keine Antwort von ihm bekommen. Er hätte mich doch anrufen oder mir zurück schreiben können. Hat er mein Geld nicht bekommen, oder war es ihm vielleicht doch nicht genug Geld? Ich werde noch ein paar mehr von meinen Aktien verkaufen. Wenn ich ihn dann sehe, gebe ich ihm das Geld direkt. Vielleicht wird ihn dieses Geschenk in seinem Zorn besänftigen.

Donnerstag, 15. März 2001

Letzte Nacht hatte ich vielleicht einen komischen Traum! Oder war es doch keiner? Ich habe gekämpft, die ganze Nacht lang und meinen Gegner schließlich besiegt. Seltsam

Ich habe wieder und wieder nachdenken müssen. Dieser „Traum“ von letzter Nacht geht mir nicht aus dem Kopf. Ich muss immerzu daran denken, was früher geschehen ist. Was ich meinem Bruder angetan habe, war nicht richtig. Ich habe ihn sehr verletzt und sein Vertrauen mißbraucht. Wenn ich ihm heute begegne, werde ich ihm nichts mehr vormachen, wie ich es so oft bei Menschen getan habe. Ich werde ihn ehrlich und von ganzem Herzen um Verzeihung bitten. Dies ist nicht viel, aber es ist wenigstens aufrichtig. Was er dann mit mir tut, liegt in seiner Hand.

Samstag, 17. März 2001

Es kam dann der Moment der Wahrheit. Ich bin zum Bahnhof gegangen und habe am Bahnsteig auf meinen Bruder gewartet. Das Geld für ihn hatte ich in meine Manteltasche getan. Dann kam sein Zug. Ich hatte unglaubliche Angst, ihm zu begegnen und zitterte am ganzen Körper. Als dann der Zug hielt, und er ausstieg, wurde mir die Bedeutung meiner Tat noch einmal bewußt. Und ich konnte nicht anders! Ich fühlte mich so schuldig für meine Tat, dass ich mich vor ihm hingekniet habe. Jetzt sollte alles geschehen!

Aber was hat er getan? Er hat mich hochgezogen und in die Arme genommen. So, als wäre nichts gewesen. Mir sind zum ersten Mal seit langem die Tränen gekommen. Auch er musste weinen. Ein unglaublicher Moment war das! Wir haben uns lange umarmt. Er war mir also gar nicht mehr böse. Als ich ihm dann noch das Geld gegeben habe, wollte er es erst gar nicht haben. Er hat sogar gefragt, warum ich ihm eigentlich das andere Geld geschickt habe. Letztendlich hat er es dann doch genommen.

Schließlich wollte er, dass ich gleich mit ihm in den nächsten Zug steige und wir gemeinsam nach Hause fahren. Wir wären dann alle wieder in der Familie vereint. Das ging mir dann aber doch etwas zu schnell. Ich habe ihm gesagt, dass ich erst noch etwas Geschäftliches erledigen muss und anschließend nachkommen würde. Er solle schon mal vorfahren.

Ich glaube, ich werde doch nicht nach Hause fahren. Ich gehe besser in eine andere Stadt und suche mir dort eine Wohnung. Aber ich bin froh, dass die Geschichte mit meinem Bruder endlich geklärt ist!

5. Literaturnachweis

Aktion Sühnezeichen Friendensdienste (1995). Grenzen der Versöhnung – Handreichungen zur Friendensdekade. Göttingen: Steidel Verlag

Bieritz, Karl-Heinz (1994). Warum erzählen?. Aus: Zeitschrift für Gottesdienst und Predigt. Gütersloher Verlagshaus

Calvin, Johannes. Auslegung der Heiligen Schrift – Das erste Buch Mose

Guthrie, Donald und Motyer, Alec, J. (1998). Kommentar zur Bibel. 4. Gesamtauflage. Wuppertal: R. Brockhaus Verlag

Hofmeister, Klaus und Hochgrebe, Volker (1992). Das Alte Testament: Eine Verführung zum Weiterlesen. Limburg: Lahn-Verlag

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Erklärung:

Ich versichere hiermit, dass ich die vorliegende Hausarbeit selbständig und ohne fremde Hilfe angefertigt habe.

Datum Unterschrift

19 von 19 Seiten

Details

Titel
Narrative Bibelauslegung - Jakob und Esau - Eine Versöhnung
Veranstaltung
Zwischenprüfung Diakonenausbildung
Autor
Jahr
2003
Seiten
19
Katalognummer
V108103
Dateigröße
483 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Narrative, Bibelauslegung, Jakob, Esau, Eine, Versöhnung, Zwischenprüfung, Diakonenausbildung
Arbeit zitieren
Ulrich Zöllner (Autor), 2003, Narrative Bibelauslegung - Jakob und Esau - Eine Versöhnung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/108103

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