Der Islam als Faktor in den Internationalen Beziehungen


Seminararbeit, 2003
14 Seiten, Note: 2,0

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Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Geschichtlicher Überblick

3. Erläuterung der Begriffe Re-Islamismus, Islamismus, islamischer Fundamentalismus, Pan-Islamismus und politischer Islamismus

4. ğihad, fetwa und umma

5. Menschenrechte

6. Schluss

1. Einleitung

Der Islam als Faktor der Internationalen Politik ist ein sehr weit gefächertes, komplexes und gleichzeitig schwer zu bestimmendes Thema. Die Herangehensweise an dieses Thema kann auf vielen verschiedenen Wegen vollzogen werden. Einmal könnte man die internationale Beziehungen unter islamischen Staaten betrachten oder die Faktoren des Islams als Religion, die in der internationalen Politik verwendet werden und diese beeinflussen. In dieser Arbeit will ich mich auf letztern Punkt beschränken.

Einleitend will ich jedoch erst einen kurzen Überblick über die geschichtliche Präsenz des Islams geben, um klar zu machen wie groß und lange die dieses Weltreiches existierte. Weiterführend werde ich im zweiten Kapitel ein Erläuterung der verschiedenen Bezeichnung für den politische Islam geben um Missverständnissen vorzubeugen.

Die Frage auf die ich eingehen will ist welche Ansatzpunkte die Religion des Islam der internationalen Politik liefert und wie die Akteure sich dieser bemächtigen können. Als Beispiele werde ich im dritten Kapitel auf die Phänomen ğihad, fetwa und umma eingehen.

Um im vierten Kapitel die daraus resultierenden Probleme für die vom Westen propagierten individuellen Menschenrechte heraus zukristallisieren .

Abschließend werde ich ein kurze Zusammenfassung geben und versuchen einzelne Probleme der internationalen Beziehungen unter den besprochenen Gesichtspunkten zu diskutieren.

2. Geschichtlicher Überblick

Der Islam wurde 622 n. Chr. mit der Auswanderung Muhammads von Mekka nach Medina gegründet. Mekka und Medina liegen im heutigen Saudi-Arabien. Der Prophet Muhammad war politischer und religiöser Führer der umma, welche die Gemeinschaft aller Muslime ist.

Die Nachfolger Muhammad waren die Kalifen, welche auch gleichzeitig politischer wie religiöses Führer waren. 1924 wurde das Kalifat durch den türkischen Reformer und Staatsgründer Mustafa Kemal (Atatürk) abgeschafft[1]. Unter Muhammad und den nachfolgenden Kalifen expandierte das islamische Reich im 7./8. Jahrhundert zu einem Weltreich, welches sich gegen Persien und Byzanz behaupten konnte. Bis zum 18.Jahrhundert war der Islam die Staats- und teilweise Volksreligion eines Weltreiches welches sich in verschiedenen Ausdehnung im Vorderen Orient, Nordafrika, teilweise bis nach Griechenland und durch die mongolische Herrschaft im 16./17. Jahrhundert sogar bis nach China und Indien ausbreitete. Mit Volksreligion ist die Besinnung auf die Mystik gemeint.

Im 18. Jahrhundert wurde diese Vorherrschaft mit dem Ende des osmanischen Reiches und endgültig dann durch die europäische Kolonialzeit beendet. Insbesondere Frankreich und Großbritannien teilten sich das Gebiet der „islamischen Welt“ auf.[2]

Unter der Herrschaft der Kolonialmächte wurde das Prinzip der modernen Nationalstaaten eingeführt und Grenzen gezogen. Dazu maß man sagen, dass das Prinzip des Nationalstaates dem Islam originär nicht inne wohnt, aber hierzu später mehr. Auch führten die Kolonialmächte Prinzipien wie das Mehrparteiensystemen, Parlamenten und Verfassungen nach europäischem Vorbild ein. Die sharī ´a als islamische Rechtsquelle wurde zurückgedrängt.[3]

Nach der Erlangung der Unabhängigkeit nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Anfang des Kalten Krieges kamen im islamischen Raum zum größten Teil die Elite an die Macht, welche in Europa studiert hatte. Diese versuchten europäische Ideologien, wie Nationalismus und Sozialismus, und Wertesysteme, wie das vorher schon erwähne Mehrparteiensystem, Parlamente, Verfassungen und Marktwirtschaft, in die islamischen Ländern einzuführen bzw. mehr zu etablieren. In dieser Zeit bildete sich u.a. der sogenannte Pan-arabische Nationalismus heraus, welcher von einem einigen arabischen Staatenverbund ausging. In diesem Sinne wurde Ende des zweiten Weltkrieges die arabische Liga gegründet. Ein der bedeutenden Staaten die diese Ideologie vertraten war Ägypten unter Jamāl ´Abd an-Nāsir (Nasser), welcher zu dieser Zeit eine Art Vorherrschaft im arabischen Vorderen Orient besaß, und Syrien. Diese beiden Staaten machten sich den Kampf gegen den 1948 gegründeten Staat Israel zum politischen Hauptziel. Genau daran scheiterten sie, nämlich durch die Niederlage gegen Israel im Junikrieg 1967. Mit der Niederlage der beiden westlichten, nationalistisch, laizistischen und säkularistischen Staaten gegen Israel scheiterten nicht nur die Staaten selbst sondern im Gewissen Maße auch deren Ideologie. Wobei sie noch länger vorherrschend war, aber immer mehr in den Hintergrund geriet und so ein ideologisches Vakuum entstehen ließ Ende der 70er Jahre stellet sich immer mehr heraus das eine neue Ideologie gebraucht wurde, aber nicht nur im Sinne des Ersatz für den Pan-arabischen Nationalismus, sondern auch als das islamisch arabische Pendant zu den Ost oder West Ideologien. Diesen Wunsch veranschaulichte Ayatollah Khomein’i in der Losung der iranischen Revolution um 1979 „Weder Ost noch West“[4]. Das ideologische Vakuum förderte den politische Islamismus als Ideologie während des Ende des Kalten Krieges und vor allem durch den Golfkrieg.

3. Erläuterung der Begriffe Re-Islamismus, Islamismus, islamischer Fundamentalismus, Pan-Islamismus und politischer Islamismus

All dies sind Bezeichnungen für die politische Strömung des Islams. Gemein ist ihnen allen der Wille der Islamisierung des politischen und gesellschaftlichen Lebens.

Der Pan-Islamismus ist wohl das islamische Pendant zum panarabischen Nationalismus. Der Pan-Islamismus steht für einen politischen Islam, welcher über die Nationalgrenzen heraus existieren soll und erkennt die in der Kolonialzeit gezogenen Grenzen nicht an. Der Pan-arabische Nationalismus argumentiert ähnlich, nur fordert er keinen grenzüberschreitenden Islam sondern ein arabisches Großreich.

Der Re-Islamismus ist eher eine sehr organisierte Strömung in den Institutionen. Der islamische Fundamentalismus wird oft mit einer extremistischen Strömung, im Sinne einer gewalttätigen, verwechselt. Die originär Bedeutung des Wortes Fundamentalismus ist jedoch eigentlich ziemlich eindeutig. Anfang des 20. Jahrhunderts tauchte der Begriff des Fundamentalismus zum ersten Mal auf. Es war die Bezeichnung für eine Gruppe amerikanischer Theologen welche sich u.a. für eine wörtliche Auslegung der Bibel einsetzten. Die ursprüngliche Bezeichnung für den islamischen Fundamentalismus bedeutet also in erster Line den Glauben an die heiligen Schriften und deren genau Befolgung. Da diese Begriffe jedoch sehr schwammig sind und von Auto zu Autor oder auch von Politiker zu Politiker variieren, möchte ich hier nur den Begriff des politischen Islamismus verwenden. Dieser ist wohl der übergreifendste Begriff all dieser Schattierungen und legt den Fokus auf das politische, welches Ziel dieser Arbeit sein soll.

Bevor ich auf den politischen Islamismus eingehe möchte ich anmerken, dass in diesem Zusammenhang genannte Grundeinstellungen oder Standpunkte immer nach den betrachteten Strömungen variieren und nur eine Art Grundkonsens darstellen, wobei ich hier nicht von Vollständigkeit ausgehe.

Der politische Islamismus hat und hatte primär eine „antiwestliche Ausrichtung“[5], welches sich z.B. in der Ablehnung des Nationalstaates, der Globalisierung und des westlichen Wertesystems zeigt.

Ein Grundelement des modernen Nationalstaates ist die Trennung des politische Machtmonopol und der Religion. Wie im ersten Kapitel gezeigt wurde, ist die Verschmelzung von Politik und Religion ein urislamischer Gedanke und diese Einheit wurde nicht wie in der westlichen Welt durch die Epoche der Renaissance gebrochen.[6] Der Nationalstaat wird als eine vom Westen aufgedrängte territoriale Eingrenzung gesehen, welche in der Kolonialzeit entstanden ist. Die Kolonialzeit ist ein Symbol für die Unterdrückung und Niederlage der „islamischen Welt“ gegenüber der westlichen, abendländischen, säkularisierten Welt. Folglich liegt eine Ablehnung aus dieser Zeit existierenden Grenzen nah.

Auch kann man sagen, dass territoriale Grenzen dem Prinzip der umma als Gemeinschaft aller Muslime von Grund auf widersprechen.

Die „Globalisierung wird teilweise als Ausdruck des missionierenden Christentums, und als Kreuzzug wahrgenommen“[7] und damit als Eingriff des Westens in „islamisches Gebiet“[8].

Der politische Islamismus hat bezogen auf die Religion einen Absolutheitsanspruch, denn im Koran steht schon, das es nur eine wahre Religion gibt, womit der Islam gemeint ist.

Auch wird teilweise die Einführung der sharī ´a (islamisches Rechtswerk) als einzige Rechtsquelle gefordert und eine Wiedereinführung der politischen und wirtschaftlichen Ordnung wie sie im 7. Jahrhundert existierte.

Abschließend möchte ich noch darauf hinweisen, das hier nur ein bestimmte Fassette des politischen Islamismus gezeigt wurde. Einblicke in Wirtschafts- und Sozialordnung, Rechtswesen und kulturelle Aspekte wurden bewusst heraus gelassen.

4.ğihad ,fetwa und umma

Den im zweiten Kapitel beschriebenen Standpunkten oder Grundeinstellungen kann u.a. politischen Ausdruck verliehen werden durch den Ausruf der ğihad, der fetwa [SH1] und durch die Mobilisierung der umma im Sinne der islamischen Sache.

Die fetwa ist ein „Rechtsgutachten, in dem der [...] Muftî ein bestimmtes Problem unter der Berücksichtigung des islam. [...] Rechts beantwortet.“[9]

Die Anerkennung dieses Gutachtens oder Urteils in der „islamischen Welt“ hängt von der Anerkennung und dem Status des Urteilfällers ab. 1988 sprach der iranischen Ayatollah Khomein’i ein Todesurteil in Form einer fetwa gegenüber dem britischen Staatsbürger Salman Rushdie aus. Diese fetwa wurde in der „islamischen Welt“ sehr ernst genommen. Der Grund dieser fetwa war der von Salman Rushdie veröffentlichte Roman „Die Satanische Verse“. In der Koranexegese wird angenommen das die Satanischen Verse dem Propheten Muhammad von Satan selbst ins Ohr geflüstert wurde und daher fanden diese Verse keinen Eingang in den Koran[10]. Khommen’i sah diesen Roman als islamfeindlich und als Gotteslästerung an.

Das internationale Problem war hier, das Rushdie britischer Staatsbürger und Muslim war. Daher konnte u.a. die britische Regierung dieses nicht akzeptieren, das erstens ein Todesurteil gegen einen britischen Staatsbürger ausgesprochen wurde, welches für Teile der islamischen Welt weltweit rechtsgültig war und das Rushdie deswegen festgehalten wurde. Natürlich widersprach dieses Urteil auch den individuellen Menschrechten, welche für Meinungs- und Religionsfreiheit stehen.

Islamische Gegner dieses Urteils zitierten meist Koranstellen, welche das Vorhandensein von Religionsfreiheit belegen sollten. Anmerken will ich hier, dass diese Gegner häufig die Rechtskräftigkeit der sharī ´a prinzipiell in Frage stellen, da dieses Rechtswerk nicht während der Lebzeit Muhammads verfasst wurde, sondern nachträglich entstanden ist, also selbst schon eine Interpretation der Prophezeiung darstellt und der Koran die Prophezeiung selbst ist. Hier können exemplarisch folgende Koranstellen zur Belegung der Religionsfreiheit angeführt werden.

„Der Koran (2/217) sagt nun allerdings: >>Diejenigen unter Euch, die sich von ihrer Religion abwenden, sterben als Ungläubige.<< Der Korantext spricht also vom >> Sterben<<, nicht vom Töten, wie es die Schari’a vorsieht.“[11]

„Im Koran (10/99) heißt es jedoch unzweideutig: >>Wenn dein Herr es wollte. Würden die, die auf der Erde sind, alle zusammen gläubig werden. Bist du es etwa, der die Menschen zwingt, dass sie glauben?<<“[12]

Man kann hier raus darauf schließen, dass zumindest ein gewaltsamer Zwang zur Bekennung zur islamischen Religion abgelehnt wird. Jedoch beziehen sich Befürworter dieses Urteils erstens auf die wichtige Stellung Khomein’i und auf die für sie legitime sharī ´ a in welcher Ungläubige mit dem Tode bestraft werden sollen.

Die ğihad wird oft mit „Kreuzzug“ oder „heiligem Krieg“ übersetzt, jedoch ist die eigentliche Bedeutung etwas differenzierter. Die ğihad „ist ein Kampf welcher mit Waffengewalt oder gewaltfreiem Engagement für Gottes Sache vollzogen werden kann“[13]. Hier sieht man, das körperliche Gewalt nicht das einzige Mittel ist, es aber häufig als solches verstanden wird. Ebenso variiert die Schreibweise in der von mir genannten Literatur sehr (Djihad, Gihad, Jihâd).

Das erstes großes politisches Ereignis nach dem Ende des Ost-West Konflikts war der erste Goldkrieg. Der irakische Diktator Saddam Hussein ist weder radikaler Fundamentalist noch gehört er zum politischen Islamismus im allgemeinen, wenn er überhaupt einer Strömung angehört, dann ist er ein Nationalist oder sogar ein panarabischer Nationalist. Trotz dieser Ausrichtung behalf er sowohl nationalistischen wie auch islamischen Argumentationen um eine Invasion in Kuwait zu legitimieren und Rückendeckung von der arabischen und islamischen Welt zu bekommen.

Saddam Hussein argumentierte, dass der Islam keinen modernen Nationalstaaten sonder nur imperiale oder territoriale Staaten kennt. Daher haben die von den Kolonialmächten gezogene Grenzen keine kulturelle Legitimation für den Islam. Auch kann man die Nichtanerkennung der Grenzen mit nationalistischen Argumentationen untermauern, darauf will ich jedoch nicht weiter eingehen. Es wurden auch typische historische Ansprüche auf Kuwait in der Argumentationskette aufgeführt.

Das Eingreifen der USA und seiner Verbündeten in den Irak Kuwait Konflikt wurde von Arabern und Muslimen nicht als eine berechtigtes Eingreifen gegenüber dem Aggressor Irak gesehen, sondern als ein Eingreifen des Westens in islamische arabisches Refugium und wieder mal als eine Niederlage der Araber und Muslime gegenüber dem Westen gesehen.

Saddam Hussein warf dem Westen vor er sein „in das Land eingedrungen“ und habe „die Araber gespalten und schwache Staaten errichtet“. Damit sprach er die verbreitete Empörung über die Unterordnung der Muslime unter den dominanten Westen aus.

Das Eingreifen wurde als „...>>Kreuzzug des christlichen Westens<< gegen die islamische Zivilisation empfunden...“[14] und dies nicht nur im arabisch islamischen Teil der Welt, sondern „sogar in Südostasien“. Seit dem ist unter den Muslimen eine wachsende antiwestliches Zivilisationsbewusstsein entstanden und der politische Islamismus gewann an Zulauf.

Als Reaktion darauf, rief Saddam Hussein am 7.09.1990 zur ğihad auf. Hunderttausende Muslime gingen in diesem Sinne auf die Straße und demonstrierten um Unterstützung für Saddam Hussein zu fordern. Saddam Hussein hat sich also den urislamischen Symbol bemächtigt und durch den Ausruf der ğihad die umma, die Gemeinschaft aller Muslime, mobilisiert, aber auch gleichzeitig auf nationalistische Argumentationen zurück gegriffen. Hier sieht man, das es ihm nicht um die Art der Rechtfertigung ging sondern nur darum Argumente zu finden um die islamisch arabische Welt für ihn zu mobilisieren.

Das Phänomen der Grenzen überschreitenden umma tritt hier immer wieder auf. Vor allem bei einer Rede des iranischen Iman Khamene’i zeigt sich die Präsenz der Umma und die ausgeprägte antiwestliche und damit auch antiisraelische Haltung. Diese Rede hielt er am 22.10.1992 zum Thema Bosnien, hier ein Auszug.

„Wir sind verpflichtet, diejenigen Völker, welche sich auf dem Weg [des Islam] bewegen, zu verteidigen, und wir werden sie verteidigen. Und ich betrachte es als meine religiöse Verpflichtung, das Volk von Bosnien-Herzegowina zu verteidigen...“

„Aber wir akzeptieren die Entscheidung der Weltmächte nicht, dass die Feinde der Muslime Tag für Tag durch verschiedene Wege - und nach manchen Aussagen sogar durch das Regime Israel – aufgerüstet werden, jedoch das [muslimische] Volk dort unterdrückt bleibt“[15]

Aber nicht nur Khamene’i zeigte sich solidarisch zu den bosnischen Muslimen sondern weltweit gab es Trauerbekenntnis und Demonstrationen.

Der Iran schickte sogar Kämpfer nach Bosnien um die Muslime zu unterstützen. Auch zeigt sich an dieser Rede, das der Konflikt der westlichen und der islamischen Welt sozusagen seinen Höhepunkt im Israel Palästina Konflikt hat.

5. Menschenrecht

Ein Reizthema in islamischen Staaten sind die Menschenrechte oder besser gesagt die europäischen individuelle Menschenrechte.

Die Organisation der islamischen Konferenz hat zweimal die islamischen Menschenrechte niedergeschrieben, welche von den Mitgliedstaaten anerkannt werden. Ich will hier den ersten Artikel des Menschenrechtskonzepts zitieren welches 1990 auf einer Versammlung in Kairo bekannt gegeben wurde

Artikel 1: „Alle Menschen sind gleich in Sinne der grundlegenden Menschenwürde sowie der Grundrechte und Grundpflichten, ohne jede Diskriminierung Aufgrund von Rasse, Hautfarbe, Sprache, religiösem Glauben, politischer Zugehörigkeit, sozialem Status oder anderen Erwägungen. Wahrer Glaube ist die Garantie für den Genuß solcher Würde auf dem Weg zur Vollkommnung des Menschen„[16]

Bis auf den letzten Satz stimmt die Vorstellung der Menschenrechte mit denen der westlichen Welt überein. Aber im letzten Satz, also „wahrer Glaube ist die Garantie für den Genuß solcher Würden ...“, macht sich die große Verquickung von Politik und Religion in der islamischen Welt klar. Eigentlich spricht man sich also für die individuellen Menschenrecht und sogar für die Religionsfreiheit aus, aber als Bedingung hierfür nimmt man den „wahren Glauben“. Da der Islam einen Absolutheitsanspruch seiner Religion sieht, kann man eigentlich davon ausgehen, das hiermit des Islam als „wahrer Glaube“ gemeint ist. Ähnlich Versuche der Erklärung der Menschenrechte werden und wurden auch von einigen Intellektuellen gemacht, wobei hier entweder so argumentiert wurde, das die Menschenrechte ein urislamischer Gedanke ist oder, dass diese westlichen Menschenrechte vollkommen abgelehnt wurden und man im Islam andere Menschenrechte sieht, nämlich keine individuelle, sondern dass das Recht der Gemeinschaft vor dem des Einzelnen geht, dass das Individuum also zu Not zum Wohle der Gemeinschaft leiden muss oder sich selbst zurück nehme muss und das Werte wie Ehre, Wertschätzung der Frau, Vergabe von Almosen, die Familie u.a. mehr dem islamischen Verständnis entsprechen und das der Westen mit seiner Dekadenz und falschen Freizügigkeit diese nicht einhält.

6. Schluss

Wie man meinen Ausführungen entnehmen kann, ist er sehr schwierig, den Faktor Islam aus de internationalen Beziehungen heraus zufiltern. Klar wurde, das der Islam in Form der sharī ´a einige Staaten in ihrer Rechtsauffassung beeinflusst. Dieser Rechtsauffassung unterliegen natürlich Werten und Normen, die der westlichen Welt fremd sind und sie daher teilweise als archaisch oder sogar mittelalterlich bezeichnet werden. Je mehr man sich jedoch mit diesem Thema befasst, desto mehr muss man meiner Meinung nach sehen, das es nur andere Werte sind, die ihre Berechtigung haben und haben müssen, wie die eigenen.

Die größten internationalen Probleme sind wohl die Missachtung der individuellen Menschenrechte in manchen islamischen Staaten, die "Anmaßung" des Absolutheitsanspruchs der Religion und die nicht vorhandene Akzeptanz von nationalstaatlichen Grenzen.

Zu ersterem habe ich hier ansatzweise versucht aufzuzeigen, dass hier ein Kommunikationsproblem existiert. Die Nichtanerkennung der individuellen Menschenrechte bedeutet nicht, das in islamischen Staaten keine Menschenrechte existieren oder besser diese nicht gewahrt werden, sondern das Augenmerk sollte hier auf der Andersartigkeit der Auffassung dieses Begriffes liegen.

In der "westlichen Welt" liegt die Priorität beim Individuum, dieses steht vor der Gemeinschaft, solange es nicht die Rechte eines anderen Individuum verletzt.

Ich würde nur diese Prioritätensetzung in manchen islamischen Staaten anderes sehen, hier steht die Gemeinschaft vor dem Individuum. Individuelle Menschenrechte dürfen verletzt werden, wenn sie der Gemeinschaft oder sogar der umma nützen. Aus westlicher Sicht ist es fast unmöglich zu verstehen, das solche Mittel wie Unterdrückung von Meinungs- oder Religionsfreiheit oder sogar Folter im Sinne des Wohlbefindens der Gemeinschaft eingesetzt werden. Jedoch sollte man sich hier bewusst sein, das solche Mittel nur aus dem westlichen Werteverständnis heraus verwerflich und archaisch sind. Wobei ich hier in keiner Weise wertend sprechen will.

Die Werte der "westlichen Welt" rufen in Teilen der "islamischen Welt" ähnliche Gefühlsäußerungen hervor.

Die "Anmaßung" des Absolutheitsanspruch der Religion und der mit Ihr verbundenen Wertvorstellung, muss man nach meiner Auffassung auch in zweierlei Hinsicht differenzierter betrachten.

Zum Ersten ist meiner Meinung nach der Absolutheitsanspruch der resultierenden Wertvorstellung mit dem Absolutheitsanspruch des "Westens" an die eigenen Moral- und Wertvorstellungen gleich zusetzten. Die "westliche Welt" beansprucht für sich selbiges Recht.

Daher kann man der Absolutheitsanspruch wohl nicht der wirkliche Vorwurf sein.

Ein anderer Ansatz könnte sein, das die "westliche Welt" den mittelalterlichen Glauben an Religion vorgibt überwunden zu haben und durch das aufklärerische Gedankengut den islamischen Ländern voraus ist und so das westliche Wertesystem dem islamischen überlegen ist.

Das die islamische Welt keine Aufklärung hatte oder zu mindestens nicht in dem Maße ist denke ich beizupflichten. Hier würde ich gerne einen unausgereiften Gedanken formulieren, welcher sehr angreifbar ist. Brauchte der Islam vielleicht keine Aufklärung, da er erstens auch nicht die Phase des Mittelalters besaß und zweitens der Islam im Gegensatz zum Christentum die Symbiose von Religion und Politik von vorne herein vorgesehen hat? Brauchte das Christentum also nur die Aufklärung, da die annähernde Symbiose von Politik und Religion während des Mittelalter, dem originären Gedanken der christlich geprägten Welt widerspricht. Wobei hier anzumerken ist, dass nur selten die religiösen und politischen Machtinhaber eine Person waren.

Kann man so also wirklich sagen, das die christlich geprägte Welt der islamischen voraus ist und nicht einfach nur vollkommen anders strukturiert ist?

Ich denke die Argumentation auf der einen Seite (nicht Existenz des Mittelalters) und die auf der anderen Seite (unterentwickelt) nehmen sich in ihrer Aussagekraft nicht viel.

Die Anmaßung des Absolutheitsanspruch rufen also nur in der internationalen Politik Probleme hervor, da sich zwei Weltanschauungen oder sogar Weltordnungsbedürfnisse gegenüber stehen, die jeweils von sich selbst behaupten die einzig wahre zu sein.

Was die teilweise Nichtanerkennung der nationalstaatlichen Grenzen angeht, kann man auf ähnlich Weise argumentieren, eben mit dem Schlagwort der verschiedenen Weltanschauungen.

Jedoch sollte man sich auch fragen, in wie fern gerade in der heutigen Zeit die „westliche Welt“ diese Grenzen wirklich anerkennt, wenn es darum geht die eigene Weltvorstellung durch zusetzten.

Abschließend will ich noch einmal betonen das die Erfassung dieses Themas auf sehr vielen Ebenen und mit sehr vielen Herangehensweisen erfolgen kann, hier wurde nur einer mögliche gewählt.

Literaturverzeichnis

Elger, Ralf(Hrsg.): Kleines Islam-Lexikon, Geschichte – Alltag – Kultur. 3. Aufl., München: Beck, 2001.

Ende, Werner; Steinbach, Udo (Hrsg.): Der Islam in der Gegenwart. 4. neubearb. und erw. Aufl., München : Beck, 1996.

Husain, Mir Zohair: Global Islamic politics, New York, 1995

Koszinowki, Dr. Thomas: Die Bedeutung des Islams für die Internationale Politik und den Westen, Vortag auf dem 3. Kongress zur politischen Bildung der Niedersächsischen Landeszentrale für politische Bildung am 23.05.2002, In: http://www.nlpb.de/04-pub/04-pub-pdf/Koszinowski.PDF.

Noth, Albert; Paul, Jürgen (Hrsg.): Der islamische Orient – Grundzüge seiner Geschichte, in: Mitteilungen zur Sozial- und Kulturgeschichte der islamischen Welt, Band 1, Würzburg, 1998.

Sieczka, Stephan: Islamischer Fundamentalismus: Eine Gefahr für Europa?. In: Fachhochschule des Bundes für öffentliche Verwaltung (Hrsg.), Beiträge zur Inneren Sicherheit Oktober 1997, Band 6: Problemfelder der internationalen Politik, 1997

Tibi, Bassam: Krieg des Zivilisationen. Politik und Religion zwischen Vernuft und Fundamentalismus. 1. Aufl., Hamburg. 1995.

Tibi, Bassam: Die Neue Weltordnung: westliche Dominanz und islamischer Fundamentalistmus. Berlin, 1999

Tibi, Bassam: Im Schatten Allahs, Der Islam und die Menschenrechte. 1. Aufl., Düsseldorf, 2003

http://www.oic-oci.org

[...]


[1] vgl. Ende, Werner; Steinbach, Udo. Seite 214

[2] vgl. Noth, Albert; Paul, Jürgen. Seite 201

[3] vgl. Dr. Koszinowki, Thomas. Seite 3

[4] Noth, Albert; Paul, Jürgen. Seite 172

[5] Tibi, Bassam (1999). Seite 108

[6] vgl. Ende, Werner; Steinbach, Udo. Seite 213

[7] Tibi, Bassam, 1999. Seite 108

[8] Tibi, Bassam, 1999. Seite 108

[9] Elger, Ralf. Seite 95

[10] Elger, Ralf. Seite 270/271

[11] Tibi, Bassam (2003). Seite 186

[12] Tibi, Bassam (2003). Seite 186

[13] Noth, Albert; Paul, Jürgen. Seite 23

[14] Tibi, Bassam, 1999. Seite 112

[15] http://www.islam-pure.de/imam_d/imam0070.htm#22.10.1992 Stand: 31.01.03

[16] http://www.oic-oci.org Stand 10.01.2003

14 von 14 Seiten

Details

Titel
Der Islam als Faktor in den Internationalen Beziehungen
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Veranstaltung
Grundseminar Internationale Beziehungen
Note
2,0
Autor
Jahr
2003
Seiten
14
Katalognummer
V108143
Dateigröße
512 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Islam, Faktor, Internationalen, Beziehungen, Grundseminar, Internationale
Arbeit zitieren
Daniela Wagner (Autor), 2003, Der Islam als Faktor in den Internationalen Beziehungen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/108143

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