`people of cattle´-Identität bei den Maasai


Hausarbeit, 2003
12 Seiten, Note: 1,3

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Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Kollektive Identität bei den Maasai
1. Entstehungsgeschichte
2. Tradierte Systeme der Maasai-Gesellschaft
2.1 Verwandtschaftssystem
2.2 Territoriales System
2.3 Altersklassensystem
2.4 Pastorale Lebensweise
3. Maasai-Frauen
3.1 Geschlechtliche Beziehungen bei den Maasai
3.2 Alternative Altersklassen der Frauen?
4. Sozialer Wandel seit ca. 1960
4.1 Das neue Landeigentumsrecht
4.1.1 `individual ranches
4.1.2 `group ranches
4.2 Wandel im Altersklassensystem

III. Fazit

Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Diese Arbeit untersucht die Maasai im Zusammenhang mit der Bildung kollektiver Identitäten in Afrika. Ein besonderes Gewicht habe ich auf den von außen erzwungenen sozialen Wandel seit den 1960ern gelegt, der auf die Traditionen und die Selbstsicht der Maasai einen ent-scheidenden Einfluss hatte. Ferner wird auf die Stellung der Frauen im Wandel der Zeit eingegangen.

Ein Problem ergab sich mit der Aktualität und der teilweisen Widersprüchlichkeit der Quellen. Das Thema `Frauen´ wurde -wie Mitzlaff selbst schreibt- im Großteil der Literatur grob vernachlässigt, wenn überhaupt angesprochen. So stammen fast alle Erkenntnisse zu diesem Thema aus der Feldforschungsmonographie von Mitzlaff. Da diese nur über die Parakuyo -einen Maasai-Stamm- handelt, musste ich dahingehend verallgemeinern, dass die Situation bei den anderen Maasai ähnlich aussieht. Einzig Laube schreibt über die gesamten Maasai ethnologisch verwertbar. Andere Literatur, wie Rutten oder Spear/ Waller, war nur als Ergänzung zu verwenden. Nachdem ich die Entstehungsgeschichte der Maasai untersuche, werde ich mich den tradierten Systemen, wie Verwandtschaftssystem, Territoriales System, Altersklassensystem und der Pastoralen Lebensweise, widmen. Anschließend werde ich die Situation der Frauen eingehender betrachten. Dann versuche ich den sozialen und wirtschaftlichen Wandel vor allem in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu beschreiben und zu erklären.

II. Kollektive Identität bei den Maasai

1. Entstehungsgeschichte

Das Volk der Maasai ist vermutlich im ersten nachchristlichen Jahrtausend von Norden in das Gebiet der heutigen Staaten Kenia und Tansania eingewandert. Der Ausgangsort dieser Wanderung ist in der Forschung sehr umstritten. Gewisse Tendenzen gehen von der Arabischen Halbinsel aus, während sich die Mehrzahl der Forschenden auf den Süd- Sudan als Ursprungsort der Maasai geeinigt hat. Sie zogen von dort aus nach Süden, um neues Land für ihr Vieh zu finden -und nicht wie das europäische Fremdbild nahe legt, um zu erobern.

„Es war nie das Ziel der Maasai, Staaten zu bilden oder andere Völker zu unterwerfen, zu versklaven oder zu regieren. Für die Maasai ging es bei ihrer Expansion einzig und allein darum, für ihr Vieh genügend Weidemöglichkeiten zu finden.“ (Laube 1986: 15) Ursprünglich waren die Maasai Agro-Pastoralisten. Vor ca. 500 Jahren fand aber die `Maasai Revolution´ statt, die zu einem `new pastoralism´, also einem reinen Pastoralismus führte, der Jagen und Sammeln sowie Landwirtschaft als Mittel zur Nahrungsbeschaffung ablehnte. Diese Revolution führte ebenso zu einer Abtrennung der Iloikop, die zunehmend zur Landwirtschaft übergingen.

Die Sprache der Maasai ist eine nilotische. Als solche ist sie ein Kriterium der Abgrenzung, dass mit dazu dient, Identität zu erzeugen. „All those speaking the language of Maa´ could thus be called Maasai“ (Rutten 1992: 130)

Ein zweites Kriterium der Abgrenzung ist die pastorale Lebensweise. `Echte´ Maasai sind Pastoralisten, wohingegen die Iloikop somit keine `echten´ Maasai sind. Es gab viele Konflikte zwischen Maasai und Iloikop, die in drei Iloikop-Kriegen ab 1850 gipfelten. In diesen Kriegen versuchten die Iloikop, die ihr Vieh verloren hatten und Ackerbauer oder Jäger und Sammler geworden waren, das Vieh der übrigen Maasai für sich zu gewinnen. Die Maasai konnten diese Versuche schließlich abwehren. Diese Episode zeigt deutlich, wie viel Bedeutung Vieh für die Maasai hat und was sie alles bereit sind für ihr Vieh zu tun.

Das Ende des 19. Jahrhunderts brachte viele Katastrophen über die Maasai. Kaum hatten sie sich von den Iloikop-Kriegen erholt, als Krankheiten (die Pocken, die Rinderpest) und Dürreperioden über sie hereinbrachen. In dieser Zeit starben 75% der Maasai und 90% ihres Viehs. Viele der Überlebenden wurden -da sie ihr Vieh verloren hatten- von den Nachbarn (Jägern und Sammlern und Ackerbauern) assimiliert. 1904 und 1911 wurden die übriggebliebenen Maasai in mit den Briten vertraglich ausgehandelte Reservate umgesiedelt. Dies war mit einem massiven Gebietsverlust und vor allem mit dem Verlust der besten Weidegegenden verbunden. Grundsätzlich gab es ein weitgehend friedliches Verhältnis zu den Kolonialmächten, da der oloiboni Mbatian vorausgesagt hat, dass die Maasai nie Krieg gegen die Weißen führen sollten. Ihre Herrschaft wäre nur von kurzer Dauer. Also gab es sowohl kaum Widerstand, als auch kaum Kollaboration. Die Versuche der Briten, die Maasai unter ihre Kontrolle zu bringen, Annexionen von Land für britische Siedler und umfassende Umsiedlungen führten trotzdem zu einer anti-britischen Haltung der meisten Maasai. Die Maasai haben verschiedene eigene Entstehungsgeschichten. In allen betrachten sie sich als die Nachkommen des ersten Menschen.

„In the beginning, there was Naitern-kop, the beginner of the earth. He married two wives. To the first wife he gave red cattle and she was given the elders´ name Nado- Mong´i the owner of red oxen. She built her house on the right-hand side of the gateway. The second wife was given black cattle and she built her house on the left-hand side of the gateway. She was given the name Narak-kiteng´, the owner of black cattle. After a while, these wives gave birth. The first wife gave birth to three boys, the first of whom was called Lilian, who began the Ilmolelian clan. The second son was called Lokesen and he began the clan of Ilmakesen. Losero was the name of the third boy, who began the clan that is now known as Iltaarrosero. These clans are said to be clans of the right hand, since their mother´s house was situated on the right-hand side of the gateway.

The second wife, on her part, gave birth to two sons. The first was called Laiser, who became progenitor of the Aiser clan; and the second one was called Lukum, who in turn started the Lukumai clan. The latter two formed the left-hand clans. Each clan invested its own branding system in order to distinguish its cattle from the other clan. And ever since that time the cattle are distinguished by the moiety brand as well as the clan brand. This is still done up to this day.“ (Laube 1986: 44) So wird gleichzeitig auch die Entstehung der moieties und der clans erklärt, auf die später genauer eingegangen wird. In der Zwischenkriegszeit gab es Beschränkungen der Pastoralisten zugunsten der weißen Viehzüchter: „The restrictions on African pastoral development in Kenya can only be understood in relation to the positive emphasis that was placed on European stock development. African pastoralists in Kenya were sacrificed on the altar of white settlement.“ (Rutten 1992: 466). So wurden Quarantäne-Regelungen aufgestellt, die den Verkauf von Vieh regelrecht kriminalisierten, gleichzeitig aber über mangelnde Kooperationsbereitschaft der Maasai bei ihrer Einbindung in die Marktwirtschaft geklagt.

Viele Maasai-Stämme bezeichnen sich nur gegenüber Fremden als Maasai, anderen Maasai-Stämmen gegenüber betonen sie die Unterschiede. Also muss man die Maasai wesentlich heterogener sehen, als allgemein üblich. Es gibt zwar die Maasai, doch abgesehen von Regelungen, dass sie sich nicht gegenseitig töten sollen, sind die Gemeinsamkeiten überschaubar.

2. Tradierte Systeme der Maasai-Gesellschaft

2.1 Verwandtschaftssystem

Wie auch in dem obigen Entstehungsmythos zu erkennen, sind die Maasai in zwei Moieties (entaloishi) und sieben Klane (olgilata) unterteilt. Die Klane sind patrilinear und exogam, stellen aber keine politischen Einheiten dar.

Die darunterliegenden Subklane sind in `Drei-Generationen-Lineages´ aufgeteilt. Weiter zurückliegende Vorfahren werden systematisch vergessen.

Insgesamt ist zu sagen, dass nur die enge Verwandtschaft wichtiger ist als die age-set- Bindungen. Sonst hat Verwandschaft primär Auswirkungen auf Eheschließungen und Inzest-Regelungen.

2.2 Territoriales System

Das gesamte Maasai-Territorium ist in 17 Sektionen (olosho) aufgeteilt, in denen auch die Altersklassen organisiert sind. Zwischen diesen Sektionen gibt es eine `BlutgeldVerpflichtung´, die regelt, dass bei Überfällen nur stumpfe Waffen verwendet werden. Es ist einem Maasai verboten, einen anderen Maasai zu töten. Andernfalls sind Bußzahlungen, in der Regel Vieh, zu leisten.

Die Sektionen teilen sich auf in `localities´, die etwa 15 Familien -das heißt ca. 150 Personen- umfassen. Nur auf dieser Ebene gibt es die `council of elders´ (engigwana), die Ältestenräte.

Die kleinsten territorialen Einheiten sind die Krale (enkang´). In ihnen gibt es keine eigentliche Führung. Ordnung wird durch den gegenseitigen Respekt gewährleistet, wobei dem angesehensten Ältesten die informelle Führung obliegt. Weiterhin wird eine Form des kooperativen Weidenmanagements durch die `elders´ praktiziert. Alle 7-8 Jahre wird der Kral verlegt und sei es nur um wenige hundert Meter. Die Krale, die meist nur aus wenigen Familien bestehen, üben einen starken Einfluss auf die einzelnen in ihnen lebenden Personen aus. Für einen Maasai ist ein isoliertes Leben in anonymer Nachbarschaft undenkbar. „Allein zu leben, wird von den Maasai als schlecht (torono), im Sinne von asozial, angesehen. Man sagt, diese Familien könnten nicht zuhören (aning´) und sich nicht Gehör verschaffen (ening´o). Nur dem, der dies kann, wird Weisheit (eng´eno), die Grundlage für Würde und Respekt (enkanyit), zugesprochen. Enkanyit gilt als der wichtigste Grundbegriff im Sozialverhalten der Maasai und gilt als Grundwert des politischen Systems.“ (Laube 1986: 58) Es ist der entscheidende Indikator, wie viel Gewicht die Stimme eines Mannes im `council of elders´ hat und bestimmt, wie viel `Macht´ er erlangen kann.

2.3 Altersklassensystem

Das Altersklassensystem ist das wichtigste der vorgestellten Systeme. In ihm werden ökonomische Bündnisse geschmiedet und politische Entscheidungen getroffen, die die Gesamtheit der Maasai betreffen. Probleme -egal welcher Art- werden in den Altersklassen diskutiert und durch Mehrheitsbeschluss gelöst. Jede Klasse hat ihr eigenes `council´, wobei das `council of elders´ das höchste und mächtigste ist. Eine Vermittlung geschieht durch den oloiboni, den Ritualexperten, der nur geringe formelle Macht hat und außerhalb der Altersklassen steht.

Alle Knaben, die während der gleichen `offenen Beschneidungsperiode´ von normalerweise 7-8 Jahren initiiert worden sind, werden Mitglied einer Altersklasse (olporror oder olaji). Die Altersklassen dienen auch zur Datierung historischer Ereignisse. Frauen können niemals in das Altersklassensystem eintreten. Es gibt folgende Klassen:

- Knaben (olayioni) sind noch unbeschnitten. Sie haben kaum Rechte, aber viele Pflichten. So dienen sie als Hirtenjungen. Wenn sie sich als solche bewährt haben, werden ihre Ohrläppchen durchbohrt und gestreckt. Somit steigen sie über ihre Altersgenossen auf. Mit ca. 12 Jahren werden sie in einem komplizierten Ritus vom oloiboni `geweiht´ und von einem Nicht-Maasai (meist ein Mitglied einen Nachbarvolkes, das dafür bezahlt wird) beschnitten. Dabei werden sie von `junior elders´ unterstützt, die mit den Beschnittenen eine Vater-Sohn-artige Beziehung eingehen (olpiron), die ein Leben lang hält.
- das Kriegeralter (ilmurran) steht für die höchsten Ideale der Maasai-Gesellschaft. Die murran sind schön, stark, mutig. So sind sie auch rituell rein, was mit stärksten Restriktionen verbunden ist. Sie dürfen nur tierische Nahrung zu sich nehmen, sie dürfen in Gegenwart beschnittener Frauen keine Nahrung außer Milch zu sich nehmen und sie dürfen nicht heiraten.
- `junior murran´ sind gerade beschnitten. Sie haben noch wenige Rechte und viele Pflichten. Üblicherweise gründen sie eine emanyata, ein Kriegergehöft, in der der einzelne murran 2-4 Jahre lebt. 7-9 Jahre nach Eröffnen der Beschneidungsperiode findet die eunoto-Zeremonie statt, die für die `Untadeligen´ mit der Aufnahme zu den
-`senior murran´ endet. Diese ziehen auf Viehraubzüge zu Nachbarvölkern, aber auch benachbarten Maasai-Stämmen (>`Blutgeld-Verpflichtung´). Die Viehraubzüge werden als legitimes Zurückholen des Viehs betrachtet, da Gott (enkai) nur den Maasai Vieh gab, diese somit rechtmäßige Besitzer der Tiere sind.

Die murran age-sets sind in sich noch einmal dreigeteilt. Die zuerst Beschnittenen (ilkoreyani) bestimmen, wann die dann Beschnittenen (ilparingotwa) die Rechte und Pflichten der Krieger erhalten. Diese wiederum bestimmen, wann die zuletzt Beschnittenen (ilkerionbot) ihre Rechte erhalten. Darunter sind die frisch beschnittenen ilbarnot (die Geschorenen), die kaum Rechte haben.

- Erwachsenenalter (ilmoruak)
-`junior elders´ (ca. 34-49) beginnen mit dem Aufbau einer Familie, einer Herde (die sie teilweise erben oder von Vater oder Mutter geschenkt bekommen) und eines Haushaltes. Sie dürfen am `council of elders´ teilnehmen und übernehmen exekutive Aufgaben. Weiterhin sind sie als olpiron-Väter Vermittler zwischen den Altersklassen.
-`senior elders´ (ca. 50-65) gebührt der höchste Respekt und das größte Ansehen. Sie haben die wahre Autorität und Macht im Kral, in ihrer Familie und im `council of elders´. Weiterhin sind sie Eigentümer der Familienherde, wodurch sie in der Lage sind, `Viehfreundschaften´ einzugehen. Viehfreundschaften sind Solidaritäts- und Unterstützungsverhältnisse einzelner `senior murran´. Der Besitzer einer großen Herde `verleiht´ einige seiner Rinder an jemanden, der dadurch in seiner Schuld steht. Da er das Vieh zurückverlangen kann, hat er somit außerdem eine gute Versicherung vor Katastrophen.
-`retired-´und `ancient elders´ haben immer noch große Autorität, obwohl sie politisch meist nicht mehr aktiv sind und ihre Herden normalerweise an ihre Söhne abgegeben haben.

Das `council of elders´ ist Gericht und `Ältestenrat´. Wenn keine Einigung möglich ist und auch der oloiboni nicht vermitteln konnte, schlichtet der `olarishoni´, eine Art Schiedsrichter. Das `council of elders´ kann folgende Strafen verhängen: sogo (Bußen, meist Viehstrafen), allaaki (Wiedergutmachung, auch in Form von Vieh), akueniyie (Auslachen) und amor (Beschimpfen) führen zu einem schweren Verlust von enkayit (Ansehen) und sind sehr gefürchtet, alaisho naikasei (Verlust der Rechte), oldeket (rituelle Verfluchung), aimolimal (Verbannung). Sie werden durch die `murran´ und die `junior elders´ vollstreckt.

Für die Beziehungen zwischen den Altersklassen gilt: „Gleichheit zwischen Altersklassenkameraden, Konsens zwischen den regierenden `elders´, Achtung und Respekt jeder höheren Altersklasse und Gehorsam den olpiron-Vätern gegenüber“ (Laube 1986: 98) Ausgleichende Wirkung hat der oloiboni als Außenstehender und das olpiron-System, da in ihm ein enges Vertrauensverhältnis besteht und sich die olpironVäter für die ihnen Anvertrauten einzusetzen bereit sind.

2.4 Pastorale Lebensweise

Die pastorale Lebensweise dient den Maasai zur Abgrenzung gegenüber Nachbarn (z.B. den Iloikop) und zur Selbstdefinition. Generell herrscht eine starke Fixierung auf das Vieh, womit Rindvieh gemeint ist. Es gibt eine starke Verknüpfung von Vieh und Kultur, so gilt zum Beispiel Kuhdung als bestes Baumaterial, Lehm wird nur von Armen verwendet. Aus diesen Einstellungen resultiert eine strikte Ablehnung von Jagd und Ackerbau, pflanzliche Nahrung wird bis auf wenige Ausnahmen gar als minderwertig gesehen und wenn möglich gemieden.

Das Grundnahrungsmittel der Maasai ist Milch, als `gute Nahrung´ gilt weiterhin Blut, Rindfleisch und einige wild wachsende Pflanzen. Kleinvieh, das bei den Maasai sehr verbreitet ist, wird primär aus ökonomischen Gründen gehalten.

Die Viehzucht ist fast ausschließlich nicht kommerziell, gehandelt wird mit Kleinvieh. Arbeit, die nicht im Zusammenhang mit dem Vieh steht, gilt als minderwertig und wird wenn möglich vermieden, da sonst ein Statusverlust erfolgt.

Die Maasai sehen das Gras als von Gott gegeben an, deswegen ist das Graben, das Verletzen der Grasnarbe, verpönt. Wenn unbedingt nötig, wie bei Brunnen, werden andere Völker damit betraut.

3. Maasai-Frauen

Die Maasai sind -wie die meisten Pastoralisten- eine patriarchiarliche Gesellschaft.

Frauen üben keinerlei formelle Ämter aus und haben keine institutionalisierte Autorität. Es herrscht eine geschlechtliche Arbeitsteilung, die Frauen sind an den Kral und seine nähere Umgebung gebunden. So suchen sie Nahrung (Nüsse, Beeren), bereiten sie zu und -womit sie etwas Macht haben- teilen sie zu.

3.1 Geschlechtliche Beziehungen bei den Maasai

Jedes Mädchen wählt noch vor der Beschneidung (mit ca. 10-12) drei Liebhaber unter den murran in einem Fest (eokoto oonkipot) aus. Der Wichtigste und Erste unter ihnen ist der osanja, der üblicherweise zuerst mit dem Mädchen schläft. Wenn alle drei abwesend sind, kann sie sich neue Liebhaber suchen. Es ist zu jeder Zeit ihre Entscheidung, mit wem sie wann schläft. Diese Entscheidung bespricht sie mit den älteren Mädchen. Der Liebhaber wird nur in Ausnahmefällen der Ehemann. Die Liebhaberbeziehung kann ohne soziale Folgen aufgelöst und neu eingegangen werden. Voreheliche Beziehungen sind somit institutionalisiert und gesellschaftlich anerkannt. In ihnen ist der emotionale Erfolg der Beziehung wichtig, ganz im Gegensatz zur Ehe. In diesem Alter kann das Mädchen frei über ihren Körper entscheiden, während ihre Arbeitskraft nach strikten und feststehenden Regeln eingesetzt wird. Es ist auch die alleinige Entscheidung des Mädchens, wen sie zum Geliebten erwählt. Von wie vielen Mädchen ein murran erwählt wird, hat entscheidenden Einfluss auf sein Ansehen innerhalb der Altersklasse.

Nur vollwertige Krieger sind potentielle Liebhaber und Freunde der Mädchen. Es gibt folgende Arten der legitimen Beziehungen:

- die Beziehung zwischen unverheirateten Mädchen und murran
- die ehelichen Beziehungen (auch zu den Brüdern den Ehemannes)
- Beziehungen mit Männern aus dem age-set des Ehemannes Inzestuös sind Beziehungen, wenn sie
- innerhalb des Klans stattfinden, oder
- mit Männern aus dem age-set des Vaters bestehen.

Die Ehen bei den Maasai sind polygyn, das heißt, dass ein Mann -wenn er vermögend genug ist- mehrere Frauen haben kann. Das Heiratsversprechen wird zwischen den Eltern gegeben, meist wenn der zukünftige Ehemann noch ein Hirtenjunge ist. Frauen werden frühestens vor der Geburt und spätestens bei ihrer Initiation (Beschneidung) jemandem versprochen. Auch bei Erwachsenen übernehmen die Eltern die Verlobung. An die Ehe werden üblicherweise keinerlei emotionale Erwartungen geknüpft. Die Eltern machen sich während der Verlobungszeit gegenseitig Geschenke, die bei einer Auflösung des Versprechens zurückgegeben werden. Das Brautgut wird mit ungefähr 15 Rindern angegeben, ist aber meistens wesentlich höher. Es wird von dem Ehemann und seiner Familie an die Braut gegeben, die somit ihr eigenes Auskommen und eine finanzielle Absicherung hat.

Der Verlobte spielt schon während der Zeit der Verlobung eine große Rolle, so gibt er das Rind, das bei ihrer Beschneidung getötet wird. Die Familien sind stark in die Hochzeit eingebunden.

Meist ziehen die Frauen nach der Hochzeit in den Kral des Mannes, wo sie zuerst bei seiner Mutter wohnen. Erst nach der Geburt des ersten Kindes baut sie sich ein eigenes Haus. Am Anfang hat sie ein sehr geringes Ansehen, sie ist den anderen Frauen und vor allem der Mutter ihres Mannes zu Gehorsam verpflichtet.

Gewalt ist in Maasai-Ehen nicht selten, da die Frauen noch lange als Kinder betrachtet werden, über die Autorität ausgeübt werden muss.

Eine Scheidung ist möglich, sie wird vor dem Ältestenrat verhandelt. Normalerweise wird sie von der Frau erbeten, meist wegen Rücksichtslosigkeit des Ehemannes, die sich in Brutalität und materieller Vernachlässigung zeigt. Die Kinder bleiben in jedem Fall im Patriklan, denn: „[Das Kind] ist nicht „ihr“ Kind [...], es ist „das Kind der Leute“, das Kind des Patriklans ihres Mannes“ (Mitzlaff 1988: 119). Das Brautgut muss zurückgegeben werden. Allerdings ist ein beiderseitiges Einverständnis nötig, sonst gilt die Ehe weiter. Wenn dieses Einverständnis besteht ist eine erneute Hochzeit der Frau möglich. Scheidung ist kein sozialer Makel.

Bei einer Verwitwung tritt einer der jüngeren Brüder an die Stelle des Mannes, der gestorbene Mann gilt aber als `sozialer´ Vater der späteren Kinder, was vor allem bei einer neuen Hochzeit außerhalb der Familie entscheidende Auswirkungen hat. So richtet sich die Klanzugehörigkeit der Kinder nach ihrem sozialen Vater. Für die Inzesttabus kann die Altersklasse des sozialen Vaters von Bedeutung sein.

3.2 Alternative Altersklassen der Frauen?

Die Alterklassen der Frauen beinhalten diejenigen, die in einem bestimmten biologischen und sozialen Lebensabschnitt sind. Sie sind nicht institutionalisiert und haben somit kaum gesellschaftliche Macht.

Die Zuordnung zu diesen `Altersklassen´ drückt sich im Gruß aus: entito (unbeschnittenes Mädchen), esiankiki (junge, verheiratete Frau ohne Kind), entomonomi (verheiratete Frau mit Säugling), enkitok (erwachsene Frau mit Kindern), koko (alte Frau, Großmutter).

Das enkigwena ist eine Versammlung der Frauen (es gibt sie auch bei den Männern und gemischte enkigwena), die berät, rügt und Bußen verhängt. Sie ist eher für kleinere Verstöße und informelle Angelegenheiten gedacht. Ferner gibt es das enkamulak (Ritual des Spuckens), das eine `Zusammenkunft um zu verzeihen´ ist. Es beschäftigt sich beispielsweise mit größeren Familienzwistigkeiten.

Die unbeschnittenen Mädchen teilen sich auf in Jüngere (imbarnat) und Ältere (inkereyani), wobei die Jüngeren mehr Pflichten und die Älteren mehr Rechte haben. Die Beschneidung wird als Vorbereitung auf die Heirat betrachtet, „denn ein Mädchen, das nicht beschnitten ist, kann nicht gebären“ (Mitzlaff 1988: 82). Die Beschneidung erfolgt in einer langen, aufwendigen Zeremonie (elatim emoratare), die Elemente des späteren Lebens widerspiegelt. Das und das Verbot, Schmerz zu zeigen, sind Parallelen zur Initiation der Jungen. Nach der Beschneidung lebt das Mädchen, jetzt esipolioi genannt, bis zu ihrer Genesung ca. einen Monat außerhalb der Gemeinschaft. Sie ist erkennbar an einem besonderen Kopfschmuck und Gürtel. Die Beschneidung wird als `zweite Geburt´ (für Jungen und Mädchen) verstanden. Auch Jungen leben nach ihrer

Beschneidung außerhalb der Gruppe, sie werden zu Kriegern. Die Mädchen werden zu gebär- und heiratsfähigen Frauen.

Bei Beginn der Schwangerschaft beginnt die Frau nur noch mageres Essen zu sich zu nehmen, gegen Ende fastet sie sogar, denn eine wohlgenährte Frau bekommt ein großes Kind, das bedeutet eine schwere Geburt. Ebenfalls übt sie sexuelle Enthaltsamkeit, die mit empfindlichen Sanktionen überwacht wird. Enthaltsam muss sie auch während der Stillzeit sein. Kurz vor der Geburt zelebriert sie das epuo aitok enkare (zum Wassertrinken gehen), während diesem sie Schaffleisch und -fett zu sich nimmt. Nach der Geburt werden Mutter und Kind meist gesegnet (emaiyan), darauf folgt eine vorübergehende Entfernung von der Gemeinschaft. So wird der Übergang in eine neue Lebensphase symbolisiert: sie ist jetzt eine vollwertige Frau.

Die Maasai haben Beerdigungsriten, die mit vielen -wenn nicht den meisten Pastoralisten und Nomaden- vergleichbar sind. Nur sehr alte und kinderreiche Personen und Neugeborene werden innerhalb des Krals bestattet. Die anderen werden in der Steppe in einem Tuch aufgebahrt. Die Namen der Verstorbenen werden nicht mehr ausgesprochen, sie sind jetzt ilmeneng´a (die Verstorbenen).

4. Sozialer Wandel seit ca. 1960

4.1 Das neue Landeigentumsrecht

Durch die Einführung eines neuen Landeigentumsrechtes in den 1960ern wurde die Grundlage für privaten Landbesitz geschaffen, der bisher bei den Maasai keine Rolle gespielt hatte. Die Reform sollte eine Lösung für die zunehmende Überweidung, für teilweise bedenkliche hygienische Zustände und für eine beginnende Überbevölkerung sein. Konkret war sie die Antwort auf den 1960/61er Kollaps der Maasai-Viehhaltung. In dieser kurzfristigen Dürre starb ein großer Anteil des Viehs. Das neue Recht sollte die Maasai zur `Zivilisation´ führen. So sollte eine umfassende Infrastruktur und ein allgemeines Schulsystem aufgebaut werden. Weiterhin sollte die nomadische Lebensweise der Maasai beendet werden und ihre Viehzucht in die Marktwirtschaft eingebunden werden.

4.1.1 `individual ranches´

Durch die Reform wurden `individual ranches´ geschaffen, die für die `progressiven´ Maasai mit Schulabschluss und oft einer Anstellung im öffentlichen Dienst bereitgestellt wurden. Sie sind sehr landintensiv und mit den ranches weißer Siedler zu vergleichen. Die `individual rancher´ genießen auch unter den Maasai ein hohes Ansehen und großen Respekt. Sie haben -im Vergleich zu den anderen Maasai- einen enormen materiellen Reichtum.

4.1.2 `group ranches´

Die `group ranches´ wurden für die anderen Maasai geschaffen. Sie sollten den Viehbestand kontrollierbar machen und die Grundlagen für eine verkaufsorientierte Züchtung legen. Weiterhin sollten sie das System der `Viehfreundschaften´ beenden. In den `group ranches´, die in ihrer Größe zwischen der Größe der Krale und der der `localities´ schwanken, wurden Schulen gegründet.

Bald schon ersetzten sie die traditionellen Systeme wie die Krale und das Altersklassensystem und schufen neue, permanente soziale Verbände. Die ursprünglichen Ziele, nämlich eine Kontrolle des Viehbestandes, eine Einbindung in die Marktwirtschaft und eine Hinführung zu einer sesshaften Lebensweise, konnten nicht im mindesten erreicht werden. Es werden immer noch zu viele Tiere gehalten (1988 das 1,7 bis 2,9fache der erlaubten Anzahl) (Rutten 1992: 371)).

Es gibt seit Mitte der 1980er eine steigende Tendenz zur Auflösung der `group ranches´. 1990 waren nur mehr 40 der zu Beginn der 1980er 51 ranches übrig. Stattdessen bildeten die Mitglieder der `group ranches´ kleine `individual ranches´, die ihnen ein immer noch höheres Einkommen versprechen konnten als es die `group ranches´ taten. Diese Tendenz führte zu einer verstärkten Einwanderung durch `Einkaufung´ von Nicht- Maasai in aufgelöste `group ranches´. So herrscht in den früheren `group ranches´ meist ein starker Dissens und generelle Uneinigkeit.

4.2 Wandel im Altersklassensystem

Immer mehr junge Maasai besuchen die Schule, 1988 gab es schon eine Schulquote von 65%. Allerdings sind es immer noch eher Jungen als Mädchen, die die Schule konsequent besuchen. Trotz verschiedener Pläne der Regierung sind die meisten Schulen kirchlich. Diese Entwicklung ist allerdings neuerer Art. Bis in die 1980er war der Schulbesuch verpönt: „Maasai `elders´ sagen, dass Kinder, die zur Schule gehen, für sie verloren seien“ (Laube 1986: 129). Zum einen wurde eine Entfremdung von der traditionellen Lebensweise, zum anderen der Verlust der Arbeitskraft befürchtet. Es sind auch heute noch kaum höhere Schulen vorhanden, allerdings sind sie auch kaum gefragt, eine höhere Ausbildung ist eher unattraktiv. Die Jungen werden zu der Zeit zu der sie auf die neue Schule wechseln würden, in eine neue Altersklasse aufgenommen, sie werden zu murran. Die Mädchen heiraten üblicherweise in diesem Alter. Die Aufgaben und Verpflichtungen der murran haben sich grundlegend geändert. So wurden die Viehraubzüge, die die zentrale Aufgabe der Krieger waren, schon 1912 von den Briten bei der Androhung von Viehstrafen verboten und sind daher eher unüblich. Statt dessen wurde die murran-Zeit teilweise in eine Schul- und Lehrzeit mit Aufgaben im öffentlichen Dienst umgewandelt. Es gab starke Konflikte zwischen den murran und den `elders´, die diesem Programm zugestimmt haben.

Seit den 1940ern wurde keine emanyata mehr von den `junior murran´ bezogen.

Weiterhin erfolgt die Hochzeit, die früher für die murran verboten war, heute meist schon nach der eunoto-Zeremonie, in der sie zu `senior murran´ werden.

III. Fazit

Die Maasai gelten als die klassischen Pastoralisten. Als halbnomadisches Hirtenvolk werden sie diesem Ruf auch -zumindest oberflächlich betrachtet- mehr als gerecht. Sie sind, wie die meisten Pastoralisten, patriarchiarlisch organisiert und haben das Vieh eng mit ihrer Kultur verwoben. So ziehen sie auch wichtige Elemente ihrer Identität aus ihrer Nähe zum Vieh, das sie nach ihren Entstehungsmythen als ihnen zugedacht betrachten. Bei ihnen gibt es ein striktes Altersklassensystem mit klaren Zuschreibungen an die jeweiligen Klassenmitglieder. Die Persönlichkeit des einzelnen (männlichen) Maasai wird entscheidend von seinen Altersklassengenossen geprägt, sie sind für ihn so etwas wie Brüder. Für die Frauen gibt es solch klare Gruppen nur in jungen Jahren, später ist die Verwandschaft -vor allem die Verwandschaft des Mannes- wichtiger als die peer- group oder `Altersklasse´.

Durch die Landrechtsreform und Reformen in ihrem Umfeld hat sich die Lebenssituation der Maasai wesentlich geändert. Die klassischen Systeme werden zunehmend verdrängt, an ihre Stelle treten andere Systeme, die -wie die `group ranches´- ihre Stabilität erst beweisen müssen. Immer mehr Maasai verlassen den Wirtschaftssektor ihrer Ahnen und versuchen, ihren Lebenserhalt mit früher zum Teil stark verpönten Mitteln zu verdienen. So ist ein nicht unerheblicher Anteil der Maasai zu Landwirten geworden oder praktiziert eine Mischform. Viele Maasai kommen auch in der Tourismus-Branche oder im öffentlichen Dienst unter. Allerdings wird das so verdiente Geld weitgehend wieder in die Viehwirtschaft gesteckt.

Die althergebrachten Systeme der Maasai sind zusammengebrochen oder gerade in der Korrosion begriffen. Die tradierten Werte werden aufgeweicht und scheinen keine Gültigkeit mehr zu haben zwischen Tourismus und Marktwirtschaft. Die Maasai- Gesellschaft wird auf vielfache Weise herausgefordert. Wie wird sie auf diese Herausforderungen reagieren?

Literaturverzeichnis

Laube, Raphael (1986): Maasai-Identität und sozialer Wandel bei den Maasai. Basel Mitzlaff, Ulrike von (1988): Maasai-Frauen: Leben in einer patriarchalischen Gesellschaft.

München

Rutten, Marius M.(1992): Selling Wealth to buy poverty: The process of the individualization of landownership among the Maasai pastoralists of Kajanda district, Kenya; 1890-1990: Saarbrücken, Fort Lauderdale: Breitenbach.

Spear, Thomas (1993): Being Maasai: ethnicity & identity in East Africa. London

12 von 12 Seiten

Details

Titel
`people of cattle´-Identität bei den Maasai
Hochschule
Universität Trier
Note
1,3
Autoren
Jahr
2003
Seiten
12
Katalognummer
V108156
Dateigröße
443 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Maasai
Arbeit zitieren
Philipp Altmann (Autor)Esther Hautmann (Autor), 2003, `people of cattle´-Identität bei den Maasai, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/108156

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