Marti, Kurt - Neapel sehen


Referat / Aufsatz (Schule), 2003
3 Seiten, Note: 1

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Interpretation Kurt Marti „Neapel sehen“

Wachsender Wohlstand und abnehmende Arbeitszeit verändern langsam das Freizeitverhaltender Westdeutschen. Obwohl der Hang zur Häuslichkeit in den 50er Jahren noch dominiert, steigt die Nachfrage nach Ferienreisen ständig. 1960 verreist bereits ein Drittel der westdeutschen Bevölkerung. Viele Bundesbürger träumen von fernen Ländern. An der Spitze der Wunschskala steht ein Besuch Italiens. Mitte der 50er Jahre reisten bereits 4,5 Millionen Deutsche dorthin. „Neapel sehen und sterben“ ein Ausspruch Homers aus der Antike, um die Einmaligkeit dieser Stadt zu umschreiben- aufgegriffen von berühmten Persönlichkeiten vieler Jahrhunderte- ein Ausspruch, elliptische von Kurt Martin verwendet, scheint auf diese Schönheit Italiens hinzuweisen. Ein Ausspruch, der Urlaub, Wärme und Entspannung assoziiert. Doch meint der Autor dies auch so? Diesem und anderen Aspekt/en werde ich versuchen nachzugehen.

Die Kurzgeschichte „Neapel sehen“ wurde in den 60er Jahren verfasst, in eben oben benannter Zeit des Wirtschaftswunders in Westdeutschland. Kurt Marti erlebte diese Zeit intensiv mit. Wenn auch in Bern geboren (1921) und dort als Pfarrer seit 1961 tätig, reiste er damals viel nach Deutschland und verbrachte ebenfalls längere Zeit dort. In der Erzählung des Schweizer Theologen geht es um einen älteren Arbeiter der nach jahrelanger schwerer Tätigkeit in einer Fabrik arbeitsunfähig wird. Von zuhause aus kann er das Leben in seinem Werk nur noch erahnen, obwohl die Sicht darauf nur eine Bretterwand behindert. Diese lässt er stückweise abnehmen und stirbt nach deren vollständigen Entfernung glücklich.

Die widersprüchliche Haltung des Mannes zu seiner Arbeit, sein Hass als Ausdruck seiner Ohnmacht gegenüber des notwendigen Arbeitsprozesses, um seinen Wohlstand und seine Lebensqualität zu erhalten, stehen im Mittelpunkt und somit in der Kritik Kurt Martis. Er möchte uns davor bewahren, stupide Arbeiter zu werden, die schließlich aufgrund der Schwere ihrer Arbeit erkranken oder gar sterben, somit ihren erwirtschafteten Lebensabend nicht mehr genießen bzw. erreichen können. Allerdings zeigt uns der Autor auch, dass die Tätigkeit dem Leben einen Sinn zukommen läst, ohne den das Leben ebenfalls nicht mehr lebenswert ist. Ein Thema also, dass nicht nur die Zeit damals anspricht, sondern heute noch aktueller erscheint.

Ein älterer Mann, unsere Hauptfigur, lebt mit seiner Frau in einigem Wohlstand. An seinem erwirtschafteten Haus befindet sich ein kleines Gärtchen, welches durch einen Bretterzaun die Sicht auf die gegenüberliegende Fabrik versperrt – die Fabrik, in welcher der Mann Akkordarbeit verrichtete (fleißig und unermüdlich), die er deshalb hasst, aber auch braucht. Nun ist er krank und liegt daheim im Bett. Die Frau tritt wenig in Erscheinung, nur als Gesprächspartner oder ausführender Part. Dies gilt ebenfalls für den Arzt und den Nachbarn. Das Paar scheint schon viele Jahre verheiratet und „er“ spricht oft von Hass zu ihr, wenn sie ihm wieder einmal sagt, dass ihm nachts die Hände zuckten. Dabei richtet sich wahrscheinlich dieser Hass nicht gegen seine Frau, sondern schon hier gegen seine Arbeit, die ihm „Akkord“ (Z.12) abverlangte- eine Arbeit im „schnellen Stakkato“ (Z.12). Wichtig war diese Tätigkeit für das Ehepaar, denn wie schon eingangs erwähnt, hieß es in den 50er und 60er Jahren Hohlstand schaffen, um sich Haus und Urlaub, wie zum Beispiel in das beliebte Italien, nach Neapel, leisten zu können.

In hauptsächlich personaler Erzählwiese berichtet uns der Autor über das Geschehen. Nüchtern distanziert ermöglicht uns Marti den Blick auf das Leben des Hauptprotagonisten. Symbolträchtig teilt er hier seine Gedanken in zwei wichtige Sinnabschnitte: dem Teil, in dem uns die Arbeit in der Fabrik unpersönlich nahegebracht wird. Diese Tätigkeit kennzeichnet Maschinen, Akkordarbeit, Hetze und Zahltag. Und dem Teil, in dem sich der Mann die Fabrik als Neapel aufbauen lässt- eine Illusion aus Rauch, Menschenstrom, Autos, Kantine und Büro. Eine Illusion, hervorgerufen durch die Distanz zur Fabrik nach der Arbeitsunfähigkeit. Beide Teile, einsträngig linear gestaltet, umschließen einen Zeitraum von 5 Wochen, so Dass der Autor hauptsächlich eine Zeitraffung angewendet hat, um letztendlich die Akkordarbeit des Mannes kurz beschreibend zu unterstreichen, dem Leser die Schnelligkeit der Arbeit und des Verfalls des Menschen nach ausgebrochener Krankheit zu verdeutlichen. Einzig und allein die Beschreibung der neuen Situation der Erkrankung erlaubt eine Zeitdeckung, um uns kurz das Geschehen nahe zubringen, zu veranschaulichen.

Stellt man sich die Gesamtsituation bildlich vor, so befindet man sich in einem unteren Raum des Hauses, in welchem das Bett des Kranken steht. Von hier aus betrachtet er „sein Gärtchen“ (Z. 20) und den „Abschluss des Gärtchens, die Bretterwand...“ (Z.211). Diese ermöglicht ihm nicht nur mehr Blick nach draußen, zur Fabrik. Symbolträchtig befindet sich der Mann in sogenannter Gefangenschaft, die Krankheit fesselt ihn ans Bett, lässt ihm keinen Handlungsspielraum.

Im Kontrast dazu lebt die Fabrik, seine ehemalige Arbeitsstätte, „die Kantine, die Büros und das sogenannte Fabrikareal“ (Z.44-46). An diesem Leben kann er nun nicht mehr teilnehmen, obwohl es ihm vorher verhasst war. Die Hetze, die Akkordarbeit, das Tempo der Maschinen oder auch nur der Meister, der ihm eine leichtere Arbeit geben wollte „aus verlogener Rücksicht“ (Z.15). Trotzdem war ihm die Arbeit wichtig, nicht nur um seinen Wohlstand zu schaffen, seinen Lebensabend zu sichern, sondern auch nur, um seinen wissen, dass er gebraucht wir. Aktivität, Freunde, Leben und Hetze, Anspannung und Stress gegenüber. Nun lauert die Monotonie der Krankheit, Ruhe, Passivität. Somit idealisiert der Mann seine Fabrik zu seinem Neapel. Diese Vorstellung wird in ihm übermächtig, so dass die Bretterwand, die ihm bisher die Privatsphäre gewahrt hat, die Distanz zum Werk, im Jenes trennende Symbol soll verbindendes werden, die Nähe zum eben herstellen. Dies geschieht Stück für Stück mit Hilfe seiner Frau und des Nachbarn. Endlich ruht zärtlich der Blick des Kranken auf seiner Fabrik. Nach ca. 14 Tagen stirbt der Mann entspannt und mit einem Lächeln. Nun sah er sein Neapel und konnte sterben. Homers Spruch erfüllt sich bei ihm.

Geschickt wählte Kurt Marti parataktische Sätze (Die Frau erschrak. Sie lief zum Nachbarn. Z.33), die in die Alltagssprache eingebettet sind. So wird noch klarer, dass es sich hier um einfache Leute, eben Arbeiter handelt. Weiterhin erscheint das Geschehen noch schneller abzulaufen, je kürzer die Sätze, je einfacher der Satzbau. Der Autor verwendet Anaphern, um zum Beispiel gefühlsverstärkend gebraucht. Desgleichen finden wir Parallelismen, wie „Bretterwand“ – auch ausdrucksverstärkend gebraucht. Auffällig ist die Wortwiederholung von „hasste“, insgesamt 10 mal, welche hier deutlich das Verhältnis des Mannes zur Fabrik verdeutlicht. Stellvertretend für viele Menschen bekommt das Personalpronomen „er“, den Mann bezeichnend, eine überindividuelle Bedeutung.

So gibt Kurt Marti einen Einblich in das Leben, die Psyche eines Arbeiters in den 50er Jahren. Wir können uns durch die besonders symbolsastige Darstellung in den Hauptprotagonisten hineinversetzen, könnten sein Handeln nachvollziehen. Natürlich ist diskussionswürdig, wo der Lebenssinn eines Mannes liegt, wann das Leben sinnlos wird!? Aber diese Frage muss wohl jeder für sich selbst beantworten und diese Entscheidung sollte dann auch eine individuelle sein. Die Kunst bleibt die, den Sinn zu finden und ihn zu verwirklichen. Also kann man sogar sagen, dass Martis Geschichte allgemeingültig für unser Jahrhundert ist. So wählte der Autor bestimmt mit Bedacht eine Kurzgeschichte. Denn so unvermittelt, wie diese beginnt, so offen bleibt auch der Schluss. Zwar stirbt hier die Hauptperson, doch viele Fragen bleiben unbeantwortet.

Nun- so findet jeder sein „Neapel“ und sehe es!

2 von 3 Seiten

Details

Titel
Marti, Kurt - Neapel sehen
Veranstaltung
Deutschunterricht
Note
1
Autor
Jahr
2003
Seiten
3
Katalognummer
V108193
Dateigröße
403 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Dreiseitige Interpretation ohne Sekundärliteratur.
Schlagworte
Marti, Kurt, Neapel, Deutschunterricht
Arbeit zitieren
Klaus Gerhart (Autor), 2003, Marti, Kurt - Neapel sehen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/108193

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