Trauerarbeit oder Inkorporation. Reaktionen auf den Verlust der Mutter in Jurij Trifonows Tausch (Obmen) und Ein pilzereicher Herbst (V gribnuju osen')


Ausarbeitung, 2003
24 Seiten

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Inhaltsverzeichnis

A Der Tausch
1. Inhaltsangabe und einleitende Bemerkungen
2. Dmitriew als narzisstische Persönlichkeit
a. Psychoanalytische Definition von Narzissmus
b. Dmitriews narzisstische Partnerwahl
c. Die Datschenidylle als verlorenes Kindheitsparadies
d. Die narzisstische Symbolik der Ortswechsel
3. Der Wohnungstausch als Ausdruck des Wunsches nach narzisstischer Verschmelzung mit der Mutter
a. Inkorporationswusch bei Objektverlust (Nach S. Freud: Trauer und Melancholie)
b. Die Metaphorik der Inkorporation
c. Inkorporationswunsch und Materialismus
d. Das Motiv der verweigerten Trauer

B Ein pilzereicher Herbst
1. Nadjas Trauerarbeit
2. Das Motiv des Wohnungstauschs

Die beiden Erzählungen, die in relativ geringem Zeitabstand erschienen - Ein pilzereicher Herbst im August 1968, der Tausch im Dezember 1969 (beide in der Literaturzeitschrift Novyj mir) - , haben als gemeinsames Motiv die Reaktion eines Kindes auf den Tod seiner Mutter. Die Hauptfigur im Tausch, Viktor Dmitriew, verhält sich angesichts des bevorstehenden Todes seiner krebskranken Mutter pathologisch. Er ist nicht imstande, den drohenden Verlust zu akzeptieren und zu bewältigen. Im Gegensatz zu ihm kommt Nadja, die Hauptfigur im Pilzereichen Herbst, über den plötzlichen Tod ihrer Mutter hinweg, indem sie sich in einem schmerzhaften Prozess gesunder Trauerarbeit emotional von ihr löst. Dmitriews und Nadjas Reaktion sollen in dieser Arbeit psychoanalytisch interpretiert werden, die dabei zugrunde gelegte Theorie wird in den Unterabschnitten A2a und A3a dargestellt und in A2b-d und A3b-d auf Dmitriew, in B auf Nadja angewendet.

1966 starb Trifonows erste Frau Nina 1. Ihr Tod dürfte der Anlass für die beiden Erzählungen gewesen sein. Für den Autor war es ein schwerer existenzieller Einschnitt:

Dieser Tod kam ganz plötzlich 1966, völlig unerwartet, unvorhergesehen. Seine Wirkung auf mich war schrecklich, und lange Zeit konnte ich irgendwie nicht richtig zu mir kommen und arbeiten. Ich kann nicht sagen, dass das Jahre gedauert hätte, aber auf jeden Fall einige Monate. Das war sehr hart für mich. 2

Nachdem Trifonow nach dem Tod seiner Frau monatelang nicht arbeiten konnte, entstand im Frühjahr 1968 Ein pilzereicher Herbst. 3 Die Lähmung der Schaffenskraft war vorbei und Trifonow hat mit der dichterischen Bewältigung dieses Verlustes begonnen, die 1969 mit der Arbeit am Tausch fortgesetzt wurde. 4

A Der Tausch

1 1. Inhaltsangabe und einleitende Bemerkungen

Ksenija Fjodorwna, die Mutter der Hauptfigur Viktor Georgijewitsch Dmitriew, ist aus dem Krankenhaus entlassen worden. Sie ist unheilbar an Magenkrebs erkrankt und hat nicht mehr lange zu leben. Ihren Verwandten ist dies bekannt, sie selbst aber, der es verschwiegen wird, hofft fest auf ihre baldige Genesung. Ihre Schwiegertochter Lena schlägt Viktor vor, mit seiner Mutter zusammenzuziehen, womit sie einen dreifachen Wohnungstausch verbinden will: Das Zimmer des Ehepaars soll zusammen mit der Wohnung der Mutter gegen eine entsprechend große Wohnung eingetauscht werden, die Lena und ihre Familie nach Xenia Fjodorownas Tod für sich allein haben werden. Seine Mutter zu sich zu nehmen, war schon lange Viktors sehnlicher Wunsch, dem sich Lena, die ihre Schweigermutter hasst, bisher widersetzt hat. Dmitriew durchschaut zunächst den wahren Grund für Lenas Sinneswandel: Nach erfolgreichem Tausch wird durch den zu erwartenden Tod des Schwiegermutter ein Zimmer frei. So will Lena die miserable Wohnsituation der Familie verbessern - Mann, Frau und Kind hausen beengt in einem Zimmer und müssen das Bad mit Nachbarn teilen. Nach anfänglichen Skrupeln hilft Dmitriew seiner Frau bei der Durchsetzung des Wohnungstausches und betäubt sein schlechtes Gewissen mit der Illusion, die Mutter werde wieder gesund werden.

Am nächsten Morgen fährt Dmitriew zur Arbeit ins GINEGA, das Staatliche Institut für Öl- und Gasapparaturen. An diesem Tag soll entschieden werden, ob Dmitriew eine Dienstreise nach Sibirien unternimmt. Es gelingt ihm, diese Reise abzulehnen, indem er sich darauf beruft, sich um seine kranke Mutter kümmern zu müssen. Danach sucht er wegen des geplanten Wohnungstausches Rat bei seinem Kollegen Newjadomskij, der mit seiner schwer kranken Schwiegermutter zusammengezogen und durch ihren Tod zu einer geräumigen Wohnung gekommen ist. Der Kollege ist jedoch nicht bereit, Dmitriew in seine Methode einzuweihen.

Weiterhin erklärt sich an diesem Tag Dmitriews Kollegin und Exgeliebte Tanja bereit, ihm 200 Rubel zu leihen, die wegen der Krankheit der Mutter u.a. für Arzthonorare dringend gebraucht werden. Dmitriew fährt deshalb nach Dienstschluss mit Tanja zu ihrer Wohnung, wo er das Geld bekommt und von ihr mit einem Imbiss bewirtet wird. Von Tanjas Wohnung fährt Dmitriew dann zur Datsche, wo seine Mutter lebt. Dort schlägt er ihr vor, im Rahmen eines dreifachen Wohnungstausches zu ihm zu ziehen. Sie aber lehnt dies mit der Begründung ab, sie habe nicht mehr den Wunsch, mit ihm zusammenzuziehen. Später willigt sie doch noch ein, so dass der Wohnungstausch zustande kommt. Bald darauf stirbt die Mutter, und Viktor wird nach ihrem Tod von einer hypertonischen Krise niedergestreckt, die ihn zu drei Wochen strengster Bettruhe zwingt.

Die vorliegende Untersuchung hält zwei Stellen für besonders wichtig:

Zum einen die Szene, als Dmitriew seiner Mutter vorschlägt, mit ihr im Rahmen eines dreifachen Wohnungstausches zusammenzuziehen. Sie ist in der Sekundärliteratur allgemein als Schlüsselstelle anerkannt:

„Es gäbe noch folgende Möglichkeit: wir könnten tauschen und mit dir in eine Wohnung ziehen [...]

„Mit dir tauschen?“

„Nein, nicht mit mir, sondern mit jemand anderem, damit wir zusammen wohnen können.“

„Ach, so meinst du das. Natürlich, ich verstehe. Ich hatte mir so sehr gewünscht, mit dir und Nataschenka zusammenzuleben...“ Xenia Fjodorowna schwieg einen kurzen Augenblick. „Aber jetzt - nein.“

„Warum?“

„Ich weiß nicht. Ich habe diesen Wunsch schon lange nicht mehr.“

Er schwieg, wie vor den Kopf geschlagen.

Xenia Fjodorowna schaute ihn ruhig an, schloss dann die Augen. Es sah aus, als schliefe sie ein. Dann sagte sie:

„Du hast schon getauscht, Witja. Der Tausch hat stattgefunden...“ Wieder trat Schweigen ein. Mit geschlossenen Augen flüsterte sie etwas kaum noch Verständliches: „Das war vor sehr langer Zeit. Und es geschieht ständig, jeden Tag, wundere dich also nicht, Witja. Und sei nicht böse. Es ist eben so gekommen...“

Er blieb noch einen Augenblick sitzen, stand dann auf und ging auf Zehenspitzen hinaus. (69 / 61f.) 5

Diese Stelle ist von mehrfacher Bedeutung:

- Die Mutter weigert sich, mit ihrem Sohn zusammenzuziehen, wodurch sie ihn wiederum ausstößt. Viktors Gefühl, ausgestoßen zu sein, sein existentielles Gefühl des „Abgeschnittenseins“ (54 / 49) ist ein wichtiges Motiv der Erzählung.

- Die Mutter begründet ihre Weigerung damit, dass Viktor einen „Tausch“ vollzogen hat („Du hast schon getauscht“). Damit meint sie, dass er von der ethisch anspruchsvollen Haltung der Dmitriews zu der materialistischen Lebenseinstellung der Lukjanowy, der Familie seiner Frau übergewechselt ist. Dadurch enthüllt sich eine zusätzliche, tiefere Bedeutung des Titels: Tausch meint nicht nur den Tausch der Wohnungen sondern auch der ethischen Position. Damit hängt ein wichtiger Motivkomplex der Erzählung zusammen: Dmitriew entspricht nicht den anspruchsvollen Wertvorstellungen seiner Familie, deshalb hat seine Mutter ihm einen Teil ihrer Liebe und Anerkennung entzogen, was die Hauptursache für sein Gefühl des Ausgestoßenseins ist. Da dieser Umstand für sein krankhaft narzisstisches Verhältnis zur Mutter in besonderem Maße verantwortlich ist, sei ausführlicher darauf eingegangen:

Die Werte der Dmitriews sind:

- Menschliche Anständigkeit
- Intelligenz und Kreativität
- Tüchtigkeit im Beruf

Zur menschlichen Anständigkeit:

Die Dmitriews sind Intellektuelle und leben nach anspruchsvollen ethischen Prinzipien, während sie im Alltag unbeholfen sind. Im Gegensatz zu ihnen richtet sich der Ehrgeiz der Lukjanows auf konkrete Vorteile in Alltag und Beruf. Ihre Stärke sind „der richtige Biss im praktischen Leben“ 6 und Methoden, die oft unfein aber effektiv sind wie das Ausnutzen von Beziehungen, Schmiergelder u.ä., wodurch beispielsweise der Wohnungstausch organisiert wird.

Besonders verabscheut wird von den Dmitriews der Materialismus Viktors und der Lukjanowy. Gemeint ist damit das Streben nach persönlichen Vorteilen, das sich über andere Regungen hinwegsetzt. Ein Beispiel dafür ist die Affäre um den Arbeitsplatz im GINEGA, den Dmitriew für seinen Freund Lewka mit Hilfe seines Schwiegervaters besorgt hat. Weil die Stelle aber so vorteilhaft war, hat Viktor sie selber angenommen, wobei er in Kauf nahm, dass Lewka sich von ihm abwendet. Der materielle Vorteil (kürzerer Weg zum Arbeitsplatz und höherer Lohn) war ihm wichtiger als das ideelle Gut der Freundschaft. Seine Familie verurteilt ihn deswegen.

Auch was Intelligenz und Kreativität, die zweite Kategorie von Familienidealen betrifft, steht Viktor hoffnungslos hinter seinen Angehörigen zurück. Arbeitet die Mutter „als Oberbibliothekarin in einer großen Akademie-Bibliothek“ (6 / 8), war die Kusine Marina früher Redakteur in einem Verlag und arbeitet in der Gegenwartshandlung beim Fernsehen (60 / 54), die Schwester Lora als Archäologe, und war schließlich der Großvater Angehöriger der intellektuellen Revolutionäre und Jura-Absolvent der Petersburger Universität (49 / 44), so hat Viktor auf dieser intellektuellen Ebene versagt: Er wollte den Doktorgrad erwerben, gab es aber auf, denn „die Kräfte reichten nicht aus“ (57 / 51), um jeden Abend nach Büroschluss noch an der Dissertation zu arbeiten. Natürlich fehlt nicht der Hinweis, dass seine Mutter dieses Unternehmen guthieß (57 / 51).

Auch Kreativität liegt in der Familie. Viktors Vater schrieb humoristische Erzählungen, von denen sogar eine publiziert wurde (35f. / 33). Auch Viktor sollte ein Künstler werden. Diese Hoffnung hegte seine Mutter. „Nach dem Krieg zeichnete er wie ein Irrer. Trennte sich nie von seinem Skizzenbuch“, doch nach dem ersten Misserfolg gab er es für immer auf (67-70 / 60-62).

Auch das dritte Familienideal, Tüchtigkeit im Beruf, ist für Viktor ein wunder Punkt. Bereits genannt ist das Scheitern seiner Dissertation, bedeutend in diesem Zusammenhang ist das Thema des Reisens. Viktor hätte die Möglichkeit zu Dienstreisen in entlegene Gebiete der Sowjetunion gehabt, die strapaziös gewesen wären, ihn wahrscheinlich aber beruflich weitergebracht hätten. Die Mutter hätte es gerne gesehen, wenn er sich dazu aufgerafft hätte (55 / 50). Für Viktor waren solch „verlockende Odysseen“ Gegenstand von „Träumereien am frühen Morgen“ (55f. / 50), doch aus Bequemlichkeit konnte er sich nicht dazu entschließen.

Eine Dienstreise, vor der sich Dmitriew zum Kummer seiner Mutter drückt, ist auch Thema der Gegenwartshandlung: Voller Optimismus glaubt Dmitriew noch, dass für ihn mit seinen 37 Jahren der Zug noch nicht abgefahren sei und er im Beruf noch etwas erreichen könne (13 / 14). Gelegenheit, sich zu engagieren, könnte jene Dienstreise sein, die nach dem Willen des Chefs gerade Viktor unternehmen soll, weil er dafür kompetent ist. Auch seine Mutter interessiert diese Dienstreise, denn sie erkundigt sich immer wieder, ob sie zustande kommt. Doch Dmitriew drückt sich vor dieser Reise unter dem Vorwand, seine kranke Mutter nicht allein lassen zu können.

Als Xenia Fjodorowna von Viktor erfährt, dass er die Dienstreise nicht antritt, zeigt sich in ihrer Reaktion Unzufriedenheit:

Xenia Fjodorowna fragte nach Dmitriews Dienstreise, und er sagte, gerade heute habe sich entschieden, dass er nicht führe.

Xenia Fjodorowna hörte auf zu lächeln. (68 / 60)

Wie Ironie des Schicksals wirkt es, dass der Versager Dmitriew den Namen Viktor (lateinisch = Sieger) tragen muss. Man kann sich vorstellen, dass ihn seine Eltern so genannt haben, weil sie sich einen erfolgreichen Sohn, einen Sieger-Typen gewünscht haben.

Als Xenia Fjodorowna in einem folgenreichen Streit ihre Haltung der Verachtung gegenüber Menschen wie den Lukjanows verteidigt, fühlt Viktor instinktiv, dass seine Mutter auch ihn verachtet (51 / 46) 7, außerdem bekommt er zu hören, dass seine Familie unzufrieden mit ihm ist:

Es hatte sogar irgendein Gespräch gegeben, in dem Großvater sagte: „Xenia und ich hatten erwartet, dass etwas anderes aus dir würde. Natürlich ist nichts Schlimmes passiert. Du bist kein schlechter Mensch. Aber auch kein besonders großartiger.“ (55 / 49)

Die zweite Schlüsselstelle wird in der Sekundärliteratur kaum beachtet:

Viktor hat einen Arbeitskollegen, Newjadomskij, der durch einen ähnlichen pietätlosen Wohnungstausch durch den Tod seiner Schwiegermutter zu einer geräumigen Wohnung gekommen ist. Diesen Kollegen fragt Dmitriew um Rat, wie ein solcher Wohnungstausch organisatorisch ablaufen kann. Wichtig ist das hier auftauchende Symbol der Tomaten: Um die Großartigkeit und die Vorzüge der so erworbenen Wohnung zu schildern, wird erwähnt, dass Newjadomskij auf einem Balkon sogar Tomaten ziehen kann - ein angesichts der sowjetischen Mangelversorgung bedeutender Luxus. Angeekelt denkt Dmitriew:

„Die Tomaten auf Schwiegermutters Grab. Ist doch alles egal. Dies auch. Und es wird noch einiges mehr kommen.“ (28 / 26f.)

Die Tomaten-Symbolik hat die in den folgenden beiden Abschnitten vorgenommene psychoanalytische Interpretation angeregt. Die Sekundärliteratur, hat, so weit ich sie überblicke, mit dieser Symbolik noch nichts anfangen können, was wohl auch daran liegt, dass für die sowjetischen Literaturwissenschaftler die Psychoanalyse aus ideologischen Gründen tabu zu sein hatte.

2. Dmitriew als narzisstische Persönlichkeit

a. Psychoanalytische Definition von Narzissmus

Beschäftigt sich die Psychoanalyse mit narzisstischer Problematik, so geht sie von dem pränatalen Zustand des Menschen aus, der im Mutterleib eine Phase unbeeinträchtigten Wohlbefindens verbringt, nach dem er sich sein ganzes Leben zurücksehnt. Diesem Zustand des primären Narzissmus werden bestimmte existentielle Merkmale zugesprochen und aus ihnen Bestrebungen im postnatalen Leben abgeleitet, die diese Zustände wiederherstellen bzw. Ersatz dafür schaffen sollen: 8

- Einzigartigkeit und Souveränität Der Mutterleib ist das Universum des Fötus, das er ganz ausfüllt und mit niemandem teilen muss. Das Universum enthält nur ihn und nichts Störendes, das sein Dasein beeinträchtigt. Die Sehnsucht nach diesem Zustand ist für das Streben vieler Menschen nach Macht und Autonomie mitverantwortlich und ist die Wurzel für Allmachtfantasien und megalomane Bestrebungen.
- Zeitlosigkeit und Unsterblichkeit Der Fötus hat kein Gefühl für die Zeit, seine Existenz ist zeitlos, er erlebt weder Langeweile noch Zeitdruck und kennt keine Endlichkeit. In Zusammenhang mit der Zeitlosigkeit sieht Grunberger den religiösen Glauben an die Unsterblichkeit.
- Absolute Geborgenheit und Unverwundbarkeit Der Fötus wird durch das „Stöße abdämpfende Schutzgewebe des Mutterleibs“ geschützt. In diesem Zustand hat in vielen Mythen das Ideal der Unverwundbarkeit seine Wurzeln.
- Parasitäre Existenz und Spannungsfreiheit durch automatische Versorgung Da der Fötus sich in einer nutritiven Einheit mit seiner Mutter befindet und automatisch durch Osmose ernährt wird, lebt er in einem „Zustand vollkommener Homöostase ohne Bedürfnisse, denn diese werden automatisch befriedigt und können sich als solche noch gar nicht entwickeln. Wegen der parasitären Art seines Stoffwechsels kennt er weder Wunsch noch mit Entspannung verbundene Befriedigung, sondern lediglich ein vollkommenes Gleichgewicht.“
- Einheit und Verschmelzung Der Fötus lebt mit seiner Mutter in einer intrauterinen Einheit. Er kennt noch nicht die Trennung zwischen sich und Objekten, weiß noch nicht, dass Menschen und Dinge sich einer Verfügung entziehen, ja ihm feindlich entgegenstehen können.

Der primäre Narzissmus wird durch die Geburt beendet. Der Verlust des konfliktfreien, glückseligen Zustandes ist ein schmerzlicher existenzieller Einschnitt; man spricht vom Geburtstrauma. Nach der Geburt wird der narzisstische Zustand von Konfliktfreiheit bzw. -armut und Geborgenheit weitgehend beibehalten. Dies ermöglicht die umsorgende Pflege durch die Mutter und der kaum unterbrochene Schlaf des Neugeborenen. Nach und nach muss das Kind jedoch sein spannungsfreies und parasitäres Dasein aufgeben, sehnt sich aber sein ganzes Leben lang nach dieser Existenz vor der Geburt und als Säugling zurück und ist bestrebt, sich dafür Ersatz zu beschaffen.

Ein Ausdruck dieser Sehnsucht nach dem narzisstischen Zustand ist das Motiv der Vertreibung aus dem Paradies. Grunberger sagt dazu: „Aus dem ehemaligen narzisstischen Parasiten muss nun ein aktives Individuum werden, das künftig die Last seiner Existenz selber trägt (das Kind ist aus dem Paradies vertrieben und muss ‘im Schweiße seines Angesichts’ für seine Bedürfnisse aufkommen).“ (S. 35).

Strebt ein Mensch in sozial vertretbarem Maß nach Sicherheit, Geborgenheit und Macht, so spricht man von gesundem Narzissmus. Krankhaft ist narzisstisches Streben zum Beispiel dann, wenn jemand auch als Erwachsener an seiner parasitären Existenz festhalten will. Dies ist bei Dmitriew der Fall. Sein pathologischer Narzissmus hat vor allem seine Partnerwahl bestimmt, mit der sich der nächste Unterabschnitt beschäftigt.

b. Dmitriews narzisstische Partnerwahl

Die Lebenspartner, die sich Dmitriew gewählt hat, sind seine Frau Lena und seine Ex-Geliebte Tanja.

In der Ehe mit Lena findet Dmitriews narzisstisches Streben nach einer parasitären, von Bequemlichkeit und Verwöhnung bestimmten Existenz Erfüllung. Das zeigt sich, als er über seine Ehe nachdenkt:

Niemand verstand es, ihn so zu lieben, wie Lena. Und er selber - jener inzwischen so ferne magere Dmitrijew mit der komischen lockigen Hartolle - lebte wie betäubt und betört dahin, wie im Fieber, wenn der Mensch nicht richtig reagieren 9 kann, weder essen noch trinken mag, sondern bloß im Halbschlaf in einem Zimmer mit verhängten Fenstern auf dem Bett liegt.

(45 / 41)

Es ist bezeichnend für Dmitriews narzisstische Persönlichkeit, dass er die begeisterte Schilderung seines ehelichen Glücks mit Charakeristika der intrauterinen und Säuglingsphase anreichert. Da wären die Triebruhe und nutritive Bedürfnislosigkeit des Fötus („weder essen noch trinken mag“), die Schläfrigkeit („bloß im Halbschlaf [...] liegt“) und der halbbewusste Dämmerzustand des Säuglings („lebte wie betäubt und betört dahin, wie im Fieber, wenn der Mensch nicht reagieren 10 kann“).

Viktor fühlt sich in seiner Ehe mit Lena wohl, weil sie die Eigenschaften hat, die ihm fehlen, die seine Weichheit und Passivität ausgleichen. Lena ist kraftvoll im Zupacken, Erwerben, sie gehört zu den „umjejuschtschie zhyt“ 11, ist tüchtig im Beschaffen von Gütern und Vorteilen. Von ihren Fähigkeiten profitiert Dmitriew und schwärmt begeistert:

[Lena] verbiss sich in ihre Wünsche wie eine Bolldogge. So eine entzückende Bulldoggenfrau mit kurzem strohfarbenem Haar und einem stets angenehm gebräuntem Gesicht. Sie ließ nicht locker, bis ihre Wünsche - direkt zwischen ihren Zähnen - Fleisch geworden waren. Eine großartige Eigenschaft! Eine herrliche, bewunderungswürdige, lebensentscheidende Eigenschaft. Eine Eigenschaft für wirkliche Männer. (56 / 50)

Ihm gefiel die Leichtigkeit, mit der sie Bekanntschaften anknüpfte und Leute kennen lernte. Das war gerade das, was ihm fehlte. Besonders bemerkenswert war ihr Geschick, nützliche Bekanntschaften zu schließen. Kaum war sie nach Pawlinowo gezogen, kannte sie bereits sämtliche Nachbarn, den Chef der örtlichen Miliz, die Wachleute der Bootsanlegestelle, dutzte die junge Direktorin des Sanatoriums, und jene erlaubte ihr, das Mittagessen aus der Sanatoriumskantine zu beziehen, was in Pawlinowo als der Gipfel des Komforts und Erfolgs galt und als für gewöhnliche Sterbliche schier unerreichbar. Und wie sie die untere Dussja abblitzen ließ, die im Souterrain wohnte, als diese mit der für sie typischen Unverschämtheit aufkreuzte und verlangte, dass Dmitrijews ihren eigenen Schuppen räumen sollten, den die Untere Dussja die letzten zehn Jahre unerlaubt benutzt hatte! Die Untere Dussja flog dermaßen von der Vortreppe herunter, als sei sie vom Wind umgefegt. Dmitrijew war hingerissen und flüsterte seiner Mutter zu : „Wie findest du das? Das ist doch etwas anderes als mit uns Schlappschwänzen!“ Aber all seine geheime Begeisterung nahm bald von selbst ein Ende, weil er nämlich längst wusste, dass es keine schönere, klügere und energischere Frau als Lena gab und geben konnte. Darum - wozu sich noch begeistern? Alles war ganz natürlich, in der Ordnung der Dinge. Niemand hatte eine so weiche Haut wie Lena. Niemand konnte so mitreißend Agatha-Christie-Romane vorlesen und dabei aus dem Stegreif ins Russische übersetzen. Niemand verstand es ihn so zu lieben, wie Lena. (44f. / 40f.)

Typisch ist auch, wie Dmitriew die Agatha-Christie-Romane konsumiert. Da sein Englisch dürftig ist, lässt er sie sich von seiner Frau, die diese Sprache gut beherrscht (sie übersetzt englischsprachige Fachtexte) simultan übersetzen. Er bekommt diese Kriminalromane sozusagen vorgekaut serviert, die geistige Anstrengung des Übersetzens nimmt ihm seine Frau ab. Dabei hatte Dmitriew einmal gemeinsam mit seiner Mutter begonnen, Englisch zu lernen, dies aber abgebrochen, als er Lena kennen lernte (12 / 13). Auch in diesem Punkt ist Dmitriew von seiner Familie zu den Lukjanows übergewechselt. Seine Mutter, die mit ihm zusammen Englisch lernte, steht für Weiterbildung und geistige Anstrengung, seine Frau für Bequemlichkeit und passives Konsumieren, und Dmitriew hat auch in diesem Fall die für ihn typische Wahl getroffen.

Dmitriew und Lena leben in einer komplementären Beziehung, die man mit der Freundschaft zwischen Oblomow und Stolz vergleichen kann. Dem faulen, kraftlosen Adeligen zerränne seine Hab und Gut zwischen den Fingern, wenn nicht der energische, geschäftstüchtige Deutsche für ihn einträte.

Zu Tanja:

Auch sie ist ein zu Dmitriew passender verwöhnender Partner. Das zeigt zum Beispiel folgender Umstand: Dmitriew will, dass man seine Wünsche errät, ohne das er erst um etwas bitten müsste. Er gehört zu den „Individuen, die zufrieden gestellt werden wollen, ohne ihre Wünsche formulieren zu müssen. Müssen sie es doch einmal (meist können sie es übrigens nicht), so fühlen sich diese Menschen allein durch die Tatsache verletzt, dass ihre Wünsche nicht erraten wurden - eine Versagung, die vor allem ihren Narzissmus berührt.“ Grunberger sieht in dieser Haltung eine Fixiertheit auf den oben beschriebenen Zustand im Mutterleib, wo der Fötus „eine automatische Befriedigung seiner Bedürfnisse erfährt, noch bevor sich diese als solche äußern.“ 12 Dieser Menschentyp, dem man die Wünsche von den Augen ablesen soll, möchte jenes wunschlose Glück des intrauterinen Stadiums wiederhaben, als die automatische Befriedigung sämtlicher Bedürfnisse eine qualvolle Unlustspannung erst gar nicht aufkommen ließ. Mit dieser Haltung ist Dmitriew bei Tanja, einer im Übermaß gütigen Frau, die sich von ihm ausnutzen lässt, an der richtigen Adresse: Sie errät seine Wünsche und lässt sich nicht erst bitten. So entsteht bei Dmitriew auf der Fahrt zu ihr das Bedürfnis nach einem Imbiss, als er vom Taxi aus einen Bierausschank sieht:

Um einen Bierkiosk drängte sich ein schwarzer Männerhaufen. Einige der Männer, mit Bierkrügen in der Hand, standen einzeln oder zu zweit ein wenig beiseite. Dmitrijew fühlte, dass sein Hals trocken war - ein Schluck hätte ihm jetzt gut getan. „Ich muss sie fragen“, dachte er. „Tanjuschka hatte immer etwas da. Irgendwas.“ (29 / 28)

Zu Hause bei Tanja geht der Wunsch nach einer Stärkung nahezu unaufgefordert in Erfüllung. Ein in der sowjetischen Mangelwirtschaft nicht zu verachtender Imbiss kommt auf den Tisch:

Unter einem Stapel sauberer Wäsche holte sie eine Zeitungsrolle hervor, wickelte sie auf und gab Dmitrijew ein Bündel Geldscheine. Er steckte es in die Hosentasche.

„Nun geh schon“, sagte Tanja. „Du hast doch keine Zeit.“ Er zog sich plötzlich einen Stuhl vor und setzte sich an den polierten Tisch.

„Ich muss ein bisschen sitzen. Irgendwie bin ich müde.“

Er nahm den Hut ab und fuhr sich mit der Handfläche über die Stirn. „Ich habe Kopfschmerzen.“

„Möchtest du etwas essen? Kann ich dir etwas bringen?“

„Hättest du etwas Trinkbares da?“

„Nein... Doch, warte!“ Ihre Augen leuchteten vor Freude auf. „Irgendwo muss noch die Flasche Cognac sein, die wir nicht ausgetrunken haben. Erinnerst du dich, als du letztes Mal hier warst? Ich seh gleich nach!“

Sie lief in die Küche und kam eine Minute später mit der Flasche wieder. Es waren noch etwa hundert Gramm Cognac darin.

„Gleich kommt noch eine Kleinigkeit zu essen! Eine Sekunde!“

„Aber wozu das?“

„Gleich! Gleich!“ Sie rannte wieder Hals über Kopf in die Küche.

[...]

Tanja brachte in einer Glasschüssel Sprotten, zwei Tomaten, Butter, Brot und Gläser. (31f. / 30f.)

Tanja ist eine Gegenfigur zu Dmitriews Mutter, weil sie ihn akzeptiert, wie er ist:

Aus irgendeinem Grund war er überzeugt davon, dass sie nie aufhören würde ihn zu lieben. In jenem Sommer lebte er in einem Zustand, den er bisher nicht gekannt hatte: dem des Geliebtseins.

[...]

Doch Dmitrijew dachte nicht darüber nach: warum ihm diese Seligkeit? Womit hatte er sie verdient? Wieso ausgerechnet er - ein nicht mehr junger, zur Fülle neigender Mann mit ungesunder Gesichtsfarbe, dessen Mund ewig nach Tabak roch? Er selbst sah nichts Rätselhaftes darin. So musste es sein. (30 / 29)

Die Unterschiede zwischen der Zuwendung durch die Mutter und durch Tanja sind entscheidend: Diese liebt ihn ungeachtet seiner Schwächen, während jene ständig mit ihm unzufrieden ist und ihm deshalb einen Teil ihrer Liebe und Anerkennung entzogen hat. Vor diesem Trauma kann er sich bei Tanja sicher fühlen, er ist „überzeugt, dass sie niemals aufhören wird, ihn zu lieben“. In dem obigen Zitat wird Dmitriews Grundhaltung ausgesprochen: Für Liebe und Zuwendung nichts tun zu müssen, sondern sie wie selbstverständlich zu erhalten („Er sah nichts Rätselhaftes darin. So musste es sein.“). Bei Tanja konnte er diese passive, bequeme Haltung leben, bei seiner Mutter nicht. Ihre Liebe hätte er sich verdienen müssen, indem er sich ihrer Vorstellung vom idealen Sohn angenähert hätte.

c. Die Datschenidylle als verlorenes Kindheitsparadies

Trifonows Oeuvre spielt größtenteils im städtischen Milieu Moskaus, zugleich findet sich in fast allen Werken eine naturnahe Datschensiedlung, die mit der Stadt eine antithetische Ortssymbolik bildet. Oft steht das urbane Milieu für das Schlechte im Menschen, zum Beispiel für den Materialismus, die Datsche dagegen für das, was verloren geht oder schon verloren ist: die paradiesische Unschuld der Kindheit, die sittliche Integrität. So lebt im Tausch Viktor mit seiner materialistischen Frau in der Stadt, während Mutter und Schwester als Träger der ethischen Ideale der Dmitriews in der Datsche in Pawlinowo wohnen. Der Wohnungstausch als Ausdruck des Materialismus ist räumlich dem urbanen Milieu zugeordnet, während die naturnahe Datschenlandschaft, die aus der Sicht des seine Mutter aufsuchenden Viktor liebevoll geschildert wird, sehnsüchtige Erinnerungen an seine Kinheit weckt.

Das grüne Idyll wird jedoch durch fortschreitende Verstädterung zerstört:

Auf dem gegenüberliegenden Ufer, wo einst die Wiese war, hatte man ein großes Strandbad mit Schaubuden und Verkaufskiosken angelegt. [...] Alles auf jenem anderen Ufer war von dunkelgrauer Zementfarbe. Hinter dem Strandbad kräuselte sich ein vor etwa zehn Jahren gepflanzter Birkenhain, und dahinter erhob sich in neblig weißen Quadern das Gebirge der Neubauten, zwischen denen zwei besonders hohe Türme aufragten. Alles auf jenem Ufer hatte sich verändert, alles hatte sich „lukjanifiziert“. (39 / 36)

Das Schlüsselwort ist hier lukjanifiziert (olukjanilos). Lukjanow ist der Familienname von Lena und ihren Eltern, die den Materialismus verkörpern. Derselbe Begriff taucht einige Zeilen vorher auf, als Lora ihrem Bruder vorwirft, er sei zu der materialistischen Lebensweise der Lukjamows übergewechselt: „Witja, du hast dich aber mächtig lukjanifiziert!“

Die Natur, die immer mehr zugebaut wird, ist Spiegelbild für den Materialismus, der immer mehr von Viktor Besitz ergreift und ihn seiner Mutter entfremdet. Wie dieser Prozess endet, deutet metaphorisch der letzte Satz der Erzählung an:

Die dmitrijewsche Datscha in Pawlinowo hat man, wie alle umliegenden Datschen, kürzlich abgerissen und dort das Stadion „Sturmvogel“ und ein Hotel für Sportler gebaut, und Lora ist mit ihrem Felix nach Sjusino gezogen, in ein achtstöckiges Haus.

Dmitriews nostalgische Gefühle, die die Datschenlandschaft als Ort seiner Kinheit in ihm weckt, fließen aus dem narzisstischen Wunsch nach Rückkehr in die Lebensphase der Geborgenheit und des ungetrübten Einvernehmens mit seiner Mutter. Dies verrät besonders die Symbolik des Hundes:

Als Dmitriew das Zimmer seiner kranken Mutter betreten hat, bringt sie vor jener Schlüsselszene, in der er ihr den Wohungstausch vorschlägt, das Gespräch auf ein Bild, das Viktor als junger Mensch gemalt hat. Nachdem die Mutter den Vorschlag zum Wohnungstausch abgewiesen und Viktor sich in seinem Zimmer schlafen gelegt hat, kommen seine Gedanken wieder auf das Bild. Welche Bedeutung hat also diese Kinderzeichnung, die vor und nach der Schlüsselszene auftaucht, diese sozusagen umgibt? Sehen wir uns zunächst das Bild an:

Beim Einschlafen dachte Dmitrijew an seine alte Tuschzeichnung: ein Stück Garten, der Zaun, die Vortreppe der Datscha und auf der Treppe der Hund Nelda. So ein Hundetier, das aussah wie ein Schaf. (69f. / 62)

Der junge Viktor hat sich unbewusst in dem Hund Nelda dargestelltt. Durch Neldas Ähnlichkeit mit einem Schaf ist das Motiv der Unschuld gegeben, das mit dem Motiv des Paradieses zusammengebracht werden kann: Viktor hat die „paradiesische Unschuld“ seiner Kindheit und als ihren idyllischen Ort die Familiendatsche - Freitreppe, Garten und Zaun, der das Paradies schützend umgibt - dargestellt, das Bild ist Ausdruck von Viktors Narzissmus, d.h. seiner Sehnsucht nach der frühen Kindheit. 13

Einige Zeilen später taucht wieder ein Hund auf, und zwar, nachdem Dmitriew seiner Mutter vorgeschlagen hat, im Rahmen des Wohnungstausches mit ihm zusammenzuziehen, und von ihr abgewiesen worden ist. Als Dmitriew danach mit dem Bus von der Datschensiedlung in die Stadt zurückfährt, erlebt er Folgendes:

An der Haltestelle standen zwei Leute, ein Stückchen weiter weg saß ein Schäferhund. Es war nicht klar, wem er gehörte. Ein leerer Trolleybus fuhr vor, alle stiegen ein, nach allen sprang plötzlich der Schäferhund in den Wagen. Der Hund war dickbäuchig, sprang schwer und ließ sich neben der Kasse auf dem Fußboden nieder. Die beiden Männer gingen erschrocken nach vorn, während Dmitrijew unschlüssig stehen blieb. Der Schäferhund blickte zum Fenster hinaus. Er schien irgendetwas im Trolleybus zu brauchen. Dmitrijew dachte, dass der Fahrer ihn womöglich sehr weit mitnähme und der Hund verloren ginge. Denn niemand würde verstehen, was mit ihm los war und weshalb er im Trolleybus mitfuhr. An der nächsten Haltestelle, wo die Leute jäh von der Tür zurückwichen, stieg Dmitrijew aus und rief: „Komm her, komm her!“ - und der Hund sprang folgsam hinaus und setzte sich auf die Erde. Dmitrijew schaffte es gerade noch, wieder aufzuspringen. Durch die Fensterscheibe des abfahrenden Trolleybusses sah er den Hund, der ihn anblickte. (70 / 62f.)

Saß der Hund auf der Jugendzeichnung im Paradies, ist nun der Schäferhund unterwegs in die Fremde. Dmitriew assoziiert mit ihm den Zustand von Ausgestoßensein und Verlorenheit: „Es war nicht klar, wem er gehörte.“, „Dmitrijew dachte, dass der Fahrer ihn womöglich sehr weit mitnähme 14 und der Hund verloren ginge.“

Das Tier teilt Dmitriews Schicksal, der im selben Omnibus von der Datsche wegfährt, nachdem die Ablehnung des Zusammenziehens durch die Mutter und ihr Vorwurf, er sei ihr fremd geworden, die Verstoßung aus dem Paradies wiederholt und entgültig bekräftigt haben.

Auch am Aussehen des Hundes zeigt sich, dass die paradiesische Unschuld der Kindheit verloren ist. Er ist nun nicht mehr das kleine Hündchen, das aussieht wie ein Schaf, wie auf der Kinderzeichnung, sondern ist wie Dmitriew nicht mehr jung, dick und träge geworden („Der Hund war dickbäuchig, sprang schwer.“).

d. Die narzisstische Symbolik der Ortswechsel

Die Abfolge der Schauplätze im Tausch:

Wohnung in Moskau

Weg zur Arbeit (Bus, Metro)

Arbeitsplatz

Weg zur Wohnung der Ex-Geliebten (Taxi)

Tanjas Wohnung

Datschensiedlung, aber noch nicht in der Datsche

In der Datsche, aber noch nicht im Zimmer der Mutter

Bei der Mutter im Zimmer

Übernachtung im Zimmer der Datsche, wo er früher zusammen mit Lena wohnte

Rückweg nach Moskau (O-Bus)

Die Abfolge der Orte symbolisiert die von Viktor ersehnte Rückkehr zum Kindheitsparadies, zur Mutter, sowie die erneute Ausstoßung durch sie. Der Kulminationspunkt befindet sich in der Szene Bei der Mutter im Zimmer, es handelt sich um die oben besprochene Schlüsselstelle, in der Xenia Fjodorowna es ablehnt, mit ihrem Sohn zusammenzuziehen. Zu Beginn der Erzählung befindet sich Viktor bei Lena in der Stadt, d.h. jenem Ort, der - wie in 1c festgestellt - die materialistische Haltung der Lukjanows symbolisiert, zu der er übergewechselt ist und sich dadurch von seiner Familie entfernt hat. Der folgende Text ist eine allmähliche Bewegung aus der Stadt zur Mutter, denn die ersten vier Schauplätze befinden sich in der Stadt, der 6. bis 9. in der Datschenidylle. Der 5. Schauplatz Tanjas Wohnung ist dabei eine Übergangsszene. Ihre Wohnung befindet sich einerseits in der Stadt Moskau, andererseits am Stadtrand, wo Merkmale ländlicher Idylle sind (z.B. derselbe Fluss, die Moskwa, die auch durch die Datschensiedlung am anderen Ende der Stadt fließt). Der Idyllencharakter hängt damit zusammen, dass die Beziehung mit Tanja für Viktor eine Ersatzidylle für das Kindheitsparadies war.

Der Text nach der Ausstoßungsszene enthält eine entgegengesetzte Bewegung: Weg von der Mutter und zurück in die Stadt, zu Lena: Dmitriew verlässt zunächst das Zimmer der Mutter, dann die Datsche und fährt zurück nach Moskau.

3. Der Wohnungstausch als Ausdruck des Wunsches nach narzisstischer Verschmelzung mit der Mutter

Dieser Abschnitt soll Folgendes zeigen: Dmitriew ist so stark auf seine Mutter fixiert, dass er ihren Tod nicht akzeptieren und sich mit seinen Gefühlen nicht von ihr lösen kann. Deshalb hat er den unbewussten Wunsch nach Einverleibung der Mutter, um dadurch die primärnarzisstische Einheit von Mutter und Kind wiederherzustellen, was der Wohnungstausch bewerkstelligen sollen. Unterabschnitt a liefert dazu die psychoanalytische Theorie, b und c die interpretatorische Anwendung.

a. Inkorporationswunsch bei Objektverlust

Das Menschenbild, das der Analyse in diesem Abschnitt zugrunde liegt, entstand durch Integration der freudschen Theorie vom Inkorporationswunsch bei Objektverlust in das in A2a dargestellte Bild der neueren Psychoanalyse vom Menschen als hauptsächlich durch narzisstische Strebungen geprägtes Wesen.

Sigmund Freud beschäftigt sich in seiner Abhandlung Trauer und Melancholie 15 mit dem Phänomen der Trauer und ihrer Funktion: Wird jemand mit dem Verlust eines geliebten Objektes konfrontiert (es ist meistens ein Mensch, kann aber auch etwas Abstraktes sein: eine Enttäuschung über jemanden oder etwas, Verlust eines Ideals), so muss er seine emotionale Energie 16, mit der er das Objekt besetzt hat, von ihm abziehen, muss sich gefühlsmäßig von ihm lösen. Diesen schmerzhaften Prozess leistet die Trauerarbeit. Danach ist die emotionale Energie wieder frei, sie steht zur Verfügung und kann sich anderen Objekten zuwenden. Häufig jedoch kann sich ein Mensch von einem geliebten Objekt nicht lösen. In der Realität stirbt es, doch die Gefühle wollen nicht von ihm ablassen, in der Seele soll es weiterexistieren. Damit geht oft eine unbewusste Introjektionsfantasie einher, von der Freud sagt: „[Das Ich] möchte sich dieses Objekt einverleiben, und zwar der oralen oder kannibalischen Phase der Libidoentwicklung entsprechend auf dem Wege des Fressens.“ (S. 436).

Die Introjektionsfantasie macht es dem Unterbewusstsein möglich, den Verlust eines geliebten Objektes nicht anerkennen zu müssen, wodurch „das verlorene Objekt tatsächlich wiederbelebt wird: Es wird im Ich wieder aufgerichtet [...]“. Das Subjekt hat dadurch den Trost: „Das Liebesobjekt ist nicht verloren, denn nun trage ich es im mir und kann es niemals verlieren!“ 17

Die moderne Psychoanalyse bringt nun den Inkorporationswunsch mit dem Narzissmus in Einklang. So unterstreicht Schuhmacher 18 die narzisstische Sehnsucht nach Wiederherstellung der intrauterinen Einheit des Kindes mit der Mutter. Die Trennung vom geliebten Objekt soll wieder aufgehoben werden: „Wenn auch bei ausgeglichener narzisstischer Lage die Fähigkeit vorhanden ist, die Objekte als Objekte bestehen zu lassen, ihre Eigenexistenz anzuerkennen, so haftet doch jeder Besetzung auch die Tendenz an, das geliebte Objekt zum Selbst zu machen, das Selbst sozusagen über das Objekt auszudehnen. Bei der Notwendigkeit, eine Besetzung aufzulösen, z.B. bei Objektverlust (etwa durch Tod oder Enttäuschung), kommt diese auch beim Gesunden vorhandene Tendenz dann um so klarer zum Ausdruck.“ (S.9).

Von der Betrachtung des Inkorporationswunsches, wie ihn Freud in Trauer und Melancholie beschreibt, als narzisstisches Verfahren zur (illusionären) Wiederherstellung der pränatalen Verschmelzung aus kommt Schuhmacher zu folgender Definition von Narzissmus:

„Narzissmus wäre also, positiv ausgedrückt, die Strebung, alle Objekte zum eigenen Selbst zu machen (Rückkehr zum primären Narzissmus), negativ ausgedrückt: die Leugnung der Objekte als eigenständige, der eigenen Verfügbarkeit nicht unterworfener Bestände. Der funktionelle Weg, um diesen Bestrebungen zum Erfolg zu verhelfen, ist die Einverleibung der Objekte.“ (S.10).

b. Die Metaphorik der Inkorporation

Das wichtigste Inkorporationssymbol sind die Tomaten:

Dmitriew sucht seinen Kollegen Newjadomskij an dessen Arbeitsplatz auf, um ihn um Rat zu fragen, wie ein dreifacher Wohnungstausch organisiert werden kann. Dmitriew wendet sich an ihn, weil er von einem anderen Kollegen erfahren hat, dass Newjadomskij im Rahmen eines ähnlichen Wohnungstausches mit seiner schwer kranken Schwiegermutter zusammengezogen und durch ihren Tod in den Besitz einer großen Wohnung gekommen ist. Sie ist - wie sich herumgesprochen hat - so geräumig, dass er auf einem Balkon sogar Tomaten ziehen kann. Diese Tomaten sind in Dmitriews Gedächtnis haften geblieben, denn als er Newjadomskij auszufragen versucht und dabei keinen Erfolg hat, kommt ihm angeekelt der Gedanke:

„Die Tomaten auf Schwiegermutters Grab. Ist doch alles egal. Dies auch. Und es wird noch einiges mehr kommen.“ (28 / 26f.)

Der Gedanke an die Tomaten, die Newjadomskij zieht, drängt sich Dmitriew ein zweites Mal in Tanjas Wohnung auf, als sie ihm Cognac und einen Imbiss, zu dem auch Tomaten gehören, serviert:

Er hatte bereits ausgetrunken und kaute an einer Tomate. Brummte: „Diese Tomaten sind doch nicht etwa vom Grab von Newjadomskijs Schwiegermutter?“ (32 / 31)

Die Tomaten symbolisieren Dmitriews unbewussten Wunsch, sich seine Mutter einzuverleiben, um dadurch den primärnarzisstischen Zustand der Verschmelzung wiederherzustellen. Dieser Wunsch wirkt schon lange stark in ihm, weil er sich von seiner Mutter, die ihm einen Teil ihrer Liebe und Anerkennung entzogen hat, ausgestoßen, aus dem Kindheitsparadies vertrieben fühlt. Durch ihren drohenden Tod, der ein entgültiger und vollkommender Verlust bedeutet, ist dieser Wunsch zusätzlich aktiviert worden.

Diese Zwangsvorstellung verrät, dass Dmitriew, obwohl er sich vormacht, seine Mutter werde genesen, im Unterbewusstsein weiß, dass sie sterben wird, die neue Wohnung also zu ihrem Grab wird. Der Wohnraum der Toten wird in die Wohnung des Sohnes inkorporiert, der Wohnungstausch symbolische Vollstreckung des Inkorporationswunsches werden.

Aufschlussreich sind die Tomaten auch in der Szene bei Tanja zu Hause. Wie in 1b analysiert wurde, war Dmitriews Beziehung zu Tanja, in der er passiv, bequem und parasitär sein konnte, ein guter Ersatz für den narzisstischen Zustand im Mutterleib und als Säugling. Durch sein narzisstisches Streben nach Bemutterung, Verwöhnung hat Dmitriew Tanja ausgenutzt, sie verbraucht, an ihr gezehrt. Dies zeigt sich an folgender Symbolik:

Tanja bietet Dmitriew 200 Rubel an und sagt, dass sie das Geld nicht brauche:

„Witja, nimm es doch. [...] Ich hatte zweihundert Rubel für einen Sommermantel zurückgelegt, aber wie du siehst, ist der Sommer vorbei, und ich habe mir nichts gekauft. Also kann ich dir das Geld ohne jede Schwierigkeit bis zum Frühjahr geben.“ (23 / 23)

Der Frühling ist nicht nur konkret in der Gegenwartshandlung der Erzählung, die im Oktober spielt, zu Ende, sondern auch im übertragenen Sinn: Gemeint ist Tanjas Jugend, die sich in der Affäre mit Viktor verbraucht hat. Nachdem durch seine Mitschuld ihre Ehe zerbrochen ist und er sie dennoch verlassen hat, obwohl sie ihn immer noch liebt, ist sie gealtert:

In den Strähnen, die ihr ins Gesicht fielen, waren viele graue Haare. Sie war vierunddreißig, eine noch junge Frau, aber im letzten Jahr war sie ziemlich gealtert. War sie vielleicht krank? (22 / 22)

Dmitriew weiß, dass sie ihn immer noch liebt und nutzt sie aus, leiht sich 200 Rubel und lässt sich bewirten.

Am Beispiel Dmitriews erweist sich die Unterscheidung zwischen gesundem, positivem und krankhaftem Narzissmus als sinnvoll. Ein Ausdruck gesunden narzisstischen Strebens wäre es, wenn Dmitriew die volle Liebe und Anerkennung der Mutter zurückgewänne, indem er sich ihren Idealen an Anständigkeit und Tüchtigkeit in Alltag und Beruf zumindest annähert (ohne sich ihnen zum Sklaven zu machen), etwa sich zu jener Dienstreise aufrafft, die für den Betrieb so wichtig ist und auch seiner Mutter am Herzen liegt. Dmitriews Narzissmus ist jedoch unterentwickelt, negativ, wie sich auch in seiner Beziehung zu Tanja erweist. Schuhmann definiert Narzissmus als „Strebung, alle Objekte zum eigenen Selbst zu machen (Rückkehr zum primären Narzissmus)“, wobei die Objekte nicht als „eigenständige, der eigenen Verfügbarkeit nicht unterworfene Bestände“ respektiert werden (10). So verhält sich Dmitriew gegenüber Tanja. Sein narzisstisches Streben nach parasitärer Verwöhnung nutzt ihre Liebe aus, hat ihr Glück zerstört und zehrt immer noch an ihr.

Ähnlich will Dmitriew auch seine Mutter nicht als eigenständiges, seiner Verfügbarkeit nicht unterworfenes Objekt respektieren, wofür der Wohnungstausch symptomatisch ist, wenn Dmitriew keinen Respekt vor dem Sterben der Mutter empfindet, sondern ihren Tod pietätlos zur Gewinnung zusätzlichen Wohnraums verwertet.

Ein weiteres Inkorporationssymbol: Als Lena zu Beginn der Erzählung Dmitriew vorschlägt, im Rahmen eines dreifachen Wohnungstausches mit seiner Mutter zusammenzuziehen, fühlt er sich seelisch verletzt, weil er - bevor die Verdrängung einsetzt - die Hinterabsicht begreift. Verräterisch ist dabei, wie er zu dieser Verletzung eine „intravenöse Injektion“ assoziiert, die zwar wehtut, ihm aber zu seinem eigenen Nutzen von seiner Frau verabreicht wird. Viktors Unterbewusstsein weiß, dass seinem Körper mit Lenas Hilfe etwas Wohltuendes eingeflößt wird:

Er wusste, dass Lena in der Tiefe ihres Herzens zufrieden war, das Schwierigste war getan: sie hatte es gesagt. Nun musste sie die Wunde zulecken, die eigentlich nicht einmal eine Wunde war, sondern nur ein kleiner Kratzer; der war eigentlich völlig unvermeidlich gewesen. Eine Art intravenöse Spritze. Halten Sie bitte den Wattebausch. Es tut ein bisschen weh, aber dafür wird nachher alles gut. Darum ging es doch, dass nachher alles gut würde. Und er hatte nicht geschrien, nicht mit dem Fuß aufgestampft, hatte nur ein paar verärgerte Sätze von sich gegeben, war dann ins Badezimmer gegangen, hatte sich gewaschen und sich die Zähne geputzt und würde jetzt gleich schlafen. (10f. / 12)

Der letzte Satz des Zitats verrät, daß Dmitriew sich Lenas Absicht nicht ernsthaft widersetzt, sondern es geschluckt hat.

c. Inkorporationswunsch und Materialismus

Dmitriews Inkorporationswunsch steht im Zusammenhang mit einem Hauptthema der Erzählung, dem Materialismus, d.h. dem sich über alle anderen Regungen hinwegsetzenden Streben der Hauptfigur, Lenas und ihrer Familie nach materiellen Gütern oder praktischen Vorteilen im Alltag. Bei Dmitriew ist der Materialismus auch Ersatzbefriedigung für die frühere primärnarzisstische Einheit und das verlorene ungetrübte Einvernehmen mit seiner Mutter. Dies lässt sich aus mehreren Momenten erschließen, zum Beispiel aus der Symbolik der Tomaten, die in der Sowjetunion eine schwer zu erstehende Mangelware sind. Dmitriews Unterbewusstsein will seine Mutter, von der er sich aus dem narzisstischen Paradies vertrieben fühlt und die ihm einen Teil ihrer Liebe und Anerkennung entzogen hat, in Tomaten, einen wertvollen Konsumartikel verwandeln. Ihre menschliche Zuwendung, die Dmitriew als mangelhaft empfindet, tauscht er gegen ein konsumierbares materielles Gut. In der Symbolik von Dmitriews Unterbewusstsein wird die Mutter in Tomaten, in der (erzählten) Wirklichkeit in das Gut zusätzlichen Wohnraums verwandelt.

Einen praktischen Vorteil schlägt Dmitriew aus dem bevorstehenden Tod der Mutter, indem er ihre schwere Krankheit als Vorwand benutzt, um sich freizunehmen:

Alle in der Abteilung wussten, was sich bei Dmitriew abspielte und verhielten sich verständnisvoll: jede Woche konnte er ein- oder zweimal früher von der Arbeit fort. Einmal war er sogar, wirklich eine Sünde, unter diesem Vorzeichen ins Kaufhaus „Moskwa“ gelaufen und hatte eine Schuluniform für Nataschka gekauft. (25 / 24f.)

Aus dem Sterben der Mutter gewinnt Dmitriew freie Zeit. Die zitierte Stelle erinnert an Camus’ L’étranger, dessen Hauptmotiv ebenfalls die pathologische Art eines Sohnes ist, auf den Tod seiner Mutter zu reagieren: Als die Hauptfigur Meursault von der Beerdigung zurückgekehrt ist, befremdet neben seiner Ungerührtheit auch seine nüchterne Erwägung, dass durch den Tod der Mutter für ihn vier freie Tage hintereinander herausspringen, da sich an die beiden Tage, die ihm sein Chef für die Beerdigung hat freigeben müssen, das Wochenende anschließt.

Auch um sich vor der unangenehmen Dienstreise nach Sibirien zu drücken, schiebt Dmitriew den Zustand seiner Mutter vor. Als sein Chef ihn auffordert zu fahren, ist ihre tödliche Krankheit zu einem so unabweisbaren Argument instrumentalisiert, dass er sich bei seiner Ablehnung vollkommen sicher fühlt (19f. / 19f.) 19.

Dasselbe gilt für das Geld, das Dmitriew sich von Tanja leiht: Da die Krankheit der Mutter u.a. wegen der Arzthonorare kostspielig ist, bittet seine Schwester ihn um Geld (20 / 20). Wegen der Krankheit der Mutter erhält er von Tanja 200 Rubel (23,31 / 23,30), gibt Lora für die Pflege jedoch nur die Hälfte davon (70 / 62). Was mit den übrigen 100 Rubeln geschehen ist, lässt sich ahnen: Sie dürften als Maklergebühren und Schmiergeld der Organisation des Wohnungstausches gedient haben (7,71 / 8,63).

Dmitriews Materialismus, d.h. die Tendenz, ideelle gegen materielle Werte einzutauschen, bestimmt sein Verhalten nicht nur der Mutter, sondern auch anderen nahe stehenden Menschen gegenüber.

So liebt Dmitriew sehr seinen Großvater, der jedoch die anspruchsvollen Ideale der Dmitriews hochhält („Dem alten Mann war jegliche Lukjanowerei dermaßen fremd [...]“ (48 / 44), so dass es wegen des Materialismus des Enkels zu einer gewissen Entfremdung zwischen den beiden kommt.

Aufschlussreich ist Viktors Verhalten auf der Beerdigung des Großvaters:

Dmitriew fuhr direkt von der Arbeit zum Krematorium und sah mit seiner dicken gelben Aktentasche, in der mehrere Dosen mit zufällig auf der Straße erstandenen Fischkonserven lagen, ziemlich blöde aus. Lena mochte Fisch sehr. Als sie über den Hof das Krematoriumsgebäude betraten, machte Dmitriew rasch ein paar Schritte nach rechts und steckte die Aktentasche in eine Ecke auf den Boden, hinter eine Säule, so dass niemand sie sehen konnte. In Gedanken sagte er vor sich hin: „Aktentasche nicht vergessen, Aktentasche nicht vergessen!“ Während der Trauerfeier fiel ihm mehrmals die Aktentasche ein, er blickte die Säule an und dachte gleichzeitig, dass Großvaters Tod ihn weniger schlimm mitnahm, als er angenommen hatte. Seine Mutter tat ihm sehr Leid. Sie wurde auf der einen Seite von Tante Shenja, auf der anderen von Lora gestützt, und ihr Gesicht, von Tränen weiß, war irgendwie neu: sehr alt und zugleich kindlich.

[...]

„Ja“, sagte Dmitriew. „Nun habe ich doch die Aktentasche vergessen!“ Er kehrte ins Krematorium zurück, wo auf dem Postament bereits ein neuer Toter im Sarg lag [...] und ging auf Zehenspitzen hinter jene Säule. Nachdem er die Aktentasche an sich genommen hatte [...]

(52-54 / 47-49)

Obwohl Dmitriew den Verstorbenen geliebt hat, empfindet er keine Trauer, da er ihn inkorporiert hat. Deshalb stellt Dmitriew erleichtert fest, dass sein Tod „doch keine solch schreckliche Prüfung“ ist und denkt gleichzeitig immer wieder an die Fischkonserven in seiner Tasche, eine Konsumware, die den einverleibten Großvater verkörpert und die er darum auf keinen Fall im Krematorium zurücklassen will.

Ähnlich verhält Dmitriew sich gegenüber seinem Freund Bubrik, dem er einen für ihn besorgten Arbeitsplatz wegnimmt, wodurch es zum Bruch kommt. Dmitriew tauscht eine Freundschaft, die recht gut, aber nicht ideal war, gegen einen mit höherem Lohn und kürzeren Anfahrtsweg verbundenen Arbeitsplatz.

Wie bei der Organisation des Wohnungstauschs ist es auch bei der Gewinnung des Arbeitsplatzes Lena, die den zögernden Dmitriew dazu drängt. Auch die Inkorporationssymbolik fehlt nicht: Dmitriew hat die Assoziation, eine Arznei in einer Kapsel (oblatka) zu schlucken:

Der Gedanke war ihr als erster gekommen, als Iwan Wassiljewitsch kam und erzählte, was für eine Stelle das war. Und Dmitriew wollte tatsächlich nicht. Drei Nächte schlief er nicht, schwankte, quälte sich, aber allmählich verwandelte sich das, woran man nicht denken, was man nicht tun durfte, in etwas Bedeutungsloses, Winziges, gut Verpacktes, ähnlich einer Oblate 20, die man - für die Gesundheit war das sogar notwendig - herunterschlucken musste, trotz des widerwärtigen Zeugs, das darin enthalten war. Schließlich bemerkt doch niemand dieses Zeug. Aber alle schlucken die Oblate.

(58 / 52)

d. Das Motiv der verweigerten Trauer

Dmitriews Einstellung zum bevorstehenden Tod der Mutter ist ein Beispiel für die in 2a theoretisch beschriebene pathologische Weise, auf einen Objektverlust zu reagieren: Dmitriew ist wegen seiner überstarken Mutterfixierung unfähig, sich mit seinen Gefühlen von ihr zu lösen und ihren Tod anzuerkennen. Deshalb wird Trauer, deren Arbeit den Verlust bewältigen könnte, von Dmitriew verweigert; in der gesamten Erzählung erlebt der Leser die Hauptfigur nie als Trauernden.

Zum Problem der Reaktion auf den Verlust eines geliebten Objektes lässt Trifonow eine wichtige Erkenntnis Tanja aussprechen. Rahmen dazu ist ein Gespräch zwischen ihr und Dmitriew auf der Fahrt im Taxi zu ihrer Wohnung, Anlass ist Dmitriew Verärgerung über Newjadomskijs Weigerung, ihn in seine Methode des Wohnungstausches einzuweihen:

Als sie die Metrostation passiert und sich auf den Prospekt vorgearbeitet hatten, begann Dmitriew voll Zorn, von Newjadomskij zu sprechen.

Tanja nahm seine Hand.

„Ärgere dich doch nicht. Wozu? Hör auf...“

Er spürte, wie ihre Ruhe und Freude auf ihn übergingen. Tanja sagte lächelnd:

„Wir sind alle sehr verschieden. Wir sind ja Menschen ...

Meine Kusine verlor ihren kleinen Sohn. Ein wahnsinniger Kummer, natürlich, entsetzliches Leid, und gleichzeitig dabei eine bisher ungekannte leidenschaftliche Liebe zu Kindern, besonders zu kranken. Sie hatte Mitleid mit allen, versuchte, so gut sie konnte, zu helfen. Und dann habe ich eine Bekannte, deren Junge auch starb, an Leukämie. Diese Frau hasst jetzt alles und jeden, sie wünscht allen den Tod. Freut sich, wenn in der Zeitung steht, dass irgendwer gestorben ist ...“ (28 / 27)

Gegenübergestellt werden zwei Arten, auf den Verlust eines geliebten Menschen zu reagieren. Die eine Mutter har sich der Trauer hingegeben („wahnsinniger Kummer, entsetzliches Leid“) und offensichtlich durch Lösung ihrer Gefühle vom verlorenen Objekt die Fähigkeit zu intensiven, liebevollen Beziehungen zu anderen Kindern gewonnen.

Die andere Mutter hat den Verlust ihres Sohnes nicht verwunden, da sie andere Frauen hasserfüllt um ihre Kinder beneiden muss.

In die zweite Kategorie derjenigen, die nicht verzichten können, gehört Dmitriew, was sich auch durch folgenden Umstand zeigt:

Anlass zu Tanjas kluger Äußerung über die Verschiedenheit der Menschen, wie sie sich in der Reaktion auf einen Objektverlust zeigt, ist Dmitriews Wut, weil Newjadomskij ihm nicht beim Wohnungstausch geholfen hat. Tanja erlebt Dmitriew im Zusammenhang mit dem Tod seiner Mutter nicht als Trauernden, sondern als gereizten Egoisten, der etwas Gewünschtes nicht bekommen hat.

Dmitriews Weigerung, den Verlust der Mutter anzuerkennen und zu trauern, zeigt sich auch in seiner Reaktion auf Lenas Vorschlag zum Wohnungstausch. Nachdem er anfangs den eigentlichen Zweck dieses Vorhabens verstanden hat, verdrängt er diese Erkenntnis und damit zusammen die Gewissheit vom unabwendbaren Tod der Mutter:

Natürlich hatte Isidor Markowitsch Recht - er war ein erfahrener Arzt und ein alter Hase, man holte ihn zur Konsultation sogar in andere Städte -, dass Mutter aus der Stadt heraus musste, allerdings nicht bei einem solchen feuchten Grippewetter. Doch wenn er zu einem Sanatorium in der näheren Umgebung von Moskau riet, dann hieß das, dass er keine unmittelbare Gefahr sah - das war der springende Punkt! Und zum zweiten Mal an diesem Morgen hatte Dmitriew den scheuen Gedanken, dass vielleicht doch noch alles gut würde. Sie würden tauschen, eine schöne abgeschlossene Wohnung bekommen, würden zusammenleben. Und je schneller der Tausch vorgenommen würde, desto besser. Besser vor allem für das Wohlbefinden der Mutter. Ihr Traum ginge in Erfüllung. Genau das ist Psychotherapie, Seelenheilung! Nein, Lena war doch manchmal sehr klug, ganz intuitiv, auf weibliche Art - plötzlich kam ihr eine Erleuchtung. Denn möglicherweise war dies das Einzige, und zwar ein genialesMittel, Mutters Leben zu retten. Wenn die Chirurgen die Hände sinken lassen, beginnen andere Mächte zu wirken ... Und das war genau das, was nicht ein einziger Professor schaffen konnte, niemand, niemand, niemand! (17 / 17f.)

B Ein pilzereicher Herbst

Die Hauptfigur Nadja besucht ihre Mutter Antonina (Tonja) Wasiljewna in der Datsche und findet sie vom einem Schlag getroffen vor. Die Mutter stirbt, gleich nachdem Nadja sie entdeckt hat: „In ihren Augen war noch Leben. Antonina Wasiljewna hatte auf Nadja gewartet, um zu sterben.“ (177) 21.

Dieser Tod leitet die Handlung ein und stellt Nadja in die existenzielle Situation, die Hauptthema der Erzählung ist: Sie muss den Verlust ihrer Mutter bewältigen. Wie ihr das gelingt, analysiert dieser Abschnitt im Vergleich mit dem Tausch, weil beide Erzählungen durch die gemeinsame Motivik der Reaktion eines Kindes auf den Tod seiner Mutter, eines damit verbundenen Wohnungstauschvorhabens und anderes verwandt sind.

Voraussetzung zum Verständnis der Interpretation des Pilzereichen Herbstes ist Teil A dieser Arbeit: Die psychoanalytische Theorie über narzisstische und Inkorporationstendenzen bei Verlust eines geliebten Objekts (A2a, A3a) sowie die interpretatorische Anwendung auf den Tausch. Wer A nicht ganz lesen will, sollte wenigstens A2a und A3a kennen. Sie sind Grundlage auch für die folgende Analyse.

1. Nadjas Trauerarbeit

Dieser Unterabschnitt soll zeigen, dass Nadja eine Gegenfigur zu Viktor Dmitriew ist: Während er den Verlust seiner Mutter nicht anzuerkennen vermag und sie unbewusst inkorporiert, widersetzt Nadja sich dieser auch in ihrem Unterbewusstsein wirkenden Tendenz und zieht in einem schmerzhaften Prozess gesunder Trauerarbeit ihre Gefühle von ihrer Mutter ab.

Trifonow ist sich bewusst, dass Trauerabeit mühevoll, aber notwendig ist, dass sie geleistet werden muss, wenn das Leben auf gesunde Weise weitergehen soll. Davon spricht er in einem Interview, wobei er auch auf den Begriff Trauerarbeit eingeht, der, von Sigmund Freud geprägt, in dessen Abhandlung Trauer und Melancholie, die unserer Analyse zugrunde liegt (vgl. A3a), eine wichtige Rolle spielt. Ob Trifonow die psychoanalytische Herkunft dieses Begriffs bewusst ist, geht aus dem Interview nicht hervor, wesentlich ist aber, dass er ihn als besonders treffend bezeichnet. Obwohl er dabei über seine Erzählung Das andere Leben spricht, gilt das Gesagte auch für Nadjas Situation:

Wissen Sie, in der BRD ist dieses Buch vergangenes Jahr erschienen [...] und es gab dort ziemlich viele Rezensionen, und eine Rezension in der Zeitung „Die Zeit“, die der bekannte Autor und Literaturwissenschaftler Reinhard Baumgart geschrieben hat, hieß „Trauerarbeit in Moskau“ 22 - Trauerarbeit in Moskau. Ich dachte zuerst, als ich den Artikel gelesen hatte, dieser Titel ist eine wirklich gelungene Definition des Themas. Aber dann sagten mir Kenner der deutschen Sprache und Deutsche selbst, dass die Deutschen solch einen Begriff für den psychischen Zustand eines Menschen haben, der großen Kummer hat, - „Trauerarbeit“ 23. Der Mensch muss diese „Trauerarbeit“ leisten, er muss leiden, er muss sich quälen, er muss Schmerz empfinden und diesen Schmerz überwinden. [...] Es ist ein Bedürfnis der menschlichen Natur, diese Arbeit zu leisten. Und Olga hat diese Arbeit wirklich durchgeführt. 24

Nun zu dem Prozess der Trauerarbeit bei Nadja. Gleich nach dem Tod der Mutter ist die Versuchung groß, ihn zu verdrängen, sich abzulenken, um nicht daran denken zu müssen:

Aus der Schaschlik-Bude kamen zwei Männer. Bei dem einen baumelte auf der Brust ein Transistorradio, aus dem Musik erklang. Nadja hatte den klaren Gedanken: „Das ist Mozart“. Und : „Er ist schon lange tot“. Als Nadja vorbeiging, machte der Mann mit dem Radio eine Bewegung, um Nadja am Arm zu packen, und rief: „Eh, du komisches Mädchen!“. Nadja wandte sich ab und lief weg. Sie hörte hinter ihrem Rücken die Mozart-Musik und Geschimpfe, aber die beiden Trinker hielten sich kaum auf den Beinen. (181)

Die Betrunkenen verkörpern die Versuchung, sich durch Alkohol und Musik zu betäuben, um die schmerzhafte Trauer nicht leisten zu müssen. Nadja gibt dieser Versuchung jedoch nicht nach. Aufschlussreich ist ihr unwillkürlicher, aber klarer („ottschotliwo podumala“) Gedanke: „Das ist Mozart. Er ist schon lange tot.“ Der Gedanke, das, was von einem Verstorbenen kommt, seine Musik, zu genießen, zu konsumieren, verweist auf den durch den Tod der Mutter geweckten unbewussten Inkorporationswunsch.

Nach zwei Tagen wird die Mutter beerdigt. Unmittelbar danach wird in Nadjas Moskauer Wohnung ein Leichenschmaus gehalten. Sich zu den Gästen des Leichenschmauses zu gesellen, kostet Nadja Überwindung, denn dazu muss sie die Küche betreten, in der sie so vieles an die Mutter erinnert und dadurch schmerzlich mit ihrem Verlust konfrontiert:

Nadja fiel es auch deshalb schwer, zu den Gästen zu gehen, weil das alles in der Küche ablief. Der ganze Anblick dieses Zimmers, wo von morgens bis abends Mutters Leben stattfand, war unerträglich und verwundete mit jeder Einzelheit. (185)

Nadja möchte den Tod ihrer Mutter vergessen und kann es nicht. Dabei hilft es ihr auch nicht, dass sie Kinder hat, zwei Söhne an der Schwelle zum schulpflichtigen Alter. Obwohl die beiden an jenem Abend - wohl angesteckt von der inneren Unruhe ihrer Mutter - besonders unruhig sind, können sie Nadja nicht ablenken. Zu sehr sind die Erinnerungen an die Mutter gerade auch mit den Kindern verbunden, denn zu ihren Enkeln hatte die Großmutter ein intensives Verhältnis, konnte gut mit ihnen umgehen und hatte Nadja bei der Erziehung oft entlastet:

Im Zimmer hatte man die Jungen ins Bett gebracht, die aber sowieso nicht schliefen, sondern herumtobten und zu mutwilligen Streichen aufgelegt waren: Immer wieder liefen sie in die Küche, hatten sich Wolfsmasken aufgesetzt und knurrten, und es gelang nicht, sie zur Ruhe zu bringen. Es endete damit, dass Nadja den beiden einen kräftigen Klaps gab, Wolodja nahm sie in Schutz, sie heulten [...] etwas wie ein hysterischer Anfall hatte sie gepackt, keiner konnte sie beruhigen, und Nadja dachte in heftiger Verzweiflung: „Mein Gott, wie alles aus den Fugen gerät ohne Mama!“ Sie saß lange im Zimmer, sprach mit den Söhnen, strengte sich an, um ruhig zu sprechen, und führte das ganze traditionelle - früher lächelte sie dabei innerlich, aber jetzt war es unerträglich, weil alles daran erinnerte, mit welcher Ernsthaftigkeit Mama das machte - Versöhnungszeremoniell durch: Sie klatschte mit ihren Handflächen auf die geöffneten kleinen Hände der Söhne und wiederholte dreimal: „Schließ Frieden, Frieden, Frieden! Hör auf, dich zu prügeln! Und wenn du es nicht lassen kannst, werde ich dich beißen.“ 25 (183f.)

Interessant in diesem Zitat ist auch, dass die Kinder sich als Wölfe maskiert haben, als Raubtiere, mit denen man agressives Fressen assoziiert. Das symbolisiert den Inkorporationswunsch. Er ist durch den Verlust der Mutter heftig aktiviert, will sich wie die Kinder mit ihren Wolfsmasken mutwillig 26 ausagieren und ist wie sie kaum zu beschwichtigen.

Die Inkorporationssymbolik kommt in die Erzählung natürlich auch durch den Leichenschmaus, der unmittelbar nach der Beerdigung der Mutter stattfindet. Man stellt Nadja einen Teller mit Salat hin, schenkt ihr Wodka ein und fordert sie auf, zuzugreifen. Nadja aber rührt nichts an. Des Weiteren gehören zur Inkorporationssymbolik die Pilze. Sie bilden den Titel. Sie hängen mit der Jahreszeit des Todes der Mutter zusammen, die in einem „pilzereichen“ Herbst starb (176). Assoziationen an die Pilze sind auch in die Leichenschmausszene eingebettet:

[...] unterhält er sich weiter mit den Gästen. Von Telepathie gingen sie über zu Pilzen. Alle waren in diesem Herbst verrückt nach Pilzen.

Zina schob Nadja einen Teller mit Salat hin: „Essen Sie, Nadja. Sie müssen bei Kräften sein.“ Wolodja goss ihr Wodka ein.

[...]

Es berührte sie unangenehm, dass er von Pilzen sprach. (186)

Sind es im Tausch die Tomaten, die auf der Erde des Grabes der Mutter wachsen und sie als Inkorporationsobjekt symbolisieren, so im Pilzereichen Herbst die Pilze, eine Pflanzenart, mit der Assoziationen des Modrigen, der Verwesung, von Herbst und Vergänglichkeit verbunden sind. Im Unterschied zu Dmitriew, der seine Mutter inkorporiert und sich dementsprechend die ihm von Tanja servierten Tomaten nach kurzen Skrupeln schmecken lässt, rührt Nadja, die die Inkorporation verweigert, den Leichenschmaus nicht an und ist von dem Gesprächsthema Pilze unangenehm berührt.

Am Leichenschmaus nimmt auch Tante Frosja, die ältere Schwester der Verstorbenen, teil. Auch sie weckt in Nadja Erinnerungen an die Mutter:

[...] Nadja spürte auf einmal mit ihrem Herzen, dass Tante Frosja hier der einzige mit ihr blutsverwandte Mensch ist. Sie sah die bekannten Finger, die wie bei Mama waren, die bekannten kaum merklich hervorstehenden Backenknochen. Und sie empfand für Tante Frosja eine plötzliche Zärtlichkeit, wie nie zuvor. (186)

Als Nadja jedoch zu Tante Frosja zärtlich sein will, wird sie zurückgestoßen:

Nadja, die ebenfalls kaum ihre Tränen zurückhalten konnte, umarmte sie und begann sie zu beruhigen: „Tante Frosja, Liebe, bitte nicht, du liebe...“

„Du hast deine Mutter verschlissen 27 !“ schluchzte Tante Frosja und drückte Nadja mit dem Ellenbogen weg. (187)

Nadja will die Mutter wiederfinden und wird zurückgestoßen, muss erneut erfahren, dass das verlorene Objekt nicht wiederzuerlangen ist.

Besonders wichtig ist der Vorwurf „Du hast deine Mutter verschlissen!“ Diese Anklage, Nadja habe ihre Mutter „abgehetzt“, sozusagen ihre Lebenskraft aufgezehrt, ist ein Schlüsselsatz. Er wird mehrmals von Tante Frosja wiederholt und löst bei Nadja einen Nervenzusammenbruch aus. Was ist von diesem Vorwurf zu halten? Trifft er zu? Aus dem Text erfährt man:

Aber früher war das Leben gut [...] Vater war leitender Ingenieur eines Betriebes [...] da war die Datsche in Krjukowo, sie war vom Betrieb, gehörte dem Staat, und auf dem Grundstück wuchsen Apfelbäume. Und plötzlich brach alles zusammen, so überraschend und schnell. Mutter alterte, hatte keine Kraft mehr, besonders im Krieg [...], musste die Kinder durchbringen, niemand hat geholfen [...] (178)

Es dürften nicht nur die Kinder gewesen sein, die an ihr gezehrt haben und sie altern ließen, sondern vor allem die Zeitumstände: die Kriegsjahre und - wie man zwischen den Zeilen herauslesen kann - Stalins Terror 28.

Als Nadjas Mutter sich in dieser schweren Zeit an Frosja um Hilfe gewandt hatte, wurde sie von ihrer Schwester, die doch reich und kinderlos ist, mit dem Vorwurf abgewiesen: „Wer hat dich denn gezwungen, einen Kindergarten zu gründen?“ (178).

Frosja hat ihrer Schwester übel genommen, dass sie Kinder bekommen hat. Sie hängt sehr an ihrer Schwester, ist auf die Kinder eifersüchtig, hat darunter gelitten, dass sie vom Leben verbraucht wurde und gealtert ist und wirft Nadja vor, sie „verschlissen“ zu haben.

Obwohl Frosjas Vorwurf äußerst subjektiv und ungerecht ist, trifft er Nadja so sehr, dass er ihren Nervenzusammenbruch auslöst.

Warum ist sie so erschüttert? Hat sie wirklich so sehr an der Lebenskraft ihrer Mutter gezehrt, dass sie sich Vorwürfe machen muss? Aus dem Text geht dies nicht hervor. Es sieht jedoch anders aus, wenn man nicht von der äußeren, sondern von Nadjas innerer, psychischer Realität ausgeht: Nadja befindet sich in heftigem Abwehrkampf gegen den durch den Tod der Mutter machtvoll gewordenen Wunsch, sie sich einzuverleiben, sie zu verzehren. Der Vorwurf, ihre Lebenskraft verzehrt zu haben, muss wie eine Bestätigung dieses Wunsches, wie ein Schuldspruch wirken, der sie so erschüttert, dass es zum psychischen Zusammenbruch kommt.

Dieser Zusammenbruch ist Höhepunkt und erfolgreicher Abschluss des schmerzlichen Prozesses der Trauerarbeit. Danach ist sie wieder fähig, ihren Alltag zu bewältigen: Sie macht den Abwasch vom Leichenschmaus, fährt am nächsten Tag wieder zur Arbeit und ist - nach der die Erzählung resümierend abschließenden Feststellung einer Kollegin - aus diesem Prozess physisch gesünder hervorgegangen:

Eine Frau meinte, Nadja sei in diesen Tagen merklich schlanker geworden und fühle sich so viel wohler.

Nadjas intensive Trauerarbeit hat zwar einen Zusammenbruch bewirkt, aber zu einer körperlichen und seelischen Katharsis geführt. Auch bei Dmitriew kommt es zu einem Zusammenbruch:

Nach dem Tod von Xenia Fjodorowna bekam Dmitriew einen Anfall von Hypertonie und musste drei Wochen zu Hause streng liegen. (71 / 63f.)

Während Nadja unmittelbar nach ihrem Zusammenbruch wieder ihren Alltag bewältigt, ist Dmitriew länger krank. Auch die Katharsis bleibt aus; im Gegensatz zu Nadja ist er nach dem Tod der Mutter physisch 29 und - wie sich vermuten lässt - psychisch nicht gesunder sondern kränker geworden:

Er sah nicht besonders wohl aus. Er war irgendwie schlagartig gealtert, war grau geworden. Ein alter Mann ist er noch nicht, aber schon in Jahren, mit den schlaffen Bäckchen eines älteren Onkels. (72f. / 64)

2. Das Motiv des Wohnungstausches

Jewgenija Glebowna, eine Verwandte Nadjas, schlägt ihr während des Leichenschmauses einen Wohnungstausch vor. Sie bietet ihre Zwei-Zimmer-Wohnung für Nadjas Ein-Zimmer-Wohnung an. Nadja ist jedoch wegen des Todes ihrer Mutter kaum ansprechbar. Deshalb verschiebt Jewgenija Glebowna das erfolglos begonnene Gespräch über den Wohnungstausch auf später. Ob er zustande kommt, lässt die Erzählung offen.

Der vorgeschlagene Wohnungstausch hängt wie im Tausch mit dem Inkorporationsmotiv zusammen. Dafür spricht bereits, dass dieser Vorschlag während des Leichenschmauses gemacht wird und in die oben interpretierte Szene, die sich zwischen Nadja und Tante Frosja abspielt, eingeschaltet ist. Um die Bedeutung des vorgeschlagenen Tausches zu verstehen, muss man zuvor auf Nadjas Wohnsituation eingehen, die ähnlich wie im Tausch sehr beengt ist: Nadja wohnt mit ihrem Lebensgefährten Wolodja, ihrer Mutter und den beiden Kindern in einer etwa 24 qm großen Wohnung, die aus einem Zimmer und einer Küche, in der die Mutter schlief, besteht. Wegen dieser Enge war es ein Hauptproblem für Nadja und Wolodja, ungestört allein sein zu können. Im Text lesen wir dazu:

Nadja saß eben am liebsten zu Hause, um mit Wolodja zu zweit zu sein, ohne Freunde, und zu wissen, dass mit den Kindern alles in Ordnung ist - sie atmen Luft, die nach Kiefern duftet, werden gut und richtig ernährt, denn Mama ist eine große Kochkünstlerin, - und um ein wenig auf der Liege in der ruhigen Wohnung zu ruhen [...] (179f.)

Damit Nadja und Wolodja ungestört allein sein konnten, wurde die Datsche gemietet, wo Nadjas Mutter oft mit den Kindern lebte und sich um sie kümmerte. Nach ihrem Tod ist dies nicht mehr möglich. Als Rettung aus dieser Situation kommt Jewgenija Gebownas Angebot, die Ein-Zimmer-Wohnung gegen ihre Zwei-Zimmer-Wohnung zu tauschen, gerade recht. Dann gäbe es ein Kinderzimmer für Koljuschka und Witja, und das andere Zimmer hätten Nadja und Wolodja für sich.

Sollte Nadja ihre Wohnung gegen die angebotene Zwei-Zimmer-Wohnung eintauschen, ginge in diesen Tausch vermutlich der Wohnraum der verstorbenen Mutter ein, ginge, wie im Tausch im Wohnraum des Kindes auf, würde inkorporiert werden.

Dies ist jedoch nur stimmig, wenn Nadjas Mutter in dieser Wohnung rechtmäßig gelebt, dort ihr zustehenden Wohnraum bewohnt hat. Doch das geht nicht mit Sicherheit aus dem Text hervor. Verwirrend ist, dass auch Wolodja dort wohnt. Könnte es sich nicht so verhalten, dass es sich um Nadjas und Wolodjas Wohnung handelt und die Mutter dort nur mit deren Erlaubnis wohnt?

Ich nehme aber an, dass Nadjas Mutter dort über ihr zustehenden Wohnraum verfügte, während Wolodja nur geduldet ist. Dafür bietet der Text zwar keine sicheren Beweise, aber Momente, die dieser Annahme eine gewisse Plausibilität verleihen:

Wolodja könnte als rechtmäßiger Inhaber eines Teils des Wohnraums angesehen werden, wenn er Nadjas Mann und Vater ihrer Kinder wäre. Das er dies ist, geht aber aus keiner Stelle des Textes hervor. Wahrscheinlich ist er nur Nadjas Lebensgefährte, den sie und ihre Mutter bei sich wohnen lassen. Dafür spricht auch, dass Wolodja Aussicht auf eine eigene Wohnung hat: „Sie haben mir eine Wohnung für das nächste Jahr versprochen.“ (187).

Obwohl ich keine Kenner sowjetischer Wohnungspolitik bin, erscheint es mir plausibler, dass die Behörden, um die Wohnungsenge - 4 Personen leben auf 24 qm - zu lindern, eher allen zusammen eine größere Wohnung oder der Mutter eine Wohnung (oder ein Zimmer in einer Gemeinschaftswohnung) in Aussicht stellen würden als Wolodja, wenn er Nadjas Mann und Vater der Kinder wäre 30. Ich vermute, dass Nadjas Mutter rechtmäßigen Anteil an dem Raum der Wohnung hatte. Durch ihren Tod geht ihr Wohnraum in Nadjas Verfügung über, die ihn zusammen mit ihrem Wohnraum gegen eine Zwei-Zimmer-Wohnung eintauschen kann. Deshalb muss Nadja in ihrem Unterbewusstsein den angebotenen Tausch als Aufforderung verstehen, sich ihren Wunsch nach Inkorporation der Mutter zu erfüllen und verhält sich gegen dieses Angebot abwehrend, so dass die Verhandlung, die Jewgenija Glebowna anbahnen will, nicht zustande kommt.

Das Thema Wohnungstausch im Pilzereichen Herbst lässt sich in dieser Arbeit nur unter Zuhilfenahme von Spekulationen interpretieren, vielleicht, weil es noch nicht so klar herausgearbeitet ist wie später im Tausch, wo das Anrüchige des Tauschvorhabens so deutlich wird, dass es auf eine krankhafte, verpönte Strebung in der Psyche der Hauptfigur schließen lässt. Das Thema Wohnungstausch ist auch nicht organisch in den Pilzereichen Herbst eingebettet; man könnte es ohne Schaden weglassen. Vielleicht hat es sich in diese Erzählung hineingedrängt, weil es Trifonow im Zusammenhang mit dem Tod seiner Frau innerlich stark beschäftigte, ist zur reifen Ausgestaltung aber erst im Tausch gekommen, während es im Pilzereichen Herbst Vorübung blieb - eine kleine Schwachstelle, die aber der ansonsten gelungenen und tiefen Erzählung keinen Abbruch tut.

[...]


1 Vgl. A. Schitow: Jurij Trifonow. Chronika zhizni i twortschestwa 1925-1981. Jekaterinburg 1997. S. 363-366, besonders S.366 oben!

2 Elena Wajl: Intervju s Juriem Trifonowym [Interview mit Trifonow]. In: Obozrenie (Analititscheskij zhurnal Russkoj mysli) 1983.6. S.28f.

3 Dies teilt Trifonow in seinem Artikel Zapiski soseda mit. Erschienen in: Jurij Trifonow: Prodolzhitelyje uroki. Moskau 1975. S.64.

4 Ebd. S.65

5 Zitiert wird nach der Übersetzung von Alexander Kaempfe und Helen von Ssachno in: Jurij Trifonow: Moskauer Novellen. Der Tausch. Zwischenbilanz. Langer Abschied. Luchterhand Darmstadt 1980. Die zweite Seitenangabe verweist auf den russischen Originaltext in: Jurij Trifonow: Sobranie sotschinenij v tschetyrjoch tomach (Gesammelte Werke in vier Bänden) Moskau 1985-1987, Bd 2 (1986). Hervorhebungen sind immer von Trifonow.

6 „Praktitschekaja chwatka“ - Natalja Iwanowa: Proza Jurija Trifonowa. Moskau 1984. S.106.

7 So auch Natalja Iwanowa: Proza Jurija Trifonowa. Moskau 1984. S. 118.

8 Die Darstellung folgt Bela Grunberger: Vom Narzissmus zum Objekt. [Aus dem Französischen] Frankfurt 1982. Vor allem S. 25-39 (in der Einleitung)

Für die Interpretation des Tauschs sind die letzten drei Rubriken der Strichaufzählung von Belang, während die ersten beiden: Einzigartigkeit und Souveränität und Zeitlosigkeit und Unsterblichkeit nur deshalb angefürt werden, weil sie zur Definition von Narzissmus gehören.

9 Reagieren ist eine freie Übersetzung für soobrazhajet, das eigentlich erwägen, verstehen bedeutet, also eine Anstrengung des Bewusstseins meint.

10 Vgl. Endnote 9

11 Wörtlich: diejenigen, die zu leben verstehen. Gemeint sind Menschen, die sich auf das praktische Leben, d.h. aufs Organisieren, Ausnutzen von Verbindungen u.ä. verstehen. Anschaulich dazu Zitat (44f. / 40f.)

12 Grunberger, a.a.O., S. 80f.

13 Vgl. A2a: Grunbergers Bemerkung zur Vertreibung aus dem Paradies. Dafür, dass ein Garten ein Paradies symbolisieren kann, spricht auch die Etymologie: Paradies kommt von griechisch paradeisos, das Garten bedeutet; Man beachte auch den Ausdruck Garten Eden.

14 Mitnähme übersetzt zavezti. Das Verb erhält durch das Präfix za- die Bedeutung jemanden bringen, wohin er nicht soll, nicht gehört.

15 Sigmund Freud: Gesammelte Werke. London Bd 10, 1916, S. 428-446

16 Statt von „emotionaler Energie“ spricht Freud von Libido. Dieser Ausdruck wird hier nicht verwendet, da er zu sehr mit Freuds pansexualistischer Ausrichtung in Zusammenhang steht. Die meisten Narzissmusforscher sind im Gegensatz zur freudschen Schule der Auffassung, dass narzisstische Regungen wie das Streben nach Anerkennung, Geborgenheit u.ä. den Menschen dominieren bzw. mit der Sexualität zumindest gleichbedeutend sind.

17 Karl Abraham: Versuch einer Entwicklungsgeschichte der Libido auf Grund der Psychoanalyse seelischer Störungen (1924). In: ders: Psychoanalytische Studien zur Charakterbildung. Und andere Schriften. Hrsg. J. Cremerius. Frankfurt am Main 1969. S. 129f: - Abraham ist ein Anhänger Freuds. Der zitierten Abhandlung liegt Freuds Trauer und Melancholie zugrunde.

18 W. Schuhmacher: Bemerkungen zur Theorie des Narzissmus. In: Psyche 1970.1. S. 1-21.

19 Dieses Motiv begegnet mehrfach in Trifonows Oeuvre: Krankheit oder Tod nahe stehender Menschen bieten sich an, um einen persönlichen Vorteil daraus zu gewinnen.

Im Roman Studenten erkrankt die Mutter der Hauptfigur Below ernsthaft, was ihrem Sohn sehr nahe geht. Ausgeführt wird dieses Motiv noch nicht mit der existenziellen Tiefe wie im Tausch oder Ein pilzereicher Herbst, sondern oberflächlich im Geiste des Sozialistischen Realismus: Dank des großartigen sowjetischen Gesundheitswesens wird die Mutter geheilt. An den Tausch erinnert jedoch Folgendes: Sergej Palawin, Belows Freund, sagt zu ihm auf einer Studentenversammlung, wegen der Krankheit der Mutter habe er das Recht, früher nach Hause zu gehen. Von diesem Rat der negativen Figur Palawin ist der positive Held Below „unangenehm berührt“; er hört nicht auf ihn, sondern bleibt auf der Versammlung und nimmt verantwortungsvoll an ihr teil.

Im Haus an der Moskwa ist die feige Hauptfigur Below gezwungen, auf einer öffentlichen Versammlung Stellung zu beziehen. Der Tod der Großmutter bietet sich jedoch als Vorwand an, sich vor dem unangenehmen Auftritt zu drücken.

In Starik wird der Stratege Migulin der Collaboration mit dem Feind verdächtigt. Ebendieser Feind hat jedoch Migulins Mutter, Vater und Bruder grausam ermordet. Dies ließe sich als ein strakes Argument dafür anführen, dass er niemals mit den Mördern seiner Familie kollaborieren könnte. Migulin weigert sich jedoch, daraus irgendwelchen Nutzen zu ziehen.

20 Oblatka kann sowohl Oblate, Hostie, als auch K apsel (für Medizin) bedeuten.

21 Alle Zitate aus Ein pilzereicher Herbst sind von mir, G.W. übersetzt. Die Seitenangabe verweist auf den russischen Originaltext in: Jurij Trifonow: Sobranie sotschinenij v tschetyrjoch tomach (Gesammelte Werke in vier Bänden) Moskau 1985-1987, Bd 4 (1987). Hervorhebungen sind immer von Trifonow.

22 „Trauerarbeit in Moskau“ : Deutsch im Original

23 „Trauerarbeit“: Deutsch im Original

24 Elena Vajl’: Interv’ju s Juriem Trifonowym. In: Obozrenie. Analititscheskij zhurnal russkoj mysli. 1983.6. S. 30. Übersetzung von mir, G.W.

25 Der Versöhnungsspruch reimt sich im Original.

26 „...herumtobten und zu mutwilligen Streichen aufgelegt waren.“ - So übersetze ich im Zitat das russische Verb chuliganit’. Es ist von chuligan „Rowdy, Randalierer“ abgeleitet und kann mutwillig, ausgelassen sein, Streiche spielen (von Kindern) bedeuten, aber auch sich als Rowdy aufführen, randalieren. Die Assoziation zu krimineller Agressivität, die gut zu dem von Gewissen und Anstand verbotenen Inkorporationswunsch passt, ist bei diesem Verb zumindest möglich.

27 Mit verschleißen übersetze ich zajezdila, dass eigentlich (ein Pferd) zuschanden reiten, abhetzen und übertragen erschöpfen, abquälen bedeutet.

28 Der plötzliche Verlust des Datschenidylls („Auf dem Grundstück wuchsen Apfelbäume. Und plötzlich brach alles zusammen, so unerwartet und schnell“), mit dem ein schweres Leben beginnt, begegnet in Trifonows Oeuvre immer wieder und erinnert an das Schicksal des Autors, der elf war, als sein Vater, ein Altbolschewik, 1937 verhaftet wurde. Danach musste die schöne Familiendatsche aufgegeben werden und Jurij Trifonow führte als „Sohn eines Volksfeindes“ beargwöhnt und schikaniert ein mühseliges Leben.

29 Was den physischen Zustand der beiden Hauptfiguren betrifft, so macht Trifonow genaue medizinische Angaben. Nadja leidet unter Übergewicht, das Herz- und Atembeschwerden sowie erhöhten Blutdruck zur Folge hat. Alle diese Beschwerden hängen zusammen, bilden ein Syndrom (176, 181). Auch Dmitriew neigt zu Korpulenz und hohem Blutdruck. Er bezeichnet sich selbst als dicklich (polnowatyj) ( 30 / 29), war laut Charakteristik eines Freundes in der Kindheit dick (tolstjak), was ihm den Spitznamen Vitutschnyj, eine Zusammenziehung aus seinem Vornamen Viktor und dem Adjektiv tuschnyj „fett“ eingetragen hat (72 / 64), und nicht zufällig ist es eine „hypertonische Krise“, die ihn nach dem Tod der Mutter niederstreckt.

30 Vielleicht hat Wolodja noch keine Aufenthaltsberechtigung in der Metropole Moskau, in die es viele Sowjetbürger zog.

24 von 24 Seiten

Details

Titel
Trauerarbeit oder Inkorporation. Reaktionen auf den Verlust der Mutter in Jurij Trifonows Tausch (Obmen) und Ein pilzereicher Herbst (V gribnuju osen')
Hochschule
Universität zu Köln
Autor
Jahr
2003
Seiten
24
Katalognummer
V108240
Dateigröße
505 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Trauerarbeit, Inkorporation, Reaktionen, Verlust, Mutter, Jurij, Trifonows, Tausch, Herbst
Arbeit zitieren
Gert Wengel (Autor), 2003, Trauerarbeit oder Inkorporation. Reaktionen auf den Verlust der Mutter in Jurij Trifonows Tausch (Obmen) und Ein pilzereicher Herbst (V gribnuju osen'), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/108240

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