Die Zivilisations- und Kulturtheorie von Norbert Elias


Seminararbeit, 2003
14 Seiten, Note: 2,3

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Inhaltsverzeichnis

1 Einführung

2 Merkmale Elias’ Gesellschaftstheorie

3 Zivilisations- und Kulturgeschichte Deutschlands, Frankreichs und Englands
3.1 Deutschlands Selbstinterpretation mit dem Kulturbegriff
3.2 Frankreichs und Englands Identität mit der Zivilisation
3.3 Entstehungsgeschichte des Gegensatzpaares Zivilisation und Kultur
3.3.1 Die deutsche Oberschicht
3.3.2 Die deutsche Mittelschicht
3.3.3 Die Ober- und Mittelschicht in Frankreich und England

4 Der Zivilisationsbegriff und Beispiele für Verhaltenswandlungen
4.1 Wandlungen in den Esssitten
4.2 Wandlungen in den Geschlechterbeziehungen

5 Norbert Elias’ Kurzbiographie

6 Fazit

7 Literaturverzeichnis

1 Einführung

Meine Hausarbeit, die im Rahmen des Blockseminars der Kultursoziologie niedergeschrieben wurde, basiert auf den ersten Band Norbert Elias’ Hauptwerk ‚ Über den Prozess der Zivilisation. Soziogenetische und psychogenetische Untersuchungen’. Dabei schien mir persönlich die Vermeidungen von Wiederholungen unmöglich, weil letztlich alle - die von Elias erwähnten historischen Ereignisse und Verhaltensweisen des europäischen Mittelalters bis zur Neuzeit - auf seine Figurationstheorie zurückführen. Die Struktur der Seminararbeit hält sich eng an die des Hauptwerkes und beginnt zunächst mit den wichtigsten Merkmalen der Gesellschaftstheorie von Elias. Im dritten Abschnitt folgt die Untersuchung der historischen Wurzeln der Zivilisations- und Kulturbegriffe und ihre Entstehung als Gegensatzpaar. Unterschiedliche Beispiele des Zivilisationsprozesses werden im Abschnitt vier behandelt, wobei ich exemplarisch zwei wichtige Alltagsbereiche herausgesucht habe: die Esssitten und die Geschlechterbeziehungen. Ebenfalls wichtig erschien mir unter Abschnitt fünf eine Kurzbiographie von Elias anzufügen, ergänzt durch Anmerkungen wichtiger Stadien seines Lebens, um somit auch ein besseres Verständnis für seine Gesellschaftstheorie aufzubauen.

2 Merkmale Elias’ Gesellschaftstheorie

Die Hauptaussage in Elias’ Hauptwerk ‚Über den Prozess der Zivilisation’ nimmt Bezug auf die Entwicklung der Individual- und Gesellschaftsstruktur, die nicht getrennt voneinander sind, sondern sich in einer Wechselwirkung (Interdependenz) zueinander befinden und somit einem ständigen Veränderungsprozess unterliegen. Diese gegenseitige Abhängigkeit bezeichnet Elias alsFigurationen, wodurch der Interdependenzcharakter ‚klarer und unzweideutiger’ betont werden soll als die bisher geläufigen soziologischen Begriffe der ‚Gesellschaft’ oder des ‚Systems’. Nach Elias’ Ansicht distanziere sich der Gesellschaftsbegriff zu stark vom Individuum und der Systembegriff sei mit der Vorstellung ihrer Unveränderlichkeit behaftet.

Ein praktisches Alltagsbeispiel zur plastischen Veranschaulichung für seine Figurationstheorie seien gesellschaftliche Tänzen, wie Tango oder Rock’n Roll. Die Tanzpartner sind demnach zwar eigenständige Individuen, allerdings müssen sich diese während des Tanzes gegenseitig abstimmen. Weitere Einflussfaktoren sind die Tanzfläche, Zuschauer und die Tanzregeln mit abwechselnden Tanzschritte und –richtungen. Parallelen zur Entstehung einer Zivilisation also, auf die nun näher eingegangen werden sollen.

Elias hatte zahlreiche Lebenskrisen (Vgl. Abschnitt 5) zu überwinden, wie zum Beispiel die erzwungene Auswanderung aus seiner deutschen Heimat nach der nationalsozialistischen Machtübernahme, sein ständiges Bemühen um Anerkennung und Verständnis in der Fremde oder der Tod seiner Mutter im Auschwitzer Konzentrationslager. Aus diesem soziokulturellen Hintergrund heraus ist seine einfache Ausdrucksweise selbst schwieriger wissenschaftlicher Sachverhalte zu verstehen durch Vermeidung neuer wissenschaftlicher Wortschöpfungen zu denen allerdings der Figurationsbegriff eine Ausnahme bildet. Eine Ausnahme in einer Zeit des 20. Jahrhunderts, in der unter Sozialwissenschaftlern ein geringes Interesse an längerfristigen Gesellschaftsentwicklungen als Möglichkeit der Zukunftsverbesserung und des Fortschrittes bestand. Wesentliche Gründe dafür waren:

1. die zahlreichen Kriege und wachsende Kriegsgefahr,
2. der Vertrauensverlust in den technischen und wirtschaftlichen Fortschritt durch Missbrauch der Erkenntnisse für neue atomare Waffen,
3. die aufkommende Zeitströmung der Renaissance, welche die Selbsterfahrung und somit die Abkapselung vor allem ‚Äußeren’ bevorzugte,
4. der gesellschaftliche Aufstieg des Bürgertums zu den Machteliten. Bisherige Ideale der Zukunftsverbesserung werden aufgegeben zugunsten des Festhaltens am Status-Quo und eines Nationalbewusstseins,
5. Vorsprungs- und Kontrollverlust der technisch-wirtschaftlich weiterentwickelten Ländern gegenüber den so genannten ‚Entwicklungsländern’. Dieser Verlust kolonialer und wirtschaftlicher Macht wird durch eine Steigerung des Nationalbewusstseins ersetzt.

Elias kritisiert außerdem die damals in europäischen Gesellschaften vorherrschende Vorstellung der klassischen Soziologen wie Talcott Parson, Descartes, Max Weber, wonach der einzelne Mensch ein von der gesamtgesellschaftlichen Entwicklung völlig „freies, unabhängiges Wesen, innerlich ganz auf sich gestellt und von allen anderen Menschen abgetrennt“ sei. Diese Vorstellung sei ein „Kunstprodukt der Menschen“, eine „Verwechslung von Ideal und Tatsache.“[1]Um jedoch diese Abhängigkeiten objektiv erkennen zu können, müsse man eine „kritische Selbstreflexion und eine geistige Zurückhaltung zu den herkömmlichen Denk- und Verhaltensweisen einnehmen.“[2]

3 Zivilisations- und Kulturgeschichte Deutschlands, Frankreichs und Englands

Schon im Untertitel seines Zivilisationswerkes deutet Elias auf die Beschreibung seiner Figurationstheorie hin, wenn von ‚soziogenetischen und psychogenetischen Untersuchungen’ die Rede ist. In allen Lebensbereichen werden die Menschen von der jeweiligen Gesellschaftsstruktur zu bestimmten Verhaltens- und Denkweisen konditioniert bis dieser soziogenetischer Einfluss zur ‚zweiten Natur’ des Individuums gefestigt wird. Auch alltäglich benutzte Begriffe durchlaufen einen ähnlichen Prozess bis zu ihrer allgemeinen Etablierung. Im ersten Kapitel seines Werkes zieht Elias die für ihn wesentlichsten Gesellschaftsbegriffe heran: Zivilisation und Kultur, womit er sowohl seine persönliche Auswahl des Zivilisationsbegriffes für sein Werk als auch die exemplarische Veranschaulichung seiner Figurationstheorie anhand zweier Gesellschaftsbegriffe darstellen möchte.

Die Etablierung dieser Begriffe und ihrer inhaltlichen, emotionalen und gesellschaftlichen Bedeutung können durch ihren gesellschaftlichen Entstehungszusammenhang verstanden werden. Die Bedeutungen der Begriff im allgemeinen sind ein „Spiegel des Ausdrucksgefühles nicht nur einzelner Personen, sondern einer größeren Gesellschaftsgruppe.“ Die Inhalte und deren Bedeutung werden überliefert und dessen Ursprungsgedanke schwindet allmählich. Eine Generation gibt es der nächsten weiter und es besteht ebenfalls die Möglichkeit, dass ein Begriff im alltäglichen Sprachgebrauch nicht mehr erscheint, wenn es an eigenen Erfahrungen und Emotionen mangelt, um jene Begriffsinhalte zu bestätigen oder sogar zu variieren bzw. zu erweitern.

3.1 Deutschlands Indentifizierung mit dem Kulturbegriff

Die deutsche Identität wird nach Elias’ Ansicht mit der Kultur beschrieben, welches sich auf geistige, künstlerische und religiös-philosophische Produkte bezieht, wodurch die Eigenart des deutschen Volkes hervorgehoben werden soll. Durch die Hervorhebung des Nationalgedankens ist dieser Begriff demnach abgrenzend. Die Etablierung des Kulturbegriffs spiegelt den gesellschaftlichen Werdegang Deutschlands wider, das im Vergleich zu Frankreich und England später zur politischen und geographischen Einheit zusammengewachsen ist und dessen Grenzen bis zum 20. Jahrhundert immer wieder zusammenbrachen. Deswegen war das deutsche Volk öfter mit der Identitätssuche konfrontiert als andere europäische Staaten. Der Begriff der Zivilisation hingegen wird in Deutschland als ein oberflächlicher Ausdruck menschlichen Daseins bewertet. Eine Betrachtungsweise, die durch die Spannungen zwischen der deutschen Oberschicht und dem humanistischen Bürgertum geprägt wurde, worauf in Abschnitt 3.3.2 näher eingegangen wird.

3.2 Frankreichs und Englands Identität mit der Zivilisation

Zivilisation ist die allgemeine Beschreibung aller Fortschritte in allen Lebensbereichen einer abendländischen Gesellschaft in Abgrenzung zu den so genannten ‚primitiven’ Gesellschaften. Dieses Überlegenheitsgefühl findet in einem stark ausgeprägten Selbst- und Nationalbewusstsein ihren Ausdruck, dessen Gedanken über den eigenen Landesgrenzen hinweg andere Länder kolonisierte. Zivilisation bezeichnet also einen „Prozess bzw. das Ergebnis eines Prozesses.“ Durch den Prozesscharakter grenzt es nicht stark ab, da jede Nation diesen Prozess durchlaufen kann. Demnach stehen nicht nationale Differenzen – wie im Falle Deutschlands - im Vordergrund, sondern die Betonung, dass jede Gesellschaft eine Zivilisierung durchläuft.

3.3 Entstehungsgeschichte des Gegensatzpaares Zivilisation und Kultur

Zunächst kommt dieser Gegensatzpaar ab dem 18. Jahrhundert in den deutschen Staaten als sozialer, später als nationaler Gegensatz zum Ausdruck

Der noch im 16. Jahrhundert blühende Handel in Deutschland verfällt durch die Verlagerung der Handelswege resultierend aus den überseeischen Entdeckungen. Außerdem wird die deutsche Wirtschaftskrise durch die Folgen des 30-jährigen Krieges, wodurch alle Gesellschaftsschichten in relativ ärmlichen Verhältnissen leben im Vergleich zur französischen und englischen Gesellschaft. Hinzukommen die Zersplitterung der deutschen Gebiete in zahlreiche kleinere eigenständige Fürstentümern, welches zu größeren inneren Kämpfen der sozialen Gruppen zu ihrer Selbstbehauptung führt. Während die Oberschicht ihr Leben in den Höfen gestaltet, entsteht in den Universitäten der bürgerliche Lebensmittelpunkt.

3.3.1 Die deutsche Oberschicht

Die deutsche Hofoberschicht des 17. und 18. Jahrhunderts ahmt dem Hofleben des französischen Königs Ludwig XIV. nach. Diese intensive Nachahmung macht sich in nahezu allen Lebenssparten bemerkbar, wie im Bereich der Sprachbenutzung. Die deutsche Sprache wird von der deutschen Oberschicht abgelehnt, weil sie als die Sprache der unteren und mittleren Schicht gilt und somit als „schwerfällig“, „ungelenk“, „barbarisch“ und „ungebildet“. Auch Leibniz, der einzige höfische Philosoph Deutschlands, spricht und schreibt hauptsächlich französisch und lateinisch. Von den Höfen breitet sich das Französisch in die Oberschicht des Bürgertums aus. Auch innerhalb des Bürgertums entsteht ein Pidginisierungprozess statt, in der das Deutsche mit möglichst vielen französischen Wörtern vermischt wird.

Unter dem Prestigeverlust der deutschen Sprache hatte zwangsläufig die deutsche Literatur zu leiden, die ebenfalls als zurückgeblieben betrachtet wurde. Dazu schreibt E. de Mauvillon 1740 in seinem ‚Lettres Francoises et Germaniques’ an seinen deutschen Freund:[3]

„Milton, Boileau, Pope, Racine, Tasso, Moliere, so gut wie alle Poeten von Rang, sind in die meisten europäischen Sprachen übersetzt worden, Eure Poeten sind meistens selbst nur Übersetzer…Nennen Sie mir einen Schöpfergeist auf Ihrem Panaß, nennen Sie mir einen deutschen Dichter, der aus eigener Inspiration ein Werk von einiger Reputation geschaffen hätte; ich wette, Sie können es nicht.“

Nach französischen Maßstäben lebte und handelte ebenfalls Friedrich der Große, der sich persönlich für politische und wirtschaftliche Entwicklungen in Preußen einsetzte. Resultierend aus seinem Engagement macht er sich aber auch Gedanken über die Gründe für den mangelnden Fortschritt der deutschen Wissenschaft und den Künsten, dessen Ursache für ihn in der durch ständige Kriegsführung hervorgebrachten Armut liegt. Die im heutigen Deutschland als literarische Leistung betrachteten Werke und Autoren, die zu jener Zeit erschienen, wie Goethes ‚Götz von Berlichingen’ (1763), ‚Werther’, Lessings Dramen, Klopstocks ‚Messias’ (1748), Herders ‚Sturm und Drang’, wurden lediglich als ‚Unterhaltungsformen der niederen Klassen’ abgetan. Im Gegensatz zu den Hoftragödien, in der individuelle Gefühle durch ein von Vernunft geleitetes Verhalten unterdrückt wurde und nur Menschen der höfischen Gesellschaft als Bühnencharakter auftraten, erschienen in den bürgerlichen Aufführungen Menschen aus unterschiedlichen Schichten, in der sogar die Leiden und Schmerzen der Unterschichten als eigene Größe und Tragik anerkannt wurden.

3.3.2 Die deutsche Mittelschicht

Das sich im Aufbau befindende Bürgertum, die mittelständische Intelligenzschicht bringt seine Enttäuschung gegenüber dem - nach den französischen Mustern „zivilisierten“ - höfischen Adel zum Ausdruck. Vor 1750 ist die Kritik der Mittelschichten noch nicht konsequent genug, um sich Gehör zu verschaffen. In dem 1736 erschienenem Zedlerschen Universallexikon ist folgendes nachzulesen:

„Höflichkeit hat ohne Zweifel vom Hofe, Hofleben seine Benennung. Großer Herren Höfe sind ein Schauplatz, wo jeder sein Glück machen will. Diese lässt sich nicht anders tun als wenn man des Fürsten und derer Vornehmsten am Hofe Zuneigung gewinnet. Man gibt sich also alle ersinnliche Mühe, denselben sich beliebt zu machen…Wie wenig sind aber derer beyder (Geschicklichkeit und Tugend) rechte Kenner? Das was äußerlich in die Sinne fällt, rühret die auf das äusserlich allzu sehr geworfene Menschen weit mehr…[4]

Erst nach der Jahrhundertmitte wird der Tonart schärfer durch das wachsende Selbstbewusstsein der deutschen Mittelschicht und ihrer Identifizierung mit den Eigenschaften durch Tugend und Bildung. Es entstehen dem höfischen Leben und Gedankenwelt völlig entgegensetzte Lebensmodelle und Verhaltenweisen, die durch deren Ausschluss von Politik und Wirtschaft ihre Ideen in Literatur, der Wissenschaft und Künsten zum Ausdruck bringen wie Klopstock, Herder, Lessing, die Dichter des ‚Sturm und Drang’, Dichter des Hainbundes, der junge Schiller, der junge Goethe und Kant. In ihren Schriften spiegelt sich ein Hass gegen die Mitglieder der Hofgesellschaft, ihrer Unmoral und Verstandeskälte wider, der in Kants 1784 ‚Ideen zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht’ 1784 unmissverständlich zum Ausdruck kommt:[5]

„Wir sind in hohem Grade durch Kunst und Wissenschaft kultiviert, wir sind zivilisiert bis zum Überlästigen zu allerlei gesellschaftlichen Artigkeit und Anständigkeit…“

„Die Idee der Moralität gehört zur Kultur. Der Gebrauch dieser Idee aber, welcher nur auf das Sittenähnliche in der Ehrliebe und die äußere Anständigkeit hinausläuft, macht bloß die Zivilisierung aus.“

Weiterhin besteht innerhalb des Bürgertums eine starke Sehnsucht nach einem „natürlichen Leben“ ohne übertrieben Unterdrückung von Emotionen, nach der Liebe zur Natur und Freiheit in einem geeinten Deutschland. Die folgende Szene in Goethes Werther schildert diese unterschiedlichen Lebenseinstellungen zwischen Vertreter der Ober- und Mittelschicht:[6]

„8. Januar 1771: Was das für Menschen sind, deren ganze Seele auf dem Zeremoniell ruht, deren Dichten und Trachten jahrelang dahin geht, wie sie um einen Stuhl weiterhinauf bei Tisch sich einschicken wollen…

15. März 1772: Ich knirsche mit den Zähnen, Teufel, … Ich speise bei dem Grafen und nach Tisch gehen wir in dem großen Park auf und ab…“ Die hochadelige Gesellschaft kommt. Die Frauen flüstern, es zirkuliert unter den Männern. Schließlich bittet ihn der Graf, etwas verlegen, zu gehen. Die Adelsgesellschaft fühlt sich beleidigt, einen Bürgerlichen unter sich zu sehen. „Sie wissen“, sagt der Graf, „die Gesellschaft ist unzufrieden, merke ich, Sie hier zu sehen …Ich strich mich sachte aus der vornehmen Gesellschaft, fuhr nach M., dort vom Hügel die Sonne untergehen zu sehen und dabei in meinem Homer den herrlichen Gesang zu lesen, wie Ulysses von dem trefflichen Schweinhirten bewirtet wird.“

Zwei unterschiedliche Welten treten hier aufeinander, die eine geprägt von Oberflächlichkeit in Ritualen und Konversation und die andere von bürgerlicher Verinnerlichung durch tief greifende Gefühle, Bildung des Individuums, in denen auch unteren Schichten – in diesem Falle durch den Schweinehirten präsentiert - tugendhafte Charaktereigenschaften zugeschrieben werden.

Durch die starke soziale Trennung von Adel und Bürgertum wurde der Zugang letzterer zur deutschen Elite erschwert, wenn nicht gar verwehrt im Gegensatz zu den restlichen westlichen Ländern Europas, in der fähige Persönlichkeiten der Mittelschicht – z . B. Voltaire und Diderot - in das Hofleben integriert wurden

Im 19. Jahrhundert, besonders nach 1870, als Deutschland ebenfalls eine außenpolitische europäische Kolonialmacht darstellte, schwanden die Gegensätze für kurze Zeit zwischen den beiden Begriffen, Zivilisation und Kultur. Beide Begriffe werden zu jener Zeit fast wie Synonyme behandelt wie Elias am Beispiel Friedrich Jodls 1878 erschienenem Buch ‚Die Kulturgeschichtsschreibung’ festgestellt hat. Darin wird wie selbstverständlich die ‚allgemeine Culturgeschichte als die ‚Geschichte der Civilisation’ bezeichnet.[7]Diese Betrachtungsweise etabliert sich in den kommenden Jahrzehnten nicht in der deutschen Intelligenzschicht. Für Thomas Mann zum Beispiel war der Zivilisationsbegriff ein regelrechtes Schimpfwort, der „fremdländisch, seelenlos und zersetzend, Kultur hingegen deutsch, natürlich und wahrhaft“[8]sei.

3.3.3 Die Ober- und Mittelschicht in Frankreich und England

Frankreich und England haben im 17./18. Jahrhundert die entscheidenden Phasen ihrer kultureller und nationaler Prägung hinter sich und erweitern außerstaatlich ihn geographischen Machtbereich durch Kolonien und innergesellschaftlich durch Lockerung der Gesellschaftsbarrieren zwischen den einzelnen Schichten. Ober- und Mittelschicht unterhalten intensivere, innigere gesellschaftliche Beziehungen bis zur ‚Assimilierung’ und ‚Kolonisierung’ bürgerlicher Elemente und Personen in die Oberschicht. Dadurch entsteht eine fruchtbare Symbiose, weil nun die französische und englische Obersicht sich Aufgaben zu Eigen macht, die in Deutschland nur dem Bürgertum ohne politisch-wirtschaftlichen Einfluss zukam: Nationsbildung und die Förderung von Kunst und Literatur.

In Frankreich sprachen das höfische Bürgertum und die höfische Aristokratie dieselbe Sprache, lasen dieselben Bücher und hatten dieselben Verhaltensweisen, es entstand eine höfisch-mittelständische Reformbewegung. Deswegen betrachtete das deutsche Bürgertum den französischen Nationalcharakter eher negativ, weil sie Ähnlichkeiten mit der verhassten deutschen Oberschicht aufzeigte. Durch das Zusammenwirken zwischen der französischen Ober- und Mittelschicht entstand nicht das Gefühl der Minderwertigkeit, weswegen das Bürgertum auch kein Verlangen nach der Suche eigener, sich von der Oberschicht distanzierenden Begriffen Ausschau hielt. Stattdessen kommt ein dem deutschen Bürgertum entgegengesetztes Verhalten zutage: der Zivilisationsbegriff wird von der französischen und englischen Bürgerschicht übernommen zu ihrer Fortentwicklung und Veränderung. Nicht nur eine Gesellschaftsschicht habe demnach das Anrecht auf die Zivilisierung, sondern grundsätzlich alle. Negativerscheinung des Hofes werden lediglich als „falsche Zivilisation“ bezeichnet, dessen Ziel die Verbesserung zur „wahren Zivilisation“ sein müsse, wie Mirabeau es bezeichnete, ein kritischgesinnter Landedelmann, der den Prozesscharakter der Zivilisation betonte. Demnach ist die Theorie Elias’ nichts spezifisch Neues, sondern lediglich eine Wiederbelebung schon bereits vorhandener Gedanken. Ein weiterer Reformer des Zivilisationsgedankens war auch Holbach, dessen Gedanken in seinen ‚Systeme sociale’ (1774) niedergeschrieben wurden. Seiner Meinung nach wäre „die Zivilisation der Völker noch nicht abgeschlossen“, weswegen man ständig auf ihre Weiterentwicklung ausgerichtet sein solle. Dass Holbachs Zitat im ersten Band Elias’ Zivilisationsprozesses auf der 1. Seite erwähnt wird, zeugt von dessen ernormen Prägung auf Elias’ Theorie.

Mit der Zeit allerdings wird die Bedeutung des Zivilisationsbegriffes dermaßen umgedeutet, dass sogar die Kolonisierung anderer Länder damit gerechtfertigt wurden, wie im Falle der Eroberung Ägyptens 1798, welches Napoleon als einen großen Schritt für die Zivilisation bezeichnete. Hier wird der innere Zivilisationsprozess als abgeschlossen angesehen und als Instrument für koloniale Bestrebungen missbraucht.

4 Der Zivilisationsbegriff und Beispiele für Verhaltenswandlungen

Bis zum 17. Jahrhundert tritt der - bisher lediglich für die höfische Gesellschaft gebrauchte - Begriff der „courtoisie“ zurück und stattdessen kommt nun der „civilite“ in den Sprachgebrauch zum Vorschein. Auch das deutsche Bürgertum übernimmt allmählich jene Verhaltensregeln – nicht aber den Begriff der Zivilisation - und nutzt sie für ihre humanistischen Ideale der Menschenformung aller Gesellschaftsschichten. Besonders die Renaissance stellt eine Übergangszeit von ‚ritterlich-feudaler zur neuzeitlicher höfisch-absolutistischer Adelsschicht’ dar, in der ein Auf- bzw. Abstieg zwischen Ober- und Mittelschicht fließender als bisher erfolgen. Bis zur Konsolidierung einer neuen Gesellschaftsstruktur wird das allgemeine Bedürfnis nach klaren Verhaltensregeln größer. Es scheint deswegen nicht verwunderlich, dass sogar große Persönlichkeiten sich offen und aus Überzeugung mit gesellschaftlichen Manieren auseinandersetzten, wie die Humanisten Desiderius Erasmus von Rotterdam in seiner Schrift ‚De civilitate morum puerilium’ und Della Casa mit seinem Werk ‚Galateo’. Das spezifische Merkmal der gesellschaftlichen Verhaltensregelung zu vorherigen liegt in der umfangreicheren und bewussteren Verhaltensbeobachtung und somit eine weitaus größere soziale Beeinflussung der Mitmenschen. Die gegenseitigen Ermahnungen erfolgen viel sensibler, höflicher, rücksichtsvoller und sanfter, wodurch eine tatsächliche Verhaltensänderung mit größerer Wahrscheinlichkeit erfolgt als durch direkten Druck mittels Züchtigung oder Köperstrafe.

„Du sollst zu niemandem etwas sagen, was bitter für ihn sein könnte“[9], wird beispielsweise in der lateinischen Tischzucht ‚Quisquis es in mensa’ als tugendhaftes Verhalten gefordert, denn der „wichtigste Punkt der Höflichkeit ist der, … anderen ihre Verstöße leicht nachzusehen und Deinen Gefährten deshalb nicht weniger mögen, weil er schlechte Manieren hat.“ Rücksicht und Sensibilität etabliert sich nun als Vorgehensweise im Umgang mit den Mitmenschen, ohne das Hauptziel dafür aus den Augen zu verlieren: die Bemühung, dem Anderen sein schlechtes Verhalten aufzuzeigen, wenn „ein Gefährte unwissentlich einen Verstoß begeht, dann sage ihm durchaus, was (dir) wichtig erscheint, und zwar ihm allein und in freundlichem Ton. Das ist Höflichkeit.“

Bei der Erforschung des menschlichen Zivilisationsprozesses appelliert Elias persönlich an den Leser, den „Versuch zur Ausschaltung aller jener Peinlichkeits- und Überlegenheitsgefühle, aller jener Wertungen und Zensuren, die sich mit dem Begriff ‚Zivilisation’ oder ‚unzivilisiert’ verbinden“ zu unternehmen[10]. Erst durch die Distanz zu den eigenen subjektiven Werturteilen kann die Andersartigkeit fremder Gesellschaftsstrukturen verstanden und akzeptiert werden. Einige Gedanken und Verhaltensweisen innerhalb einer Gesellschaft der Vergangenheit oder auch aus unterschiedlichen Kulturkreisen der Gegenwart können demnach ein gewisses Unverständnis bzw. einer Vertrautheit hervorrufen, welches jedoch ein normales Phänomen eines ständigen Veränderungsprozesses darstelle. Ein stets aktuelles Beispiel stellt der Generationenkonflikt dar, in der ähnliche Phänomene in Erscheinung treten. Die jüngeren Generationen betrachten demnach die Normen und Verhaltenweisen der Älteren als überholt und altmodisch. Auf der eigenen Identitätssuche – vergleichbar mit dem deutschen Bürgertum - werden neue Lebensstile mit neuen Inhalten und Begrifflichkeiten entwickelt und ausprobiert, worauf die Erwachsenen oft mit Unverständnis bis hin zur Bestrafung reagieren.

Obwohl Elias’ Forschungen im Mittelalter beginnen, weist er ausdrücklich darauf hin, dass der menschliche Zivilgierungsprozess seit Bestehen des Menschengeschlechtes seinen Anfang nahm: „Wo immer man beginnt, ist Bewegung, ist etwas, das vorausging.“[11]Dieser Ausspruch erinnert an den antiken Gedanken, dass das Hineingehen in denselben Fluss unmöglich sei, weil sich dieser in einer ständigen Fortbewegung befinde. Andere Gesellschaften mit ihren Lebens- und Denkweise haben lediglich einen anderen „Standard als der unsere, ob besser oder schlechter steht hier nicht zur Diskussion.“[12]

Elias zieht als Hauptquellen Manierenbücher des Mittelalters heran, in denen sich die gesellschaftlichen Bräuche und Sitten widerspiegeln. Deren Autoren sind also nicht die Erschaffer der darin erwähnten Regeln, sondern lediglich ihre Vermittler bzw. Sammler. Die ersten Verfasser solcher Literatur stammen aus der Klerikerschicht des 12. Jahrhunderts, z.B. Hugo v. St. Victor (lat. „De institutione novitiorum“) oder der „getaufte, spanische Jude“ Petrus Alphonsi (lat. „Disciplina clericalis“). Ihre Zielgruppe ist der mittelalterliche Klerus. Erst im 13. Jahrhundert erscheinen Manierenbücher für die ritterlich-höfische Schicht, aus denen einige Gebote kurz erläutert werden sollen

4.1 Wandlungen in den Esssitten

Die europäischen Manierenbücher weisen folgende gemeinsame, häufig auftauchende Essgebote in den Mahlzeiten auf:

- Tischgebet sprechen,
- auf den jeweils angewiesenen Platz sitzen,
- Ellbogen nicht auf den Tisch legen,
- immer eine heitere Miene zeigen,
- nicht viel Reden,
- das Stück, das man schon im Mund hatte, nicht mehr auf die allgemeine Schüssel legen,
- Hände vor dem Essen waschen,
- Zähne nicht mit dem Messer oder Tischtuch reinigen,
- von der schon weggenommen Platte nicht noch ein Stück verlangen,
- vor dem Trinken Lippen abwischen,
- nichts Schlechtes über die Gerichte sagen,
- das Fleisch mit 3 Fingern in die Hand nehmen (mit der ganzen Hand wäre ‚bäurisch’),
- nicht die besten Stücke von der Platte nehmen,
- nicht als erster nach den Stücken greifen, weil es ein Zeichen des Geizes wäre,
- nicht auf dem Tisch spucken, sondern unter dem Tisch oder an die Wand.

Eine Distanzierung besonders von der Unterschicht ist ein Hauptmerkmal jener Neuregelungen, wie das Gebot des Drei-Finger-Essens bezeugt. Mit der ganzen Hand zu essen, wäre demnach das Verhalten von ‚Bauern’.

Oft kommen diese Gebote, wie das folgende Beispiel aufzeigt, auch in Merkversen zur Erscheinung zum Auswendiglernen vor allem für Kinder und Jugendliche:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Auf dem ersten Blick scheint die vorhergehende Regelung für die gegenwärtige Perspektive irrational. „Warum sollte man eigentlich mit der jeweils entgegengesetzten Hand essen?“, „welchen Sinn soll das denn haben?“, wird sich wohl der/die eine oder andere fragen. Wiederum kommt uns hierbei die Figurationstheorie Elias’ zugute, da sie uns auf den sozialhistorischen Kontext aufmerksam macht, um überhaupt ein Verständnis des Verhaltens der von uns als ‚fremd’ betrachteten Gesellschaften aufzubauen. Im Mittelalter war nämlich das Essen mehrer Personen aus derselben Schale oder Teller die Norm, weswegen auch das neue Gebot - mit der jeweils entgegengesetzten Hand zu essen - aus praktischen Gründen verständlich wird.

Zum besseren Verständnis der Entstehung neuer mittelalterlicher Essgepflogenheiten möchte ich kurz auf die spezifischen Umstände einer mittelalterlichen Mahlzeit eingehen.

Bis ins 15. Jahrhundert gab es relativ wenig Tafelgeschirr. Die einzigen Essgeräte waren Messer und Löffel, die man gemeinsam benutzte. Auch die Bedienung der Schüsseln und Gläser erfolgte kollektiv, die darin sich befindenden Suppen und Soßen wurden getrunken und feste Stoffe wie Fleisch nahm man mit der bloßen Hand. Am Tisch existiere eine ausgeprägte Sozialhierarchie, bei der die Höherstehenden - bezüglich des Sozialstatuses oder des Alters - den Vorzug beim Essensbeginn innehatten.

Auch die feste Einführung der Gabel in Europa erfolgte erst im 16. Jahrhundert, obwohl sie 5 Jahrhundert zuvor schon bekannt wurde, allerdings unter einem schlechten ‚göttlichen’ Vorzeichen[13]: Im 11. Jahrhundert war die Gabel nämlich ein selbstverständliches Essgerät in Byzanz und durch die Heirat eines venezianischen Staatsoberhauptes mit einer byzantinischen Prinzessin wurde sie zeitweilig auch in Italien benutzt. Die Prinzessin wurde allerdings von klerikaler Seite beschuldigt, ein Teufelszeichen anzuwenden und ihr vorzeitiger Tod durch eine Krankheit unterstütze die Abwesenheit der Gabel in der europäischen Esskultur über 5 Jahrhunderte lang.

Im Allgemeinen werden also Neuregelungen und Verhaltensdifferenzierungen in den abendländischen Gesellschaften als ein Zeichen der Zivilisierung gewertet. Doch erinnern wir uns and den Appell Elias, nachdem Erkenntnis durch Distanz und Selbstreflexion erlangt werden kann. Ohne jegliche Bewertung, ob die mittelalterliche Gesellschaft unzivilisierter war als die heutige, kommt er zu der Schlussfolgerung, dass die Menschen im Mittelalter durch das kollektive Essen eine völlig unterschiedliche emotionale Beziehung zueinander besaßen als heute. Diese Beziehung war geprägt von einer äußerlichen körperlichen bis hin zur geistigen Nähe. Das gemeinsame Schlafen zwischen Bedienstete und Hausherr oder körperliche Verrichtung in der Öffentlichkeit wurden als Selbstverständlichkeit betrachtet und waren mit weniger Peinlichkeits- und Schamgefühlen verbunden als in den heutigen, stark individualistisch geprägten abendländischen Gesellschaften, in der schon eine bloße Erwähnung jener Verhaltensweisen als eine Verletzung des Distanzierungsprinzips verstanden werden kann.

4.2 Wandlungen in den Geschlechterbeziehungen

Die Beziehungen zwischen den Geschlechtern der Gegenwart im Vergleich zum Mittelalter haben sich ebenfalls in einem Zivilisierungsprozess gewandelt durch ein allmähliches Steigern von Schamgefühlen. Ein aktuelles Beispiel ist das Verhalten der Eltern gegenüber ihren Kindern, sobald Fragen über Geschlechterbeziehungen, wie Sex, Verhüttungsmittel, Menstruation gestellt werden. Obwohl die Erwachsenen die biologische und natürliche Selbstverständlichkeit dieser Menschenbeziehungen kennen, wurde im Namen der Zivilisierung eine Mauer des Schweigens aufgebaut. Im Vergleich zum Mittealter erfolgte auch in diesem zwischenmenschlichen Bereich eine stufenartige Verhaltensänderung. Elias zieht als Bestätigung dafür Erasmus’ ‚Colloqien’-Werk von1522 und die im Jahre 1857 erschienen ‚Erziehung der Mädchen’ des bekannten Pädagogen v. Raumer heran. Zwischen diesen Vertretern ihrer Zeit – beide zählen zur Intelligenzschicht und sind religiös geprägt - liegen mehr als 3 Jahrhunderte dazwischen und wir werden erkennen, dass auch zwei völlig verschiedene Welten zwischen ihnen liegen.

Erasmus’ Colloquien-Werk ist erschienen unter dem relativ langen Titel

‚Familiarum Colloquiorum Formulae non tantum ad linguam puerilem expoliandam, verum etiam ad vitam instituendam’ (lat. ‚Regeln für vertraute Gespräche, die nicht nur die kindliche Sprache verfeinern, sondern auch ins Leben einführen sollen’). Der pädagogische Zweck jener Schrift ist demnach sowohl die Sprachverbesserung des Lateinischen als auch die Erklärung alltäglicher Erscheinungen. Erasmus widmete das Manierenbuch seinem 6-jährigen Patenkind. Neben seinem Werk ‚De civilitate morum puerilium’ wurde auch dieses Werk zum Beststeller jener Zeit mit zahlreichen Auflagen und Übersetzungen, ein Zeichen des weltlichgerichteten Geschmacks des Humanismus, die nach der Befreiung von der Vormundschaft der Kirche strebte. Deswegen scheint der Aufstieg eben jenes Werkes – zum Ärger des Klerus – zum allgemeinen Schulerziehungsbuch in den nächsten 2 Jahrhunderten geradezu als verständlich. Doch warum zog dieses Buch den Ärger der Geistlichkeit auf sich? Inhaltlich sind es tatsächlich Gespräche, die in der heutigen Zeit nicht gerade als ‚kindgerecht’ eingestuft werden könnten. In ihr bekundet nämlich ein Mann offen seine Liebe zu einer Frau und sein Wunsch mit ihr eine kinderreiche Familie gründen zu wollen. In einer anderen Unterredung beklagt sich eine Ehefrau über das schlechte Verhalten des Ehemannes und zuletzt erscheint auch ein Freier mit einer Prostituierten. Allerdings wird hierbei durch offene Widerspiegelung gesellschaftlicher Tatsachen eine moralische Lebensweise durch Triebzurückhaltungen und Verhaltensmäßigungen als gewünschtes Endresultate der Gespräche idealisiert. Die Angebetete wird sich ihrem Verehrer nur nach einer Heirat hingeben, der Ehefrau wird eine Verhaltensänderung des Ehemannes vorhergesagt, nachdem erst sie ihr eigenes bessert und dem religiösen Freier überkommt die Angst der Gottesstrafe. Er wird schließlich die Prostituierte aus ihrem ‚schlechten’ Milieu befreien und danach heiraten.

Zur Zeit Erasmus’ lebten Kinder und Jugendliche in denselben gesellschaftlichen Räumen wie Erwachsenen, in der ihnen nahezu alle Verhaltensweisen - auch das Sexualleben der Erwachsenen - nicht unbekannt waren. Auch die Prostituierten hatten nicht denselben negativen Stellenwert wie in der Gegenwart. Sie hatten zwar einen sozial niederen, teilweise verachteten Status, aber sie waren der Öffentlichkeit bekannt. Ihre Erwähnung wie in jenem Werk auch gegenüber Kindern war nicht verpönt. Auch im politischen Bereich erfuhren sie eine gewisse soziale Anerkennung, wenn z.B. politischen Persönlichkeiten von Seiten des Bürgermeisters das örtliche Bordell tagelang zur sexuellen Befriedigung überlassen wurde.[14]Auch das Heiratsalter lag unter dem der heutigen Zeit schon mit dem Eintreten der Geschlechtsreife, also zwischen 13-15 bei Frauen und 15-19 bei Jungen. Der erste eheliche Geschlechtsakt wurde sogar in der Anwesenheit der Brautführer getätigt, damit die Jungfräulichkeit und somit die Gültigkeit der Ehe kollektiv bezeugt werden konnte.[15]

Einen Zeitsprung in das 20. Jahrhundert unternehmend, erleben wir eine völlig unterschiedliche Einstellung. Im Erziehungsleitfaden für Eltern äußert der Pädagoge v. Raumer offene Ablehnung für Erasmus’ Offenheit gegenüber den Kindern und ermahnt die Eltern, diese von „allem fern zu halten, das ihre Neugier reizen“ könnte. Sollte allerdings dennoch Fragen seitens der Kinder über ihre natürliche Herkunft auftauchen, rät er den Eltern, die Erzählung von religiösen oder traditionellen Gesichten, wie die Sendung der Kinder durch die Engel. Eine strengere Züchtigung und Grenzziehung sei aber angebracht, falls weitere tiefgründigere Kinderfragen gestellt werden sollten:[16]

„Wie Gott die Kinder gibt, das brauchst du nicht zu wissen und könntest es auch nicht verstehen. An ähnlichen Antworten müssen sich Mädchen in hundert Fällen begnügen, und die Aufgabe der Mutter ist es, die Gedanken ihrer Töchter so unablässig mit Gutem und Schönem zu beschäftigen, dass ihnen keine Zeit bleibt zum Grübeln über solche Dinge … Eine Mutter … sollte nur einmal ernst sagen: es wäre gar nicht gut für dich, wenn du so etwas wüsstest, du musst vermeiden davon sprechen zu hören. Ein recht sittsam erzognes Mädchen wird von da an eine Scheu empfinden, von Dingen der Art reden zu hören.“( v. Raumer „Die Erziehung der Mädchen“ 1857)

Für die Verschleierung der Wahrheit gibt v. Raumer keine Begründung. Wir erkennen einen Widerspruch zwischen religiösen Geboten wie die der Wahrhaftigkeit, welches zwar von allen Gesellschaftsmitgliedern abverlangt wird, auf der anderen Seite aber die Verheimlichung der natürlichen Herkunft der Kinder durch den Geschlechtsakt. Das Problem scheint durch die Ratschläge des Pädagogen allerdings ungelöst, weil Kinder und Jungendliche durch alltägliche Erfahrungen der körperlichen Annäherung zwischen Mann und Frau, durch Gespräche der Erwachsenen eine andere Realität erfahren. Auch heute ist die widersprüchliche Spaltung des menschlichen Lebens erfahrbar, in der bestimmte Themen zwar bekannt sind, aber nicht offen ausgesprochen werden. An medizinischen oder umgangssprachlichen Begriffe für Körperglieder, die beim Geschlechtsakt aktiv werden, mangelt es nicht, doch die gesellschaftlich anerzogenen Scham-, Angst-, Peinlichkeits- und Schuldgefühle hindert den ‚modernen’ Menschen an einer freien, natürlichen Auseinandersetzung mit und über ihnen.

Auch die Etablierung der Einehe als Norm ist unter diesem Hintergrund der Verschleierung der Intimsphäre und Regelung des Trieblebens zu verstehen, in der die außerehelichen Beziehungen verworfen und die Sexualität auf die gesellschaftlich-legitimierte Ehe beschränkt werden. In der weltlichen Gesellschaft bis ins 16. Jahrhundert stellte eine außereheliche Beziehung nichts Anormales dar, so dass in den Bürgerfamilien sowohl eheliche und uneheliche Kinder offen aufgezogen wurden und sogar die Bezeichnung ‚Bastard’ für die unehelichen Kinder keine Beleidigung darstellte.[17]

5 Norbert Elias’ Kurzbiographie

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Pseudonym: Dr. Michael Elias

*Breslau, Schlesien [Wrocław, Polen] 22. Juni 1897

†Amsterdam 1. August 1990

britischer Soziologe, Kulturphilosoph, Psychologe und Dichter deutsch-polnischer, jüdischer Herkunft

Vater: Hermann Elias (?-1940), Kaufmann, Inhaber einer Textilfabrik

Mutter: Sophie Elias, Hausfrau (?-1941, im Konzentrationslager ermordet), Hausfrau

Geschwister:keine

Ehe:keine

Kinder: keine

Religion: jüdisch

1897Geboren in Breslau [seit 1945 Wrocław/POLEN].

1915-1919 Als Kriegsfreiwilliger (Telegrafist) im Ersten Weltkrieg. Nach einem Zusammenbruch 1917 durch seine Beobachtung zahlreicher Sterbenden nicht mehr felddienstfähig, Sanitätssoldat in Breslau.

1917-1924Studium der Medizin bis zur Vorprüfung, der Philosophie und Psychologie an der Universität Breslau.

1924Dr. phil. (Philosophie) an der Universität Breslau.

1924-1930 Studium der Soziologie in Heidelberg und Habilitation durch Alfred Weber.

1930-1933 Assistent an der Universität Frankfurt am Main bei Karl Mannheim (1893-1947), dem er aus Heidelberg gefolgt war. Die Machtübernahme durch die Nationalsozialisten verhinderte seine Habilitation mit der Schrift "Der höfische Mensch".

1933-1935Exil in Frankreich.

1935-1990Exil in Großbritannien und Leben in London; später Annahme der britischen Staatsbürgerschaft.

1935-1939Arbeit an "Über den Prozeß der Zivilisation" mit Unterstützung durch eine jüdische Flüchtlingsorganisation.

1939-1940Assistent an der London ,School of Economics and Political Science, in London, wo auch Karl Mannheim lehrte.

1940-1941Wegen der befürchteten Invasion deutscher Truppen Internierung als feindlicher Ausländer nahe Liverpool. Nach etwa acht Monaten entlassen. Hielt im Lager Vorträge und inszenierte die Aufführung seiner "Ballade vom armen Jakob".

1941-1954Leben in Cambridge und Leicester, Tätigkeiten als Lektor in der Erwachsenenbildung und der Universität Leicester, Ausbildung in der Gruppenanalyse und Leiter von Therapiegruppen.

1962-1964Soziologieprofessor an der University of Ghana in Accra, wo damals auch W.E.B. Du Bois (1868-1963) lebte.

1964-1990Tätigkeiten als Privatgelehrter und Gastprofessor in Deutschland und Amsterdam.

1975-1990Lebte in Amsterdam und in verschiedenen Städten Deutschlands, unter anderem in Konstanz und Bielefeld.

1977Verleihung des Theodor Adorno-Preises der Stadt Frankfurt; erste bedeutende öffentliche Anerkennung Elias' in Deutschland seit seinem Exil.

1.8.1990Gestorben in Amsterdam.

Ergänzungen zur Biographie

Der kurzen tabellarischen Kurzbiografie möchte ich einige Lebensabschnitte von Norbert Elias hinzufügen, aus denen schon seine ausgeprägte Gesellschaftstheorie vor der Arbeit an ‚Über den Prozess der Zivilisation’ herauszulesen ist. Ein Medizinstudium zu beginnen war eigentlich der Wunsch Norberts Vaters, Herman, der selbler auf die ersehnte Universitätslaufbahn verzichten musste, um die Familienangehörigen finanziell durch seinen frühen Berufseinstieg zu unterstützen. Das bekannte Phänomen tritt hier ein, dass Eltern ihre nicht erreichten Ideale und Wünsche auf ihre Kinder übertragen. Norbert Elias verfolgte zwar aufmerksam die Vorlesungen, allerdings fühlte er sich stärker den Geisteswissenschaften – die er später als ‚Menschenwissenshaften’ bezeichnen wird - hingezogen und ließ sich für Philosophie und Psychologie an der Universität Breslau eintragen. Die medizinischen Erkenntnisse bis zur Vorprüfung bestätigten seine bisherige Figurationstheorie, dass auch in physiognomischer Hinsicht das menschliche Gefühl und sein Ausdruck zusammengehören, eine künstliche Trennung jedoch erst durch einen Zivilisationsprozess eintritt. Keinesfalls entsprachen eben jene Gedanken der damalig vorherrschenden geisteswissenschaftlichen Anschauungen. Somit war eine geistige Auseinandersetzung mit seinem Doktorvater Richard Hönigswald unvermeidbar. Dieser akzeptierte Elias’ Doktorarbeit ‚Idee und Individuum’ erst nachdem Textpassagen weggestrichen wurden, in denen Elias Gegenpositionen zu den damals vorherrschenden Ideologien vertrat. Elias widersprach darin nämlich, dass bestimmte philosophische Ideen - wie die des Guten, Wahrhaften und Schönen - zeitlos , natürlich und erfahrungsunabhängig im Menschen existieren, wie Kant und Hönigswald dachten. Elias betrachtete sie als „gelerntes Wissensgut zum Erfahrungsschatz eines Menschen“[18]hinzugehörend. Auch während seines außeruniversitären Engagements im jüdischen Wanderbund ‚Blau-Weiß’ stimmten seine Gedanken nicht gerade mit denen auf Gehorsamkeit abzielende Prinzipien des zionistisch geprägten Wanderbundes - welches als Gegenreaktion zum Antijudaismus der deutschen Jugendbewegungen durch deren Judenausschluss gegründet wurde - überein.. Dies zeigt sich zum Beispiel hinsichtlich seiner Erziehungsgedanken, dass gerade dort Fragen gestellt würden, „wo erzogen wird“. Auch seine 1921 in der bündischen Regionalzeitschrift erschienenen Abhandlung mit dem Titel „Vom Sehen in der Natur“ bekundet seine gefestigte Theorie der Figurationen: der Mensch sieht nicht DIE Natur, sondern er sieht IN ihr; er sieht sich und die ihn umgebende Welt, sich und seine Abhängigkeit mit der umgebenden Welt.

6 Fazit

Elias Werk ist für das Verständnis der Zivilisierungsprozesse aller menschlichen Gesellschaften sehr hilfreich. Es ist bemerkenswert, in welch einfacher Sprache er komplexe Gesellschafstrukturen und ihre Ursprünge erklärt, ohne jegliche Bewertung, geschweige den einer Verurteilung irgendeiner Sozialgruppe in einer bestimmten Zivilisationsstufe. Auch die Reflexion über sich selber, den eigenen Gedanken, Gefühlen und Verhaltensweisen bezüglich ihrer möglichen Abhängigkeit zur Umwelt wird während des Lesens angeregt. Persönlich beeindruckt hat mich neben seiner distanzierten Beobachtung auch seine auf Menschlichkeit beruhende pädagogischen Prinzipien. Es soll dabei den Menschen nicht etwas von außen in sein Gehirn eingepflanzt werden als wären sie nichtfühlende, lebenslose, passive Kreaturen oder Maschinen, sondern der Mensch benötigt die Anregung zur seiner Selbstständigkeit im Denken und Handeln.

7 Literaturverzeichnis

ELIAS, Norbert: Über den Prozess der Zivilisation. Soziogenetische und psychogenetische Untersuchungen, Bd. 1, Frankfurt a. M. 1997.

KORTE, Hermann: Über Norbert Elias. Das Werden eines Menschenwissenschaftlers, Frankfurt a. M. 1988.

MÜLLER, Reinhard: 50 Klassiker der Soziologie, (28.01.2003) http://www.kfunigraz.ac.at/sozwww/agsoe/lexikon

[...]


[1] Elias, S. 64

[2] ebd.

[3] Ebd, S. 100

[4] Ebd. S. 98

[5] Ebd., S. 96

[6] Ebd., S. 110

[7] Ebd., S. 400

[8] Korte, S. 74

[9] Ebd., S. 196

[10] Ebd., S. 166

[11] Ebd., S. 190

[12] Ebd.; S. 170

[13] Ebd., S. 179

[14] Ebd., S. 335

[15] Ebd., S. 336

[16] Ebd., S. 339

[17] Müller, Reinhard: 50 Klassiker der Soziologie (28.01.2003) http://www.kfunigraz.ac.at/sozwww/agsoe/lexikon

[18] Korte, S. 76

14 von 14 Seiten

Details

Titel
Die Zivilisations- und Kulturtheorie von Norbert Elias
Hochschule
Universität Karlsruhe (TH)
Veranstaltung
Kultursoziologie
Note
2,3
Autor
Jahr
2003
Seiten
14
Katalognummer
V108304
ISBN (Buch)
9783640114214
Dateigröße
547 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Zivilisations-, Kulturtheorie, Norbert, Elias, Kultursoziologie
Arbeit zitieren
Kadir Cildir (Autor), 2003, Die Zivilisations- und Kulturtheorie von Norbert Elias, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/108304

Kommentare

  • Gast am 2.2.2004

    Verbesserungswürdig.

    Hey, Kadir, scheinst dich ja sehr für Norbert Elias zu interessieren; ich hätte mir allerdings gewünscht, dass du mehr auf seine jüdische Identität und seine Einstellung zum Zionismus eingegangen wärest, oder hast du darüber keine Informationen gefunden?
    Auf jeden Fall ist die Hausarbeit informativ, aber verbesserungswürdig.
    Selam

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