Holbach. System der Natur oder von den Gesetzen der physischen und der moralischen Welt.


Ausarbeitung, 1997

9 Seiten, Note: 1


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Das Zeitalter der Religion und der Philosophie ist dem Jahrhundert der Wissenschaft gewichen! Dieser Satz aus der Einleitung der 1751 bis 1780 in 28 Bänden erschienen „Enzyklopädie der Wissenschaften, Künste und Gewerbe“, bezeichnet sehr gut, in welchem gedanklichen Umfeld sich Paul-Henri Thiry d´ Holbach wiederfand, als er 1749, nach Abschluss seines Jurastudiums in Leyden, nach Paris kam. Der deutschstämmige Holbach, geboren am 8.12.1723 in Eidesheim (Pfalz), knüpfte in Paris sehr schnell Bekanntschaft mit der intellektuellen Avantgarde um Diderot und d´ Alembert, für deren Enzyklopädie er ab 1753 weit mehr als 300 Artikel besteuerte, die sich hauptsächlich mit mineralogischen und metallurgischen Gegenständen befassten. Des weiteren übersetzte er naturwissenschaftliche Arbeiten vorwiegend deutscher Forscher, sowie religionskritische, deistische Schriften aus dem Englischen. Bis zu seinem Tode am 21.1.1789 (gewissermaßen am Vorabend der Französischen Revolution) blieb er, bis auf eine Londonreise 1765, in Paris. 1780 wurde er zum Mitglied der Russischen Akademie der Wissenschaften in St. Petersburg gewählt.

Seine gesellschaftliche Stellung in Paris war gefestigt und bedeutend: er lebte von den Reichtümern, die ihm sein durch Finanzspekulationen reich gewordener Onkel vererbte (der ihm gleichzeitig auch den erkauften Adelstitel vererbte), und in seinem Salon gingen die „philosophes“, also die Autoren der großen Enzyklopädie, ein und aus. Er galt als liebenswürdig, tolerant und großzügig.

Als 1770 Holbachs Hauptwerk „System der Natur“, er veröffentlichte des weiteren noch 1766 Le Christianisme dévoilé, 1776 L´Ethocratie und La Morale universelle, unter falschem Namen und fingierter Ausgabe erschien, stieß es bei den meisten aufklärerischen Philosophen wegen seines kompromisslos atheistischen Ansatzes auf vehemente Kritik, so dass es sogar auf Anordnung des französischen Parlaments öffentlich verbrannt wurde. (Niemand ahnte, dass der Autor von dem Buch

„System der Natur“ der angesehene und in der Pariser „Gesellschaft der Philosophen“ akzeptierte und integrierte Holbach war.) Trotz der scharfen Kritiken zeigen diese einhelligen Reaktionen auf Holbachs „System der Natur“ gerade in ihrer Ablehnung jedoch, wie sehr seine Philosophie im aufklärerischen Denken der damaligen Zeit verhaftet war, wobei er dieses Denken in seiner antireligiösen Radikalität nur konsequent zuspitzte. Diderot und d´Alembert mussten sich schon mit ihrer „Enzyklopädie der Wissenschaften, Künste und Gewerbe“ gegen einen staatlichen, aber vor allem kirchlichen Widerstand durchsetzen. Jedoch war die Enzyklopädie nicht ein atheistischen Werk, sie lässt sich eher als Werk eines gewissen religiösen Skeptizismus beschreiben. Selbst Voltaire war, im Sinne Holbachs, inkonsequent, da er zwar eine scharfe Kritik des Christentums und der Kirche formulierte, gleichzeitig aber Religionslosigkeit und Atheismus mit gleicher Entschiedenheit

verdammte und seine Kritik (an einer christlichen und kirchlichen Moral und Ethik) immer im Sinne einer Vernunftreligion gewissermaßen abmilderte.

Der oben zitierte Satz aus der Einleitung der Enzyklopädie von Diderot und d´Alembert lässt sich also gut als philosophischer Grundsatz von Holbach denken, dessen Aussage er in seiner Radikalität erkannte und in seinen Werken ausformulierte: Die Aufklärung an sich lässt sich dadurch charakterisieren, dass sich in ihr eine Art Glaubenswandel vollzogen hat. Dieser Glaubenswandel bedeutete einen Wandel der Art und Weise des Glaubens, selbst für diejenigen, die glaubten, d.h. es wurden zum erstenmal Schlüsselfragen zur Rechtfertigung des Glaubens gestellt, und es wurden vor allem zum erstenmal Schlüsselfragen zur Rechtfertigung des moralischen Glaubens bzw. moralischer Vorstellungen gestellt. In der Aufklärung kam es also zu einer Trennung des Moralischen vom Theologischen, wodurch es nötig wurde, eine rationale, auf der Vernunft des Einzelnen basierenden, Rechtfertigung des Glaubens und der Moral zu leisten. Dies schien das zentrale Projekt der Aufklärung zu sein, denn gerade diese Trennung machte es nötig, grundlegendste Prämissen moralischer Vorstellungen oder Urteile neu zu bewerten und zu überprüfen. Vor der Aufklärung wurden diese Prämissen nämlich als Ausdruck eines von Gott gegebenen Gesetzes verstanden und akzeptiert, nun mussten sie rational bzw. mittels der Vernunft und der Urteilskraft beurteilt und begründet werden. Die Moralphilosophen der Aufklärung befassten sich so aber mit einem zwangsläufig erfolglosem Vorhaben: Denn einerseits versuchten sie, eine rationale Basis für ihre moralischen Überzeugungen in einem besonderen Verständnis der menschlichen Natur zu finden, andererseits jedoch übernahmen sie einfach einen Bestand an moralischen Gesetzen, der in einem (voraufklärerischen) Theismus fußte, den die Aufklärer eigentlich grundsätzlich ablehnten, ohne Gott aber an sich abzulehnen, und der auch eine vollkommen andere Sicht der menschlichen Natur und der menschlichen Vernunft bzw. eigenen Autorität implizierte. Für Holbach war ein Ausweg aus dieser Krise des moralischen Denkens nur darin zu finden, dass er seine Moralvorstellungen auf einen materialistisch fundierten Atheismus gründete, um so einen strikt materialistischen Tugendbegriff entwickeln zu können. Mit dem Ziel der Begründung einer natürlichen, auf den Gesetzmäßigkeiten der Natur, d.h. auf seiner materialistischen Konzeption von Natur, basierenden vernünftigen Moral versuchte er, den empirisch nicht abzusichernden Glauben an einen Gott als einzige Ursache und Bewegung aller Dinge zu zerschlagen. Das bedeutete also zum einen die scharfe und konsequente Ablehnung jeglichen Glaubens an ein „höheres Wesen“, auf dem sich dann eine Ethik oder Moral gründen könnte. Zum anderen bedeutete seine streng materialistische Deutung des Menschen aber auch eine apodiktische Ablehnung des philosophischen Denkens seiner aufklärerischen Zeitgenossen, die immer noch in theistischen Kategorien dachten.

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Details

Titel
Holbach. System der Natur oder von den Gesetzen der physischen und der moralischen Welt.
Hochschule
Hochschule Darmstadt
Veranstaltung
SUK Philosophische Ethik
Note
1
Autor
Jahr
1997
Seiten
9
Katalognummer
V108330
Dateigröße
345 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Holbach, System, Natur, Gesetzen, Welt, Philosophische, Ethik
Arbeit zitieren
Tamara Hauer (Autor), 1997, Holbach. System der Natur oder von den Gesetzen der physischen und der moralischen Welt., München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/108330

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