Sozialisation und Geschlechterdifferenz


Seminararbeit, 2003

17 Seiten, Note: 2,7


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Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Sozialisation -Erzeugung von Geschlecht?
1. Sozialisation theoretisch
1.1 Definitionen
1.2 Primäre Sozialisation
2. Geschlechtsspezifische Sozialisation
2.1 Geschlechtsunterschiede
2.2 Familie
2.3 Exkurs: Sprachstile
2.4 Erziehung in öffentlichen Einrichtungen

III. Fazit

I. Einleitung

Was ist Sozialisation? Wie werden Menschen? Und warum gibt es diesen Unterschied zwischen Menschen, genannt „Geschlecht“? Um diese Problemfelder erfassen zu können, werde ich zunächst die theoretischen Grundlagen der Sozialisationsforschung, angelehnt an das bahnbrechende Buch von Berger und Luckmann, erörtern und so Grundbegriffe und Hauptmotive aufzeigen. Danach gehe ich der Untersuchung der praktischen Unterschiede in der Sozialisation von Mädchen und Jungen nach. Dabei versuche ich, die gängigen Theorien und Ideen kurz wiederzugeben.

Diese Arbeit konzentriert sich -auch aus Platzgründen- auf die primäre Sozialisation und bearbeitet die sekundäre Sozialisation nur am Beispiel der schulischen Erziehung.

Ein Großteil der Forschung ist leider veraltet oder geht von veralteten Daten aus. Somit können die meisten meiner Schlüsse für die 1960er oder 1970er gelten, aber kaum noch für das 21. Jahrhundert. Beachtenswert ist das Buch von Hagemann-White, das leider erst Anfang der 1980er geschrieben wurde -und so etwas überholt ist- das Thema aber relativ kurz und dennoch umfassend wiedergibt. Ebenfalls gut geeignet und aktuell ist der Artikel von Faubstiel-Wieland in der Anthologie von Scarbath, Schlottau, Straub und Waldmann. Eine umfassende Neubearbeitung dieses Themenkomplexes ist dennoch auf jeden Fall wünschenswert.

II. Sozialisation -Erzeugung von Geschlecht?

1. Sozialisation theoretisch

1.1 Definitionen

Die Sozialisation ist die phasenweise Anpassung eines Individuums an gesellschaftliche Rollen- und Verhaltenserwartungen, weiterhin ein Prozess, in dem der Mensch zu einem gesellschaftlich handlungsfähigen Subjekt wird. Sie ist „die grundlegende und allseitige Einführung des Individuums in die objektive Welt einer Gesellschaft oder eines Teiles einer Gesellschaft...“[1].

„Sozialisation geschieht in einer aktiven Auseinandersetzung mit seiner materiellen wie sozialen Umwelt.“[2] Weiterhin kann man sagen, dass Sozialisation wechselseitig ist, dass auch die Sozialisationsinstanzen „sozialisiert“ werden.

„Erziehung und Sozialisation bezeichnen die Prozesse, aufgrund derer die „Barbaren“ Mitglieder der Gesellschaft werden, in die sie hineingeboren sind.“[3] Der Mensch ist also nicht von Geburt an ein Mitglied der Gesellschaft, sondern muss erst dazu gemacht werden. Aber der Mensch ist nicht unfähig zu lernen, er hat die Disposition zur Internalisierung äußerer Vorgänge. Durch sie kann er lernen und sich anpassen:. Internalisierung definieren Berger und Luckmann wiederum als „das unmittelbare Erfassen und Auslegen eines objektiven Vorgangs oder Ereignisses, das Sinn zum Ausdruck bringt, eine Offenbarung subjektiver Vorgänge bei einem anderen also, welche auf diese Weise für mich subjektiv sinnhaft werden.“[4]

Die Sozialisation festigt also die Entwicklung des Menschen zu einer autonomen Persönlichkeit, dessen „Autonomität“ man wiederum anzweifeln kann. Ohne Sozialisation kann ein Mensch nicht leben, und ohne Sozialisation kann er Unterwerfung, ebenso wenig wie Eigenständigkeit lernen.

Die Sozialisation -wie auch immer sie definiert wird- geschieht durch Sozialisationsinstanzen. Die primäre Sozialisation -die in der Kindheit stattfindet- wird durch die Familie vollzogen. In dieser Phase lernt der Sozialisierte die elementaren sozialen Regeln.

Untersysteme der Sozialisation sind Erziehung und Bildung, wobei die Erziehung ein engerer Begriff ist als die Sozialisation, die die Gesamtheit der Lebensumstände umfasst und nicht nur absichtliche Maßnahmen.

Das Lernen in der Sozialisation ist nicht nur intentional, sondern auch selektiv. So kann man die Sozialisation eine lebenslange selbstgesteuerte Konstruktion nennen.

Früher sah die Forschung das Ziel der Sozialisation in der Anpassung an die Gesellschaft, deren Homogenität und Sicherheit aufrecht erhalten bleiben sollte. Die aktuelle Forschung sieht als Ziel die Mitgliedschaft in der Gesellschaft und hat somit einen Wandel hin zum Individualismus vollzogen („Wir leben nicht nur in derselben Welt, wir haben beide teil an unser beider Sein.“).

1.2 Primäre Sozialisation

Mit der primären Sozialisation werden die Thesen und Theorien der kindlichen Bezugspersonen -der signifikanten Anderen- als einzig wahre, als einzig wirkliche Welt im Geist der Sozialisierten festgeschrieben. Anfangs sind sie unzweifelbar, unausweichlich richtig -nie wieder wird ein Weltbild so richtig sein- auch im weiteren Leben bleiben sie beherrschend. Diese Thesen werden immer vorhanden sein, fraglich ist nur, ob der Sozialisierte mit ihnen oder gegen sie lebt, ob er das Erbe seiner Eltern, ob er ihre Welt weiterführt oder sich alternative Welten erschließt, vielleicht selbst bildet.

Die primäre Sozialisation wird geleitet durch die signifikanten Anderen, „Ihre Bestimmungen seiner [der des Sozialisierten] Situation sind für ihn als objektive Wirklichkeit gesetzt.“[5] Somit ist der Sozialisationskandidat seinen signifikanten Anderen beinahe völlig ausgeliefert..

Die Definition der Wirklichkeit wird aber im Laufe der Übermittlung von den signifikanten Anderen variiert, „So wird die gesellschaftliche Welt für das Individuum doppelt gefiltert.“ Also wird die Welt sowohl durch das Sieb der Subgesellschaft der sozialen Schicht, als auch durch die individuelle Sicht der signifikanten Anderen gefiltert. Um das möglich zu machen -und gerade durch diese Filterung (vielleicht auch Schutzfunktion)- wird eine starke Gefühlsbindung an den signifikanten Anderen geschaffen bzw. besteht schon.

„Durch seine Identifikation mit signifikanten Anderen wird er fähig, sich als sich selbst und mit sich selbst zu identifizieren, seine eigene subjektiv kohärente und plausible Identität zu gewinnen.“ und so sein Selbst zu bilden, ein „reflektiert-reflexierendes Gebilde“

„Der Mensch wird, was seine signifikanten Anderen in ihn hineingelegt haben.“. Es herrscht ein Wechselspiel zwischen Selbstidentifikation und Identifikation durch andere. Aus dem von außen und dem von innen in die Person Hereingelegten entsteht also die Person, das Selbst.

„Das Kind lernt zu sein, wen man es heißt.“[6]. So erlangt es seinen Platz in der Welt, von dieser Basis aus lernt es, sich diese Welt anzueignen, mehr zu werden als die Leibnitzsche Monade, ohne Kontakt nach außen. Auf eine so winzige Person reduziert, findet es erst die Möglichkeit, sich seine Welt zu erobern -falls es stark genug dazu ist.

Dann erfolgt der Übergang zum speziellen Anderen und damit eine Hinwendung zu Rollen und Normen, die schließlich durch den generalisierten Anderen dargestellt werden. Jetzt erst werden die beobachteten Verhaltensweisen verallgemeinert, jetzt erst kommt es zu einer Objektivierung der -bis dahin rein subjektiven- (Um-)Welt. Das Kind kann sich jetzt mit der Gesellschaft identifizieren, es sieht die Welt jetzt wie jeder andere (wenn man von der Art der Wahrnehmung ausgeht) und doch völlig anders (wenn man von den Inhalten der Wahrnehmung ausgeht).

Durch Sprache, dem wichtigsten Inhalt und zugleich wichtigstes Instrument der Sozialisation, wird der generalisierte Andere herauskristallisiert und eine Symmetrie zwischen subjektiver und objektiver Wirklichkeit (die allerdings niemals vollkommen sein kann). Die objektive Wirklichkeit kann nämlich nicht genug internalisiert werden, was wiederum an der gesellschaftlichen Zuteilung von Wissen liegt, die es unmöglich macht, jede einzelne Subsinnwelt zu kennen, das Vokabular jedes Spezialisten zu verstehen.

„Das subjektive Leben ist nicht völlig gesellschaftlich. Der Mensch erlebt sich selbst als ein Wesen innerhalb und außerhalb der Gesellschaft.“ Und das ist der wahre Zwiespalt des Menschen. Er kann nicht mit der Gesellschaft leben -und nicht ohne sie. So kann er niemals ganz ohne Zweifel und Verworfenheit unter seinen Mitmenschen leben. Der Mensch ist nun einmal „im Werfen geworfen“ ohne Anfangs- und nur mit dem einen ewigen Endpunkt, wie es schon Heidegger festgestellt hat.

Es gibt also stetige Wechselwirkungen zwischen dem Innen und dem Außen im Menschen, die vielleicht Wandel erst möglich machen.

Die signifikanten Anderen sind -verständlicherweise- nicht auswählbar. So wird die Sozialisation von den Erwachsenen bestimmt. Dadurch wird die Welt der signifikanten Anderen zur Welt schlechthin für das Kind. „Darum ist, was an Welt in der primären Sozialisation internalisiert wird, so viel fester im Bewusstsein verschanzt, als Welten, die auf dem Wege sekundärer Sozialisation internalisiert werden.“ Die Welt der Kindheit ist zweifelsfrei wirklich, sie ist das sichere Paradies, in das sich viele zurückwünschen werden. Und durch die Fixierung auf den signifikanten Anderen ist sie leichter und verständlicher als spätere Welten.

Aber: „Die primäre Sozialisation arbeitet mit Konsequenzen, die gesellschaftlich festgesetzt sind.“ „Die meisten Programme bestimmen auch wohl, was Mädchen und was Jungen lernen müssen“[7] Die Sozialisationsprogramme sind also nach Geschlecht, Alter und sozialer Schicht unterschiedlich. Sie wandeln sich mit der Entwicklung der Sozialisierten und haben verschiedene Ausgangspunkte abhängig von ihren Ausgangspunkten.

Legitimationen müssen oft vereinfacht -und damit verfälscht- werden, um den Kindern begreifbar gemacht zu werden. Teilweise werden sie ins Mystische übertragen und so ein geeigneter Nährboden für Neurosen geschaffen.

Die primäre Sozialisation findet ihr Ende mit der völligen Internalisierung des generalisierten Anderen. Der Sozialisierte wird ein „nützliches Mitglied der Gesellschaft“. An diesem Moment beginnt die sekundäre Sozialisation, die in erster Linie die Übernahme neuer Rollen und den Eintritt in neue Subsysteme bedeutet. Dennoch: „Sozialisation ist niemals total und niemals zu Ende.“[8]

2. Geschlechtsspezifische Sozialisation

2.1 Geschlechtsunterschiede

Um Geschlechtsunterschiede untersuchen zu können, müssen zuerst einige sich empirisch ergebende Prämissen getroffen werden: „Es gibt kaum ein Verhalten, das ausschließlich bei einem Geschlecht vorkommt...“. Auch bemerkenswert ist, „...daß die Variation innerhalb eines Geschlechts auf jeden Fall größer als die Differenz zwischen den Mittelwerten für jedes Geschlecht ist.“ „Weit ausgeprägter sind die Leistungsunterschiede [in der Schule] nach sozialer Schicht des Elternhauses.“[9]

Die ältere Forschung hat eindeutige Ergebnisse bezüglich der Notwendigkeit der Übernahme geschlechtsspezifischer Rollenmuster, die auch gesundheitlich nötig war: „Gestützt auf einige klinische Beobachtungen wurde die Übernahme geschlechtsspezifischer Verhaltensweisen als entscheidende Bedingung für die Entwicklung einer gesunden Persönlichkeit angesehen.“ So wurde ein sex-typing, ein Auferziehen der für natürlich empfundenen Geschlechtsrolle in alle Schichten der Gesellschaft getragen und konnte durch spätere Forschung kaum mehr revidiert werden. „Die Behauptung, daß die Entwicklung geschlechtstypischer Einstellungen und Verhaltensweisen eine grundlegende Bedingung für eine gesunde Persönlichkeitsentwicklung sei, wurde im Hinblick auf die Übernahme der weiblichen Rolle schon ziemlich früh in Frage gestellt.“[10]. Die weibliche Rolle genießt auch -und gerade- in der Sozialisation ein geringeres Prestige. Die Inhalte dieser Rolle -Mütterlichkeit, Häuslichkeit, Attraktivität- können nicht beitragen zu prestigeträchtigen Bereichen der Gesellschaft wie Beruf, Politik, Kultur. Ist die Erfüllung der -zumindest der weiblichen- Geschlechtsrollenerwartungen also wirklich eine gesunde Entwicklung? Vielmehr scheint die Übernahme der weiblichen Rolle problematisch! Eine Neudefinition der eigenen Rolle ist aufgrund der übermächtigen primären Sozialisation mit ihren unzweifelbaren Wahrheiten kaum möglich.

Aber auch die männliche Geschlechtsrolle weist Probleme auf: Die Jungen müssen ihr Identifikationsobjekt (nicht ihren signifikanten Anderen!) schon früh wechseln. Die Mutter, die in der frühesten Kindheit die Welt des Jungen war, muss dem Vater, der unbekannten Männlichkeit, weichen. Dieser Wechsel erzeugt einen enormen emotionalen Stress. Das Geschlechtsrollentraining beginnt bei den Jungen sehr früh und bedeutet eigentlich nur die Vermeidung von atypischem Verhalten. Interessanterweise wird diese Rollenandoktrinierung meist von Frauen -also gerade den zu vermeidenden Rollenträgern- durchgeführt. Feminine Attribute werden tabuisiert, so entsteht wiederum ein Handicap für die Jungen.

„Zum männlichen Geschlechtsstereotyp gehört aggressives und raues Verhalten, welches im Sport herausgebildet und gefördert wird.“ Dieses Verhalten gipfelt bisweilen in „rituellen Niedermachungen“[11], die die Selbstabgrenzung erleichtern. Diese Sanktionen bedingen, dass Grenzüberschreitungen (hin zum anderen Geschlecht) bis zu einem gewissen Alter auf beiden Seiten Ausnahmen bleiben.

Gibt es Geschlechtsunterschiede von Natur aus? Dass die Verhaltensweisen determiniert sind, glaubte die Wissenschaft bis etwa 1950. Sie verwarf diese Vorstellungen dann; große Teile der Allgemeinheit akzeptierten sie allerdings. Diese Thesen lassen sich bei Tieren beobachten, aber keinesfalls auf Menschen übertragen. So lässt sich folgern, „daß nach den bisher vorliegenden Erkenntnissen die These von der absoluten biologischen Bedingtheit der physischen Geschlechtsunterschiede nicht aufrecht zu halten ist.“[12]

Sex-typing könnte man kurz und radikal zusammenfassen: „Mittel und Wege geschlechtstypischer Erziehung vermitteln der heranwachsenden Generation vor allem, daß das gleiche Verhalten unterschiedliche Bedeutung hat, je nachdem ein Junge oder ein Mädchen es tut.“[13] Geschlechtsspezifische Erziehung ist dann aber doch noch ein wenig komplexer. „Was als weiblich oder männlich gilt, ist für verschiedene Altersgruppen unterschiedlich definiert.“[14] So erfolgt eine Änderung des Selbstbildes und der Bedürfnisse bei den Sozialisierten. Erziehung ist also altersspezifisch in ihrer Wirkung.

Durch eine künstliche Grenzziehung zwischen den Geschlechtern im Zuge einer „Vereinfachung“ des (aufgezwungenen) Selbstbildes der Sozialisierten werden Gegensätze konstruiert. Erst so wird es möglich, „Männlichkeit“ oder „Weiblichkeit“ zu schaffen und „Geschlecht“ zu erzeugen. „Geschlechterbezogene Sozialisation erfordert von den Kindern, Weibliches und Männliches als Oppositionelles zu erfassen.“[15]

2.2 Familie

Es ist empirisch nicht prüfbar, ob und inwieweit die Übernahme von Rollenverhalten von den Eltern abhängig ist. Vielmehr sind Sozialisationsvorgänge von Wechselwirkungen und ständigen Fluktuationen geprägt. So „ist es schwierig, den Anteil der Erwachsenen und den Anteil der Kinder an dem gegenseitigen Sozialisationsprozess genau auszumachen.“

„Relativ gut belegt ist inzwischen die Tendenz von Erwachsenen, unterschiedliche Wahrnehmungen und unterschiedliche Erwartungen bei weiblichen und männlichen Kindern zu bilden.“ Also wird das eigene Verhalten am Geschlecht des jeweiligen Kindes ausgerichtet und dadurch, dass bestimmtes Verhalten als geschlechtsspezifisch gewertet wird, eine geschlechtsspezifische Erziehung von Anfang an legitimiert. Äußerungen des Kindes werden gemäß seinem Geschlecht gedeutet und so schon früh etikettiert.

„Langfristig haben die Eltern die sozialen Normen zu vermitteln, gleichzeitig und gewissermaßen im Austausch dafür schaffen sie einen Raum, in dem diese Normen ausgesetzt oder in der Schwebe gehalten werden.“[16] So bildet der Raum der Erziehung eine Pufferzone, in der die Auswirkungen nicht unmittelbar sind. So wird Fehlverhalten der Kinder nicht mit voller Härte sanktioniert, um erst ein Lernen der Regeln zu gewährleisten. Diese Pufferzone existiert meist nur im Haus. Weiterhin wird sie von beiden Seiten eingehalten, was man am Unwillen von Jungen bei Zärtlichkeiten in der Öffentlichkeit sehen kann.

Auch und gerade die Kinder orientieren sich zunehmend nach außen, um so weitere Erfahrungen und Eindrücke kennen lernen zu können.

Empirisch belegbar ist, dass Väter deutlicher und absichtsvoller auf geschlechtstypisches Verhalten der Kinder dringen als Mütter. Sie bevorzugen in der Regel die Söhne, frustrieren somit das Interesse der Töchter, das nach Freud eher auf den Vater als auf die Mutter gerichtet ist.

Bei Beachtung des Erziehungsverhaltens der Väter ist wichtig zu sehen, dass ihr Verhalten nach dem Lustprinzip erfolgt; der Eingriff wird nur als Hilfe betrachtet. Nachgewiesen ist ebenfalls, dass die Zuwendung des Vaters emotional wichtiger ist. Vielleicht ist sie gerade deshalb von den Kindern so hoch geschätzt, weil sie nur selten ist und nicht wie die der Mutter alltäglich. Diese Thesen bedürfen einer Überprüfung mit einer aktuellen Studie.

Festzuhalten bleibt, dass Väter geschlechtsbezogen, während Mütter individuumsbezogen handeln.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist der der Beaufsichtigung. Wegen einer Angst vor sexuellem Missbrauch werden Mädchen meist weniger außerhalb der Wohnung gelassen. Durch diese Einschränkung der Freiheiten kann die Familie -und in der Regel die am meisten anwesende Person: die Mutter- höhere Kontrolle ausüben und Normen direkter übertragen. Diese Einschränkungen treten aber erst mit höherer Mobilität auf, das heißt mit der Einschulung. Im Vorschulalter genießen die Kinder vergleichbare Freiheiten. „Einschränkungen der Eigenständigkeit werden nicht geschlechtsspezifisch unterschiedlich gehandhabt.“.

Bei Mädchen können die (späteren) Einschränkungen zu der Ansicht führen, dass die Welt draußen gefährlicher ist („...bleibt eine altersmäßige Weiterentwicklung des Zutrauens zu sich aus.“[17] ). Jungen hingegen werden stärker durch die peer-group beeinflusst und haben generell mehr soziale Kontakte.

„Es ist aber anzunehmen, daß die kontinuierliche Aufsicht die Bildung stabiler Gruppenzusammenhänge unter den Mädchen verhindert, da in den jeweiligen Wohnungen selten mehr als ein oder zwei Kinder zu Besuch sein können der Weg nach außerhalb jedoch eher im Kontext zielbezogener Gruppen [...] steht.“

Die Gruppe erlangt im Grundschulalter jedoch nie die Bedeutung der Eltern, sie kann keine eigene Sicherheit geben und die Eltern erst recht nicht ersetzen.

Aggressionen sind gelernt. Vor allem in Familien, in denen die Erziehung über Strafen gehandhabt wird, neigen die Kinder zu auffälligem Verhalten. Es ist erwiesen, „daß Jungen eindeutig mehr geschlagen werden.“[18] Dazu kommt die häufige zu schnelle Entwöhnung von körperlichem Kontakt. Zusätzlich verstärkend wirkt der Einfluss von außen durch Medien oder außerfamiliäre Kontakte. Festzuhalten bleibt, dass Jungen eher aggressives Verhalten zeigen als Mädchen.

Eine weitere Verschärfung der Unterschiede zwischen den Geschlechtern könnte durch die unterschiedliche Ausstattung mit Spielzeug bedingt sein. Jungen erhalten nach Untersuchungen mehr und verschiedenes Spielzeug, das zudem oft zusammenzubauen ist. Das der Mädchen ist dagegen nett und hübsch. So haben die Jungen ein Erfolgserlebnis, das zu mehr Unabhängigkeit führt, die Mädchen aber werden in die Abhängigkeit getrieben. Auch diese These sollte an neueren Untersuchungen überprüft werden.

2.3 Exkurs: Sprachstile

Zur Untersuchung von Sozialisation ist die Untersuchung von Sprache -nach Berger/Luckmann der wichtigste Inhalt der Sozialisation- fundamental. Männer bedienen sich eher eines „öffentlichen“ Sprachstils, der stark kontrolliert und formalisiert ist, Sachverhalte möglichst rational und rationell wiedergeben soll. Frauen hingegen verwenden einen „reziproken“ Sprachstil, so sprechen sie mit ihren Töchtern über Gefühle, ihre Söhne regen sie aber zum Nachdenken an. Auf diese Weise erziehen sie ihren Kindern unbewusst den jeweiligen Stil an und erschweren ihnen Kommunikation in Institutionen.

Im Kindergarten wird fast ausschließlich -obwohl fast nur Frauen dort arbeiten- der männliche Stil verwendet. So wird der weibliche Stil zunehmend frustriert. In der Schule wird diese Entwicklung fortgesetzt.

Bei Frauen wird durch ihren geschlechtsspezifischen Sprachstil Fürsorglichkeit anerkannt, während Leistung ignoriert oder gar als „unweiblich“ sanktioniert wird. Es kann kein Technikinteresse entstehen, da die Mütter es nicht vermitteln können. Solcherlei Neigungen werden nicht nachhaltig unterstütz, können es nicht werden. Diese sprachliche Determinierung führt zu einer gewissen Ähnlichkeit aller Frauen in ihren Fähigkeiten und Interessen.

2.4 Erziehung in öffentlichen Einrichtungen

Für die Erziehung in öffentlichen Einrichtungen sind Gruppenentscheidungen entscheidend. Die Behandlung der Kinder wird differenziert, die Komplexität der Erziehungssituation wird durch die Anwendung des Geschlechterprinzips -also die Gruppenbildung nach Geschlecht- reduziert. Die Kinder werden nach dem auffälligsten Differenzkriterium, ihrem Geschlecht, etikettiert und so werden künstliche Bezugsgruppen gebildet. Die Kinder orientieren sich an den Mitgliedern dieser Gruppe, da sie mit ihnen wohl etwas gemeinsam haben.

Zu überprüfen bleibt, ob man von einer Diskriminierung in den Schulbüchern, die nur die Jungen motivieren, sprechen kann.

Erwiesen ist, dass Jungen im Unterricht generell mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird. So wird die unterschwellige Botschaft verbreitet, dass Jungen wichtiger sind. Diese Aufmerksamkeit ist allerdings nicht nur positiv, das Lehrerverhalten richtet sich vielmehr nach der Erwartung aus, dass Jungen aggressiver sind und mehr Lernschwierigkeiten haben.

Der Widerstand gegen die schulische Disziplin wird in der peer-group -und vielfach auch von den Vätern- als Männlichkeitsbeweis gewertet, da er gegen die Weiblichkeit -in Gestalt der Schule- stattfindet: „daß die Definition der Autorität der Schule als weiblich ein wesentlicher Faktor in der Sozialisation von Männlichkeit ist.“ Diese Geschlechtszuordnung könnte man damit erklären, dass die meisten Lehrer an der Grundschule Frauen sind. „Die Schule wirkt [also] als kompensatorische Einrichtung für männliche Kinder.“[19]

Mädchen hingegen werden für allgemein lernbegieriger gehalten, was allerdings gerade negative Folgen hat. „ Gerade weil Mädchen sich reibungsloser in die Schule einpassen, wird ihnen dies [Zutrauen in die eigene Leistung] weniger beigebracht.“[20] Diese Art der Vernachlässigung innerhalb der schulischen Erziehung führt gerade zu stärkerer Hilflosigkeit und einem Mangel an Selbstvertrauen. Bei Jungen kann davon nicht die Rede sein.

III. Fazit

Durch Sozialisation wird man erst Mensch, durch sie kann man erst sinnhaft handeln in der allgemeinen Welt. Aber um diese Handlungsfreiheit zu gewährleisten, müssen Regeln aufgestellt, Ideale geschaffen und Wunschbilder anerzogen werden, die -um für ein Kind verständlich zu sein- vereinfacht werden müssen. Diese Inhalte schaffen zwar die Basis, von der aus der Sozialisierte die Welt erobern kann, sie reduzieren ihn aber auch auf gerade diese Minimalausstattung an Normen. Der Mensch wird etikettiert. Nur so kann er von seiner Umgebung, von seinen signifikanten Anderen begriffen -und erzogen- werden. Das offensichtlichste Differenzmerkmal, nach dem man etikettieren kann, ist aber das Geschlecht. Was in der Schule fortgeführt wird, findet seinen Anfang kurz nach -oder meist schon vor- der Geburt, dadurch, dass der Arzt das Geschlecht des Kindes erkennt und es so in eine bestimmte Rolle -die erste Rolle überhaupt presst.

Das Kind ist sein Geschlecht. Von Beginn an werden seine Handlungen nach seinen Geschlechtsmerkmalen beurteilt und entsprechend sanktioniert. Es ist schwer, wenn nicht unmöglich; aus dieser konstruierten Rolle zu entkommen oder sich auch nur etwas zu lösen. Die Geschlechtsrolle verändert sich aber mit dem Altern des Kindes. Immer enger werden die Rahmen seiner Rolle, immer strenger wird es beobachtet, ob es auch wirklich „männlich“ oder „weiblich“ ist, will heißen, ob es sich auch wirklich so verhält, wie es seine Geschlechtsrolle von ihm erfordert.

Geschlecht ist konstruiert. Mit dieser gängigen These reihe ich mich ein in die moderne Geschlechterforschung. Ja, Geschlecht ist nur sozial wirklich, psychisch ist es antrainiert und hat keinerlei Basis. Geschlecht ist nicht mehr als eine vereinfachende Etikettierung, von nicht mehr Bestand als Haar- oder Augenfarbe. Nur gibt es keinen Ausweg aus der Falle geschlechtsspezifischer Erziehung, denn „Wir verfügen nicht über soziale Praktiken, die geschlechtslos sind.“[21] Also reagiert die Umwelt auf das Subjekt nicht aufgrund seiner Handlungen, sondern nur aufgrund seines Geschlechts.

Kann man „Geschlecht“ verlernen? Kann man aus seinem Rollenverhalten ausbrechen und etwas neues schaffen, ein neues Geschlecht, gar kein Geschlecht? Gibt es einen Ausweg aus der Etikettierung? -Nein. Zumindest keinen leichten. Die Konstruktion „Geschlecht“ ist notwendig, um die Komplexität der sozialen Welt zu reduzieren. Sie ist nötig, um Verhalten erwartbar zu machen, um Verhalten verstehbar zu machen. Aber die postmoderne Welt wird zunehmend komplexer. Vielleicht werden schon bald neue Differenzkriterien aufkommen und die alten, überkommenen Kriterien verdrängen.

Jeder ist allein. Aus seinem Rollenverhalten ausbrechen kann nur jeder für sich. Ja, vielleicht sind Psychotherapie und Selbsthilfegruppen hilfreich, aber einen neuen Weg muss jeder allein finden. Es gibt keine Musterlösung, vielleicht gibt es gar keine Lösung.

Das Ende des Geschlechts. Der Ausbruch aus dem überkommenen Rollenmuster reißt eine tiefe Lücke in das Sinnkontinuum des Individuums. Sachverhältnisse, soziale Tatsachen müssen neu bewertet werden, ein Lebenssinn muss neu entstehen.

Geschlecht ist sinnvoll, eher sinnhaft.

Literaturverzeichnis:

- Berger, Peter; Luckmann, Thomas: Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit. Eine Theorie der Wissenssoziologie, Frankfurt a. M., 1977.
- Croissier, Sigrun: Kognitive und soziale Faktoren in der Entwicklung kindlicher Geschlechtsrolleneinstellungen, Weinheim, Basel, 1979.
- Hagemann-White, Carol: Sozialisation: weiblich –männlich, Opladen, 1984.
- Faubstich-Wieland, Hannelore: Weibliche Sozialisation zwischen geschlechtsstereotyper Einengung und geschlechtsbezogener Identität, in: Scarbath, Horst, et al. (Hrsg.): Geschlechter. Zur Kritik und Neubestimmung geschlechtsbezogener Sozialisation und Bildung, Opladen, 1999.
- Schäfers, Bernhard (Hrsg.): Grundbegriffe der Soziologie, 6. Aufl., Opladen, 2000.
- Schäfers, Bernhard; Zapf, Wolfgang: Handbuch zur Gesellschaft Deutschlands, Opladen, 1998.
- Wörterbuch der Völkerkunde, begr. v. Hirschberg, Walter, gründl., überarb. und erw. Neuausg., Berlin, 1999.

[...]


[1] Berger, Peter; Luckmann, Thomas: Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit. Eine Theorie der Wissenssoziologie, Frankfurt a. M., 1977, S. 139.

[2] Faubstich-Wieland, Hannelore: Weibliche Sozialisation zwischen geschlechtsstereotyper Einengung und geschlechtsbezogener Identität, in: Scarbath, Horst et al. (Hrsg.): Geschlechter. Zur Kritik und Neubestimmung geschlechtsbezogener Sozialisation und Bildung, Opladen 1999, S. 49.

[3] Schäfers, Bernhard; Zapf, Wolfgang (Hrsg.): Handwörterbuch zur Gesellschaft Deutschlands, Opladen 1998, S. 178.

[4] Berger, Luckmann, S. 139.

[5] Berger, Luckmann, S. 140f..

[6] Berger, Luckmann, S. 141, 143.

[7] Berger, Luckmann, S. 144f., 147.

[8] Berger, Luckmann, S. 148.

[9] Hagemann-White, Carol : Sozialisation. weiblich- männlich, Opladen, 1984, S. 12, 13.

[10] Croissier, Sigrun : Kognitive und soziale Faktoren in der Entwicklung kindlicher Geschlechtsrolleneinstellungen, Weinheim, Basel, 1979, S. 11, 22.

[11] Faubstich-Wieland, S. 69.

[12] Croissier, S. 68.

[13] Hagemann-White, S. 48.

[14] Hagemann-White, S. 48.

[15] Faubstich-Wieland, S.59.

[16] Hagemann-White, S. 49-51.

[17] Hagemann-White, S. 33.

[18] Hagemann-White, S. 54, 56.

[19] Hagemann-White, S. 67, 69.

[20] Hagemann-White, S. 70.

[21] Faubstich-Wieland, S. 62.

17 von 17 Seiten

Details

Titel
Sozialisation und Geschlechterdifferenz
Hochschule
Universität Trier
Veranstaltung
Identität und Geschlecht
Note
2,7
Autor
Jahr
2003
Seiten
17
Katalognummer
V108347
Dateigröße
359 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sozialisation, Geschlechterdifferenz, Identität, Geschlecht
Arbeit zitieren
Philipp Altmann (Autor), 2003, Sozialisation und Geschlechterdifferenz, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/108347

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