Pest, Geißlerzüge und Judenverfolgungen zur Zeit der ersten Pestwelle 1347-51


Seminararbeit, 2003
16 Seiten

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Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Pest, Geißler, Judenschläger
1. Allgemeine Situation
2. Pest
3. Geißlerzüge
4.Judenverfolgungen

III.Fazit

I. Einleitung

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit Pest, Judenverfolgungen und Geißlerzügen zur Zeit der ersten großen Pestwelle im Mittelalter von 1347-51, die oft als der Kristallisationspunkt des 14. Jahrhunderts, wenn nicht des gesamten Spätmittelalters gesehen werden. Viele Veränderungen und Reformen, die sich teilweise schon lange vorher angekündigt hatten, wurden durch die Pest und die sie umgebenden Phänomene, wenn nicht endgültig ausgelöst, so doch zumindest forciert. Kann man dieses Bild des Mittelalters weiterhin halten, oder wurde die Bedeutung der Pest überschätzt? Mögliche Zusammenhänge sollen aufgedeckt, eventuelle Unstimmigkeiten innerhalb der historischen Forschung deutlich gemacht werden.

Die erste Pest und die sie „umgebenden“ Kriege und Katastrophen werden häufig als „Krise des Mittelalters“ bezeichnet. Wieweit kann man eine solche Etikettierung noch halten, gab es einen Zusammenhang zwischen der Pest und den im 14. Jahrhundert stattfindenden Neuerungen und schleichenden Reformen? Und -was hier mehr interessiert- wie stark -oder überhaupt vorhanden- ist der Zusammenhang zwischen der Pest, den Geißlerzügen und den Pogromen? Die ältere Forschung hat dazu eindeutige Theorien, die hier -soweit möglich- überprüft und an der neueren Forschung gemessen werden sollen.

Die Forschung ist zu diesem Thema insgesamt sehr divergent und widersprüchlich, es sind kaum einheitliche Schlussfolgerungen zu ziehen. Ältere Forschung war wegen heute nicht länger haltbarer Thesen und Theorien kaum verwendbar, im Gegensatz dazu hat die neuere Forschung keine einheitlichen Theoriekonstruktionen. Es stellt sich die Frage, inwieweit Sekundärliteratur für ein ambitionierteres Projekt überhaupt verwendbar ist. Eine umfassende Neubearbeitung dieses Feldes (in Größenordnung eines F. Graus) mit Widerspiegelung der gängigen Thesen und empirisch haltbaren Quellenbefunden wäre dringend wünschenswert.

II. Pest, Geißler, Judenschläger

1. Allgemeine Situation

In der Mitte des 14. Jahrhunderts ist eine generelle Häufung von Naturerscheinungen, Epidemien, Kriegen und grundlegenden Erschütterungen der Gesellschaft zu verzeichnen. Diese Phänomene wurden meist als Strafe Gottes für individuelle und -später und häufiger- kollektive Verfehlungen und „Sünden“ betrachtet. Schätzungen über Anzahl der Opfer und Ausweitung dieser Katastrophen sind jedoch aufgrund teilweise lückenhafter Quellenlage sehr ungenau.

Katastrophen waren lokal sehr unterschiedlich, selbst bei größeren Erscheinungen waren keinesfalls alle Gebiete gleich stark betroffen. Nichts desto trotz herrschte beständig die Gefahr des Hungers: „Bei den relativ geringen Ertragsquoten der mittelalterlichen Landwirtschaft bestand auch bei relativ guten Ernten stets die Gefahr einer Hungersnot“[1], „Die Gefahr einer Teuerung, einer partiellen Hungersnot war immer vorhanden“[2]. Gerade durch die Teuerung konnten Katastrophen über das Medium des Geldes auf nicht betroffene Gebiete überschwappen, ein zu langer Regen konnte einen Winter des Hungers für eine Familie, ein Dorf, eine Region bedeuten.

Nennenswert ist die große Hungersnot von 1315-1317, die weite Teile Europas ergriff und viele Opfer forderte. 1340-1350 wüteten viele „kleinere“, lokale Hungersnöte, die -nach Erkenntnissen der Forschung- die Resistenz der Bevölkerung gegen (bis dahin unbekannte?) Krankheiten schwächte. Bei Hungersnöten herrschte meist eine tiefe, endgültige Resignation und Passivität in der Bevölkerung, nur in belagerten Städten gab es gelegentlich Aufstände gegen die Nobilität.

Die 1338 und 1346 auftretenden Heuschreckenschwärme und das Erdbeben 1348 wurden eindeutig als Zeichen für das nahende Weltende gewertet.

Viele Kriege und Fehden herrschten in Frankreich und vor allem dem Deutschen Reich. Die Kriege waren von einer „Vermassung des Kriegsalltags“[3] geprägt (vor allen Dingen durch Verbreitung der Feuerwaffen), die Kriegsführung war brutal: „...eine weitgehende Vernichtung des betroffenen Gebietes, das Niederbrennen von Häusern und Feldern, das Verwüsten der Obstgärten und Weinberge, Plündern, Vergewaltigen und Moral.“[4]. Dieses Verhalten zeigten auch die Söldner des eigenen Heeres den jeweiligen Bauern und Bürgern gegenüber. Eine verdeckte Gewalt der Reichen und Mächtigen -die sowohl „recht“ als auch „unrecht“ sein konnte („gerechtfertigt“ oder nicht) -war alltäglich, wie Gewalt überhaupt: „Gewalt in verschiedensten Formen gehörte [...] im 14. Jahrhundert zum Alltag...“[5].

Gerade im Reich waren Fehden häufig: „Kriegshändel, Überfälle, Brandschatzungen waren verbreitet; auch sie gehörten vielerorts gewissermaßen zum Alltag...“[6].

In so einem rauhen Klima war der König nicht fähig -oder teilweise nicht willens- Schutz zu gewähren und für Frieden zu sorgen -was im Reich traditionell seine Aufgabe war. Also wurde -vor allem in den Städten- zur Eigenhilfe gegriffen, was -unter anderem- den Willen zur Unabhängigkeit neu auflodern ließ.

Die erste Pestwelle wurde in Europa von Pogromen und Geißlerzügen begleitet (bzw. „folgt ihnen). Es gab Verfolgungen von Ketzern und Hexen, Hinrichtungen wurden zu einem Massenspektakel.

2. Pest

Die Pest um 1349/50 war eine Beulen- bzw. Lungenpest. Es war die erste große Welle seit der justinianischen Pest, die vom 6. bis zum 8. Jahrhundert vor allem Osteuropa und den Mittelmeerraum betraf. Die spätmittelalterliche Pest wurde aus Mittelasien über den Orient und die Krim in italienische Hafenstädte eingeschleppt und breitete sich über fliehende Händler (vor allem aus Genua) schnell aus. Schätzungsweise fielen ihr in der ersten Welle ein Viertel bis ein Drittel der europäischen Bevölkerung zum Opfer.

In erster Linie waren ärmere Schichten betroffen, die nicht die Möglichkeit zur Flucht hatten und teilweise in hygienisch bedenklichen Umständen lebten. Die Pest wurde -wie die meisten größeren Katastrophen- durch Astrologie (man glaubte, dass alle menschlichen Geschicke durch die Sterne bestimmt seien oder zumindest durch sie angezeigt wurden), Himmelszeichen und Visionen erklärt bzw. „vorausgesagt“. Die erste Pestwelle wirkte -im Gegensatz zu den folgenden- wie ein Schock. Eine derartig umfassende Katastrophe, gegen die es kein Hilfsmittel zu geben schien, war völlig unbekannt. Auch -und gerade- diese Katastrophe wurde als Strafe Gottes für die Sünden der Menschheit empfunden, was zum Entstehen radikaler Bußbewegungen wie die der Geißler beitrug. Manche suchten nach Verantwortlichen für die Seuche, eine Kollektivschuld befriedigte sie nicht. Bald kamen die Gerüchte auf, die Pest sei eine Vergiftung durch Menschenhand, Brunnenvergiftungsgerüchte verbreiteten sich rasch. Zu untersuchen bleibt, in wie weit diese Geschichten akzeptiert wurden. Ansteckungen wurden durch das Entstehen von „Schlechter Luft“ erklärt, wodurch die –vorerst individuelle- Strafe endgültig zu einer Strafe der gesamten Menschheit wurde.

Nach der ersten Welle wurde vielfach eine Wende der Menschheit zum Schlechteren vermutet, was die zeitgenössischen Chronisten aus einer Vermehrung des Geizes und einer starken Verminderung der Mildtätigkeit ablesen zu können glaubten. Die vielbeschworene „Zäsur des Mittelalters“ blieb durch die demographische Umverteilung des Landbesitzes nur wirtschaftlich, selbst demographische Einbußen wurden in erstaunlich kurzer Zeit ausgeglichen. Längerfristige Auswirkungen auf die Geisteshaltung sind nicht zu verzeichnen. So wird fragwürdig, was in der Forschung als Fakt gilt: „Als wesentliche Ursache, in jedem Fall aber als Katalysator dieses „krisenhaften Charakters des europäischen Spätmittelalters“ werden die

Pestseuchen betrachtet...“[7]. Es bleibt zu vermuten, dass sich viele der Umwälzungen oder Ausschreitungen -die sich meist schon vorher angekündigt hatten- auch ohne die Pest bald ereignet hätten.

Im Nachhinein wurde die Pest -vor allem von den zeitgenössischen Autoren- nur noch als eine Katastrophe unter anderen betrachtet, die keine längerfristigen Umbrüche auslöste.

Immerhin bleibt zu sagen, dass die Pest die von Katastrophen und Kriegen erschütterte Atmosphäre weiter verschärfte: „Der Schrecken des Pestalltags stellte für die menschliche Solidargemeinschaft eine Bewährungsprobe dar. [...] Die Pest demaskierte zahlreiche soziale Probleme.“[8]. Es ist eine allgemeine „Brutalisierung des Alltags“[9] zu verzeichnen, die das Vertrauen in die Obrigkeit unterhöhlt, die offensichtlich nicht mit der Pandemie umgehen kann.

Bemerkenswert ist, dass sowohl die Judenverfolgungen als auch die Geißlerzüge schon von den Zeitgenossen als unmittelbare Reaktion auf die Pest betrachtet wurden. Eine derartige Quellenlage würde teilweise konstruierte Verbindungen der älteren Forschung erklären.

3. Geißler

Die Geißlerbewegung stammt aus Italien, wo sie im 13. Jahrhundert von dem Bußbruder (?) Raviero Fasani ins Leben gerufen wurde. Flagellanten praktizierten öffentliche Geißelung als Buße für die Sünden der Welt. Es gab keinerlei Institutionalisierung, aber eine starke Reglementierung (z. B. Kleidungsvorschriften). 1260 verbreitete sich die Bewegung in ganz Mittelitalien und wurde anschließend von Bruderschaften übernommen. Ab 1348 gab es mit der Hoffnung auf Aufschub des Jüngsten Gerichts und Furcht vor der unmittelbar bevorstehenden ewigen Verdammnis neue und besondere Züge der Spiritualität.

In Mittel- und Nordeuropa verlief die Geißlerbewegung 1260/61 analog zu Italien: „Häresieverdacht und Kirchenfeindlichkeit führten bald zu Verboten und Verfolgungen durch weltl. und geistl. Obrigkeiten...“[10]. Nach 1260 fanden nur noch selten, im Falle besonderer Katastrophen, Züge statt.

Mit der großen Pest erlebten die Geißler eine Ausbreitung in nicht gekanntem Ausmaß. Es herrschte ein großer Zulauf aus der Bevölkerung. Alle Schichten, selbst Frauen und Kleriker waren willkommen und beteiligten sich auch. Zu dieser Zeit waren die Geißler eindeutig gegen die Pest gerichtet und kamen ihr chronologisch (ebenso wie den Judenverfolgungen) meist zuvor: „Als Massenbewegung gegen den Pesttod gingen die Prozessionen der F. in der Regel der Verbreitung der Pest voraus.“[11] Die Pest war überhaupt das entscheidende Moment der Geißler: „...die Geißler brachten die Pest mit den Sünden der Menschheit in unmittelbaren Zusammenhang und versuchten sie durch blutige Bußübungen zu bannen.“[12] 1349 endete diese Bewegung wegen Gegenmaßnahmen der weltlichen und geistlichen Herren (Schließen der Stadttore, Verbote und Bußprozessionen der Kirche) und einer Verbreitung der Pest unter den Geißlern.

Interessant ist: „In der Regel hielten sich die Flagellanten in pestfreien Orten auf, um Gott um Verschonung anzuflehen.“[13], also ist eine Verbreitung der Pest unter den Geißlern (siehe oben) zumindest anzuzweifeln, bedarf aber sicher genauerer Überprüfung.

Festzuhalten bleibt, dass die Geißler die größte Massenbewegung des Mittelalters waren. Sie waren stark religiös, aber nicht von der kirchlichen Hierarchie getragen, teilweise gar gegen sie gerichtet.

Im Deutschen Reich treten die Geißlerzüge im Sommer 1349 im Südwesten auf: „Die Tätigkeit der Geißler, die in Straßburg und wohl auch im weiteren oberrheinischen Gebiet um den 8. Juli 1349 einsetzte und dort mehr als ein Vierteljahr andauerte, steht hier wie auch an anderen Orten in unmittelbar zeitlichem Zusammenhang mit dem Ausbruch der Pest.“[14] Eine antijüdische Ausrichtung ist jedoch nicht erkennbar, derartige Vorwürfe sind wohl mit einem Abwälzen der Schuld auf Fremde und einer Art Gegenpropaganda zu erklären. Die Pogrome fanden oft vor Ankunft der Geißler statt, meist bestand kein Zusammenhang: „Eine Beteiligung in anderen Städten lässt sich nirgends wirklich erweisen; sie wird in der Regel erst von späteren Chronisten erwähnt.“[15]

Bemerkenswert sind die Positionen der älteren Literatur, die bisweilen die Geißler gar als Initiatoren der Pogrome sah und sich auch auf die (bereits erwähnten) zeitgenössischen Quellen beruft: „Ein wahnwitziger Taumel hatte die Bevölkerung ergriffen; dazu wiegelten jene Scharen von Geißlern, die von Ort zu Ort zogen, sich öffentlich geißelten und zur Buße riefen, das Volk auf: unter sie hatte sich auch verkommenes Gesindel gemischt, das unter dem Schein der Frömmigkeit und Bußgesinnung Gelegenheit zu Mord und Plünderungen suchte.“[16]

4. Juden

Hier sind in erster Linie die aschkenasischen Juden, die in Frankreich und dem Deutschen Reich siedelten, zu nennen. Die Ansiedlung geschah oft auf Einladung und dem Versprechen von Schutz und Vergünstigungen hin. Innerhalb des Deutschen Reiches herrschte eine andauernde Binnenwanderung, kleine Ansiedlungen entstanden laufend und wurden wieder aufgegeben.

Verfolgungen gab es vor allem seit dem 11. Jahrhundert, die Pogrome von 1348-50 kamen also nicht völlig überraschend. Die Pestpogrome -die dazu führten, dass der im 17. Jahrhundert entstandene Begriff „Schwarzer Tod“ für die jüdischen Gemeinden (es gab hunderttausende Opfer, mehr als 350 Gemeinden wurden zerstört) eine weitere, nicht minder bedrückende Bedeutung erhielt- wurden auch durch religiöse Vorurteile, wirtschaftlich begründete Aversionen, Raubgier und vielfache Verschuldung der christlichen Bevölkerung bei Juden begünstigt: „Die Pogrome zur Zeit des Schwarzen Todes sind auf dem Nährboden erwachsen, der schon lange vorbereitet war und die Einstellung weiter Bevölkerungskreise bis hin zu den weltlichen und geistlichen Herrschaftsträgern vorgeformt hatte.“[17] Allerdings „...scheint es, daß der Schuldenerlaß kein leitendes Motiv gewesen ist.“[18]. Schuldenerlasse durch den Kaiser waren vielmehr üblich und die bestehen bleibenden Schulden (das waren die meisten) waren dann einfach an jemand anderes zurück zu zahlen.

Für die ältere Forschung war der Schuldige an den Pogromen klar: „Eine der furchtbarsten Folgen der ständig auftretenden Seuchen waren die Angst und das Entsetzen der Bürgerschaft, die nach den Urhebern der Plage suchte und sie meist in den Juden zu finden glaubte.“[19]

Die Rechte über die Juden -den Kammerdienern des Kaisers- wurden von Karl IV. und den Bischöfen weitgehend an weltliche Herren verpfändet oder verliehen, die meist außerhalb der betreffenden Stadt saßen.

Der Kaiser brauchte dringend Geld für den Thronstreit mit der wittelsbachischen Partei deren Kandidat Günther von Schwarzburg war. Dieser Konflikt ließ Karl auch nur bedingte Möglichkeiten für die Juden einzutreten. Ende Mai 1349 war er beendet. Aber: „...seine Wirksamkeit im Reich war selbst nach dem Frühsommer 1349 viel zu begrenzt, seine Einflußmöglichkeiten auf die Gestaltung der regionalen und auch der lokalen Verhältnisse war viel zu gering, um der allgemein verbreiteten, von der Angst vor der Pest, Vorurteilen und starken Interessen getragenen Pogromstimmung mit Aussicht auf Erfolg entgegentreten zu können.“[20]

Ein Problem waren weiterhin die Verantwortlichkeiten und Verpflichtungen gegenüber den Juden, da die „Judenherren“ meist außerhalb der Städte residierten, die wiederum mit den „Fremden“ (die meist gar keine waren) klarzukommen hatten: „In der allgemein verbreiteten Pogromstimmung zur Zeit des Schwarzen Todes hing das Schicksal der Juden in den deutschen Territorialstädten, in denen die Juden zumeist landesherrliche Fremdkörper inmitten der Stadt waren, von der Bereitschaft der Stadtherrschaft ab, sich für die religiöse Minderheit und wirtschaftliche Außenseitergruppe entschieden einzusetzen.“[21]

Oft gingen den Verfolgungen Gerüchte über Brunnenvergiftungen (die die Pest auslösen sollten) durch die Juden voraus, die in manchen Städten durch Folterungen bestätigt wurden. Es ist zu vermuten, dass diese Geschichten die Juden -abgesehen von ihrer Außenseiterrolle, später wurden auch Aussätzige beschuldigt, für die Juden das Gift verteilt zu haben- trafen, weil sie -aufgrund besserer Hygiene und fortschrittlicherer Medizin- anscheinend weniger stark von der Pest betroffen waren. Sie wurden der Weitergabe des Giftes an andere Judengemeinden beschuldigt und so konstruierten gewisse Kreise eine jüdische Weltverschwörung. Nur eine Instanz von Bedeutung ging entschieden gegen solche Gerüchte vor: „Papst Klemens VI. nahm in einer am 1. Oktober 1348 ausgestellten Bulle ausdrücklich gegen die Brunnenvergiftungsvorwürfe Stellung.“[22] Der Brunnenvergiftungsvorwurf wurde eindeutig instrumentalisiert, um einen legitimierenden Grund für die Verfolgungen zu haben: „Herren und Bürger ermordeten Juden, die man für schuldig hielt, das Trinkwasser zu vergiften oder sie gaben zumindest vor, sie für schuldig zu halten.“[23]

Die ältere Forschung sah die Übergriffe als Ersatz für eine soziale Revolution: „Man erschlug die Juden, meinte aber die eigene Obrigkeit.“[24]. Diese Thesen sind dringend anzuzweifeln, sie können bestenfalls als nur teilweise richtig betrachtet werden. Haverkamp stellt diese alten Theorien präzise dar: „Primäre Ursache der Judenverfolgungen während des Schwarzen Todes seien die sozialen Konfliktsituationen in den deutschen Städten gewesen. Die Pest und die Geißlerzüge hätten diesen sozialen Konflikten nur zum Ausbruch verholfen und sie zu scharf antijüdischen Reaktionen ausgerichtet.“[25] Auch die allmähliche Stärkung der Zünfte wird mit den Ausschreitungen in Verbindung gebracht: „Die Gewalttaten gegen die Juden sind gewissermaßen als Vorboten der Zunftrevolution einzustufen.“[26]. Diese Verknüpfungen sollte man nicht überschätzen, aber es gab eine entscheidende Stärkung der Zünfte, die wohl auch weitergewirkt hat. Kritik an den Räten (die oft -zumindest zu Anfang, und wenn auch halbherzig- versuchten, die Juden zu schützen) und lautwerdende Stimmen, die nach einer Verfassungsreform riefen, wurden spürbar und waren teilweise in der Mehrheit.

Die Pogrome lassen sich folgendermaßen unterscheiden: „...zwei Verlaufsformen hervortreten und voneinander abgegrenzt werden können: die spontan ausbrechenden und von Anfang an tumultuarisch verlaufenden Pogrome einerseits und die geplanten, vorbereiteten und mindestens zunächst auch geordnet verlaufenden Verfolgungen andererseits.“[27] Die spontanen Pogrome wurden oft durch liturgisch-kultisch und brauchtümliche Geschehnisse, meist Predigten von Wanderpredigern oder Bettelorden, einer starken Angst vor der Pest und natürlich den immer wieder erscheinenden Brunnenvergiftungsgeschichten ausgelöst. Es gab keine Kontrolle durch den Rat. Die geordneten Pogrome wurden oft von hochstehenden Bürgern oder Zünftlern ausgelöst und geleitet.

Es gab meist räumliche Zusammenhänge zwischen den Pogromen. Nur wenige Gegenden blieben frei von Verfolgungen, so zum Beispiel Wien, Böhmen, Geldern oder Regensburg.

Die Einstellung des Kaisers zu den Verfolgungen war äußerst ambivalent. Er schwankte zwischen Billigung und Bestrafung der Pogrome: „Schon aus rechtlichen Gründen musste sich jeder Rat gegen die Ausschreitungen stellen. Denn andernfalls mußte er mit einer Bestrafung durch den Kaiser rechnen.“[28]. In Überlingen wurden zum Beispiel 1332 400 Juden verbrannt. Daraufhin ließ der Karl IV. einen Teil der Stadtmauern einreißen und verhängte Geldstrafen. 1348/49 ging er gegen einige Städte ähnlich vor. Aber es gab viele Amnestiebriefe Karls IV., die meist wenige Monate nach den Pogromen ausgestellt wurden: „Durch die rasche Erteilung solcher Freibriefe machte sich Karl IV. selbst zum Mittäter; denn durch die Freibriefe wurden einzelne Städte geradezu ermuntert, gegen ihre jüdischen Mitbürger vorzugehen, da die Verzeihung sozusagen auf den Fuß folgte.“[29]

Die Juden sahen die Verfolgungen oft selbst -wie die Christen die Pest- als Strafe Gottes.

Sie wurden wegen Wucherns diskriminiert, einem der wenigen Geschäfte, das sie nach Ausschluss aus den Zünften noch ausüben durften. Wuchern war für Christen eine Sünde, durch die die Strafe Gottes heraufbeschworen worden war.

Interessant ist die ambivalente Zusammensetzung der „Judenschläger“: „In den meisten dieser Fälle konnten wir eine Koalition von Patriziern und Zünften feststellen, wobei sich meist die vornehmen Bürger im Hintergrund hielten, die Zünfte eine aktive Rolle übernahmen.“[30].

Bedeutsam sind noch die Judenverfolgungen an Feiertagen, die teilweise durch Predigten hervorgerufen wurden. Die Vernichtung der Judengemeinden war dann meist nicht spontan, da die Juden oft schon vorher festgesetzt waren.

Festzuhalten bleibt, dass es eine antijüdische Stimmung bereits vor der Pest gab: „Zu den Verfolgungen kam es bereits vor Ausbruch der Pest oder nach deren Abflauen.“[31]

Wieder war es der ferne Papst der als (scheinbar?) Einziger klar Stellung bezog: „Immerhin verbot Clemens VI. in einer Bulle vom 26. September 1348 Juden auszuplündern, gewaltsam zu bekehren oder ohne Gerichtsverfahren zu töten und war damit die einzige Autorität von Rang, die sich öffentlich gegen die Pogrome aussprach.“[32]

Nach den Pogromen von 1348/49 verhängten die Städte oft ein generelles Niederlassungsverbot für Juden, das allerdings meist nur wenige Jahre hielt. Viele Juden wagten es aber erst ab 1370/80 wieder in den Städten zu siedeln.

III. Fazit

Die wichtigste Erkenntnis der neueren Forschung ist zum einen, dass die Geißler zwar mit der Pest in unmittelbarem Zusammenhang standen, ja die Bewegung durch sie ausgelöst wurde, die Judenverfolgungen aber keinesfalls begünstigt oder gar ausgelöst haben. Meist gingen sie sowohl Pest als auch Pogromen voraus.

Des weiteren standen die Judenverfolgungen in keinem zeitlichen oder kausalen Zusammenhang mit dem Ausbruch der Pest Sie fanden meist einige Monate vor Ausbruch oder nach Abflauen der Pest statt. Brunnenvergiftungsgeschichten und Beschuldigung der Geißler bzw. des Pöbels dienten nur der Exkulpierung der Bürger und der Nobilität und wurden keinesfalls von der Mehrheit der Bevölkerung geglaubt. Pest und die damalige Untergangsstimmung konnten allenfalls ein Ausbrechen der Gewalt auf einen leicht gefundenen Sündenbock begünstigen. Eine Klärung der Gründe aus denen die Juden angegriffen wurden, wäre dringend erforderlich. Die schnelle (Ver-)Tilgung der Schulden ist wohl (wie oben gezeigt) nicht allgemein haltbar, Klassenkampftheorien der älteren Forschung reichen auch nicht aus, um derartig weitgehende Ausschreitungen erklären zu können. Überzeugend, wenn auch nicht alles erklärend, sind da eher die Theorien, nach denen die Juden als politische Spielbälle zwischen die nach Unabhängigkeit strebenden Städte und die -schon allein wegen ihrer Unfähigkeit im Umgang mit der Pest- zunehmend angezweifelten Landesherren gerieten. Durch teilweise organisierte Pogrome konnten alle Schichten der Stadt -vom Aristokraten zum Gesellen- sich solidarisieren und so den Status quo -wenn auch nur zwischenzeitlich- erhalten.

Wichtig ist die Unterscheidung der Pogrome in spontane und geplante Verfolgungen die deutlich macht, welche Kreise an den Pogromen beteiligt sind und wodurch -oder vielmehr durch wen- sie ausgelöst wurden. Das könnte der Schlüssel sein, aufzuklären, was die wahren Gründe und wer die wahren Auslöser der Judenverfolgungen waren.

Untersuchenswert ist weiterhin, inwieweit Karl IV. schuldig, mitschuldig oder nur von den Ereignissen getrieben war. Seine Verantwortung als direkter Lehnsherr der Juden schien er nicht sonderlich ernst zu nehmen, wie die „Judenverpfändungen“ zeigen. Halbherzige Bestrafungsaktionen vermochten nicht die Städte einzuschüchtern oder die Juden zu schützen. Die Amnestiebriefe, von denen es eine beachtliche Anzahl gab, könnten endgültig zeigen, dass Karl die Juden für den Frieden der Städte -die durch die Pogrome nur gewannen- verkauft hatte. Vielleicht konnte er so die relative Ruhe, für die seine Regierungszeit bekannt wurde, erkaufen.

Eindeutig ist nun, dass die Pest zwar im Moment ihres Ausbruchs einen gewaltigen Schock, ein Zweifeln, ein Verzweifeln an der Welt und den Glauben an eine Bestrafung durch Gott auslöste, aber schon kurze Zeit nach ihrem Abflauen weitgehend verharmlost wurde. Veränderungen -wie das Erstarken der Zünfte- sind zu einem großen Teil unabhängig von der Pest zu sehen. Die Pandemie konnte sie nur durch die -wenn auch kurzzeitige- Erschütterung der Gesellschaftsstrukturen forcieren. Eine durchgreifende Änderung der Geisteshaltung ist nicht -oder nur sehr gering- zu verzeichnen. Die Pest kann allerdings als zwischenzeitlicher Höhepunkt des kriselnden Spätmittelalters, zumindest des 14. Jahrhunderts gesehen werden.

Gerade zu diesem Themenkomplex wäre eine umfassende, sich um Neutralität und Einbeziehung der älteren Forschung -wenn auch nur zur Klärung überkommener Missverständnisse- bemühende Forschung wünschenswert und dringend nötig.

Literatur:

- Bergolt, Klaus: Auf der Flucht vor dem Schwarzen Tod. Askese und Hedonismus: Weiterleben mit der Pest, in: Jeismann, Michael (Hrsg.): Das 14. Jahrhundert: Abschied vom Mittelalter, München 2000 (Beck´sche Reihe; 4114: Das Jahrtausend), S. 36- 43.
- Burmeister, Karl: Der Schwarze Tod: Die Judenverfolgungen anlässlich der Pest von 1348/49, Göppingen: 1999
- Graus, Frantisek: Pest, Geissler, Judenmorde. Das 14. Jahrhundert als Krisenzeit, 2. durchges. Aufl., Göttingen 1988 (Veröffentlichungen des Max-Planck-Instituts für Geschichte 86).
- Haverkamp, Alfred: Die Judenverfolgungen zur Zeit des Schwarzen Todes im Gesellschaftsgefüge deutscher Städte, in: Zur Geschichte der Juden im Deutschland des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit, hg. v. Alfred Haverkamp, Stuttgart 1981 (Monographien zur Geschichte des Mittelalters 24), S. 27-93
- Lexikon des Mittelalters, hg. v. Angemann, Norbert; Bautier, Robert-Henri; Auty, Robert; München, Zürich
- Stelzmann, Arnold: Illustrierte Geschichte der Stadt Köln, Köln 1971

[...]


[1] Graus, Frantisek: Pest, Geissler, Judenmorde. Das 14. Jahrhundert als Krisenzeit, 2. durchges. Aufl., Göttingen 1988 (Veröffentlichungen des Max-Planck-Instituts für Geschichte 86), S.15.

[2] ebd.

[3] Bergolt, Klaus: Auf der Flucht vor dem Schwarzen Tod. Askese und Hedonismus: Weiterleben mit der Pest, in: Jeismann, Michael (Hrsg.): Das 14. Jahrhundert: Abschied vom Mittelalter, München 2000 (Beck´sche Reihe 4114: Das Jahrtausend), S. 36-43, S.37.

[4] Graus: Pest, S. 21.

[5] ebd., S. 20.

[6] ebd., S. 22.

[7] Haverkamp, Alfred: Die Judenverfolgungen zur Zeit des Schwarzen Todes im Gesellschaftsgefüge deutscher Städte, in: Zur Geschichte der Juden im Deutschland des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit, hg. Von Alfred Haverkamp, Stuttgart 1981 (Monografien zur Geschichte des Mittelalters 24), S. 27-93, S. 26.

[8] Bergolt: Flucht, S. 38.

[9] ebd.

[10] Lexikon des Mittelalters, hg. V. Angemann, Norbert; Bautier, Robert-Henri; Auty, Robert; München, Zürich, S. 510.

[11] ebd.

[12] Graus: Pest, S. 27.

[13] Bergolt: Flucht, S. 40.

[14] Haverkamp: Judenverfolgungen, S. 43.

[15] Graus: Pest, S. 221.

[16] Stelzmann, Arnold: Illustrierte Geschichte der Stadt Köln, Köln 1971, S. 158.

[17] Haverkamp: Judenverfolgungen, S. 53.

[18] Bergolt: Flucht, S. 22.

[19] Stelzmann: Köln, S. 258.

[20] Haverkamp: Judenverfolgungen, S. 51.

[21] ebd., S. 85.

[22] Bergolt: Flucht, S. 20.

[23] Graus: Pest, S. 29.

[24] Bergolt: Flucht, S. 11.

[25] Haverkamp: Judenverfolgungen, S. 31.

[26] Bergolt: Flucht, S. 21

[27] Haverkamp: Judenverfolgungen, S. 60.

[28] Haverkamp: Judenverfolgungen, S. 16.

[29] ebd., S. 17.

[30] Graus: Pest, S. 218.

[31] Bergolt: Flucht, S. 40.

[32] ebd.

16 von 16 Seiten

Details

Titel
Pest, Geißlerzüge und Judenverfolgungen zur Zeit der ersten Pestwelle 1347-51
Hochschule
Universität Trier
Veranstaltung
Geschichte der Juden und die Krise des Mittelalters
Autor
Jahr
2003
Seiten
16
Katalognummer
V108354
ISBN (Buch)
9783640265008
Dateigröße
384 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Pest, Geißlerzüge, Judenverfolgungen, Zeit, Pestwelle, Geschichte, Juden, Krise, Mittelalters
Arbeit zitieren
Philipp Altmann (Autor), 2003, Pest, Geißlerzüge und Judenverfolgungen zur Zeit der ersten Pestwelle 1347-51, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/108354

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