Kommunistischer und jüdischer Widerstand in den Konzentrationslagern - ein Vergleich


Seminararbeit, 2003
24 Seiten, Note: 1,3

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Gliederung

Einleitung

1. Die Organisation von KZ und SS
1.1. Die Konzentrationslager
1.2. Die Schutz Staffel

2. Häftlinge im KZ
2.1. Die jüdischen Häftlinge
2.2. Die kommunistischen Häftlinge

3. Die Formen und Arten des Widerstandes
3.1. Selbsthilfe
3.2. Sabotage
3.3. Flucht und Schmuggel
3.4. Aufstände

4. Das Buchenwalder Manifest

Fazit

Einleitung

Konzentrationslager, ein Wort, das für die Vernichtung von Millionen Menschen unter der deutschen nationalsozialistischen Herrschaft steht. Ein Wort, welches sowohl für einen bis dahin unvorstellbaren Sadismus steht, als auch für den Willen zu überleben.

Die Gegner des Nationalsozialismus in Deutschland waren die ersten, die in diese Lager verschleppt wurden, unter ihnen die Kommunisten. Im Verlauf der Festigung ihrer Herrschaft begannen die Nationalsozialisten mit der Umsetzung ihrer Rassenideologie. Sie beinhaltete die angekündigte Vernichtung der Juden in Europa. Millionen von ihnen fanden den Tod in den osteuropäischen Vernichtungslagern. Zwei Gruppen, die aus verschiedenen Gründen inhaftiert waren. Spielten diese Gründe eine wichtige Rolle beim Widerstand?

Bekannt ist, dass sich sowohl jüdische als auch kommunistische Häftlinge wehrten. Auf welche Art und Weise sie dies taten und ob es Unterschiede gab, soll in dieser Arbeit untersucht werden. War der Widerstand, den Juden und Kommunisten zeigten, von gleicher Art oder sind Unterschiede zwischen den beiden Gruppen zu erkennen? Warum führte keiner ihrer Widerstände zu einer erfolgreichen Befreiung eines Konzentrationslagers?

Um diese Formen zu erklären und um zu verstehen, wie es dazu kam, bedarf es zunächst einer Betrachtung der Organisation der Konzentrationslager und ihrer Bewacher sowie der Lebensumstände in den Konzentrationslagern.

1. Die Organisation von KZ und SS

Die Konzentrationslager, wegen des scharfen Klanges von den Nationalsozialisten kurz KZ genannt, waren im Zusammenwirken mit der Schutzstaffel, kurz SS, Voraussetzung für die Vernichtungsmaschinerie des Dritten Reiches. Nur so war es überhaupt erst möglich geworden, Menschen systematisch auszubeuten und zu vernichten. Im Vorfeld der Arbeit soll hier kurz ein Einblick in die beiden komplexen und miteinander verknüpften Einrichtungen der Nationalsozialisten gegeben werden.

1.1 Die Konzentrationslager

Im Jahr 1933 errichteten verschiedenste Institutionen der Nationalsozialisten eine größere Zahl von Lagern in Deutschland. Diese Internierungsstätten dienten zunächst vor allem zur Verschleppung politischer und anderer, den Nationalsozialisten missliebiger Gegner. Barbarei gegenüber den Häftlingen zählte vom ersten Tag an zur Tagesordnung. Die Brutalität der Bewacher war hier noch individuell und willkürlich, erst später wendete die SS sie systematisch an.

Ein Grossteil der Lager wurde bald wieder aufgelöst beziehungsweise in die Zuständigkeit der SS übergeben. Bestehen blieben unter anderem die Lager Dachau und Oranienburg. Beide Lager wurden von Anfang an als Konzentrationslager bezeichnet und systematisch ausgebaut. Dachau wurde zum Musterlager, dessen System auf den Großteil der nachfolgend errichteten Lager übertragen wurde. Nach und nach überzogen die Nationalsozialisten Deutschland und die besetzten Gebiete mit einem Netz von Lagern, zu dem je ein Hauptlager mit einem oder mehreren Nebenlagern gehörte. Wichtige Hauptlager waren Dachau (errichtet 1933), Sachsenhausen (1936), Buchenwald (1938), Mauthausen (1939), das Frauenkonzentrationslager Ravensbrück (1940), Auschwitz (1941) und Bergen-Belsen (1943).

Die Häftlingszahlen und deren Zusammensetzung in den Lagern waren von der Reichspolitik und dem Kriegsbeginn abhängig. Im Sommer 1933 waren über 26.000 Gegner der Nationalsozialisten in diesen Lagern inhaftiert, bis Mitte 1935 sank diese Zahl auf 4.000.[1]Aufgrund der einsetzenden Rassenideologie der Nationalsozialisten vergrößerten sich ab 1936 die Häftlingszahlen wieder. Vor dem Kriegsausbruch 1939 war die Zahl der Häftlinge wieder auf mehr als 21.000 Häftlinge angestiegen. Nach Kriegsbeginn stieg die Zahl der Häftlinge schnell an. Zum Einen setzte jetzt die Verschleppung der Juden ein, zum Anderen begann die Errichtung der härter geführten Vernichtungslager im Osten. Am Ende des Krieges waren weit mehr als eine halbe Million Menschen inhaftiert.[2]

Die SS erkannte schnell die wirtschaftlichen Vorteile, die sie aus den Lagern und ihren Gefangenen ziehen konnte. Die Häftlinge mussten ihre Lager zunächst selbst aufbauen, danach verrichteten sie unter schrecklichsten Bedingungen schwere Arbeit in Werken, Betrieben oder anderen Einrichtungen. Zunächst stellten sie meist Baugrundstoffe her, später gewann ihre Arbeitskraft in der Rüstungsproduktion an Bedeutung. Häftlinge, die keine Arbeit verrichten konnten oder aus denen die SS keinen Nutzen ziehen konnte, wurden umgebracht. Dies geschah unter anderem durch Erschießung, medizinische Experimente, oder sie fanden den Tod in Gaswagen beziehungsweise später in Gaskammern.

Jedes Konzentrationslager war in drei Bereiche unterteilt. Der Häftlingsbereich war umgeben von einem elektrisch geladenen Stacheldrahtzaun. Nach einem mehrere Meter breiten Streifen waren cirka alle 75 Meter um das Lager Wachtürme mit Maschinengewehren errichtet. Durch ein Tor gelangte man auf einen weitläufigen Appellplatz, an den die Häftlingsbaracken und die Versorgungseinrichtungen wie Küche, Häftlingskrankenhaus und Wäscherei angrenzten. Dem Häftlingsbereich vorgelagert war der Kommandanturbereich. Zu ihm gehörten die Verwaltungsgebäude, Kasernen, Villen für die Kommandantur der Lager, sowie abgesondert die Wirtschaftsbetriebe. In Entfernung von drei bis sechs Kilometern lagen die SS-Siedlungen mit Häusern für SS-Führer, Kasernen und anderen Truppeneinrichtungen. Es sei zur besseren Veranschaulichung auf die Anlage Ι verwiesen.

Verbindungsglied zwischen dem eigentlichen Lager und der Lagerführung war der Rapportführer, über ihn liefen alle Angelegenheiten der Häftlinge. Ihm unterstanden die Blockführer. Aufgrund der Anweisung aufs Schärfste gegen Häftlinge vorzugehen, waren sie berüchtigt für ihre Brutalität gegenüber den Häftlingen. In gleicher Weise gefürchtet waren die Kommandoführer, welche die Aufsicht über die Arbeitskommandos innehatten. Auf die Häftlingssituation wird im Abschnitt drei der Arbeit näher eingegangen.

1.2 Die Schutz Staffel

Die Schutz Staffel (SS), wurde 1929 unter der Führung von Heinrich Himmler als Leibgarde Hitlers gegründet. Zum Zeitpunkt der Gründung betrug ihre Stärke 250 Mann und unterstand zunächst der Sturm Abteilung (SA), welche von Ernst Röhm geführt wurde.

Heinrich Himmler sah in der SS einen Orden, in den nur Männer eintreten durften, die bestimmte Voraussetzungen wie Größe, Stammbaum und Ähnliches erfüllten. Er entwickelte einen regelrechten SS Kult mit einer eigenen Moral. Diese gebot, wie mit den von den Nationalsozialisten als Volksschädlinge bezeichneten Menschen umzugehen war. Nach ihrer Auffassung sollten sie versklavt und ausgetilgt werden. Die SS wurde zu einer Elitetruppe mit einem ideologischen Rassenwahn vom nordischen Menschen, der über allem steht.

Schnell baute Himmler die SS aus, 1931 war sie schon 10 000 Mann stark, im Jahr 1934 zählte sie bereits 90 000 Mann. Um eine umfassende Kontrolle über die Schutz Staffel zu gewährleisten und seine Macht zu sichern, schuf Himmler 1931 den Sicherheitsdienst, kurz SD. Er unterstand der Führung von Reinhard Heydrich, welcher einen weit reichenden Spitzel- und Informationsdienst aufbaute und später die Verbindung zu den Konzentrationslagern herstellte.

Am 30. Juni 1934 wurde eine Inszenierung genutzt, um die missliebig gewordene SA zu entmachten. Die SS konnte ihre Struktur nun fast völlig frei über das Reich entfalten und die Gefangenenlager übernehmen. Im Zuge der Reichsgleichschaltung bekam Himmler schließlich die völlige Polizeigewalt in Deutschland, und somit auch alle Befugnisse in den Konzentrationslagern.

Im Jahr 1934 wurde das Amt des Inspekteurs der Konzentrationslager geschaffen, welches dem ehemaligen Leiter des Lagers Dachau, Theodor Eicke, übertragen wurde. Dieser begann mit dem Ausbau der SS-Totenkopfstandarte, woraus später die SS-Totenkopfverbände entstanden. Diese Verbände bekleideten, bis auf die Bewachung der Häftlinge, alle Führungspositionen in den Lagern. Die Konzentrationslagermannschaften waren Sadisten ohne Gewissen, denen niemand Einhalt gebot. Sie misshandelten und töteten Häftlinge willkürlich und brauchten keine Strafen zu fürchten.

Die Bewachung der Häftlinge hingegen unterstand den SS-Wachsturmbannen, welche mit Aufbau der Waffen-SS auch zu dieser gehörte. Grundsätzlich muss aber zwischen Waffen-SS-Fronttruppen und Waffen-SS-Konzentrationslagermannschaften unterschieden werden, auch wenn es vorkam, dass Soldaten zwischen den Gruppen wechselten.

Die SS war im Laufe der Zeit so weit gestärkt, das sie fast völlig unabhängig agieren konnte. Sie wurde zu einem Staat im Staat, sie hatte eigene Fabriken, konnte sich selbst versorgen und hatte ihre eigene Armee. Zusätzlich hatte sie, wie schon erwähnt, die volle polizeiliche Gewalt im Dritten Reich. Somit konnte sie bestimmen, wer unter welcher Behandlung in den Lagern inhaftiert wurde. In kompletter Eigenregie konnte die SS die Lager führen, ausstatten und bewachen. Die SS hatte ein perfektes System aufgebaut, die bloße Erwähnung des Wortes Konzentrationslager genügte, um Menschen in Angst zu versetzen.

2. Häftlinge im KZ

„Die Behandlung der völlig entkräfteten Häftlinge während der 12stündigen Arbeitszeit von seiten der SS war eine derart menschenunwürdige, daß es kaum zu beschreiben ist.“[3]

Dieses einleitende Zitat veranschaulicht in einem Satz, was die Inhaftierten zu erleiden hatten.

Systematisch wurden die Häftlinge in den Lagern durch die SS ausgebeutet, misshandelt und getötet. Die SS Führung der Konzentrationslager war derart gefürchtet, dass schon die bloße Anwesenheit eines SS Mannes in der Nähe der Gefangenen ihnen Angst und Schrecken einjagte. In der Behandlung der Häftlinge bestanden aber Unterschiede zwischen den Lagern. So waren vor allem die Lager im Osten wegen der größeren Brutalität der Lagerführung und der ständigen Bedrohung, den Tod in den Gaskammern zu finden, gefürchtet. Hier kann deshalb nur ein grober Einblick in das Lagerleben gegeben werden.

Die Nationalsozialisten verschleppten folgende Gruppen: Sozialdemokraten, Kommunisten, Bürgerliche, Kriminelle, Angehörige von Religionsgemeinschaften und religiöser Gruppen sowie Zugehörige so genannter artfremder Rassen. Dies waren Menschen jüdischen Glaubens oder slawischer Muttersprache, Sinti und Roma, aber auch Homosexuelle oder Personen, deren Kultur und Lebensweisen nicht der nationalsozialistischen Doktrin entsprachen.

Jede Gruppe im Konzentrationslager musste äußere Kennzeichnungen an ihrer Kleidung tragen. Sie trugen eine Nummer und einen farbigen Dreieckswinkel an der linken Brustseite sowie am rechten Hosenbein. Auschwitz bildet eine Ausnahme, dort wurden die Nummern den Häftlingen zusätzlich am linken Vorderarm eintätowiert. Die Farbe des Winkels kennzeichnete die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe. So trugen politische Häftlinge einen Roten Winkel und Kriminelle einen Grünen Winkel. Bei bestimmten Häftlingen war zusätzlich ein Buchstabe auf das Dreieck gedruckt. Beispielsweise das S für sicherungsverwahrte Kriminelle. Ebenfalls konnte die Nationalität durch den Anfangsbuchstaben ihrer Nationalität auf dem Dreieck erkannt werden. Jüdische Häftlinge wurden dadurch gekennzeichnet, dass sie zusätzlich unter ihrem farbigen Dreieck ein querstehendes gelbes Dreieck trugen, somit ergab sich ein sechszackiger Stern.[4]Um eine genauere Vorstellung der Bezeichnungen zu bekommen, sei an dieser Stelle auf den Anhang ΙΙ verwiesen.

Die SS achtete darauf, dass die Lager mit verschiedenen Gruppen belegt wurden, es gab kein Lager, in dem ausschließlich eine Gruppe inhaftiert war. Somit konnten die latenten Gegensätze zwischen den Gefangenen, zum Beispiel Konflikte zwischen den verschiedenen Nationalitäten der Gefangenen, aufrechterhalten und die Häftlinge gegeneinander ausgespielt werden. Denn jede Gruppe half zunächst ihren eigenen Angehörigen. Eine besondere Rolle spielten die BV Häftlinge. Die Bezeichnung BV stand für kriminelle befristete Vorbeugungshäftlinge, woraus später die Bezeichnung Berufsverbrecher entstand. Sie hatten in vielen Lagern die beherrschende Stellung inne und missbrauchten diese meist gegenüber den restlichen Gefangenen. Sie stellten die meisten Spitzel und waren die bevorzugten Mitarbeiter der SS Führer.

Die Bewacher der Häftlinge hatten die Anweisung, hart in den Strafen zu sein und hatten dabei freie Hand. Da Kleidung, Verpflegung und medizinische Versorgung äußerst mangelhaft waren oder bewusst knapp gehalten wurden, hatten es die SS Führer oft leicht Helfer unter den Häftlingen zu finden. Denn diejenigen, die der SS halfen, konnten mit besserer Versorgung und weniger Repressalien rechnen.

Alle größeren Lager wurden nach dem Selbstverwaltungsprinzip geführt. Die SS hatte die Disziplinargewalt inne, die innere technische Gewalt hatten Häftlinge. Befehle der Lagerführung wurden an Häftlinge weitergegeben, deren Durchführung diese zu verantworten hatten. Die Verantwortung für das gesamte Lager hatte der Lagerälteste der Häftlinge, in größeren Lagern wurden mehrere Lagerälteste ernannt. Er konnte dem Lagerführer die Blockältesten vorschlagen, welche für eine Häftlingswohneinheit verantwortlich waren. Sie hatten auf Disziplin, Ordnung und Befehlsausübung zu achten. Den Arbeitkommandos stand ein so genannter Kapo vor, dieser war von der Arbeit befreit und hatte auf das Erreichen des Arbeitszieles zu achten. Häftlinge in diesen Funktionen hatten viele Privilegien, zum Beispiel bessere Versorgung und hatten gegenüber den anderen Häftlingen uneingeschränkte Vollmacht. Die Häftlinge waren den Kapos und Blockältesten ausgeliefert, weil diese der Lagerführung keine Rechenschaft ablegen mussten, wenn sie Gefangene prügelten oder töteten. Die SS bevorzugte die kriminellen BV Häftlinge, da diese am ehesten ihre Befehle durchsetzten. Nicht unerwähnt bleiben darf, dass Häftlinge in anderen wichtigen Positionen viel Einfluss hatten. Dies waren unter anderem Häftlinge im Häftlingskrankenhaus, in der Schreibstube, um Häftlingszahlen zusammenzustellen, sowie Einteiler für Arbeitskommandos.[5]

2.1 Die jüdischen Häftlinge

Jüdische Häftlinge, die vorwiegend in die eroberten Ostgebiete, zum Beispiel nach Auschwitz oder Treblinka, deportiert wurden, waren in den Lagern besonders schweren Repressalien ausgesetzt. Nach der Rassenideologie der Nationalsozialisten waren sie minderwertig und darum zur Vernichtung vorgesehen. Im Lager Treblinka, nordöstlich von Warschau, wurde die Vernichtung so systematisch durchgeführt, dass in den zwei Jahren, in denen es existierte, cirka 900.000 meist jüdische Menschen ermordet wurden. Der Großteil von ihnen fand den Tod in Gaskammern in die Motorabgase eingeleitet wurden.[6]

Sie standen auf der untersten Stufe der Häftlingshierarchie, waren am stärksten vom Tode bedroht und mussten die grausamsten Strafen erdulden. Zudem blieben sie in gesonderten Wohnblöcken zusammen, obwohl sie auf alle Gefangenengruppen aufgeteilt waren. So bekamen jüdische Häftlinge zum Beispiel die geringste Verpflegung, welche zudem von den kriminellen BV Häftlingen, die für die Verteilung zuständig waren, unterschlagen wurde. Zur Verdeutlichung seien hier zwei Beispiele gegeben. Im Juni 1934 kamen 500 Juden in Buchenwald an. Pro Mann und Tag gab es einen halben Liter Suppe, ein Brot für fünf Gefangene und kein Wasser.[7]Ein jüdischer Überlebender aus Treblinka, der damit beauftragt war, die Wagons der Häftlingstransporte zu säubern, berichtete:

„Zu essen bekamen wir nichts, obwohl wir Wochen hindurch als Sonderkommando die aufreibendste Arbeit verrichten mussten. […] Wir ernährten uns von den Lebensmitteln, die im Gepäck der Opfer lagen.“[8]

Durch die brutalere Behandlung sowie die drohende Vernichtung waren die jüdischen Häftlinge demoralisiert und resignierten. Zudem hatten es die jüdischen Häftlinge schwerer sich untereinander zu helfen. Was zum Einen daran lag, dass sie aus allen Teilen der Bevölkerung stammten und verschiedenen Nationalitäten angehörten, was immer wieder zu Konflikten führte. Zum anderen lag es auch daran, dass ständig Selektionen zur Vernichtung in den Gaskammern stattfanden und so entstandene Strukturen auseinanderbrachen. Dennoch organisierten sich Juden, um Widerstand zu leisten. Vorteile hatten die kommunistischen jüdischen Gefangenen. Sie konnten mit nichtjüdischen kommunistischen Gefangenen starke solidarische Beziehungen aufbauen, obwohl es nichtjüdischen Häftlingen strengstens untersagt war, Juden zu helfen oder mit ihnen zu sprechen.

2.2 Die kommunistischen Häftlinge

Das Zusammenleben der kommunistischen Häftlinge in den Lagern mit Asozialen, Verbrechern und anderen von der SS als minderwertig angesehenen Gruppen sollte ihnen jegliches Wertbewusstsein nehmen. In den Lagern Buchenwald, Dachau, Mauthausen und Sachsenhausen, wurden die meisten kommunistischen Häftlinge inhaftiert. In den Lagern des Vorkriegsdeutschlands waren die Haftbedingungen nicht so extrem bedrohlich wie im Osten, denn die Lager waren keine reinen Vernichtungslager. Hier hatten die Häftlinge die Möglichkeit Strukturen untereinander aufzubauen. In den Vernichtungslagern wie Auschwitz verloren Parteizugehörigkeiten dagegen schnell an Bedeutung.

Rasch fanden kommunistische Häftlinge untereinander Kontakt, denn wenn sie auch unterschiedlicher Nationalität waren, so kannten sie sich häufig durch ihre internationale Parteiarbeit. Durch die politische Gesinnung hatten sie Erfahrung in konspirativer Arbeit und waren meist disziplinierter als die übrigen Häftlingsgruppen. Meist waren es Mitglieder von kommunistischen Parteien, vor allem der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD), die führende Rollen übernahmen. Am deutlichsten wurde dies im Lager Buchenwald. So erwähnte der Franzose David Rousset, der keiner kommunistischen Partei angehörte, in einem Gespräch mit dem Autor Herrmann Langbein, die absolute Kontrolle der deutschen Kommunisten in Buchenwald. Ähnliches berichteten auch Überlebende aus anderen Lagern, in denen deutsche Kommunisten in größeren Zahlen interniert waren.[9]

Im Jahr 1944 betrug der Anteil der Mitglieder der KPD unter den politischen Häftlingen in Buchenwald 30 bis 35 Prozent. Zudem waren dort mehr Parteifunktionäre inhaftiert als in anderen Lagern.[10]Absolute Einigkeit gab es aber auch unter den kommunistischen Häftlingen nicht, auch hier gab es Nationalitätskonflikte und Uneinigkeit untereinander, dies wurde zudem von der Lagerführung ausgenutzt und gefördert.

3. Die Formen und Arten des Widerstandes

Der Widerstand der Häftlinge zeigte sich in vielfacher Art und Weise. Teilweise bedingten sich die verschiedenen Formen gegenseitig oder eine Form resultierte aus der anderen. In Publikationen zu der Thematik des Widerstandes in den Konzentrationslagern sind daher unterschiedliche Bezeichnungen zu finden. In dieser Arbeit wird eine Einteilung in vier Formen gewählt. Diese sind unterteilt in Selbsthilfe, Sabotage, Flucht und Schmuggel, sowie Aufstände.

3.1 Selbsthilfe

Schon die Handlung sich gegenseitig zu helfen, um am Leben zu bleiben, war eine Form des Widerstandes.[11]Durch Selbstbehauptung und Solidarität konnten die Häftlinge zeigen, dass die SS nicht allmächtig war. Dies bestärkte die Häftlinge in ihrem Überlebenswillen.

Jede Gefangengruppe half zunächst sich selbst. Um sich untereinander besser versorgen zu können, bildeten sich kleine Gruppen unter den Häftlingen. So taten sich zwei Häftlinge zusammen und wichen sich nach Möglichkeit nicht von der Seite, dies erhöhte ihre Überlebenschance. Ebenso verhielten sich sowohl kommunistische als auch jüdische Gefangene solidarisch mit ihren schwächeren Mitgefangenen. Sie bekamen Nahrungshilfe, Kleidung und Verstecke im Krankenbau.

Ein Beispiel für Selbsthilfe, zudem zwischen den kommunistischen und jüdischen Gefangenen, sei an dieser Stelle gegeben. Den kommunistischen Häftlingen in Buchenwald gelang es, einen jüdischen Häftling vor dem Tod zu bewahren. Der Lagerarzt hatte an ihm willkürlich eine Behandlung vorgenommen, anschließend sollte ein Häftlingspfleger ihm eine tödliche Spritze verabreichen. Diese Anweisung führte der Häftlingspfleger nicht aus, stattdessen wurde der jüdische Gefangene in die Tuberkulosestation gebracht, wo er jahrelang versteckt gehalten werden konnte.[12]Dies gelang weil der Krankenbau von Kommunisten kontrolliert wurde.

Auch die Informationsbeschaffung stärkte den Überlebenswillen. Neuankömmlinge wurden über das Lagerleben informiert und nach Informationen von außerhalb befragt. Die Häftlinge bekamen aber auch Informationen aus Zeitungen. In vielen Lagern oder Lagerteilen durften deutsche Zeitungen aboniert werden. Diese wurden von Angehörigen bezahlt. Informationen aus diesen wurden dann weitergegeben, vor allem an jüdische Häftlinge, die dieses Privileg nicht hatten. Eine besondere Bedeutung kam den Rundfunkempfängern zu. In vielen Lagern gab es ein oder mehrere, oft sogar selbst gebaute, versteckte Empfänger, oder es konnte von Häftlingen heimlich einer genutzt werden. So wurden konspirativ nicht nur inländische, sondern auch ausländische Nachrichten empfangen.

„Die Nachrichten über die Entwicklung an den Fronten haben wesentlich dazu beigetragen, einen Verfall der Moral der sonst total Isolierten zu verhindern und ihnen Kraft für den erfolgreichen Aufstand zu geben.“[13]

Dieses Zitat eines tschechischen Juden der das Vernichtungslager Sobibór überlebte verdeutlicht wie wichtig diese Empfänger für die Häftlinge waren.

All diese geheimen Informationsbeschaffungen und der anschließende Informationsaustausch bedurften natürlich der Deckung durch Häftlinge in besonderen Positionen. Denn zum einen waren Kontakte von Nichtjuden zu Juden strengstens verboten, und zum anderen hatte die SS überall ihre Spitzel in den Lagern. So verhielten sich viele der Lagerältetsten oft solidarisch mit den Häftlingen, indem sie der SS die Stirn boten oder Verhandlungen geschickt führten, um Schlüsselpositionen mit zuverlässigen Gefangenen zu besetzen. Viele Blockälteste versuchten nach Möglichkeit Befehle abzumildern oder nicht umzusetzen und konspirative Tätigkeiten zu decken, wodurch sie ihr eigenes Leben aufs Spiel setzten. Aber es gab weit mehr Möglichkeiten. So wurden unter anderem Häftlingsnummern von Lebenden mit denen von Toten ausgetauscht, um sie vor dem Tod zu bewahren. Häftlinge mit Sonderstatus, die etwa in einer Schreibstube eingesetzt waren oder den Befehl über Arbeitskommandos hatten, konnten ebenso hilfreich sein. Sie versuchten zum Beispiel schwächere oder wichtige Häftlinge zu leichteren Arbeiten einzuteilen, sie konnten oft Hunderten Gefangenen das Leben retten.

Diese Schlüsselpositionen bedeuteten aber auch schwere Gewissensfragen, denn die Rettung eines Menschen bedeutete oft, dass andere dem Tod überlassen wurden.[14]Diese Gewissensfragen führten wiederum zu Streit und Misstrauen. Aber dennoch waren sich die kommunistischen und jüdischen Häftlingsgruppen im Klaren darüber, dass sie nur durch diese Zusammenarbeit erfolgreiche Selbsthilfe durchführen konnten. Somit fand sich die Widerstandsform der Selbsthilfe sowohl innerhalb der beiden Häftlingsgruppen wieder als auch gruppenübergreifend.

Aber auch die Gruppenbildung um Flucht, Schmuggel, Sabotage oder Aufstände zu organisieren, worauf im Verlauf der Arbeit noch eingegangen wird, kann als Selbsthilfe gewertet werden. Denn die Hoffnung, etwas zu verändern, stärkte die Moral und somit den Durchhaltewillen. So organisierten sich beispielsweise in Auschwitz die Kampfgruppe Auschwitz, in Treblinka ein Revolutionsausschuss und in den großen Lagern wie Dachau, Mauthausen und Buchenwald illegale kommunistische Organisationen.

Eine Besonderheit gab es im Lager Buchenwald. Dort wurde von der SS Mitte des Jahres 1942 ein Lagerschutz eingesetzt. Dieser setzte sich zunächst aus 30, später aus 100 Häftlingen zusammen. Dies sollte die Korrumpierung der SS im Lager unterbinden. Seine Aufgabe bestand darin Ordnung und Disziplin im Lager aufrecht zu erhalten sowie für Häftlinge interessante Objekte, zum Beispiel das Lebensmittelmagazin, zu bewachen. Die Einführung des Lagerschutzes konnte die Lebensbedingungen und somit auch die konspirative Arbeit im Lager verbessern. Denn auf Grund des Lagerschutzes war die SS nachts nicht mehr im Lager auf Streife.[15]

3.2 Sabotage

Wie bereits erwähnt wurden die Häftlinge auch zur Arbeit in der Kriegswirtschaft eingesetzt. Nachdem der Nachschub für die Wehrmacht ins Stocken geriet, wurde ihr Einsatz in der Kriegswirtschaft verstärkt von der SS genutzt. Ab 1943 hatte der Häftlingseinsatz in der Rüstung Vorrang. Die Häftlinge nutzten ihre dortigen Positionen und Möglichkeiten, um die Produktion so oft und so stark wie möglich zu verzögern oder zu sabotieren. Dies taten sie in einem derart großen Ausmaß, dass die Führung harte Strafen erließ. Dennoch bewiesen die Häftlinge großen Einfallsreichtum, um die Produktion zu stören. So wurden Produktionsmaterialien verunreinigt, Materialien falsch gelagert oder ausgegeben, Zeichnungsänderungen nicht berücksichtigt, Terminfälschungen vorgenommen oder Maschinen schlecht repariert. Begründet wurde dies mit der mangelnden Qualifikation und Trägheit der Häftlinge.

Oft waren die deutschen zivilen Vorarbeiter selbst schlecht qualifiziert. Dort setzten Buchenwalder Antifaschisten ihre Sabotagearbeit an. Sie erarbeiteten Fehlplanungen oder überspitzten Organisations- und Prüfstrukturen. So wurde durch die systematische Sabotage der Leistungsgrad in den Gustloff-Werken auf 40% gehalten. Im Jahr 1944 sollten monatlich 55.000 Stück des automatischen Karabiners G 43 produziert werden. Im März wurden nur 3.000 hergestellt, im April 6.000, im Mai 9.000 und im Juni 1944 nur noch 600 Stück.[16]

Mitglieder der jüdischen Kampfgruppe Auschwitz hatten durch systematische Sabotage innerhalb weniger Monate die Produktion in den Deutschen Ausrüstungswerken um die Hälfte sinken lassen. In den Union-Werken hergestellte Granaten explodierten nicht, auch dies war ein Verdienst der Kampfgruppe.[17]Denn auch hier waren beide Häftlingsgruppen vertreten und arbeiteten oft Hand in Hand.

3.3 Flucht und Schmuggel

Grundsätzlich bestand auf Fluchtversuche die sofortige Todesstrafe. Da für die Tötung von Häftlingen, die einen Fluchtversuch unternahmen, eine Prämie gezahlt wurde, wurden Fluchversuche von den SS Führern regelrecht provoziert beziehungsweise initiiert.

Es gab verschiedene Arten der Flucht. Sie wurde sowohl von organisierten Gruppen als auch kleineren Häftlingskreisen geplant und organisiert. Kleinere Häftlingskreise versuchten, günstige Gelegenheiten zur Flucht zu nutzen. Für die organisierten Gruppen bestand der Zweck oft darin, Nachrichten zu schmuggeln. Hilfe, die sie dazu benötigten, konnte sich etwa darin äußern, dass Häftlingen Geld aus der Kleidersortierung zugesteckt wurde oder Häftlinge in Führungspositionen Zahlen fälschten, damit ein Fehlen der Geflohenen nicht auffiel. Zwei Gefangenen aus Treblinka gelang solch eine lang organisierte Flucht, um Informationen über das Lager nach außen zu bringen. Die beiden Häftlinge versteckten sich in Wäschebergen. Durch Zahlenfälschung, durchgeführt von Häftlingsfunktionären, bemerkte die Lagerführung ihr Fehlen nicht.[18]

“Durch organisierte Fluchthilfen wurden Verbindungen mit illegalen Gruppen in der Region des Lagers hergestellt. Die intensivsten Außenbeziehungen hatte die Auschwitzer Widerstandsorganisation.“[19]

In der Tat hatte es die Kampfgruppe Auschwitz in Zusammenarbeit mit der polnischen Widerstandsorganisation geschafft, trotz der starken Bewachung des Lagers die höchste Anzahl von Flüchtlingen zu erreichen. Des Weiteren wurden durch diese Zusammenarbeit Medikamente in das Lager geschmuggelt.

Solch intensive Kontakte bestanden in Deutschland nicht. Es gab lediglich Kontakte zu Untergrundorganisationen zum Austausch von Absprachen und vereinzelter Fluchthilfe. Dies ist unter anderem aus Buchenwald, Dachau und Sachsenhausen bekannt. In diesen Lagern kam es eher zu spontanen Fluchten. Denn die organisierten kommunistischen Häftlinge sahen wegen der Strafen, die alle im Lager zu fürchten hatten, wenn organisierte Fluchten aufgedeckt wurden, eher davon ab, häufiger Fluchten zu organisieren. Somit brachten sie ihre Stellung in den Lagern weniger in Gefahr, wogegen die Häftlinge in den Vernichtungslagern nichts zu verlieren hatten. Zu einer der ersten erfolgreichen Fluchten zählt wohl die des kommunistischen Reichstagsabgeordneten Beimler aus Dachau. Ihm gelang die Flucht in der Gründerzeit des Lagers, er schaffte es, das Ausland zu erreichen und konnte dort über die Konzentrationslager berichten.[20]Zudem ist zu erwähnen, dass mit der steigenden Anzahl von Außenlagern die Fluchtversuche zunahmen, da dort die Flucht leichter war.

Eine alleinige Organisation der Flucht war fast unmöglich. Meist nutzten Häftlinge die Möglichkeit zur Flucht, wenn sich ihnen die Gelegenheit bot. So berichtete ein jüdischer Überlebender aus Treblinka:

„Ich gehörte zu der geringfügigen Zahl der glücklichen, denen die Flucht sogar gelang. Zwischen Decken, Bündeln von Kleidern und Koffern, die wir in den Eisenbahnwaggons verstauen mussten, versteckte ich mich gemeinsam mit einem dreizehnjährigen Jungen und mit meinem Freunde Gottlieb aus Kielce. […] Die Flucht gelang uns im September 1942.“[21]

3.4 Aufstände

Aufstände als Form des direkten Widerstandes der Häftlinge gegen die Bewacher können als Steigerungsform der Flucht betrachtet werden. Zunächst versuchten die Häftlinge unbemerkt zu entkommen. Ein erfolgreicher Aufstand hatte, nach erfolgreicher Durchführung, ebenfalls das Entrinnen aus den Lagern zum Ziel. Zudem war die Organisation von Aufständen sehr konspirativ, somit existieren meist nur Berichte von Überlebenden oder durch Schriftenfund. Wahrscheinlich gab es mehr Aufstände als bekannt ist.

Das Bemerkenswerte an den Aufständen ist, dass es trotz Entkräftung, Hunger und scharfer Bewachung der Häftlinge dazu kam. Dies war zum Einen dadurch bedingt, dass die Häftlinge durch Informationen das Ende der nationalsozialistischen Herrschaft erahnten, was ihnen den Mut zum Aufstand gab. Zum Anderen lag es besonders bei den Vernichtungslagern im Osten daran, dass die Bedrohung durch den Tod derart stark wurde, dass die Häftlinge schlicht und einfach nichts mehr zu verlieren hatten.

Es sollen jetzt einige Aufstände betrachtet werden. Jeden Aufstand genau zu untersuchen lässt der Rahmen dieser Arbeit nicht zu.

Am 2.August 1943 kam es zu einem Aufstand in Treblinka. Ankömmlinge aus dem Warschauer Ghetto berichteten über den dortigen Aufstand gegen die SS, was die Häftlinge in ihrem Vorhaben sich zu wehren bestärkte. Im Lager hatte sich ein Revolutionsausschuss gebildet, der einen Aufstand plante und organisierte. Männer, deren Angehörige bereits tot waren, übernahmen Aufgaben, die den sicheren Tod bedeuteten. Durch Manipulation am Schloss der Waffenkammer konnten Schlüssel nachgemacht werden, um an Waffen zu kommen. Die Häftlinge wussten, dass sie die letzten waren, die in diesem Lager sterben sollten. Es sollte aufgelöst und mit ihnen die Zeugen beseitigt werden. Am Tag des Aufstandes wurden bis in den Nachmittag hinein Waffen verteilt oder aus SS Unterkünften gestohlen, sowie mit Benzin gefüllte Flaschen verteilt. Um 15.45 begann der Aufstand. Zunächst schien sich ein Erfolg für die Häftlinge abzuzeichnen. Doch aufgrund von Koordinationsschwierigkeiten und der unversehrt gebliebenen Telefonleitung, über welche die SS Verstärkung anfordern konnte, führte er nicht zum Erfolg. Dennoch konnten viele Häftlinge aus dem Lager entkommen.

In Sobibór, ebenfalls ein Lager in dem Juden systematisch vernichtet wurden, kam es zu einem ähnlichen Aufstand. Auch dieser wurde niedergeschlagen, hatte aber einigen Häftlingen die Flucht ermöglicht.

Zu einem geplanten Aufstand kam es auch im Konzentrationslager Auschwitz. Das Häftlingskommando Auschwitz, welches aus Gefangenen bestand, die in den Auschwitz-Birkenauer Krematorien arbeiten mussten, wagte am 7. Oktober 1944 den Aufstand. Die jüdischen Häftlinge, die fast ausschließlich aus Ungarn, Polen und Griechenland stammten, planten diesen Aufstand von langer Hand. Als bekannt wurde, dass eine große Zahl des Kommandos den baldigen Tod in den Gaskammern finden würde, wurde die Planung konkreter. Weite Teile des Lagers sollten mit einbezogen werden. Vier Frauen schmuggelten Sprengstoff aus einem Werk, woraus Granaten hergestellt werden konnten. Durch eine plötzliche Verschärfung der Bedrohung kam es zu einem Alleingang der Häftlinge des Sonderkommandos. Dabei wurde eines der Krematorien zerstört. Der Aufstand konnte von der SS niedergeschlagen werden und endete in einem Misserfolg. Von 663 Sonderkommandohäftlingen überlebten nur 212. In keinem weiteren Lager gab es vergleichbare Aufstände.

Es existieren zudem viele Berichte über Häftlinge, die sich spontan, angesichts der drohenden Vernichtung in den Gaskammern oder weil sie die Situation, in der sie waren nicht mehr ertragen konnten, wehrten. So entriss zum Beispiel eine Jüdin in Auschwitz einem SS-Mann die Pistole und erschoss ihn. In Treblinka stürzte sich ein jüdischer Gefangener auf einen SS-Unterscharführer und verwundete ihn mit seinem Messer tödlich.

Neben der Militärorganisation in Auschwitz bildete sich auch in Buchenwald eine solche Organisation. In Buchenwald dagegen konnten sich die Häftlinge, trotz konkreter Planungen der Militärorganisation, nicht zu einem direkten massiven Widerstand mit Waffengewalt durchringen. Schon früh begannen die kommunistischen Häftlinge dort mit der Planung von Aufständen. Auslöser war der Angriff auf die Sowjetunion, da sie von einer baldigen Niederlage Deutschlands ausgingen. Mit der Niederlage bei Stalingrad setzten konkrete Gedanken ein, sich zu bewaffnen, Militäreinheiten zu bilden und den Häftlingsschutz nutzbar zu machen. Zudem wurde mit dem Schmuggel von Waffen begonnen. Mit Eintreffen von Häftlingen aus den aufgelösten östlichen Lagern wurde die Situation für den kommunistischen Untergrund zunehmend unübersichtlicher. Die kommunistische Führung konnte sich nicht entscheiden, ob sie den Aufstand wagen sollte. Die SS befahl am 4. April 1945 mit Näherrücken der Front zunächst den Abmarsch der jüdischen Häftlinge. Die Häftlingsleitung entschied sich dies nicht zuzulassen und verweigerte dies. Am 5. April traten die jüdischen Häftlinge freiwillig nur zum Teil an, ohne Einfluss der politischen Führung im Lager. Die SS konnte es dennoch, mittels ihres gemäßigteren Verhaltens den Häftlingen gegenüber, durchsetzen, dass bis zum 10. April etwa die Hälfte des Lagers evakuiert wurde. Die politische, und damit auch die kommunistische Häftlingsführung blieben weiterhin bedroht. Mit heranrückenden Truppen begann die SS sich am 11.April zurückzuziehen. Die Häftlingsführung veranlasste, dass sich die Gefangenen der Untergrundorganisationen bewaffnen sollen. Als sich die SS auch von den Wachtürmen zurückzog, begannen die Häftlinge den Sturm auf die Bewachungseinrichtungen und übernahmen das Lager.

Die kommunistische Häftlingsführung plante also längere Zeit einen Aufstand. Sie scheute jedoch vor den Konsequenzen zurück, die sie bei einem Scheitern des Aufstandes zu erwarten hatte. Erst als sich die SS fast vollständig zurückzog und die alliierten Truppen herannahten wagte sie den Aufstand. Die jüdischen Gefangenen begannen mit dem Aufstand erst dann, als sie buchstäblich nichts mehr zu verlieren hatten als ihr Leben. Eine absolute Einigkeit, sowohl innerhalb als auch zwischen den beiden Gruppen, bestand zu keiner Zeit.

4. Das Buchenwalder Manifest

Es ist unerlässlich, dieses Dokument im Rahmen dieser Arbeit zu erwähnen. Seine Entstehung spiegelt die Zerstrittenheit der kommunistisch/sozialistischen Gruppen wieder. Die einst weitestgehend einheitlich und parteiübergreifend zusammenarbeitende kommunistische Volksfront im Buchenwalder Konzentrationslager spaltete sich schon nach wenigen Tagen in drei Lager auf. Die politischen Diskussionen, wohin der Weg des Nachkriegsdeutschlands führen solle, brachten die latenten Gegensätze im Konzentrationslager Buchenwald zu Tage.

Drei verschiedene Dokumente wurden Mitte April 1945 verfasst. Ein Manifest der Sozialdemokraten, eine Resolution der Kommunisten und eine Entschließung des Volksfrontkomitees. Die Entschließung des Volksfrontkomitees ist als das Buchenwalder Manifest bekannt geworden. Ihm gehörten Hermann L. Brill (SPD), Dr. Werner Hilpert (Zentrumspartei, Ernst Thape (SPD) sowie Walter Wolf (KPD).

Es enthält ein elf Punkte umfassendes Programm zur politischen Neugestaltung des Nachkriegsdeutschlands und endet mit den zwei Sätzen: „Es lebe die Freiheit! Es lebe die Deutsche Volksrepublik!“.[22]Es war richtungweisend für die Gestaltung Westdeutschlands. Noch heute sind in ihm wesentliche Werte des heutigen Deutschlands zu erkennen. Wogegen die Resolution der Kommunisten in der Sowjetischen Besatzungszone Deutschlands an Bedeutung gewann und in der Gründung der DDR mündete.

Fazit

Wie schon am Titel der Arbeit zu erkennen ist, gab es Unterschiede im Widerstand zwischen kommunistischen und jüdischen Gefangenen. Der wohl wichtigste Unterschied zwischen jüdischem und kommunistischem Widerstand in den Konzentrationslagern ist der, dass sich die kommunistischen Gefangenen bewusst für den Widerstand entschieden, die jüdischen Gefangenen dagegen zum Widerstand herausgefordert wurden. Eine Ausnahme bilden in diesem Fall jüdische Kommunisten. Sie stellten oft erst die Verbindungen zwischen beiden Gruppen her. Denn keineswegs waren sich sowohl Juden als auch Kommunisten untereinander einig. Häufig war dies durch die verschiedenen Nationalitäten bedingt.

Zudem war die Lagerführung der SS ein wichtiger Grund für die Entstehung von Widerstand. Im Osten war die Lagerführung brutaler, der Tod durch die Gaskammern drohte ständig. Dadurch waren die jüdischen Gefangenen stärker davon bedroht, den Tod zu finden als kommunistische nichtjüdische Gefangene. Dies erschwerte zwar die längere Planung von Aktivitäten, aber letztendlich bereitete es den Weg zu einem Aufstand mit Waffengewalt.

Wogegen die kommunistische Häftlingsführung in Buchenwald dies erst wagte, nachdem sich die SS fast komplett zurückgezogen hatte. Die Erfahrung der Kommunisten in der Untergrundtätigkeit und eine starke Konzentration in bestimmten Lagern begünstigten ihre Arbeit. Ebenso begünstigte die Häftlingshierarchie der SS in vielen Lagern den Widerstand, was gerade für den kommunistischen Widerstand von Vorteil war. Durch die Lagerselbstverwaltung und den Buchenwalder Lagerschutz, konnte die illegale Tätigkeit der Kommunisten gestärkt werden. Durch die oft sehr disziplinierte Führung der Kommunisten konnte vielen Menschen das Leben gerettet werden. Doch ohne die Hilfen von Untergrundorganisationen außerhalb der Lager hätten viele Aktionen, vor allem der Informationsaustausch, nicht durchgeführt werden können.

Von großem Nachteil waren allerdings die Uneinigkeit und das Misstrauen unter den Häftlingen. Die Kommunisten hatten Erfahrung in konspirativer Arbeit. Dies war ein Vorteil gegenüber den jüdischen Gefangenen. So hatten die kommunistischen Häftlinge die besseren Voraussetzungen im Verborgenen zu arbeiten und durch die geringe Todesrate in ihren Reihen eine Struktur und Führung aufzubauen. In den meisten Lagern waren sie es, die äußerst aktiv waren und dadurch Leben retteten. Bis heute wird ihnen vorgeworfen, diese Position ausgenutzt zu haben. Dabei wir aber verkannt, dass die Schlüsselpositionen, die Kommunisten inne hatten, schwere Gewissensfragen hervorriefen. Denn die Rettung eines Menschen bedeutete oft, dass andere dem Tod überlassen wurden. Diese Gewissensfragen führten zu Streit und Misstrauen.

Die Systematik der Täuschung, des Terror und das Ausspielen der Häftlinge durch die Lagerführung sowie die Schwächung durch Mangelernährung und harte Arbeit erreichten, dass ein stärkerer Widerstand der Häftlinge ausblieb. Viele hatten kaum noch den Mut und die Kraft zum Widerstand. Der Großteil der Gefangenen nahm sein Schicksal hin und hoffte darauf, zu überleben, durch die am weitesten verbreitete Form der Selbsthilfe. Dieser Widerstand der Häftlinge war zudem bei beiden Gruppen von gleich starker Ausprägung. Für größere Aktivitäten fehlte den meisten Häftlingen die Kraft und der Mut, die Repression ihrer Peiniger hatte seine Wirkung erzielt.

Literaturverzeichnis:

Dieckmann, Christoph Herbert, Ulrich und Orth, Karin: Die nationalsozialistischen Konzen- trationslager: Entwicklung und Struktur, Göttingen 1998.

Glazar, Richard: Die Falle mit dem grünen Zaun: Überleben in Treblinka, Frankfurt am Main 1992.

Hackett, David A.(Hg.): Der Buchenwald-Report: Bericht über das Konzentrationslager Buchenwald bei Weimar, München 1996.

Kogon, Eugen: Der SS-Staat: Das System der Deutschen Konzentrationslager, Auflage 200.- 210. Tausend, Frankfurt am Main 1964.

Lagergemeinschaft Buchenwald-Dora der Bundesrepublik Deutschland: Buchenwald: Ein Konzentrationslager, Frankfurt am Main 1984.

Langbein, Hermann: …nicht wie Schafe zur Schlachtbank: Widerstand in den nationalso- zialistischen Konzentrationslagern 1938-1945, Frankfurt am Main 1980.

Maršálek, Hans: Die Geschichte des Konzentrationslagers Mauthausen, Wien - Linz 1995.

Pingel, Falk: Häftlinge unter SS-Herrschaft: Widerstand, Selbstbehauptung und Vernichtung im Konzentrationslager, Hamburg 1978.

Anlage Ι

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Kogon, Eugen: Der SS-Staat: Das System der Deutschen Konzentrationslager, Auflage 200.- 210. Tausend, Frankfurt am Main 1964, Anhang.

Anlage ΙΙ

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Kogon, Eugen: Der SS-Staat: Das System der Deutschen Konzentrationslager, Auflage 200.- 210. Tausend, Frankfurt am Main 1964, Anhang.

[...]


[1]Vgl.: Dieckmann, Christoph Herbert, Ulrich und Orth, Karin: Die nationalsozialistischen Konzentrationslager: Entwicklung und Struktur, Göttingen 1998, S.26f.

[2]Vgl.: Dieckmann, Christoph Herbert, Ulrich und Orth, Karin: Die nationalsozialistischen Konzentrationslager: Entwicklung und Struktur, Göttingen 1998, S.30.

[3]Lagergemeinschaft Buchenwald-Dora der Bundesrepublik Deutschland: Buchenwald: Ein Konzentrationslager, Frankfurt am Main 1984, S. 59.

[4]Vgl.: Kogon, Eugen: Der SS-Staat: Das System der Deutschen Konzentrationslager, Auflage 200.- 210. Tausend, Frankfurt am Main 1964, S.50f.

[5]Vgl.: Langbein, Hermann: …nicht wie Schafe zur Schlachtbank: Widerstand in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern 1938-1945, Frankfurt am Main 1980, S.31ff.

[6]Vgl.: Glazar, Richard: Die Falle mit dem grünen Zaun: Überleben in Treblinka, Frankfurt am Main 1992, S.9.

[7]Vgl.: Kogon, Eugen: Der SS-Staat: Das System der Deutschen Konzentrationslager, Auflage 200.- 210. Tau send, Frankfurt am Main 1964, S. 208f.

[8]Vgl.: ebd., S.218.

[9]Langbein, Hermann: …nicht wie Schafe zur Schlachtbank: Widerstand in den nationalsozialistischen Konzen- trationslagern 1938-1945, Frankfurt am Main 1980, S.115.

[10]Vgl.: Langbein, Hermann: …nicht wie Schafe zur Schlachtbank: Widerstand in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern 1938-1945, Frankfurt am Main 1980, S. 112ff.

[11]Vgl.: Pingel, Falk: Häftlinge unter SS-Herrschaft: Widerstand, Selbstbehauptung und Vernichtung im Konzen- trationslager, Hamburg 1978, S.20.

[12]Vgl.: Kogon, Eugen: Der SS-Staat: Das System der Deutschen Konzentrationslager, Auflage 200.- 210. Tau- send, Frankfurt am Main 1964, S. 214f.

[13]Langbein, Hermann: …nicht wie Schafe zur Schlachtbank: Widerstand in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern 1938-1945, Frankfurt am Main 1980, S.258.

[14]Vgl.: Langbein, Hermann: …nicht wie Schafe zur Schlachtbank: Widerstand in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern 1938-1945, Frankfurt am Main 1980, S.209.

[15]Vgl.: Hackett, David A.(Hg.): Der Buchenwald-Report: Bericht über das Konzentrationslager Buchenwald bei Weimar, München 1996, S.294ff.

[16]Vgl.: Hackett, David A.(Hg.): Der Buchenwald-Report: Bericht über das Konzentrationslager Buchenwald bei Weimar, München 1996, S. 354.

[17]Vgl.: Langbein, Hermann: …nicht wie Schafe zur Schlachtbank: Widerstand in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern 1938-1945, Frankfurt am Main 1980, S.324.

[18]Vgl.: Glazar, Richard: Die Falle mit dem grünen Zaun: Überleben in Treblinka, Frankfurt am Main 1992, S.27f.

[19]Pingel, Falk: Häftlinge unter SS-Herrschaft: Widerstand, Selbstbehauptung und Vernichtung im Konzentrati- onslager, Hamburg 1978, S.201.

[20]Vgl.: Pingel, Falk: Häftlinge unter SS-Herrschaft: Widerstand, Selbstbehauptung und Vernichtung im Kon- zentrationslager, Hamburg 1978, S.205.

[21]Kogon, Eugen: Der SS-Staat: Das System der Deutschen Konzentrationslager, Auflage 200.- 210. Tausend, Frankfurt am Main 1964, S.219.

[22]Lagergemeinschaft Buchenwald-Dora der Bundesrepublik Deutschland: Buchenwald: Ein Konzentrationsla- ger, Frankfurt am Main 1984, S.168.

24 von 24 Seiten

Details

Titel
Kommunistischer und jüdischer Widerstand in den Konzentrationslagern - ein Vergleich
Hochschule
Universität Duisburg-Essen
Veranstaltung
Proseminar
Note
1,3
Autor
Jahr
2003
Seiten
24
Katalognummer
V108371
Dateigröße
1350 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Punkt 4 ist Inhaltlich zu einfach.
Schlagworte
Kommunistischer, Widerstand, Konzentrationslagern, Vergleich, Proseminar
Arbeit zitieren
Christian Jung (Autor), 2003, Kommunistischer und jüdischer Widerstand in den Konzentrationslagern - ein Vergleich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/108371

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