Internationale Minderheiten in Tschechien


Seminararbeit, 2003

23 Seiten


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Inhaltsverzeichnis

A Einleitung
1. Minderheiten in Tschechien
2. Die Deutsche Minderheit
2.1. Geschichtliche Entwicklung zwischen Deutschen und Tschechen
2.1.1. Entwicklung vor der Staatsgründung 1920
2.1.2. Die erste Tschechische Republik
2.1.3. Das Münchener Abkommen und die Zerschlagung der Tschechoslowakei
2.1.4. Die Vertreibung und die „Beneš-Dekrete“
2.2. Lage der Deutschen Minderheit nach 1945 bis heute
2.3. Fazit
3. Die Slowakische Minderheit
3.1. Entstehung eines Gemeinsamen Staates
3.2. Die Ursachen für die Spaltung
3.3. Heutige Lage der slowakischen Minderheit in Tschechien
4. Die Roma-Minderheit
4.1. Kurze Geschichtliche Vorbetrachtung
4.2. Heutige Lage der Roma
4.3. Beispiele für staatliche Diskriminierung der Roma-Minderheit
4.4. Zukunftsausblick
5. Schlussbemerkung

B Literaturverzeichnis

C Anlagen

Einleitung

In dieser Hausarbeit möchte ich ein Land vorstellen, für das die Minderheitenproblematik nicht neu ist. Seit der Staatsgründung der Tschechoslowakei bestehen Konflikte zwischen der einheimischen Bevölkerung und den Minderheiten. Damit sind die Konflikte genauso alt, wie die Problematik in Europa an sich, denn mit den Rechten und Pflichten von Minderheiten wurde sich erst nach dem ersten Weltkrieg intensiv beschäftigt. Der Grund für die Minderheitenprobleme in Osteuropa und damit auch in Tschechien, lag vor allem in der staatlichen Neuordnung Europas nach dem ersten Weltkrieg. Die Forderung nach Nationalstaaten mit Menschen gleicher Sprache und Kultur konnte nur schlecht in Osteuropa umgesetzt werden. Die Siedlungsstruktur war national zu gemischt, um eine klare Trennung zu ermöglichen. Über Minderheiten in Tschechien zu schreiben, heißt somit zwangsläufig auf die Geschichte des Staates einzugehen.

Das Verhältnis der Tschechen zu ihren Minderheiten ist wie in vielen osteuropäischen Staaten von kultureller Intoleranz geprägt. Um die Entstehung dieser Intoleranz zu verstehen, muss man sich vor Augen halten, dass Tschechien durch die Einbindung in den Ostblock, 50 Jahre lang isoliert war und erst seit kurzem wieder ein eigener Staat ist. Das Verhältnis zwischen Staat und Minderheiten muss erst wieder neu geregelt werden. Die Regelungen in der neuen tschechischen Verfassung sind eher normative und deklarative Bestimmungen hinsichtlich des Minderheitenrechtes.[1] Es besteht bisher kein konkretes Gesetz, das den Umgang mit den Minderheiten in Tschechien im Einzelnen regelt.

In dieser Hausarbeit möchte ich zuerst auf die Minderheiten in Tschechien allgemein eingehen, um dann die deutsche, slowakische und Roma-Minderheit genauer vorzustellen. Ich gehe dabei auf die geschichtliche, kulturelle und soziale Lage der jeweiligen Minderheit ein, um anschließend ihre heutige Lage zu bewerten.

1. Minderheiten in der Tschechischen Republik

Die völkerrechtliche Definition von Minderheiten besagt, dass Minderheiten Personen sind, die ethnische, religiöse oder sprachliche Traditionen oder andere wesentliche Eigenschaften besitzen, die deutlich von denjenigen der übrigen Bevölkerung unterscheiden und die sie zu bewahren wünschen.[2]

In der heutigen Tschechischen Republik leben, nach der Staatsgründung von 1993, nur noch wenige Minderheiten, deshalb kann Tschechien, als eines der wenigen osteuropäischen Staaten, auch als ein Nationalstaat bezeichnet werden. Der Anteil der Minderheiten im Land beträgt heute weniger als zehn Prozent. (siehe Anlage 2) Den größten Teil in der Geschichte lebten die Tschechen aber in einem „Vielvölkerstaat“. Im Habsburger Reich vor allem mit den Deutschen und Ungarn. Nach der Staatsgründung 1920 mit den Deutschen und den Slowaken und nach 1945 hauptsächlich nur noch die Slowaken. Wie schon oben bereits erwähnt, beträgt der Anteil der Minderheiten heute weniger als zehn Prozent an der Gesamtbevölkerung, dass sind ca. eine Million Menschen. Diese Zahlen basieren auf einer Volksumfrage von 2001. Sie setzen sich wie folgt zusammen: 3,6 Prozent bezeichnen sich als Mährer; 0,1 Prozent als Schlesier; 1,8 Prozent als Slowaken; 0,4 Prozent als Deutsche; 0,5 Prozent als Polen; und 0,1 Prozent als Roma. Die restlichen Prozente entfallen auf sonstige ethnische Gruppen.[3] Somit stellen die Slowaken, abgesehen von den Mährern, die sich als Einwohner Mährens fühlen, die größte ethnische Minderheit da. Die anderen Gruppen fallen kaum ins Gewicht. Um den Rahmen dieser Arbeit nicht zu sprengen, möchte ich meinen Schwerpunkt auf drei ethnische Gruppen legen, die deutsche Minderheit, die slowakische Minderheit und die Minderheit der Roma. Ich möchte diese Minderheitengruppen im folgenden vorstellen und ihre geschichtliche, kulturelle und soziale Lage näher betrachten.

Insgesamt lässt sich die Lage der Minderheiten in Tschechien nach den Fortschrittsbericht für die Jahre 2000 und 2001 der europäischen Kommission als befriedigend bezeichnen.[4] Bis auf die Lage der Roma, auf die ich später in einem gesonderten Punkt noch zu sprechen komme.

2. Die deutsche Minderheit

Die Deutschen in Tschechien stellten bis 1945 eine der größten ethnischen Minderheiten dar. Nach 1945 hatten sie jedoch nur noch einen kleinen Anteil an der Gesamtbevölkerung. Als Hauptursache sind hier die Vertreibungen der Deutschen nach dem zweiten Weltkrieg aus ihren Gebieten zu nennen. Seit 1950 ist die Zahl der Deutschen in Tschechien stetig gesunken. Waren es 1950 rund 165.000, drittelte sich die Zahl bis 1991 auf 50.000 Menschen. Bei der letzten Volksbefragung von 2001 gaben nur noch 40.000 Menschen an, Deutsche zu sein. Das Verhältnis zwischen Tschechen und Deutschen ist noch immer belastet. Eine Umfrage 1992 ergab, dass 50 Prozent aller Tschechen der Aussage: „Die historische Erfahrung lehrt uns, dass man den Deutschen nicht trauen sollte.“ zu stimmen würden.[5] Um zu verstehen, wie dieses Stimmungsbild zustande kam, möchte ich auf einige Eckdaten in der Deutsch-Tschechischen Geschichte eingehen.

2.1 Geschichtliche Entwicklung zwischen Deutschen und Tschechen

2.1.1 Entwicklung vor Staatsgründung 1920

Die ersten deutschen Siedler kamen im etwa zehnten Jahrhundert ins Land. Im zwölften Jahrhundert folgten weitere Siedler, vor allem Bauern, Handwerker und Bergleute aus Österreich und der Oberpfalz. Sie ließen sich im Raum Südmähren und Westböhmen nieder. So entstanden deutsch besiedelte Grenzregionen. Es wird geschätzt, dass schon im vierzehnten Jahrhundert ca. 250.000 Deutsche dort lebten. Dies machte in etwa ein Sechstel von der damaligen Gesamtbevölkerung aus.

Von 1310 bis 1437 ging die Herrschaft an das Haus der Luxemburger über. Unter Karl IV., von 1346 bis 1378 deutscher und böhmischer König und ab 1355 deutscher Kaiser, wurden die böhmischen Länder Kernländer des deutschen Reiches mit Prag als Residenzstadt.

Im Jahre 1471 trug zum letzten Mal ein böhmischer Adliger die Wenzelkrone. Nach einigen Kämpfen um die Krone zwischen Polen und Ungarn verfiel die Krone ab 1526 in die Hände der Habsburger. Es bestand ein tiefgreifender Konflikt zwischen den protestantischen böhmischen Ständen und der zentralistischen prokatholischen Politik des Habsburger Kaisers. Die berühmteste Eskalation ist der Prager Fenstersturz vom 23. Mai 1618, der auch als auslösendes Ereignis für den Dreißigjährigen Krieg gilt. Der Habsburger Kaiser ging hart gegen die böhmischen Fürsten vor und rekatholisierte das Land. Dies prägte nun fortan das religiöse und kulturelle Leben des Landes. Diese Epoche zwischen der Niederlage der böhmischen Stände bis zur Zeit der tschechischen Nationalbewegung wird auch von manchen tschechischen Historikern als „Periode der Finsternis“ beschrieben.

In dieser Zeit trennte Deutsche und Tschechen nicht nur die unterschiedliche Sprache und Nationalität. Es gab auch soziale Differenzierungen zwischen den beiden Gruppen. Besonders zeigte sich dies in der Tatsache, dass eine höhere Bildung ausschließlich nur in der deutschen Sprache zu erhalten war. Des weiteren diente Deutsch auch als alleinige Amtssprache, was die Befürchtung einer deutschen Dominanz bei der nichtdeutschen Bevölkerung hervorrief. Ändern sollte sich dies mit dem Aufstieg der tschechischen Kultur und der nationalen Emanzipation im 19. Jahrhundert. In Tschechien wuchs, wie überall in Europa, das nationale Selbstbewusstsein. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts standen sich zwei sprachlich unterschiedliche Kulturen gleichwertig gegenüber.[6]

Erstmals distanzierten sich die Tschechen 1848, mit der Ablehnung der Einladung zur Versammlung in der Frankfurter Paulskirche, von der Idee des „großdeutschen Projekt“.[7] Vielmehr riefen sie einen eigenen Slawenkongress 1848 nach Prag ein. Obwohl diese ersten Versuche noch gewaltsam von der Habsburger Monarchie zerschlagen wurden, wurden die Rufe nach Gleichberechtigung der Landessprachen und nach der politischen Gleichstellung immer lauter. So laut, dass die Habsburger Monarchie darin eine existenzielle Bedrohung sah und Kompromisse einging, wie z.B. die Teilung der Prager Universität 1881 in einen deutschen und tschechischen Teil. Die Gleichberechtigung in der Behörden- und Amtssprache scheiterte allerdings 1899 an dem zu starken Widerstand der deutschen Bevölkerung.[8] Am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhundert war die Gesellschaft kulturell und politisch gespalten.

2.1.2 Die Erste Tschechische Republik

Die erste Republik der Tschechen wurde durch die Niederlage Österreich-Ungarns im ersten Weltkrieg begünstigt. Frankreich, England und die USA unterstützten die Gründung, so dass schon am 18. Oktober in Washington die erste Tschechoslowakische Republik ausgerufen werden konnte. Sie bestand aus Böhmen, Mähren und der Slowakei. Der entstandene Staat war kein reiner Nationalstaat von Tschechen und Slowaken, er war vielmehr wieder ein Nationalitätenstaat. Die knappe Mehrheit bildeten die Tschechen mit einen Anteil von 50,3 Prozent an der Gesamtbevölkerung. Die größte ethnische Minderheit stellten die Deutschen mit 22,9 Prozent da. Die Slowaken als dritte große ethnische Gruppe im Land kam auf einen Anteil von 14 Prozent. (siehe Anlage 1) Diese neue Konstellation barg viel Konfliktstoff und warf Fragen auf, wie beispielweise: „Wie würden sich die Deutschen mit ihrer neuen Rolle abfinden, also mit einer Dominanz der tschechischen Kultur?“ oder „Kann ein so junger Staat mit den Problemen fertig werden?

Die deutsche Minderheit, in etwa 3,2 Millionen, lebte vorrangig im Dreiländereck zwischen Polen, Deutschland und Tschechien, im sogenannten Sudetengebirge. Daher auch die Bezeichnung „Sudetendeutsche“. In den Anfangsjahren nach der Staatsgründung strebten sie noch eine Vereinigung mit Österreich an. Erst 1926 begann man sich, als immerhin zweitgrößte Volksgruppe im Land, über politische Mitarbeit im Staat für die eigene Belange stark zu machen.

Die Situation der Deutschen war von vielen Problemen gekennzeichnet. Sie verloren ihre frühere privilegierte Stellung. Zum Einen waren sie nicht, wie die Tschechen oder Slowaken, als Staatsvolk anerkannt. Zum Anderen wurde durch die Pflicht zur Ablegung einer tschechischer Sprachprüfung die Zahl der Deutschen im öffentlichen Dienst bewusst reduziert.[9] Hinzu kam noch eine große Anzahl von Arbeitslosen. Allein im Winter 1932/33 waren zwei Drittel der 920.000 Arbeitslosen Sudetendeutsche. Die hohe Zahl liegt vor allem in den wirtschaftlichen Strukturen begründet. Der überwiegende Teil der Sudetendeutschen war in der mittelständischen Leichtindustrie beschäftigt, welche sehr exportorientiert war. Mit der Weltwirtschaftskrise brachen diese ausländischen Absatzmärkte weg.

Unter diesen schwierigen sozialen Bedingungen konnte sich der Einfluss nationalistischer Gruppen verstärken. Besonders tat sich die im Oktober 1933 von Konrad Henlein gegründete Sudetendeutsche Heimatfront hervor. Sie wandelte sich 1935 in die Sudetendeutsche Partei um, und gewann im gleichen Jahr 68 Prozent der sudetendeutschen Wählerstimmen. Adolf Hitler machte sich Henlein´s Partei zu nutze, um die Beseitigung der Tschechoslowakei voranzutreiben.

2.1.3 Das Münchener Abkommen und die Zerschlagung der Tschechoslowakei

Mit der Proklamation Hitlers alle Deutschen in Mitteleuropa in einem Reich zu vereinen, und der Angliederung Österreichs an das Deutsche Reich 1938, wuchs die Gefahr für die erste tschechoslowakische Republik. Der große Anteil an Deutschen in der Bevölkerung und deren nationalsozialistische Sympathie, machten sie zum potentiellen Objekt weiterer deutscher Expansionspolitik. Der Versuch eines Entgegenkommens von der Regierungsseite aus, beantwortete die Sudetendeutsche Partei mit immer wieder neueren und höheren Forderungen. Forderungen waren z.B. die vollständige Autonomie der betreffenden Gebiete und eine Wiedergutmachung des Unrechtes, welches den Sudetendeutschen nach ihrer Ansicht nach 1918 angetan wurde. Sie stellten sogar die Forderung, ein offenes Bekenntnis zur nationalsozialistischen Weltanschauung zuzulassen.[10] Der Sudetendeutschen Partei war es nicht an einer Einigung gelegen, sondern an Provokation und einer Eskalation der Streitigkeiten, wie in Mährisch-Ostrau September 1938. Dort kam es zu gewaltsamen Auseinandersetzungen mit der Staatsgewalt. Daraufhin verhängte die Regierung das Standrecht über die Sudetengebiete und verbot die Sudetendeutsche Partei. Dies war ein willkommener und gewollt beigeführter Grund für Hitler eine militärische Intervention vorzubereiten.

Die tschechoslowakische Regierung sah sich nun auch außenpolitisch ernsthaft bedroht und bat ihre „Geburtshelfer“ England und Frankreich um Beistand. Diese wollten anfangs zwischen den Sudetendeutschen und der Regierung in Prag vermitteln, ganz im Rahmen ihrer Appeasementpolitik (dt. Beschwichtigungs-politik).[11] Sie dachten (noch) nicht daran auf Konfrontationskurs mit Hitler zu gehen. So empfahlen sie der Tschechoslowakei die Gebiete an die Deutschen abzutreten. Hitler spitzte zu diesem Zeitpunkt die Lage weiter an, indem er auch Autonomieforderungen der Polen und Ungarn unterstützte.

Das Münchener Abkommen vom 30. September 1938 sollte den schon unausweichlich scheinenden Krieg abwenden. In dem Abkommen wurde die Abtretung des gesamten von Deutschen besiedelten Gebietes an das Deutsche Reich beschlossen. Für die Tschechoslowakei war das der Beginn vom Ende. Sie wurde nicht an den Verhandlungen beteiligt und war nur noch ein kleiner Reststaat ohne jede Möglichkeit zur militärischen Verteidigung, ohne Verbündete und ohne wirtschaftliche Lebensfähigkeit.[12] Die deutsche Wehrmacht besetzte das nun zum Deutschen Reich gehörende Gebiet mit einer Fläche von rund 29.000 Quadratkilometern und rund 3,6 Millionen Einwohnern im Oktober und November 1938. Unter den Einwohnern waren ca. 700.000 Tschechen, die zum größten Teil das Gebiet, aus Furcht vor Unterdrückung, verließen.

Die erste tschechische Republik bestand nur noch bis zum 15. März 1939. Sie wurde komplett von der Wehrmacht besetzt und in die Protektorate Böhmen und Mähren aufgelöst. Die Slowakei wurde zu einem Satellitenstaat des Deutschen Reiches.

Bleibt nun die Frage, ob die erste Republik an inneren oder äußeren Spannungen zerbrach? Die innere Lage war sehr angespannt, immerhin stellten die Tschechen nur knapp über 50 Prozent an der Gesamtbevölkerung. Dies ist zu wenig, um von einer Dominanz der tschechischen Kultur zu sprechen. Die Regierung hätte eher, schon in den Anfangsjahren der jungen Republik, auf eine Einbindung der Deutschen auf kultureller und politischer Ebene hinarbeiten sollen. Sie hätte stärker auf die entstehenden sozialen Probleme der Sudetendeutschen eingehen müssen. Soziale Probleme, wie die hohe Arbeitslosigkeit oder der Verlust der Privilegien vieler Deutscher. Ein gemeinsames Miteinander hätte vielleicht verhindern können, dass die deutsche Minderheit im Land so aktiv an der äußeren Zerschlagung durch Hitler-Deutschland teilnahm.

2.1.4 Die Vertreibung und die „Beneš-Dekrete“

Die „Beneš-Dekrete“ sind in den Jahren 1940 bis 1945 im Exil vom tschechoslowakischen Präsidenten Edvard Beneš erlassen worden. Es wurden insgesamt 143 Dekrete erlassen, die wirtschaftliche, soziale und politische Veränderungen auf den Weg bringen sollten. Sie basierten auf der Überzeugung, dass nur eine stabile Friedensordnung in Ostmitteleuropa entstehen kann, wenn national homogene Staaten geschaffen werden, d.h. Staaten ohne Minderheiten.[13] Bis heute sind besonders die Diskrete Nr. 5/1945, Nr. 12/1945, Nr. 33/1945, Nr. 71/1945 und Nr. 108/1945 umstritten.[14] Sie sahen den Entzug der Staatsbürgerschaft, sowie eine Enteignung der deutschen (wie auch der ungarischen) Minderheit im Land vor. Diese Entrechtung der Deutschen wurde mit deren Schuld an dem Krieg und der Besetzung der Tschechoslowakei durch deutsche Truppen gerechtfertigt. Es liegt somit eine Diskriminierung der deutschen Minderheit vor. Die Diskrete richteten sich nicht gegen eine Gruppe von Personen, die sich durch konkrete Taten hatte etwas zu schulden kommen lassen. Sie richteten sich gegen alle in der Tschechoslowakei lebenden Deutschen.

Die erste Phase in der Nachkriegszeit war auch von der Vertreibung der deutschen Minderheit geprägt. Der anfänglich wilden Vertreibung kurz nach dem Krieg, folgte die regulierte Vertreibung, die im wesentlichen bis 1947 abgeschlossen war.[15] Viele Opfer unter der deutschen Bevölkerung waren besonders in der wilden Vertreibungsphase zu beklagen. Es kam teilweise zu schrecklichen Übergriffen und Misshandlungen, auch zu Morden an den Deutschen durch die tschechische Bevölkerung. In der wilden Phase der Vertreibung wurden rund 750.000 Sudetendeutsche aus dem Land gedrängt.[16] Bis Dezember 1946 waren schon ca. 2,8 Millionen der ursprünglich 3,2 Millionen Sudetendeutsche vertrieben. Etwa 250.000 Deutsche durften oder mussten bleiben, weil sie als Fachkräfte unverzichtbar für die neue Tschechoslowakei waren. Nachweislich fielen 19.542 Deutsche der Vertreibung zum Opfer, hinzu kommen noch ca. 225.000 mit ungeklärtem Schicksal.[17]

2.2 Lage der Deutschen Minderheit nach 1945 bis heute

Die Zahl der deutschen Minderheit, wie oben bereits erwähnt, ist nach 1945 kontinuierlich gesunken. Waren es 1950 noch rund 165.000 Deutsche sank die Zahl bis heute auf 38.000.[18]

Dieser Trend ist zum Einen durch die Aussiedlung nach Deutschland zu erklären, und zum Anderen haben viele Deutsche z.B. durch Mischehen die tschechische Staatsbürgerschaft erhalten und fühlen sich als Tschechen.

Ihre Staatsbürgerlichen Rechte erhielten die Deutschen erst im Verlauf der fünfziger und sechziger Jahre zurück. Nach 1990 unterstützten die Behörden stärker die kulturellen und sozialen Aktivitäten der Deutschen Minderheit. Die neue Verfassung der Tschechischen Republik vom 16. Dezember 1992 garantiert allen tschechischen Bürgern, die einer nationalen und ethnischen Minderheit angehören, das Recht sich für ihre Angelegenheiten zu engagieren.

Es existiert heute eine Minderheitenorganisation, die „Landesversammlung der Deutschen in Böhmen, Mähren und Schlesien“, mit einer eigenen Zeitschrift („Landeszeitung“). Diese Landesversammlung forderte im Sommer 2001 das tschechische Abgeordnetenhaus in einer Petition auf, das den Deutschen nach dem Krieg zugefügte Leid, die Zwangsarbeit und Internierung in Lagern, wieder gut zu machen. Die Forderung wurde vom Parlament abgelehnt mit dem Verweis auf andere Fördermittel, wie etwa den deutsch-tschechischen Zukunftsfonds.

In diesem Thema liegt nach wie vor Brisanz. Nämlich zwischen der Gewährung des Minderheitenschutz und der Befürchtung vor möglichen Konsequenzen bezüglich der Deutschen. Die Forderung die Beneš-Dekrete aufzuheben wird immer wieder von Sudetendeutschen Vertriebenenverbände in der Bundesrepublik (BRD) und der sich formierenden deutschen politischen Vertretung in Tschechien gestellt.

Doch welche Folgen würde ein Eingestehen der Schuld auf Seite der Tschechen mit sich bringen? Würde es nicht indirekt auch bedeuten, dass die Vertriebenen das Recht hätten in ihre alte Heimat zurückzukehren oder im Extremfall sogar eine Wiederangliederung an Deutschland? Oder geht es nur um eine moralische Entschädigung der vertriebenen Sudetendeutschen. Emotional ist das deutsch-tschechische Verhältnis auch heute noch stark belastet. Dies zeigt auch die Empörung in der tschechischen Bevölkerung über den damaligen Präsidenten Havel, der sich für die Behandlung der Deutschen durch die Tschechen nach dem zweiten Weltkrieg entschuldigte.[19]

Eine gewisse Beruhigung wurde durch die Deutsch-Tschechische Erklärung von 1997 erreicht. Dort wurde das geschehene Unrecht auf beiden Seiten von Deutschen und Tschechen bedauert. Es wurde weiter erklärt, dass dieses Unrecht der Vergangenheit angehört und die Beziehung auf die Zukunft ausgerichtet werden sollen. Des weiteren wurde auch der bereits erwähnte deutsch-tschechische Zukunftsfonds gebildet, der unter anderem zur Minderheitenförderung dient.

Seit dem Herbst 2001 hat sich das Verhältnis wieder verschlechtert. Grund waren einige populistische Äußerungen tschechischer Spitzenpolitiker im Wahlkampf. Das tschechische Abgeordnetenhaus verabschiedete im April 2002 einstimmig eine Erklärung, in der auf die historische Situation nach dem Krieg verwiesen wurde und die Wirksamkeit der Beneš-Dekrete als erloschen charakterisierte. Die sich aber daraus resultierenden Rechts- und Eigentumsverhältnisse als unantastbar und unveränderlich beschrieb.

2.3 Fazit

Nach fast 60 Jahren ist das Verhältnis zwischen Deutschen und Tschechen immer noch belastet. Die Tschechen hegen immer noch ein Misstrauen gegenüber den Deutschen, obwohl sich die Beziehungen, besonders in den letzten zehn Jahren, verbessert haben. Insgesamt lässt sich die heutige Lage der deutschen Minderheit, die immerhin die drittgrößte Minderheit in Tschechien darstellt, als befriedigend bezeichnen. Seit den 50er Jahren hat es stetige Verbesserungen gegeben. Davor waren den Deutschen sogar jegliche Kommunikationsmittel, wie Radio oder Zeitung, verboten. Heute gibt es zwei große Zeitungen („Prager Volkszeitung“ und die „Landeszeitung“) der deutschen Minderheit, die mit Mitteln aus der tschechischen Staatskasse finanziert werden, wie auch viele Minderheitenverbände. (z.B. der „Kulturverband der Bürger deutscher Nationalität“) Die tschechische Regierung hat auch einen Rat für nationale Minderheiten eingerichtet, in dem auch Vertreter der deutschen Minderheit sitzen. Insgesamt gesehen sind die Deutschen in Tschechien sehr assimiliert. Es gibt kaum noch rein deutsche Familien, in denen Deutsch als Muttersprache gesprochen wird.

3. Die slowakische Minderheit

Die Slowaken stellen nach der letzten Volkszählung von 2001 die größte ethnische Minderheit in der Tschechischen Republik dar. Derzeit stellen sie rund 1,8 Prozent der Gesamtbevölkerung, das sind ca. 184.000 Menschen.

Auch hier möchte ich kurz auf die Geschichte eingehen, um die heutige Situation, besonders die Staatstrennung 1993, besser erklären zu können. Danach möchte ich die heutige Situation der slowakischen Minderheit aufzeigen.

3.1 Entstehung eines Gemeinsamen Staates

Die Tschechoslowakei wurde hauptsächlich auf Initiative tschechischer Exilpolitiker gegründet. Das Territorium des geplanten tschechischen Nationalstaat war aber sehr klein und hatte nur wenig Einwohner. Ein solcher Staat war nach damaliger Meinung nicht überlebensfähig, zumal noch ein Großteil der Bevölkerung Deutsche waren. Deshalb wurde eine tschechoslowakische Lösung angestrebt. Die Slowaken und Tschechen besaßen aber weder historisch noch kulturell, bis auf ihre Zugehörigkeit zur slawischen Sprachfamilie, größere Gemeinsamkeiten. Die Slowakei, bis 1918 noch ungarische Provinz, war aber das einzige slawische Siedlungsgebiet, welches nicht vom polnischen Nationalismus beansprucht wurde.[20] Das Abkommen über die Gründung des gemeinsamen Staates wurde 1918 im amerikanischen Pittsburgh unterzeichnet. Viele Historiker sahen die neugegründete Republik als einen Kunststaat an. Einen Staat den die Tschechen haben wollten, der aber aus der Not der Umstände heraus mit den Slowaken gegründet werden musste.

3.2 Die Ursachen für die Spaltung

Die Aufspaltung der Tschechoslowakei in die souveränen Staaten Slowakei und Tschechei vollzog sich friedlich am 01.Januar 1993. Was waren nun die Gründe für diese Entscheidung?

Es gibt viele Erklärungen, um die Ursachen für die Trennung zu erklären. Im Vordergrund steht aber die ungleiche Entwicklung beider Landesteile schon seit den ersten Tagen der tschechoslowakischen Republik. Besonders im industriellen Bereich war der tschechische Teil von Anfang an besser gestellt. Während die Tschechen große Teile der industriellen Kapazität Österreich-Ungarns übernahmen, war der slowakische Teil kaum industrialisiert.[21]

Auch politisch gaben meist tschechische Politiker den Ton an. Dies lag vor allem daran, dass die Staatsgründung in erster Linie von tschechischen Politikern voran getrieben wurde. Die tschechische politische Elite war auch größer als die slowakische, was nicht verwunderlich ist, da die tschechische Gesellschaft viel weiter entwickelt war als die slowakische. Doch war die große Nationalbewegung in Europa Mitte des 19. Jahrhundert nicht spurlos an den Slowaken vorbei gegangen. Sie war so weit fortgeschritten, dass eine Anpassung an die tschechische Kultur und eine Akzeptanz der tschechischen Dominanz für die Slowaken schlecht möglich war.

Dennoch hatte die Tschechoslowakei, trotz dieser schlechten Vorzeichen, recht lange Bestand. Der Grund für das lange Bestehen ist darin zu sehen, dass zur Zeit der ersten Republik eine Trennung nicht in Frage kam. Beide Staaten konnten nur zusammen eigenständig sein. Zwei getrennte Staaten wollten die Siegermächte nach dem ersten Weltkrieg nicht akzeptieren. Sie fürchteten um die Überlebensfähigkeit beider Staaten. Nach der Zerschlagung der ersten Republik durch das Dritte Reich und während des zweiten Weltkrieges hatten die Slowaken kurz ihren eigenen Staat, der allerdings unter deutscher Verwaltung stand und somit nicht mehr als ein Satellitenstaat war. Nach dem zweiten Weltkrieg geriet die Tschechoslowakei unter sowjetischen Einfluss, was über 40 Jahre andauern sollte. Parteien, die für eine Auflösung in zwei eigenständige Staaten eintraten, wurden zugunsten der Kommunistischen Partei verboten. Aber auch in der Kommunistischen Partei gab es Spannungen zwischen Slowaken und Tschechen, welche Ende 1967/Anfang 1968 in der Ablösung des Tschechen Novotný durch den Slowaken Dubček gipfelte.[22]

Nach 1989 und dem politischen Umbruch in der Tschechoslowakei war nun der Weg frei für eine Trennung, die in den Zeiten des sowjetischen Einfluss nicht möglich war. Besonders beim Wahlkampf 1992 zeigten die verantwortlichen Akteure, vor allem Klaus auf tschechischer Seite und Mečiar auf der slowakischen, wenig Kompromissbereitschaft. Es bestanden zusätzlich noch unterschiedliche Auffassung über die Zukunft des Landes. Die Einführung Marktwirtschaft wurde von den Slowaken deutlich kritischer gesehen als von den Tschechen. Die Privatisierung war weniger erfolgreich im slowakischen Landesteil als im tschechischen. Obendrein war die Arbeitslosenquote im slowakischen Teil höher als im tschechischen, was sozialen und politischen Zündstoff bot.[23]

Als Fazit bleibt stehen, dass der gemeinsame Staat von Tschechen und Slowaken ein Kunststaat war. Es hat niemals eine stabile tschechoslowakische Nation gegeben, denn von Anfang an gab es eine dominante Rolle der Tschechen in Kultur, Politik und Wirtschaft und eine immer stärker werdende slowakische Nationalbewegung. Dies führte zwangsläufig zu Auseinandersetzungen und zu verschiedenen Vorstellungen über die zukünftige Entwicklung. Umfragen im Herbst 1992 unter der Bevölkerung beider Teilrepubliken ergaben keine Mehrheit für eine Trennung, dennoch kann wohl zu Recht behauptet werden, dass aber auch keiner ausdrücklich gegen die von den politischen Eliten vorangetriebene Trennung war.[24]

3.3 Heutige Lage der slowakischen Minderheit in Tschechien

Die Situation eine Minderheit zu sein, ist für die Slowaken recht neu. Immerhin leben viele schon in der dritten oder vierten Generation in der Tschechischen Republik. Viele Slowaken wurden nach dem zweiten Weltkrieg in die Gebiete, der ehemals vertriebenen Deutschen angesiedelt, also im Grenzland. Sie kamen aber nicht aus der Slowakei, sondern vor allem aus Ungarn und Rumänien. Eine Konzentration von slowakischen Staatsbürgern findet sich vor allem in Prag, Brünn, Olmütz, Karviná, Tábor, Kladno und Westböhmen.[25]

Zwischen den Tschechen und der slowakischen Minderheit bestehen kaum Spannungen, obwohl die Minderheitenfrage in Tschechien kaum ausreichend geregelt ist.[26] Das liegt zum Einen an der starken Assimilation der Slowaken in Tschechien und zum Anderen an der moderaten Politik der tschechischen Regierung. Es findet zwar kein Sprachunterricht mehr in slowakischer Sprache an tschechischen Schulen statt, aber sprechen z.B. noch viele Beamte slowakisch, was Behördengänge erleichtert. Die Regierung unterstützt finanziell drei Zeitschriften und Magazine in slowakischer Sprache. Des weiteren existiert auch einige Minderheiten-organisationen, die sich um die Belange der in Tschechien lebenden Slowaken kümmern. Das neue Staatsbürgerschaftsgesetz von 1999 ermöglicht es der slowakischen Bevölkerungsgruppe beide Staatsbürgerschaften zu besitzen, die tschechische und die slowakische.

Streit gab es über die Einführung einer Visumspflicht und einer Arbeitserlaubnis für Slowaken in Tschechien. Nach einem Staatsabkommen zwischen der Slowakei und Tschechei war bisher nur eine Registrierung Voraussetzung, um als Slowake in der Tschechei arbeiten zu dürfen. Die Initiative dazu ging von den Tschechen aus, die damit einen wesentlichen Punkt aus den EU-Beitrittsverhandlungen erfüllen wollten. Die Europäische Union (EU) kritisierte die allzu oft nur laschen Kontrollen an der Slowakisch-Tschechischen Grenze. Nach dem EU-Beitritt Tschechiens wird die Grenze zu der Slowakei eine EU-Außengrenze sein, die ausreichend geschützt werden muss.[27]

4. Die Roma Minderheit

Offiziell stellen die Roma nach der Volkszählung am 01. März 2001 mit „nur“ 11.700 Menschen in Tschechien eine sehr kleine Minderheit da. Der Anteil an der Gesamtbevölkerung beträgt somit nur ca. 0,1 Prozent. Dennoch haben die Roma einen schweren Stand als Minderheit. So wurde die Lage der Roma in den Fortschrittsberichten der Europäischen Kommission für die Jahre 2000 und 2001 kritisiert.[28]

Bevor ich auf die heutigen Situation der Roma in Tschechien eingehe, möchte ich kurz einen geschichtlichen Rahmen setzen. Anschließend möchte ich noch Beispiele für staatlichen Rassismus in Tschechien anführen.

4.1 Kurze Geschichtliche Vorbetrachtung

Die frühsten Erwähnungen über eine Roma-Zuwanderung stammen aus dem Ende des 14. Jahrhundert und dem Anfang des 15. Jahrhundert. Im 18. Jahrhundert wurde erstmals versucht dieses nomadisierende Volk zwangsweise anzusiedeln und zu assimilieren. Diese Versuche beinhalteten Verbote ihre Muttersprache zu sprechen, sowie ihre traditionelle Tracht zu tragen. Die Kinder der Roma wurden den Familien weggenommen und zur Umerziehung geschickt.

Die Jahre des zweiten Weltkrieges und des offenen Genozids überlebten nur wenige der tschechischen Roma. Nach 1945 kam es aber zu einer Masseneinwanderung slowakischer, ungarischer und walachischer Roma nach Böhmen und Mähren. Im Gesetz Nr. 74 aus dem Jahr 1958 wurde die Zwangsansiedlung der letzten nomadisierenden Roma bestimmt. Dies geschah vor allem in den Gebieten der vertriebenen Sudetendeutschen. Begleitet wurde diese Zwangsansiedlung mit einer Zerschlagung der traditionellen Familien- und Kastenstrukturen.

Nach dem Zusammenbruch des Ostblocks und der Öffnung der Grenzen emigrierten immer mehr Roma-Familien, vor allem nach Kanada und Großbritannien als Reaktion auf die wachsenden interethnischen Spannungen.[29]

4.2 Heutige Lage der Roma

Die Roma Minderheit in Tschechien belastet nicht nur der Minderheitenstatus, sondern auch erhebliche soziale Probleme und Benachteiligungen.

Da ist das Problem der Diskriminierung. Viele Roma haben, aus Angst sich offen zu ihrer ethnischen Gruppe zu bekennen, bei der Volksbefragung falsche Angaben gemacht. In Wirklichkeit liegt die Zahl der Roma höher. Schätzungen zufolge könnte die Zahl zwischen 100.000 und 250.000 Menschen liegen.[30] Die Vielzahl der Übergriffe auf die Roma durch extremistische Gruppen zeugen auch von einer bedrängten Lage der Roma. Im Jahre 1999 waren es allein 316 rassistisch motivierte Straftaten.[31]

In den Bereichen Bildung und Wohnungsverhältnisse ist die Lage genauso schlimm. Die Roma leben zum großen Teil in schlechteren Wohnungsverhältnissen als die sonstige Bevölkerung. Sie wohnen meist separat und werden ausgegrenzt von den anderen Bewohnern, was zu Ghetto- und Slumbildung führt.

Eine gute Schulbildung bleibt den Roma oft verwehrt. Allein im Schuljahr 1996/97 wurden 62,5 Prozent der Roma-Kinder routinemäßig in Schulen für Lernbehinderte eingewiesen.[32] Gründe für diese Entscheidung sind oft mangelnde Sprachkenntnisse und ein anderes Umfeld aus dem die Kinder stammen. Viele tschechische Eltern wollen auch nicht, dass ihre Kinder gemeinsam mit Roma-Kindern auf eine „normale“ Schule gehen. Dies zeigt, dass die Roma wenig assimiliert sind in der tschechischen Gesellschaft.

Die Benachteiligung der Roma auf dem Arbeitsmarkt und eine Arbeitslosenquote von nicht selten 70 bis 90 Prozent, trägt weiter zur Verschärfung der sozialen Lage der Roma bei.[33]

Die tschechische Regierung hat in den letzten Jahren Anstrengungen unternommen, die Lage der Roma zu verbessern. 1999 wurde zusätzlich Gelder für Kindergärten, Grund- und Sonderschulen bereitgestellt, um besondere Lehrassistenten für die Roma-Kinder zu einzustellen. Im darauffolgenden Jahr beschloss die Regierung ein Langzeitprogramm. Bis in das Jahr 2020 soll sich die Lage der Roma in den Bereichen Bildung, Beschäftigung und Wohnungsbau wesentlich verbessert haben. Auch der Diskriminierung soll entgegen gewirkt werden.

Gegen die Diskriminierung und für die Verbesserung der Gesamtsituation treten auch viele Eigeninitiativen der Roma ein. Sie versuchen Fälle von Ausgrenzung, und Rassismus gegen die Roma-Minderheit publik zu machen, um auf ihre Lage aufmerksam zu machen. Die Struktur der Roma-Vereinigungen ist bisher eher regional. Es gibt noch keine überregionale Organisation, die die Interessen der Roma in Tschechien in ihrer Gesamtheit vertritt.[34]

4.3 Beispiele für staatliche Diskriminierung der Roma Minderheit

Ein Fall, der sich am 13. Oktober 1999 in der nordböhmischen Provinzhauptstadt Usti nad Labem zugetragen hat, steht symbolisch für die Ausgrenzung der Roma.. In einer Nacht- und Nebelaktion wurde unter Polizeischutz eine 62 Meter lange und 1,80 Meter hohe Trennmauer errichtet. Diese Mauer mit nur drei Türen wurde um zwei Wohnblöcke mit 37 Roma-Familien errichtet. Ziel dieser Aktion war es, sie von den restlichen Nachbarn auf der anderen Straßenseite zu trennen. Diese hatten sich über Lärm und Schmutz durch die Roma beschwert.

Interessant ist, dass die Familien in die zwei Wohnblöcke auf Anweisung des Magistrats einquartiert wurden, weil sie in ihren vorherigen Unterkünften die Miete nicht mehr bezahlen konnten. Über einen Mauerbau wurde in der Stadt schon länger diskutiert. Der Bürgermeister der Stadt sah darin eine Lösung des sozialen Konflikts.

Die internationale Öffentlichkeit protestierte gegen dieses „Ghetto für Roma“ und zeigte sich geschockt. Der Europarat forderte den sofortigen Abriss der Mauer. Diese sei nicht mit den Grundprinzipien einer Demokratie und den Menschenrechten vereinbar. Der damalige Staatspräsident Haval sah in der Mauer vor allem ein Symbol für Intoleranz. Er kommentierte sie mit folgendem Satz: „Diese Mauer hat vor allem symbolische Bedeutung. Sie scheint jeden Tag höher zu werden und bald wird man darüber hinweg nicht mehr nach Europa blicken können.“[35]

Mit diesen Worten zeigte sich die Besorgnis darüber, dass die Diskriminierung der Roma in Tschechien ein ernsthaftes Problem für die EU-Mitgliedschaft werden könnte.

Die Diskriminierung der Roma in Tschechien zeigte sich nicht erst beim Mauerbau. Sie wurde schon vom ersten Tag der Staatsgründung an deutlich. Die alte Staatsbürgerschaft erlosch mit der Auflösung der Tschechoslowakei. Die neue tschechische Staatsbürgerschaft wurde den meisten Roma nicht zuteil, da viele von ihnen nach dem zweiten Weltkrieg aus der Slowakei nach Tschechien kamen. Somit wurden sie als Slowaken eingestuft und aufgefordert in ihre Heimat zurückzukehren. Die Slowaken taten übrigens das gleiche mit den dort lebenden Roma nur unter anderen Vorzeichen. Beide Staaten versuchten sich somit die Roma gegenseitig zuzuschieben. Die Konsequenzen hatten die Roma zu tragen, weil sie keine Staatsbürger mehr waren, kamen sie auch nicht mehr in den Genuss staatlicher Sozialleistungen und eine ganze Reihe von Bürgerrechten fiel weg.[36]

4.4 Zukunftsausblick

Die tschechische Regierung bemüht sich um Maßnahmen, die Lage der Roma zu verbessern. Sie ist sich der Tragweite dieser Problematik im Hinblick auf die Osterweiterung der Europäischen Union bewusst. Fest steht aber, dass die Fehler aus der Vergangenheit nicht wiederholt werden dürfen. Bis 1970 wurde eine soziale und ethnische Assimilation versucht, danach eine gesellschaftliche Integration der Roma.[37] Beide Male wurde das Problem nicht gelöst. Ein wesentlicher Grund für das Scheitern war, dass die Roma-Minderheit nicht selbst mitwirken konnte und alle Maßnahmen über ihren Kopf hinweg entschieden wurden. Für die Zukunft kann dies nur bedeuten, die Roma-Minderheit stärker einzubinden.

Die Roma haben keine größere Schutzmacht im Rücken, wie z.B. die deutsche Minderheit mit der Bundesrepublik. Während dort auf diplomatischen Wege Druck ausgeübt werden kann, sind die Roma allein auf die Akzeptanz in der tschechischen Bevölkerung angewiesen.[38] Dort stoßen sie jedoch auf Ablehnung und Ausgrenzung. Hier muss die tschechische Regierung durch Aufklärung Ängste abbauen. Es reicht nicht zu versuchen den Roma eine schönere Wohnung oder einen Arbeitsplatz zu geben. Die materielle Besserstellung der Roma ist zwar nötig, aber löst das Problem an sich nicht. Die Roma müssen wirklich akzeptiert und integriert werden. Die Integration darf jedoch nicht damit verwechselt werden, dass aus ihnen gute Tschechen gemacht werden sollen, sondern sie sollen als Roma anerkannt werden. Wichtig dabei ist, wie schon gesagt, dass auch die Roma selbst in die Maßnahmen eingebunden werden müssen.

5. Schlussbemerkung

Die Tschechische Republik, als ein noch recht junger Staat, muss gerade im Umgang mit den Minderheiten ihre Europatauglichkeit unter Beweis stellen. Die ersten Schritte sind gemacht worden, aber immer noch fehlt es an einem tschechischen Minderheitengesetz. Obwohl die Lage aller Minderheiten, außer die der Roma, befriedigend ist, muss dieses Gesetz dringend kommen, um die Situation der Minderheiten zu verbessern. Besonders sei hier noch mal die Lage der Roma erwähnt. Der Rassismus in Tschechien verwundert sicherlich viele Außenstehende, aber er ist nichts ungewöhnliches unter den ostmitteleuropäischen Staaten. Durch die jahrelange Beeinflussung durch die Sowjetunion sind viele nationale Probleme ungelöst geblieben. So auch eine Regelung der Minderheitenfrage. Nach dem Zusammenbruch des Ostblocks, auch durch das nationale Unabhängigkeitsbestreben der einzelnen Staaten, ist ein Nationalbewusstsein wieder erwacht. Mit ihm jedoch leider auch der Rassismus. Die tschechische Regierung muss diesen bekämpfen und schon frühzeitig entgegenwirken. In der letzten Zeit gab es viele Bemühungen in dieser Richtung, wie beispielsweise ein Modellversuch in der Grenzregion Luby/Bubenreuth zwischen Deutschland und Tschechien. Dort gingen Kinder halbtags in den Kindergarten auf der jeweils anderen Seite der Grenze. Damit sollte den Kindern die jeweils andere Kultur näher gebracht werden, um so Vorurteile frühest möglich entgegenzuwirken. Ohnehin ist die Jugend viel offener in der Minderheitenproblematik als die ältere Generation, bei der der Hass und die Angst, besonders vor den Deutschen, noch gegenwärtig ist.

Für die Zukunft sehe ich eine positive Entwicklung in der Minderheitenfrage in Tschechien. Zu einem modernen europäischen Staat passt die Behandlung, wie sie die Roma erfahren, nicht. Es wird zwar noch dauern, aber mit dem Schritt in die europäische Union ist eine wichtige Hürde in dieser Richtung genommen worden. Bald wird es nicht mehr Deutsche als Minderheit in Tschechien geben, sondern nur noch Europäer in Europa.

Literaturverzeichnis

- Kletečka, Thomas: Tschechien, in: Heuberger, Valerie [Hrsg.]: Brennpunkt Osteuropa, Wien: Oldenbourg, 1996
- Hartmann, Jürgen: Politik und Gesellschaft in Osteuropa, Frankfurt: Campus Verlag, 1983
- Rehder, Peter [Hrsg.]: Das neue Osteuropa von A - Z , 2., verb. Aufl., München: Droemer Knaur, 1993
- Segert, Dieter: „Situation der Minderheiten“, in: Informationen zur politischen Bildung Nr. 276, S. 37 - 39
- Segert, Dieter: „Entwicklung bis zum Ende der Monarchie“, in: Informationen zur politischen Bildung Nr. 276, S. 4 - 6
- Segert, Dieter: „Republik unter Druck“, in: Informationen zur politischen Bildung Nr. 276, S. 6 - 14
- Segert, Dieter und Kučera, Jaroslav: „Beziehungen zu Deutschland“, in: Informationen zur politischen Bildung Nr. 276, S. 43 - 49
- Miskova, Alena: „Konkurrenz zweier Kulturen“, in: Informationen zur politischen Bildung Nr. 276, S. 5
- Kučera, Jaroslav: „Beneš-Dekrete“, in: Informationen zur politischen Bildung Nr. 276, S. 12 -13
- Míšková, Alena: „Verteibung“, in: Informationen zur politischen Bildung Nr. 276, S. 13
- Segert, Dieter: „Spaltung des Staates“, in: Informationen zur politischen Bildung Nr. 276, S. 20 - 21
- Keller, Jan: „Die Roma: Im Teufelskreis der Stigmatisierung“, Auszug aus: Informationen zur politischen Bildung Nr. 276, S. 38
- Heppding, Achim: „Staatlicher Rassismus in Tschechien“ (10. November 1999) URL: http://www.wsws.org/de/1999/nov1999/roma-n10.shtml (31.05.2003)
- Deutsch-Tschechische Historikerkommission: URL: http://www.dt-ds-historikerkommission.de/aktuelles.htm, Stand: 16.06.03
- Radio Prag: URL:http://www.radio.cz/print/de/39721, Stand: 31.05.03
- Radio Prag: URL:http://www.radio.cz/print/de/8029, Stand: 10.07.03
- Minderheiten in Europa: URL:http://www.minority2000.net/Gr-75/t73de.htm, Stand: 10.07.03

Anlage 1

Bevölkerungsgruppen in der Ersten Republik

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Informationen zur politischen Bildung Nr. 276, S. 8

Anlage 2

Bevölkerungsgruppen nach den letzten Volkszählungen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Informationen zur politischen Bildung Nr. 276, S. 38

[...]


[1] vgl. Kletečka, T., “Tschechien”, in: Brennpunkt Osteuropa, 1996, S. 249

[2] vgl. Rehder, P. [Hrsg.], Das neue Osteuropa von A-Z, 2. Aufl., 1993 S. 418

[3] Quelle: Statistisches Amt der Tschechischen Republik, Stand 2001 (siehe auch Anlage 1)

[4] vgl. Segert, D., „Situation der Minderheiten“, in: Informationen zur politischen Bildung Nr. 276, S. 38

[5] vgl. Segert, D. und Kučera, J., „Beziehungen zu Deutschland“, in: Informationen zur politischen Bildung Nr. 276, S. 43

[6] vgl. Miskova, A., „Konkurrenz zweier Kulturen“, in: Informationen zur politischen Bildung Nr. 276, S. 5

[7] Das „großdeutsche Projekt“ beinhaltete die Schaffung eines deutschen Nationalstaates in den Grenzen des früheren Römischen Reiches deutscher Nationen.

[8] vgl. Segert, D., „Entwicklung bis zum Ende der Monarchie“, in: Informationen zur politischen Bildung Nr. 276, S. 6

[9] vgl. Segert, D., „Republik unter Druck“, in: Informationen zur politischen Bildung Nr. 276, S. 8

[10] vgl. Segert, D., „Republik unter Druck“, in: Informationen zur politischen Bildung Nr. 276, S. 9

[11] vgl. Segert, D., „Republik unter Druck“, in: Informationen zur politischen Bildung Nr. 276, S. 9

[12] vgl. Segert, D., „Republik unter Druck“, in: Informationen zur politischen Bildung Nr. 276, S. 10

[13] vgl. URL: http://www.dt-ds-historikerkommission.de/aktuelles.htm, Stand: 16.06.03

[14] vgl. Kučera, J., „Beneš-Dekrete“, in: Informationen zur politischen Bildung Nr. 276, S. 12

[15] vgl. Míšková, A., „Verteibung“, in: Informationen zur politischen Bildung Nr. 276, S. 13

[16] vgl. URL: http://www.sudeten.de/bas/content/a08_3.htm, „Die Vertreibung“, S. 1, Stand: 16.06.03

[17] vgl. URL: http://www.sudeten.de/bas/content/a08_3.htm, „Die Vertreibung“, S. 3, Stand: 16.06.03

[18] vgl. Segert, D., „Situation der Minderheiten“, in: Informationen zur polit. Bildung Nr. 276, S. 38

[19] vgl. Segert, D., „Situation der Minderheiten“, in: Informationen zur polit. Bildung Nr. 276, S. 38

[20] vgl. Hartmann, J.; Politik und Gesellschaft in Osteuropa, 1983, S. 40

[21] vgl. Segert, D., „Spaltung des Staates“, in: Informationen zur politischen Bildung Nr. 276, S. 20

[22] vgl. Segert, D., „Spaltung des Staates“, in: Informationen zur politischen Bildung Nr. 276, S. 21

[23] vgl. Segert, D., „Spaltung des Staates“, in: Informationen zur politischen Bildung Nr. 276, S. 21

[24] vgl. Segert, D., „Spaltung des Staates“, in: Informationen zur politischen Bildung Nr. 276, S. 21

[25] vgl. URL: http://www.minority2000.net/Gr-75/t73de.htm, Stand: 10.07.03

[26] vgl. URL: http://www.minority2000.net/Gr-75/t73de.htm, Stand: 10.07.03

[27] vgl. URL:http://www.radio.cz/print/de/8029, Stand : 10.07.03

[28] vgl. Segert, D., „Situation der Minderheiten“, in: Informationen zur politischen Bildung Nr. 276, S. 39

[29] vgl. Keller, J., „Die Roma: Im Teufelskreis der Stigmatisierung“, Auszug in: Informationen zur politischen Bildung Nr. 276, S. 38

[30] vgl. URL:http://www.radio.cz/print/de/39721, Stand: 31.05.03

[31] vgl. URL:http://www.radio.cz/print/de/39721, Stand: 31.05.03

[32] vgl. URL:http://www.wsws.org/de/1999/nov1999/roma-n.10.shtml, Stand: 31.05.03

[33] vgl. Segert, D., „Situation der Minderheiten“, in: Informationen zur politischen Bildung Nr. 276, S. 39

[34] vgl. URL:http://www.radio.cz/print/de/39721, Stand: 31.05.03

[35] vgl. Heppding, A., “Staatlicher Rassismus in Tschechien“, URL:http://www.wsws.org/de/1999/nov1999/roma-n.10.shtml, Stand: 31.05.03

[36] vgl. Heppding, A., “Staatlicher Rassismus in Tschechien“, URL:http://www.wsws.org/de/1999/nov1999/roma-n.10.shtml, Stand: 31.05.03

[37] vgl. Kletečka, T., “Tschechien”, in: Brennpunkt Osteuropa, 1996, S. 251

[38] vgl. Kletečka, T., “Tschechien”, in: Brennpunkt Osteuropa, 1996, S. 251

23 von 23 Seiten

Details

Titel
Internationale Minderheiten in Tschechien
Hochschule
Universität Lüneburg
Veranstaltung
Europastudienseminar
Autoren
Jahr
2003
Seiten
23
Katalognummer
V108397
Dateigröße
547 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Internationale, Minderheiten, Tschechien, Europastudienseminar
Arbeit zitieren
Andy Nonnemann (Autor)Jennifer Schütt (Autor), 2003, Internationale Minderheiten in Tschechien, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/108397

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