Georg Heyms "Ophelia" gehört zu den Standardwerken der deutschen Lyrik. Die vorliegende Arbeit begibt sich auf die Spur des Ophelia-Stoffes: Shakespeares "Hamlet" und Arthur Rimbauds "Ophélie" sind wohl die bekanntesten Vorgänger und Vorbilder für Heyms Verarbeitung des Motivs der unglücklichen Wasserleiche.
Neben einer ausführlichen Untersuchung der äußeren Form (Aufbau, Metrum, Reimschema) sowie der zentralen Motive des Gedichts bietet die Arbeit einen direkten Vergleich der Gestaltung des Ophelia-Stoffes in zwei verschiedenen Epochen: von Rimbaud (ca. 1870) einerseits und Heym (1911) andererseits.
Inhaltsverzeichnis
1. Traum und Wirklichkeit
2. Leben Georg Heyms
3. Das Motiv „Ophelia“
3.1 Die Ophelia Shakespeares
3.2 Ophelia: Aussagekraft im Laufe der Zeiten
3.3 Arthur Rimbaud: Ophélie
4. Georg Heym: Ophelia
4.1 Äußere Form: Aufbau, Metrum, Reimschema
4.2 Gliederung des Gedichts
4.2.1 Teil I: Urwaldähnliche Natur
4.2.2 Strophen 5 und 6: Ländliche Gegend
4.2.3 Strophe 7 bis 10: Die Stadt
4.2.4 Strophen 11 und 12: Friedliche Abendstimmung, visionäres Ende
5. Vergleich: Rimbaud – Heym
6. Die entgöttlichte Welt
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Gedicht „Ophelia“ von Georg Heym im Kontext literarischer Traditionen und expressionistischer Motive. Dabei wird analysiert, wie Heym das durch Shakespeare und Rimbaud geprägte Motiv der ertrunkenen Ophelia aufgreift, umdeutet und in die zeittypische Problematik der entfremdeten, modernen Großstadtwelt einbettet.
- Biographische und literarische Einflüsse auf das Werk Georg Heyms.
- Die Entwicklung des Ophelia-Motivs von Shakespeare über Rimbaud zu Heym.
- Strukturelle und formale Analyse des Gedichts „Ophelia“.
- Die Darstellung von Natur und industrieller Urbanität im Expressionismus.
- Existenzielle Entfremdung und das Motiv des Todes in Heyms Dichtung.
Auszug aus dem Buch
4.2.1 Teil I: Urwaldähnliche Natur
Zunächst wird Ophelia in einer ursprünglichen, urwaldähnlichen Naturlandschaft gesehen, der Vers Die letzte Sonne, die im Dunkel irrt läßt darauf schließen, dass es Abend ist.
Betrachtet man nun zuerst den Satzbau, so fällt vor allem auf, dass die vergleichsweise langen Sätze häufig über das Versende hinausgehen und somit zahlreiche Enjambements verwendet werden. Diese bringen sehr deutlich das Fließen des Stroms, der Ophelia trägt, sowie das Dahintreiben der Wasserleiche zum Ausdruck. Auffällig sind auch die Zäsuren in Strophe 4. Diese lassen den Rhythmus blockend erscheinen, da sie jedoch in Verbindung mit den Enjambements auftreten, wirkt die Strophe sehr unruhig und scheint bereits den zweiten, deutlich hektischeren Teil anzukündigen.
In Bezug auf die Wortwahl lassen sich vor allem zwei Wortfelder erkennen. Zum einen werden gehäuft Begriffe verwendet, die eine Atmosphäre der Dunkelheit und Verwirrung vermitteln. Zum anderen finden auch viele Begriffe Verwendung, die ein Gefühl des Ekels und Grauens erzeugen, wie dies zum Beispiel bei Wasserratten, vor allem wenn diese sich in der Nähe des Gesichts aufhalten, der Fall ist. Betrachtet man den Glühwurm in Strophe 4, so fällt hier eine bewusste Umkehr von traditionell schönen Elementen in solche, die Ekel hervorrufen, auf; das häufig mit Wohlwollen erwähnte Glühwürmchen wird hier durch die Verkürzung zu -wurm bewusst mit etwas Abscheu Erregendem in Verbindung gebracht. Diese Besonderheit sticht auch bei der Beschreibung Ophelias ins Auge: Im Haar ein Nest von jungen Wasserratten. Das Haar gilt traditionell als Schönheitssymbol und wurde / wird oft genug besungen. Hier ist es nun aber die Heimat junger Wasserratten und seiner ästhetischen Funktion gänzlich beraubt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Traum und Wirklichkeit: Das Kapitel verknüpft ein reales tragisches Ereignis aus Heyms Leben mit seiner visionären Dichtung und der symbolischen Bedeutung des Wassers.
2. Leben Georg Heyms: Es wird der Werdegang des Dichters als Rebell gegen sein großbürgerliches Umfeld und seine Entwicklung innerhalb der expressionistischen Szene beleuchtet.
3. Das Motiv „Ophelia“: Das Kapitel analysiert die literarischen Wurzeln der Ophelia-Figur bei Shakespeare und Rimbaud als Vorläufer für Heyms Interpretation.
4. Georg Heym: Ophelia: Der Hauptteil bietet eine detaillierte formale und inhaltliche Exegese des Gedichts, gegliedert in die verschiedenen räumlichen und thematischen Stationen der Reise Ophelias.
5. Vergleich: Rimbaud – Heym: Hier werden die Gemeinsamkeiten und vor allem die durch den Expressionismus bedingten Unterschiede zwischen den Gedichten von Rimbaud und Heym herausgearbeitet.
6. Die entgöttlichte Welt: Das Schlusskapitel reflektiert Heyms Weltsicht und das Schicksal des Dichters im Kontext der Entfremdung und der unsicheren Zeit vor dem Ersten Weltkrieg.
Schlüsselwörter
Georg Heym, Ophelia, Expressionismus, Lyrikanalyse, Literaturgeschichte, Wasser-Motiv, Großstadtlyrik, Entfremdung, Todesmotivik, Rimbaud, Shakespeare, Ästhetik des Hässlichen, Moderne, Metaphysik, Existenzialismus.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit dem Gedicht „Ophelia“ des expressionistischen Dichters Georg Heym und dessen literarischer Einordnung im Vergleich zu anderen Vertonungen dieses Motivs.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zentrale Themen sind die literarische Tradition des Ophelia-Stoffes, die expressionistische Ästhetik, die Darstellung von Urbanität und Natur sowie die existenzielle Entfremdung des modernen Menschen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es aufzuzeigen, wie Heym das klassische Motiv durch die „Ästhetik des Hässlichen“ transformiert, um das Lebensgefühl seiner Zeit und den Zusammenbruch metaphysischer Weltbilder abzubilden.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die formale Kriterien (Metrum, Reimschema) mit einer tiefgehenden inhaltlichen Interpretation und dem Vergleich zu Referenztexten kombiniert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert das Gedicht in Abschnitte – von der urwaldähnlichen Natur über die ländliche Szenerie bis zur industriellen Großstadt – und analysiert jeweils Wortwahl, Satzbau und rhetorische Mittel.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist geprägt durch Begriffe wie Expressionismus, Ophelia, Großstadtlyrik, Entfremdung, Todesmotivik und ästhetische Transformation.
Wie unterscheidet sich Heyms Ophelia von der Shakespeares?
Während bei Shakespeare das tragische Schicksal im Vordergrund steht und eine gewisse Milderung erfährt, wird bei Heym die Figur entmenschlicht und in eine bedrohliche, technische Umgebung versetzt, die den individuellen Tod im kollektiven Schicksal auflöst.
Welche Rolle spielt die „Ästhetik des Hässlichen“ im Gedicht?
Sie dient als bewusste Abkehr von der verklärenden Lyrik. Heym verwendet ekelerregende Bilder (z.B. Wasserratten), um aufzurütteln und die reale, ungeschönte Welt der Moderne darzustellen.
Welche Bedeutung hat die Stadt als Motiv in dieser Analyse?
Die Stadt wird als „moderne Todeslandschaft“ verstanden, die durch Lärm und Dynamik geprägt ist und in der Ophelia als Figur unerlöst und unsichtbar untergeht.
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- Agathe Schreieder (Author), 2004, Heym, Georg "Ophelia" - Eine Analyse, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/108429