Ich bin eine thibetanische Buddhistin - Blavatsky, Theosophie, Tibet und der Westen


Seminararbeit, 2002
18 Seiten

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Inhalt

1. Einleitung

2. Biographisches und Autobiographisches

3. Ziele und Inhalte der neuentdeckten Theosophie

4. Vom Nahen in den Fernen Osten

5. Weshalb der Ferne Osten, und woher die Bruderschaften?

6. Die Nachhaltigkeit des Wirkens der Madame

7. Literatur

8. Anmerkungen

1.Einleitung

Dieser Aufsatz befaßt sich mit dem Leben und Wirken von Helena Petrovna Blavatsky, die gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts die Theosophische Gesellschaft gründete, eine nach eigener Beschreibung sowohl religiöse als auch wissenschaftliche Organisation, deren Arbeit stark die Art und Weise geformt hat, in der der Westen auch heutzutage noch den fernen Osten betrachtet. Blavatsky, eine in vielerlei Hinsicht ebenso bemerkenswerte wie umstrittene Persönlichkeit, verlor trotz zahlreicher Skandale nie vollständig das Vertrauen ihrer Anhänger, und die Theosophische Gesellschaft entwickelte sich in wenigen Jahren von einer kleinen Gruppe okkultistisch begeisterter Sonderlinge zu einem internationalen Verein mit Tausenden von Mitgliedern. Noch immer ist nicht restlos klar, ob Blavatsky eine geschickte Betrügerin war, oder geisteskrank, oder gar tatsächlich übersinnlich begabt und in Kontakt mit höheren Mächten stehend.

Natürlich ist das nicht die Frage, die in dieser Arbeit beantwortet werden soll; ich möchte mich lediglich mit den Ereignissen um, den Einflüssen auf und Bedingungen für das Entstehen der Doktrin der Helena Petrovna auseinandersetzen. Nach einer Biographie Blavatskys und einer Beschreibung der Entstehungsgeschichte der Theosophischen Gesellschaft soll noch ein besonderer Schwerpunkt gesetzt werden auf die Hinwendung der Gesellschaft fort aus dem Nahen zum Fernen Osten, auf die Gründe für den Erfolg dieser Verlagerung und die Konsequenzen, die diese Veränderung des Blickwinkels der Madame Blavatsky und wenig später der westlichen Welt noch heute hat.

2. Biographisches und Autobiographisches

[1] Helena Petrovna wurde 1831 in die adlige deutsch-russische Familie von Hahn geboren. Schon von klein auf – wen könnte es überraschen – zeigte sie eine ungewöhnliche Faszination am Jenseitigen; sie fesselte und verblüffte ihre Umgebung unentwegt durch Beschreibungen ihrer Visionen und Träume. Den Namen, unter dem man sie am besten kennt, erhielt sie 1848, als sie im Alter von siebzehn Jahren Nikifor Blavatsky heiratete, den damaligen Gouverneur von Yerevan in Armenien, den sie jedoch nach zwei Monaten wieder verließ, um nach Konstantinopel zu fliehen.

Bis zu diesem frühen Punkt sind sich die Biographen einig, aber über den weiteren Verlauf ihres Lebens ist man sich nicht ganz schlüssig, und je nachdem, ob der Schreibende der Theosophischen Gesellschaft eher zu- oder abgeneigt ist, existieren sehr verschiedene Meinungen über den Lebensweg der Helena Petrovna.

Die von Außenstehenden beschriebene Variante der Biographie ist die Folgende:

Blavatsky verbrachte die nächsten neun Jahre ihres Lebens außerhalb Rußlands und verdiente ihren Lebensunterhalt auf auch für heutige Zeiten unkonventionelle Weise, dabei meist ihre okkultistischen Interessen verfolgend: In Kairo lernte sie, Schlangen zu beschwören, in Paris trat sie als Medium auf, und 1858 kehrte sie nach Rußland zurück, wo sie erfolgreich eine wachsende Gesellschaft von Freunden des Übersinnlichen in Séancen mit Tischerücken und Poltergeisteffekten beeindruckte.

1871, wieder in Kairo, gründete sie eine Société Spirite nach dem Vorbild Allan Kardecs, und 1873 fand man sie in Paris, wo sie in sozial hochgestellten spiritistischen Kreisen verkehrte. Dort war es auch, wo sie Daniel Dunglas Home traf, ein professionelles Medium von einiger Berühmtheit: Er nannte sich selbst nicht ohne Grund „Medium to the crowned heads of Europe“[2] und hatte bereits eine große übersinnliche Karriere in den USA hinter sich. So erfuhr Blavatsky von der Beliebtheit des Spiritismus in den Vereinigten Staaten und entschloß sich, ebenfalls dort ihr Glück zu versuchen. Dort angekommen verdiente sie ihr weniges Geld, indem sie kleinere Näharbeiten verrichtete; eine größere Summe, die sie später von ihrem Vater erbte, investierte sie in eine Hühnerfarm, die sie bald in den Ruin gewirtschaftet hatte. Zugleich aber blieb sie ihren übersinnlichen Interessen treu und wurde auf Henry Steel Olcott aufmerksam. Olcott schriebt nach einer stark von spiritistischen Interessen bewegten Vergangenheit für eine New Yorker Zeitung, den Daily Graphic, Artikel über die merkwürdigen Ereignisse auf einer Farm in Chittenden bei Vermont, wo die Eddys, eine Familie offenbar medial hochbegabter Menschen unentwegt eine ganze Reihe von übersinnlichen Manifestationen produzierten, allen voran eine Kapelle bestehend aus den Geistern verstorbener Indianer, die überraschenderweise das damals populäre Stück The Storm at Sea zum besten gab.

Blavatsky reiste nach Chittenden und traf Olcott bei Familie Eddy. Sie bereicherte die dort sich zeigenden Phänomene, indem sie dem Spektakel noch eigene Geister beifügte. Olcott war über alle Maßen fasziniert von der imposanten Person, und bald, spätestens auf dem Rückweg nach New York, waren Olcott und die Madame „chums“, wie Olcott es selbst ausgedrückt hat[3] ; er nannte sie gern „Mulligan, Latchkey, Old Horse, HPB“[4] – letzteres ein Kürzel, daß sich auch in der Literatur über sie eingebürgert hat - oder einfach Jack, sie rief ihn Maloney.

1875 schließlich war das Jahr, in dem die „Kumpel“ zusammen mit anderen Okkultismusbegeisterten im Rahmen einer Vortragsveranstaltung die Theosophische Gesellschaft gründeteten.

Aus der Perspektive der Madame Blavatsky selbst erscheinen viele dieser Ereignisse in einem anderen Licht; außerdem verwandte sie einen großen Teil ihrer Zeit darauf, ihrer Lebensgeschichte eine Unzahl oft widersprüchlicher Anekdoten beizufügen, von denen jede einzelne knapp die Grenze zur Absurdität nicht überschreitet, die aber in ihrer Gesamtheit nur den enthusiastischsten ihrer Anhänger völlig glaubwürdig erscheinen können.

Es existieren auch unter den Theosophen einige Varianten der Biographie – es heißt, das Blavatsky selten etwas zweimal auf die gleiche Weise sagte – aber als „Kanon“ darf vielleicht das Folgende betrachtet werden:

Nach der Flucht vor ihrer Ehe mit Nikifor reiste „HPB“ lange durch den mittleren Osten und Europa, dann nach England, wo sie 1851 Meister Morya traf, in dem sie später einen Mahatma der Tibetischen Bruderschaft erkannte. Es ist nicht klar, ob es sich bei diesem Meister um ein fleischliches oder immaterielles Wesen handelt, oder womöglich um beides, oder gar eins von beiden nur vorübergehend; die verschiedenen Aussagen der Madame über Morya sind widersprüchlich. Sicher ist allerdings, das die Begegnung eine schicksalhafte war.

Darauf war sie mehrere Jahre in wichtigen Dingen in Nord- Mittel- und Südamerika und Asien unterwegs, bis sie 1856 zum ersten Mal versuchte, über Darjeeling Tibet zu erreichen, was ihr nicht gelang. Kurz darauf versuchte sie es ein zweites Mal, diesmal über Ladakh, aber 16 Meilen vor der Grenze wurde sie zur Umkehr nach Indien gezwungen.

1857 reiste sie über Java, Burma, Amerika und Westeuropa schließlich zurück nach Rußland. 1867 will sie in Italien Garibaldis Armee beigetreten sein, wo sie in der Schlacht von Mentana verletzt wurde; ein Erholungaufenthalt in Florenz war notwendig, denn sie hatte Verwundungen sowohl durch Säbelhiebe als auch durch Pistolenschüsse zu verwinden. Dort nahm Meister Morya zum zweiten Mal Kontakt mit ihr auf und holte sie endlich zur weiteren Ausbildung in den okkulten Wissenschaften nach Tibet, wo sie zwei Jahre lang mit Koot Hoomi, einem weiteren Mitglied der Tibetischen Bruderschaft, nahe dem Kloster Tashilumpo bei Shigatse lebte.

1873, nun in noch tieferen Geheimnissen bewandert als zuvor, war sie zurück in Paris. Die Bruderschaft ließ auch dort nicht lange auf sich warten: Ein Bote Moryas brachte ihr Anweisungen, in New York den großen Plan des Mahatma, die Gründung einer theosophischen Gesellschaft, zu verwirklichen.

Innerhalb des beschriebenen Zeitraumes fand sie aber auch Gelegenheit, sich mit anderen Dingen zu beschäftigen. So hatte sie zu tun mit Kabbalisten in Ägypten, Geheimagenten in Zentralasien, Voodoozauberern in New Orleans und Banditen in Mexiko, und für ihr Einkommen ritt sie ungesattelte Pferde in einem Zirkus, bereiste Serbien als Konzertpianistin, eröffnete eine Tintenfabrik in Odessa und importierte Straußenfedern in Paris, und nicht zuletzt sollte noch ihre Arbeit als Raumdekorateurin für Kaiserin Eugénie Erwähnung finden.

Auch Liebhaber hat sie womöglich gehabt; im Gespräch sind unter anderen der deutsche Baron Meyendorf, der polnische Prinz Wittgenstein und der ungarische Opernsänger Agardi Metrovitch, den sie, entweder in Kairo oder Konstantinopel, im Sterben liegend in einer kleinen Gasse fand und vor den Assassinen rettete.[5]

3. Ziele und Inhalte der neuentdeckten Theosophie

Bei ihrer Gründung 1875 waren die Ziele der Gesellschaft noch recht diffus: Man wollte Wissen sammeln über die Gesetze, die das Universum regieren. Es wurde Wert darauf gelegt, daß es sich bei dieser Vereinigung nicht um eine neue Religion, sondern um eine neue Wissenschaft handelte, ganz im Einklang mit dem großen Enthusiasmus, den man am Ende des 19. Jahrhunderts Objektivität, Rationalität und wissenschaftlicher Exaktheit entgegenbrachte; trotz dieses Anspruches aber widmete sich die Gesellschaft immer ebenso der okkulten Praxis wie der Erforschung okkulter Phänomene (deren Existenz im Übrigen von Beginn an als erwiesen vorausgesetzt wurde)[6].

Erst 1896, fünf Jahre nach dem Tod Madame Blavatskys, formulierte man einen präziseren Katalog von Hauptzielen, die da waren:

- Die Formung einer universellen Bruderschaft der Menschen ohne Unterscheidung nach Rasse, Glauben, Geschlecht, Kaste oder Hautfarbe
- Die Förderung vergleichender Studien in Religion, Philosophie und Wissenschaft
- Die Erforschung unerklärter Naturgesetze und der im Mensch latenten Kräfte[7]

Es wurde propagiert, daß es um die Erforschung und Praktizierung der uralten Weisheitsreligion ginge, deren Kern in allen Religionen der Welt schon immer enthalten gewesen sei. Dabei sollten, so eine Direktive der Gesellschaft, alle Religionen als gleichwertig betrachtet und gleichberechtigt behandelt werden. In der Praxis allerdings nahm man gegenüber dem Christentum eine eher verächtliche Haltung ein, Islam und Judentum wurden ignoriert, von vielen anderen Religionen ganz zu schweigen; der Fokus der Theosophischen Gesellschaft lag schon kurz nach ihrer Entstehung immer nahezu ausschließlich auf dem Fernen Osten (s. unten).

Nach theosophischer Lehre hat jede Religion grundsätzlich zwei Facetten: Zum einen die exoterische, für die Öffentlichkeit bestimmte, und zum anderen die esoterische, die nur den wahren Adepten zugänglich ist und das Eigentliche der Religion ausmacht. Letztere ist auch die, in der sich die Unterschiede zwischen den Glaubensrichtungen letztendlich auflösen und man zur Weisheitsreligion, dem Ziel der Theosophie, vordringt.

Weiterhin wird das theosophische Weltbild stark bestimmt durch die Vorstellung von der bereits oben erwähnten Großen Weißen Bruderschaft, die Madame Blavatsky ins Leben rief, beziehungsweise entdeckte, je nach Perspektive.

Die Große Weiße Bruderschaft der Meister (von der Morya dem tibetischen Zweig angehörte, weiterhin existieren noch mindestens Zweige in Ägypten und Indien) wird angeführt vom Herrn der Welt, der ursprünglich von der Venus stammt und heute (bzw. gegen Ende des 19. Jahrhunderts) in Shambala in der Wüste Gobi den Körper eines 16jährigen Jungen bewohnt. Dieser hat mehrere spirituell weit entwickelte Helfer, unter anderem den Buddha, Manu und Maitreya, die wiederum je einen Assistenten haben. Meister Morya, der Assistent Manus, ist Zuständiger im Kosmos für die Verwaltung von Macht und Stärke. Koot Hoomi, Assistent Maitreyas, mit dem HPB die Jahre in Tibet verbringt, ist Ansprechpartner für Religion, Bildung und Kunst. Er hat in Leipzig studiert, und eine seiner früheren Inkarnationen war Pythagoras. Hoomi und Morya wohnen im selben verborgenen Tal in Tibet, wo sie viel Zeit mit Meditation verbringen.

Weitere Meister sind Jesus, zuständig für die Religionen der Welt; der ungarische Prinz Rakoczi, der gelegentlich auch als der Graf Saint Germain auftritt, auch Roger und Francis Bacon soll er in früheren Inkarnationen gewesen sein, und sein Aufgabenbereich ist die Magie; Hilarion, ein schöner Grieche, der sich um die Wissenschaft kümmert; Serapis, ein noch schönerer Grieche, zuständig für Schönheit; und zu guter Letzt der venezianische Meister, der der schönste von allen ist; seine Zuständigkeit ist leider nicht bekannt.[8]

4. Vom nahen in den fernen Osten

Nach der Gründung der Gesellschaft ging es bald wieder bergab: Es geschah nicht viel, und viele der ohnehin nicht besonders zahlreichen Mitglieder traten aus. Erst das Verfassen von Isis entschleiert im Jahr 1877, ein Wendepunkt in der Karriere der Madame ebenso wie der Theosophischen Gesellschaft, verschob Blavatskys „Zugehörigkeitsgefühl vom Nil an den Ganges“[9], womöglich weil Ägypten, seitdem es von einer zunehmenden Anzahl europäischer Forscher bereist wurde, nicht mehr zureichend geheimnisvoll erschien.

Zuvor hatte sie auf ungewöhnlichem Weg Anweisungen von den alten Weisen der Bruderschaft von Luxor erhalten: Es erreichten sie regelmäßig Briefe, die sich zum Beispiel unerwartet über ihrem Nachttisch materialisierten. Zur Übermittlung dieser Nachrichten gab es verschiedene Techniken, die Blavatsky selbstverständlich ebenfalls beherrschte, damit sie ihren Mentoren auch Antwort geben konnte. So war es unter anderem möglich, ein beschriebenes Blatt Papier unter intensiver Konzentration Zeile für Zeile über die eigene Stirn zu führen; gleichzeitig wurde beim Empfänger der Text Stück für Stück auf einem leeren Blatt sichtbar, und eine Art Glockenklang signalisierte dem Sender, daß die Übertragung abgeschlossen war.[10]

Jetzt aber sollten die ägyptischen Brüder durch andere ähnlichen Schlages ersetzt werden:

1878 ergab sich ein zufälliger Kontakt mit der indischen Hindu-Reformbewegung Arya Samadsch, Blavatsky und Olcott wurden zum Beitritt eingeladen. Blavatsky war begeistert, denn sie glaubte, im Führer der Organisation, Swami Dayananda Saraswati, einen Adepten der Indischen Bruderschaft erkannt zu haben, die der Gesellschaft helfen würde, in Indien Fuß zu fassen.

Zur gleichen Zeit baute Olcott, der Organisator, Beziehungen zu buddhistischen Würdenträgern in Ceylon auf. Im Dezember desselben Jahren brachen die beiden Köpfe der Theosophischen Gesellschaft nach Indien auf, das sie im Februar 1879 erreichten. Jedoch gestaltete sich ihr Empfang anders als erwartet: Zwar erhielten sie gleich bei ihrer Ankunft ein Willkommenstelegramm des örtlichen Repräsentanten von Arya Samadsch, der sie aufnahm und fürstlich bewirtete, doch im Anschluß wurde eine großzügige Bezahlung von ihnen verlangt; selbst die Versendung des Willkommenstelegrammes war auf der Rechnung aufgeführt.

An dieser Stelle endete also die fruchtbare Beziehung zwischen der Theosophischen Gesellschaft und Arya Samadsch; man schied in Unfrieden. Das hielt jedoch Olcott und Blavatsky nicht davon ab, im neuen Land Fuß zu fassen: In Indien wuchs zu dieser Zeit das nationale und kulturelle Selbstbewußtsein, und viele einflußreiche Inder waren angetan von der Verteidigung asiatischer Religionen durch die eine westliche Organisation; erstmalig kamen Europäer, die nicht missionieren, sondern im Gegenteil die einheimischen Religionen fördern wollten. Auch in anglo-indischen Kreisen erwarb sich HPB Anerkennung, indem sie ihre Fähigkeiten demonstrierte: Wie gehabt trat sie als Überbringerin der auf übersinnlichem Wege übermittelten Briefe vor allem der Tibetischen Bruderschaft an verschiedene Adressaten auf; außerdem wußte sie zu überzeugen durch Dinge wie das Heraufbeschwören von Musik aus dem Nichts und das Materialisieren von Schmuckstücken in Blumenbeeten.[11]

Der Einfluß wurde ausgebaut, schnell stiegen die Mitgliederzahlen, und Tochtergesellschaften wurden gegründet. Während einer Reise nach Ceylon 1880 traten Olcott und Blavatsky zum Buddhismus über. Dort wurden wichtige Organisiationen wie die Mada Bodhi Society und die Young Men´s and Woman´s Buddhist Society ins Leben gerufen, die in der Konsequenz weniger theosophische Organsisationen waren, als daß sie maßgeblich halfen, den Buddhismus in Ceylon in vielerlei Hinsicht gegen europäische Missionierungen zu stärken.

Der Kontakt zur Indischen Bruderschaft aber scheint in dieser Zeit verlorengegangen zu sein, womöglich weil man jetzt in Indien war und indische Meister nicht mehr eine solche exotische Anziehungskraft hatten wie zuvor, als man noch aus der Ferne Verbindungen zu ihnen pflegte. Die Indischen Brüder gingen also einen ähnlichen Weg wie vor ihnen die Ägyptischen, und die Anleitung der HPB übernahmen von nun an stattdessen die Weisen von der Tibetischen Bruderschaft, deren hoher Funktionär Morya ja schon früher mehrmals in Erleuchtungsdingen an sie herangetreten war. Die Tibeter erschienen Blavatsky hin und wieder körperlich oder schickten Briefe aus den Bergen an sie; diese exklusive Verbindung nach oben war der Madame eine Rechtfertigung für die spirituelle Leitung der Gesellschaft, und von dieser Zeit an pflegte sie aufstrebenden Biographen von ihrem langen Aufenthalt in Tibet in den 60er und 70er Jahren zu erzählen.

Diese Autorität allerdings war keine vollkommen sichere: So waren 1882 zwei ihrer englischen Anhänger nicht mehr ganz zufrieden mit den Briefen, die sie durch HPBs Vermittlung empfingen, denn auf ihre hochgradig metaphysischen Fragen bekamen sie stets nur als Antwort, daß sie freundlich und verständnisvoll der Madame gegenüber sein sollten. Sie entschieden sich, den Meistern einen eigenen Brief zu schreiben, ohne ihn Blavatsky zu zeigen; allerdings blieb ihnen nichts anderes übrig, als ihr das Schriftstück in einem versiegelten Umschlag zur Übermittlung zu überreichen. Sie zog sich in ein anderes Zimmer zurück, wo sie am Klavier musizieren wollte, während sie die Nachricht mit den nur ihr eigenen Fähigkeiten in den Himalaya sendete, jedoch stürmte sie gleich darauf tobend zurück in den Raum; sie hatte den Brief geöffnet und gelesen, daraus auch offenbar keinen Hehl gemacht und damit ihre Glaubwürdigkeit in den Augen seiner Autoren schwer erschüttert.[12]

1884 glaubte auch ein ausgewiesener Experte in diesen Dingen die Korrespondenz mit den Meistern als Betrug entlarvt zu haben: Ein Richard Hodgson von der Society for Psychical Research erklärte nach seiner Untersuchung: „Wir halten sie weder für das Sprachrohr verborgener Seher noch für eine gewöhnliche Abenteurerin. Wir glauben vielmehr, daß sie sich einen bleibenden Namen als perfekteste, erfindungsreichste und interessanteste Hochstaplerin der uns bekannten Geschichte gemacht hat.“[13]

Hodgson hatte später auch eigene übersinnliche Erfahrungen; ihm erschien des öfteren der Geist einer Sandkastenliebe, er war also dem Okkulten an sich nicht abgeneigt, aber HPB konnte ihn dennoch nicht überzeugen.

Nach seinem Tod wurde er der erste parapsychologische Detektiv, nach dem ein Lehrauftrag an einer Universität benannt wurde: Die Hodgson Fellowship in Psychical Research in Harvard. Seitdem, so Washington, hat man nichts mehr von ihm gehört.[14]

Die Theosophische Gesellschaft jedoch wuchs unbeeinträchtigt weiter bis zum Zeitpunkt ihrer größten Popularität in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts, in denen sie 45000 Mitglieder zählte, allen Anfechtungen vor und ideologischen Streitigkeiten nach dem Tod der Madame Blavatsky 1891 zum Trotz.

5. Weshalb der Osten, und woher die Bruderschaften?

Blavatsky war eine unermüdliche Leserin, und ihre Lehre ist ein Stückwerk aus den verschiedensten Werken unterschiedlichster Autoren. Zumindest aber auf eine Epoche der europäischen Esoterikgeschichte läßt sich der Finger legen, wenn man erklären möchte, wo HPB sich für die Idee der verborgenen Brüder im Fernen Osten hat inspirieren lassen:

Der Gedanke liegt nahe, daß sie an der Idee der Rosenkreuzer Gefallen gefunden hat, die man sich ebenfalls vorgestellt hat als unsichtbare Weise, die im Verborgenen auf den Zeitpunkt ihrer Offenbarung warten, um das Schicksal der fehlgeleiteten Welt in die Hand zu nehmen und zu berichtigen. Diese nach ihrem mythischen Gründer Christian Rosenkreutz benannte Geheimgesellschaft war (oder ist) vielleicht die geheimnisvollste von allen, jedenfalls in ihrem Beginn: Anfang des 17. Jahrhunderts tauchten in Deutschland einige mit alchimistischen Analogien gespickte Pamphlete auf, die die großen Denker der Welt aufforderten, sich mit den Rosenkreuzern in Verbindung zu setzen, die in Vorbereitung des nahenden Letzten Gerichts das Wissen aller weisen Männer vereinigen wollten. Diese Schriften trafen wohl den Nerv der Zeit, und ganz Europa geriet in helle Aufregung; jeder, der sich für einen Denker hielt, wollte seinen Beitrag leisten, und nicht nur Leibniz und Descartes machten sich auf die Suche nach den Autoren, die jedoch nicht aufzufinden waren.

Nie hat jemand einem leibhaftigen Rosenkreuzer gegenüberstehen können, und nach einer Weile verebbte das Interesse vieler Suchender wieder – so der offizielle Konsens. Allerdings ist im okkultistischen Untergrund vielen die Unauffindbarkeit der Rosenkreuzer geradezu ein Beweis für ihre Existenz, und man geht des öfteren davon aus, daß zumindest Descartes die Gesuchten gefunden haben muß, gar selbst einer von ihnen geworden ist, es nur für weiser hielt, das Große Geheimnis, in dessen Besitz die Rosenkreuzer ohne Frage waren, nicht mit dem Pöbel zu teilen. Nach diesem Schema erhielt sich der Glaube an die Jünger vom Rosenkreuz: Je mehr die einen ihre Existenz abstritten, desto mehr waren die anderen von ihrer Existenz überzeugt. Auch die Tatsache, daß ein lutheranischer Mystiker namens Johann Valentin Andreae später zugab, die Rosenkreuzer zusammen mit Freunden als eine Art Scherz erfunden zu haben, festigte diesen diesen Glauben nur noch mehr; heute gibt es eine Unzahl weniger geheimer Gruppierungen, die sich jeweils als die wahren Nachfolger der authentischen Rosenkreuzer betrachten - als Beispiel sei hier nur das Lectorium Rosicrucianum genannt, das zur Zeit im Ruhrgebiet mit einer Vortragsreihe verstärkt an die Öffentlichkeit tritt.

Als schließlich Heinrich Neuhaus, einer der Mitverschwörer Andreaes, womöglich etwas aufgebracht durch die nicht enden wollenden Fragen nach dem Verbleib der verborgenen Weisen, in Ermangelung einer besseren Idee antwortete, daß sie nicht gefunden werden konnten, weil sie sich wahrscheinlich nach Indien und Tibet zurückgezogen haben, legte er den ersten Stein einer Brücke in den Osten, die nachfolgende Generationen von Esoterikern bereitwillig beschreiten würden, unter ihnen, als eine der wichtigsten, Helena Petrovna Blavatsky.[15]

Diese allerdings erklärt im Gespräch mit Biographen ihre Hinwendung zum Fernen Osten als schon vom Beginn ihres Lebens vorgezeichnet: Bereits als Kind sei sie mit dem „Lamaismus der tibetischen Buddhisten“ ganz vertraut gewesen. „Ich verbrachte Monate und Jahre meiner Kindheit unter den lamaistischen Kalmücken von Astrachan und bei ihrem Oberpriester ... ich habe mit einem Onkel von mir ... Semipalatinsk und den Ural besucht, an der Grenze der mongolischen Länder, wo der ‚Terachan Lama‘ residiert, und habe zahlreiche Ausflüge hinter die Grenzen gemacht und wußte alles über Lamas und Tibeter, ehe ich fünfzehn war“[16]

Was aber auch immer die tatsächlichen Gründe für HPBs Neigung nach Tibet waren, sie fügten sich gut in den Geist ihrer Zeit: Die hochpopuläre Evolutionstheorie Darwins wollte sich nicht recht mit christlicher Schöpfungsmythologie vereinigen lassen; die neue Wissenschaftsbegeisterung ließ die Menschen Fragen stellen, die das Christentum scheinbar nicht beantworten konnte, und man suchte nach spirituellen Alternativen. Der Nahe Osten bot sich hier wegen vergangener Animositäten religiöser Art vielleicht weniger an als der Ferne, der noch vergleichsweise unbelastet war und reichlich Exotik zu bieten hatte. Auch diese Entwicklung wird ein Grund dafür sein, daß es der Theosophischen Gesellschaft sehr viel leichter fiel, an Popularität zu gewinnen, als sie in Indien Fuß gefaßt und die Lehre ihrer spirituellen Leitung in Tibet beheimatet hatte.

6. Die Nachhaltigkeit des Wirkens der Madame

Man darf wohl annehmen, daß obwohl sich Blavatsky selbst als „thibetanische Buddhistin“[17] bezeichnete, kaum ein tibetischer Buddhist sich in ihren Lehren wiederfinden wird. Natürlich ist es dem Theosophen ein Leichtes, diesem Argument zu begegnen: Der gewöhnliche tibetische Buddhist kennt in der Regel nur die exoterische Facette seiner Religion; wäre er ein Eingeweihter wie HPB und ähnlich tief bewandert wie sie, könnte er wohl nicht anders, als ihr beizupflichten.

Es ist nichts Neues, daß die Eindrücke, die Blavatsky von ihrer Lehrzeit im Kloster bei Shigatse mitgebracht haben will, erstens alles andere als realistisch sind und zweitens bis aufs Haar die, die im heutigen Tibet-Klischee fortleben: Sie beschreibt ein Land, in dem niemand hungert, niemand trinkt, in dem Kriminalität und Unsittlichkeit unbekannt sind und sich ein moralisches, einfaches Volk mit reinem Herzen ohne jedes Laster der Zivilisation findet; in Tibet - und diese Vorstellung wirkt auch heute eindrücklich, was jeder flüchtige Blick in einen Esoterikladen bestätigen kann - existieren noch die physische und die spirituelle Atmosphäre in glücklichem Miteinander[18], ganz wie in James Hiltons „Lost Horizon“. Erst die Verankerung dieser Idee in westlichen Köpfen begründete den Markt, der heute für Lehrer aus dem Himalaya besteht; Blavatsky hat also mit ihren falschen Tibetern gleichsam den Westen auf die echten vorbereitet,[19] und gelegentlich scheint sogar die Eigenwahrnehmung der Tibeter selbst geformt zu sein von den Ideen, die ursprünglich die Theosophie in die Welt setzte.

In Kreisen außerhalb denen der Suchenden nach Erleuchtung verhalf die Lobbyarbeit Blavatskys der Religion Tibets ebenfalls zu einer größeren Popularität: In gewisser Hinsicht begründete sie das wissenschaftliche Interesse des Westens am tibetischen Buddhismus, der vor ihrer Zeit unter Forschern als degenerierte, abergläubische, seiner südlichen Variante weit unterlegene Erscheinungsform galt.

Auch die indische Religionskultur verdankt der Arbeit Blavatskys und Olcotts einiges; wie bereits weiter oben erwähnt, gründeten die Köpfe der Theosophischen Gesellschaft auf ihren Reisen über den Subkontinent einige Organisationen zur Förderung des Buddhismus, von denen heute noch viele aktiv und wichtig sind.

Ohne die Theosophische Gesellschaft gäbe es wohl keine Waldorfschulen, denn bekanntlich entstammt die Anthroposophie Rudolf Steiners ebenfalls dem theosophischen Umfeld. Steiner war lediglich nicht einverstanden mit der antichristlichen, orientalisierenden Haltung der Theosophie, so daß er für seine eigene Ideologie den Kern der Ideen Blavatskys von fernöstlichen Einflüssen zu befreien und mit neochristlichen Elementen zu erneuern versuchte.[20]

Andere Freunde, die ein Teil der Ideen Blavatskys fand, waren von weniger sozialer Gesinnung:

HPB hatte, inspiriert von Darwin, eine Rassentheorie entwickelt, die noch weit entfernt war von der Forderung der universellen Bruderschaft aller Menschen, die im Jahr 1896, nach ihrem Tod, zu einem Ziel der Gesellschaft gemacht wurde. Nach dieser Lehre gehören die meisten heute lebenden Menschen zur sogenannten Vierten Wurzelrasse, zu deren Zeitalter Atlantis und Lemuria untergingen. Die Überlebenden dieser Katastrophe, denen es gelang, sich nach Shambala zurückzuziehen - damals noch nicht in Tibet verortet, sondern in der Wüste Gobi, die zu dieser Zeit noch eine Insel war – entwickelten sich zur Fünften Wurzelrasse. Die erste Unterart dieser neuen, höherentwickelten Menschen war die der arischen Inder, die fünfte, und damit am höchsten entwickelte, die der weißen Arier. Man kann sich denken, welchen Leuten das gefiel; es enstand die sogenannte Ariosophie, von der man sich denken kann, welche Inhalte sie vertritt.[21]

So umstritten sie also auch gewesen sein mag, der Einfluß Madame Blavatskys auf die moderne spirituelle Kultur, auf die ganze Haltung, die der Westen dem Fernen Osten entgegenbringt, läßt sich nicht abstreiten; es wird immer noch in den von ihr populär gemachten Mustern gedacht, selbst wenn nur wenige heute den Namen Blavatsky mit diesen Ideen in Verbindung bringen. Das zuerst von ihr geprägte Bild der verborgenen Weisen in den Bergen, von der verlorenen Weisheit der westlichen Welt, die sie nur im Fernen Osten wird wiederfinden können, ist von unzähligen Quellen immer wieder reproduziert und zum Bestandteil der allgemeinen Geisteskultur gemacht worden.

Interessant bleibt die Frage, ob Richard Gere heute ein Sufi wäre, wenn HPB statt an Tibet Gefallen am Islam gefunden hätte.

Literatur:

BLAVATSKY, Helena

1969 [1889] Der Schlüssel zur Theosophie. Graz: Adyar, 223 S.

1970 [1877]Isis entschleiert. Ein Meisterschlüssel zu den Geheimnissen alter und neuer Wissenschaft und Theologie. 2 Bände. Den Haag: Couvreur. 628 und 649 S.

BRAUEN, Martin

2000 Auf der Suche nach ‚Shamba-La‘ und den arischen Lamas. In: Ders.: Traumwelt Tibet. Westliche Trugbilder. Bern, Stuttgart, Wien: Paul Haupt, S. 36-95.

HILTON, James

1981 [1933] Lost Horizon New York: Pocket Books. 231 S.

PEDERSEN, Poul

1997 Tibet, die Theosophie und die Psychologisierung des Buddhismus. In: Mythos Tibet, S. 165-175.

UNBEKANNT

2002a Internetseite Internationale Schule des Goldenen Rosenkreuzes – LECTORIUM ROSICRUCIANUM, www.rosenkreuz.org, 28.03.02.

2002b Internetseite The Blavatsky Archives, www.blavatskyarchives.com, 03.04.02

WASHINGTON, Peter

1995 Madame Blavatsky´s Baboon. A History of the Mystics, Mediums, and Misfits Who Brought Spiritualism to America. New York: Schocken Books, 470 S.

8. Anmerkungen

[...]


[1] zu diesem Kapitel s. Washington 1995:26-46 für die Details u. Pedersen 1997:167-8 für eine kurze Zusammenfassung der Biographie

[2] Washington 1995:12

[3] Washington 1995: 43

[4] Washington 1995:43

[5] s. Washington 1995:31

[6] s. Washington 1995:55

[7] Ziele übernommen von Washington 1993:69, eigene Übersetzung

[8] s. Washington 1995:34-5

[9] Pedersen 1997:166

[10] s. Brauen 2000:42

[11] s. Washington 1995:60

[12] s. Washington 1995:64

[13] Pedersen 1997:176

[14] s.Washington 1995:84

[15] s. Washington 1995:38-9

[16] Brauen 2000:43

[17] Brauen 2000:38

[18] s. Pedersen 1997:169

[19] zu diesem Thema s. Pedersen 1997

[20] s. Washington 1995:153-5

[21] s. Brauen 2000:47-8

18 von 18 Seiten

Details

Titel
Ich bin eine thibetanische Buddhistin - Blavatsky, Theosophie, Tibet und der Westen
Hochschule
Philipps-Universität Marburg
Veranstaltung
Mythos Tibet
Autor
Jahr
2002
Seiten
18
Katalognummer
V108464
Dateigröße
557 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Darstellung des Lebens und Wirkens Helena Blavatskys als eine Grundsteinlegerin der westlichen Faszination für den fernen Osten.
Schlagworte
Buddhistin, Blavatsky, Theosophie, Tibet, Westen, Mythos
Arbeit zitieren
Nico Czaja (Autor), 2002, Ich bin eine thibetanische Buddhistin - Blavatsky, Theosophie, Tibet und der Westen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/108464

Kommentare

  • Claudia Weslowski am 22.7.2010

    Ich finde den Artikel sehr sehr gut- bitte schreiben Sie doch ein Buch: "Blavatsky entschleiert". Im Ernst- die Gutgläubigen brauchen das...
    Hochachtungsvoll C. Weslowski

Im eBook lesen
Titel: Ich bin eine thibetanische Buddhistin - Blavatsky, Theosophie, Tibet und der Westen


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