Die erste Phase der Kollektivierung 1928 - 1933 in Zentralasien


Hausarbeit, 2002
22 Seiten

Gratis online lesen

Inhalt

01 Einleitung und landwirtschaftliche Nutzung der Region

02 Die Kollektivierung

03 Die Kollektivwirtschaft

04 Die Kollektivierung der Nomaden

05 Die Kollektivierung des Dorfes

06 Widerstand der Nomaden und sesshaften Bauern

07 Ergebnisse der Kollektivierung in Zentralasien

08 Schluss

Anhang:

Übersichten

Literaturliste

01 Einleitung und landwirtschaftliche Nutzung der Region

Die Kollektivierung Zentralasiens gehört zu den erschreckendsten Kapiteln der Geschichte der Sowjetunion. Aufwand und Nutzen, unter der Prämisse einer Moderni-sierung der Landwirtschaft, stehen in keinem Verhältnis. Sinn bekommt das Unterneh-men Kollektivierung erst, wenn man den ideologischen Hintergrund beachtet. Denn durch die erfolgreiche Ausführung der Kollektivierung, womit man um 1940 rechnen kann, wurde erstmalig und dauerhaft das Bauernproblem im Sozialismus gelöst. Der durchschnittliche Bauer war von nun an kein Kleinkapitalist im marx´schen Sinne mehr, dem die Produktionsmittel selbst gehörten, sondern ein Proletarier ohne Produktions-mittel. Endlich waren beide Gruppen auf einer gemeinsamen Ebene positioniert und der Sozialismus konnte sich von hier aus zum Kommunismus entwickeln. Ohne diese Maß-nahme hätte die Bauernfrage, die unter russischen Sozialisten eine lange Tradition hat, zu einer Bedrohung der sozialistischen Sowjetunion werden können.

Die Kollektivierung der Zentralasiens umfasst die Sowjetischen Unionsrepubliken Tadschikistan, Kirgistan, Kasachstan, Usbekistan und Turkmenistan. Die Gründe, die für eine gemeinsame Betrachtung des Gebietes sprechen, sind eine relative kulturelle Einheit die sich gegenüber Russland konstituiert hat, sowie Übereinstimmungen in der Sozialstruktur, den politischen und ökonomischen Vorbedingungen, hier besonders der landwirtschaftlichen Bewirtschaftungsformen. Ziel dieser Arbeit ist die Darstellung der Kollektivierung in Zentralasien, mit ihren Auswirkungen auf soziale und ökonomische Bedingungen der Landbevölkerung. Die leitende Fragestellung liegt im weiteren darauf, nach welchen Muster ein Identitätserhalt der ethnischen Gruppen stattgefunden hat. Das ein Identitätserhalt stattgefunden hat, beweisen nicht zuletzt die Gründungen unabhängiger Staaten in Zentralasien nach dem Ende der Sowjetunion.

Leider fehlen für eine detaillierte Untersuchung dieser Fragestellung, aussagekräftige Quellen. Für die Fragestellung dieser Arbeit wären private Aufzeichnungen oder Darstellungen der Kollektivierung, welche einzelne Dörfer oder Familien fokussieren, sehr hilfreich. Diese lagen mir nicht im nötigen Maße vor, womit die gelegentlich abstrakte Darstellung erklärt werden muss.

Die in dieser Arbeit zu untersuchende zentralasiatische Landwirtschaft[1], hat folgende

Nutzzweige:

1) Bewässerungsfeldbau im Tiefland mit Baumwolle und Futterkulturen im Süden, mit Getreide (Weizen, Gerste, Reis) in der nördlichen Landeshälfte
2) Bogarfeldbau[2] im Gebirge und Gebirgsvorland mit Getreide (Weizen, Gerste) und Futterkulturen
3) Wüsten-Weidewirtschaft mit Schaf- und Kamelzucht
4) Halbwüsten-Weidewirtschaft mit Schaf- und Kamelzucht
5) Gebirgs-Weidewirtschaft mit Schafzucht sowie Rinder-, Pferde- und Jakzucht
6) Oasen-Stallfütterungswirtschaft mit Kuh-, Rinder- und Schweinezucht
7) Seidenraupenzucht

Die Landwirtschaft Zentralasiens wird in drei Betriebstypen betrieben: Bewässerungsfeldbau, Bogarfeldbau und Viehwirtschaft, welche jeweils unterschiedlich Kollektiviert wurden. Bewässerungsfeldbau war zu dieser Zeit besonders in Usbekistan und Turkmenistan verbreitet. Bogarfeldbau und Viehwirtschaft wurde in ganz Zentralasien betrieben, letzteres als Stallfütterungswirtschaft oder Wanderweide-wirtschaft.

02 Die Kollektivierung

[3]Nach der Abdankung des Zaren im Jahr 1917 herrschte Anarchie auf dem Lande. Noch während der Regierung Kerenski begannen die Bauern zu Plündern und sich gewalt-sam den Boden anzueignen. Die Oktoberrevolution und die zur Macht gekommenen Bolschewiki legitimierten nachträglich diese Maßnahmen, als 2. Dekret verfügte Lenin am 8.12.1917 über den Boden. Das Dekret ordnete die entschädigungslose Enteignung des gesamten Bodens an, wobei die Verfügung über das Land den Kreis-Landkomitees und Bezirkssowjets der Bauerndeputierten übertragen wurde. Diese vergaben das Land nach Bedarf und unter Auflagen kostenlos an die Bauern.[4] Daraus folgte ein zentraler Nahrungsmittelvertrieb mit Festpreisen, Kornmonopol, Saatkontrolle und festen Quoten der Ernteabgaben. Sehr vereinzelt entstanden in Russland und der Ukraine erste Kollektivwirtschaften, die jedoch in keinem Verhältnis zur Zahl der aus der Bodenreform entstandenen privaten Hoflandwirtschaften standen. Im Ergebnis wurde die landwirtschaftliche Nutzfläche (LNF) fast komplett kleinbäuerlich bewirtschaftet. Eine starke Regulierung seitens der Dorfsowjets sollte alte Kulaken[5] unschädlich machen und die Entstehung neuer verhindern. Nach Missernten und Bürgerkrieg entwickelte sich die Situation auf dem Lande sehr negativ. Die Versorgungsengpässe für die Stadtbewohner konnten trotz gewaltsamer Getreidebeschaffungen revolutionärer Komitees nicht gelöst werden, da die Produktion der Bauern den Bedarf nicht erfüllte. Dies führte 1920 zu einer landesweiten Hungersnot. Als Reaktion auf die anhaltend schlechte Versorgungslage gingen die Bolschewiki 1921 zu einer Förderung der Privatwirtschaft über. Unter dem Namen `Neue Ökonomische Politik´ (NÖP) wurde eine beschränkte Marktwirtschaft zugelassen. Die Bauern durften bis zu einem bestimmten Maß Land, Vieh und Produktionsmittel akkumulieren und Lohnarbeiter beschäftigen. Diese Landwirtschaftspolitik wurde bis zum Beschluss der Kollektivierung der Landwirtschaft im Dezember 1927 beibehalten. Erneut kam es 1927 zur flächendeckenden Hungersnot, die sich als Folge der kompromisslosen Landwirtschaftspolitik – der Beginn der Kollektivierung in Russland und der Ukraine - bis 1929 hinzog. Die Kollektivierung wurde zum Bestandteil des ersten Fünfjahresplans von 1928 erklärt. Der Fünfjahresplan war ein von der staatlichen Planungskommission GOSPLAN erarbeiteter Plan, welcher Entwicklung und Erträge für die gesamte ökonomische Produktion der UdSSR vorgab.

Der erste Fünfjahresplan sah eine radikale Neuorganisation der Landwirtschaft vor. Das Ziel war die Industrialisierung der Landwirtschaft, die Bauern sollten zu Arbeitern des Feldes aufgewertet werden. Zugleich sollte der Machtanspruch der KPdSU auf dem Land durchgesetzt werden. Der allergrößte Teil des Bodens ging zur Nutzung an die Kollektivwirtschaften über. Den Bauern wurde nur ein winziger Besitz zum Eigenbedarf gestattet, da die private Nebenerwerbswirtschaft als solche abgeschafft werden sollte. Individuelle Landwirtschaft und Handel im Sinne der NÖP wurden durch den Fünfjahresplan beendet. Zugleich wurde die Eliminierung der Kulaken, die von J.W. Stalin am 27.12.1927 als "Liquidation der Kulaken als Klasse" proklamiert wurde, offiziell beschlossen. Bauern mit mittleren und großem Grundbesitz wurden als Kulaken betrachtet, aber der Begriff unterlag stetigem Wandel.[6] „Dieses Wort war nun geeignet, die antigroßbäuerlichen Ressentiments des Kleinbauerntums zu beleben, wurde aber schon bald mit neuem, freilich schwer zu bestimmenden und von Amtswegen auch niemals bestimmtem Inhalt gefüllt. Fortan galt in der Praxis jeder als Kulak, der sich der Kollektivierung widersetzte, ganz gleich, ob er überhaupt begütert war. Kulak war der „Klassenfeind“ auf dem Dorfe schlechthin, aber damit war nur eine unklare, dehnbare Bezeichnung durch eine ebensolche ersetzt.“[7] Die Übertragung des Klassenkampf-konzeptes auf das Land wurde erfolgreich als Legitimationsbasis für die Neuordnung der sowjetischen Landwirtschaft benutzt. Die Durchsetzung dieser Doktrin, mit dem Zweck jede politische oder ökonomische Opposition auszuschalten, wurde in der gesamten Sowjetunion durchgesetzt, auch wenn es dafür in den lokalen Ethnien keine Entsprechung gab. Die Kollektivierung der Sowjetunion hatte in all ihren Auswirkungen mehr als 10 Millionen Tote zur Folge. Schwerste Auswirkungen hatte die Kollektivierung in Kasachstan, wo ein Drittel der Bevölkerung ums Leben kam. Somit wurde mit nicht zu rechtfertigenden Verlusten das Ziel erreicht, die Landbevölkerung an den Staat zu binden. In den zentralasiatischen Gebieten wurde die Kollektivierung schärfer und rücksichtsloser betrieben als in Russland, was unmittelbar auf das Klassenkampf-konzept zurückzuführen ist. Denn die Kollektivierung erfasste über die Bauern hinaus jede Art von Landbevölkerung wie Geistliche, Nomaden oder sonstige nichtbäuerlichen Landbewohner. Damit betraf die Kollektivierung in Zentralasien und das ihr zugrunde- liegende Klassenkampfmodell breitere Bevölkerungsschichten als es in Russland der Fall war. Letztlich handelte es sich in den nichtrussischen Gebieten weniger um die Kollektivierung der Landwirtschaft, als um eine kulturelle Kollektivierung zum Sowjetvolk russischer Prägung.

"Aber das Ergebnis dieser gigantischsten Agrarrevolution der Geschichte war schließlich doch, daß die Landwirtschaft zu über 90% in die Form kollektivierter Betriebe gezwungen war, die gleichzeitig die absolute Herrschaft der Partei über das flache Land sichern sollte."[8]

03 Die Kollektivwirtschaft

Die Kolchose ist eine landwirtschaftliche Kollektivwirtschaft. In der kollektivierten Landwirtschaft Zentralasiens hat sich die Betriebsform der Kolchose am weitesten verbreitet. Sie bildete nicht nur das wirtschaftliche, sondern auch das soziale Zentrum eines landwirtschaftlichen Gebietes. Neben der Kollektivwirtschaft gab es keinen zweiten Arbeitsmarkt, da private Nebenerwerbswirtschaft erst durch Mitgliedschaft in derselben ermöglicht wurde[9]. Die durchschnittliche Größe der zentralasiatischen Kolchosen lag am Ende der Kollektivierung, um 1940, zwischen 64 und 107 Höfen.[10] Formen der Kollektivwirtschaft sind: die Kolchose, die Sovchose, die landwirtschaftliche Kommune, das landwirtschaftliche Artel, die Genossenschaft zur gemeinschaftlichen Landbewirtschaftung TOZ und die Genossenschaft zur gemeinschaftlichen Viehzucht TO¦. Sie sind bis 1940 mehr oder weniger gleichzeitig präsent, dann setzten sich Kolchose und Sovchose als Betriebsformen durch.

Die Dorfgesellschaft steuerte genossenschaftlich die Angelegenheiten der Kollektiv-wirtschaft und war im relativ hohen Maße von Vorgaben unabhängig. "A kolkhoz represented an economic and social unit which drew up budgets, paid taxes and expenses, set aside reserves, and divided the common income according to the amount and quality of work performed."[11] Die Kolchose war von Beginn an als soziale Einheit konzipiert. Die Verteilung der in den zentralasiatischen Republiken ansässigen Ethnien wurde beim Aufbau der Kollektivwirtschaften genau beachtet, sodass die Integrität ethnischer Verbände gewährleistet wurde.[12] Dadurch konnte sich der Klan- und Familienzusammenhalt der Stämme und Gruppen in der Kolchose fortsetzten. Im gleichen Maße wurde ein innerer Zusammenhalt der Kolchosniki, eine Form der corporate identity, geschaffen, sodass O. Roy feststellt: „[..]the kolkhoz functions as a new tribe, what ever its relations to the former tribes.“[13] Die Kolchosniki bildeten eine solidarity group, die besonders soziale Funktionen hatte.

04 Kollektivierung der Nomaden

Die nomadische Sozialordnung blickt in Zentralasien auf eine ruhmreiche Tradition. Sie orientierte sich am ältesten männlichen Familienmitglied, dem Patriarchen, welcher den nominellen Anführer der Familie darstellte. Diese war Patrilinear organisiert, d.h. das väterliche Erbe ging auf den erstgeborenen männlichen Nachkommen über. Die Groß-familie bildet noch heute das Zentrum des Zusammenlebens. Dem durchschnittlichen Zentralasiaten waren mindestens 7 Familiengenerationen geläufig. Das typische Lager der Nomaden war ein Aul, bestehend aus 8 bis 12 Jurten. Mehrere Großfamilien vereinigen sich durch Schnittpunkte in ihren Genealogien. Diese können zusammen nomadisieren und sich über Verwandtschaftsverbindungen wiederum in übergeordnete Klane und Stämme einfügen. Khanate entstehen aus Stammesvereinigungen. Über eine Angleichung der Genealogien und durch Berufung auf gemeinsame Ahnen, können weitgespannte solidarity groups entstehen. Derartige Loyalitätsbindungen haben eine unterschiedlicher Valenz, sie entstehen aus genealogischer Verbindung, Nachbarschaft oder engen Klanbeziehungen. Dieses System erweist sich in der Praxis als das haltbarste und verbindlichste. Die Bindung der solidarity group ist enger als die Bindung an Boden, Nation, Ethnie, Religionsgemeinschaft oder sprachlicher Identität. Die solidarity group ist der Begriff für persönliche Netzwerke, die man als konkrete Loyalitätsbindung bezeichnen kann. Abstrakte Loyalitätsbindungen, die sich über die o.g. Begriffe hätten herstellen können, wurden weder von den Nomaden, noch von Sesshaften Gruppen in Zentralasien angenommen. Innerhalb der nomadischen Gesellschaft bestehen Hierarchien folgendem Muster: Adel, einfacher Nomade, Sklave. Adelig waren diejenigen Männer, die sich auf eine direkte Abkunft Dschingis Khans berufen konnten. Das Adelsprädikat wurde in Primogenitur weitergegeben, der zweitgeborene Sohn lebte bereits im Status des einfachen Nomaden. Die unterste Schicht bildeten die Sklaven, unterworfene Fremde, welche nach einer Generation in die Sippe integriert wurden.

Nahezu die gesamte wirtschaftliche Tierhaltung in Zentralasien wurde von Nomaden betrieben. Man geht davon aus, das um 1900 im mittelasiatischen Raum circa 40 % der Bevölkerung Nomaden waren.[14] Bis zum Beginn der Kollektivierung dürfte sich dieser Prozentsatz nicht wesentlich verringert haben, obwohl es bereits seit dem 18. Jahrhun-dert eine schwache Tendenz zur Sesshaftwerdung gab. Die traditionell nichtsesshaften Ethnien in Zentralasien sind Kazachen, Kirgisen und Turkmenen. Die Größe der nomadischen Viehwirtschaften vor der Kollektivierung variierte sehr stark. Reiche kasachische oder kirgisische Bajs konnten zwischen 200 – 300 Schafe und Ziegen, bis zu 100 Pferde und Kamele, sowie eine untergeordnete Zahl Rinder besitzen. Die mittleren Viehwirtschaften zählten 10 – 30 Schafe und Ziegen und einige Pferde, Kamele, Rinder. Oft bildeten mehrere Familien gemeinsame Herden.

Tatsächlich hatten sich Bedingungen und Lebensweise bis 1928 nicht wesentlich geändert. „[T]he old life and manners of the tribes up to that time remained unchanged.“[15] Ein wesentliches Ziel der Kollektivierung Zentralasiens bestand darin, die Nomaden zu domestizieren. Der Beschluss der XVI. Sitzung der KPdSU für Mittelasien und Kasachstan lautete:[16]

a) die kleinen, privat geführten Einzelwirtschaften in große sozialistische Kollektivwirtschaften zu überführen,
b) den Nomadismus zu beseitigen und die nomadische und halbnomadische Bevölkerung zur sesshaften Lebens- und Wirtschaftsweise zu zwingen. Die Sesshaftmachung der Nomaden ist eine wesentliche Voraussetzung einer erfolgreichen Durchführung der Kollektivierung.

Es ist nicht bekannt, ob gegen den Beschluss der Sesshaftmachung der Nomaden, in einem politischen Gremium Widerspruch eingelegt wurde. Das lässt vermuten das die Nomaden keinen Vertreter in Moskau oder ihrer Unionsrepublik hatten, da sie von der Korenisazia ebenfalls nicht berücksichtigt wurden. Nachdem der Kollektivierungs-beschluss für Zentralasien den örtlichen Sowjeteinheiten vorlag, vollzog sich die Ausführung brutal und systematisch nach Muster der russischen Kollektivierung. Insgesamt erfolgte die Kollektivierung Zentralasiens fast 2 Jahre später als die westlichen und südlichen Regionen der Sowjetunion, da hier wenige Regionen zu Gebieten der kompakten Kollektivierung erklärt wurden. Abgelegene Regionen wie die der nomadischen Viehhirten in den Berggebieten waren von der Kollektivierung erst Mitte der 30er Jahre betroffen; in Tadschikistan wurden 1940 letztlich 75 % kollektivierte Viehwirtschaften erreicht.

Die Zwangssesshaftmachung bedeutete für den Einzelnen eine Eingliederung in die Kolchose, die nötigenfalls mit Gewalt durchgesetzt wurde. Wie oben bereits beschrieben, wurden die Kolchosen, sowie deren Brigaden, nach ethnischen und genealogischen Kriterien gebildet. Die Aufteilung in ethnisch homogene Kollektive bzw. Kolchosen war ein Zugeständnis an die lokalen Ethnien, da die erzwungene Vermischung mit anderen Volksgruppen den Hauptwiderspruch der Betroffenen hervorrief.[17] Weniger die politische bzw. ideologische Ablehnung der Sowjets bildete das zentrale Anliegen der Landbewohner, als die Bewahrung der ethnischen Identität. Die entschiedene Ablehnung der Assimilation mit anderen Bevölkerungsgruppen ist nicht nur bei den nomadisch Kulturen zu beobachten, sondern vielmehr ein Kontinuum im Auftritt aller regionalen Volksgruppen. Nicht nur der Internatinalismusgedanke der Sowjets verfing sich nicht, sondern auch der islamische Zusammenhalt im Sinne der Umma war wenig ausgeprägt. In diesem Sinne fand bereits während der Gründungs-phase der Kolchosen eine „systematic territorialisation of solidarity groupings“[18] statt. Wenn keine ethnisch einheitlichen Kolchosen geschaffen werden konnten, so geschah dies mit großer Genauigkeit auf der Ebene der Abteilungen, Brigaden und Staffeln. Offensichtlich war die Bindung an die solidarity group stärker, als die Zugehörigkeit zur sprachlich-kulturellen oder religiösen Identitätsgruppe.

Im Einzelnen wurden die Familien und ihre Herden gezwungen sich an ihren Winterlagerplätzen anzusiedeln. Hier entstanden feste, unregelmäßige Hofgruppen und es wurden Abteilungen bzw. ganze Kolchosen gegründet. Das Weideland wurde zwischen den Kolchosen aufgeteilt und der Ausbau der Winterlager zu Stallfütterungs-wirtschaften folgte. Die bewährte Tierhaltung konnte in den Sommermonaten, als genossenschaftlicher Halbnomadismus, beibehalten werden. Schwerwiegende Folgen hatte die Unkenntnis der Nomaden der Stallfütterungswirtschaft. Neben der unzu-reichenden logistischen Vorbereitung der Kollektivierung in Form nichtvorhandener Gebäude und Futtermittel, führte die Unkenntnis der Stallfütterungswirtschaft zu erheblichen Verlusten des Viehbestandes. Selten kam es zur Gründung reiner Viehzuchtkolchosen. In der Regel wurden gemischte Betriebe aufgebaut. Meist bildete das Zentrum der Kolchose eine Feldbauregion mit sesshaften Bauern, an welche Viehwirtschaftsbrigaden angeschlossen wurden. Es wurden Getreide, Zuckerrüben und andere technische Kulturen[19] angebaut, welche in der Stallfütterungswirtschaft Verwendung fanden. Durch relativ eigenständige Abteilungen in den Kolchosen war die Integration der Nomaden gewährleistet.[20] Die kollektivierte Weidewirtschaft entwickelte sich rasch zu einer “sozialistischen“ Form des Nomadismus und Tierhaltung und Lebensweise der Tierzüchter ordneten sich wieder nach der Effizienz der natürlichen Gegebenheiten.

05 Kollektivierung der Dörfer

Wenn man vor der Kollektivierung ca. 40% Nomaden annimmt und von geschätzten 15% Stadtbewohnern ausgeht, lebten 45% der Bevölkerung Zentralasiens auf dem Land. Selbst wenn die Bevölkerung in Städten lebte, bestand sie zum erheblichen Teil aus Bauern in Subsistenzwirtschaft. „As late as December 1926, there were still only 81 Tajik factory workers, 139 Kirgiz, 306 Turkmen, 2215 Kazakh, 7684 Uzbeks, and a grand total of 7 Yakut proletarians.”[21] Der Proletarier als Bevölkerungsgruppe war in Zentralasien nicht vorhanden. Dank der Mahalla herrschte auch in den usbekisch-tadschikischen Städten die soziale Ordnung des Dorfes. Das sogenannte Nachbarschaftsviertel erhielt die Dorfhierarchie im städtischen Raum, mit den gleichen Regeln der solidarity group wie für die Nomaden bereits beschrieben.

Das typische Dorf mit usbekischer-tadschikisch Besiedlung ist ein Kislak. Das Kislak ist ein Haufendorf mit über 50 Häusern, meist im Bewässerungsfeldbaugebiet. Kislaki können so groß sein, das mehrere Kolchosen gegründet wurden. Führer des Kislak ist der „Aksakal“, der Dorfälteste.

Die Landverteilung vor der Kollektivierung hatte sich im Verhältnis zur vorrevolutionären Situation nicht verändert, da die selbstständige Landnahme der Bauern – als Massenerscheinung – in Zentralasien nicht stattgefunden hatte. „Kennzeichnend für die einheimische seßhafte Bevölkerung Mittelasiens war der private Kleinbesitz mit der Tendenz zur Bildung eines landlosen Tagelöhnertums und mittelgroßer Wirtschaftsbetriebe.“[22] Die Bodenreform war in Zentralasien nicht gleichzeitig durchgeführt worden, sondern zuerst in Kazachstan und Usbekistan.[23] In Tadschikistan wurde sie erst mit der dortigen Kollektivierung durchgeführt, wobei die LNF direkt in die Verwaltung der Kollektivwirtschaft überging. Das hießt aber nicht, das es nur in Tadschikistan die Schicht der besitzlosen Tagelöhner bis zur Kollektivierung gegeben hat. Aus dieser Schicht wurden Industriearbeiter, meist für die russische Industrie, rekrutiert.

Hier hatte ein durchschnittlicher bäuerlicher Privatbetrieb eine Anbaufläche zwischen 1,6 ha und 3 ha - maximal bis zu 7,6 ha - wenn es sich um Bewässerungsfeldbau handelte. Großgrundbesitz gab es im Allgemeinen, außer vereinzelten Vakf-Ländereien, nicht. Den Regionen des Bogarfeldbaus stand mehr LNF zur Verfügung. Dabei handelte es sich in den meisten Fällen um Gebiete mit ehemaliger russisch-ukrainischer Besiedlung, die hier ihren gewohnten Feldbau fortsetzten. Sie hatten sich in ihnen bekannten klimatischen Regionen angesiedelt, in denen Trockenfeldbau möglich war. Pro Hofwirtschaft eignete ihnen ca. 11 ha LNF und eine Viehhaltung von nicht mehr als 10 Rindern und Kühen, mit ebenso vielen Schafen und Ziegen. Von den einheimischen Dorfbewohnern wurde Bogarfeldbau ergänzend betrieben und war in den Vorgebirgsregionen zum Getreideanbau weitverbreitet. Zur Beschleunigung der Kollektivierung entstand in Moskau das Konzept der kompakten Kollektivierung.[24] Gebiete der kompakten Kollektivierung waren vor allem die Bewässerungs-anbaugebiete Zentralasiens, in denen Baumwolle und Getreide angebaut werden konnte. Ziel der Sowjetregierung war es, sich von ausländischen Baumwollimporten unabhängig zu machen. Aus diesem Grund wurden sämtliche, zur Verfügung stehenden potentiellen Baumwollanbauflächen für Baumwolle genutzt. Während in Gebieten die nicht zur kompakten Kollektivierung erklärt wurden die Kolchosenbildung relativ moderat erfolgte, d.h. mit Zwangsmethoden aber ohne Gewaltanwendung, verlief die Kollektivierung in jenen Regionen ohne Alternative.

„Räumlich werden in Mittelasien zuerst die Getreideanbaugebiete, relativ spät die reinen Viehzuchtgebiete erfasst. Die massierte Gründung von Kolchozen erfolgt in den Anbaugebieten 1930 bis 1932, in den Viehzuchtgebieten Ende der 30er Jahre. In Uzbekistan sind schon im Juli 1932 81,7 % der bäuerlichen Betriebe zu 10 200 kleinen, wenige 100 ha großen Kolchozen zusammengefasst[..]. In Kirgizistan, das kleinere Anbaufläche besitzt, sind zu dieser Zeit 67,4 % der Individualbetriebe in 1500 Kolchozen aufgegangen, in Tadzikistan sind es erst 45,2 %. Das gilt allerdings nicht für die Baumwollanbaugebiete Tadzikistans, wo 1932 bereits 70,1 % der bäuerlichen Betriebe in Kolchoze überführt waren. In den Weidegebieten des Hochgebirges waren 1933 erst 5,5 % der Viehwirtschaft kollektiviert.“[25]

Wie daraus ersichtlich, erfolgen die Kollektivierungsmaßnahmen in Zentralasien unein-heitlich und ungleichzeitig. Während die Kollektivierung in den o.g. Gebieten zügig durchgeführt wurde, blieb der Zusammenschluss in den übrigen Gebieten des freiwilligen Zutritts jedoch unter den angestrebten Quoten. Nachdem Stalin die Partei auf den freiwilligen Charakter des Kolchoslebens hingewiesen hatte, traten im Laufe des Jahres 1930 die ca. Hälfte der kollektivierten Bauern wieder aus den Kolchosen aus. Zwar verschärfte sich in der Folge die Kollektivierungskampagne erneut, jedoch wurde von der sowjetischen Politik die Notwendigkeit die Zustimmung der Massen zu gewinnen ernster genommen. Der freiwillige Eintritt in die Kolchose sollte durch verstärkte Agitation und Propaganda bewerkstelligt werden. So beschloss beispiels-weise das Mittelasienbüro in Taschkent am 22.04.1929, um eine dauerhafte pro-sowjetische Stimmung und Unterstützung in grenznahen Regionen zu Afghanistan zu gewinnen, dass einzelne Maßnahmen der bisherigen Landwirtschaftspolitik nicht sofort ausgeführt werden.[26] Dazu gehörten eine Verschiebung der Bodenreform, eine Verbes-serung der Warenversorgung, eine erleichterte Kreditvergabe, die Verbesserung von Handelseinrichtungen und Bewässerung, sowie der Aufbau von Kultureinrichtungen und medizinischer Versorgung. Desweiteren wurde die - meist willkürliche – Individualbe-steuerung der Mittelbauern ausgesetzt. Die Sowjetmacht ging in ihrer Flexibilität soweit, Repressionen gegen die mutmaßliche Sowjetopposition zu beschränken. Diese „policy of appeasement“ währte freilich nur kurz. Schon Mitte 1930 wurde die kompakte Kollektivierung durchgesetzt. 1933 traf Tadschikistan eine maßlose OGPU Terrorkampagne, die neben anderen Personen, stark lokale Sowjetkader betraf. Exemplarisch wurden Nasratulla Maksum, Vorsitzender des Zentralen Exekutivkomitees der KP Tadschikistans, und Abdurachim Chodûibaev, Vorsitzender des Rats der Volkskommissare Tadschikistans, von ihren Posten unter dem Vorwurf des antirussischen Chauvinismus, Nationalismus und Sabotage der Getreiderequisition, abgelöst und im Jahr 1938 erschossen.[27] Analoge „Säuberungsprozesse“ betrafen die anderen Sowjetrepubliken. In Tadschikistan gestaltete sich die Kollektivierung schließlich derart, das die Bodenreform, die in anderen Gebieten die Bauern in den Besitz des Landes gebracht hatte, direkt zugunsten der Kollektivwirtschaft durchgeführt wurde. Die Bauern erhielten nur als Kollektivwirtschaftsmitglieder eigenes Land als Hoflandwirtschaft.

06 Widerstand der Nomaden und sesshaften Bauern

Die Reaktion der Nomaden gegen den Prozess der Kollektivierung war im Allgemeinen vom absoluten Unwissen über die geplanten Sowjet-Maßnahmen geprägt.

“Vor kurzem hat im Schafstall eine Versammlung stattgefunden, auf der erklärt wurde, daß Kolchosen organisiert werden würden, [in denen] Russen und Muslime zusammengeschlossen werden würden, für sie Decken für je 70 Leute genäht würden, und alle zusammen [darunter] schlafen würden.“[28]

Sowjetische Agitation und Propaganda erreichten die wenigsten Dörfer und fast gar nicht die Nomaden. Auch die Korenisazia war vor allem ein städtisches Phänomen. Moskauer Politik unter den Zentralasiaten zu verwurzeln gelang äußerst langsam, sie wurde, mitbegründet durch das komplizierte Verhältnis des Außenstehenden zur solidarity group, dauerhaft als fremd wahrgenommen. Die Gründe waren eine politische „underadministration“ im Allgemeinen und ein Sprachproblem im Speziellen. Wenn es überhaupt bedrucktes Papier gab, z.B. für Kolchosstatuten, so auf Russisch. Hinzu kam ein weitverbreiteter Analphabetismus. Die geringe Verbreitung der sowjetischen Ideo-logie war nicht nur der Entfernung, sondern auch der vollständigen politischen Unkennt-nis geschuldet. Indem Maße wie in Zentralasien die gesellschaftlichen Vorausset-zungen einer antikapitalistischen Revolution mangelten, fehlte das komplette Vokabular der russischen Revolution. Die sowjetischen Funktionäre und Agitationsmethoden konnten wörtlich gar nicht verstanden werden. Die Klassenkampfagitation nahm sich unter den Nomaden besonders schlecht aus. Nomaden und Bauern verhielten sich indifferent gegenüber den Sowjets. Erst die Kollektivierung brachte den Neuordnungswillen sowjetischer Politik auf die Existenz der Nomaden, welche von ihnen naturgemäß als Bedrohung empfunden werden musste. Naheliegend kam es zur massenhaften Abwanderung der nomadischen Landbevölkerung in andere Regionen, oft ins Ausland. Von sowjetischen OPGU Einheiten wurde die Flucht ebenfalls als Schädlingsarbeit bewertet, da sämtliches Vieh mit abwanderte. „Um eine weitere Emigration der großen Viehzüchter nach Afghanistan zu unterbinden, müssen folgende Maßnahmen getroffen werden: a) in diesem Jahr ist die Individualbesteuerung von Viehzüchtern nicht durchzuführen.“[29] Man versuchte diese substantiellen Bevölkerungsteile durch Zugeständnisse im Land zu halten, trotzdem stellte Genosse Nasratulla Maksum im tadschikischen Zentralkomitee im Mai 1933 fest: „Die ganze Republik geht nach Afghanistan“[30] In der Regel blieb es bei dieser passiven Form des Widerstandes. Als Gegenreaktion verbreitet war eine „Schädlingsarbeit, die sich im Abschlachten und Ausverkauf von Arbeits- und Milchvieh, dem Fällen von Bäumen etc.“[31] ausdrückte. „Gleichzeitig damit verschlechterte sich, als Massenerscheinung, die Viehfütterung und auf dieser Basis häuften sich Fälle von massenweisem Verenden von Vieh.“[32] Folge dieser zugespitzten Situation ist der „Kollaps der Viehwirtschaft bis 1940“[33] Forcierter nomadischer Widerstand, der über Massenabschlachtung und Flucht hinausging, ist nicht dokumentiert, obgleich es im Einzelnen durchaus zu Konflikten mit Waffengewalt kam.[34] In Kasachstan, dem Land mit dem damals höchsten nomadischen Bevölkerungsanteil und in der Folge höchsten Bevölkerungsverlusten durch die Kollektivierung, kam es innerhalb des ZK der KP Kasachstans zu Abweichungen von der Parteilinie. „Ab 1928 widersetzten sie[[35] ] sich jedoch den russischen Kommunisten in einer Reihe von Streitfragen, vor allem in Zusammenhang mit dem Problem der Seßhaftmachung der Nomaden und der Vernichtung der Besitzenden `Kulaken´, die sie zu schützen suchten.“[36] Es gab weitverbreiteten Widerstand in Partei und Administration gegen die Kollektivierung, zu dem wohl auch o.g. N. Maksum und A. Chod¹ibaev zählten, und welcher durch Abschwächung der Beschlüsse die Parteilinie zu korrigieren suchte. Eine Säuberungswelle, unter der stereotypen Anklage des Nationalismus und der Sabotage von Getreidebeschaffung, verhinderte das Aufweichen der Moskauer Beschlüsse.

Der Widerstand der sesshaften Bevölkerung gegen sowjetische Penetrationsversuche war stärker als der seitens der Nomaden. Zum Teil war das regionale sowjetische Machtzentrum, das Mittelasienbüro, mit erheblicher politischer Instabilität (z.B. Ferganabecken) konfrontiert. Vor allem kam es zu einem starken Auftritt von unvorbe-reiteter, privater Insubordination mit ephemeren und spontanen Charakter. Formen des privaten ländlichen Widerstands 1929/30 waren:[37]

-Indolenz gegenüber Sowjetinitiativen (als Massenerscheinung)
-Massenauftritte gegen die örtlichen Sowjets
-Sabotage: Baumrodungen, Brandstiftungen an Kollektiveigentum, Verweigerung der Aussaat, Saat von Weizen auf Baumwollland, Vernichtung der Saat bzw. der Ernte durch Flutung oder Rodung, das Umpflügen von Baumwollfeldern unter Weizen, Weigerung den Armen Arbeitstiere zur Verfügung zu stellen, Weigerung der Baumwolle- und Getreideabgabe,
-Flucht vom ständigen Wohnsitz

Als Form der organisierten Arbeit gegen die Sowjets kann gesehen werden:

-Propaganda in Form Antisowjetischer- und Antikollektivierungsflugblätter
-Spekulation mit Getreideüberschüssen auf dem freien Markt

Die Formen mit der sich die allgemeine Unzufriedenheit demonstrierte, zeigte das nicht die Sowjetunion als solche abgelehnt wurde, sondern die Landwirtschaftspolitik. Von Beginn des Jahres 1930 bis zum Herbst ereigneten sich ca. 200 Massendemonstra-tionen an denen sich laut OPGU 75 000 Personen beteiligen. Aber das führte nicht zu Aufständen unter der Führung der Basma¹en, d.h. den bewaffneten antisowjetischen Widerstandskämpfern. Ihr Widerstand war entweder religiös motiviert, zielte auf die Wiederherstellung des status quo ante[38] oder auf die Errichtung eines islamischen Staates.[39] Klein- und Mittelbauern nahmen nach geltenden Klassenkampfmodell nicht an den Basma¹enaufständen teil, zumindest was die Darstellung im Bericht nach Moskau betrifft.[40] Wahrscheinlich liegt die tatsächliche Beteiligung von Klein- und Mittelbauern bei mindestens einem Drittel. Trotz des gemeinsamen Gegners, kam es nicht zum Zusammenschluss der einzelnen Gruppen, obwohl der OPGU Bericht im Januar 1930 immerhin 25 Gruppen nannte. Eine Vereinigung fand jedoch nur in Einzelfällen statt, dafür schienen ethnische-, politische- und Stammesgrenzen doch zu fest. Dadurch erfuhren die Basma¹i, die sich teilweise als grenzüberschreitender Kampf der Muslime gegen die Sowjets verstanden, kaum je die nötige Unterstützung, da die Parteien untereinander schlecht kommunizierten und keine Begriffe und Ziele fanden, hinter denen sich der allgemeine Widerstand hätte sammeln können. Ebenfalls gelang es ihnen nicht die Dorfbewohner für ihre Ziele zu motivieren, die sie zwar unterstützten aber nicht mitkämpften, was den Schluss nahe legt, das die Sowjetmacht unter einem Teil doch gewisse Sympathien geweckt hatte. Die Widerstandsbewegung konnte zwar bis Mitte der 30er Jahre nicht eingedämmt werden, aber als ganzes betrachtet, stellte sie keine wirkliche Gefahr für die Sowjetmacht in Zentralasien dar. Der Stellenwert der ihr seitens der OGPU eingeräumt wurde, erfüllte eine nicht zu verkennende Alibifunktion zur Selbstlegitimation.

07 Ergebnisse der Kollektivierung in Zentralasien

Nach den zum Teil harten Auseinandersetzungen während der Durchführung der Kollektivierung, fand mit dem stalinschen Musterstatut von 1935, ein Arrangement statt, durch das die Bauern und Nomaden zumindest Teilweise an ihr gewohntes Leben anknüpfen konnten. In den ersten Jahren des kollektiven Wirtschaftens war es zum Rückgang der privaten Anbaufläche und einer drastischen Reduzierung des privaten Viehbestandes gekommen. Dieses erste Statut garantierte jedem Kolchosnik ein Maß an privatem Eigentum, welches zur eigenen Versorgung verwendet werden sollte. Den Mitgliedern der Kolchose wurden private Hoflandwirtschaften zugestanden, in Viehzuchtgebieten gab es Quoten für den Besitz von Vieh, sodass unterderhand eine Fortsetzung der NÖP ermöglicht wurde. Die Besitzquoten waren an die Hoflandwirtschaft gebunden und ermöglichten soviel Besitz, wie es ungefähr dem eines Mittelbauern vor der Kollektivierung entsprach. Vor allem die Quoten für Viehbesitz in ehemals nomadischen Regionen waren großzügig bemessen. In Gebieten, wo der Ackerbau vor der Weidewirtschaft zurücktritt, wie z.B. in den Weidewirtschaften Kasachstans, lag die Quote des Kolchosmitgliedes bei 4-5 Kühen nebst Jungvieh, insgesamt 30-40 Schafen und Ziegen, 2-4 Sauen mit Nachzucht, einer unbegrenzten Zahl an Geflügel und Kaninchen, bis zu 20 Bienenstöcke, 1 Pferd oder 1 Stute zur Erzeugung von Kumys, 2 Kamele oder 2 Esel oder 2 Maultieren.

In reinen Viehzuchtgebieten mit Wanderviehwirtschaft lag die Quote noch höher: 8-10 Kühe nebst Nachzucht, insgesamt 100-150 Schafe und Ziegen, eine unbegrenzte Anzahl an Geflügel, sowie 10 Pferde und 5-8 Kamele. Durch die Mitgliedschaft in einer Kollektivwirtschaft waren die ehemaligen Nomaden zwar offiziell sesshaft, aber in der Realität konnten viele traditionell weiterwirtschaften.

Für die sesshafte Dorfbevölkerung gestattete das Musterstatut folgende Quoten: jeder Hofwirtschaft wurde 0,25–0,5 ha Grundbesitz gestattet, dazu 1 Kuh, 2 Kälber, 1 Sau mit Nachzucht, 10 Schafe und Ziegen, Geflügel und Kaninchen ohne Beschränkung und bis zu 20 Bienenstöcke. Diese Quote entsprach nicht dem Besitz eines ehemaligen Mittel-bauern. Die Bauern konnten Produkte, die sie nicht selbst benötigen, auf dem freien Kolchosmarkt verkaufen. Bis zum Ende der 60er Jahre blieb das die einzige Möglich-keit der Bauern, selbst Geld zu verdienen, denn die Lohnauszahlung in der Kolchose erfolgte nur einmal im Jahr und zum Teil in Naturalien. Nachdem Klarheit über die Neuordnung der Landwirtschaft herrschte, entwickelte sich die private Hoflandwirtschaft günstig. Das Musterstatut sicherte privates Eigentum und stabilisierte die Versorgungslage, nachdem es 1932/33 erneut zu landesweiten Hungersnöten gekommen war. Die Kolchosniki betrachteten das von der Kollektivwirtschaft vergebene Land als Privatbesitz, welches von ihnen wie Familienbesitz behandelt und weitergegeben wurde.[41]

Es erwies sich schnell, dass erhebliche Teile der Landwirtschaftsprodukte aus der privaten Nebenerwerbswirtschaft stammten. Bereits 1940 wurde ungefähr ein Drittel der gesamten Fleischproduktion der SU in privater Nebenerwerbswirtschaft produziert. In der Wein- und Obsterzeugung lag der Anteil sogar noch darüber. Diese Quoten stiegen in folgenden Jahren kontinuierlich an. Die Nahrungsmittelversorgung der Bevölkerung lag erneut maßgeblich in Verantwortung der freien Landwirtschaft. Besonders in Gebieten des reinen Baumwollanbaus waren die Bauern mit Nahrungsmitteln unterversorgt, falls sie nicht Eigenanbau davor schützte. Da dem privaten Nebenerwerb die Eigenversorgung und finanzielle Absicherung zukam, wuchs dieser Sektor kontinuierlich an. Der Unterschied zur NÖP lag aber darin, das dies nun egalitär und zu den geltenden Bedingungen der Sowjetmacht geschah.

08 SCHLUSS

Die Veränderung der ländlichen Lebensbedingungen, blickt man auf die öffentlichen Strukturen, sind enorm. Betrachtet man jedoch die innere soziale Situation der 30er und 40er Jahre, so wird deutlich das die proklamierten Ziele der Sowjetmacht nicht ganz erreicht wurden. Ein Großteil der Nomaden lebte weiter nomadisch, die private Nebenerwerbswirtschaft war noch immer von immenser Bedeutung, die Bauern waren weiterhin in ihren dörflichen Strukturen gebunden. Trotzdem hatte die Kollektivierung für die Sowjetmacht alle Ziele erfüllt, auch wenn innerhalb der Kolchose nicht die Partei, sondern traditionelle Strukturen bestimmend waren. Denn die Partei hatte die Vorherrschaft erkämpft, wie ehemals ein Emir, und richtete die vertikalen Machtstrukturen auf sich aus. Das zeigt sich deutlich in der Anbaupolitik, wo schonungslos Baumwolle durchgesetzt wurde.[42] Das zeigt auch, dass es den Sowjets gelungen war, eine zweite Identität zu erzeugen, die des Sowjetbürgers der ihnen loyal gegenüberstand, und auf die nach Bedarf rekurriert werden konnte. Die weitere Politik bestand nun darin, zwischen diesen beiden Identitäten zu balancieren, sodass daraus sowenig wie möglich Konflikte resultierten.

Die Frage nach dem Verhalten der solidarity groups in einer solchen Gesellschafts-struktur schließt sich diesen Betrachtungen an. Sie kann im Rahmen dieser Arbeit nicht vorgenommen werden, jedoch lauteten ihre zentralen Fragen: Wo kommt es zu Konflikten zwischen solidarity group und Sowjetmacht? Wie werden diese Konflikte gelöst?

Übersicht 01

Chronik

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Übersicht 02

Klassifizierungen in der Landwirtschaft

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Übersicht 03

Aufbau einer Kolchose

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Übersicht 04

Sowchos und Kolchos im Vergleich

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Literaturliste

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

[...]


[1] Zitiert nach Giese, S. 35 ff.

[2] Bogarfeldbau ist der russ wissenschaftlicher Terminus für den Trockenfeldbau in Zentralasien und lokale Bezeichnung für eine bes. Form des Regenfeldbaus. siehe Giese, S.45

[3] siehe Übersicht 01 im Anhang

[4] z.B. keine Beschäftigung Dritter

[5] 4 Großgrundbesitzer/Großbauer im zaristischen Russland

[6] siehe Übersicht 02 im Anhang

[7] Karger, S. 216

[8] Herzfeld, Bd. 2, S. 230

[9] Unabhängig davon gab es Besitzer von Hoflandwirtschaften denen diese schon immer gehörten und die ihren Privatbesitz behalten hatten, da er im Rahmen des erlaubten Privatbesitzes war. Inwieweit diese Gruppe zum Kolchosmarkt zugelassen war, ist mir nicht bekannt.

[10] „[..] und zwar in Tadzikistan 64, in Turkmenistan 83, in Kirgiztan 106, und in Uzbekistan 107 Höfe.“ Giese, S. 163

[11] Kirchner, S.264

[12] siehe Übersicht 03 im Anhang

[13] Roy, S. 88

[14] Giese, S. 153

[15] Caroe, S.182

[16] der Beschluss ist zeitlich nicht eindeutig bestimmt, zitiert nach: Giese, S. 152

[17] Martin, Hier leider nur Beispiele aus dem Industrieproletariat. Bes. Kapitel: Affirmative Action and Ethnic Conflict in the Industrial Workplace, S.146ff.

[18] Roy, S. 87

[19] Nichtgetreidekulturen: Faserpflanzen, Ölpflanzen, Genußmittelpflanzen

[20] Giese, S. 166

[21] Martin, S. 147

[22] Giese, S.162

[23] Am 2.12.1925 wurden in Usbekistan die Dekrete „Über die Verstaatlichung des Landes und Wassers“ und „Über die Land-Wasser Reform“ erlassen. Damit wurde die Bodenreform beschlossen und es begann eine frühe Kollektivierungsinitiative.

[24] dieses wird v.a. auf die Ukraine und Südrussland angewendet

[25] Giese, S. 147ff.

[26] siehe Eisener, S . 23ff.

[27] dazu: Eisener, S. 155ff.; Martin, S. 358ff.

[28] Eisener, S. 135

[29] siehe Eisener, S. 25 b) ist leider nicht zitiert. Die Maßnahme ist Teil eines Beschlusses vom 22.04.1929

[30] siehe Eisener, S. 158

[31] Eisener , S. 74

[32] ebnd. S. 75 Die Nomaden wurden von ihren gewohnten Weiden abgedrängt, bzw. wurden ohne vorhandene Futterkapazitäten angesiedelt

[33] Giese S. 51

[34] Eisener, S. 147

[35] Alasch Orda, Kasachische Mitglieder des ZK der Korenisazia. Sie wurden wenig später als Nationalisten aus dem ZK entfernt.

[36] Benningsen, S. 211

[37] nach Eisener, S. 83ff. und S. 142ff.

[38] Bspw. Die Wiederherstellung des Emirats Buchara. siehe: Eisener, S. 98

[39] Eisener, S. 124ff.

[40] siehe Eisener, S. 107 Es ist bezeichnend für den OPGU Bericht, das die einzige am Basma¹enaktiv nicht beteiligte Bevölkerungsschicht die der Klein- und Mittelbauern sein sollte.

[41] Giese b, S. 179

[42] Siehe die Entwicklung der Baumwollanbaufläche im Verhältnis zur Gesamtanbaufläche.

22 von 22 Seiten

Details

Titel
Die erste Phase der Kollektivierung 1928 - 1933 in Zentralasien
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Autor
Jahr
2002
Seiten
22
Katalognummer
V108475
Dateigröße
528 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
u.a. basmacen-bewegung
Schlagworte
Phase, Kollektivierung, Zentralasien
Arbeit zitieren
Hinrich Katsumian (Autor), 2002, Die erste Phase der Kollektivierung 1928 - 1933 in Zentralasien, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/108475

Kommentare

  • Gast am 9.3.2008

    Da hätte Brüssel was lernen können!.

    Kapitalistische Kolchosen und LPGen funktionieren, Ostdeutschland hat es bewiesen!
    Und besser als Bauernlegen im Westen und Reglementierung aus Brüssel sind Agrargenossenschaften allemal!!!
    Einzelbauern sind Manufakturen, damit ist das Bauernsterben begründet!

Im eBook lesen
Titel: Die erste Phase der Kollektivierung 1928 - 1933 in Zentralasien


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden