Charakteristik Karl Jaspers pädagogischer Vorstellungen


Hausarbeit, 2002
13 Seiten, Note: gut

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Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Grundintentionen des Jaspersschen Philosophierens und pädagogische Schlussfolgerungen

3. Substanz der Pädagogik

4. Fazit

5. verwendete Literatur

1. Einleitung

Wenn ich mir Gedanken darüber mache, warum es wichtig ist über das Schaffen von jemanden wie Karl Jaspers, zu schreiben, so stellt sich mir die vereinfachte Frage: Warum ist es wichtig, etwas über sein Werk zu wissen? Oder wissenschaftlich ausgedrückt: Welche Bedeutung hat das Werk Karl Jaspers, für mein Studium, für mich und meinen Erkenntnisprozess? Bei meinem Studium der Erziehungswissenschaften bietet es sich geradezu an über jemanden wie Jaspers zu schreiben. Warum, das will ich begründen!

Da haben wir auf der einen Seite die üblichen Definitionen aus den Lexika. Karl Jaspers ist einer der bedeutendsten Philosophen des 20. Jahrhunderts. Er genoss schon zu Lebzeiten hohen internationales Ansehen. Außerdem zählt er neben Heidegger als einer der Hauptvertreter der Existenzphilosophie, in der Erfahrung und Transzendenz menschlicher Grenzsituationen miteinander verbunden werden. Außerdem gilt er als Begründer einer hermeneutisch – geisteswissenschaftlichen Psychopathologie. (Grosses Universal Lexikon, S.681) Die Rede von Pädagogik ist dort meistens nicht. Doch so einfach ist das in den Geisteswissenschaften nicht. Gerade Philosophen, als „Prototypen“ des Geisteswissenschaftlers, die ihr ganzes Wirken darauf richten die zentralen Aspekte des Seins und des Erkennens, dass so genannte Wesentliche und Grundsätzliche zu erkennen, stehen oft in dem Umstand, dass ihre weitreichenden Gedankengänge sich nicht auf bloßes Philosophieren und nur auf dieses beschränken. Wenn man von dem umfassenden Konzept der Philosophie ausgeht, so ist dies nicht verwunderlich. Denn Gegenstand der Philosophie ist die Totalität des Seins und dessen Bedingungen, während sich die Einzelwissenschaften mit der Erforschung der Gesetzmäßigkeiten bestimmter, umgrenzter Gegenstandsbereiche befassen. Das Schwierige bei Jaspers ist jedoch, dass er seine pädagogischen Ansichten nie in eine eigene pädagogische systematische Theorie eingebracht hat. Daraus resultiert eine „begrenzte Resonanz“ (vgl. Röhr S.5f.) im erziehungs-wissenschaftlichen Denken und eine relative Unbekanntheit seiner pädagogischen Vorstellungen. Dennoch ist das philosophische Befassen mit pädagogischen Grundproblemen ebenso fruchtbar wie auch erkenntnisfördernd, für jemanden der sich um eine Weiterentwicklung der Pädagogik kümmert. Um den Stellenwert Jaspers für die Pädagogik zu deuten, muss man sich klarmachen, dass in seinem Denken unausgesprochen eine pädagogische Theorie enthalten ist die alle wesentlichen Elemente und Zusammenhänge pädagogischen Denkens umfasst. (vgl. Röhr, S.14 f.) Wenn man jedoch versucht von philosophischen Gedanken ausgehend zu pädagogischen Handeln zu gelangen, steht man vor einem Problem. Denn man darf nicht dem Fehler verfallen, einen Gedanken aus einem vielfältigen Gedankengebäude einfach „herauszureißen“ und dabei die eigentliche Grundintention des Philosophen zu verfehlen. Außerdem ist es wichtig die, oft auch alltagstauglichen, Begriffe in ihrem spezifischen Gehalt zu erkennen und deren Bedeutung nicht falsch zu verstehen. Kurz um gesagt, man muss den philosophischen Kontext mit einbeziehen. In dieser Arbeit möchte ich grundsätzliche Vorstellungen Karl Jaspers über die Erziehung vorstellen und dabei versuchen eine Charakteristik seiner Gedanke herauszuarbeiten. Anfangs werde ich mich auf eine grundlegende Vorstellung seines Menschenbildes konzentrieren. Denn wenn man Erziehung, als etwas betrachtet, dass auf den Menschen gerichtet ist, so ist dies hoffentlich verständlich. Damit gelingt es besser die Aussagen Jaspers einzuordnen und zu verstehen. Über die Darstellung von wichtigen Grundintentionen der Jaspersschen Philosophie möchte ich zu einem ersten Umriss seiner pädagogischen Überlegungen gelangen.

Dass dies eine schwierige Aufgabe ist, dessen bin ich mir bewusst. Die eigentliche Aufgabe besteht nämlich darin, die vielen pädagogischen Momente seiner Philosophie zu erkennen und in eine gewisse Ordnung zu bringen um sich über den Charakter seiner pädagogischen Vorstellungen, auf Basis seiner philosophischen Betrachtungen, klar zu werden.

2. Grundintentionen des Jaspersschen Philosophierens und pädagogische Schlussfolgerungen

Wenn man sich verdeutlichen will, wieso Jaspers seine Gedanken so und nicht anders entworfen hat, so ist es förderlich sich die verschiedenen Grundannahmen seines Denkens vor Augen zu führen.

»Jaspers bekennt sich zur Vieldimensionalität der Wirklichkeit, die sich nur einer Vielfalt von Zugangsweisen erschließt, die sich in der Vielgestaltigkeit der Wahrheit spiegelt, die eben nie stets die gleiche, auf einer einzigen Ebene sich bekundende Wahrheit ist.« (vgl. Horn, S. 25f.) Die Vielfalt menschlicher Denkweisen und Methoden entspricht dieser Wirklichkeitsauffassung. Durch die Fähigkeit des Erkennen, womit er das allgemeingültige, zwingende, methodische Wissen meint, kann es gelingen sich dieser Vielfältigkeit der Welt zu öffnen. Dennoch kann dies nur im Scheitern enden, indem man an die Grenzen der Erkenntnis stößt. Dies jedoch ist nicht schlimmes, sondern bei Jaspers ist dies gerade der Sinn des Wissens.

»Der Sinn des Wissens wird gerade darin gesehen, dass es an Grenzen scheitere, um tieferer Wahrheit den Raum im Tun und Sein freizugeben.« (vgl. Horn, S.26)

Dem schließt sich die Jasperssche Auffassung von der Welt an. Sie ist für Menschen nie im Ganzen zu erfassen, wird uns nie gegenständlich. Sie ist das, was Jaspers das Umgreifende des Umgreifenden nennt. Die Welt wird uns nur in Erscheinungen offenbart, sie als solches können wir nicht erkennen. Jaspers wehrt sich nämlich in seiner Philosophie gegen eine Verabsolutierung von Weltbildern. »Die Welt im Ganzen ist kein Gegenstand, sondern eine Idee. Was wir erkennen, ist in der Welt, ist nie die Welt.«(Röhr, S.77 Fußnote Nr.8)

Der grundlegende Gedanke der Jaspersschen Philosophie ist der Gedanke des Umgreifenden. Dieser Gedanke wehrt sich gegen eine Verkürzung der Wirklichkeit, indem er postuliert, dass das menschliche Erkennen nur einen indirekten Zugang zu dem umgreifenden Ganzen haben kann. Dieses umgreifende Ganze ist die Gesamtheit aller möglichen Erscheinungen der Welt, die nie auszuschöpfen sind und daher sich der menschlichen Erkenntnis entziehen.

»Das Sein wird nie bewältigt vom menschlichen Denken. Aber denkend begegnet uns dieses Sein in den Weisen des Umgreifenden, in denen uns das Sein gegenwärtig wird, ohne dass wir es selbst in den Griff bekämen.« (vgl. Horn, S. 26)

Also das Ganze wird nie sichtbar, immer nur eine Weise dieses Ganzen können wir erkennen. Dieser Gedanke stellt also die Sichtweise des Seins in ein neues Licht, indem es uns immer unterwegs bleiben lässt zum Sein. Doch was ist das Sein und wie kommt man dahin? Dies ist wohl die fundamentalste Frage, wenn man eine Philosophie näher betrachtet.

Um diesen, meiner Meinung nach, wohl schwierigsten Aspekt des Jaspersschen Philosophieren einigermaßen richtig darzustellen, zitiere ich: »Des Seins vermag sich der denkende Mensch nur im Umgreifenden zu vergewissern, das sich im Nachdenken gliedert als das Sein selbst, das alles ist, in dem und durch das wir sind, und das Jaspers bezeichnet als Welt und Transzendenz, und als das Sein, das wir selbst sind, und worin uns jede bestimmte Seinweise vorkommt.« (Horn, S. 27)

Doch welche Folgen die Sichtweise des Seins für die Pädagogik hat, lässt sich erst erkennen, wenn man das Fundament des Seins, nämlich das Umgreifende, auf den Menschen bezieht. Dort wird auch gleich der Bezug zur Pädagogik deutlich, denn wenn man das Wesen des Menschen versteht, so versteht man zum Teil auch die daraus folgenden pädagogischen Anschauungen. Jaspers nennt das Wesen des Menschen „das Umgreifende das wir sind“. Dies ist durch vier verschiedene Weisen gekennzeichnet. Dabei unterscheidet er zwischen dem Menschen als Dasein, dem Mensch als Bewusstsein überhaupt und dem Menschen als Geist und dem Menschen als mögliche Existenz.

Das Dasein als eine umgreifende Weise des Menschsein, dass das individuelle körperliche Sein meint, welches sich dadurch von den Tieren unterscheidet, indem nicht nur Vererbung sondern auch Tradition es wesentlich bestimmen, stellt somit die „Hülle“ für alle weiteren umgreifenden Weisen des menschlichen Seins dar. »Menschen sind, was sie sind, nicht einfach durch Geburt, Züchtung und Erziehung, sondern durch Freiheit des je einzelnen auf dem Grunde seines Sichgegebenseins.“(vgl. Röhr, S. 160)

Das Bewusstsein überhaupt ist der Ort des gültigen Denkens, der dem Menschen die Möglichkeit bietet sein Bewusstsein auf das Sein zu richten, es kritisch wahrzunehmen.

»Dieses allgemeine Bewusstsein ist notwendig verbunden mit dem je lebendigem Dasein. Nur in ihm wird es wirksam.« (vgl. Horn, S.29)

Der Mensch als Geist bezeichnet den Menschen mit dem Vermögen der Ideen, der dadurch charakterisiert ist, dass in ihm die Kraft des Verstehens dominiert und sich in Wissenschaft, Dichtung, Kunst, Rechtsordnung und gesittetem Leben zeigt.

Diese drei immanenten Weisen des Umgreifenden haben ihre Verbindung zum Sein durch eine transzendente Weise des Menschseins, der Existenz. Die Existenz ist eine der zentralen Kategorien in Jaspers Philosophie. Welche Bedeutung sie hat ist folgenreich für den philosophischen Rahmen pädagogischer Aussagen.

Die Existenz ist notwendig verbunden mit Geist, Bewusstsein überhaupt und Dasein. Mit Blick auf die Existenz findet der Mensch eine neue Einstellung zu dem, was er ist und sein kann. Existent heißt daher auch immer mögliche Existenz, vor dem Hintergrund des sich »geschenkt wissen« von Transzendenz. Ebenso hat Existenz keinen eigenen Gegenstandbereich wie etwa das Dasein oder Bewusstsein überhaupt. Existenz bezieht sich auf die drei immanenten Weisen des Umgreifenden, das wir sind und stellt somit das Menschsein auf eine metaphysische Ebene. » ... (der Mensch, T.G.) kann die Erfahrung machen, dass er mitten in den Realitäten von Dasein, Bewusstsein überhaupt und Geist er „selbst sein oder in ihnen verloren sein“ kann, d.h., das Ich kann sich in den immanenten Weisen des Umgreifenden verwirklichen oder ihnen ohne wirkliche Anteilnahme ausgeliefert sein. ... Was ich eigentlich bin, ist das Umgreifende des Selbstsein. Selbstsein heißt Existenz.“ (vgl. Röhr, S.63)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Das Band aller Weisen des Umgreifenden in uns:

Abbildung aus Ferdinand Röhr, Die pädagogische Theorie im Denken Karl Jaspers. S.

In welchem Kontext kann man dazu nun die Erziehung sehen? Erziehung wird in der Jaspersschen Philosophie als Hilfe zu vollem Menschwerden angesehen, deren Frucht die Bildung darstellt. Sie kann sich nur im Ernstnehmen des ganzen Menschen verwirklichen, weshalb es auch wichtig ist die verschiedenen umgreifenden Weisen des Menschsein mit in die Frage nach dem Wesen der Erziehung einzubeziehen.

Mit Blick auf die Priorität die Jaspers in seiner Philosophie setzt, muss man Erziehung zunächst als eine Erziehung zur Existenzwerdung ansehen. Diese Erhellung der Existenz, wie Jaspers diesen Vorgang auch nennt, wirft grundlegende Fragen für pädagogisches Handeln und Denken auf.

Dadurch das die Existenz jedoch keinen eigenen Gegenstandbereich hat, ist der Ausgangspunkt eines solchen pädagogischen Handelns nur mit Blick auf die immanenten Weisen des Menschseins zu begreifen.

Zu diesem Entschluss lässt sich sagen, dass diese wechselnden Betrachtungsweisen des Menschseins je einen bestimmten Begriff von Erziehung formen, der jedoch immer nur einen bestimmten Zug der Wirklichkeit darstellt. Im Nachdenken kann man diese verschiedenen Sichtweisen von Erziehung vielleicht auseinander denken, in der Wirklichkeit aber muss dies jedoch zu einem Ganzen werden, denn Erziehung muss sich nach Jaspers dem ganzen unteilbaren Menschen zuwenden.

Der höchste Anspruch der Erziehung besteht also darin, das Selbstwerden des Menschen zu ermöglichen, diesem Ziel den Weg nicht zu verbauen. Innerhalb dieser Erziehung zur Existenzwerdung ist nun zu fragen, welche erzieherischen Möglichkeiten es gibt die Existenzwerdung des zu Erziehenden anzustoßen und zu fördern oder zumindest nicht zu verhindern? In diese Aufgabe sind die übrigen Bestimmungen einzuordnen und zu integrieren. Demzufolge kann sich Erziehung zwar auf die verschiedenen Weisen des Umgreifenden die wir sind richten, dennoch sind diese praktisch nicht von einander zu trennen. Nur analytisch ist dies möglich.

Spricht die Erziehung den Menschen als Dasein an, so kann man Erziehung unter dieser Maßgabe als Wartung, Sicherung und Steigerung der Lebenskraft ansehen. Dies äußert sich in der Stärkung von leiblichen Kräften, wie auch in der Übermittlung von öffentlichen Umgangsformen und integritätsfördernden Werten der Gesellschaft, die dem Menschen einen Ort zum Dasein ermöglichen.

Wenn Erziehung den Menschen als Bewusstsein überhaupt ansprechen will, so ist dies in der Führung zu klaren Anschauungen und der Vermittlung brauchbaren Wissens zu sehen. Neben der Schulung zum zwingenden, kritischen und objektiven Denken ist eine Hauptaufgabe einer Erziehung die sich dem Bewusstsein überhaupt zuwendet, als eine Weise des Umgreifenden das wir sind (vgl. Röhr, S.49) , in der Befähigung zur Rationalität zu sehen.

Eine Erziehung, die den Menschen als Geist anspricht, ist laut Jaspers (Horn, S.31f.), in der Führung zu den Gütern und Werten des menschlichen Geistes zu sehen. Denn durch eine solche Pädagogik soll der Mensch aus seinem bloßem Dasein befreit werden und zu einer Teilnahme am geistigen Leben erzogen werden. In der Anweisung zum geistigen Leben sollen sich die Maxime der Aufgeschlossenheit zur Welt, deren Verstehen und des Selbstausdrucks der eigenen geistigen Sphäre verwirklichen. Grundbedingung für die gesamte Erziehung ist das der zu Erziehende dem „Ganzen“ frei entgegenkommen muss. Jaspers nennt dies als Bedingung, dafür dass der Funke überspringen kann, Erziehung gelingt.

Diese gedankliche Unterscheidung der Erziehung zu den einzelnen Weisen des Umgreifenden des Menschseins, um in der Sprache Jaspers zu bleiben, ordnet sich in eine Gesamtkonzeption eines Erziehungsprozesses zur möglichen Existenz ein. Dieser Prozess wird als Weg zum Selbstsein angesehen, der sich in der Hinwendung zur Sache, in dem vorbehaltlosen Umgang mit dem Mitmenschen sowie in einer freien Bindung an Transzendenz vollzieht. Dennoch ist der Anspruch den Erziehung in bezug zur Existenz hat, nicht übermäßig groß. »Erziehung zur Existenz kann nur besagen: die Möglichkeiten zum Selbstwerden nicht zu verschütten, die Richtung auf Existenz nicht versäumen, den Anspruch der höchsten Bestimmung des Menschen nicht überhören zugunsten Cleverness und Fitness.« (vgl. Horn, S.33)

Weitere pädagogische Schlussfolgerungen lassen sich in einer kleinen Gegenüberstellung von einer Erziehung mit existenziellem Bezug und einer Erziehung ohne existenziellem Bezug erschließen. Eine Erziehung ohne existenziellen Bezug ist für Jaspers ein „oberflächliches bodenloses“ Tun. Der Erzieher spielt dem zu Erziehenden eine Rolle vor hinter der er eigentlich nicht steht. Der Erzieher besitzt eine Distanz zu seinem zu vermittelnden Stoff. Der zu Erziehende ist für ihn, in seinem Dasein, nur ein individuelles Schicksal, zu dessen Bewältigung der Erzieher nicht beitragen kann, es ist ja schließlich dessen Privatsache. Pädagogischer Erfolg wird nur anhand der Reichweite des Bewusstseins überhaupt und des geistigen Horizonts gemessen. Der Hauptmakel einer solchen Erziehung ist für Jaspers die Unmöglichkeit des Erziehers dem zu Erziehenden in Grenzsituationen als primus inter paris beizustehen. (vgl. Röhr, S.71f.)

Demgegenüber steht eine Erziehung mit existenziellem Bezug. Dort erfährt der Erzieher ein immer währendes Gefühl des Ungenügen an bloßem immanenten Tun. Denn der Erzieher als mögliche Existenz will in seinem pädagogischen Handeln er selbst sein, sich selbst in seinen Handlungen verwirklichen und sich mit dem zu Erziehendem in Grenzsituationen verbunden wissen. Denn erst diese Grenzsituationen können die Unzulänglichkeiten des bloßen rationalen, empirischen und deterministischen Denkens aufdecken und dem zu Erziehenden den Raum individueller freier Wahrheitsfindung öffnen. (vgl. Röhr, S.71f.)

Demzufolge ist eine Grundbedingung der Erziehung zur Existenzwerdung die mögliche Existenz des Erziehers. Der Stoff der Erziehung stellt somit einen Anspruch an den Erzieher und dem zu Erziehenden dar, der Eigenverantwortlichkeit fördert und freies Selbstwerden ermöglicht. Außerdem wird durch den Bezug des Selbstwerden zur Transzendenz eine Verabsolutierung des zu Erziehenden verhindert. (Röhr, S.63f.) Dennoch hat eine solche Sichtweise der Erziehung unter dem Anspruch der Existenzwerdung auch Grenzen. Der Erzieher vermag den zu Erziehenden als Existenz nicht zu erzeugen, denn dies ist die innerste und eigenste Entscheidung des zu Erziehenden. Dieser Aspekt wird verdeutlich indem die Grundvoraussetzung dieses Gelingen im „Selbstwerden wollen“ des Educanden sich ausdrückt. Der Erfolg liegt dem demnach außerhalb der Macht des Erziehers.

Wenn man hier überhaupt von Erfolg sprechen kann? Denn Jaspers schreibt:

»So wie der Mensch kein sicheres Wissen von der eigenen Existenzwerdung hat, so kann er dies nicht von dem jeweiligen Gegenüber wissen, ebenso wenig wie jemand durch ein Wissen zur Existenz werden kann.« (vgl. Röhr S.72) »Daher wird unter Menschen immer auch das Bewusstsein auftreten: das Wesentliche ist noch nicht gesagt, das Eigentliche noch nicht getan. Nicht weil es versäumt wäre, sondern weil auch dann, wenn alles möglich Scheinende gesagt und getan würde (was nie geschehen kann), es doch nie ausreicht.« (vgl. Röhr, S.73)

3. Substanz der Pädagogik

Erziehung und Bildung sind in der Philosophie Jaspers eingebettet in ein „übergreifendes Ganzes“, dass das eigentliche Wesen der Erziehung und Bildung bestimmt. Dieses übergreifende Ganze, welches Grundbedingung für die Pädagogik darstellt, ist die eigentliche Substanz, die sich in einer geschichtlichen Situation der Erziehung und Bildung zeigt und die eigentliche Erziehungs- und Bildungsaufgaben des jeweiligen Zeitalters vorgibt. Diese Autorität ist nicht absolut zu denken. Es gibt viele verschiedene Autoritäten die dieses umgreifende Ganze, in dem alles Sein gründet, bedeuten können. Autorität ist dem geschichtlichen Wandel unterworfen und verliert in Zeiten des Übergangs an Substanz und Wirkungskraft. Was diese Autorität ausmacht, wie gehaltvoll sie sich vergegenwärtigt, ist letztlich die entscheidende Frage nach dem Kern von Bildung und Erziehung.

Als Kernpunkt bestimmt Jaspers den philosophischen Glauben an eine solche Autorität, das den Menschen der jeweiligen situativen Gemeinschaft, das umgreifende Ganze bietet, und in dieses Ganze sie ihr Handeln, Werden und ihren Sinn legen können. Diesen Glauben kann man nicht planvoll herstellen, sondern dieser Glaube an ein Ganzes entsteht durch die Freiheit des Menschen und dessen mögliche Existenz, die sich in diesem Ganzen wiederfindet.

»Autorität ist der Gemeinschaft die Fülle des sie Tragenden, das Bergende und das Beruhigende. Der Einzelne steht der in seiner Gemeinschaft gültigen Autorität mit Ehrfurcht gegenüber.«(vgl.Röhr, S.150)

Transzendenz ist der letztendliche Grund dieses umgreifenden Ganzen. Denn die Kraft der Autorität wird bestimmt durch den Glauben an den Ursprung des Menschen, durch die Grundlage der Art und Weise der Transzendenz basierend auf der Fähigkeit der Vernunft.

»Die von einem substantiellen Ganzen geleitete Gemeinschaft ist mithin „getragen von einer unergründlichen Vergangenheit, auf die sie hört, die durch mündliche Lehre und Bücher, durch Sitten, Gebräuche, Gewohnheiten, Gehörigkeiten, vor allem durch Familie und gemeinsamen Glauben überliefert wird.“(vgl. Röhr, S.150)

Demzufolge muss man Erziehung und Bildung immer in Bezug auf ein umgreifendes Ganzes denken, innerhalb dessen sich die spezifische Ausgestaltung dieser beiden erkennen lassen. Denn dieses Ganze durchdringt, sobald es den Menschen als Autorität gegenwärtig wird, deren gesamte Lebenswirklichkeit und macht den Sinn des jeweiligen Menschseins einer Zeit aus. »In Übergangszeiten steht die Pädagogik vor dem schwierigem Problem, einen Beitrag zu leisten zur Geburt einer neuen Form menschlichen Seins für die Zukunft.«(vgl. Röhr, S.157)

Wenn ich mir noch einmal die bisherige Argumentation Jaspers vor Augen führe und feststelle, dass Erziehung und Bildung in ein umgreifendes Ganzes einzuordnen sind und dabei die verschiedenen Weisen des Subjektseins angesprochen werden, um den Weg zur Existenzwerdung des zu Erziehenden nicht zu verbauen, so stellt sich mir dennoch eine Frage: Was ist der Grund für Erziehung, also warum muss ein Mensch erzogen werden? Die eigentliche Bestimmung des Menschen liegt nach Jaspers darin, aus Vernunft seinen philosophischen Glauben zu ergreifen um zu seiner möglichen Existenz zu gelangen. Pädagogik soll sich in diese Zielsetzung einordnen. Demzufolge bedarf der Mensch pädagogischen Hilfestellungen zur Erlangung dieser Bestimmung. Der Mensch trifft in seinem Werden jedoch immer wieder auf bestimmte historische Vorraussetzungen. Aber nur wenn jemand dem Menschen diese historischen Bedingungen überliefert, kann der Mensch sie erkennen und sich aus seinem bloßen Dasein befreien und sich als ein geschichtliches Wesen begreifen. Das ist was Jaspers den Unterschied zwischen Mensch und Tier nennt. Der Mensch nämlich kann ausgehend von dem Verstehen seiner Geschichte seinen Blick auf die Zukunft richten. Erziehung hat in diesem Sinne die Aufgabe dem Menschen die geschichtlichen Vorraussetzungen der Welt zu überliefern, um die Abhängigkeit des Menschen vom geschichtlichen Wandel des umgreifenden Ganzen zu verdeutlichen.

Erziehung ist außerdem gefordert, da der Mensch dem philosophischen Glauben nach, als ein Wesen gefasst ist, welches die Möglichkeiten zur Verwirklichung der genannten Weisen des Subjektseins besitzt. Daran schließt sich die Auffassung an, dass diese Möglichkeiten des zu Erziehenden von vornherein nicht erkennbar sind. Pädagogik muss sich daher durch Offenheit der Erziehung und Bildung auszeichnen. Denn wenn diese größte Breite der Möglichkeiten geboten werden kann man sicher sein, dass der zu Erziehende von einigen dieser Möglichkeiten angesprochen wird. Dem Prozess der Erziehung wird so eine wichtigsten Voraussetzungen geschaffen, nämlich das Entgegenkommen des zu Erziehenden wäre die Folge. Dennoch muss die Pädagogik dieses Entgegenkommen wahrnehmen und versuchen diese individuellen Gegebenheiten zu fördern.

(vgl. Röhr, S.162f.) Als Charakteristik lässt sich also hier ein Bild von Erziehung zeichnen, in dem sich Erziehung in ein übergeordnetes Ganzes einordnen muss. Dieses übergeordnete Ganze stellt den gemeinsamen philosophischen Glauben in einer bestimmten historischen Situation dar, auf dessen Fundament die Menschen ihr Handeln, Werden und ihren Sinn bauen können. Erziehung wird von diesem Fundament in ihrer eigensten Substanz bestimmt. Dieses Fundament wird jedoch erst auf der Basis ihrer möglichen Existenzen durch die Menschen geschaffen, zu der auch Erziehung einen Beitrag leisten kann. Pädagogik muss demnach versuchen dieses Ziel nicht aus den Augen zu verlieren und dem Menschen alle Möglichkeiten zu seiner eigenen Existenzwerdung bieten.

4. Fazit

Karl Jaspers Vorstellungen sind klare Zeugnisse einer Verteidigung der Vernunft gegen eine Verabsolutierungen von Denkweisen. Denn gerade die zentralen Kategorien seiner Philosophie drücken diesen Vorbehalt gegenüber dem Endgültigen, dem einzig Wahren aus. Erziehung und Bildung dürfen nicht unter bestimmte gerade erwünschte Ziele gestellt werden. Jaspers geht nämlich davon aus, dass wenn in einer Gemeinschaft eine bestimmte Substanz vorhanden ist, fügt sich Pädagogik automatisch in dieses übergreifende Ganze ein.

Jaspers sieht deshalb die größte Aufgabe der Pädagogik darin die Übergangssituationen, also die Zeiten schwacher Substanz zu meistern, und vielleicht auch ein wenig dazu beizutragen, dass der Mensch in seinem Leben die Möglichkeit zur Existenzwerdung nutzt. Freiheit der Vernunft ist für ihn der einzige Weg über den philosophischen Glauben hin zur philosophischen Lebensweise zu gelangen. Erziehung und Bildung stellen in dieser Konstellation den Raum der Möglichkeiten.

Außerdem wird Erziehung und Bildung als nie abgeschlossen betrachtet, Existenz immer nur als mögliche Existenz gedacht. Deswegen gilt es das ganze Leben lang sich immer wieder zu vergewissern und das Gelernte zu überprüfen, kritisch sein Bewußtsein auf das eigene und fremde Sein zu richten. Offenheit für alle Weisen der Wahrheit zu zeigen ist ein weiteres Grundmerkmal der Jaspersschen Sichtweise. Dies kann nur über die rückhaltlose Kommunikation, das Schaffen des Geistes und den kritischen aber wachen Blick des Bewußtseins gelingen.

5. Verwendete Literatur

Röhr, Ferdinand: Die pädagogische Theorie im Denken Karl Jaspers. In: Aachener Abhandlungen zur Philosophie. Bd. 9; Wolandt, Gerd (Hg.), Bonn 1986

Horn, Hermann (Hg.) : Karl Jaspers. Was ist Erziehung? Ein Lesebuch.; 2. Aufl. ungekürzte Taschenbuchausgabe, München Zürich 1999

13 von 13 Seiten

Details

Titel
Charakteristik Karl Jaspers pädagogischer Vorstellungen
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Veranstaltung
Vorlesung - Allgemeine Pädagogik
Note
gut
Autor
Jahr
2002
Seiten
13
Katalognummer
V108489
Dateigröße
477 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Charakteristik, Karl, Jaspers, Vorstellungen, Vorlesung, Allgemeine, Pädagogik
Arbeit zitieren
Tino Gassmann (Autor), 2002, Charakteristik Karl Jaspers pädagogischer Vorstellungen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/108489

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