Über Lessings "Emilia Galotti" - Wer trägt die Verantwortung am Tode des Grafen Appiani? War seine Ermordung geplant?


Rezension / Literaturbericht, 2003

7 Seiten, Note: 1


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Literarische Erörterung zum Trauerspiel „Emilia Galotti“ von Gotthold Ephraim Lessing

Thema 2:

Wer trägt die Verantwortung am Tode des Grafen Appiani? War seine Ermordung geplant?

Das im 18. Jahrhundert angesiedelte Trauerspiel „Emilia Galotti“ handelt von dem liebeskranken Prinzen von Gustalla, der eines Morgens erfährt, dass seine vergötterte Emilia Galotti noch am Abend des selben Tages mit dem Grafen Appiani vermählt werden soll. In seiner Verzweiflung lässt er seinem Vertrauten Marchese Marinelli freie Hand, um die Hochzeit aufzuhalten. Doch als dieser versucht, die Angelegenheit friedlich zu regeln, gerät er mit Graf Appiani in heftigen Streit. Noch am selben Tag wird der Graf bei einem inszenierten Raubüberfall getötet, woraufhin Emilia „zufällig“ auf das Schloss des Prinzen gerettet wird. Doch wer ist verantwortlich für den plötzlichen Tod ihres Verlobten, Graf Appiani? War sein Tod geplant?

Um diese Frage korrekt beantworten zu können, sollte der Begriff „Schuld“ noch einmal genau definiert werden. Eine allgemeine Definition des Begriffes „Schuld“ wird etwa so formuliert: Schuld ist die Verantwortung für etwas Schlechtes, Unmoralisches oder Verbotenes. Verantwortung wiederum bedeutet, für das bewusste eigene Handeln und die entsprechenden Folgen Rechenschaft ablegen zu können. Da es sich bei dem Vergehen in „Emilia Galotti“ um „geplanten“ Tod handelt, muss hier folglich von „Schuld“ gesprochen werden, da Mord gegen jede moralische Norm verstößt und nicht entschuldigt werden kann. Die Frage kann demzufolge auch anders gestellt werden: Wer ist Schuld am Tod des Grafen Appiani?

Zum Einen ist der Graf selbst mit schuld an seinem eigenen Tod, da er Marinelli gegenüber in einem entscheidenden Gespräch nicht den erforderlichen Respekt zeigt und ihn unüberlegt provoziert: Als Marinelli sich auf den Weg zum Gut der Familie Galotti macht, um den Grafen um einen Botenritt im Auftrag des Prinzen zu bitten, bereitet er sich schon auf eine Zusage von Appiani vor. Diese Bitte soll als Vorwand dienen, um den Grafen von seiner Hochzeit abzuhalten und dem Prinzen somit mehr Zeit zu verschaffen, Emilia für sich zu gewinnen. Also ersucht er den Grafen, der Bitte zu folgen, „(...) wenn Graf Appiani nicht mit Gewalt einen seiner ergebensten Freunde in [Marinelli] verkennen will“ (S.35, Z.20-22). Doch überraschenderweise lehnt der Graf konsequent ab. Er sagt, „dass es [ihm] leid tut, [die] Gnade [des Prinzen] nicht annehmen zu können; weil [er] eben heut eine Verbindung vollzöge, die [s]ein ganzes Glück ausmache“ (S.37, Z.20-23). Er zieht also seine Hochzeit mit Emilia vor und weiß die Ehre der angebotenen Freundschaft und das Vertrauen des Prinzen nicht zu schätzen.

Nun steht Marinelli unter enormem Druck; er hat dem Prinzen einen erfolgreichen Plan zugesichert (S.18, Z.7/8), der nun bedrohlich ins Wanken gerät. Da begeht Appiani den Fehler, den nun bereits gereizten Marinelli auf dessen drängende Überzeugungsversuche hin bis aufs Äußerste zu provozieren, indem er ihn unter anderem als einen „ganzen Affen“ bezeichnet (S.38, Z.3/4). Zudem verschiebt er Marinellis Aufforderung zum Duell, wobei er zu überlegen und siegessicher auftritt (S.38: „(...) aber zu einem Spaziergange mit Ihnen hab ich Zeit übrig.“). Marchese Marinelli so in seinem Stolz zu verletzen und sich den einflussreichen Vertrauten des Prinzen somit zum Feind zu machen, wird ihn später vermutlich das Leben kosten.

Ebenso sind die Voraussetzungen für seinen Tod im Handeln des Prinzen von Gustalla zu finden. Seit der Prinz Emilia Galotti ihr zum ersten Mal begegnete, ist er hoffnungslos in sie verliebt (S.16, Z.8/9) und wurde ihretwegen sogar seiner Geliebten, Gräfin Orsina, überdrüssig (S.12f). Seine Gedanken kreisen nur noch um Emilia - so schwärmt er unter anderem von ihrem „Auge voll Liebreiz und Bescheidenheit“ und ihrem „Mund, wenn er sich zum Reden öffnet“ (S.12, Z.9-11). Doch als er erfährt, dass seine geliebte Emilia in kurzer Zeit durch eine Heirat mit dem Grafen Appiani für immer unerreichbar für ihn bleiben soll (S.15f), stürzt er in tiefe Verzweiflung und Resignation.

Gefühlsausbrüche dieser Art beeinflussen ihn sehr stark in seinen wichtigen alltäglichen und politischen Entscheidungen; so gewährt er beispielsweise einer Frau ihre Bitten in einem Brief aus einer Laune heraus, weil sie zufällig auch Emilia mit Vornamen heißt. „Viel gefordert; sehr viel. - Doch sie heißt Emilia. Gewährt!“, so überlegt er (S.5). Ein anderes Mal möchte er abwesend und sehr verwirrt einfach ein Todesurteil unterschreiben, ohne dem Bericht seines Rates Camillo Rota zur Sachlage die geringste Aufmerksamkeit zu schenken. Ohne Camillos geistesgegenwärtiges Eingreifen hätte er leichtsinnig über Leben und Tod entschieden (S.20).

Dies unterstreicht auch seine mangelnden Führungsqualitäten. Von einem gerechten und würdigen Herrscher werden unter anderem Disziplin, Autorität, ein scharfer Verstand und Vernunft erwartet - er aber wirkt häufig ratlos und verzweifelt und sucht immer wieder Rat bei seinem Vertrauten Marchese Marinelli (S.17:„Retten Sie mich, wenn Sie können“). Auffallend ist hier auch seine schwankende Einstellung zu seinem engen Vertrauten. Mal bezeichnet er Marinelli als „Verräter“, dann wiederum bittet er um Verzeihung, woraufhin die nächste Beschimpfung folgt... (vgl. S.16f).

Schließlich lässt er diesem sogar freie Hand, um die Hochzeit zwischen Emilia und Graf Appiani zu verhindern (vgl. S.17f). Doch durch dieses vermeintliche Vertrauen und das Gewähren allen Handelns gleitet ihm das ganze Geschehen allmählich aus den Händen; Er nimmt kaum noch Einfluss auf das Handeln Marinellis. Der Grund für seine „Kapitulation“ mag auch darin liegen, dass er selbst noch einmal einen Versuch unternahm, Emilia in der Kirche anzusprechen, der jedoch kläglich scheiterte (vgl. S.28f). Nach diesem Vorfall hat er erst recht nicht mehr die nötige Kraft, die Angelegenheit selbst in die Hand zu nehmen. Diese Erkenntnis bestätigt Marinelli noch einmal in seiner neu gewonnenen Unabhängigkeit und Macht.

Nun liegt es an ihm allein, die Hochzeit zwischen Emilia Galotti und Graf Appiani im Namen des Prinzen zu verhindern. Doch im Grunde ist er dieser Ehre nicht würdig. Er ist keineswegs ein „treuer“ Ergebener des Prinzen. Ergeben wohl - aber nur, um auf der Karriereleiter eine Sprosse höher zu klettern, ohne Rücksicht auf Verluste.

Zum einen nutzt er die schwankenden Gemütszustände des Prinzen taktisch zum eigenen Vorteil aus. So auch, als der Prinz aufgelöst verzweifelt nach einer Möglichkeit sucht, Emilias Hochzeit zu verhindern. Während er in egozentrisches Selbstmitleid verfällt (S.16: „So bin ich verloren! - So will ich nicht leben!“), unterbreitet Marinelli ihm unerwartet eine plausible Lösung des Problems, die er noch mehrmals bekräftigt: Mit den Worten „Doch, doch; ich glaube, er geht in diese Falle gewiss“ überzeugt er den Prinzen. Der willigt natürlich hoffnungsvoll ein (S.18f).

Hier wird deutlich, dass er das ganze Gespräch- schon im Vorfeld - in eine bestimmte Richtung lenkt. Nachdem er erfahren hat, dass der Prinz Emilia liebt und anbetet (vgl.S.16, Z.8), kann er sogar die Gefühlsausbrüche des Prinzen steuern: Absichtlich verunsichert er den Prinzen aufs Neue, indem dessen Gedankengänge fortführt und bezweifelt, dass in dieser Angelegenheit noch „etwas zu retten sei“ (vgl. S.17, Z.13). Nun wird er sogar unverschämt und erwägt die Möglichkeit, Emilia als Geliebte abzustempeln (S. 17:„Waren, die man aus der ersten Hand nicht haben kann, kauft man aus der zweiten“). So schafft er es, den Prinzen soweit zu bringen, dass diesem der Satz entkommt „Liebster, bester Marinelli, denken Sie für mich. Was würden Sie tun, wenn Sie an meiner Stelle wären?“. Diese Worte liefern Marinelli die Vorlage für den krönenden Abschluss seines Auftrittes. Er setzt die Frage des Prinzen in die Wirklichkeit um und bekommt tatsächlich volle Handlungsfreiheit. (S.17/18: „Wollen Sie mir alles genehmigen, was ich tue?“ - „Alles, Marinelli, alles, was diesen Streich abwenden kann.“). Dies beweist einmal mehr, dass er nur taktiert und keines Falls etwas von wahrer Treue hält.

Im Verlauf es Stückes verhält er sich immer autoritärer gegenüber dem Prinzen. Im oben beschriebenen Gespräch scheint er in vielen Fällen keinen Respekt vor dem Rang seines Herrschers zu haben; Er provoziert ihn mit unqualifizierten Bemerkungen (s.o.) und zeigt sich überlegen, hat die Situation sichtlich im Griff. Auch später, als Emilia auf das Schloss „gerettet“ wird, wird Eines erkennbar: Der Prinz stellt immer nur nervöse und unsichere Fragen wie „Und wird die Mutter sie nicht aufsuchen? Wird der Graf ihr nicht nachkommen? Was sind wir alsdenn weiter? Wie kann ich sie ihnen vorenthalten?“ (S.45), während Marinelli ihn beruhigt und der Situation Herr zu werden scheint (S.45: „Gedulden Sie sich, gnädiger Herr. Der erste Schritt musste doch getan sein“). Zusammenfassend könnte man fast sagen, dass sich das Machtverhältnis zwischen Marinelli und dem Prinzen vertauscht hat - der „Prinz“ Marchese Marinelli mit seinem untergebenen Vertrauten Hettore Gonzaga.

Von seiner neu gewonnenen Macht beflügelt verdreht Marinelli jedoch seine ihm zugedachte Aufgabe. Aus einer Rettung des verwirrten Prinzen wird ein persönlicher Rachefeldzug gegen seinen neuen Erzfeind Graf Appiani. Seit dem bereits erwähnten Streitgespräch scheint er ihm verhasst wie kein anderer.

Ein Grund hierfür kann die arrogante und provozierende Überheblichkeit des Grafen im Gespräch ihm gegenüber sein (S.37:„Und dann? - und dann? - Ihre Frage ist auch verzweifelt naiv.“). Marinelli ist ein Aufsteiger mit festen Zielen, die es zu erreichen gilt. Appiani stellt ein Hindernis auf dem Weg zur nächsten Sprosse auf der Karriereleiter dar, und auf dem Weg zu einer steilen Karriere gilt es Hindernisse zu beseitigen.

Doch muss beseitigen gleich töten heißen? Marinelli macht in dieser Hinsicht jedoch viele zum Teil zwiespältige Andeutungen. So stößt er nach der provokativen Herausforderung des Grafen im Gehen wütend die Worte „Nur Geduld, Graf, nur Geduld!“ (S.38, Z.21/22) hervor - in diesem Falle eine eindeutig zweideutige Bemerkung: Eine versteckte Morddrohung oder nur ein Vertrösten auf einen baldigen Kampf? Auch nachdem der Wagen mit dem schwerverletzten Grafen zurück in die Stadt fährt, gehen Marinelli mordlüsterne Gedanken durch den Kopf: „Das sind Anzeichen, die mir nicht gefallen: - dass der Streich wohl nur halb gelungen ist; dass man einen Verwundeten gemächlich zurückführet, - und keinen Toten.“ (S.43, Z.16-19). Die Aussage „...dass der Streich nur halb gelungen ist“ unterstreicht, dass hinter dem Überfall eindeutig geplanter Mord steckt. Genauso offensichtlich ist auch das Gespräch mit seinem Handlanger Angelo, der über den Überfall Bericht erstattet. Marinelli interessiert sich kaum dafür, was mit Emilia geschehen ist, sondern erkundigt sich sofort nach dem Grafen (S.44:„Geschwind, sage mir, was du mir zu sagen hast! - Ist er tot?“).

Unterstrichen wird sein Motiv außerdem durch seine unverhohlene Freude über den Tod Appianis. Nach der Unterhaltung mit Angelo meint er zu dem Tod des Grafen: „Gut, das!“(S.44, Z.31), was keiner weiteren Erklärung bedarf.

Insgesamt lässt sich also feststellen, dass nicht eine Person alleine für Graf Appianis Tod zur Verantwortung gezogen werden darf, sondern sein Schicksal durch eine unglückliche Verkettung von Ereignissen und durch Einwirken mehrerer Personen bestimmt wurde. Hätte er selbst Marinelli nicht so provoziert und ihn seinem Rang entsprechend hinauskomplimentiert, wäre vielleicht alles anders gekommen. Wäre der Prinz nicht so naiv kurzsichtig gewesen, Marinelli freie Hand zu lassen und hätte sich des Problems persönlich angenommen - wäre die Hochzeit zwischen Graf Appiani und Emilia vielleicht wie geplant vollzogen worden? Allerdings taucht ein einzelner Name hier öfters auf: Der des Marchese Marinelli. Er war es, der den Mord an Appiani plante und durchführen ließ und sollte deswegen auch noch einmal hervorgehoben werden.

Meiner Meinung nach übernimmt Marinelli in dem Stück die Rolle des typischen „Bösewichts“. Er hintergeht seinen Herrn, kennt keine Skrupel und macht sich schließlich noch des Mordes schuldig - schwer zu überbieten an Boshaftigkeit. Ich hätte mir Marinelli jedoch etwas listiger und professioneller vorgestellt. Er ließ sich z.B. von Appiani viel zu leicht reizen, was ihn letztendlich auch seine Karriere kostete. Außerdem ist mir Marinelli zu offensichtlich als der „Böse“ dargestellt - das Stück könnte in der heutigen Zeit durch einen undurchsichtigeren Marinelli noch mehr Reiz gewinnen oder vielleicht sogar in der Kategorie „Aufklärerischer Krimi“ zum Kassenschlager werden!

Literaturverzeichnis

Verwendete Primärliteratur:

→ Gotthold Ephraim Lessing: „Emilia Galotti“

Reclam Verlag, Stuttgart 2001

Verwendete Sekundärliteratur:

→ Meyers Großes Taschenlexikon, in 24 Bänden: Band 23, S.113

Bibliographisches Institut AG, Mannheim 1981

7 von 7 Seiten

Details

Titel
Über Lessings "Emilia Galotti" - Wer trägt die Verantwortung am Tode des Grafen Appiani? War seine Ermordung geplant?
Note
1
Autor
Jahr
2003
Seiten
7
Katalognummer
V108539
Dateigröße
415 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Lessings, Emilia, Galotti, Verantwortung, Tode, Grafen, Appiani, Ermordung, Thema Emilia Galotti
Arbeit zitieren
Maria Fuhr (Autor), 2003, Über Lessings "Emilia Galotti" - Wer trägt die Verantwortung am Tode des Grafen Appiani? War seine Ermordung geplant?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/108539

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