Metternich, der Dämon Österreichs. Eine historische Kurzstudie


Seminararbeit, 2003
15 Seiten, Note: sehr gut

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INHALTSANGABE

EINLEITUNG

BEMERKUNGEN ZUM AUTOR

DIE ANFÄNGE

DER WIENER KONGRESS

METTERNICHS ABSTIEG

ANHANG

LITERATUR

EINLEITUNG

Der österreichische Staatskanzler, Diplomat und Politiker Clemens Wenzel, Fürst von Metternich, war schon seit jeher ein interessantes Objekt für historische Studien.

Metternich konzentrierte unglaublich viel Macht auf seine Person und prägte den europäischen Kontinent für drei Jahrzehnte. Es gelang ihm durch Strategie und Taktik dem durch Napoleon geschlagenen und territorial beschnittenen Österreich nach dem Ende der napoleonischen Herrschaft nicht nur den Status einer Großmacht zurückzugeben, sondern diese Großmacht zum zentralen Faktor beim Aufbau einer neuen europäischen Ordnung zu machen.

Obwohl in seinem Denken für Demokratie und Freiheitsrechte kein Platz war und er derartige Bestrebungen massiv unterdrückte, war er gleichzeitig ein überzeugter Anhänger des österreichischen Staatsgedankens und wurde somit ein natürlicher Feind der deutsch-nationalen Studentenverbindungen (Burschenschaften) und damit in den Dreißigerjahren des 20. Jahrhunderts auch automatisch ein ideologischer Feind des Nationalsozialismus.

Daher verwundert es keineswegs, dass Viktor Bibl, der ein überzeugter Nationalsozialist gewesen ist, in einer derart einseitigen und unwissenschaftlichen Art und Weise über den Staatskanzler herzieht.

Die an den Haaren herbei gezogenen Behauptungen, die permanente Einseitigkeit des Autors in seinen Ausführungen und das manische Darstellen des Nationalsozialismus (und sogar Adolf Hitlers) als positives Ideal, das dem „Dämon Metternich“ gegenüber steht, lösen beim Leser schon bei der Einleitung heftiges Kopfschütteln aus.

Es ist daher sicher kein ganz leichtes Unterfangen, zu so viel Unwissenschaftlichkeit etwas Wissenschaftliches zu schreiben, aber indem man den Ausführungen Bibls die tatsächlichen wissenschaftlichen (und nicht ideologisierten) Fakten gegenüber stellt, sollte auch dies eine lösbare Aufgabe darstellen.

Wie schon erwähnt, ist Bibls Hass auf Metternich sicherlich ideologisch und historisch zu erklären.

Der Nationalsozialismus ist als Ideologie explizit gegen die Existenz der Republik Österreich gerichtet. Die Wurzeln des nationalsozialistischen Denkens sind in der burschenschaftlichen Bewegung zu suchen, die Metternich gnadenlos bekämpfte.

Es ist zwar sicher eine historische Leistung dieser Studentenverbindungen, dass sie sich schon sehr früh auch für Freiheit und Demokratie im deutschsprachigen Raum stark machten. Aber Hand in Hand mit diesen Forderungen, die die Burschenschaften Anfang des 19. Jahrhunderts auf dem „Wartburg-„ und dem „Hambacher Fest“ postulierten, gingen auch rassistische, antisemitische und staatsfeindliche (gegen Österreich gerichtete) Parolen.

Man muss es also Metternich durchaus zugute halten, dass er auch diesen Teil des burschenschaftlichen Denkens bekämpfte. Dass Metternich daher kein „Dämon“, sondern ein machtbewusster, kaltschnäuziger, aber gleichzeitig fähiger Politiker gewesen ist, soll in den kommenden Abschnitten. auch dargestellt werden.

BEMERKUNGEN ZUM AUTOR

Victor Bibl wurde am 20. 10. 1870 in Wien geboren und war der Sohn des Organisten Rudolf Bibl. Nach Abschluss seiner schulischen Ausbildung, begann er sein Studium und arbeitete außerdem im niederösterreichischen Landesdienst. 1893 wurde er „per maiora“ zum Doktor der Philosophie promoviert. 1897 legte er die Prüfung für den Archivdienst am Institut für Österreichische Geschichtsforschung ab und wurde ein „außerordentliches Mitglied“ dieser Institutiona.

Bereits während seiner Schulzeit fühlte sich Bibl vom deutschnationalen Gedankengut angezogen. 1890 trat er deswegen dem „Corps Symposium“ bei, das sich ein Jahr zuvor dem „Deutschen Schulverein“ angeschlossen hatte. Zudem lehnte diese Verbindung die Aufnahme „Nicht Arischer Kommilitonen“ strikt ab.

Bibl fand deswegen mit seinen Ansichten zur Historie Anklang bei seinen „Bundesbrüdernb.

Sein geschichtliches Werk ist durchdrungen von einem extremen Deutschnationalismus, dessen persönliche Note eine starke antiklerikale Haltung ist. Dennoch wird in Bibls Werk eine große Bewunderung für Martin Luther und den Protestantismus deutlich, da er Luther als „einigendes Band der deutschen Sprache“ ansieht“.

Als 1918 der Vielvölkerstaat Österreich-Ungarn zerbrach, zu welchem Bibl ein sehr positives Verhältnis gehabt hatte, konnte er diesen Zusammenbruch nicht verschmerzen und begann einen „Propagandakrieg“ gegen die neu entstandene Erste Republik.

Bibl wandte sich außerdem explizit gegen das Postulat einer Österreichischen Nation, das besonders von den Regierungen Dollfuß und Schuschnigg vertreten wurdec.

Er war mit dieser Einstellung im Kreis seiner Historikerkollegen zwar nicht allein, dennoch wurde seine besonders radikale (bis hin zur Staatsfeindlichkeit gehende) Haltung vielfach auch von seinen Kollegen kritisiert.

Seine oftmals polemischen Angriffe gegen Österreich und seine politische Führung, brachten ihm auch vermehrt Probleme mit derselben ein.

Zum Beispiel bezeichnete er Bundeskanzler Dollfuß als „Milli-Metternich“, ein Seitenhieb auf die Körpergröße des Bundeskanzlers und Österreich nannte er einmal „Missgeburt von Feindes Gnaden“d.

Sein historisches Werk ist zudem ab 1917 gekennzeichnet von einer vorurteilbehafteten Schreibweise, bei der er sich auch scheut exakte Quellenangaben zu machen. In dieser Zeit entstanden Werke wie „Der Tod des Don Carlos“ und „Der Zerfall Österreichs“e.

Ab 1937 stellte Victor Bibl sein historisches Werk in den Dienst des Nationalsozialismus. In dieser Zeit entstehen seine Werke über Prinz Eugen, Erzherzog Johann und Joseph II, die durchdrungen sind von der Verehrung des Führer- und dem Heldenmythos im Nationalsozialismus.

Sein Werk veränderte sich zusehends zu einer nationalsozialistisch durchdrungenen Populärwissenschaft. Zudem finden sich in seinen historischen Werken zu der Zeit eine ganze Reihe unüberlegter Werturteile. Dem Nationalsozialismus blieb der Historiker bis Kriegsende „treu“ . Bibl starb am 15. 7. 1947 in Atterseef.

Trotz seiner Einstellung gilt er als einer der wichtigsten historischen Biographen. Seine Werke über Metternich, die Biographie des Kronprinzen u.a werden in den verschiedensten historischen Werken erwähnt.

Seine oftmals ironische, von einem spitzen Humor durchdrungene Schreibweise machen sein Werk zu einer unterhaltsamen aber oftmals pseudowissenschaftlichen Lektüre. Dies mag sicherlich ein Grund sein, dass aktuelle Auflagen zu seinen Werken praktisch überhaupt nicht mehr aufscheinen.

a) NASKO Siegfried: Victor Bibl (1870-1947). Studien zu seinem Leben und Werk; Wien 1970 S 10.
b) Ebda S 11.
c) Ebda S 117.
d) Ebda S 323.
e) Ebda S 324
f) Ebda

DIE ANFÄNGE

Metternich entstammte einem alten Adelsgeschlecht, das eng mit den Kurfürsten von Mainz und Trier verwandt war. Am 15. Mai 1773 kam er als erster Sohn des Staatsministers Franz Georg Karl Graf Metternich in Koblenz zur Welt.

Nach Abschluss der Diplomatenakademie in Straßburg trat er in den österreichischen Staatsdienst und wurde daraufhin als österreichischer Gesandter in das Königreich Sachsen geschickt. Zwei Jahre später (1803) kam er nach Berlin, wo es ihm gelang, eine Allianz gegen Napoleon zu schmieden, die allerdings nach der Schlacht von Austerlitz, die für Österreich verloren ging, keinerlei Bedeutung mehr hatte.

Bibl ergänzt diese Ausführungen mit Schwänken aus Metternichs angeblichem Privatleben, wenn er schreibt „Überdies fand er reichlich Zeit im Salonleben zu schwelgen. Unter anderen schönen Frauen zog ihn besonders die reizvolle russische Fürstin Katherine Bagration an1.“. Laut Bibl ändert sich an seinem starken Interesse für das andere Geschlecht auch in Paris nichts. Gleichzeitig wird er aber auch ein Schüler und Bewunderer von Minister Talleyrand, von dem er gelernt haben soll, die „Gunst der Frauen für politische Kundschafterdienste zu verwerten2

Tatsächlich hatte der Fürst ein sehr gutes jugendliches Aussehen, verbunden mit einem überzeugten selbstbewussten Auftreten und es ist daher zu vermuten, dass er deshalb auf die Damenwelt sicherlich eine gewisse Anziehungskraft ausübte.

Dass er allerdings seinen politischen Aufstieg und seine diplomatischen Erfolge diesen Kontakten zu verdanken hat, kann sicherlich bezweifelt werden.

Viktor Bibl untermauert seine Kritik an Metternich mit Zitaten bedeutender österreichischer Persönlichkeiten wie Graf Stadion. Allerdings darf es nicht verwundern, dass natürliche innenpolitische Gegner Metternichs, und Stadion war ein solcher, sich äußerst kritisch über den Fürsten äußerten.

Nach dem Abschluss des Friedensvertrages von Schönbrunn, der Österreich erhebliche Gebietsverluste bescherte und die österreichische Regierung sogar dazu zwang, die Aufständischen in Tirol unter Andreas Hofer zu bekämpfen, entschloss sich Metternich, Österreich an Frankreich wieder anzunähern und initiierte die Heirat zwischen Napoleon und der Erzherzogin Marie Luise.

Am 14. März 1812 unterzeichnete Österreich einen Bündnisvertrag mit Frankreich und verpflichtete sich, im Falle eines Krieges Hilfstruppen zur Verfügung zu stellen.

Nicht Metternichs „Liebe zur großen Intrige2“, wie es Viktor Bibl bezeichnete war der Grund für dieses Bündnis, sondern ganz genau durchdachtes taktisches Kalkül.

Metternich war klar, dass das militärisch geschlagene und stark geschwächte Österreich für Napoleons hochgerüstete, moderne und vor allem motivierte Armee kein Hindernis darstellte.

Das übrige Europa war weitgehend besetzt, lediglich England lieferte sich mit den Franzosen einen erbitterten Kampf um die Vorherrschaft auf dem Meer.

So stand Österreich mehr oder weniger alleine da und daher versuchte Metternich für das geschwächte Land Zeit zu gewinnen und hoffte außerdem, dass Frankreich seine Versprechungen bzgl. einer möglichen Wiedereingliederung Schlesiens in Österreich halten würde3.

Metternichs taktisches Kalkül ging auf. Nachdem sich Napoleon mit Zar Alexander I nicht über die Kontinentalsperre gegen England einigen konnte, marschierte seine Armee 1812 in Russland ein. Dieser Russlandfeldzug wurde für die napoleonische Armee zu einem totalen Desaster.

Von den ursprünglich 500.000 Mann kamen auf Grund extremster Wetterbedingungen, Russlands Politik der verbrannten Erde (sowie einer höchst intelligenten Partisanentaktik Alexanders) über 400.000 Menschen ums Leben.

Österreich hatte gezwungenermaßen durch das bestehende Bündnis 30.000 Mann4 für den Russlandfeldzug als Hilfstruppen zur Verfügung stellen müssen.

Durch diese totale Niederlage schöpften die Völker Europas Hoffnung, sich von Napoleon wieder befreien zu können und es entstand die bis dato größte Allianz, die es überhaupt in Europa gegen einen Staat gegeben hatte.

Die Armeen Preußens, Russlands, Österreichs, Englands, Schwedens und Bayerns besiegten trotz heftiger Gegenwehr die napoleonische Armee in der Völkerschlacht bei Leipzig, die von 16. bis 19. Oktober 1813 dauerte. Die siegreichen alliierten Truppen marschierten unter der Führung des preußischen Generals Blücher in Paris ein, Napoleon dankte ab, erhielt die Mittelmeerinsel Elba als souveränen Besitz und durfte außerdem seinen Kaisertitel behalten. Metternich setzte aber durch, dass er seine Ehegattin Marie Luise und seinen Sohn nie mehr wiedersehen durfte5.

Dieser totale Triumph über Napoleon und Frankreich bewegte den österreichischen Kaiser Franz I. dazu, Metternich am 20. Oktober 1813 in den erblichen Fürstenstand zu erheben, der bis dato den Adelstitel eines Grafen getragen hatte6.

DER WIENER KONGRESS

Im September 1814 trafen sich Sieger und Besiegte der napoleonischen Kriege in Wien, um eine neue Ordnung für Europa auszuhandeln. Der Wiener Kongress bedeutete sicherlich den Zenit in Metternichs politischem Leben, hatte er doch den Vorsitz inne und konnte dafür auch sein Land sehr selbstbewusst vertreten.

Sein taktisches Spiel war also ein voller Erfolg gewesen. Allerdings sieht das Viktor Bibl naturgemäß wieder etwas anders. Er kreidet dem Fürsten an, dass er sich zu wenig um die „Deutsche Frage“ gekümmert hätte. Tatsächlich war eine der Hauptfragen des Kongresses, ob es zur Gründung eines neuen Deutschen Reiches kommen würde oder nicht.

Metternich lehnte jede Lösung einer Reichseinigung, sei sie nun „Kleindeutsch“ (Bildung eines Deutschen Reiches unter Ausschluss Österreichs) oder „Großdeutsch“, (Bildung eines Deutschen Reiches mit Einbeziehung Österreichs) ab7.

Was Nationalsozialisten und Deutschnationale Metternich ankreideten, hatte einen logischen Grund. Durch die „kleindeutsche Lösung“ hätte Österreich seinen Einfluss in den süddeutschen Staaten verloren (Bayern, Baden, Württemberg etc.). Die großdeutsche Lösung hätte zwar Machtgewinn für die Habsburger zur Folge gehabt, denn sie wären höchstwahrscheinlich wieder „römisch-deutsche Kaiser“ geworden.

Das Resultat wäre aber in jedem Fall eine Spaltung des bestehenden Österreichs und somit ein gewaltiger Gebietsverlust gewesen.

Viktor Bibl kritisiert aber auch Metternich in diesem Zusammenhang auf eine höchst unterschwellige Art und Weise, wenn er die Zitate preußischer Gesandter in sein Buch einbaut: „Um 7 Uhr geh ich zum Dinner bei Metternich. Er hört mich wie gewöhnlich kaum an. Die ganze kurländische Hurensippenschaft war da. Mithin für andere Menschen kein Sinn. Metternich hat diese Weiber seit acht Tagen in alle politischen Geheimnisse eingeweiht. Was die wissen, ist unglaublich.“.

Diese Darstellung des wichtigsten Kongressteilnehmers als jemand, der sich nicht um seine Arbeit, sondern mehr um „leichte Frauen“ kümmert, sagt bereits alles über die wissenschaftliche Integrität von Viktor Bibl aus. Ein weiterer Kommentar dazu ist nicht notwendig8.

Die wichtigsten Vertreter neben Metternich waren der englische Außenminister Robert Stewart, der preußische Gesandte Karl August Fürst von Hardenberg sowie der russisches Zar Alexander I.

Obwohl ein besiegtes Land, gelang es dem bereits erwähnten Charles Maurice de Talleyrand sein Land als gleichberechtigten Verhandlungspartner zu vertreten. Talleyrand, der ein exzellenter Rhetoriker und Verhandler war, profitierte sicherlich auch von dem Umstand, dass Metternich große Bewunderung für ihn hegte und ihn deshalb keinesfalls auf dem Kongress demütigen wollte.

Als Ergebnis brachte der Kongress u.a. folgendes mit sich: Schweden und Norwegen wurden zu einem Königreich, Holland und die habsburgischen Niederlande wurden zum Königreich der Niederlande vereint.

Russland erhielt den größten Teil des Herzogtums Warschau und Preußen erhielt Schwedisch-Pommern sowie die nördliche Hälfte des Königreichs Sachsen, den größten Teil von Westfalen und dem Rheinland zugesprochen.

Frankreich verlor alle unter Napoleon eroberten Gebiete, musste aber darüber hinaus nur sehr geringe Gebietsverluste hinnehmen9.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Für Österreich war der Kongress ein großer Erfolg. Es musste zwar auf die österreichischen Niederlande (Belgien) verzichten, erhielt aber beinahe alle unter Napoleon verlorenen Gebiete zurück, die vor allem auf Kosten Bayerns gingen.

Als Entschädigung für die österreichischen Niederlande erhielt es das vormals italienische Lombarde-Venezien sowie den ehemals venezianischen Teil von Dalmatien.

Am 8. Juni 1815 wurde zudem auf dem Wiener Kongress der Deutsche Bund begründet, in dem sich 41 souveräne Staaten (darunter Preußen) unter dem geschäftsführenden Präsidium Österreichs zu einer Föderation, die unter dem Schutz der europäischen Großmächte stand, zusammenschlossen.

Metternich war allerdings klar, dass diese Lösung nicht die endgültige Lösung für das „deutsche Problem“ sein konnte10.

Viktor Bibl verschweigt außerdem in seinem Werk, dass Metternich auf dem Wiener Kongress Beschlüsse gegen den Sklavenhandel durchsetzte und außerdem mit dem Kongressergebnis eine beinahe vier Jahrzehnte andauernde Friedenszeit in Europa einleitete.

Als einzigen Fehler kann man dem Kongress anrechnen, dass er zu lange dauerte und Napoleon eine Rückkehr für kurze Zeit ermöglichte.

Napoleon hatte sich aber verspekuliert. Die von ihm erwartete Uneinigkeit der Völker war nicht vorhanden. Er wurde als gemeinsamer Feind des Friedens angesehen und musste sich erneut einer geeinten Koalition der Völker Europas zum Kampf stellen.

Den ersten Kampf gegen eine preußische Vorhut konnte er für sich entscheiden, wurde dann aber von den Briten unter dem Herzog von Wellington bei Waterloo in einen schweren Kampf verwickelt.

Als die Preußen, die sich wieder gesammelt und formiert hatten, unter General von Blücher und August Graf von Gneisenau in die Kämpfe eingriffen, wurde Napoleon vernichtend geschlagen. Er musste erneut abdanken und wurde auf die Atlantikinsel St. Helena verbannt, wo er schließlich am 5. Mai 1821 an Magenkrebs starb11.

Als am 23. März 1819 der Dramatiker August von Kotzebue durch den Burschenschafter Karl Ludwig Sand ermordet wurde, setzte Metternich in Zusammenarbeit mit Preußen und acht weiteren Staaten des Deutschen Bundes die Karlsbader Beschlüsse durch.

Diese sahen ein Verbot der Burschenschaften, die Entlassung revolutionär gesinnter Lehrkräfte, die staatliche Überwachung von Universitäten sowie die Errichtung einer Untersuchungskommission in Mainz vor.

Der Deutsche Bund nahm am 20. September 1819 die Beschlüsse einstimmig an. Es waren die bis dato radikalsten Maßnahmen gegen liberale und deutsch-nationale Kräfte im Deutschen Bund gewesen, die außerdem von anderen europäischen Ländern, die an der Erhaltung der gegebenen Machtverhältnisse interessiert waren, unterstützt wurden12.

Für Bibl sind die Karlsbader Beschlüsse, wie nicht anders zu erwarten, ein rotes Tuch.

Den Mörder Kotzebues bezeichnet er verklärend als einen „Jüngling (...), der der Freiheit eine Gasse zu machen und damit dem Vaterlande zu dienen trachtete“13.

METTERNICHS ABSTIEG

1828 brach der Krieg zwischen Russland und dem Osmanischen Reich aus. Metternich, der eine zu starke Ausdehnung des russischen Machtbereichs befürchtete, versuchte verzweifelt eine Allianz gegen Russland aufzustellen, die allerdings scheiterte und den Zorn des russischen Zaren auf den nunmehrigen Staatskanzler Österreichs zog.

Auch der griechische Unabhängigkeitskampf, der besonders bei liberalen und nationalen Europäern große Sympathien auslöste, wurde von Metternich argwöhnisch betrachtet. Dies hatte folgenden Grund: Viktor Bibl hat dieses Mal recht, wenn er den Fürsten als den „Schutzheiligen der Türkei“ bezeichnet14.

Der Staatskanzler Österreichs sah im Osmanischen Reich einen wichtigen Stabilisator, der in seinem Machtbereich für Ruhe und Ordnung sorgte. Metternich sah zwar als überzeugter Christ im Islam eine Gefahr, war aber gleichzeitig gegen eine zu starke Schwächung oder gar Auflösung des Osmanischen Reiches, da er, wie sich viel später herausstellen sollte, völlig zu Recht befürchtete, dass ein Ende dieses islamischen Imperiums den Ausbruch vieler Konflikte in dieser Region zu Folge haben könnte.

Viktor Bibl wirft Metternich in diesem Zusammenhang sehr ungeschicktes Taktieren vor, nicht zuletzt auch, dass durch sein Verhalten gegenüber Russland die Heilige Allianz aufhörte zu bestehen und sich Österreich damit selbst schwächte.

Aber auch innenpolitisch wuchsen für den Staatskanzler mehr und mehr die Probleme. Nicht nur, dass das reaktionäre Metternich-System dringend erforderliche wirtschaftliche Reformen auf dem Gebiet der Habsburger Monarchie nicht zuließ und das aufstrebende Bürgertum im Staat keinerlei politische Rechte besaß, so entstanden nun auch in anderen Teilen der Monarchie eine Vielzahl von nationalen Konflikten. Besonders die Italiener in Lombardo-Venetien sowie die Ungarn drängten auf mehr Autonomie bis hin zu einer Loslösung von Österreich15.

Zwar wurde 1840 in Ungarn das Ungarische als zweite Staatssprache eingeführt. Metternich sorgte allerdings für eine rigorose Unterdrückung der slawischen und italienischen Bewohner des Reiches.

Mit der hauptsächlich von Studenten und Arbeitern getragenen Märzrevolution von 1848 ging das Metternichsche System zu Ende. Der Staatskanzler, der sich so gut wie allen Reformen verweigert hatte, musste nach London fliehen, kehrte drei Jahre später nach Wien zurück und versuchte dort vergeblich, wieder in die Dienste der Habsburger zu treten16.

Am 11. Juni 1859 „beschloss er sein Leben – ein gütiges Geschick hat es ihm erspart, den vollständigen Zusammenbruch Österreichs bei Solferino und bei Königgrätz und das Ende des absolutistischen Systems zu erleben.“17.

Mit diesen Worten beschließt Viktor Bibl seine Darstellungen über Leben und Wirken des Staatskanzlers und fügt noch einige persönliche Anmerkungen hinzu.

In diesen bekräftigt er nochmals seine Kritik am Fürsten, stellt seine Erfolge in einem negativen Kontext dar und wirft ihm zu guter Letzt vor, dass er überall „Unruhe gestiftet habe“18 und dass er der „Dämon Österreichs“ () gewesen sei.

Man muss Viktor Bibl zugute halten, dass er zumindest in den letzten Abschnitten seines Buches mehr und mehr zu einer wissenschaftlichen Argumentationsweise übergeht, da zumindest ein Teil der angeführten Kritik nicht unrichtig erscheint.

Grundsätzlich muss man aber sagen, dass das Buch keine historische Studie, sondern mehr ein ideologisches Machwerk ist.

Bibl erkennt dabei völlig zu Recht, dass Metternich ein Feind des Nationalsozialismus, d.h. des nationalsozialistischen Gedankengutes gewesen wäre.

Man kann spekulieren, dass er wahrscheinlich diese auf Rassismus, Unmenschlichkeit und Expansionsbestreben aufgebaute Ideologie abgelehnt hätte.

Die Grundlagen für diese Ideologie sind von den Burschenschaften geschaffen worden, die Metternich erbarmungslos bekämpft hatte. Dass er sich dabei auch neuem und modernem Denken verschlossen hatte und die Demokratie in keinster Weise tolerierte, dass er in eigener Selbstüberschätzung schwere außenpolitische Fehler gemacht hat und so Österreichs Position in Europa nach dem erfolgreichen Wiener Kongress mehr und mehr geschwächt wurde, soll auch nicht verschwiegen werden.

Trotzdem war Metternich auch ein Visionär, der Gefahren für Österreich und Europa richtig vorhersah und im Rahmen seiner Möglichkeiten versuchte, diese Gefahren abzuwenden.

Er vereinte in seiner Person sicherlich diverse Widersprüche. Er war kein Freund von Demokratie und Mitbestimmung, dennoch ein Bewahrer des Friedens.

Er wollte nach humanen Maximen handeln und war dennoch ein oft sehr skrupellos taktierender Politiker. Aber durch sein Handeln machte er aus einem geschlagenen Österreich eine der bedeutendsten europäischen Großmächte und er war sicherlich der erste, der eine Vision von einem geeinten und friedlichen Europa hatte.

Wenn unser Staat jemals von einem Dämon heimgesucht wurde, dann war dieser nicht Metternich, sondern das Gedankengut, das Viktor Bibl und seinesgleichen in Österreich verbreitet haben.

ANHANG

LITERATUR

BERTIER de SAUVIGNY G. A. d.: Metternich; Gernsbach 1988.

BOTZENHART M.: Reform, Restauration, Krise. Deutschland 1789-1847; Frankfurt am Main 1985.

DRIMMEL H.: Franz von Österreich. Kaiser des Biedermeier; Amalthea 1982.

VALLONTON H.: Metternich; Berlin 1987.

GRÄSSLE-MÜNSCHER: Kriminelle Vereinigungen. Von den Burschenschaften bis zur RAF; Hamburg 1991.

HEITHER / GEHLER / KURTH u. a.: Blut und Paukboden. Eine Geschichte der Burschenschaften Frankfurt/Main;1997.

HOLBORN H.: Deutsche Geschichte in der Neuzeit II. Reform und Restauration, Liberalismus und Nationalismus (1790-1871); Frankfurt 1981.

HÜRTEN H.: Restauration und Revolution im 19. Jahrhundert. Darstellungen und Quellen; Stuttgart 1981.

LANGEWIESCHE D.: Europa zwischen Restauration und Revolution. München 1989.

SELLIN V.: Die geraubte Revolution. Der Sturz Napoleons und die Restauration in Europa; Göttingen 2001.

SEWARD D.: Metternich, der erste Europäer. Eine Biographie; Zürich 1993.

100 Jahre Wiener Akademische Burschenschaft Bruna Sudetia, in: Akademisches Leben 7./8. Folge, Juli/August 1971, S 22.

[...]


1.) BIBL V.: Metternich. Der Dämon Österreichs; Wien 1938. S 58.

2.) Ebda S 65-80.

3.) Ebda S 91.

4.) MICROSOFT CORPORATION: Encarta Professional 2004; USA 2003/Metternich.

5.) Ebda/Napoleon.

6.) BIBL V.: Metternich. Der Dämon Österreichs; Wien 1938. S 127.

7.) SCHIEDER Th. Vom Deutschen Bund zum deutschen Reich 1815–1871. Handbuch der Deutschen Geschichte; München 1975/ Band 15.

8.) BIBL V.: Metternich. Der Dämon Österreichs; Wien 1938. S 145.

9.) MICROSOFT CORPORATION: Encarta Professional 2004; USA 2003/Wiener Kongress.

10.) Ebda/Deutscher Bund

11.) Ebda/Napoleon/Schlacht bei Waterloo

12.) Beschlüsse der Ministerkonferenz in Karlsbad vom 6. Bis 31. August 1819, welche durch Beschluß der Bundesversammlung vom 20. September 1819 für den Deutschen Bund in Kraft gesetzt wurden .

13.) BIBL V.: Metternich. Der Dämon Österreichs; Wien 1938. S 177.

14.) Ebda S 195.

15.) MICROSOFT CORPORATION: Encarta Professional 2004; USA 2003/Metternich.

16.) Ebda

17.) BIBL V.: Metternich. Der Dämon Österreichs; Wien 1938. S 351.

18.) Ebda S 362

15 von 15 Seiten

Details

Titel
Metternich, der Dämon Österreichs. Eine historische Kurzstudie
Hochschule
Universität Wien
Note
sehr gut
Autor
Jahr
2003
Seiten
15
Katalognummer
V108560
ISBN (Buch)
9783668103993
Dateigröße
576 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Analyse des "Werkes" des österreichischen Historikers Victor Bibl über Metternich.
Schlagworte
Metternich, Dämon
Arbeit zitieren
Philipp Depisch (Autor), 2003, Metternich, der Dämon Österreichs. Eine historische Kurzstudie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/108560

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