Brautwerbung als Handlungsmuster im Nibelungenlied


Seminararbeit, 2002

26 Seiten, Note: 2-3


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Inhalt

Illustrationen zum Nibelungenlied

Erzählschemata der mittelalterlichen Literatur

Das Brautwerbungsschema als Erzählstruktur mittelalterlicher Literatur

Brautwerbungsschemata und ihre Variationen im Nibelungenlied
- Die Werbung Siegfrieds um Kriemhild
- Die Werbung Gunthers um Brünhild
- Die Werbung Etzels um Kriemhild

Handlungsmusterbrüche in den Brautwerbungsschemata als Stilmittel des Nibelungenliedes – Ein Fazit

Literaturverzeichnis

Illustrationen zum Nibelungenlied

[1] Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten[2]

Erzählschemata der mittelalterlichen Literatur

Die mittelalterliche Literatur ist bekannt für die Verwendung traditioneller Erzählschemata. Bestimmte Handlungsmuster, Motive, Sprachformeln und viele andere konventionelle Erzählelemente wiederholen sich in den verschiedenen Dichtungen und werden von den unterschiedlichsten Dichtern benutzt. Immer wieder erleben Ritter dieselben Abenteuer, tragen Minnesänger ihre Liebeslieder mit ähnlichen Worten vor oder fahren Könige in ferne Länder, um ihre Zukünftige zu erobern.

Dieser „Schematismus“[3] bedeutete für die damaligen Hörer (denn meist wurden die Dichtungen ja vorgetragen und nicht gelesen) eine Beständigkeit, an der sie sich orientieren konnten. Sie wußten, worauf sie achten mußten, sie waren vorbereitet auf das kommende Geschehen, sobald sie das Schema erkannt hatten. Hinzu kommt, dass im Kollektiv gehört wurde. Dies hatte zur Folge, dass die Aufmerksamkeit der Zuhörer mitunter nicht permanent gegeben war. Wenn nun aber eine Erzählung sich eines gewissen Schemas bediente und der Grundinhalt in einer bekannten Form vermittelt wurde, wussten die Zuhörer genau, wie sich die Geschichte entwickeln würde und konnten es sich daher erlauben, zwischendurch etwas unaufmerksamer zu sein.

Für einen mittelhochdeutschen Dichter galt es also, möglichst nicht besonders originell zu erzählen, sondern sich an die Traditionen zu halten, also bekannte Handlungsmuster und damit auch bekannte Inhalte zu verwenden.

Brach er diese Schemata durch absichtliches Abweichen von der inhaltlichen Grundstruktur, also neue, ungewöhnliche Handlungen der Personen, so war ihm die Aufmerksamkeit seines Publikums gewiss. Es ließ sich also gezielt mit einem Schemabruch auf ein spezielles Problem hinweisen, ohne es auszuformulieren. Daher ist der Schemabruch bei der Interpretation mittelalterlicher Texte von besonderer Bedeutung.

Das Brautwerbungsschema als Erzählstruktur mittelalterlicher Literatur

Wenn man nun allein das Brautwerbungsschema als Erzählstruktur betrachtet, formuliert Schmidt-Cadalbert im wesentlichen zwei Schemata.[4]

Zunächst das Schema der ungefährlichen Brautwerbung, in dem die gegenseitige Minne von Werber und Braut eher unwichtig ist und es auf die staatspolitischen Vorteile durch die eheliche Verbindung ankommt. Hier wird der Werber bzw. der Herrscher beschrieben, es folgt die entscheidende Ratszene, danach wird die Braut beschrieben und die Werbung und Vermählung findet unmittelbar statt. Die Brautwerbung verläuft konfliktlos.

Bei der gefährlichen Brautwerbung hingegen steht zwar die Eheschliessung im Vordergrund, ist die gegenseitige Minne von Werber und Braut aber noch wichtig. Diese Brautwerbung verläuft immer mit einem Konflikt, was sie natürlich zu einem wesentlich interessanteren Erzählstoff macht. Meist muß die Braut durch List, Gewalt oder das Lösen von Aufgaben erworben werden, da der Brautvater gegen die Verbindung ist. Es muss demnach eine Versöhnung mit dem oder Tötung des Brautvaters stattfinden, damit es zur Hochzeit und Heimführung der Braut kommen kann. Oft kommt noch die Rolle eines außergewöhnlichen Helfers hinzu, der den Werber unterstützt oder gar die Braut für den Werber gewinnt. Wird die Braut entführt, kann es im doppelten Schema noch zu einer Rückentführung durch den Brautvater kommen, auf die dann der Entscheidungskampf mit der endgültigen Gewinnung folgt.

Grundsätzlich gibt es im Brautwerbungsschema immer ein glückliches Ende.

Nun gibt es selbstverständlich viele Erzählungen in der mittelalterlichen Literatur, in denen es zu leichten Abwandlungen[5] dieser Handlungsmuster kommt.

Beispielsweise ist die Werbung um die starke Frau (im Nibelungenlied die Werbung Gunthers um Brünhild) ein Spezialfall, da es keinen Brautvater gibt, der die Braut behüten will und um sie kämpft, sondern die Braut selbst für sich kämpft und sich gegen die Vermählung zur Wehr setzt.

Weiter kann die Werbungsfahrt von einem Boten übernommen werden, der an des Werbers Statt die Braut durch Überlisten des Brautvaters für den Antrag gewinnt und entführt oder vom Brautvater nach Verkündung der Werbebotschaft gefangengesetzt und gegebenenfalls durch die Braut befreit und mit positiver Antwort an den Werber entlassen wird.

Ebenso kann auch in der ungefährlichen Brautwerbung ein Bote im Namen des Werbers um die Hand der Zukünftigen anhalten.

Im Aventiureroman, betont Schmidt-Cadalbert, liegt allerdings beim Brautwerbungsschema ein anderer Schwerpunkt vor. Die Suche des Protagonisten nach seiner Bestimmung bildet sein thematisches Zentrum und die Brautwerbung ist Teil davon.[6]

Daher muß sich der werbende Ritter auch in seine Braut verlieben, um dann ihre Gunst als Lohn für seine Bewährung zu erhalten.

Es existieren noch viele Varianten des grundlegenden Musters einer Brautwerbung.

Sie alle zu nennen ist nicht das Anliegen dieser Arbeit. Vielmehr soll untersucht werden, inwiefern das Schema einer Brautwerbung als Handlungsmuster im Nibelungenlied vorkommt. Es soll also geprüft werden, ob man die im Nibelungenlied vorkommenden Brautwerbungen einem der genannten Schemata oder einer Abwandlung dieser zuordnen kann, oder ob sich zumindest teilweise Handlungsmuster aus einem für mittelhochdeutsche Brautwerbungsdichtung typischen Schema in den nibelungischen Brautwerbungen finden lassen.

Brautwerbungsschemata und ihre Variationen im Nibelungenlied

Das Nibelungenlied berichtet uns von drei Brautwerbungen. Zunächst wirbt Siegfried um Kriemhild. Im Zusammenhang damit wirbt Gunther um Brünhild. Später wirbt Etzel um Kriemhild.

Die Werbung Siegfrieds um Kriemhild:

Das Nibelungenlied beginnt, wenn man von der negativen Vorausdeutung durch Kriemhilds Traum in der ersten Aventiure absieht, wie viele andere mittelhochdeutsche Erzählungen mit dem Schema einer Brautwerbung.[7] Der verzögerte Anfang des Schemas ist allerdings durchaus typisch für einen Aventiureroman.[8]

Der Held Siegfried, ein Königssohn aus den Niederlanden, wird über die gesamte zweite Aventiure eingeführt, es findet eine konventionelle Helden- bzw. Herrscherbeschreibung statt. Die Werbung wird dadurch ausgelöst, dass Siegfried von der Schönheit Kriemhilds, einer burgundischen Königstochter, hört

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten [9]

und den Wunsch nach einer festen Bindung verspürt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

und Siegfried beschliesst, um Kriemhild zu werben.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Den Zuhörern wird allerdings schon vorher der Ausgang der Brautwerbung verraten:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Vorausdeutungen dieser Art im Nibelungenlied können als Zusammenfassung vor dem entsprechenden Abschnitt gesehen werden[10] und dienen auch dem Hinweis auf ein Erzählschema, in diesem Fall dem Handlungsmuster der Brautwerbung.

Siegfried begibt sich auf Werbungsfahrt, die mit dem üblichen Aufwand vorbereitet wird (Strophe 62 – 68), zum Wormser Hof, an dem Kriemhild bei ihren Brüdern lebt.

Er wird mit seinen Begleitern gebührend empfangen und auf der Wormser Seite wird diskutiert und ausführlich erklärt, wer die Neuankömmlinge sind (72 – 106).

Doch dann bringt Siegfried sein Anliegen zunächst gar nicht vor, sondern fordert den burgundischen König zum Kampf heraus (ab Strophe 107) und setzt sein Land und seine Herrschaft als Kampfpreis. Das Gleiche erwartet er von König Gunther.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Siegfried durchbricht mit seiner Handlung das höfische Zeremoniell und wird zum „unhöfischen Herausforderer“[11]. Mit seinem aggressiven Auftritt in Worms erscheint er „quasi in der Rolle eines Helden aus dem höfischen Roman, der ein Land und die Hand einer Frau zu erringen sucht“[12]. Tatsächlich erfahren wir jedoch nicht, wodurch Siegfried zu dem Sinneswandel, aus der Werbung um Kriemhild eine Machtprobe um Land und Herrschaft zu machen, veranlaßt wird. Vielfach wird in der Forschung spekuliert, dass Siegfried sich hier als Ritter beweisen will, dass er übermütig in kriegerisch-heroischem Bewußtsein handelt und sein Verhalten als übertriebene Tapferkeitsgeste zu deuten ist.[13] Jan-Dirk Müller sieht in Siegfrieds Werbung um Kriemhild „beide Motive – Kampf um die Herrschaft und Kampf um die Frau – so selbstverständlich miteinander verknüpft, daß sie füreinander eintreten können. Der Zweikampf um Gunthers Land soll, so scheint Sivrit vorauszusetzen, ihm auch die Frau verschaffen, deretwegen er nach Worms gekommen ist. Damit trifft er auf Unverständnis und Ablehnung. Das Prinzip, daß der Stärkste die Schönste erhält, wird abgebogen. Es läßt sich in dem komplexen Herrschaftssystem von Worms nicht unmittelbar realisieren.“[14]

Der Handlungsstrang der Brautwerbung wird also lediglich unterbrochen bzw. mit dem Motiv des Kampfes um die Herrschaft zusammengeführt. Zwischenzeitlich wird das Interesse Siegfrieds kurz wieder auf sein ursprüngliches Begehren gelenkt (123,4: dô gedâhte ouch Sîvrit an die hêrlîchen meit. [ Da begann auch Siegfried an das wunderschöne Mädchen zu denken]), um seinen folgenden Verhaltensumschwung einzuleiten, und dann, als Siegfried am Wormser Hof bleibt, wird das Handlungsmuster der Brautwerbung mit seinem Wunsch nach hoher Minne fortgeführt (131,4: er het ûf hôhe minne sîne sínné gewant.Er hatte seine Gedanken auf die hohe Minne gerichtet.).

Bevor jedoch das Handlungsmuster der Brautwerbung wieder aufgegriffen werden kann, muß Siegfried vollständig zurück zum höfischen Benehmen finden. Dies gelingt durch König Gunther, indem dieser Siegfrieds Provokation geschickt abwendet und ihm dadurch zurück zu den Spielregeln der höfischen Gesellschaft verhilft.[15] Er heißt Siegfried als Gast willkommen und bietet ihm freundschaftlich und in der Sprache höfischer Konvention an, was dieser vorher in Feindseligkeit gefordert hat.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Nun beginnt die Zeit des Wartens. Siegfried beginnt, sich als eher für die Lyrik typischer Minneritter zu verhalten, und er muss sich lange gedulden, bis er Kriemhild endlich einmal zu Gesicht bekommt. „Die Liebe, die so stark ist, um die noch nicht geschaute Geliebte in die Gedanken zu holen, ist höfisch.“[16] Kriemhild liebt Siegfried ebenso, kann ihn aber beobachten.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Und so hält Siegfried mit dem Bild seiner Zukünftigen im Herzen über ein Jahr aus,

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

bis es durch einen „Anstoß der Werbungshandlung von außen“[17] zur langersehnten ersten Begegnung kommt. Siegfried muß sich noch als vollkommener Ritter bewähren und so bietet er Gunther in der vierten Aventiure an, ihn beim Sachsenkrieg zu unterstützen (156;159;160).

Als Belohnung für seine tapfere Hilfe im Kampf gegen die Sachsen und Dänen erhält er im Rahmen des Siegesfestes „die symbolische Gabe des gruoz der Dame vor dem ganzen Hof.“[18]

Die erste Begegnung von Kriemhild und Siegfried wird kunstvoll in der fünften Aventiure inszeniert. Zunächst rät der Ritter Ortwin dem König, seine Schwester vor den Gästen erscheinen zu lassen (274,3). Dies geschieht (281) und Siegfried lebt bei ihrem Anblick förmlich auf (283). Doch er zweifelt immer noch an der Möglichkeit, sie für sich gewinnen zu können (285). Da rät Gernot, der Bruder des Königs, Siegfried als Auszeichnung für seine hervorragenden Leistungen durch Kriemhild grüssen zu lassen (288). Gunther befolgt den Rat (289) und Siegfried kommt in den Genuß der ersten Begegnung (291,4-292).

Die gegenseitige Annäherung von Siegfried und Kriemhild vollzieht sich nun in mehreren Schritten.[19] Sie gibt ihm die Hand (293,1), sie tauschen heimlich verliebte Blicke aus (293,3-4), sie tut ihre Zuneigung kund (294,4), sie gehen Hand in Hand (295,4) und dann wird ihr sogar erlaubt, ihn zu küssen (297,3). Die weiteren zwölf Festtage verbringen Kriemhild und Siegfried gemeinsam (305). Die „Heimlichkeit [im Zusammenhang mit Siegfrieds und Kriemhilds Begegnung] (Nl: 241; 285; 293) entspringt jedoch nicht der Notwendigkeit, den Brautvater überlisten zu müssen, die eine so wichtige Rolle in den übrigen Erzählungen spielt, sondern ist lediglich Ausdruck des zu hoher Minne gehörenden Verhaltens.“[20]

Siegfried ist sich erst jetzt der Liebe Kriemhilds gewiß, denn er konnte ja bisher im Gegensatz zur Zuhörerschaft nicht wissen, welche Aktivitäten sie bereits betrieben hat, die ihr Interesse an ihm schon ausreichend bekundet haben ( 132,4; 134,1; 137,3; 224,2-4; 241,1-3 ).

Mit dieser Vergewisserung kann sich Siegfried wieder weiter im Handlungsmuster der Brautwerbung bewegen. Er hat sich im Sachsenkrieg als vollkommener Ritter bewährt und damit auch seine Gefolgschaftstreue Gunther gegenüber unter Beweis gestellt. Nachdem er Kriemhild persönlich kennengelernt hat, ist er sich auch der Liebe seiner Auserwählten sicher. Wir befinden uns also, vom Ablauf der Brautwerbung her, kurz vor dem Moment des Antrages an Gunther um die Hand Kriemhilds.

Siegfried ist durch die Minne zu Kriemhild ruhiger geworden. Er ist inzwischen bereit, sich ihrer Liebe unterzuordnen, indem er sich dem Minnedienst um ihretwillen ausliefert und sich mit ganzem Herzen ihrer würdig erweisen will.

„Der Autor läßt Siegfried einen 'Lernprozeß' durchlaufen, der zeigt, daß höfisches Verhalten heldisch-kriegerischem letztlich überlegen ist. Siegfried erwirbt Kriemhilds Liebe nicht mit Gewalt, sondern über den Dienst am Hof und für den Hof.“[21]

Nun aber erfolgt kein typischer Antrag des Helden an den entsprechenden Rechtsvertreter, sondern ein eidlich abgesicherter „Frauentausch“.[22]

Gunther entschließt sich zur Werbung um Brünhild und bittet um Siegfrieds Hilfe.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Dieser nutzt den erneuten „Anstoß von außen“[23], um seinem Ziel, Kriemhild zu ehelichen, ein Stück näher zu kommen, und schlägt Gunther einen Handel vor, der gleichzeitig einem Antrag bei Gunther um die Hand seiner Auserwählten entspricht.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Gunther nimmt diesen Handel an und sichert damit das Vertragsverhältnis ab (334).[24]

Siegfried erobert also für Gunther die starke Brünhild und erwirbt damit im Rahmen des Brautwerbungsschemas durch Lösen von Aufgaben seine Zukünftige.

Er erinnert Gunther nach ausgeführter Aufgabe an sein Versprechen (608) und erhält, wie abgesprochen, seine Braut (609; 612-613). Es folgt, dem Schema entsprechend, die Hochzeit mit grossem Hoffest in Worms (614-627) und die anschließende Heimführung der Braut nach Xanten mit der dortigen Ankunft (700-702; 703-710).

Ursula Schulze betrachtet diese Brautwerbung abschließend wie folgt:

„Siegfrieds Werbung um Kriemhild hat der Nibelungenlied -Dichter nicht auf einen bestimmten Handlungsakt konzentriert, sondern als einen diffusen Prozeß zergliedert, der als Motivkomplex über mehrere Aventiuren reicht: Kämpferische Bewährung spielt als Voraussetzung, Kriemhild zu gewinnen, ebenso eine Rolle (3.und 4. Aventiure) wie die Entfaltung gegenseitiger Zuneigung (5. Aventiure) und der Vertrag mit dem Vormund der Braut über Leistung und Gegenleistung (6. und 7. Aventiure). Damit stellt sich Siegfrieds Werbung als Collage aus verschiedenartigen, der zeitgenössischen Realität und Literatur entnommenen Elementen dar.“[25]

Wir können also durchaus Handlungsmuster der für mittelhochdeutsche Erzählungen typischen Brautwerbung in der Werbung Siegfrieds um Kriemhild entdecken[26], allerdings handelt es sich hier nicht um einen kontinuierlichen Erzählvorgang.

Die Brautfahrt beginnt auf konventionelle Weise. Bei Siegfrieds Ankunft in Worms läuft sie jedoch nicht, wie bei seinem Verhalten und der vorherigen Beschreibung König Gunthers durch seinen Vater erwartet, in den Ausbruch offener Rivalität, der in der Brautwerbungsdichtung häufig zum Hauptgegenstand der weiteren Handlung wird.[27] Stattdessen entwickelt sich das Verhalten des Protagonisten in ein Handlungsmuster, welches einem typischen Minneritters entspricht.

Die Absicherung der gegenseitigen Minne vor dem eigentlichen Antrag entspricht durchaus wieder dem Brautwerbungsschema im Aventiureroman. Das Tauschgeschäft entspricht, abgesehen von dem Inhalt der Vereinbarung, auch dem Muster eines in der gefährlichen Brautwerbung vorkommenden Erwerbs der Braut durch die Lösung von Aufgaben. Hochzeit und Heimführung der Braut entsprechen wieder dem üblichen Muster.

Die Werbung Gunthers um Brünhild:

Ähnlich wie bei Siegfried wird der Entschluß König Gunthers zur Werbung um Brünhild dadurch ausgelöst, dass er von Brünhilds Schönheit und außerordentlicher Kraft erfährt.

Brünhild wird, genauso wie Kriemhild, als zu umwerbende Braut beschrieben und mit den üblichen Attributen belegt.[28]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Gunther beschließt, um Brünhild zu werben

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und es folgt die typische Ratszene (330; 331), in der Siegfried von dem Vorhaben abrät.

Der Dichter berichtet uns, dass Brünhild erwartet, von ihrem zukünftigen Gemahl in drei Kampfesspielen übertroffen zu werden (326,4 – 327,3). Schafft der Freier dies nicht, müssen er und seine Begleiter den Tod finden (327,4; 423,2-4). Brünhild ist demnach als ein Spezialfall innerhalb der schemagebundenen Werbung zu betrachten. Sie wird nicht durch einen Brautvater verteidigt, sondern ist ihre eigene Hüterin. Sie nimmt sozusagen die Position des Brautvaters ein. Die Gewinnung ihrer Minne und die Bezwingung der Hütegewalt fallen zusammen.[29]

Es ist von vornherein klar, welche Aufgaben der Werber zu lösen hat. Daher kann die Botenfahrt entfallen.[30]

Hagen schlägt Gunther vor, Siegfried um Unterstützung zu bitten. Gunther tut, wie ihm geheißen, und es kommt zum bereits oben erwähnten „Frauentausch“ (siehe Seite 12).

Siegfried beweist also erneut seine Gefolgschaftstreue gegenüber dem König und verpflichtet sich, als außergewöhnlicher Werbungshelfer durch Benutzen seiner Tarnkappe Brünhild für Gunther zu erringen (336 – 338). Er möchte sich als würdig genug für Kriemhild erweisen (388,4). Gunther aber handelt nicht wie es die Etikette für einen höfischen Ritter und Herrscher vorsieht, sondern akzeptiert in Anbetracht der Gefahr für sein Leib und Leben den Betrug, der ihm die Eheschließung mit Brünhild ermöglicht.

Siegfried empfiehlt Gunther, mit wie vielen Personen sie die Werbungsfahrt antreten sollen (341; 342) und welche Gewänder zu diesem Anlaß getragen werden sollen (344). Er führt das Schiff als einzig Kundiger gen Isenstein (378; 382; 384) und er schlägt eine fiktive Unterordnung seinerseits als Garantie für den Erfolg der Mission vor.

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Die Vorbereitungen für die Werbungsfahrt verlaufen, dem Handlungsmuster gerecht, wieder sehr aufwändig (345 - 376). Auch die Ankunft und der Empfang in Isenstein verlaufen, abgesehen von der ungewöhnlichen Idee der erfundenen Unterordnung Siegfrieds und der damit verbundenen Andersartigkeit der persönlichen Begrüßung der Reisegruppe durch Brünhild, schematypisch (389 - 419). Das Anliegen Gunthers wird durch Siegfried als Werbungshelfer ohne Umschweife vorgetragen (420 – 422), die Bedingungen für den Wettkampf werden festgelegt (423 – 427).

„Es ist unübersehbar, daß die Königin in ihrer Heimat für das charismatische Herrschaftsprinzip steht. Bezeichnend ist in diesem Zusammenhang, daß während der Diskussion über die Werbung die Erwähnung ihrer großen körperlichen Kraft im Vordergrund steht, nicht der herkömmliche Preis ihrer Schönheit.“[31]

Die Wettspiele werden vorbereitet (428 – 433) und finden schließlich statt (451 – 465).

Siegfried, durch seine Tarnkappe unsichtbar, gelingt es im Rahmen seiner Verpflichtung als außergewöhnlicher Werbungshelfer Gunther als den siegreichen Kämpfer erscheinen zu lassen (454; 458; 463,3 - 465). Die Erfüllung seiner Aufgabe durch List, hier also durch die Tarnkappe, ist ebenfalls ein Erzählelement, welches auch in vielen anderen Brautfahrterzählungen verwendet wird.[32]

Siegfried ist hier der tapfere, während Gunther eher feige wirkt[33].

Brünhild ergibt sich und hält ihr Versprechen, mit nach Worms zu kommen und Gunther zu ehelichen (466,3-4; 468,2-3; 4743-4; 475; 526). Während der Heimführung nach Worms verwehrt sie sich Gunther (528,1) und es wird von einem Aufschub der Hochzeitsnacht bis zum Fest auf der Wormser Burg gesprochen (528,2-3). Allerdings wurde bis dahin das Stattfinden der Hochzeit zwischen Gunther und Brünhild nicht wörtlich erwähnt. Auch in Worms wird direkt im Text nur von der Vermählung Siegfrieds mit Kriemhild erzählt (614 – 616). Gunthers und Brünhilds Jawort wird nicht explizit berichtet, doch wird Brünhild während des Hoffestes Gunthers Gemahlin genannt (626,2).[34] Es hat demnach eine Doppelhochzeit stattgefunden.

Gemäß dem Handlungsmuster der gefährlichen Brautwerbung kommt es jetzt aber zu einer Komplikation. Brünhild sieht in Siegfried aufgrund seiner fiktiven Unterordnung den Leibeigenen Gunthers und trauert um die nicht standesgemäße Heirat ihrer Schwägerin (618 - 624). Sie nimmt erneut die Position des sich im Schema nun rächenden Brautvaters ein und droht Gunther mit Liebesentzug, Gewalt und Erniedrigung, sofern sie keine Aufklärung über die Gründe der Vermählung von Gunthers Schwester mit Siegfried erhält (622; 635; 640). Gunther gelingt es nicht, Brünhild zu beschwichtigen (621; 633). Sie überwältigt ihn bei dem Versuch, sich ihrer zu bemächtigen (636 – 641).

Gunther benötigt erneut Siegfrieds Hilfe (651 - 652). Es zeigt sich darin eine deutliche Abhängigkeit des Königs, in diesem Fall des Werbers, von seinem Gefolgsmann. Siegfried muß über den vereinbarten Zeitpunkt des Ableistens seines Dienstes im Zusammenhang mit seiner eigenen Brautwerbung für Gunther aktiv werden. Das ist für mittelhochdeutsche Erzählungen ungewöhnlich.[35]

Nach Wachinger ist dies nur möglich, weil sich Siegfrieds Hilfe „in den höfischen Formen einer Gefälligkeit abspielt und weder von Siegfried noch von Gunther als reale Unterordnung aufgefaßt wird.“[36]

Siegfried besiegt also ein zweites Mal die starke Brünhild mit seiner Tarnkappe für Gunther (665 – 677) und überlässt sie ihm danach für die verspätete Hochzeitsnacht (679,1; 680,4). Brünhild erliegt scheinbar Gunther nun auch körperlich und wird somit voll und ganz seine Frau (677,4; 678; 680,4). Der Verlust ihrer Jungfräulichkeit raubt ihr sämtliche übermenschliche Stärke, die zärtliche Liebe Gunthers entmächtigt sie dieser übernatürlichen Kräfte und macht aus ihr eine gewöhnliche Ehefrau (681 – 683,2). Siegfried entwendet Brünhild allerdings als Beweis seiner tatsächlichen Überlegenheit ihren Ring und ihren Gürtel (679,3 – 680,1). „Diese eigenmächtige Handlung Sîvrits sprengt [...] den Rahmen der Brautfahrterzählung.“[37]

„Panzer (1912,S.144ff., und 1955, S.322) weist auf ein russisches Brautwerbermärchen hin, von dem in oraler Überliefeung etwa 35 Versionen existieren und deren Handlungsverlauf der Werbung um Brünhild in auffallender Weise gleicht. [...] Das russische Märchen kennt allerdings die Tarnkappe nicht.“[38]

Was Siegfrieds Standeslüge bezwecken soll, bleibt jedoch unklar. Heinzle findet es „in keiner Weise einzusehen, weshalb Gunthers Werbung und der eigentliche Werbungsbetrug – Siegfrieds heimliche Hilfe bei den Kampfspielen – nicht auch ohne sie erfolgreich sein sollte (allenfalls könnte man sich mit der Annahme behelfen, Siegfried habe sich bei den Kampfspielen in der Vasallenrolle leichter aus dem Kreise der Zuschauer stehlen können [...] ).“[39] Wenn sich der Epiker des Nibelungenliedes an alten Sagen orientiert hat, gibt es noch die Möglichkeit der etwas mißlungenen Verschmelzung von unterschiedlichen Quellen.[40] In der Thidrekssaga wird beispielsweise erzählt, daß sich Brünhild und Siegfried (dort Sigurd) kennen, er sie ursprünglich heiraten wollte, sich dann aber für Grimhild entschieden hat. Dies würde erklären, warum „unser“ Siegfried so gut über Brünhild Bescheid weiß und warum Brünhild Siegfried bei der ersten Begegnung unter den vier Ankömmlingen ausmacht und in ihm den Werber vermutet.

In einer anderen Sage begab sich Siegfried in der Gestalt Gunthers zu Brünhild. In der ältesten Sagenform handelt Siegfried als Bevollmächtigter Gunthers, begibt sich allein zu ihr und schließt die Ehe an Stelle seines Schwagers mit ihr.

Es ist aber trotz allem nicht verständlich, warum Siegfried, wenn er im Nibelungenlied nur durch seine Betrugshandlung seine eigene Braut gewinnen kann, nicht von der Ankunft in Isenstein an seine Tarnkappe benutzt. Er hätte Gunther so helfen können, ohne auch nur ein einziges Mal in Isenstein in Erscheinung zu treten. Ein Mißtauen Brünhilds hätte dann gar nicht aufkommen können und sie hätte Siegfried erst in Worms kennengelernt, so dass keine Standeslüge notwendig gewesen wäre.

Müller sieht des Rätsels Lösung in der Tatsache, dass Brünhild nur den stärksten aller Männer als ihren Gemahl zu nehmen bereit ist. Sie sucht die zu ihrer Person ebenbürtige Figur. Siegfried, eigentlich ebenbürtige Figur zu Brünhild, eilt sein weit über die Grenzen seines Landes bekannter Ruf voraus. Er gilt als der starke Sîfrit (416,2). Wenn Gunther mit seiner Werbung Erfolg haben will, muss er als der Stärkste erscheinen und damit auch stärker als Siegfried sein. Die Standeslüge drückt nun genau dieses aus und ist daher „notwendig für die gewünschte Rollenverteilung“[41]. Ohne die Standeslüge würde Brünhild vielleicht - trotz Gunthers scheinbarer Überlegenheit ihr gegenüber - anzweifeln, dass er der stärkste aller Männer ist. Sie würde die Möglichkeit ausschließen, dass der sagenumwobene Siegfried bei einem Vergleich tatsächlich Gunther unterliegen würde. Die Standeslüge sichert also jegliches Mißtrauen an der Unbesiegbarkeit Gunthers ab.

Gleichzeitig ist die erfundene, freiwillige Unterordnung Siegfrieds der entscheidende Faktor für den späteren Königinnenstreit und damit auch für den tragischen Ausgang des Nibelungenliedes. Sie ist das Schlüsselmoment zum weiteren Verlauf der ganzen Geschichte und absolut notwendig für den Fortgang der Erzählung.

Der Dichter hat hier das übliche Brautwerbungsschema abgewandelt und den außergewöhnlichen Werbungshelfer der gefährlichen Brautwerbung durch die Tarnkappe „auf der Oberfläche zum Verschwinden gebracht“[42], damit nach den Regeln von Brünhilds Wettkampf gespielt werden kann. Weiter hat er das Mitwirken Siegfrieds an diesem Werbungsbetrug durch die Standeslüge möglich gemacht. Die schemabrechenden Erzählelemente, wie Siegfrieds Raub von Ring und Gürtel, lassen die Zuhörer besondere Aufmerksamkeit auf die entsprechenden Szenen lenken. Außerdem dienen sie der späteren Beweisbarkeit von Siegfried und Gunthers Betrugshandlung.

Die Werbung Gunthers um Brünhild entspricht also, vom Standpunkt der Zuhörer aus, dem Brautwerbungsmuster der gefährlichen Brautwerbung.[43]

Allerdings vermißt Achauer bei Gunthers Werbung die Liebe Brünhilds und sieht die Anlegung der „minne-Geschichte Gunthers und Brünhilds bewußt als Parallelhandlung zu der Siegfrieds und Kriemhilds [...]. Während der Xantener und die Burgundin einander auch als Individuen zugetan sind, geht es bei Gunther und Brünhild nur um die dem anderen 'anhängenden Eigenschaften [...]'.[44] Die gegenseitige Minne ist aber bei der gefährlichen Brautwerbung ein wichtiges Element. Auch im Nibelungenlied stellt die Minne von Mann und Frau in Verbindung mit der Ehe einen handlungstreiben Faktor dar.[45] Dies trifft hier jedoch nur auf Gunther zu.

Die Werbung Etzels um Kriemhild:

Auch bei Etzels Werbung um Kriemhild lassen sich die traditionellen Erzählelemente einer Brautwerbung wiederfinden. Da Etzel aber der dem Publikum schon hinreichend bekannte Hunnenkönig ist, entfällt die Herrscherbeschreibung nahezu. Auch wird die Werbung weniger durch das Hörensagen von Kriemhilds Schönheit und Etzels Entschluß zu einer festen Bindung ausgelöst, sondern durch den Tod der ersten Ehefrau Etzels, Frau Helche (1143,1-2), und die mit einer erneuten Heirat verbundenen persönlichen sowie staatspolitischen Vorteile. Daher geht der Nibelungendichter direkt zur Ratszene über, in der Etzels Freunde ihn in dem Vorhaben bestärken, obwohl Etzel Heide und Kriemhild Christin ist (1143,3 – 1150).

Die Wiederverheiratung einer Witwe war um 1200 innerhalb der Kirche umstritten, die Heirat mit einem Heiden aber war nach kirchlichem Recht grundsätzlich verboten.[46]

Indem der Dichter Kriemhild den Antrag annehmen lässt, geht Kriemhild ins Heidentum über und ihr zukünftiges Handeln ist nur noch politisch und nicht mehr christlich motiviert.[47] Der Dichter macht somit die tatsächlichen, hinterhältigen Gründe von Kriemhilds Zusage noch deutlicher und lässt über der Situation unheilvolle Vorahnungen schweben.

Es folgt die Botenbestimmung, bei der sich der Markgraf Rüdiger von Bechelaren als Brautwerber anbietet (1153), und die traditionsgemäße Schilderung der Reisevorbereitungen (1155 – 1161). Die Reise selbst wird – wie so häufig in der mittelhochdeutschen Literatur – unspektakulär beschrieben und wirkt nur durch die Unterbrechung in Bechelaren (1165 – 1173) mit den erneuten Vorbereitungen der Weiterfahrt von dort länger als bei den anderen beiden Brautfahrten.

In Worms angekommen gibt es einen normalen Empfang (1175,2 – 1177,2), natürlich auch die Aufklärung über die fremden Gäste auf der Wormser Seite (1177,4 – 1183) und die übliche Begrüßungszene (1184 – 1190). Danach trägt der Bote Rüdiger sein Anliegen unmittelbar vor (1191 – 1199). Er darf den Antrag an Kriemhild persönlich stellen und es kommt, nach einigen Abwehrversuchen von Kriemhild, den Boten überhaupt zu empfangen (1216 – 1221), zu einer sogenannten Kemenatenszene.[48] Rüdiger trägt Kriemhild die Werbung Etzels mit beredten Worten vor. Er lobt und preist seinen Herr als mächtigen König (1224 – 1240).

Zunächst hat Kriemhild kein Ohr für Rüdiger. Sie lebt seit dreizehn Jahren in Trauer um ihren ermordeten Siegfried bei ihrer Familie. Der immerwährende Schmerz und Etzels Heidentum scheinen eine neue Ehe unmöglich zu machen (1218; 1238; 1245; 1248). Schröder findet dies bei „einer in erster Linie unter ihrer Entmachtung Leidenden [...] sehr merkwürdig“[49] (1247).

Kriemhilds Mutter und Brüder raten wegen der staatspolitischen Vorteile und der eigenen Schuldgefühle an dem ihr in der Vergangenheit zugefügten Leid, sowie der Hoffnung auf eine „rosigere“ Zukunft für Kriemhild zu einer Vermählung mit Etzel (1243 – 1244; 1246; 1263).

In einem privaten Gespräch schwört Rüdiger schließlich für sich und seine Männer, jedes ihr angetane Leid zu rächen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die durch Etzels Werbung eröffnete, langersehnte Chance zur Rache aufgrund eines neuen Machtstatus´ und Rüdigers eidlich abgesichertes Hilfeversprechen ist der ausschlaggebende Punkt für Kriemhilds Entscheidung, in die Eheschließung mit dem Hunnenkönig einzuwilligen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Rüdiger weist noch auf die zahlreichen Christen an Etzels Hof hin (1262,1-2) und stellt eine mögliche Bekehrung Etzels in Aussicht (1262,3-4).

Hagen rät Gunther erfolglos ab, die Hochzeit zu gestatten, da er Kriemhild an der Seite des mächtigen Hunnenkönigs fürchtet (1203; 1205; 1206,4; 1207,4; 1212) , womit der Dichter wieder eine Vorausdeutung auf das tragische Ende in den Erzählkontext eingebaut hat. Gunther aber hat einen Schwur geleistet, Kriemhild kein erneutes Leid zuzufügen, und stimmt der Heirat in diesem Sinne zu (1204,2-4).

Nach den üblichen Reisevorbereitungen und erneuten Streitigkeiten um den Nibelungenhort (1265 – 1289) tritt Kriemhild mit Rüdiger die lange Reise ins Hunnenland an. In Wien wird zu Pfingsten siebzehn Tage lang Etzels und Kriemhilds Hochzeit gefeiert (1365; 1367). Die vielen Völker, die Etzel untertan sind, erscheinen zu Kriemhilds Begrüßung und zum Feste. Anschließend wird sie auf Etzelnburg willkommen geheißen und lebt sich dort schnell ein.

Es lassen sich bei dieser Brautwerbung also typische Elemente finden, wie zum Beispiel die Ratszene, die Botenbestimmung, -ausrüstung und –fahrt, die Kemenatenszene, die Fahrt des Werbers bis nach Wien und das große Hoffest. Allerdings lassen sich in dieser Brautwerbung keine Gefahren und keine gegenseitige Minne entdecken.

Somit könnte man von dem ausgeweiteten Schema der ungefährlichen Brautwerbung reden, in der es nur auf die durch die Ehe entstehenden Vorteile auf beiden Seiten ankommt.

Handlungsmusterbrüche in den Brautwerbungsschemata als Stilmittel des Nibelungenliedes – Ein Fazit

Man kann also abschließend feststellen, dass keine der drei im Nibelungenlied vorkommenden Brautwerbungen ganz beziehungsweise ausschließlich einem Schema zugeordnet werden kann.

Alle Brautwerbungen enthalten jedoch eine Reihe von Erzählelementen, die typischerweise in Brautwerbungsschemata verwendet werden. Werbungsteilhandlungen fast jeden Schemas kommen vor. So finden wir traditionelle Herrscher- und Brautbeschreibungen, Ratszenen, die Bewährung des Werbers, einen außergewöhnlichen Werbungshelfer, Brauterwerb durch Lösen von Aufgaben und durch Anwendung von List, Versicherung der gegenseitigen Minne , eine Botenfahrt und natürlich drei Hochzeiten.

Alle Brautwerbungen sind also in irgendeiner Weise Abwandlungen des üblichen Schemas. Hier werden Handlungsmuster unterschiedlicher Brautwerbungsschemata vermischt (Siegfried und Kriemhild; Etzel und Kriemhild), dort wird ein bestimmtes Schema durchbrochen, um späteres, zur dramatischen Wende leitendes Handeln zu verankern (Gunther/Siegfried und Brünhild).

Mittelalterliche Personen handeln aber normalerweise formelhaft und ohne besondere charakterliche Tiefe. Der mittelhochdeutsche Dichter befasst sich in der Regel nicht mit der Schilderung der Motivation Einzelner oder den daraus entstehenden Problemen. Dadurch ist ein glückliches Ende trotz vorheriger Konflikte ohne großes erzählerisches Geschick möglich.[50]

Anders jedoch im Nibelungenlied. Die drei Brautwerbungen enden zwar erfolgreich, doch die Handlungen einzelner sind so sehr ineinander verwoben, dass das scheinbare Happy End einer jeden Brautwerbung den tragischen Ausgang der gesamten Erzählung eigentlich erst begründet.

Die in jeder der drei Brautwerbungen angewandten Schemaausweitungen oder –brüche machen deutlich, dass es sich nicht um eine gewöhnliche Brautfahrterzählung handeln kann. Die einzigartige Verknüpfung der ersten beiden Brautwerbungen legt durch das Nichteinhalten des traditionellen Schemas (durch die nur über den Umweg des Minneritters zu erwerbende Kriemhild und durch die nur scheinbar schemagerecht erworbene Brünhild) den Grundstein zur späteren Ermordung Siegfrieds. Sie ist damit auch die Voraussetzung für die dritte Brautwerbung und das dadurch entstehende tragische Ende des Nibelungenliedes.

Die verwendeten Handlungsmusterbrüche stellen also ein Stilmittel des Nibelungenliedes dar, durch das dieser Aventiureroman erst seinen für die mittelalterliche Literatur so ungewöhnlichen Verlauf nehmen kann.

Literaturverzeichnis

Textausgabe:

- Grosse, Siegfried: Das Nibelungenlied. Stuttgart 1997, Reclam

Fachbücher:

- Achauer, Heinz: Minne im Nibelungenlied. Diss., München, 1968
- Brandt, Marten: Gesellschaftsthematik und ihre Darstellung im Nibelungenlied und seinen hochmittelalterlichen Adaptionen. Europäische Hochschulschriften, Reihe I, Deutsche Literatur und Germanistik, Bd./Vol. 1643. Frankfurt am Main 1997, Verlag Peter Lang
- Ehrismann, Otfried: Nibelungenlied, Epoche – Werk – Wirkung. München 1987, C.H. Beck´sche Verlagsbuchhandlung
- Heinzle, Joachim: Das Nibelungenlied. Artemis Einführungen, Band 35, München, 1987, Artemis Verlag
- Müller, Jan-Dirk: Spielregeln für den Untergang, Die Welt des Nibelungenliedes. Tübingen 1998, Max Niemeyer Verlag
- Neumann, Friedrich: Das Nibelungenlied in seiner Zeit. Göttingen 1967, Vandenhoeck & Ruprecht
- Sattler, Sabine B.: Das „Nieblungenlied“ in der wissenschaftlichen Literatur zwischen 1945 und 1985, Ein Beitrag zur Geschichte der Nibelungenforschung. 2000, Lang
- Schmid-Cadalbert, Christian: Der Ornit AW als Brautwerbungsdichtung, Ein Beitrag zum Verständnis mittelhochdeutscher Schemaliteratur. Bern 1985, A. Francke AG Verlag
- Schröder, Werner: Nibelungenlied – Studien. Stuttgart, 1968, J.B. Metzlersche Verlagsbuchhandlung
- Schulze, Ursula: Das Nibelungenlied. Universal-Bibliothek, Nr.17604: Literaturstudium, Stuttgart, 1997, Reclam
- See, Klaus von: Die Werbung um Brünhild, in: ZfdA 1957/58, S.1-20
[Eine sagengeschichtliche Studie mit dem Versuch, ein stimmiges Bild der Werbungszene zu entwickeln.]
- Tisdell, Marie Elisabeth: Studien zur Erzählweise einiger mittelhochdeutscher Dichtungen. Europäische Hochschulschriften, Reihe I, Deutsche Literatur und Germanistik, Bd./Vol. 217. Bern 1978, Verlag Peter Lang
- Wachinger, Burghart: Studien zum Nibelungenlied: Vorausdeutungen, Aufbau, Motivierung. Tübingen 1960, Max Niemeyer Verlag

[...]


[1] Das Bild samt Untertitel ist dem Buch von Ursula Schulze, 1997, S.157 entnommen

[2] Das Bild ist einer Internetseite der Bibliotheca Augustana unter http://www.fh-augsburg.de/~harsch/germanica/Chronologie/12Jh/Nibelungen/nib_a_00.html entnommen.

[3] vgl. Christian Schmidt-Cadalbert,1985, S.43

[4] Christian Schmidt-Cadalbert, 1985, S. 69f und S. 95

[5] Christian Schmidt-Cadalbert (1985, S.57) nennt dies literarische <Spielformen> auf der Basis des Brautwerbungsschemas

[6] vgl. Christian Schmidt-Cadalbert, 1985, S. 60

[7] vgl. Marie-Elisabeth Tisdell, 1978, S. 106

[8] vgl. Christian Schmidt-Cadalbert,1985, S. 59

[9] Alle Originalzitate aus dem Nibelungenlied und deren Übersetzungen sind der im Literaturverzeichnis bibliographisch vollständig angegebenen Textausgabe entnommen.

[10] Vgl. Burghart Wachinger, 1960, S. 8f

[11] Ursula Schulze, 1997, S.178

[12] ebd., S.181

[13] vgl. Marten Brandt, 1997, S. 114ff; Otfrid Ehrismann, 1987, S.116ff, Friedrich Neumann, 1967, S.11

[14] Jan-Dirk Müller, 1998, S. 139

[15] vgl. Ursula Schulze, 1997, S.180

[16] Otfrid Ehrismann, 1987, S.119

[17] Burghart Wachinger, 1960, S.85

[18] Jan-Dirk Müller, 1998, S. 358

[19] vgl. Ursula Schulze, 1997, S.156

[20] Marie-Elisabeth Tisdell, 1978, S. 110; Die anderen Erzählungen, die Marie-Elisabeth Tisdell in Bezug auf identische und/oder abweichende stilistische und erzählerische Merkmale untersucht, sind fünf weitere mittelhochdeutsche Dichtungen: „Kudrun“, „König Rother“, „Dukus Horant“, „Herzog Ernst“ und „Biterolf und Dietleib“.

[21] Marten Brandt, 1997, S. 121; vgl. auch Burghart Wachinger, 1960, S. 107

[22] Jan-Dirk Müller, 1998, S. 358

[23] Burghart Wachinger, 1960, S.86

[24] vgl. Jan-Dirk Müller, 1998, S. 358

[25] Ursula Schulze, 1997, S.151f

[26] vgl. Christian Schmidt-Cadalbert,1985, S. 79; Schmidt-Cadalbert sieht das Nibelungenlied als eine durch das Schema der gefährlichen Brautwerbung teilbestimmte mittelhochdeutsche Dichtung. Er betrachtet allerdings nur Gunthers Werbung um Brünhild als eine solche, während Siegfrieds Werbung seiner Meinung nach nicht nach diesem Schema verläuft.

[27] vgl. Marie-Elisabeth Tisdell, 1978, S. 109

[28] vgl. Marie-Elisabeth Tisdell, 1978, S. 108

[29] vgl. Christian Schmidt-Cadalbert,1985, S. 63

[30] vgl. Christian Schmidt-Cadalbert,1985, S. 90

[31] Sabine B. Sattler, 2000, S.434

[32] vgl. Marie-Elisabeth Tisdell, 1978, S. 108

[33] vgl. Sabine B. Sattler, 2000, S.426

[34] hierbei wird im Mittelhochdeutschen zur Zeit der Entstehung des Nibelungenliedes zwischen wîp und vrouwe unterschieden. Aus dem Minnesang gilt zunächst wîp als Bezeichnung für die Ehefrau und vrouwe als Bezeichnung der Hofdame und der Frau als reine Geschlechtsspezifizierung. Die beiden Begriffe machten im Laufe der Zeit allerdings einen Bedeutungswandel durch. Im Nibelungenlied werden die beiden Begriffe auch mal im umgekehrten Sinn verwendet, was seine Begründung aber meines Erachtens im Reimschema hat

[35] vgl. Marie-Elisabeth Tisdell, 1978, S. 110

[36] Burghart Wachinger, 1960, S.108

[37] Marie-Elisabeth Tisdell, 1978, S. 110

[38] Panzer, Friedrich: Studien zur germanischen Sagengeschichte II.Sigfrid. München 1912 und: Das Nibelungenlied.Entstehung und Gestalt. Stuttgart/Köln 1955, zit.n. Siegfried Grosse, 1997, S.770

[39] Joachim Heinzle, 1987, S. 70; vgl. auch Marten Brandt, 1997, S. 122 (Brandt hält diese zusätzliche 'List' aufgrund der Tarnkappe für überflüssig.)

[40] vgl. Klaus von See: Die Werbung um Brünhild, in: ZfdA 1957/58, S. 1-20

[41] Jan-Dirk Müller, 1998, S. 88

[42] Jan-Dirk Müller, 1998, S. 88

[43] vgl. Christian Schmidt-Cadalbert,1985, S. 79

[44] Heinz Achauer, 1967, S.88

[45] ebd. S. 33ff

[46] vgl. Sabine B. Sattler, 2000, S.362

[47] Otfrid Ehrismann, 1987, S.162

[48] vgl. Marie-Elisabeth Tisdell, 1978, S. 32

[49] Werner Schröder, 1968, S. 106

[50] vgl. Marie-Elisabeth Tisdell, 1978, S. 33

26 von 26 Seiten

Details

Titel
Brautwerbung als Handlungsmuster im Nibelungenlied
Hochschule
Universität Hamburg
Veranstaltung
Seminar zum Nibelungenlied, WS 2001/02
Note
2-3
Autor
Jahr
2002
Seiten
26
Katalognummer
V108704
Dateigröße
559 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Kritik vom Dozenten -- positiv: viel Mühe + einschlägige Forschungsliteratur benutzt. negativ: Zitate wirken jedoch vielfach "angeklebt", nicht Teil einer argumentativen Auseinandersetzung. Fußnote 34 ist laut Prof so nicht korrekt. Ausdruck im Fazit (4.Absatz) zu sehr "durch die Brille der Neuzeit betrachtet".
Schlagworte
Brautwerbung, Handlungsmuster, Nibelungenlied, Seminar, Nibelungenlied
Arbeit zitieren
Bianca Prohl (Autor), 2002, Brautwerbung als Handlungsmuster im Nibelungenlied, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/108704

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