Goethe, Johann Wolfgang von - Die Leiden des jungen Werther - Der schicksalhafte Weg von Werther, Albert und Lotte


Essay, 2004

12 Seiten


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INHALT

Einleitung

Plädoyer für der gesunden Menschenverstand

Der Weg des Herzens

Lottes unschlüssiges Handeln

Literaturhinweis

Einleitung

Ich habe selten einen so erschütternden Roman gelesen wie Goethes “Werther”. Leidenschaftlich erlebt und leidenschaftlich geschrieben wie kein zweites Werk! – Eigentlich ist es eine banale Dreiecksgeschichte, was uns Goethe in diesem Roman erzählt: Werther liebt Lotte. Lotte ist mit Albert verheiratet. Und Werther muß Selbstmord begehen, weil einer von den dreien zuviel ist.

Mit was für einer Gefühlsintensität, mit was für einer sprachlichen Harmonie wird aber diese Liebes- und Leidensgeschichte erzählt! Alles ist wohl überlegt und geschickt aufeinander bezogen. Der Erzähler verliert an keiner Stelle den direkten Kontakt zum Leser; dafür sorgt der Briefromanstil. Man sieht, wie die Handlung gelassen beginnt, dann das Tempo von Monat zu Monat steigt und sich zuletzt nach der Ossianeinlage jäh und schmerzlich im Freitod von Werther überstürzt. – Thomas Mann hat dieses Werk nicht umsonst “ein Meisterwerk der Notwendigkeit, ein lückenloses, klug, zart und wissend gefügtes Mosaik” genannt.

Der perfekte Aufbau des Romans vermag aber nicht zu erklären, warum aus Goethes “Werther” ein zeitloser Klassiker geworden ist. Um das zu verstehen, müssen wir die Thematik des Romans näher ins Auge fassen: Gegenstand dieses Romans ist nicht einfach eine unerfüllte Liebe, die zum Freitod führt. Die Charaktere Werther, Albert und Lotte repräsentieren vielmehr die grundlegenden menschlichen Kategorien: Herz, Vernunft und unschlüssiges Handeln.

Es ist nicht einfach Werther, der Lotte hoffnungslos liebt und den Freitod sucht. Nein, es ist das Gesetz des Herzens, das Werther antreibt, in Liebe zu Lotte zu verglühen und alle Stadien des Leidens und des Untergangs zu erleben. – Die Liebe hält die Welt zusammen, und ihre Verhinderung läßt sie aus den Fugen geraten. Das ist das Gesetz des Herzens, und Werther muß es an eigenem Leibe erfahren.

Der Vernunft (Albert) fällt in diesem Roman nur die Nebenrolle zu. Sie ist machtlos, da der Gegner ‘Leidenschaft’ heißt. Im Kampf der beiden Pole siegt letztendlich das Herz und reißt seinen Besitzer (Werther) und die unschlüssig zwischen Leidenschaft und Vernunft lavierende Lotte mit in den Abgrund. Das Ganze erinnert an eine griechische Tragödie, die ihren von Göttern vorgezeichneten Weg geht. Keiner der Akteure kann sich diesem Ende entziehen; von allen wird erwartet, daß sie sich in ihr Schicksal fügen. – Gerade diese schicksalhafte Vorherbestimmung im Kampf der beiden Pole ‘Herz und Vernunft’ ist es, was aus Goethes “Werther” einen zeitlosen Roman macht und die Anhänger der Vernunft schier zum Verzweifeln bringt.

Plädoyer für den gesunden Menschenverstand

Das Spektakuläre an Werthers Selbstmord ist, daß er jeden vernünftig denkenden Menschen um sein Lebensmotiv betrügt. Ja, man kann sogar sagen, daß dieser Selbstmord eine ungeheure Provokation für das gesellschaftliche Zusammenleben darstellt. – Wie kann man eine Handlung aus Leidenschaft, aus dem Affekt heraus vor dem gesunden Menschenverstand rechtfertigen? Wie soll der Mensch überleben, wenn er bei lebenswichtigen Entscheidungen das Herz zuhilfe nimmt?

Die Antwort auf diese Fragen bleibt Werther schuldig. Nicht genug damit, daß er mit einem “Grundgesetz” der bürgerlichen Gesellschaft bricht und die Leidenschaft auf Kosten des gesunden Menschenverstandes ausleben will, im Vorwort des Romans heißt es sogar, daß der Leser Verständnis und Anteilnahme für seine Verzweiflungstat haben soll: “Ihr könnt seinem Geiste und seinem Charakter eure Bewunderung und Liebe, seinem Schicksale eure Tränen nicht versagen.”

Daß die Leidenschaft den Verstand bezwingen will und oft bezwingt, ist jedem vernünftig denkenden Menschen klar. Niemand will an diesem Grundkonzept des Lebens etwas ändern. Wogegen man sich aber wehrt, ist, daß Werther die Grundkonstellation zwischen Herz und Vernunft auf den Kopf stellen will. Bei ihm geht aus dieser tragischen Auseinandersetzung die Leidenschaft als Siegerin hervor. Der gesunde Menschenverstand bleibt auf der Strecke, weil er bei Herzensentscheidungen nur störend wirkt.

Dabei weiß doch jeder Mensch mit einiger Erfahrung, daß auf dem Lebensweg alle menschlichen Kategorien auf ihre Brauchbarkeit hin geprüft werden. Natürlich ist in jedem Menschen der Traum wach, bei geringsten Freiheitseinbußen die größtmögliche Leidenschaft zu erzielen. Es ist aber die Weisheit des Lebens, diese Träume den harten Tatsachen der Realität gegenüberzustellen und gegebenenfalls als unbrauchbar beiseitezulegen. Was einem dann im Alter von diesen Träumen übrigbleibt, ist die Erinnerung an die guten alten “Brandraketen”, die man seinerzeit so sorglos in die Welt geschossen hat.

Was hätte also Werther tun sollen? – Er hätte sich von erfahrenen Leuten seines Vertrauens beraten lassen sollen. Das ist eine Grundregel, die Werther streng zu befolgen hätte. Was macht er aber? Er hält an seiner vorgefaßten Meinung fest und läßt sich von niemandem beraten. So reitet er in vollem Galopp ins Unglück hinein, und niemand kann ihn vor diesem Untergang retten… Bei Werther hat man wirklich den Eindruck, als wollte er bewußt einen unüberbrückbaren Gegensatz zwischen Herz und Vernunft aufbauen. Wäre er nicht fixiert gewesen auf diesen Gegensatz, so hätte er sehen müssen, daß ihm noch so viele alternative Lösungen zur Verfügung standen.

Die beste Lösung wäre natürlich – einfach weggehen. Wo er Lotte nicht kriegt, sollte er sich nicht mehr in ihrer Nähe aufhalten. So hat sich übrigens auch Goethe bei der wirklichen Geschichte, die dem ersten Teil des Romans als Grundlage gedient hat, verhalten. Er ging einfach weg, ohne Abschied zu nehmen. In “Dichtung und Wahrheit” schreibt er dazu: “Da der Mensch, wenn er einigermaßen resolut ist, auch das Notwendige selbst zu wollen übernimmt, so faßte ich den Entschluß, mich freiwillig zu entfernen, ehe ich durch das Unerträgliche vertrieben würde.

Eine viel subtilere Lösung wäre aber der Vorschlag von Lotte: Werther soll eine Freundin von ihr heiraten und langfristig ihre Freundschaft genießen. Das bedeutet im Klartext: eine Frau, die die Liebe mit Mitleid verwechselt und Ehemann und Freund gemeinsam besitzen will, verdient keine andere Lösung als eine geschickt kaschierte Verführung. Werther soll sie also aus der respektierten Institution der Ehe heraus verführen.

Zugegeben, dieser Vorschlag wirkt etwas künstlich. Gegenüber der Verzweiflungstat von Werther erscheint er aber als eine wirkliche Alternative, die nicht unversucht bleiben sollte. – Selbst wenn Werther beim Lesen der Ossian-Gesänge Lotte nicht losgelassen und den Beischlaf mit ihr gesucht hätte, wäre das eine bessere Lösung gewesen als der Selbstmord. Das Gefühl der Liebe und der dagegen rebellierende Zorn wären wahrscheinlich so neu für sie gewesen, daß sie Werther zwischen Widerwillen und Verlangen erduldet hätte. Es wäre vermutlich bei diesem ersten Mal geblieben. Sie hätte womöglich den Kontakt zu Werther abgebrochen, wenn nicht größeres Unheil angerichtet.

Was macht aber Werther? Statt eine dieser Vernunftlösungen anzunehmen, begeht er Selbstmord und überläßt Lotte dem Ehemann, dem Albert… Kann es eine größere Dummheit geben? Er will sie haben, koste es, was es wolle. Mit dem Selbstmord scheidet er aber aus dem Rennen. Die Dummheit von Werther ist so groß, daß man nur noch zynisch werden kann.

Der Weg des Herzens

Ist Werther wirklich so dumm, wie ihn die Anhänger der Vernunft darstellen wollen? – Wohl kaum. Werthers Talente und Verstand werden von allen Menschen so hoch geschätzt, daß man ihn überhaupt nicht als dumm bezeichnen kann. Im Brief vom 9. Mai heißt es: “Auch schätzt er (der Fürst) meinen Verstand und meine Talente mehr als dies Herz, das doch mein einziger Stolz ist”.

Bei Werther handelt es sich vielmehr um eine hohe Intelligenz gepaart mit einem leidenschaftlichen Herz, das für ihn wegweisend ist. Und dieses Herz befiehlt ihm, unbedingt mit seinem Liebesobjekt, also mit Lotte, einszuwerden. Die Prioritäten sind also so gesetzt, daß Werther um jeden Preis dem Weg des Herzens folgen muß. Unter diesen Umständen erscheint es vollkommen logisch und konsequent, wie er den Freitod wählt. Er überlegt sich genau, welche Alternativen ihm zur Verfügung stehen und entscheidet sich “bei klarem Verstand” für diejenige Lösung, die seinem Ziel am nächsten kommt. Daß er dabei schnurstracks in sein Verderben rennt, wird als nebensächlich empfunden und nicht weiter hinterfragt. – Diese ganze Entwicklung möchten wir nun anhand Werthers Weltbild näher erläutern. Wir gehen dabei Schritt für Schritt vor und legen die Beweggründe für seinen Freitod in allen Einzelheiten dar.

Werther sieht die bürgerliche Gesellschaft in einem grundlegenden Widerspruch: Die Menschen sind frei; diese Freiheit ist ihnen aber unerträglich. Deshalb versuchen sie ihre Freiheit zu vergessen, indem sie gesellschaftliche Regeln und Normen schaffen. Diese Regeln zerstören jedoch die Glücksuche der Menschen, denn Glück stellt sich nur ein, wenn die Welt in Freiheit und unbefangen erlebt wird. Die Menschen sind daher verurteilt, unglücklich zu sein, solange sie in bürgerliche Regeln und Normen eingezwängt sind.

Werther empfindet Mitleid und stumme Traurigkeit um das Schicksal der Menschen. Er wird aber gegen die Regeln und Normen, die den Menschen ihr Glück rauben, nicht aktiv, weil sie ja in freier Entscheidung gewählt wurden. Damit unterscheidet sich Werther grundsätzlich von seinem Zeitgenossen Rousseau, der, vor dieselbe Frage gestellt, politisch-moralische Schlußfolgerungen zog: “Der Mensch ist frei geboren, und überall liegt er in Ketten.”

Den Standpunkt von Werther muß man eher als künstlerisch bezeichnen. Seine helle, ungeteilte Freude gilt den unverdorbenen Menschen und der unmittelbaren Ausdruckskraft der Natur. Er ist ein Künstler, der mit dem Objekt seiner Liebe einswerden will. Er teilt mit religiösen Mystikern das gemeinsame Ziel, in Liebe zu verglühen und in seinem Liebesobjekt aufzugehen. Darüber hinaus behauptet er, daß die beste Moralität im unbefangenen Handeln enthalten ist. Bei der entscheidenden Diskussion um das Recht auf Selbstmord wird klar, daß Handlungen, die aus Unbefangenheit und Unmittelbarkeit heraus geschehen, für Werther höher stehen als Vernunftlösungen.

Mit dieser Lebensauffassung hat aber Werther in der bürgerlichen Gesellschaft keine Existenzberechtigung. Zum Überleben braucht er daher unbedingt gesellschaftliche Nischen. Und diese Nischen findet er zum einen im wahren, vom Menschen nicht verdorbenen Zustand der Natur, dann aber in Menschen, die durch falsche gesellschaftliche Rationalität nicht gestört sind. Ein einfacher Mensch, der “in glücklicher Gelassenheit den engen Kreis seines Daseins hingeht” und die unberührte, idyllische Natur sind sein Ideal. Menschen, die zwar innerhalb der gesellschaftlichen Regeln leben, aber über sie nicht weiter reflektieren, sind für Werther der Inbegriff des Glücks und der Kunst.

Werther läßt sich schon bei der ersten Begegnung von Lottes Einfachheit und Natürlichkeit bezaubern. Mit seiner ganzen künstlerischen Kraft saugt er sie in sich auf und erlebt die Welt in wunderschöner Harmonie. Er interpretiert alles in bezug auf seine Liebe zu Lotte hin. Es ist bemerkenswert, daß Lotte eben aus der bürgerlichen Gesellschaft stammt, die Werther als unfrei und befangen bezeichnet. Er hat aber keine Bedenken, daß sich die freie und unbefangene Lotte doch als unfrei und befangen herausstellen könnte. Das ist ein Widerspruch, der ihn zunächst zu fürchterlichem Leiden treiben, später aber zugrunderichten wird.

Doch schon im Anfangsstadium der Beziehung wird Werthers Liebe zu Lotte eine Qual, weil er mit dem Objekt seiner Liebe nicht einswerden kann. Die Harmonie der Welt löst sich in lauter Zweifel auf. Lottes Unbefangenheit und Seligkeit beflügeln Werthers Einbildungskraft derart, daß er vom hundertsten in den tausendsten Traum kommt. Er kann sich nur schwer zurückhalten. Er ertappt sich immer wieder dabei, wie er mit kindlichem Instikt nach Lotte greift.

Für Werther wird die Quelle aller Glückseligkeit zur Quelle des Elends. Er war bezaubert von Lotte, er ruhte in ihrem Verhalten, in ihrer Gestalt – und lernte sie lieben. Nun darf er als Zeichen seiner Liebe den Liebesakt nicht vollziehen. Die Leidenschaft, die Werther zu hervorragenden Taten befähigte, zerstört nun seine Sinne. Der schwermütige Ton der Ossian-Gesänge verdrängt den Optimismus von Homer, und die Paralysierung schlägt in geistige Verwirrung um. Werther ist nicht mehr zurechnungsfähig, er verwechselt Schein und Wirklichkeit.

Lottes Versuch an seinem Leiden teilzunehmen, wird nicht als Hilfe empfunden, sondern als Liebesäußerung. Er darf aber ihre Anteilnahme nicht mit Zärtlichkeiten erwidern, obwohl die Versuchung zu groß ist. Am Schicksal eines für Lotte irre gewordenen Menschen wird das Schicksal von Werther angedeutet. Lotte ist zum Zentrum, zur fixen Idee, zum Fixstern seiner Seele geworden. Bezeichnend ist dabei, daß das Aussetzen des Verstandes bei dem Irren als ein beneidenswerter Zustand empfunden wird.

Werther erwägt alle Möglichkeiten, um die Vereinigung mit Lotte – wenn nicht im Leben, so doch im Tod zu erreichen. Er denkt zunächst daran, Albert zu töten. Herangereift war diese Idee im Brief vom 21. August: “Wenn ich mich so in Träumen verliere, kann ich mich des Gedankens nicht erwehren: wie, wenn Albert stürbe? Du würdest! Ja, sie würde – und dann laufe ich dem Hirngespinste nach, bis es mich an Abgründe führet, vor denen ich zurückbebe.” Daß aber auf diesem Wege auch im Tod keine Vereinigung zu erzielen ist, wird durch die Geschichte eines Bauernburschen angedeutet. Er erschlägt aus unerfüllter Liebe zu seiner Herrin einen Nebenbuhler, erntet aber für seine Tat nur Entsetzen und Abscheu. Dadurch wird klar: Werther könnte Lotte nicht kriegen, wenn er Albert töten würde. Ihre Abscheu wäre so groß, daß sie für ihn einfürallemal verloren wäre!

Werther denkt bei seiner Sinnesverwirrung auch an die Möglichkeit der Ermordung von allen dreien. Das teilt er Lotte in seinem Abschiedsbrief vom 21. Dezember mit: “Tausend Anschläge, tausend Aussichten wüteten durch meine Seele. […] In diesem zerrissenen Herzen ist es wütend herumgeschlichen, oft – Deinen Mann zu ermorden! – Dich! – mich!” Es ist bezeichnend, daß bei all diesen Überlegungen moralische Bedenken keine Rolle spielen. Allein die Vereinigung mit Lotte ist von ausschlaggebender Bedeutung.

Wenn Werther zum Schluß unter all diesen Möglichkeiten den Freitod wählt, dann ist das eine äußerst konsequente Entscheidung. Alle anderen Lösungen hätten ihm die Vereinigung mit Lotte nicht ermöglicht: Werther hat nämlich vor, Lotte an seinem Selbstmord zu beteiligen und dadurch mit in den Tod zu nehmen. Diese wahnwitzige Idee steht zwar nirgendwo im Roman geschrieben, doch erkennt man am weiteren Verlauf der Geschichte, daß es Werther intuitiv auf die Verwirklichung dieses Plans angelegt hat. Wenn es ausgeschlossen ist, in diesem Leben mit Lotte einszuwerden, so soll es im nächsten geschehen: “Ich gehe voran! Gehe zu meinem Vater, zu Deinem Vater. Dem will ich’s klagen, und er wird mich trösten bis Du kommst”.

Der Freitod von Werther kann also nicht als eine Tat aus Verzweiflung oder als Flucht vor der Wirklichkeit angesehen werden. Es steckt mehr dahinter. Gelingt es nämlich Werther, seinen Freitod so zu gestalten, daß Lotte direkt daran beteiligt wird, dann ist es unvermeidlich für sie, unter dem Druck der Mitschuld mit in den Tod zu ziehen. Dieser intuitiv gefaßte Plan wird nach Lesen der Ossian-Gesänge, wo sich Werther und Lotte in den Armen lagen, konsequent durchgeführt.

Da Lotte inzwischen weiß, daß sie Werther liebt, schickt sie ihn ohne Abschied fort. Sie ahnt aber, daß er Selbstmordpläne hegt. Trotzdem beichtet sie das Vorgefallene, um ihrer Ruhe willen, dem Ehemann nicht. Als Werther für eine bevorstehende Reise Albert um seine Pistolen bittet, liefert Lotte die Waffen trotz Vorahnungen und Gewissenskonflikte eigenhändig dem Knaben von Werther aus. Damit ist das Ende von Werther besiegelt. Er interpretiert die Tatsache, daß die Waffen durch Lottes Hände gegangen sind, als eine göttliche Fügung: “Hier, Lotte! Ich schaudere nicht, den kalten schrecklichen Kelch zu fassen, aus dem ich den Taumel des Todes trinken soll! Du reichtest mir ihn und ich zage nicht.

So wie Jesus am Kreuze für die Menschen starb, so möchte sich Werther für Lotte opfern. – Das ist übrigens nicht die einzige Stelle im Roman, wo sich Werther der Christi Passion als unerschöpfliche, symbolische Quelle bedient. Er hält von der Religion als Glaubens- und Wertesystem nicht viel, doch als Künstler, dem die Vereinigung mit seinem Liebesobjekt verwehrt ist, beschwört er immer wieder religiöse Gleichnisse, um seinem Untergang künstlerischen Ausdruck zu geben.

In der Todesnacht selbst gewinnt Werther nach elf Uhr die Geistesklarheit eines nicht mehr in sich gespaltenen Menschen. Er hat die Gewißheit, daß er für die Ewigkeit mit Lotte einssein wird. Er schließt mit der Welt seinen Frieden und vollbringt die Tat. – “Von Lottens Jammer laßt mich nichts sagen. […] Man fürchtete für Lottens Leben”. Sie ist dem Tode geweiht, weil sie Werther eigenhändig in den Tod geschickt hat. Unverkennbar ist hier die Parallele zur Geschichte Judas’, der für dreißig Silberlinge Jesu in den Tod schickte, aber später aus Reue sich selbst erhängte.

Lottes unschlüssiges Handeln

Angesichts dieses tragischen Ausgangs stellt sich nun die Frage, ob Lotte Werther, wirklich unvermeidbar, in den Tod folgen muß oder ob für sie reale Chancen bestehen, diesem Schicksal zu entgehen? – Um diese Frage beantworten zu können, müssen wir auf Lottes Gefühle näher eingehen. Erst dann kann sich nämlich herausstellen, ob Lotte bei ihrer Beziehung zu Werther eine Entscheidungsfreiheit hatte oder nicht.

Werther gewinnt schon im Brief vom 13. Juli die Sicherheit, daß Lotte ihn liebt. Diese Sicherheit wird aber dadurch getrübt, daß Lotte zur gleichen Zeit Albert liebt. Oder besser gesagt: sie liebt die Zuverlässigkeit von Albert und die Leidenschaft von Werther. Sie pendelt zwischen diesen beiden Grundgefühlen hin und her, und Werther weiß darüber Bescheid. Folglich kann man den ganzen Roman von Werthers Standpunkt aus als den Versuch interpretieren, einen zwischen Herz und Kopf lavierenden Menschen dem Kopf zu entreißen und im Tod dem Herz zuzuführen.

In den Briefen vom 21. und 24. November ist von Lottes Mitleid die Rede. Sie glaubt, dieses Gefühl zu haben, weil sie Werther gegenüber freundschaftliche Gefühle hegt… Werthers Sinne sind zwar verworren, aber er ist längst nicht so perplex, den Schein für Wirklichkeit zu halten: er erkennt in Lottes Mitleid nur die Liebe. Er fühlt sich bestätigt und angefeuert, die entscheidende Tat auszuführen, damit auch Lotte vor Augen geführt bekommt, daß sie eigentlich ihn liebt.

Als Lotte Werther im Auftrag von Albert aus ihrer Nähe entfernen will, tut sie dies, weil sie sich der Zuverlässigkeit von Albert schuldig fühlt und ihre gestörte Loyalität gegenüber dem Ehemann in Ordnung bringen will. Ferner glaubt sie, auch im Interesse von Werther so handeln zu müssen. Sie begreift zwar, wie schwierig diese Aktion für Werther sein wird, für sich selbst sieht sie aber keine Probleme. Erst beim näheren Nachsinnen stellt sie fest, daß es auch ihr schwerfallen würde, sich von Werther zu trennen. Sie muß zugeben, daß sie Werther eigentlich gar nicht für andere Frauen hergeben will; sie will ihn am liebsten für sich behalten. Mit anderen Worten: sie will den vernünftigen Albert und den leidenschaftlichen Werther gemeinsam besitzen, was ihr aber verboten ist.

Beim Lesen der Ossian-Gesänge kommt es schließlich zu der berühmten Szene, wo es ihr schlagartig klar wird, daß ihre Gefühle, die sie als Freundschaft verkannt hat, eigentlich echte Liebe sind. Sie will einfach beides: die Wohlgeborgenheit des Ehelebens und die Leidenschaft des Geliebten. Sie suggeriert Werther in Mimik und Gestik, daß sie ihn liebt. Doch in Worten rationalisiert sie ihr Verhalten durch den Verstand von Albert; sie glaubt Werther gegenüber freundschaftliche Gefühle zu haben. Selbst nach der Liebesumarmung, wo sie über ihre Gefühle Bescheid weiß, ist sie gespalten zwischen Liebe und Zorn. Zerrissen zwischen ihrem Denken und Fühlen entscheidet sie sich für den Ehemann, obwohl ihr Herz bei Werther liegt und an seinem Leiden teilnimmt.

Selbst in dieser kritischen Situation hat Lotte die Möglichkeit, Werther vor dem Freitod zu retten. Sie muß sich nur mit Herz und mit Kopf für den Ehemann oder für den Geliebten entscheiden und nicht unschlüssig dazwischenstehen. Sie bringt es aber nicht fertig, ihr Denken und Fühlen auf eine Person zu konzentrieren. Damit schöpft Werther Hoffnung, sie im Tod zu sich zu holen. Und Lotte hat keine Möglichkeit, diesem Schicksal zu entgehen, weil sie sich durch ihre Unschlüssigkeit am Freitod von Werther mitschuldig gemacht hat.

Zusammenfassend läßt sich also sagen, daß in diesem Roman nicht nur Werther und Albert schicksalhaft handeln, sondern auch Lotte, die auf den ersten Blick am ehesten die Möglichkeit hätte, Entscheidungsfreiheit zu zeigen. Sie hat sich einfach zu lange und zu nahe an der Seite von Werther aufgehalten; im entscheidenden Moment kann sie nicht mehr zurück. Sie wird, trotz eines besseren Wissens, vom Glutfeuer der Liebe ausgelöscht.

Literaturhinweis

Eckermann, Johann Peter: Gespräche mit Goethe. Wiesbaden: Brockhaus, 1975.

Goethe, Johann Wolfgang: Die Leiden des jungen Werthers. Mit einem Nachwort von Ernst Beutler. Stuttgart: Reclam UB Nr. 67, 1983.

Goethe, Johann Wolfgang: Dichtung und Wahrheit. Frankfurt/M.: Insel, 1975.

Hein, Edgar: Johann Wolfgang Goethe, Die Leiden des jungen Werther. Interpretation / von Edgar Hein. München: Oldenbourg-Interpretationen Band 52, 1991.

Mann, Thomas: Goethes Werther. In: Ges. Werke IX, S. 640-655. Frankfurt/M., 1960.

Rothmann, Kurth (Hrsg.): Johann Wolfgang Goethe, Die Leiden des jungen Werthers. Erläuterungen und Dokumente. Stuttgart: Reclam UB Nr. 8113, 1984.

Rousseau, Jean-Jacques: Vom Gesellschaftsvertrag oder Grundsätze des Staatsrechts. Stuttgart: Reclam UB Nr. 1769, 1980.

Siepmann, Thomas: Lektürhilfen. Johann Wolfgang Goethe “Die Leiden des jungen Werther”. Stuttgart: Klett, 5. Auflage 1996.

12 von 12 Seiten

Details

Titel
Goethe, Johann Wolfgang von - Die Leiden des jungen Werther - Der schicksalhafte Weg von Werther, Albert und Lotte
Autor
Jahr
2004
Seiten
12
Katalognummer
V108712
Dateigröße
462 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Goethe, Johann, Wolfgang, Leiden, Werther, Albert, Lotte
Arbeit zitieren
Halil Güvenis (Autor), 2004, Goethe, Johann Wolfgang von - Die Leiden des jungen Werther - Der schicksalhafte Weg von Werther, Albert und Lotte, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/108712

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