Methoden der Interpretation - Franz Kafka, Die Heimkehr


Referat / Aufsatz (Schule), 2003
17 Seiten, Note: sehr gut

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Inhalt

I. Einführung

II. Interpretationsmethoden im Überblick

III. Interpretationsmethoden - Auswahl
III.1 Die werkimmanente Interpretation
III.2 Die psychoanalytische Methode
III.3 Die biographische Methode
III.4 Die geistesgeschichtliche Interpretation
III.5 Die soziologisch orientierte Interpretation

IV. Schluss

Literaturangaben

I. Einführung

Schon immer gab es Menschen, die sich literarischen Werken besonders verpflichtet fühlten: Mönche, Geschichtsschreiber, Archivare, Schriftsteller etc. - die Liste könnte unendlich weitergeführt werden.

Mönche zum Beispiel machten es sich unter anderem zur Aufgabe aus antiken Schriften die Fakten herauszuschreiben, um der Nachwelt Wissen vermitteln zu können.

Was aus Theologie und Jurisprudenz im 19. Jahrhundert begonnen hatte, wird auch heute noch als hermeneutisches Erbe - selbstverständlich in weit professionellerem Ausmaße - betrieben.

Etwa ab dem 20. Jahrhundert verstand sich die Literaturwissenschaft immer weniger als Instanz der Datensammlung, vielmehr versuchte sie literarische Texte zu deuten, sie zu interpretieren. Doch akzeptierte die Gesellschaft nicht, dass jedes literarische Werk auf vielfältige Art kunstvoll gedeutet wurde.

Die 60er Jahre des 20. Jahrhunderts waren geprägt von einem veränderten politischen Bewusstsein der Menschen. Als Konsequenz daraus wurde auch von der germanistischen Literaturwissenschaft gefordert, sie müsse „einerseits ihre gesellschaftliche Legitimation, andererseits ihren wissenschaftlichen Status unter Beweis stellen.“1

Diese Verwissenschaftlichung literarsicher Texte nennt man „Methoden“.

Heute unterscheidet man viele unterschiedliche Interpretationsmethoden, welche sich für literarische Werke mehr oder weniger gut anwenden lassen. Da eine ausführliche Definition jede dieser Methoden den Rahmen meiner GWL sprengen würde, werde ich im Folgenden lediglich einen kurzen Überblick geben, um dann im weiteren Verlauf anhand der Parabel „Die Heimkehr“ von Franz Kafka ausgesuchte Interpretationsmodelle anzuwenden. Dabei werde ich ein verstärkt auf die werkimmanente, die biographische, psychoanalytische und kritisch- hermeneutische Methode eingehen, da diese meiner Meinung nach in besonderer Weise für eine genaue Untersuchung und Deutung geeignet sind.

Selbst ohne ein ausgeprägtes methodisches Bewusstsein zu besitzen geht man bei seinen Deutungsversuchen stets nach einem gewissen Schema vor. Man entwickelt im Laufe der Zeit mit zunehmender Leseerfahrung eine gewisse Sensibilität und gleichzeitig ein wissenschaftlich-argumentatives Vorgehen beim Textverständnis und bei der Textanalyse.

Die gefundenen Deutungsmöglichkeiten basieren dann häufig - ohne sich darüber im Klaren zu sein - auf einem bestimmten Interpretationsmodell. Im Folgenden wird es meine Aufgabe sein, ganz bewusst die oben aufgeführten Methoden auf Kafkas Parabel „Die Heimkehr“ anzuwenden und sie im Hinblick auf das entsprechende Modell zu interpretieren.

Theoretische Grundlage des jeweiligen Modells und praktische Anwendung am Text werden hierbei verknüpft.

II. Interpretationsmethoden im Überblick

- Werkimmanente Methode: Der Interpret versucht möglichst viele Aspekte eines literarischen Textes zu benennen und den Sinnzusammenhang herauszuarbeiten. Nun kann in weiteren Schritten mit einer Deutung begonnen werden, indem man die einzelnen Aspekte sinnvoll aufeinander bezieht. Dies ist aber nur möglich, wenn man sorgfältig liest. Form und Inhalt des Textes sind hierbei gleichberechtigte Partner, d.h. direkte Aussagen, verschlüsselte Aussagen, „Leerstellen2 “, Textstruktur3 und sprachliche Gestalt4 müssen aufeinander bezogen und zu einer Gesamtinterpretation sinnvoll zusammengeführt werden.

Diese Methode bildet das Gerüst, die Basis, einer jeden weiterführenden Interpretation. Sie erfordert kein zusätzliches Wissen (über den Autor z.B.), da sie sich nur auf den Text bezieht, im Text bleibt.

In der Literaturwissenschaft wird die werkimmanente Methode auch als Strukturalismus bezeichnet.

- Psychoanalytische Methode: Hier wird Schreiben als ein psychischer

Prozess betrachtet. Der Text ist das Ergebnis psychologischer Situationen eines Autors, die er in literarische Fantasien umgesetzt hat. Bei der Deutung geht es um die Frage, wie man solche psychischen Prozesse psychoanalytisch aufklären kann. Dabei geht man davon aus, dass wesentliche Abläufe gerade des dichterischen Prozesses unbewusst blieben, mit Hilfe der Psychoanalyse jedoch aufgedeckt werden können.

- Literaturgeschichtliche Methode5: Geprüft wird, wie ein Autor im Epochenzusammenhang (z.B. Barock, Romantik, Expressionismus usw.), in dem er sich befunden hat, beeinflusst worden ist und welche Deutungsmöglichkeiten sich auf Grund solcher Zusammenhänge ergeben. Diese Methode erlaubt es, Aussagen darüber zu machen, ob ein Autor mit seinen Texten für seine Zeit stilbildend war, ob er seiner Zeit vielleicht sogar voraus gewesen ist, oder ob er als epigonal (nachahmend) bezeichnet werden muss.

- Geistesgeschichtliche Methode: Diese sieht, ähnlich wie die literaturgeschichtliche Methode, ein dichterisches Werk im Kontext typischer Ideen und Sichtweisen seiner Zeit.

Die Textdeutung versucht aufzuklären, ob und wie schreibende Zeitgenossen sowie Repräsentanten aus Philosophie, Theologie, Kunst, Gesellschaftslehre, Naturwissenschaften etc. den Autor in seinem Schaffen beeinflusst haben.

- Soziologisch orientierte Methode: Sie ist eine Erweiterung und Verknüpfung der geistesgeschichtlichen mit der literaturgeschichtlichen Methode.

In erster Linie untersucht sie das Verhältnis von Literatur und Gesellschaft. Es wird geprüft, ob und in welcher Weise gesellschaftliche Wirklichkeit im literarischen Werk vom Autor geistig verarbeitet wurde. Hat der Autor mit seiner Dichtung möglicherweise in soziale und politische Konflikte seiner Zeit eingegriffen?

- Rezeptionsästhetische Methode: Hier steht das Verhältnis zwischen Leser und dichterischem Text im Interesse der Interpretation:

Verstehen Leser unterschiedlicher sozialer Herkunft und zu verschiedenen historischen Zeitpunkten den gleichen Text jeweils anders?

- Das kritisch-hermeneutische Verfahren stellt den übergreifenden methodischen Rahmen für alle bisher genannten Arbeitsweisen dar.

Der heute verwendete Begriff der Hermeneutik geht im Wesentlichen auf Wilhelm Dilthey (1833-1911) zurück, der Hermeneutik als „verstehendes“, sinngemäß deutendes Verfahren definierte.

Ein zentraler Begriff dieser Methode des Verstehens ist der „hermeneutische Zirkel“: Er „besagt, dass eine Textdeutung vom Ganzen zu den Einzelheitenführt, von den Einzelheiten zurück zum Ganzen und so fort. Wenn ich denText als Ganzes nicht verstanden habe, verstehe ich nicht die Einzelheiten(einzelne Textstellen und Strukturmerkmale), und umgekehrt.“6

Prinzipiell gibt es immer so viele Interpretationen, wie es Leser gibt. Allerdings muss immer der Originaltext selbst entscheiden, welche der verschiedenen Interpretationsmethoden ihm am besten gerecht wird.

Gerade Texte eines Autor wie Kafka, der sich nicht in gängige hermeneutische Klischees einordnen lässt, verleiten dazu aus unterschiedlicher Perspektive gedeutet zu werden.

III. Interpretationsmethoden - Auswahl

III.1 Die werkimmanente Interpretation

Auf der Inhaltsebene ist Kafkas Parabel „Heimkehr“ zunächst leicht verständlich und schnell erzählt: Der Text handelt von einem Sohn, der nach langer Zeit wieder nach Hause kommt, jedoch gefühlsmäßig so unsicher ist, dass er es nicht wagt, in das Elternhaus einzutreten.

Der Titel der Parabel, „Heimkehr“7, stimmt den Leser bereits vor der Lektüre auf eine positive Grundhaltung ein. Diese jedoch wird mit jedem Satz, den man die Geschichte weiterverfolgt, ins Gegenteil verkehrt. Was bleibt ist am Ende die Erkenntnis der paradoxen Situation einer „Heimkehr“ ohne Einkehr. Und auch der Hintergrund für diese Kernaussage ist klar: zwischen Vater und Sohn fehlt jede echte Beziehung.

Obwohl der Text nicht durch Abschnitte gegliedert ist, so lässt er sich eindeutig in drei Teile gliedern:

Der erste Teil ist abgerundet von der wiederholenden Aussage des Ich-Erzählers „Ich bin zurückgekehrt“ (Z.1) bzw. „Ich bin angekommen.“ (Z.5) Der Ich-Erzähler empfindet seine Ankunft als Hoffnung: „Es ist meines Vaters alter Hof“(Z.2/3). Allerdings wird der Leser trotz der zunächst positiven Atmosphäre der „Heimkehr“ schon durch die Beschreibung des Ortes und der Umgebung aus der erwarteten Geborgenheit herausgerissen: „Altes, unbrauchbares Gerät, ineinanderverfahren, verstellt den Weg zur Bodentreppe“ (Z.2/3), die Katze „lauert“, „Ein zerrissenes Tuch, einmal um eine Stange gewunden, hebt sich im Wind“ (Z.4ff). Diese kalte Atmosphäre, die die eben zitierten Wahrnehmungen beim Ich-Erzähler genau so wie beim Leser hervorrufen, bilden einen Kontrast zur Leseerwartung und zeigen die Entfremdung des Heimkehrenden vom Ort seiner Kindheit.

Eine Steigerung dieser Erkenntnisse erfährt der zweite Abschnitt der Parabel. Er ist charakterisiert durch vielfache Fragen des Ich-Erzählers, die dieser gleichsam an den Leser stellt und die alle unbeantwortet bleiben: „Wer wird mich empfangen? Wer wartet hinter der Tür der Küche?“ Die Angst und Unsicherheit des Erzählers wird deutlich in Hinsicht darauf, wie sein Empfang nun ausfallen wird.

Und der Leser bekommt auf die Ursache dieser Selbstzweifel des Ich-Erzählers einen sehr eindeutigen Hinweis: „Meines Vaters Haus ist es, aber kalt steht Stück neben Stück, als wäre jedes mit seinen eigenen Angelegenheiten beschäftigt,...“ (Z.9). Eindringlicher kann die fehlende Beziehung zwischen Vater und Sohn nicht ausgedrückt werden!

Den „Wer“- Fragen des zweiten Teiles entsprechen die „Was“- Fragen des dritten Teils der Kafka-Parabel als erneute Steigerung der Unsicherheit und der Selbstzweifel des Zurückgekehrten: „Was kann ich ihnen nützen, was bin ich ihnen...“ (Z.10).

Durchgängig beschäftigt den Ich-Erzähler die Frage, wie seine Familie auf seine Ankunft reagieren wird. Dies versucht er durch „Horchen“ herauszufinden - alleine die vierfache Wiederholung des Wortfeldes „horchen“ verdeutlicht die Angst der Hauptperson, vom Vater abgelehnt zu werden: „Was sonst in der Küche geschieht, ist das Geheimnis der dort Sitzenden, das sie vor mir wahren.“ (Z.15/16). Je länger der Erzähler vor der Tür steht, desto geringer wird sein Mut, die Tür zu öffnen und seiner Familie zu begegnen: „Je länger man vor der Tür zögert, desto fremder wird man.“ (Z.16/17).

Seinen Höhepunkt findet die Parabel in den letzten beiden Sätzen - wieder Fragen, die der Erzähler diesmal jedoch an sich selbst richtet. Sie sind nicht mit Fragezeichen versehen - möglicherweise ein Indiz dafür, dass die Hauptperson mit seiner Situation abgeschlossen hat und sein Sich - fremd - Fühlen nicht mehr in Frage stellt. Für ihn steht fest, dass beide Seiten, die Familie und er, sich nicht mehr annähern können und ihre Geheimnisse voreinander wahren wollen.

Dieser offene Schluss der Parabel korrespondiert mit dem offenen Anfang: der Leser soll zum Nachdenken angeregt werden und sich über die Position des Heimkehrenden klar werden.

Aus der Perspektive des personalen Ich-Erzählers, aus dessen innerem Monolog, seiner Innensicht, erfährt man als Leser von dessen Empfindungen. Die Handlungsabläufe sind nicht chronologisch aufgebaut, es werden lediglich einzelne Gedankengänge mit Rückblick und Vorausdeutungen geschildert. Dies führt konsequenterweise zu inhaltlichen Sprüngen, was der psychischen Situation der Hauptperson entspricht.

Der passiven Haltung des Ich-Erzählers - er steht vor der Tür, blickt zurück, schaut sich um und reflektiert - entspricht die Zeitgestaltung des Textes: die Zeitdehnung in der Erzählhaltung unterstreicht die Statik des Erzählten.

Erzählzeit ist fast durchgängig das Präsens, da die gegenwärtigen Gedanken des Ich-Erzählers bei seiner Heimkehr aufgezeigt werden. Anfängliches Perfekt „Ich bin zurückgekehrt...“ (Z.1) und eine Frage im Futur „Wer wird mich empfangen“ (Z.5) verstärken den reflektierenden Charakter der Hauptperson. Dieser gipfelt im Konjunktiv der beiden letzten Sätze - hier wird auf einen Wunsch, eine Hoffnung, jedoch gleichzeitig erneut auf Angst und Verzweiflung des Heimgekehrten aufmerksam gemacht.

Die Distanz des Ankommenden zu seiner Familie wird in Kafkas Parabel nicht nur auf der inhaltlichen, sondern auch auf der sprachlichen Ebene verdeutlicht. Der Ich- Erzähler spricht von „meines Vaters“ altem Hof, von „meines Vaters Haus“, nicht von seinem eigenen Haus, und diese unbewusste sprachliche Formulierung findet seine Steigerung in der an sich selbst gestellten Frage „Ist dir heimlich, fühlst du dich zu Hause?“ (Z.7) mit der vernichtenden Antwort „Ich weiß es nicht, ich bin sehr unsicher“ (Z.8).

Hier ist die Grundaussage der Kafka’schen Parabel zu sehen: dem anfänglich Hoffenden bleiben im Laufe seiner Reflexionen lediglich Selbstzweifel und am Ende Resignation, Erstarrung und das Gefühl der eigenen Nichtigkeit.

III.2 Die psychoanalytische Methode

Es sind vor allem psychologische Aspekte, die bei der Lektüre der Parabel „Heimkehr“ von Franz Kafka auffallen.

Die psychische Krise, in der sich der Ich-Erzähler bei seiner Heimkehr befindet, ist augenfällig: Er ist zwar „zurückgekehrt“ (Z.1) und „angekommen“ (Z.5), er hat „den Flur durchschritten“ (Z.1) und blickt sich um, jedoch wagt er es nicht, „an der Küchentür zu klopfen“ (Z.11/12). Ein erster Schritt für einen Empfang im Kreise seiner Familie wäre es aber gerade, diese äußere „Barriere“ der Küchentür zu überwinden. Doch die Erzählung macht klar, dass das entscheidende Hindernis für eine Eingliederung in die Familie nicht in solchen Äußerlichkeiten besteht, sondern aus einer inneren, psychischen Erstarrung des Ich-Erzählers resultiert. In der Beschreibung der Außenwelt durch die Perspektive der Hauptperson werden eindeutige Hinweise auf dessen Innenwelt gegeben: Der Ich-Erzähler nimmt seine Umgebung als abweisend „Die Pfütze in der Mitte“ (Z.2) und bedrohlich „Die Katze lauert..“ (Z.3) wahr, „Altes, unbrauchbares Gerät, ineinanderverfahren, verstellt den Weg...“(Z.2ff). Die Psychoanalyse deutet dies als psychische Ablagerung in der Gefühls- und Empfindungswelt der Hauptperson und macht dies verantwortlich für sein Unvermögen, offen die sich ihm darbietende Situation der „Heimkehr“ anzugehen.8

Der angenehmen Atmosphäre des Hauses - „Rauch kommt aus dem Schornstein, der Kaffee zum Abendessen wird gekocht“ (Z.6/7) steht die sich daraus ergebende Verunsicherung und Fremdheit des Ich-Erzählers entgegen. Dies manifestiert sich in seiner Aussage „...ich bin sehr unsicher“ (Z.8) und in seiner zweifelnden Frage „Ist dir heimlich, fühlst du dich zu Hause?“ (Z.7).

Die vom Sohn sinnlich wahrnehmbare Umgebung wirkt fremd und abweisend auf ihn: „...kalt steht Stück neben Stück“ (Z.8/9), was er sieht, hat keinerlei Beziehung zu ihm, scheint „mit seinen eigenen Angelegenheiten beschäftigt“ (Z.9) zu sein, genau so wie die Familie in der Küche.

Die Selbstzweifel des Ich-Erzählers treten nun ganz offen zu Tage in seiner Frage „Was kann ich ihnen nützen...“ (Z.10ff) und sind der psychische Grund für seine Versagensängste und Schuldgefühle. Sie bilden zusammen die innere Barriere der Hauptperson für eine Annäherung an seine Familie.

Tragisch für den Leser, jedoch folgerichtig aus psychoanalytischer Sicht ist die Erkenntnis des Ich-Erzählers, dass er sich durch sein Zögern noch weiter von seiner Familie entfremden wird „Je länger man vor der Tür zögert, desto fremder wird man.“ (Z.16ff). Er ist sich bewusst, dass er jetzt schon weit von ihr und der Welt entfernt ist „...nur von der Ferne horche ich...“ (Z.12) und dass ihm deshalb das Geschehen innerhalb der Familie wie ein „Geheimnis“ (Z.19) erscheint, das er nicht mehr lüften kann.

Dem Ich-Erzähler fehlt das nötige Selbstvertrauen, um sich von seinen psychischen Komplexen, seinen aus der Vergangenheit, „aus den Kindertagen“ (Z.15) abgelagerten psychischen Schranken zu lösen und ohne Angst vor die Familie hinzutreten. Erst der Abschied von seiner Rolle als „des alten Landwirts Sohn“ (Z.11) und ein mutiger Neubeginn in einer neu zu definierenden Rolle lieferten eine Chance für den Ich-Erzähler, zu einem psychischen Gleichgewicht zu gelangen. Dieses jedoch wäre die Voraussetzung, um den Kontakt mit seiner Familie wieder aufzunehmen, sich von ihr unabhängig zu machen und ein anderes, neues Leben zu beginnen.

Die psychische Konstitution jedoch des Sohnes verhindert diesen Schritt über die Schwelle, er verharrt weiterhin vor der Tür und bleibt in einem Zustand, in dem die Vergangenheit die Gegenwart überlagert und ein Handeln unmöglich macht.

III.3 Die biographische Methode

Gerade an Texten Franz Kafkas lassen sich Parallelen zwischen dem Leben des Autors und dem seiner Hauptfiguren sehr leicht feststellen. Und so bietet auch die 1920 veröffentlichte Parabel „Heimkehr“, die vier Jahre vor Kafkas frühem Tod veröffentlicht wurde, deutliche Ansatzpunkte für eine biographische Deutung. Zwischen der psychischen Konstitution des Ich-Erzählers und der des Autors lassen sich zahlreiche Verbindungen ziehen: Unsicherheit, Selbstzweifel, verbunden mit einem tief sitzenden Gefühl der Minderwertigkeit, Schuld- und Angstgefühle waren typisch für Kafkas Psyche und prägten diesen ungewöhnlichen Autor zeitlebens. So definierte er sich z.B. stets als „Sohn des erfolgreichen Kaufmanns Hermann Kafka“, der gerne in seinem einzigen Sohn einen ebenso erfolgreichen Geschäftsmann gesehen hätte.

Dieser Anspruch, der von Kafka verinnerlicht wurde und den er doch nie erfüllen konnte, war eine wichtige Ursache für Schuldkomplexe und für eine stetige Entfremdung von der Familie. In der Parabel „Heimkehr“ fragt sich der Ich-Erzähler: „Wer wird mich empfangen? Wer wartet hinter der Tür der Küche?“ (Z.5/6). Diese Entfremdung, die allgegenwärtig ist im Werk Franz Kafkas9, liegt in dessen Kindheit begründet: Dem Kind fehlte einerseits die Nähe der Mutter, die ganztägig im Geschäft des Vaters arbeitete10, andererseits bestand ein unglückliches Verhältnis zwischen Vater und Sohn, begründet in ihren völlig unterschiedlichen Charakteren11. Kafka fühlte sich als Kind von seinem Vater ausgeschlossen, missverstanden und ungeliebt12. Die Reaktion des Sohnes: Flucht vor der Autorität des Vaters vor allem über das Medium des Schreibens13.

Die frühkindliche Prägung interpretierte Kafka als Ursache für sein Unvermögen, die Entfremdung von der Familie zu überwinden bzw. sich von ihr frei zu machen, um ein eigenständiges, selbstbestimmtes Leben zu führen. „Wie wäre es, wenn jetzt jemand die Tür öffnete und mich etwas fragte.“ (Z.17ff).

Zu diesem Unvermögen muss auch die Tatsache gerechnet werden, dass sämtliche Versuche Kafkas, eine feste Bindung einzugehen und eine Familie zu gründen

scheiterten14, einmal an Kafkas Zögern selbst, zum anderen am Widerstand des Vaters.

So blieb Franz Kafka ebenso wie dem Ich-Erzähler der Parabel „Heimkehr“ nur der Wunsch, „selbst wie einer“ zu sein, „der sein Geheimnis wahren will.“ (Z.18/19).

III.4 Die geistesgeschichtliche Interpretation

Geht man davon aus, dass bei der geistesgeschichtlichen Interpretationsmethode das Textverständnis stets am Kontext typischer Ideen und Sichtweisen seiner Zeit ausgerichtet ist, so lassen sich derartige Aspekte ohne Zweifel auch in Kafkas Parabel „Heimkehr“ finden.

Es muss allerdings in Frage gestellt werden, ob es dem Autor und somit dem Text gerecht wird, wenn bei vorliegender Parabel - wie geschehen - der Ich-Erzähler als Kriegsheimkehrer aus dem 1. Weltkrieg identifiziert wird. Das Motiv des „alten Landwirts Sohn“, der nach langer Abwesenheit zum Hof der Familie „zurückgekehrt“ ist und sich dennoch als Fremder fühlt, passt in die Realität der Nachkriegsjahre. Eine solche Interpretation verbietet sich meiner Meinung nach jedoch prinzipiell, weil sie dazu verführt, den eigentlichen und überzeitlichen Gehalt der Parabel auf eine Momentaufnahme zu reduzieren. Außerdem wird an keiner Stelle des Textes ein Hinweis darauf gegeben, es könne sich beim Ich-Erzähler um einen ehemaligen Soldaten handeln.

Der Text gibt weder Gründe für die Abwesenheit noch für die Rückkehr der Hauptperson, und dieser offene Anfang und das offene Ende sind Indizien dafür, dass der Leser selbst diese Leerstellen mit Inhalt und Bedeutung füllen soll.

III.5 Die soziologisch orientierte Interpretation

Auch bei einer soziologisch orientierten Textdeutung, die untersucht, inwieweit im Text gesellschaftliche Wirklichkeit bzw. soziale Konflikte verarbeitet wurden, müsste zunächst eine Vorgeschichte zur Parabel konstruiert werden. Dies widerspricht jeglichem hermeneutischem Ansatz und führt dazu, dass eine Interpretation auf dieser Basis unseriös bleibt.

Natürlich gab es Interpreten, die in der Hauptperson jemanden gesehen haben, der den Hof des Vaters verlassen hat um in der Stadt sein Glück zu versuchen, dort gescheitert ist und nun reumütig zurückkehrt.

Als Spekulation ist eine solche Deutung durchaus zulässig, findet jedoch im Text selbst keinerlei Entsprechung. Es hieße die Allgemeingültigkeit der Kafka-Parabel zu zerstören wollte man behaupten, der Text zeige das soziologische Problem der Entfremdung zwischen der Generation der Söhne, die keinen landwirtschaftlichen Betrieb mehr führen wollen und denen der Väter, die zeitlebens ihrem Hof verbunden bleiben.

Gerade dann, wenn man mit dem Werk Kafkas vertraut ist, verbietet sich eine derartige Interpretationsmethode, weiß man doch, dass eine offene Kritik an politischen und sozialen Missständen bei Kafka grundsätzlich nicht gegeben ist.

IV. Schluss

Die oben ausgeführten Deutungsmöglichkeiten eines und desselben Textes zeigen, in welcher Weise der Schwerpunkt der Aussageabsicht verlagert werden kann, jeweils abhängig von der Perspektive des Interpreten und von textunabhängigen Faktoren.

Literaturangaben

Amann, Jürgen (Hrsg.), Erzählungen seit 1960 aus der Bundesrepublik, Reclam Verlag, Stuttgart

Jahaus, Oliver/Neuhaus, Steffan (Hrsg.), Kafkas„Urteil“und die Literaturtheorie, Zehn Modellanalysen, Reclam Verlag, Stuttgart, 2002

Kafka, Franz, Brief an den Vater, Fischer Verlag, Frankfurt 1995 Texte, Themen und Strukturen, Cornelsen Verlag, Berlin 2002

Erklärung

Hiermit erkläre ich, dass ich vorliegende Arbeit selbstständig und nur mit den im Literaturverzeichnis angeführten Werken erarbeitet habe. Alle Stellen, die wörtlich oder dem Sinn nach aus fremden Quellen stammen, sind eindeutig markiert.

Weinheim, 14.01.03

Ort, Datum Unterschrift

[...]


1 Oliver Jahaus/Steffan Neuhaus (Hrsg.), Kafkas„Urteil“und die Literaturtheorie, Zehn Modellanalysen, Reclam Verlag, Stuttgart, 2002 (S. 24)

2 Leerstelle: Nichtgesagtes, aber Gemeintes

3 z.B. Erzählperspektive, Erzählhaltung, Darstellungsform, Zeitgestaltung usw.

4 z.B. rhetorische Figuren, Syntax, Wortwahl usw.

5 Texte, Themen und Strukturen, Cornelsen Verlag, Berlin 2002, S.474

6 Texte, Themen und Strukturen, Cornelsen Verlag, Berlin 2002, S.36

7 Die Überschrift selbst stammt nicht von Franz Kafka, sondern wurde von dessen Freund Max Brod für die Veröffentlichung des Textes im Jahr 1920 gesetzt.

8 Jürgen Amann (Hrsg.), Erzählungen seit 1960 aus der Bundesrepublik, Reclam Verlag, Stuttgart, S.310 ff

9 Vgl. hierzu Franz Kafkas Erzählungen „Das Urteil“ oder „Die Verwandlung“!

10 Vgl. F. Kafka, Brief an den Vater, Fischer Verlag, Frankfurt 1995, S.35-36

11 Vgl. F. Kafka, Brief an den Vater, Fischer Verlag, Frankfurt 1995, S.59 ff

12 Vgl. F. Kafka, Brief an den Vater, Fischer Verlag, Frankfurt 1995, S.9 ff und S.26 ff

13 Vgl. F. Kafka, Brief an den Vater, Fischer Verlag, Frankfurt 1995, S.50 ff und S.69

14 Vgl. F. Kafka, Brief an den Vater, Fischer Verlag, Frankfurt 1995, S.64-67

17 von 17 Seiten

Details

Titel
Methoden der Interpretation - Franz Kafka, Die Heimkehr
Note
sehr gut
Autor
Jahr
2003
Seiten
17
Katalognummer
V108737
Dateigröße
552 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Methoden, Interpretation, Franz, Kafka, Heimkehr
Arbeit zitieren
Andrej Garaycochea (Autor), 2003, Methoden der Interpretation - Franz Kafka, Die Heimkehr, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/108737

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