Die indische Softwarebranche und ihre Beziehungen zur USA


Hausarbeit (Hauptseminar), 2003
20 Seiten, Note: 2

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Inhaltsverzeichnis

1. Einleitende Worte

2. Die indische Softwareindustrie im Überblick
2.2. Hintergrund und Entwicklung
2.3. Die indische Softwareindustrie heute
Die Firmenlandschaft
Der lokale Markt
Der Exportmarkt
Infrastruktur
Humanressourcen

3. Das ungleiche Verhältnis von Indien und den USA
3.1. Die USA als Hauptexportmarkt
3.2. Die „Internationale Arbeitsteilung“
3.3. Service- statt Produktorientierung
3.4. Finanzielle Schieflagen
3.5. „Brain drain“ oder „brain circulation“

4. Zusammenfassende Betrachtungen

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitende Worte

Indien, das gerade im Vergleich zu seinen asiatischen Nachbarn lange Zeit als Nachzügler unter den Entwicklungsländern galt, hat sich heute einen Ruf als High-Tech-Land verschafft. Das südindische Bangalore wird in Anlehnung an das kalifornische Hochtechnologiezentrum „Silicon Valley“ bereits als „Silicon Plateau“ bezeichnet und der Export von Software machte im Jahr 2001-02 bereits 17 Prozent des indischen Gesamtexports aus, Tendenz steigend[1]. Darüber hinaus ist es in den USA angesichts des dortigen Mangels an IT-Spezialisten bereits seit Anfang der 90er Jahre üblich, durch sogenannte H1-B-Visa indische Softwareingenieure für befristete Zeit ins Land zu holen. Andere Industrieländer versuchen, diesem Beispiel zu folgen.

Diese Beschreibung passt allerdings so gar nicht zu dem sonstigen Bild, was man von Indien als Entwicklungsland hat und wirft einige Fragen auf. Viel diskutiert wird vor allem der „digital divide“, also das allzu krasse Gefälle zwischen der ICT-Industrie und ihren gutbezahlten Ingeneuren und der – vor allem ländlichen – Bevölkerung, die keinen Zugang zu irgendwelchen Möglichkeiten der Telekommunikation hat, oft nicht einmal Zugang zu genügend Grundnahrungsmitteln, Bildung und medizinischer Versorgung. Die Möglichkeiten, die gesamte indische Bevölkerung an den Gewinnen der boomenden Computerindustrie teilhaben zu lassen, werden vielerorts diskutiert und sind auch Gegenstand der Bemühungen der indischen Regierung. Darüber hinaus sind aber auch kritische Entwicklungen festzustellen, die den indischen Software-Sektor an sich betreffen: Zwar ist die US-amerikanische Software-Industrie die größte der Welt ist, doch auch dies berücksichtigend, scheint Indien überproportional abhängig von amerikanischen Unternehmen. Auch der oft thematisierte „brain drain“, die Abwanderung qualifizierter Angestellter in Industrieländer, macht der indischen Software-Industrie stark zu schaffen.

Daher möchte ich mich in dieser Arbeit mit den kritischen Entwicklungen in der indischen Software-Industrie vor allem im Verhältnis zu den USA beschäftigen. Dazu gebe ich zunächst einen Überblick über die Entwicklung der Computer- und vor allem der Softwareindustrie in Indien, die Vorraussetzungen ihrer Entstehung, die die heutige Firmenlandschaft bestimmt haben und die besonderen Merkmale der gegenwärtigen indischen Software-Industrie. Auf dieser Grundlage möchte ich dann die (potenziellen) Probleme darstellen, die durch die oft ungleichen Beziehungen zu den USA entstehen (könnten).

Da die Entwicklungen im Software-Sektor sehr rasant vonstatten gehen, erschien es mir wenig sinnvoll, bei der Literaturauswahl auf gedruckte Publikationen zurückzugreifen. Das Internet bietet gerade zu diesem Thema eine Fülle von aktuellem Material, das von namhaften Institutionen veröffentlicht wird (z.B. OECD, verschiedene Universitäten). Mitunter horrende Preise, wie sie z.B. die NASSCOM, die indische Assoziation der ICT-Firmen, für ihre Publikationen verlangt, haben das Angebot allerdings etwas eingeschränkt.

2. Die indische Softwareindustrie im Überblick

Die Ursachen des Exportbooms in der indischen Computer- und vor allem der Software-Industrie wurden und werden - auch im Hinblick auf eine Übertragbarkeit auf andere Entwicklungsländer - oftmals untersucht. Zwei Ansichten sind hierbei besonders prominent vertreten: Entweder Indien habe die Entwicklung einem Zusammentreffen glücklicher Umstände zu verdanken, der erzwungenen Öffnung der Wirtschaft, dem hohen Überschuss an gut ausgebildeten Ingeneuren in Indien und dem Mangel an eben solchen in den Industrieländer. Der Staat habe dabei nur insofern eine Rolle gespielt, als das er sich weitgehend zurückgehalten habe.[2] Oder aber, und dies scheint die relevanten Fakten eher zu berücksichtigen, der Staat habe die zunehmende Wichtigkeit des Sektors frühzeitig erkannt und in gewissem Maße zum Erfolg Indiens beigetragen. Dies soll im Folgenden ausführlicher dargestellt werden.

2.2. Hintergrund und Entwicklung

Die Entwicklungen in Indien sind in [3] vielerlei Hinsicht bemerkenswert: Indien war seit seiner Unabhängigkeit bestrebt, wirtschaftliche Autarkie zu erlangen und hat daher lange Zeit den Außenhandel rigoros beschränkt, horrende Steuern und Zölle erhoben und Kontingente festgeschrieben. Nun macht es gerade durch den Exportboom von sich reden. Während sich viele der südostasiatischen Länder bereits erfolgreich in der Konsumgüterindustrie engagiert hatten, hinkte Indien gewissermaßen hinterher, wirtschaftliche „Trends“ wurden oft verpasst. Besonders die Infrastruktur im Land, Beförderungswege, Stromversorgung und gerade auch die Telekommunikation, waren dafür meist unzureichend. Nun hat sich Indien allerdings frühzeitig einen Platz auf dem globalen Softwaremarkt erobert.

Für die Software-Industrie, für die andere Faktoren als für die Güterindustrie entscheidend sind, bietet Indien allerdings eine ganze Reihe von günstigen Bedingungen. Eine der wichtigsten ist die Verbreitung der englischen Sprache, die zumindest für die meisten Ingeneure und Programmierer den Zugang zum US-amerikanischen Markt, dem größten Softwaremarkt, ermöglicht. Da die Entwicklung von Software sehr arbeitsintensiv ist, ist es für die Softwareindustrie besonders entscheidend, auf einen großen Pool qualifizierter Arbeitskräfte Zugriff zu haben. Daher bilden die Zentren höherer Bildung, die bereits in den 50er Jahren durch Nehru mit Blick auf die Industrialisierung des Landes eingerichtet wurden, die Indian Institutes of Technology (IIT) und im weiteren auch die Indian Institutes of Management (IIM), einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil. Diese Institute genießen einen sehr guten Ruf und stehen oft in enger Verbindung zu Forschungseinrichtungen der Regierung und des Militärs. Sie bildeten die Ausgangspunkte für die heutigen IT-Hochburgen wie Bangalore, Chennai und Hyderabad. Allerdings gibt es in Indien auch darüber hinaus eine Vielzahl guter Universitäten mit technischer Ausrichtung.[4] Der Protektionismus der heimischen Industrie und damit auch des Computerhardwaresektors hat ebenfalls erstaunlicherweise nicht zu einer Hemmung der Entwicklung geführt, sondern führte im Gegenteil zu einer frühen Einführung von Mikrocomputern und dem Betriebssystem UNIX, was den indischen Programmierern einen Lernvorteil verschaffte.

Die direkte Förderung des Computersektors durch den Staat begann mit Ministerpräsident Rajiv Gandhi (von 1984 bis 1989), der die Wichtigkeit der neuen Informationstechnologie erkannte. Er erleichterte den Import für benötigte Produkte und setzte internationale Standards fest, die die indische Computerindustrie am internationalen Markt wettbewerbsfähig machen sollten. Auch unterstützte er die Industrie, indem er große Staatsaufträge, zum Beispiel die Computerisierung des Buchungssystem der Eisenbahnen (1986), an die Firmen vergab.[5] Noch heute machen Aufträge des Staates den größten Anteil der Aufträge des einheimischen Marktes aus.

Ab 1989 richtete die Regierung zusätzlich Sonderhandelszonen mit sogenannten Software Technology Parks ein. Hier wird sowohl neugegründeten als auch etablierten Firmen die nötige Infrastruktur zur Verfügung gestellt, um sich optimal zu entwickeln. Dazu gehören neben Telekommunikationseinrichtungen und verlässlicher Stromversorgung auch Büroräume. In diesen Sonderhandelszonen können für die Softwareentwicklung relevante Güter zollfrei eingeführt werden, Unternehmen sind in den ersten fünf Jahren steuerbefreit und 100prozentige ausländische Firmenbeteiligungen sind möglich.[6]

1991 musste Indien einen Kredit beim Internationalen Währungsfond aufnehmen. Damit war ein Druck zur Öffnung der Wirtschaft des Landes verbunden. Indien verfolgte nun eine neue Wirtschaftspolitik, die New Economic Policy, die neben der Abwertung der Rupie die Privatisierung vieler Staatsbetriebe und die Liberalisierung der Wirtschaft, auch des Außenhandels, beinhaltete. Der Übergang zur Marktwirtschaft begann und schaffte die Grundlagen für das Aufblühen der Softwareindustrie.

Zum selben Zeitpunkt wurden die Arbeitsmarktressourcen an qualifizierten IT-Fachleuten in den westlichen Ländern, vor allem in den USA, bereits knapp und der Bedarf an günstigem Personal stieg drastisch. Indien dagegen hatte zwar eine hohe Zahl an Studienabsolventen, aber aufgrund der Privatisierung und Deregulierung nicht mehr so viele attraktive Arbeitsplätze zu bieten.

Der große Anteil der Inder, die bereits in den USA in der Computerindustrie arbeiteten, übernahmen Vermittlungspositionen und förderten das Vertrauen zum Entwicklungsland Indien. Die Bedingungen für Personaldienstleistungsbetriebe, speziell für IT-Spezialisten, waren ideal.

2.3. Die indische Softwareindustrie heute

Die Firmenlandschaft

Der indische Softwaresektor, um den es im Folgenden primär geht und der den größten Teil der indischen Computerindustrie ausmacht[7], besteht aus einer großen und sowohl durch Start-Ups als auch durch Abspaltungen von bestehenden Unternehmen immer noch wachsenden Zahl von Firmen. Die National Association of Software and Service Companies (NASSCOM) beziffert sie auf knapp 3000 im Jahr 2002, wobei allerdings die bedeutendsten 25 Unternehmen mehr als die Hälfte des Marktes unter sich aufteilen. Die meisten Unternehmen haben einen Umsatz von unter 25.000 US-Dollar. Fast alle diese Firmen sind relativ neu und auf Software, genauer gesagt auf Software-Serviceleistungen, spezialisiert. In diesem Segment sind die Eintrittsbarrieren besonders niedrig, denn bei der großen Nachfrage nach diesen Diensten, die direkt beim Kunden durchgeführt werden, braucht eine Firma wenig mehr als Verträge mit einigen guten Studienabsolventen. Darüber hinaus bieten die Software Technology Parks der Regierung eine gute Infrastruktur für solche Firmen. Sie konzentrieren sich räumlich in den Softwarezentren im Süden und Westen, unweit der wichtigen Universitäten und Forschungseinrichtungen. Auch die inhaltliche Ausrichtung dieser Unternehmen ist sehr ähnlich, Spezialisierungen innerhalb des Sektors sind noch selten. Die Aufträge bestehen hauptsächlich aus weniger anspruchsvollen Programmierleistungen, Pflege und Wartung bestehender Systeme und Anpassung von Software an die Systeme des jeweiligen Kunden. Geht man vom „Wasserfall-Modell der Softwareentwicklung“ von Arora et al. aus, das die Stufen des Entwicklungsprozesses und gleichzeitig auch die Wertigkeit der Arbeit in der Wertschöpfungskette beschreibt, so findet man die Aufträge an indische Firmen fast nie auf den höheren Ebenen (Problemanalyse und Gesamtkonzeptionierung), die neben Managementfähigkeiten auch einen großen Einblick in die Strukturen und Bedürfnisse der Unternehmen voraussetzen, aber auch am wertvollsten und damit am Besten bezahlt sind.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Wasserfall-Modell der Softwareentwicklung, Arora et al. (2000), S.67

Erst seit kurzer Zeit kann man eine Entwicklung hin zur Übernahme anspruchsvollerer Aufgaben und Spezialisierungen, z.B. Serviceleistungen für einen bestimmten Industriesektor, feststellen.[8]

Neben genuin indischen Firmen gründen immer mehr multinationale Konzerne (Multinational Companies, MNCs) wie Microsoft und Siemens Entwicklungszentren in Indien, die dann auch mit anspruchsvollen Entwicklungsaufträgen betraut werden. Meistens werden diese Niederlassungen komplett von Indern geführt.

Eine große Anzahl der indischen IT-Unternehmen ist in der NASSCOM, der National Association of Software and Service Companies, organisiert. Die indische Software-Industrie kann also mit einer Stimme sprechen. Im Gegensatz zu anderen indischen Assoziationen hat die NASSCOM gute Verbindungen zur indischen Regierung und arbeitet überwiegend mit dieser zusammen, Empfehlungen und Wünsche der NASSCOM werden von der Regierung häufig aufgegriffen.

Der lokale Markt

Der lokale Markt ist, trotz der Anstrengungen der Regierung zur Verbreitung von Computern und Internet und der Liberalisierung des Telekommunikationsmarktes noch immer sehr klein, laut Angaben der NASSCOM wurde im Finanzjahr 2001-02 nur ein knappes Viertel der Software- und Serviceumsätze in Indien selbst gemacht. Hier ist die Regierung selbst einer der bedeutendsten Kunden.

Im Inlandsmarkt sind die Leistungen der Softwarefirmen zumeist nicht auf die weniger anspruchsvollen Programmierdienste beschränkt, hier werden oft Komplettlösungen erarbeitet (z.B. das Passagierreservierungssystem der Eisenbahn). Auch entwickeln die Unternehmen für den heimischen Markt fertige Produktpakete zum Verkauf und verkaufen Produkte aus dem Ausland. Eine wichtige Einnahmequelle sind vor allem Textverarbeitungsprogramme in den verschiedenen indischen Sprachen und Schriften.

Der Exportmarkt

Wie bereits beschrieben, stellt der Softwareexportmarkt den größten und für neue Firmen lukrativsten Markt dar. Dabei ist die USA der Haupthandelspartner. Sogar wenn man berücksichtigt, dass es in den USA den weltweit größten IT-Sektor gibt, so ist Indien doch überproportional von den USA abhängig.[9] Dies ist vor allem durch die Sprachbarrieren zu anderen wichtigen IT-Märkten wie Japan begründet, aber auch durch das frühe Bemühen der US-amerikanischen Firmen ausländisches Personal anzuwerben – parallel zu der Öffnung Indiens – und der Vermittlung durch die indische Diaspora im Silicon Valley.

Auf dem Exportmarkt tritt die Serviceorientierung der indischen Firmen sehr viel deutlicher zum Vorschein als auf dem heimischen Markt. Laut NASSCOM machen Produkte hier nur etwa 4% des Umsatzes aus, mit abnehmender Tendenz. Die Serviceleistungen unterscheiden sich grundlegend in Arbeit direkt beim Kunden („onsite“) und Arbeiten, die in Indien (vom Kunden aus gesehen also „offshore“) durchgeführt und zumeist über Satellit übertragen werden. Die Onsite-Aufgaben gleichen zumeist eher denen einer Personalvermittlungsfirma und beinhalten weniger anspruchsvolle, ausführende Tätigkeiten, während Projektplanung etc. dem Auftraggeber oder anderen US-amerikanischen Firmen vorbehalten bleibt. Typisch sind hier neben Auftragsprogrammierung, Anpassung von Software an die Bedürfnisse des Kunden, Datenkonvertierung und Wartung und Pflege von älteren Systemen. Ende der 90er Jahre kam die Behebung von Jahr-2000-Fehlern hinzu, die ebenfalls nicht sehr anspruchsvoll war, aber die Kenntnis älterer Systeme voraussetzte. Sie heizte den Boom weiter an. Die an indische Ingeneure vergebenen Projekte sind zudem meist nicht kritisch für das Unternehmen und so wenig Insider-Wissen wie möglich wird preisgegeben. Man spricht daher bei Onsite-Aufträgen auch von „body-shopping“[10]. Die Offshore-Projekte beinhalten hingegen meist anspruchsvollere Tätigkeiten und mehr Planungsfreiheiten für die indischen Unternehmen, verlangen also auch Managementtätigkeiten. Meistens wird auch bei diesen Projekten ein kleines Team beim Auftraggeber installiert, das den nötigen engen Kontakt zwischen den Unternehmen gewährleistet. Wird die Arbeit in Onsite- und Offshore-Komponenten aufgeteilt, so schafft die geographische Lage Indiens zur USA einen weiteren großen Vorteil: Durch die große Zeitverschiebung ist es möglich während der amerikanischen Nacht in Indien und während des amerikanischen Tags vor Ort zu arbeiten, und so 24 stunden pro Tag zu nutzen.

Neuerdings kommen auch sogenannte „Offshore-Development-Center“ hinzu. Hier schließt ein ausländisches Unternehmen einen Dachvertrag mit einem indischen Softwareentwickler und gibt bei Bedarf immer wieder IT-Aufträge an dieses Unternehmen. Durch ständigen Kontakt steigt das Vertrauen des ausländischen und die Erfahrung und Detailkenntnis des indischen Unternehmens. Aufträge werden umfangreicher und sensibles Insiderwissen wird weitergegeben.

Die Arbeit, die direkt beim Auftraggeber geleistet wird, wird im Durchschnitt mit 90.000 bis 100.000 US-Dollar pro Person und Jahr honoriert, während Arbeiten in Indien nur mit 25.000 bis 30.000 US-Dollar honoriert werden. Durch die deutlich höhere Ausgabenbelastung verdient eine indische Firma unterm Strich jedoch mehr an Offshore-Aufträgen, die auch eher die Basis für weitere Zusammenarbeit bilden und qualitativ anspruchsvoller sind.[11]

Neuerdings etabliert sich eine weitere Art der Dienstleistungen, die von US-amerikanischen Firmen nach Indien ausgelagert wird: die IT-gestützten Dienstleistungen (IT-enabled services), also Call Center, die Pflege von Datenbanken, buchhalterische Tätigkeiten, Digitalisieren (Abtippen) von Versicherungsansprüchen und medizinischen Protokollen. In diesem Sektor wird ein rasantes Wachstum erwartet. Die NASSCOM gibt die Zahl der Beschäftigten für 1998 mit 23.000 an und prognostiziert 1.100.000 mögliche Beschäftigte für das Jahr 2008[12]. Allerdings besteht hier noch mehr die Gefahr der Ausbeutung hochkarätiger Arbeitskräfte für anspruchslose Aufgaben, es wir d bereits von „cyber coolies“ gesprochen.[13]

Infrastruktur

Wie bereits erwähnt, verlief die Entwicklung des Software-Sektors in Indien unter anderem so günstig, weil Informationstechnologie nicht so sehr von Infrastruktur abhängig ist wie beispielsweise die Konsumgüterindustrie. Einige im weiteren Sinne infrastrukturelle Voraussetzungen sind aber natürlich schon wichtig und behindern oftmals das Wachstum der Unternehmen in Indien. Dazu gehören kontinuierliche Stromversorgung, Telekommunikationseinrichtungen, die Möglichkeiten der Finanzierung und auch Schutz von geistigem Eigentum.

Fast alle Firmen mussten in eine eigene zuverlässige Stromversorgung investieren, um nicht von den andauernden Ausfällen und den hohen Unregelmäßigkeiten in der Spannung betroffen zu sein. Auch die mangelnden bzw. extrem langsamen Internetverbindungen müssen durch zusätzliche Investitionen in kleine Satellitenanlagen (VSAT) kompensiert werden, um reibungslose Kommunikation mit Auftraggebern und Lieferung von Programmen und ähnlichem zu gewährleisten. Gerade diese Investitionen, aber auch die investitionsintensive Produktentwicklung und Erweiterung von Unternehmen wurde lange Zeit durch den fehlenden Zugang zu Kapital erschwert. Erst durch die Lockerung der Bestimmungen über ausländische Beteiligungsinvestitionen und die allmähliche Entstehung von Venture-Capital-Firmen wurde die oftmals unwirtschaftliche Finanzierung über Schulden abgelöst. Einige dieser Mängel werden durch das besondere Angebot der Software Technology Parks behoben, davon profitieren aber nicht alle Firmen gleichermaßen.

Obwohl der indische Staat bereits 1994-95 (auf Druck der WTO, vor allem der USA) Gesetze zum Schutz des geistigen Eigentums erlassen hat, die die Anforderungen der Berner Übereinkunft erfüllen, erfüllt Indien gerade im für den Handel wichtigen Patentrecht noch nicht die internationalen Standards. Bis 2005 jedoch ist es als Mitglied der GATT und Unterzeichner des TRIPS-Abkommens (Trade Related Intellectual Prooerty Rights Agreement) verpflichtet, hier nachzubessern. Auch heimische wie ausländische Unternehmen üben zunehmend Druck aus.[14]

Humanressourcen

Der eigentliche Erfolgsfaktor der indischen Software-Industrie ist die große Menge an günstigen IT-Spezialisten. Zur Zeit arbeiten nach Angaben der NASSCOM etwa 522.000 Beschäftigte im IT-Sektor. Wie bereits erwähnt gibt es eine Vielzahl an Universitäten und Colleges mit sehr gutem Ruf, darunter die renommierten Indian Institutes of Technology und seit 1998 auch ein Indian Institute of Information Technology. Damit stehen dem IT-Sektor jährlich knapp 100.000 neue Ingeneure, Diplom-Informatiker und MCAs (Master in Computer Applications) zur Verfügung[15]. Da nicht nur Absolventen dieser Institute sondern auch andere Universitätsabsolventen mit zusätzlicher Qualifikation von der wachsenden Zahl der privaten bzw. unternehmensverbundenen Bildungseinrichtungen Beschäftigung im IT-Sektor suchen, ist die Gesamtzahl schwer abzuschätzen. Bereits seit Mitte der 90er Jahre befürchten Experten jedoch einen Mangel an qualifizierten Arbeitskräften. Bis heute gelang es der Regierung noch, dem entgegenzusteuern. Allerdings gibt es seit einiger Zeit einen bedeutenden Mangel an Managern mit Erfahrung, da viele der so qualifizierten in die USA abwandern. Ohnehin ist es schwierig für indische Firmen gutes Personal zu halten, da die Arbeiten in indischen Firmen wie oben beschrieben weniger anspruchsvoll sind als bei US-amerikanischen Unternehmen. Mit steigenden Löhnen, Karriere- und neuerdings auch mit Aktienoptionen wird versucht, diesem Trend entgegenzusteuern.[16]

3. Das ungleiche Verhältnis von Indien und den USA

Viele Beobachter[17] der indischen Wirtschaft äußerten vor allem Ende der 90er Jahre, teilweise aber auch darüber hinaus, Bedenken angesichts der Entwicklungen im Softwaresektor. Sie stellten neben einer Exportabhängigkeit vom US-amerikanischen Markt auch einige weitere Schieflagen im Handelsverhältnis der beiden Staaten fest, die eine langfristige unabhängige Entwicklung der indischen Softwarebranche in Frage stellen könnten. Viele der Problempotentiale liegen in der Konzentration auf IT-Dienstleistungen direkt in den USA. Im folgenden möchte ich diese Problemfelder darstellen und, falls bereits Trends erkennbar sind, überprüfen.

3.1. Die USA als Hauptexportmarkt

Wie bereits oben beschrieben, ist die USA der größte Exportpartner für den indischen Softwaresektor. Obwohl die USA auch am Weltmarkt gemessen der größte Softwaremarkt sind, ist der indische Export dorthin immer noch überproportional hoch, die NASSCOM gibt eine relative Abhängigkeit von 1,4 an. Diese Abhängigkeit erklärt sich aus dem entschiedenen Vorgehen der USA bereits bei Öffnung der indischen Märkte, der konsequenten Visa-Politik zugunsten indischer IT-Spezialisten und der engen Verbindung durch die große indische Diaspora, deren Angehörige schon lange zahlreich im Silicon Valley vertreten sind. Durch diese engen Verbindungen ist es für viele indische Unternehmen allerdings auch schwer, eine geographisch breitere Basis für Exporte zu schaffen. Der indische Exportmarkt ist stark von der US-amerikanischen Konjunktur und der (im internationalen Vergleich leicht rückläufigen) Sektorenentwicklung abhängig.[18]

3.2. Die „Internationale Arbeitsteilung“

Aus der relativen Abhängigkeit vom US-amerikanischen[19] Markt und der schwachen indischen Binnennachfrage resultiert auch die schwache Verhandlungsmacht der indischen Unternehmen. Dies ist ein Faktor, der die inzwischen etablierte „internationale Arbeitsteilung“ zwischen gutbezahlten Management- und Planungstätigkeiten durch US-amerikanische Experten und eher schlechtbezahlten Programmierleistungen durch indische Beschäftigte erhält. Dasselbe gilt für die nur zögerliche Auslagerung von Projekten US-amerikanischer Unternehmen nach Indien bzw. die Präferenz für das sogenannte „body-shopping“. Die zunächst durch extrem niedrige Markteintrittsbarrieren (niedrige Investitionen und wenige bürokratische Hürden) auch von indischen Unternehmen bevorzugte Form der Dienstleistung wirkt sich langfristig negativ auf Wachstum und Stabilisierung des indischen IT-Sektors aus: Leichte Programmierarbeiten könnten nach und nach automatisiert werden und das Auftragsvolumen nähme ab; wegen Unterforderung und mangelnden Karriereaussichten wandern die besten IT-Spezialisten (vor allem in die USA) ab.

Von US-amerikanischer Seite gibt es dabei vielerlei Argumente, die gegen eine Auslagerung von Projekten sprechen: Die Auslagerung von Projekten bedeutet auch immer, einen Teil der Kontrolle abzugeben. Dafür muss erst eine Vertrauensbasis geschaffen werden, was einige Zeit der Zusammenarbeit beansprucht. Auch das fehlende Vertrauen in die indische Infrastruktur, vor allem der mangelnde Schutz geistigen Eigentums, hält viele US-amerikanische Auftraggeber davon ab, Projekte nach Indien auszulagern. Viele größere Aufträge beinhalten neben sensiblen Informationen auch die Notwendigkeit ständiger Rücksprache und Korrektur. Zwar ist es auch bei schwachen Internetverbindungen möglich, über kleine Satellitenanlagen zu kommunizieren, oft sind aber persönliche Gespräche nötig. Eine Möglichkeit ist hier, Kontaktpersonen beim Auftraggeber zu installieren, die dann die nötige Vermittlertätigkeit übernehmen. Die gängigere Verfahrensweise ist aber immer noch der Onsite-Auftrag. Auch kulturelle Missverständnisse sind nicht selten in der US-amerikanisch-indischen Zusammenarbeit, die eher auffallen und leichter korrigiert werden können, wenn die Beteiligten persönlichen Kontakt haben. Zudem ist der Qualitätsunterschied zwischen Onsite- und Offshore-Arbeit auch innerhalb einiger indischer Unternehmen sehr ausgeprägt, da Offshore-Projekte nicht nur Programmierfähigkeiten sondern auch Managementkapazitäten verlangen, die bei indischen Firmen oft nicht zu finden sind. Auch wirkt sich die mangelnde Qualität der Infrastruktur oftmals auf die Qualität (Terminschwierigkeiten, mangelnde Rücksprache) der Arbeiten aus. Darüber hinaus lohnt es sich nicht, Projekte unterhalb eines gewissen Aufgabenvolumens auszulagern. Da aber gerade die weniger anspruchsvollen und für den Auftraggeber weniger sensiblen Projekte auch wenig umfangreich sind, ist dann nur ein Onsite-Auftrag wirtschaftlich für den Auftraggeber.

Andererseits hat die Arbeit in den USA auch Vorteile für indische Unternehmen, da hier mit besonders niedrigen Investitionen schneller Umsatz erzielt werden kann. Auch haben die Programmierer – trotz der relativ niedrigen Anforderungen – in den USA Kontakt mit der neuesten Technik, die in Indien nur selten zur Verfügung steht. So helfen USA-Aufenthalte den Programmierern, auf dem neuesten Stand zu bleiben, der Lerneffekt ist kaum zu unterschätzen. Für indische Firmen stellen Onsite-Aufträge eine Möglichkeit dar, gutes Personal von der Emigration in die USA abzuhalten, indem sie ihnen interessante Auslandsaufenthalte im Dienst der indischen Firma bieten können. Wie weiter oben bereits erwähnt, verbuchen indische Unternehmen zwar deutlich höhere Umsätze bei Aufträgen in den USA, machen aber wegen der höheren Lebenshaltungskosten etc. weniger Gewinn als mit Offshore-Arbeiten. Ohne Offshore-Aufträge ist es außerdem schwierig, die Kompetenzen im Management zu entwickeln und die Wertschöpfungskette aufzusteigen.

Die oftmals als große Chance interpretierte Übernahme von sogenannten IT-gestützten Dienstleistungen birgt weitere Gefahren: Hier übernehmen beispielsweise ausgebildete Ärzte das Abschreiben von medizinischen Protokollen. Während sie dabei mehr verdienen können als im Gesundheitssektor gehen Indien dringend gebrauchte Ärzte verloren. Ähnlich verhält es sich auch mit anderen Berufsgruppen.

Die wenigen großen Unternehmen, die auch den größten Teil des Gesamtumsatzes unter sich aufteilen, sind bereits in der Lage, Leistungen wie Softwarekomplettlösungen und Produktentwicklung anzubieten und tun dies mit wachsendem Erfolg. Die Vielzahl der kleinen Firmen hingegen hat hierfür nicht die Kapazität. Für die Entwicklung und Stabilität des Sektors als Ganzem ist es aber auch nur wichtig, dass einige Firmen im Land solche Aufträge anziehen und Aufträge weitervermitteln können.

3.3. Service- statt Produktorientierung

Während einige Firmen inzwischen sehr erfolgreich Komplettlösungen und Fertigprodukte auf dem Binnenmarkt anbieten, tun sich damit vor allem exportorientierte Unternehmen sehr schwer. Einerseits, weil gerade das Personal mit Managementerfahrung abwandert, andererseits, weil sich die Erfahrungen auf dem Binnenmarkt sich nur schwer auf die US-amerikanischen Bedürfnisse übertragen lassen und sich wenig Möglichkeiten bieten, solche Erfahrungen zu sammeln. Produktentwicklung erfordert zudem hohe Investitionen und beinhaltet ein hohes Risiko, da nur etwa 5 % der Produkte am Markt überhaupt erfolgreich sind.[20] Zugang zum nötigen Risikokapital ist in Indien sehr beschränkt, erst seit kurzer Zeit ist es auch für ausländische Kapitalgeber möglich, dort zu investieren.

Ohne die Entwicklung von Produkten allerdings bleiben die Unternehmen extrem abhängig von ihrem Personal: Während die Qualität von Serviceleistungen von der Qualität des Personals bestimmt wird, können einmal entwickelte Produkte jahrelang am Markt erfolgreich sein und Gewinn erzielen. In einem Markt, der unter Mangel an Nachwuchs und Abwanderung leidet, eine wichtige Sicherheit.

3.4. Finanzielle Schieflagen

Der Software-Export bringt eine nicht geringe Menge an Devisen nach Indien und ist zu einem wichtigen Faktor in der indischen Wirtschaft geworden. Da aber die Onsite-Aufträge in den USA noch immer dominieren, bleibt der größte Teil des Verdienstes, der für Lebensunterhalt, Reisekosten und ähnliches aufgewendet werden muss, in den USA. Indische Firmen verdienen daher unter dem Strich weniger an den Onsite-Aufträgen als an den Aufträgen, die in Indien ausgeführt werden. Aber nicht nur für die Unternehmen sind Onsite-Aufträge ungünstiger, auch dem indischen Staat entgehen etliche Steuergelder. Die Abwanderung der gut ausgebildeten jungen Inder in die USA hat ähnliche finanzielle Folgen. M.A. Desai errechnet auf Grundlage zweier verschiedener Modelle den Verlust an Einnahmen für den Staat während der 90er Jahre aufgrund der Abwanderung gebildeter Inder in die USA. Je nach Methode sind dies im Jahr 2001 zwischen 0,24% und 0.58% des Bruttoinlandsprodukts Indiens. Allerdings bleibt zu Bedenken, dass die Inder der Diaspora eine wichtige Vermittlerposition zwischen US-amerikanischen und indischen Unternehmen einnehmen und oftmals für das nötige Vertrauen auf Seiten der US-Amerikaner sorgen, um überhaupt Aufgaben nach Indien auszulagern. Außerdem wird auch eine nicht unerhebliche Menge an Investitionen in Indien durch ausgewanderte Inder getätigt. Eine reine Zahlungsbilanz aufgrund von Steuerverlusten wird den Tatsachen also nicht gerecht.

3.5. „Brain drain“ oder „brain circulation“

Die Auswanderung einer Vielzahl gut ausgebildeter Inder vor allem in die USA gibt auch in anderer Hinsicht zu Bedenken. Nicht nur dem Staat gehen Einnahmen verloren, auch die Unternehmen haben Schwierigkeiten diesen Verlust an Spitzenkräften zu kompensieren. Ein besonderer Mangel herrscht an IT-Fachleuten mit Managementfähigkeiten, also jene, die bereits Arbeits- und Projekterfahrung haben. Auch die Universitäten haben vermehrt Probleme, hochkarätiges Lehrpersonal zu rekrutieren, was sich dann natürlich wieder auf die Qualität des Nachwuchses auswirkt.[21] Laut einer Umfrage unter indischen IT-Unternehmen ist ein Mangel an qualifiziertem Personal bzw. Abwanderung das Hauptproblem noch vor infrastrukturellen Mängeln und bürokratischen Hürden.[22] Es gibt sogar Schwierigkeiten, während wichtigen Projekten das beteiligte Personal zu halten. Termin- und Lieferschwierigkeiten sind dann die Folge, was wiederum das Vertrauen des Auftraggebers in Offshore-Arbeiten stört. Mit einem Mangel an Personal geht auch dessen Verteuerung einher, was für den indischen IT-Sektor, der seinen Wettbewerbsvorteil gegenüber anderen Ländern ja gerade aus der großen Menge guter aber billiger IT-Kräfte zieht, extreme Einbußen bedeuten könnte.

In letzter Zeit deutet sich aber eine andere Entwicklung an: ein Rückfluss von indischen IT-Fachleuten aus den USA. Viele der vorübergehenden Arbeitsvisa laufen aus und das Kontingent an Greencards ist zu klein, um allen einen dauerhaften Aufenthalt zu ermöglichen. Außerdem steigen in Indien sowohl Löhne als auch Anforderungen, während die Software-Branche der USA am internationalen Wachstum gemessen leicht zurückfällt und Arbeitsplätze knapper werden. Viele nehmen dies als Anlass zurückzugehen. Es werden bereits speziell für die im Silicon Valley lebenden Inder Jobmessen veranstaltet, und zwar mit gutem Erfolg.[23]

Es deutet sich an, dass aus dem „brain drain“ in Richtung der USA eine „brain circulation“ wird. Indische IT-Spezialisten absolvieren einen Teil ihrer Ausbildung in den USA oder arbeiten dort eine Zeitlang und haben so Einblick in die neusten Entwicklungen am Markt, kommen dann aber nach einer Weile wieder nach Indien zurück.

4. Zusammenfassende Betrachtungen

Während Ende der 90er Jahre viele Experten auf sehr ungünstige Entwicklungen im indischen Softwaresektor hingewiesen haben, und es tatsächlich fraglich war, ob der indische IT-Sektor sich aus der Unterordnung unter den US-amerikanischen Markt lösen könne, sind die Entwicklungen für den indischen Softwaresektor in letzter Zeit eher günstig einzuschätzen.

Die größten Bedenken, die in den 90er Jahren geäußert wurden, bezogen sich auf die andauernde Abwanderung der gut ausgebildeten IT-Spezialisten. Indische Unternehmen bekamen zunehmend Probleme, genügend qualifiziertes Personal zu rekrutieren und auch zu halten, damit zusammenhängend erlitt der indische Staat nicht unbedeutende Steuerausfälle. Auch die Struktur der Branche gab Anlass zu Bedenken: Neben der überproportionalen Abhängigkeit vom US-amerikanischen Markt waren fast alle Unternehmen auf Serviceleistungen spezialisiert. Viele der eher anspruchslosen Aufgaben, die typischerweise von indischen Unternehmen ausgeführt wurden, würden in naher Zukunft automatisiert werden können. Fertigprodukte dagegen wurden höchstens für den extrem kleinen heimischen Markt entwickelt. Die Ursachen wurden vor allem in den anhaltenden Behinderungen durch Bürokratie und mangelnde Infrastruktur gesehen.

Heute allerdings sehen die Perspektiven deutlich besser aus: Die Top-25 der indischen IT-Firmen haben es inzwischen geschafft, anspruchsvollere Aufträge zu übernehmen und in Indien selbst zu bearbeiten, Entwicklungsleistungen für namhafte US-amerikanische Unternehmen werden heute oftmals in Indien erbracht. Diese enthalten auch Problemanalyse und Gesamtkonzeptionierung, die weitaus besser bezahlten Aufgaben in der Produktentwicklung. Durch die anhaltende Zusammenarbeit wächst das Vertrauen in indische Unternehmen und ihre Leistungsfähigkeit. Gleichzeitig können indische Unternehmen mehr Managementerfahrungen sammeln und die speziellen Problemlagen und Bedürfnisse US-amerikanischer Unternehmen kennen lernen. Diese großen Firmen können den indischen Sektor stützen und ihrerseits Aufgaben an kleinere Firmen

auslagern. Dazu kommen multinationale Unternehmen, die ebenfalls Entwicklungszentren in Indien aufbauen und mit fast ausschließlich indischem Personal arbeiten.

Auch der Abfluss an qualifiziertem Personal hat sich gewandelt: Die Wanderungen finden heute in beide Richtungen statt, indische Ingeneure bilden sich fort und sammeln Arbeiterfahrung in den USA und kommen oftmals nach einer gewissen Zeit zurück nach Indien.

Eine Chance als auch eine Gefahr bilden die zunehmend nach Indien ausgelagerten IT-gestützten Dienstleistungen, Arbeiten, die zumeist sehr anspruchslos sind. Einerseits schaffen sie Arbeitsplätze direkt vor Ort und bringen Devisen ins Land. Doch arbeitet hier zum Teil hochqualifiziertes Personal, das an anderer Stelle dringend gebraucht wird, aber schlechter bezahlt würde. Zum Beispiel werden Ärzte zum Abtippen medizinischer Berichte aus den USA angestellt.

Auch dürfte es für den Sektor schwer sein, sich dauerhaft unabhängig am Markt zu etablieren, wenn die eigene Binnennachfrage so extrem klein bleibt. Eine Steigerung ist – trotz umfangreicher Versprechen der Regierung – in näherer Zukunft nicht abzusehen, obwohl der wachsende ICT-Sektor selbst zu einer langsamen Verbesserung der Lage beiträgt.

Obwohl also noch einige Schwachpunkte im indischen Softwaresektor auszumachen sind, so kann man doch sowohl die Entwicklungen der letzten Zeit als auch die Perspektiven insgesamt als sehr positiv bewerten.

5. Literaturverzeichnis

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http://news.bbc.co.uk/go/pr/fr/-/1/hi/business/3083817.stm

Singh, Nirvikar, India’s Information Technology Sector: What Contribution to Broader Economic Development?, Santa Cruz, Oktober 2002

Singhal, Arvind und Everett M. Rogers, India’s communication revolution: from bullock carts to cyber marts, New Dehli 2001.

Ohne Verfasser, Intellectual Property Rights in India, ohne Datum.

http://www.indiaonestop.com/markets-intellectual-prop-rights.htm

[...]


[1] Laut www.nasscom.org.

[2] Vgl. z.B. Singh, Nirvikar, S. 10.

[3] Nach Kapur, S. 91-110.

[4] Singhal/Rogers, S. 43 f.

[5] Singhal/Rogers, S. 213.

[6] ATIP, S. 4.

[7] Laut NASSCOM im Finanzjahr 2001-01 ca. 72% des gesamten IT-Sektors.

[8] Arora et al., 2001, S. 7f.

[9] Laut NASSCOM machen die Exporte in die USA im Finanzjahr 2002-03 67,7% der gesamtindischen IT-Exporte aus, in Relation zum Anteil der Weltmarktanteile der USA errechnet die NASSCOM einen Abhängigkeitskoeffizienten von 1,4 (ausgewogen bei 1).

[10] Siehe beispielsweise Heeks, 1998.

[11] Arora et al., 2000, S. 26.

[12] Arora/Athreye, 2001, S. 13.

[13] Kapur, S. 17.

[14] http://www.indiaonestop.com/markets-intellectual-prop-rights.htm

[15] www.nasscom.org

[16] Arora et al., 2000, S. 33.

[17] Im folgenden gehe ich besonders auf R. Heeks, M. A. Desai et al. und A. Arora et al. ein.

[18] Heeks, S. 5.

[19] Heeks, S. 6.

[20] Heeks, S. 5.

[21] Aggarwal

[22] Arora und Fernandes, S. 9.

[23] Shiels, BBC News

20 von 20 Seiten

Details

Titel
Die indische Softwarebranche und ihre Beziehungen zur USA
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Veranstaltung
Infrastruktur und Grundkomponenten der südasiatischen Wirtschaften
Note
2
Autor
Jahr
2003
Seiten
20
Katalognummer
V108761
Dateigröße
473 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Softwarebranche, Beziehungen, Infrastruktur, Grundkomponenten, Wirtschaften
Arbeit zitieren
Katharina Grammel (Autor), 2003, Die indische Softwarebranche und ihre Beziehungen zur USA, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/108761

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