Entwicklung des Fußballs im deutschen Kaiserreich


Hausarbeit, 2004

19 Seiten, Note: 2


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Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Entstehung des Fußballs im Mutterland England

3. Fußball als englischer „Kulturimperalismus“

4. Kaiserreich – Wirtschaft, Politik und Gesellschaft zwischen 1871 - 1914

5. Turnen und Sport als ideologischer Grabenkrieg

6. Fußlümmelei und Aftersport – Der Fußball im Kaiserreich

7. Visionär und Kosmopolit Walter Bensemann

8. Fazit

9. Literatur

1. Einleitung

Fußball ist heute in Deutschland die Sportart Nummer Eins. Jedes Wochenende strömen Hunderttausende in die Stadien der Republik, um ihren persönlichen Lieblingsverein zu unterstützen. Arenen mit riesigem Fassungsvermögen füllen sich regelmäßig und machen in Kombination mit der massenmedialen Berichterstattung Fußball zu einer Mischung aus Religion und großem Kommerz. Profitum und Sponsoring sind heute so selbstverständlich wie unzertrennlich, Millionengehälter genauso üblich wie Millionenbudgets. Die Professionalisierung hat ein nie gekanntes Niveau erreicht.

Der Deutsche Fußball Bund hatte im Jahr 2003 exakt 6.274.021 Mitglieder. In 26.239 Vereinen sind 168.246 Mannschaften organisiert, die jedes Wochenende um Sieg und Niederlage kämpfen.

Diese eindrucksvollen Zahlen markieren die Spitze einer Entwicklung, die in Deutschland bereits ca. 120 Jahre zuvor einsetzte und so niemals vorherzusehen war.

Doch wie kam es zu dieser Entwicklung? Wo und unter welchen Bedingungen entstand die Sportart Fußball? Wo trat das Ballspiel in der Folge seinen Siegeszug an? Was war das Besondere an der deutschen Fußballentwicklung im Kaiserreich? Welche Hürden waren in der Gründungsphase zu überwinden?

Zur Beantwortung dieser Fragen skizziere ich zunächst die Geschichte des Fußballs in England. Anschließend zeichne ich exemplarisch den Weg der Sportart um die Welt nach. Nach einer allgemeinen Darstellung der wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Situation im Kaiserreich, widme ich mich der Gegenüberstellung von Turnen und Sport, die für das Verständnis der Entwicklung dort unabdingbar ist.

Anschließend wende ich mich dem Fußball im Speziellen zu, arbeite Wegmarken und Meilensteine der Verbreitung heraus, um abschließend Walter Bensemann als eine ausgewählte Persönlichkeit näher vorzustellen, die einerseits zum Siegeszug des Ballspiels beigetragen hat und andererseits ein gutes Beispiel einer Sportlerbiographie dieser Tage repräsentiert.

2.Die Entstehung des Fußballs im Mutterland England

Die Sportart Fußballs entstand in ihrer heutigen, modernen und verregelten Form im England des 19. Jahrhundert.

Sie fand ihren Weg zunächst über wilde und brutale Spiele in den Dörfern. Erste Spuren der Ursprünge finden sich bereits im 10. Jahrhundert. Im 14. Jahrhundert tauchen die ersten schriftlich dokumentierten Hinweise auf. Dennoch hat diese volkstümliche Form des Spiels wenig mit dem heutigen, modernen Fußball gemeinsam. Die Regeln waren Gewohnheitsregeln, die von Dorf zu Dorf bzw. von Region zu Region variierten. Es gab weder feste Spielfelder noch feste Mannschaftsgrößen. Die Spiellänge betrug mitunter den gesamten Tag, wobei im Laufe des Spiels oft Verletzte oder sogar Tote beklagt werden mussten.

Aber schon in der Zeit des „Folk Football“ kristallisierte sich die Anziehungskraft des Spiels heraus. Über den Derby-Charakter[1] vieler Begegnungen konnte das Spiel lokale Identität stiften, was einen nicht unwesentlichen Katalysator darstellte.

Bis zum Beginn der Industrialisierung erfuhr das Spiel keine wesentlichen Änderungen. Anschließend befand es sich zusehends unter dem Druck der sich verändernden sozialen und gesellschaftlichen Determinanten sogar auf dem Rückzug. Die neuen Arbeits- bzw. Ausbeutungsverhältnisse sowie die voranschreitende Urbanisierung machten das Unterklassevergnügen zunehmend unmöglich.

Den nächsten Schritt auf dem Weg zur Massensportart machte der Fußball, als er Mitte des 19. Jahrhunderts Eingang in die „Public Schools“ fand. Nachdem der „Folk Football“ fast ausgestorben war, nahmen sich die Söhne der Adeligen und aufstrebenden Bürger des Spiels an. Teils, um die Hackordnung innerhalb der Schülerschaft weiter zu festigen, und teils, um offen den Lehrkörper zu provozieren. Nach einer „Schulkrise“, ausgelöst durch Spannungen innerhalb des englischen Gesellschaftssystems, kam es soweit, dass die Ballspiele als Möglichkeit der Charakterbildung durch die Lehrer entdeckt und nach und nach auch akzeptiert wurden.

Die wichtigsten Änderungen hin zum modernen Sportspiel fanden an den Public Schools Eton, Rugby und Harrow statt. 1846 gab es erstmals ein schriftlich fixiertes Regelwerk („The Law of Football as Played in Rugby School.“). Es entschärfte und zivilisierte das Spiel, machte es gesellschaftsfähig. In der Folge veröffentlichten Eton (1849) und weitere Schulen eigene Regelwerke. Dabei kristallisierten sich zwei Grundströmungen heraus: Einmal das „kicking game“, welches das Handspiel grundsätzlich verbot, und zweitens das „handling game“, die Vorform des heutigen Rugby.

Da fast jede Schule, die etwas auf sich hielt, eigene Regeln veröffentlichte, war der Vergleich im Wettkampf äußerst schwierig. Besonders die ehemaligen Absolventen standen vor dem Problem, dass sie außerhalb der Schulen keine oder nur wenige Gleichgesinnte fanden.

Als die erste Generation der Schüler, die die Vorläufer von Fußball bzw. Rugby an ihren Schulen kennen gelernt hatten, die Schulen verließen, konstituierten sich die ersten Fußballclubs. Einige übernahmen dabei die sog. „Cambridge Rules“, andere wiederum die Regeln von Harrow (wie z.B. der 1857 gegründete Sheffield FC).

Die Gründung der FA

1863 kam es endlich zur Gründung der „Football Association“, deren Ziel es war, ein einheitliches Regelwerk zu schaffen. Im Dezember 1863 wurde das neue Regelwerk, welches stark von den Regeln aus Harrow beeinflusst war, verabschiedet. Es begrenzte das Handspiel auf ein Minimum und stellte das Treten und unnötige Gewalt unter Strafe.

Daraufhin verließen die Vertreter und Vereine der brutaleren Rugby-Variante die FA, um acht Jahre später die „Rugby Football Union“ (RFU) zu gründen.

Nachdem sich 1877 die FA als alleinige Association durchgesetzt hat, beginnt der Siegeszug des modernen Fußball. 1871 hat die FA 50 Mitglieder, 1888 sind es bereits 1000 und bis 1905 schnellt die Zahl auf über 10000 angeschlossene Vereine. Eines der Erfolgsgeheimnisse war die Einführung eines landesweiten Pokalwettbewerbes 1871, des FA-CUP[2].

Zwar dominierte Rugby in der Frühphase der Fußballentwicklung, verlor aber zunehmend an Boden, weil die RFU nicht in der Lage war, einen ähnlich attraktiven Pokalwettbewerb einzuführen. Außerdem war das Regelwerk im Vergleich deutlich komplizierter, also weniger einstiegsfreundlich und massentauglich.

3. Fußball als englischer Kulturimperialismus

Diese zugegebener Maßen pointierte Überschrift soll daraufhin weisen, dass der Siegeszug der Sportart Fußball eng verknüpft war mit der kolonialen Geschichte Englands - zwischenzeitlich war ein Drittel der Weltbevölkerung unter der Herrschaft des Empire.

An den Public Schools Englands wurden die Eliten des Landes ausgebildet und anschließend in die ganze Welt geschickt. Sie waren es u.a., die das Spiel exportiert haben. Auf dem gesamten Globus entstanden sog. Engländer-Kolonien, die die Kultur ihrer Heimat aktiv pflegten. In Deutschland fanden sich diese Kolonien, die aus Schülern, Studenten, Ingenieuren, Unternehmern und „Langzeit-Touristen“ sowie Verwandten deutscher Herrschaftshäuser bestanden, in Handelszentren (Hamburg, Berlin), Residenzstädten (Hannover, Dresden) und Mode-Bädern (Baden-Baden).

Internationale Beispiele:

- Auf dem europäischen Kontinent war es die Schweiz, die sich dem Fußball als erste Nation zuwandte. Insbeson­dere im französisch-sprachigen Teil um Genf und Lausanne wurde das Spiel in den 1860er Jahren von Engländern, die an Schweizer Privatschulen studierten, eingeführt. 1898 wurde der Zürcher Grasshopper Klub, der Name stammt von einem englischen Biologiestudenten, der erste Schweizer Landes­meister.

- In Argentinien lebten allein in Buenos Aires um 1890 40.000 Briten. Sie bildeten die größte und wohlhabendste britische Kolonie außerhalb des Empire. Argentinien war Britanniens wichtigster Handelspartner. So wurde die Stadt zur ersten Hauptstadt des Sports und damit des Fußballs auf dem südamerikanischen Kontinent.

- Das kleine Uruguay stieg aufgrund des englischen Einflusses bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts zur Fußballgroßmacht auf. Auch hier war Soccer zuerst das Spiel der Elite und Ausdruck der britischen Präsenz. Uruguay gewann die Olympischen Fußballturniere von 1924 und 1928 sowie die erste von der FIFA organisierte Fußballweltmeisterschaft im Jahr 1930.

Diese drei Bespiele machen eines sehr deutlich. Fußball war in seiner Frühphase eng an die Präsenz von Engländern oder englisch geprägten Menschen gebunden. Fußball hatte also zusätzlich zu seinem ureigenen Reiz einen mächtigen Geburtshelfer.

3. Die politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Situation im Kaiserreich 1871 - 1914

Noch während des dritten Reicheinigungskrieges kommt es 1871 unter Führung des Königreiches Preußen im Spiegelsaal zu Versailles zur sog. Kleindeutschen-Lösung, der Reichsgründung unter Ausschluss Österreichs. Damit ist die Kleinstaaterei von 22 Monarchien und 3 freien Städten endgültig zu Ende. Hier beginnt der Aufstieg des Kaiserreichs zur europäischen Großmacht, politisch wie wirtschaftlich.

Es ist Reichskanzler Otto von Bismarck, der bis zu seiner Absetzung 1890 durch Kaiser Wilhelm II, die Außen- und Innenpolitik bestimmt. Unter ihm werden die verschachtelten Bündnisse zwischen den europäischen Mächten ausgehandelt, er ist es, der einerseits die aufkommende sozialistische Bewegung bekämpft (Sozialistengesetze) und andererseits für die damalige Zeit vorbildliche Sozialleistungen einführt.

Mit der wirtschaftlichen geht eine wissenschaftliche Hochkonjunktur einher. Zwischen 1901 und 1914 geht jeder dritte Nobelpreis ins Kaiserreich. Deutschland wird berühmt für seine Universitäten und Ingenieurskunst. Zu dieser Zeit entstehen Weltkonzerne wie AEG (gegründet 1883) und Technische Universitäten wie die TU Darmstadt (gegründet 1877).

Mit der Absetzung Bismarcks durch Kaiser Wilhelm II am 20.03.1890 beginnt das „persönliche Regiment“. Seine sprunghafte und arrogante Art, die ungeheure Aufrüstung (besonders der Marine) sowie sein imperiales Streben („Platz an der Sonne“) drängen den Kaiser und damit Deutschland nach und nach in die Isolation. Somit sieht sich Deutschland Anfang des 20. Jahrhunderts von Feinden „eingekreist“.

Gesellschaftlich wird die „Soziale Frage“ virulent. Mit der stärker werdenden Industrialisierung und Urbanisierung verschärfen sich die gesellschaftlichen Spannungen. Politisch und administrativ sind die alten Eliten (Adel, Großbürgertum) immer noch dominant, doch die Arbeiterschaft beginnt sich ihrer Macht bewusst zu werden. Außerdem stellt der neue Typ Unternehmer das Machtgefüge mehr und mehr in Frage, da er es in Kombination mit den Arbeitern ist, der die Werte schafft.

Das Alltagsleben im Kaiserreich war ein Leben der Widersprüche. Prachtbauten der Industriellen und Adeligen stehen den erbärmlichen Mietskasernen der Arbeiter gegenüber. Elektrizität und das Automobil krempeln die bisherige Lebenswelt vollständig um. Die durchschnittliche Lebenserwartung steigt 1910 auf 47 Jahre, Hungerkrisen gehören der Vergangenheit an und so wächst die Gesamtbevölkerung von 41 Mio. (1870) auf 67 Mio. (1913) Einwohner.

Trotz der unübersehbaren Probleme dieser Tage war es der überall wahrgenommene Zuwachs an Macht und Einfluss des Kaiserreichs in der Welt, der eine verlässliche Klammer der Klassengegensätze bildete. Dies und der schon sprichwörtliche „Untertanen-Geist“ waren die Pfeiler der Macht Kaiser Wilhelms II.

Turnen und Sport – ein ideologischer Grabenkrieg

Als Begründer der ältesten aller deutschen organisierten Bewegungen im Bereich der Bewegungskultur gilt der Pädagoge Friederich Ludwig Jahn („Turnvater Jahn“). Er verband die Idee der Ausbildung des Körpers als Mittel zur Erziehung des Menschen mit dem aufkommenden deutschen Nationalismus. Von Anfang an war die Turnbewegung in einer Vereinsbewegung eingebettet. Das damalige Turnen umfasste ein breites Spektrum an Leibesübungen, konnte und wollte seinen seien militärisch-kollektivistischen, paramilitärischen Charakter aber nie verbergen.

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich die Turnbewegung zu einem festen Bestandteil der oppositionellen Nationalbewegung – das Turnen war von Beginn an politisch.

In einer Phase staatlicher Repression (Karlsbader Beschlüss, Turnsperre) wurden Turnvereine zeitweilig verboten. Damit war die Entwicklung der Vereinslandschaft eine Weile unterbrochen, nicht aber die des Turnens an sich. Die staatlichen Stellen hatten erkannt, welchen Nutzen es aus einer vormilitärischen Erziehung der Jugend in den Schulen ziehen konnte. Nach dem Scheitern der März-Revolution 1848 sah sich die Turnerschaft erneut staatlicher Repressalien ausgesetzt. Lediglich im Bereich der schulischen Leibesübungen blieb das Jahnsche Turnen dominant.

Nach der Reichsgründung im Jahre 1871 gehörten die Turner zu den eifrigsten Propagandisten des neuen Reiches. Aus einer demokratisch-republikanischen Bewegung wurde eine reichsnationalistische, affirmative und erzkonservative Bewegung. Dieser neue Nationalismus richtete sich, wie die Reichspolitik, zunächst in erster Linie gegen den westlichen Nachbarn Frankreich, im Zuge der innenpolitischen Konflikte des Reiches aber auch gegen die Katholiken und später vor allem gegen die Sozialdemokraten sowie alle anders denkenden Gruppen.

In der Zeit bis 1914 wuchs die 1868 gegründete Deutsche Turnerschaft (DT) auf etwa 1,5 Millionen Turner, die in ca. 11.500 Vereinen organisiert waren. Damit war die DT mit Abstand die größte und einflussreichste Bewegung im Kaiserreich.

Im krassen Gegensatz dazu verhielt es sich mit dem Sport an sich. Er fand seine Unterteilung in spezialisiert betriebene Sportarten und war seiner Natur nach internationalistisch. Er war offen für neue Sportarten wie Fußball, offen für internationale Vergleichswettkämpfe wie die Olympischen Spiele und vertrat eine neue Wertestruktur, die sich mit den Begriffen Individualisierung, Rekord- und Wettkampforientierung zusammenfassen lassen. Der Sport war deshalb für viele „Sportler“ attraktiv, da er gerade keine Unterordnung und keinen Drill im militärischen Sinn verlangte. Hier war Individualität im Mannschaftsdienst Teil des Spiels.

Somit ist die Geschichte des Fußballs in Deutschland auch eine Geschichte des Sports in Konkurrenz zum Turnen. Die folgende Tabelle verdeutlicht noch mal die Gegensätzlichkeit beider Lebenswelten:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

6. Fußlümmelei und Aftersport – Der Fußball im Kaiserreich

Mit der wachsenden Popularität des Sports im Allgemeinen und dem Fußball im Besonderen sah die Turnerschaft ihre führende nationale Stellung bedroht. Daher sah sich der Fußball in der Frühphase der deutschen Fußballgeschichte üblen Diffamierungen ausgesetzt. Das bekannteste Beispiel hierfür ist wohl die erstmals 1894 erschienene Schrift des bekannten Turnführers Prof. Karl Planck mit dem programmatischen Titel "Fußlümmelei. Über Stauchballspiel und englische Krankheit.". Dort heißt es: "Zunächst ist jene Bewegung ja schon, auf die bloße Form hin angesehen, hässlich. Das Einsinken des Standbeins ins Knie, die Wölbung des Schnitzbuckels, das tierische Vorstrecken des Kinns erniedrigt den Menschen zum Affen.“

Aufgrund der Widerstände durch die Turnerschaft gelang es dem Fußball nur langsam, sich durchsetzen. Es war u.a. abermals Konrad Koch, der 1894 in der „deutschen Turnzeitung“ versuchte, die Einwände zu zerstreuen. Indem er Fußball als deutsche Sportart mit deutschen Wurzeln herleitete, wollte er den Kritikern ihren nationalistischen Wind aus den Segeln nehmen. Des Weiteren wurde Rugby von ihm als englischere der beiden Ballspielvarianten bezeichnet – Fußball war also das kleinere Übel.

Trotz dieser nationalistischen Hindernisse fand der Fußball auf zwei Routen seinen Weg in die deutsche Sportlandschaft:

1. Wie bereits angedeutet sind es Engländer, die den Fußball nach Deutschland exportieren. Doch dieser englische Einfluss, der auch junge Deutsche mit dem neuen Spiel bekannt machte, beschränkte sich auf jene Orte, an denen es regelrechte "Engländerkolonien" gab.

2. Gymnasien und höhere Schulen sind die eigentlichen Keimzellen des deutschen Fußballs. Zwei Katalysatoren sind dabei zu nennen: Zunächst der Reiz des Verbotenen. Fußball war verpönt und teilweise verboten. Genau das Richtige für Halbstarke, die provozieren wollen. Ergänzend ist die politisch motivierte Förderung durch Einzelne zu nennen. In der einschlägigen Literatur wird der Braunschweiger Gymnasiallehrer Konrad Koch genannt, der im Jahre 1874 beide Spielarten des Fußballs am dortigen Martino-Katharineum einführte.

Bis in die neunziger Jahre des 19. Jahrhunderts blieb der Sport in Deutschland die Domäne von Schülern höherer Lehranstalten. Auch das erste Wettspiel zwischen Mannschaften aus unterschiedlichen Orten, es fand 1886 zwischen Braunschweig und Göttingen statt, war ein Vergleich zweier Schulmannschaften. In den späten achtziger und frühen neunziger Jahren setzte dann eine erste Welle von Vereinsgründungen ein. In den Fußballvereinen dieser Zeit dominierten Gymnasiasten und Studenten - Fußball war bis ins erste Jahrzehnt des zwanzigsten Jahrhunderts eine Domäne des gebildeten Bürgertums. Erst nach dem 1. Weltkrieg schafft der Fußball den Sprung zur Arbeiter- und damit zur Massensportart.

Die Gründung des Deutschen Fußball Bund

Mit der Gründung des Deutschen Fußball Bund im Januar 1900 in Leipzig werden die ärgsten organisatorischen Probleme beseitigt. In diesem neuen Verband waren zunächst noch Vertreter beider Spielarten organisiert. Doch die noch im selben Jahr ausgearbeiteten einheitlichen Verbandsregeln verboten das Aufnehmen des Balles, spätestens 1904 war der DFB ein reiner Fußball-Verband. Ab 1900 erlebte der Fußball dann einen spürbaren Aufschwung, blieb bis zum Beginn des ersten Weltkrieges aber eher eine aufstrebende Randsportart und war von seiner heutigen Stellung als dominierende Volkssportart in Deutschland noch weit entfernt. Umfasste der DFB 1905 14.000 und 1910 82.000 Mitglieder, so konnte allein die Deutsche Turnerschaft zum gleichen Zeitpunkt mit 800.000 respektive 1.080.000 Mitgliedern aufwarten.

Das Militär als Steigbügelhalter des Fußballs

Zwar gab sich der DFB strikt unpolitisch, um offen für alle potentiellen Mitglieder zu sein, doch konnte und wollte auch er sich der wachsenden Militarisierung der Wilhelminischen Gesellschaft nicht verschließen. So kam es, dass er diversen Dachorganisationen des Sports und Militärs beitrat. 1905 wurde Fußball dann Teil der Offiziersausbildung. 1908 setzte sich das Spiel endgültig im Militär durch. Welches Ziel der DFB verfolgte, lässt sich aus einem Zitat der Satzung von 1908 nachvollziehen: „Der Zweck des Bundes ist die Einwirkung auf die öffentliche Meinung, um das Verständnis für den Wert körperlicher Übungen, besonders bei Schulbehörden und Militärkreisen zu wecken und zu heben.“

Ein noch heute bestehendes Relikt der Nähe des Fußballs zum Militär ist der militärische Sprachgebrauch im Fußballdeutsch. Anleihen wie Flanke, Sturm, Angriff und Verteidiger weisen noch heute auf die enge Verzahnung im Kaiserreich hin.

Krieg und Fußball

Der Ausbruch der „ersten Urkatastrophe“ des neuen Jahrhunderts bedeutete für den Sport im Allgemeinen und den Fußball im Besonderen national wie international einen herben Rückschlag. Sowohl die Olympischen Spiele 1916 als auch alle anderen nationalen Aktivitäten des deutschen Sports wurden in den ersten Kriegsjahren auf Eis gelegt.

Der Krieg verhinderte grundsätzlich die gezielte Förderung des Sport, zu sehr war das gesellschaftliche Leben auf den Kampf ausgerichtet. Der Spielbetrieb nahm mit der Dauer des Krieges kontinuierlich ab, da kaum mehr Spieler vorhanden waren und in Zeiten höchster Not Spielplätze eher zu Kartoffeläckern umgewandelt und Tribünen eher verfeuert wurden.

Als Resultat füllten immer öfter Alte und Jugendliche die Mannschaften auf, damit der Spielbetrieb wenigstens rudimentär aufrechterhalten werden konnte. In diese Zeit vielen auch durch Spielermangel hervorgerufene Vereinsfusionen wie die des KSV Holstein Kiel (1917), der aus den Vereinen 1. Kieler Fußballverein v. 1900 und dem SV Holstein hervorging.

An der Front erfreute sich das Spiel großer Beliebtheit. Sowohl die militärische Führung als auch die Truppe wollten das Spiel, wenn auch aus unterschiedlichen Motiven. Für die Führung stellte der Fußball eine Möglichkeit der Förderung der körperlichen Physis dar, außerdem hob er die Truppenmoral und damit die Kampfkraft. Die Truppe fand in dem Spiel eine willkommene Abwechslung zum Alltag an der Front.

Die große Verbreitung an der Front bereitete im Kleinen das vor, was später im Großen u.a. durch die heimkehrenden Soldaten folgen sollte: Fußball war auf dem Weg zur Massensportart.

7. Visionär und Kosmopolit Walhter Bensemann („Der große, alte Mann des Fußballs“ – Frankfurter Neue Presse)

Am 13. Januar 1873 wurde Walther Bensemann in Berlin als Sohn eines Bankiers geboren. Im Alter von 10 Jahren ging Bensemann in die Schweiz, um in einem englischen Internat zu leben und zu lernen. Dort lernte er das englische Schulwesen mit all seinen Werten und Normen kennen, traf erstmals auf den englischen Sport und damit auf den Fußball. Offenbar war er sofort begeistert, denn noch in er Schweiz, genauer in Montreux, war er als 14-jähriger Gründungsmitglied eines Fußballvereines. Zwei Jahre Später, 1889, wechselte an ein humanistisches Gymnasium in Karlsruhe, um dort sofort Gleichgesinnte zu suchen, die mit ihm den Karlsruher Internationalen Fußballklub gründeten.

In den Jahren seines Philologiestudiums trat er immer wieder als Vereinsgründer und -förderer in Erscheinung, so z.B. in Straßburg, Baden-Baden, Mannheim, München und Frankfurt. Es fällt auf, dass dies alles Orte mehr oder weniger großer „Engländerkolonien“ waren.

In den Folgejahren ging der Funktionär Bensemann immer mehr dazu über, internationale Begegnungen zu ermöglichen. Die Internationalität des Sports war nach seiner Überzeugung kein Lippenbekenntnis, sondern Lebenseinstellung. 1898 gab es das erste inoffizielle Länderspiel zwischen einer Pariser und einer süddeutschen Auswahlmannschaft.

Das Bensemann mit seiner Einstellung nicht unumstritten war, liegt auf der Hand. Überhaupt waren die Regionalverbände und später der DFB in ein nationales und in ein internationales Lager gespalten. Eine Folge davon war der zeitweilige Ausschluss Bensemanns aus dem Süddeutschen Verband 1899. Nach der Jahrhundertwende verließ Bensemann als Lehrer das Reich in Richtung England und kehrte er erst dauerhaft nach Ende des Krieges zurück. Seine Querköpfigkeit und Eigenmächtigkeit verbot ihm nach seiner Rückkehr eine Funktionärsposition im Fußball. Daraufhin gründete der umtriebige Fußballenthusiast 1920 in Konstanz den „Kicker“, um regelmäßig aus der Welt des Fußballsports aber auch der Politik zu berichten.

Kurz nach der Machtübernahme der Nazis flüchtet Bensemann aufgrund seines jüdischen Stammbaums aus dem faschistischen Deutschland. Am 12. November 1934 stirbt Walther Bensemann in seiner Wahlheimat Schweiz. Der Sportjournalist Richard Kirn schreibt 1977: „Der Mann, der den Fußball nach Deutschland gebracht hat, ist so gut wie vergessen.“

8. Fazit

Vor dem Hintergrund der vielfältigen Hindernisse, auf die der Fußball in Deutschland in seiner Frühphase traf, erscheint der Erfolg der Sportart weniger determiniert, als so mancher Fußballfan heute gerne annimmt. Die Faktoren für den Erfolg waren so vielfältig wie different: Es bedurfte des Einsatzes überzeugter Sportsmänner wie Walther Bensemann und idealistischer Sportlehrer wie Konrad Koch, um den Fußball in Deutschland in Position zu bringen. Die Entwicklung des Sports ist aus der Retrospektive aber genauso wenig denkbar ohne den englischen Einfluss durch die auf der ganzen Welt verteilten „Engländerkolonien“, weder in Südamerika noch in Europa. Der kulturimperialistische Einfluss des Empire in Verbindung mit den sich wandelnden Lebensumständen aufgrund der Industrialisierung bereiteten den Boden, auf dem der Fußball gerne Platz nahm. Nicht zu vergessen ist auch die Verregelung des Spiels, die Schaffung von Verbänden, die den Spielablauf organisierten sowie die politisch und militärisch motivierte Förderung seitens der Eliten. All dies musste zusammenkommen, um den Fußball auf die Siegerstrasse zu bringen.

Dabei sollte nur eines nicht vergessen werden: Die Magie des runden Balles, der in das Eckige muss. Bei all den Faktoren war nicht zuletzt der Charakter des Fußballs, definiert durch die Idee und die Regeln des Spiels, ausschlaggebend für seinen Siegeszug um die Welt.

9. Literatur

- Deutscher Fußball Bund (Hg.) (1999): 100 Jahre DFB. Die Geschichte des deutschen Fußball Bundes. Berlin.
- Eggers, Erik (2001): Fußball in der Weimarer Republik. Kassel.
- Schulze-Marmeling, Dietrich (1999): Fußball für Millionen. Die Geschichte der deutschen Nationalmannschaft. Göttingen
- Eisenberg, Christiane (1990): Vom „Arbeiter- zum Angestelltenfußball?“ Zur Sozialstruktur des deutschen Fußballsports 1890 – 1950. In: Sozial- und Zeitgeschichte des Sports. 4. Jahrgang (1990) Heft 3. S. 20 – 45.
- Emrich, Elke (1992): Fußball und Gesellschaft – Sozialgeschichtliche und soziologische Aspekte eines Wechselwirkungsverhältnisses. In: Sozial- und Zeitgeschichte des Sports. 6. Jahrgang (1992) Heft 2. S. 53 – 66.
- Krüger, Michael (1993): Einführung in die Geschichte der Leibeserziehung und des Sports. Teil 3: Leibesübungen im 20. Jahrhundert. Sport für alle. Schorndorf.
- Jungmann, Martin (2002): Einbecker Vereine im Kaiserreich 1871 – 1914. Göttingen

Internet

- Deutscher Fußball Bund: http://www.dfb.de
Datum (31.10.2003)
- Football Association: http://www.thefa.com
Datum (16.05.2003)
- Deutsches Haus für Geschichte: http://www.dhm.de/lemo/home.html
Datum (31.10.2003)

[...]


[1] Der Begriff „Derby“ stammt aus dem Fußballduell der Pfarrbezirke „All Saints“ und „St. Peter“ der Stadt Derby in England

[2] “The first FA Cup competition in season 1871-72 had fifteen entries. (This season more than 600 took part.) Wanderers, a team formed by ex-public school and university players, won the first final 1-0 against Royal Engineers at Kennington Oval. A crowd of 2,000 attended the match and they each paid one shilling for the privilege. The first Cup Final goal was scored by Morton Betts, playing under the assumed name of 'A.H. Chequer'. He was an Old Harrovian who had once played for Harrow Chequers.” (aus http://www.thefa.com FA History, Stand: 16.05.03)

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Details

Titel
Entwicklung des Fußballs im deutschen Kaiserreich
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum
Note
2
Autor
Jahr
2004
Seiten
19
Katalognummer
V108764
Dateigröße
483 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Arbeit zeichnet unter Berücksichtung der englischen Vorgeschichte die Meilensteine und Besonderheiten der Entwicklung des Fußballs im deutschen Kaiserreich 1871 - 1914 nach.
Schlagworte
Entwicklung, Fußballs, Kaiserreich
Arbeit zitieren
Willem Konrad (Autor), 2004, Entwicklung des Fußballs im deutschen Kaiserreich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/108764

Kommentare

  • Gast am 2.1.2020

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