Gottfried Benn - ein Nationalsozialist? Eine Analyse seiner Gesinnung 1933 unter Berücksichtigung der Korrespondenz mit Klaus Mann


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004
31 Seiten, Note: 1-

Gratis online lesen

Inhalt

1 Einleitung

2 Benns Weg in den Faschismus
2.1 (Re-)Sozialisierung eines Außenseiters
2.2 Apolitische Kunstauffassung und kulturpolitische Kontroversen
2.3 Nationalsozialismus als „Schicksalsrausch“?

3 Zur Korrespondenz zwischen Klaus Mann und Gottfried Benn im Mai 1933
3.1 Emigration Klaus Manns
3.2 „wer sich aber in dieser Stunde zweideutig verhält “ Manns privater Brief aus dem Exil
3.3 Öffentliche Positionierung: Benns „Antwort an die literarischen Emigranten“
3.4 Manns Rezension „Gottfried Benn. Oder: Die Entwürdigung des Geistes“

4 Eugenische Schriften? Das Beispiel „Züchtung“

5 Ausblick: Ende des „geistigen Irrtums“ und innere Emigration

6 „Doppelleben“ 1950: Zugeständnisse und Rechtfertigung

7 Schluss

8 Literatur

1 Einleitung

Gottfried Benn erklärte sich nach der Machtübernahme Adolf Hitlers aus eigenem Entschluss und öffentlich für den neuen deutschen Staat. In Rundfunkreden und Aufsätzen wie „Züchtung“ und „Der neue Staat und die Intellektuellen“ verlieh der Dichter diesem Bekenntnis polemisch Ausdruck. Zudem war Benn Mitglied der Preußischen Akademie der Künste und gab 1933 „unter Anerkennung der veränderten politischen Lage“ eine Loyalitätserklärung ab, was viele Intellektuelle und Exilanten erschreckte.

Besonders berühmt wurde der Vortrag „Antwort an die literarischen Emigranten“. Im Berliner Rundfunk vom Dichter persönlich gelesen, ist er die Replik auf einen privaten Brief von Klaus Mann, den dieser aus dem Exil in Südfrankreich an Benn geschickt hatte. Als „leidenschaftlichen und treuen Bewunderer“ schrieb der Sohn Thomas Manns den Dichter an, warb und kritisierte ihn gleichzeitig. Benn sollte sich für eine Position entscheiden – für oder gegen den Nationalsozialismus, denn „wer sich aber in dieser Stunde zweideutig verhält, wird für heute und immer nicht mehr zu uns gehören“ (Mann 1933, zit. n. Schuster 1989, S. 513). Benns zwei Wochen darauf folgende Antwort fand im In- und Ausland besondere Beachtung, enthielt sie doch folgende Passage, die oft als Einsatz Benns für den Nationalsozialismus interpretiert wurde: „Jeder muss einzeln hervortreten, auch der Literat, und sich entscheiden: Privatliebhaberei oder Richtung auf den Staat. Ich entscheide mich für das letztere.“ (Benn 1933, zit. n. Wellershoff 1966, S. 248)

Benn hoffte 1933, so formulierte er später selbst in seiner Autobiografie „Doppelleben“ (1950), in einer Art „Schicksalsrausch“ auf eine Erneuerung des deutschen Volkes, die einen Ausweg aus Rationalismus, Funktionalismus und zivilisatorischer Erstarrung finden würde (Benn 1984 [1950], S. 82). Er nannte seine Rede ein Plädoyer „für das Recht eines Volkes, sich eine neue Lebensform zu geben, auch wenn diese Form anderen nicht zusagt, und ich analysierte die Methode, mit der sich eine solche neue Lebensform ankündigt und durchsetzt trotz aller rationalen und moralischen Einwände gegen sie.“ (ebd., S. 84f) Diese Position Benns zu untersuchen, ist Gegenstand der vorliegenden Arbeit.

Zunächst aber sollen Benns Lebensweg und seine Kunst- und Geschichtsauffassung dahingehend geprüft werden, ob der Weg in den Faschismus als eine Konsequenz seiner Biografie und seines Denkens gelten kann. Anschließend erfolgt eine Analyse der erwähnten Korrespondenz zwischen ihm und Klaus Mann, da diese signifikant für Benns Situation und Empfinden im Jahre 1933 war. Die in jener Zeit entstandene eugenisch anmutende Schrift „Züchtung“ wird überdies einbezogen, wobei anzumerken ist, dass ich versuche, die Begrifflichkeiten nicht mit der negativen Konnotation zu versehen, die ihnen mit dem heutigen Wissen um die furchtbaren Ereignisse unter Hitler anhaftet.

Folgende Fragen sollen grundsätzlich im Vordergrund stehen: Wie konnte Benn, der eigentlich eine negative Haltung zu Staat und Politik hatte, der die Kunst als Antithesis zu Realität und Ideologie verstand, plötzlich Geschichte und Gesellschaft umwerten und, zumindest bis 1934, biologistisch und anthropologisch anmutende Ansichten zur Regeneration der weißen Rasse propagieren? Nahm Benn wirklich eine pro-nazistische Haltung ein, verhielten sich seine Aussagen kongruent zu den Theorien der Machthaber? Spielten nicht vielmehr der Nationalsozialismus an sich, die Rassentheorien, der Antisemitismus, wie sie bei Hitler angelegt waren, eine untergeordnete bis gar keine Rolle?

Eine wichtige Basis bildet – neben den einschlägigen Essays[1] und der Korrespondenz mit Mann – „Doppelleben“, in welchem Benn persönlich sein Verhältnis zum Nationalsozialismus 1933/34 erörterte und Einstellungen zur Emigration darlegte. Zusätzlich wird Sekundärliteratur genutzt, u. a. von Jürgen Schröder und Harald Steinhagen, die sich mehrfach und eingehend mit dieser Thematik beschäftigt haben.

2 Benns Weg in den Faschismus

Der Fall Gottfried Benn scheint auf den ersten Blick einfach: Der Dichter identifizierte sich 1933/34 eindeutig mit dem NS-Regime. Auf der Suche nach einem Beweggrund konstatierte Bernhard Ziegler 1937 anschließend an die Lektüre von Benns Frühwerk, es lasse sich „klar erkennen, wes Geistes Kind der Expressionismus war, und wohin dieser Geist, ganz befolgt, führt: in den Faschismus.“ (Ziegler 1976, S. 50, zit. n. Steinhagen 1983) Dennoch passt diese Formel allein und in dieser simplen Prägung nicht. Man muss den Blick auf Zusammenhänge richten, die vor 1933 liegen, komplex und teilweise sehr diffizil sind. Vor allem sollte Benns apolitisches Kunstverständnis beleuchtet werden, da dieses den Grundstein für die spätere faschistoide Haltung legte.

2.1 (Re-)Sozialisierung eines Außenseiters

Die Überschrift dieses Abschnitts ist an eine Formulierung Jürgen Schröders angelehnt. Dieser schreibt in seinem Werk „Poesie und Sozialisation“: „Die Höhepunkte und die Abstürze, die Erfolge, die Niederlagen, die spontanen Entscheidungen und die plötzlichen Peripetien, der Weg nach außen und die Richtung nach innen liegen hier [bei G. Benn, Anmerkung nk] dicht beieinander.“ Zwei zentrale Impulse Benns zeichnen sich in ihrer unmittelbaren Nähe zueinander ab: die Bewegung eines Außenseiters von Innen, einer gewollt, ja gesuchten Isolation als Teil seines Verständnisses als Künstler und von Kunst, nach Außen, in die Öffentlichkeit, in die gesellschaftliche Anerkennung, einer deutlichen Positionierung in der Gesellschaft mit einer ausgeprägten und ausgesprochenen Stellung im Staat und in seinen Institutionen (Schröder 1978, S. 89f).

Einem kleinen Kreis von Literaten und Kritikern, so Steinhagen (1983), war der Name Benns zu Beginn und Mitte der zwanziger Jahre bereits bekannt. Mit Carl Sternheim, Carl Einstein und Else Lasker-Schüler stand der Arzt und Dichter in freundschaftlicher Beziehung. Er publizierte regelmäßig in der „Aktion“, der bedeutenden expressionistischen Zeitschrift. Mit Erscheinen der „Gesammelten Gedichte“ und der „Gesammelten Prosa“ 1927/28 ist Benns Weg in die Öffentlichkeit zu datieren; er wurde in zahlreichen Rezensionen positiv gewürdigt. Zudem wurde der Poet in den PEN-Club aufgenommen. Die großen Zeitungen und Zeitschriften öffneten sich ihm. Vor allem die freundschaftliche Verbindung zu Oskar Loerke, Cheflektor bei S. Fischer und Sekretär der Preußischen Akademie der Künste, erwies sich als förderlich (ebd.).

Die erste maßgebliche öffentliche Anerkennung erfuhr Benn im Jahre 1932 als er auf Vorschlag des Vorsitzenden der Sektion Dichtkunst, Heinrich Mann, in die Preußische Akademie der Künste gewählt wurde. Benn bedeutete dies viel, da er als notorischer Außenseiter endlich eine ehrenvolle „Aufnahme bei der Gruppe, beim Volk, bei der Zeit“ fand: „Etwa 25 der bedeutendsten Schriftsteller dichterischer Richtung und Substanz waren die Mitglieder. (…) Die Wahl war damals eine außerordentliche Ehre, die größte, die einem Schriftsteller innerhalb des deutschen Sprachraums zuteil werden konnte“, so Benn in seiner Biografie „Doppelleben“ (1984 [1950], S. 92). Laut Rübe (1993, S. 304) befand sich Benn endlich, nach vielen „Kummerjahren, Praxisschwierigkeiten, lyrischer Austrocknung“ im deutschen „Pantheon der Dichter“.

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde auch innerhalb der Dichtersektion der Versuch der Gleichschaltung unternommen. Ein von Heinrich Mann mit unterzeichneter Wahlaufruf für die Einheitsfront aus KPD und SPD gegen den Faschismus wurde dem Schriftsteller zum Verhängnis: Der kommissarische Leiter des Kulturministeriums nutzte seine Unterschrift für einen „erpresserischen Bluff“. Er stellte Max von Schillings, den Präsidenten der Preußischen Akademie, am 15.02.1933 vor die Alternative, entweder Heinrich Mann zu entfernen oder andernfalls die Auflösung der gesamten Institution zu bewirken. Am gleichen Tage noch wurde der Rücktritt Manns bekannt gegeben (Barbian 1993, S. 30). Gottfried Benn, ein steter Bewunderer Manns, wurde zu dessen kommissarischem Nachfolger erkoren.

Am 13. März entwarf er zusammen mit Max von Schillings ein Revers, von dem man annehmen kann, dass mit ihm die politischen Gegner der Nationalsozialisten mundtot gemacht werden sollten:

Sind Sie bereit unter Anerkennung der veränderten geschichtlichen Lage weiter Ihre Person der Preußischen Akademie der Künste zur Verfügung zu stellen? Eine Bejahung dieser Frage schließt die öffentliche politische Betätigung gegen die Reichsregierung aus und verpflichtet Sie zu einer loyalen Mitarbeit an den satzungsgemäß der Akademie zufallenden nationalen kulturellen Aufgaben im Sinne der veränderten geschichtlichen Lage (ebd.).

Thomas Mann und Ricarda Huch traten daraufhin freiwillig aus der Akademie aus. Zustimmend unterzeichneten u. a. Gerhardt Hauptmann, Oskar Loerke, Alfred Döblin, der aber als Jude seinen Austritt erklärte, sowie Gottfried Benn, der nicht erneut Außenseiter sein wollte. Ausgeschlossen wurden z. B. Franz Werfel und Leonard Frank (Wulf 1989).

Die Loyalitätserklärung Benns im Sinne der veränderten geschichtlichen Lage und die damit verbundene Umformung der Akademie bestürzte Intellektuelle und Emigranten. Die deutsche und ausländische Presse berichtete seit März 1933 darüber, Benns Name tauchte in vielen Zeitungen auf. Klaus Mann, zu diesem Zeitpunkt in Südfrankreich, griff die Meldungen auf und schrieb Benn einen privaten Brief, der in Kapitel drei der vorliegenden Arbeit ausführlich behandelt wird (Rübe 1993, S. 313).

2.2 Apolitische Kunstauffassung und kulturpolitische Kontroversen

Bei der Analyse von Benns Haltung unbedingt zu betrachten ist die Zeit, in der die Wandlung in seinem Leben, d.h. der Gang in die Öffentlichkeit, stattfand: mitten in der großen Wirtschaftskrise, die zur „Radikalisierung der politischen Auseinandersetzung führt und die Weimarer Republik in ihre letzte Krise treibt“, wobei die Literatur involviert wurde (Steinhagen 1983, S. 36). Auch Benn bezog man – ohne dessen direktes Zutun – in diese politisch-literarischen Dispute ein. Wie sich diese gestalteten und welche Gründe Benn zu teils radikalen Aussagen hinsichtlich Kunst und Politik bewegten, wird in diesem Abschnitt dargelegt.

Die „Neue Bücherschau“, eine literarisch und politisch links gerichtete Zeitschrift, publizierte 1929 eine Besprechung der „Gesammelten Prosa“ Benns. Max Hermann-Neiße, der Rezensent, nannte den Poeten ein „Beispiel des unabhängigen und überlegenden Welt-Dichters“ gegen die „literarischen Lieferanten politischer Propagandamaterialien“ und „schnellfertigen Gebrauchspoeten“. Er provozierte damit bewusst die Autoren des „Bundes proletarisch-revolutionärer Schriftsteller“; die KPD-Mitglieder Becher und Kisch distanzierten sich daraufhin polemisch von Hermann-Neiße – und Benn: „Die widerliche Aristokratie, die aus jeder Zeile des Bennschen Prosabuches stinkt (…).“ Der Dichter wurde von ihnen als Gegner ihrer Sache erkannt (Steinhagen 1983, S. 36).

In diesem Zusammenhang ist es unerlässlich zu erwähnen, dass Benn sich gegen die Politisierung der Kunst im Ganzen wandte (Lennig 2003 [1962], S. 101). Der Sozialismus mit seinem „Fortschrittsgetöse“ und dem Kult der Gleichheit stieß ihn von jeher ab. Für Benn war er ein Zivilisationsbetrieb, bei dem stets „nur die Vorzeichen und Paniere gewechselt werden“. Zivilisation an sich hielt er für einen Irrweg des Menschen. Sie sei kunstfeindlich, der Wohlfahrt und dem praktischen Nutzen zugetan. In ihr könne, so Benn an Nietzsche und Spengler angelehnt, sich keine Elite sammeln und auch nicht das glühende Klima des Geistes (ebd.). Zudem stellte sich Benn das ‚Ich’ nicht als historisch bedingt vor. Er reflektierte schon 1930 zum Verhältnis von Dichtung und Geschichte: „Ist der Künstler nicht vielleicht a priori geschichtlich unwirksam, rein seelisch phänomenal, muss man ihn nicht vielleicht allen historischen Kategorien entrücken?“ (Ryan 1980, S. 26)

So antwortete er auf die Angriffe der Linken mit dem Essay „Über die Rolle des Schriftstellers in dieser Zeit“, in welchem er die Haltung vertrat, Kunst sei ausschließlich sich selbst verpflichtet. Er distanzierte sich von der Forderung, der Künstler müsse sich an den sozialen Kämpfen seiner Zeit beteiligen und dem Aufstieg des Proletariats seine Kräfte leihen (Steinhagen 1983, S. 36f).

1931 ging Benn noch einen Schritt weiter. Er hielt die Rede zu Heinrich Manns 60. Geburtstag, ließ dabei jedoch aus, dass Mann ein engagierter linksliberaler Demokrat und somit ein moderner politischer Aufklärungsschriftsteller war. Er würdigte lediglich dessen Frühwerk. Seine damit bekundete Abneigung gegen jede politisch engagierte Literatur bewirkte wiederum eine Kontroverse mit der politisch Linken, die u. a. Niederschlag in dem Artikel „Heinrich Mann? Hitler? Gottfried Benn? Goethe?“ des Architekten Werner Hegemann fand (ebd., S. 38). Auf etwas plumpe Weise ordnete dieser den Dichter ins faschistische Lager ein und stellt Analogien zu Hitler her (Hegemann 1932, zit. n. Lennig 1983, S. 97f):

Aber es ist im Geiste Hitlers, dass Benn ‚Kunstwerke praktisch folgenlos’ und ‚den Künstler a priori geschichtlich unwirksam’ nennt. Angesichts der Übermacht der Naturgesetze und ‚Urerlebnisse’ nennt auch Hitler es einen ‚echt judenhaft frechen, aber ebenso dummen Einwand der modernen Pazifisten’, wenn sie behaupten ‚Der Mensch überwindet eben die Natur’.

Benn dachte zu dieser Zeit jedoch gar nicht an Hitler, kannte dessen Politik und „Mein Kampf“ nicht. Lediglich die Übermacht der Linken und deren Kunstfeindlichkeit gewahrte er. Dass die Rechte sich nicht weniger kunst-unfreundlich verhalten würde, sah und interessierte Benn noch nicht wirklich. Die NSDAP hatte gegenüber dem Kommunismus den Vorteil, dass sie alles versprechen konnte während die KPD-Propaganda im Schatten der sowjetrussischen Wirklichkeit stand. Soweit man sich damals einer Wahl zwischen zwei Übeln stellte, hielt man die Nazis für das geringere, was diese bewusst ausnutzten (Lennig 2003 [1962], S. 101).

Wie bereits betont, wollte Benn sich nicht politisch vereinnahmen lassen und wehrte sich gegen die Abdrängung nach Rechts. Er verteidigte weiterhin die Unabhängigkeit des Geistes und der Kunst von Staat und Politik. Je entschiedener er jedoch diese Position vertrat, desto mehr rückte er unbewusst ins rechte, faschistoide Lager und näherte sich dem Geist der ‚Konservativen Revolution’ an. Diese objektive Identifizierung mit der politisch Rechten vollzog sich also subjektiv weitgehend durch das Gegenteil. Erkennbar, so Steinhagen (1983, S. 41), war dieser Prozess an dem „aufklärungsfeindlichen, regressionssüchtigen Irrationalismus der wichtigsten Essays vor 1933“, z. B. „Nach dem Nihilismus“ und „Goethe und die Naturwissenschaften“, die einen latenten politischen Gehalt besitzen, den zu jener Zeit u. a. schon Klaus Mann begriff, Benn selbst aber nicht.

Gottfried Benn glaubte unbedingt der Mythe und ihren Bildern – diesen Satz muss man sich einprägen, wenn man den Weg des Dichters begreifen will. Er blieb die Blickrichtung Benns sein Leben lang, er galt einem Etwas jenseits der Geschichte und strebte über die Geschichte hinweg als dem schlechthin Vergänglichen – jenseits also davon wähnte er den harten Stoff zu finden, an dem sich Kunst festmachen lässt. War diese Tendenz zu den Mythen nur ästhetisch angelegt oder griff sie weiter und vergriff sich wohl auch einmal? Wir werden es erfahren. (Lennig 2003 [1962], S. 52)

In seiner Akademie-Rede von 1932 sprach Benn vom „halluzinatorisch-konstruktiven Stil“ der Zukunft, in welchem sich die archaische Frühe und der späte Intellektualismus, die prälogischen Schichten des unbewussten und die formal-konstruktiven Kräfte des Geistes vereinigen und der Mensch noch einmal ein metaphysisches Wesen würde. Dieses Prinzip des halluzinatorischen Stils, so Steinhagen (1983, S. 45f), ließe sich jedoch auch auf die Neuordnung und Gestaltung der gesellschaftlichen Realität anwenden, und zwar folgendermaßen:

(…) dass der konstruktive Wille, der in der Gewaltausübung der faschistischen Machthaber sich bekundet, einem archaisch-ursprünglichen Bedürfnis der Massen antwortet, dass er sich der Form fordernden Gewalt der Masse stellt und ihr durch die totale Herrschaft und deren ästhetische Inszenierung halluzinatorisch, d.h. trugbildhaft, die Erfahrung der mystischen Partizipation, der ungeteilten Einheit des Einzelnen und des Ganzen im mythischen Kollektiv der Volksgemeinschaft vermittelt. Offenbar sieht Benn auf solche Weise in den rein politischen Gewaltmaßnahmen und ihrer ideologischen Drapierung durch die NS-Propaganda seine eigenen ästhetischen Spekulationen materielle Gewalt annehmen.

Benn wird – so das Fazit dieses Abschnitts – mehr ungewollt als gewollt zum Gegenspieler marxistisch orientierter Literaten im Streit um die Funktion des Intellektuellen in der krisenhaften Weimarer Republik. Trotz seines verteidigten Rückzugs in die so genannte poetische Aristokratie, also dem Unterstreichen der Autonomie der Kunst und des Künstlers, beschäftigte sich der Dichter mit Fragen zur Position, zur Stellung und zur Funktion des Künstlers in der Gesellschaft. Man könnte argumentieren, dass gerade die harten Debatten der literarischen Lager untereinander, der Druck von linksgerichteten Schriftstellerkollegen, aber auch die wirtschaftliche Krise in der Weimarer Republik dazu beigetragen haben, dass er den Künstler ungewollt oder zwangsläufig politisch, gesellschaftlich und ideologisch positionierte bzw. nicht positionierte. Somit rückte Benns politische Nicht-Positionierung ihn bzw. er rückte sich selbst durch seine Nicht-Positionierung ins faschistische Lager (Schröder 1978). Jene Trennung von den bürgerlichen und linksliberalen Schriftstellern, die in seiner „Antwort an die literarischen Emigranten“ vollzogen wurde, bahnte sich dort bereits an (Steinhagen 1983, S. 40). Sie wurde lediglich durch die Aufnahme in die Preußische Akademie der Künste – zumindest scheinbar – aufgehalten. Zudem fühlte Benn, dass das, was er bis dahin nur gedacht hatte – vom Mythos bis zum halluzinatorisch-konstruktiven Stil der Zukunft – sich real in der Geschichte verwirklichen könne, so dass er unfähig zur notwendigen distanzierten Wahrnehmung wurde.

2.3 Nationalsozialismus als „Schicksalsrausch“?

Gottfried Benn irrte 1933 weniger über den Nationalsozialismus als vielmehr über sich selbst, so Lennig. „Sich und seine geistige Position kannte er ja, den Nationalsozialismus weit weniger, fast gar nicht – das war von Anfang an verhängnisvoll.“ (Lennig, S. 114) Wie Benn 1950 in „Doppelleben“ (S. 73) schrieb, hatte er das Parteiprogramm der NSDAP nie studiert, war auf keinen nationalsozialistischen Versammlungen gewesen. Auch „Mein Kampf“ hatte er nie gelesen. Er wusste zwar um einige schwierige Punkte – z.B. den Antisemitismus[2] –, nahm diese jedoch nicht in ihrer späteren Tragweite wahr: „ (…) aber wer nahm politische Parteiprogramme ernst? (…) Dass die Parteiprogramme verwirklicht würden, das konnte man nach den Erfahrungen mit den politischen Verhältnissen überhaupt auf keinen Fall erwarten.“ Benn zweifelte die neue Regierung unter Hitler nicht an, da diese gesetzlich zur Exekutive gekommen war. Es war „eine legale Regierung am Ruder, ihrer Aufforderung zur Mitarbeit sich entgegenzustellen lag zunächst keine Veranlassung vor“ (ebd., S. 72f). Die führenden Persönlichkeiten kannte Benn nicht. Obwohl der Dichter täglich Zeitung las, hatte er sich mit der NSDAP bis zur Machtergreifung im Januar 1933 beinahe nicht befasst. Benn war vorwiegend apolitisch eingestellt, trennte Kunst streng von Politik, er verspürte einen regelrechten Ekel vor ihr. Diese Tatsachen, die politische Ahnungslosigkeit und Unerfahrenheit, müssen bei der Erklärung seines geistigen Irrtums berücksichtigt werden.

Seine Reaktion auf die Ereignisse zu Beginn des Jahres 1933 war „rein stimmungsmäßiger, emotionaler Art, also kein denkerischer Akt“ (Lennig, S. 114). Wie Thomas Mann zur Zeit des Ersten Weltkriegs, so Benn, hätte er sich in einer Art „Schicksalsrausch“ befunden. Bemerkenswert und „seltsam erregend“ empfindet der Poet denn auch den folgenden Sätze Manns, die dieser 1930 in der „Neuen Rundschau“ in Bezug auf sein Verhältnis zu der Zeit von 1914 bis 1918 äußerte:

Ich teile die Schicksalsergriffenheit eines geistigen Deutschtums, dessen Glaube soviel Wahrheit und Irrtum, Recht und Unrecht umfasste und so furchtbaren, ins Große gerechnet aber heilsamen, Reife und Wachstum fördernden Belehrungen entgegenging. Ich habe diesen schweren Weg zusammen mit meinem Volke zurückgelegt, die Stufen meines Erlebens waren die des seinen und so will ich’s gutheißen.

und

Das Gefühl epochaler und zeitalterscheidender Wende, die auch in mein persönliches Leben unweigerlich tief eingreifen musste, war von Anfang an sehr stark in mir gewesen, es war der Grund des S c h i c k s a l s r a u s c h e s, der meinem Verhältnis zu Krieg den deutsch-positiven Charakter verlieh. (Mann, zit. n. Benn 1984 [1950], S. 89f, Hervorhebung im Original)

Benn stellte fest, dass sogar bei Thomas Mann nichts von Pazifismus übrig bleibt: „So will er`s gutheißen!“ Thomas Mann, so Loose (1961, S. 93), erkannte jedoch sehr schnell den Unterschied zwischen 1914 und 1933 und ging ins Exil.

Lennig betont (2003 [1962], S. 114f), dass im Frühjahr 1933 tatsächlich eine Flut von Hoffnung und sich entladender Verzweiflung in Deutschland losbrach. Das Volk setzte seinen Zukunftsglauben auf einen Mann, der es später in den grauenhaftesten Abgrund seiner Geschichte führen sollte – Hitler. „Endlich geschieht etwas, endlich wird gehandelt“, scheint das Motto jener Zeit. Heute wird dieses Phänomen teilweise als Massenwahn abgetan; dieser Erklärungsansatz greift jedoch zu kurz, zumal wenn die sozialen, wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse am Ende der Weimarer Republik beleuchtet werden.

Exkurs: Ruinöse soziale und politische Verhältnisse am Ende der Weimarer Republik

Benn lehnte die politischen und gesellschaftlichen Bedingungen der Weimarer Republik unter Einschluss ihres kapitalistischen Wirtschaftssystems ab (Steinhagen 1983, S. 43). Elementar bei dem Versuch, diese Tatsache und das Jahr 1933 im Allgemeinen zu verstehen, ist es, sich u. a. die unvorstellbare Not in der Endzeit der Weimarer Republik zu vergegenwärtigen. Die politische wie finanzielle Misere als Resultat von radikalisierten Parteien, Reparationsforderungen der Siegermächte und einer hohen Staatsverschuldung sowie dem Trauma der Kriegschuld, die im Versailler Friedensvertrag eindeutig mit dem Deutschen Reich verknüpft wurde, war dem jungen Staatsgebilde nach dem verlorenen Weltkrieg in die Wiege gelegt worden. Die Weltwirtschaftskrise riss das eben erstarkende Deutschland in die Katastrophe. Die Arbeitslosenzahl stieg weit über sechs Millionen (Lennig 2003 [1962], S. 101; Deutscher Bundestag 1986). Auf politischer Ebene wurden links wie rechts die radikalen Kräfte wieder stärker, Parteien splitterten sich auf. Das Parlament hatte faktisch keine Macht mehr.

Thomas Mann hielt 1932 eine Rede, an deren Ende er konstatierte: „dass diese Republik nachgerade nicht mehr viel Kredit zu genießen scheine“. Eine These von Lennig (S. 114f) besagt, dass es nie so weit gekommen wäre, wenn die Politiker und die Intelligenz der Weimarer Republik „nur ein klein bisschen weniger versagt hätten, als es tatsächlich der Fall war. Weit mehr als die eigene Propaganda war es die politische Unfähigkeit seiner Gegner, die Hitler zur Macht kommen ließ.“ Das Volk sehnte sich nach einer starken, das politische Chaos einenden Hand. Politiker nahmen den Führer der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei nicht ernst genug, versuchten ihn für ihre Zwecke zu benutzen und unterschätzten seinen Willen zur Macht (Deutscher Bundestag 1986).

Viele Bürger vernahmen 1933 aus den Parolen und Versprechungen der Regierung etwas, an das sie glaubten, sei es sozialer, nationaler oder philosophischer Art. Auch Benn meinte sich in einigen Momenten in seiner Haltung bestätigt zu sehen, z. B. in der „Absage an die marxistische Linke, mit deren Kunstfeindlichkeit und geistigen Intoleranz er sich jahrelang herumgeschlagen hatte“ (Lennig, S. 115, vgl. auch Kapitel 2.2). Zudem erhoffte er sich für den deutschen Expressionismus das, was der Futurismus unter Filippo Marinetti in Italien geschafft hatte – staatliche Förderung[3]. Er glaubte auf die Nationalsozialisten Einfluss nehmen zu können. Gleichzeitig versuchte er seine endlich erreichte Stellung zu erhalten (Siemon 1997, S. 269). Was Benn nicht wahrhaben konnte oder wollte, ist die Tatsache, dass die Nationalsozialisten ihn nie als „Paradepferd“ einsetzen würden. Von Beginn an bestand für den Dichter vielmehr die Gefahr für Leib und Leben; ohne Schutz von Bekannten aus dem Militär hätte der Dichter das Dritte Reich kaum überstanden. Im „Wörterbuch des Unmenschen“ stand er denn auch mit der Vokabel „untragbar“.

Dennoch publizierte er 1933 mehrere Aufsätze zweifelhaften, auch eugenischen, heute peinlich anmutenden Inhalts, u. a. „Der neue Staat und die Intellektuellen“ (April 1933), „Züchtung I (1933, vgl. Kapitel vier), „Der deutsche Mensch. Erbmasse und Führertum“ (August 1933) sowie „Geist und Seele künftiger Geschlechter“ (September 1933) und „Zucht und Zukunft“ (Oktober 1933).

Im erstgenannten beschwörte er die Wendung vom ökonomischen zum mythischen Kollektiv und sprach vom „Verlust des Ich an das Totale, den Staat, die Rasse, das Immanente“. Statt mythischem Kollektiv, so Loose (1961, S. 84), ließe sich auch „höhere Gemeinschaft“ oder, politisch gefasst, „autoritärer Staat“ setzen. Benn versuchte davon zu überzeugen, dass das geschichtlich Neue und Echte mit unfassbarer Gewalt entstehe, die „Geschichte nicht demokratisch, sondern elementar“ verfahre (ebd., S. 85). In einem Brief schrieb Benn über diese Rede:

Mir liegt daran, zunächst mal öffentlich zu zeigen, dass ein Intellektueller, der Zeit seines Lebens auf Klasse gehalten hat, trotzdem zum neuen Staat positiv stehen kann, stehen muss! (…) Alle müssen den Staat stützen, unser aller Leben und Existenz hängt davon ab.“ (Benn 1933, zit. n. Steinhagen 1983, S. 28)

Steinhagen (1983, S. 43f) konstatiert, dass Benn ein deutlicher Fall dafür sei, dass ein Denken, welches sich als zeitenthoben und überparteilich versteht und sich an geschichtliche Bedingungen nicht gebunden glaubt, im entscheidenden Moment eben diesen Bedingungen hilflos ausgeliefert ist. So mutmaßte Benn 1933, dass er sein eigenes künstlerisches Selbstverständnis als reales geschichtliches Ereignis verwirklicht sehe. „Weil er in seiner individuellen Monomanie so sehr auf sich selbst fixiert ist, dass ihm die Realität nur die eigene ästhetische Theorie zu bestätigen scheint.“ (ebd.) Macht begriff Benn nicht als todbringendes Handeln, sondern immer nur als Mittel zur Revolutionierung des Denkens. Er glaubte an die Möglichkeit einer Ästhetisierung der Politik, ja des ganzen Lebens (Siemon 1997, S. 269). So ist Benn, wie er später auch erkennt, auf die Ästhetisierung durch die Nazis hereingefallen. An seiner Definition von Kunst als Antithesis zur Politik hielt er demnach nicht fest. Benn glaubte an eine wirkliche Regeneration des Menschen, eines ganzen Volkes aus derselben anthropologischen Substanz aus der auch seine Kunst sich nährte – und so verführte ihn der Faschismus.

3 Zur Korrespondenz zwischen Klaus Mann und Gottfried Benn im Mai 1933

Zu Gottfried Benns näherem Umgang gehörte seit 1931 Klaus Mann. In „Doppelleben“ (1984 [1950], S. 76f) charakterisierte Benn Mann wie folgt:

Klaus Mann stand mir in gewisser Hinsicht nahe, besuchte mich gelegentlich, er war ein Mensch von hoher Intelligenz, weit gereist, tadellos erzogen, von besten Formen, und er hatte die schöne ausgestorbene Eigenschaft, bei Unterhaltungen dem Älteren immer einen gewissen Respekt einzuräumen.

Mann bewunderte Benn und dessen Arbeiten: „Benn ist ein großer Poet (…) Auch persönlich stand ich damals auf herzlichem Fuße mit dem äußerlich so korrekten und konventionellen Visionär (…).“ (Mann 1993 [1942], S. 346f) Die Beziehung zwischen den beiden Literaten beruhte also mindestens auf gegenseitigem Respekt. Dies soll vorausgeschickt werden, bevor auf die Korrespondenz im Jahre 1933 eingegangen wird. Zudem werden die Lebensumstände Manns zu Beginn des Jahres 1933 kurz skizziert, so dass man einen Eindruck von der Situation bekommt, aus der er Benn im Mai seinen bekannt gewordenen Brief schrieb.

3.1 Emigration Klaus Manns 1933

Von einem kurzen Aufenthalt in der Schweiz kehrten Erika und Klaus Mann am 10. März 1933 nach München zurück, wo sie sich noch sicher wähnten. Aber, wie Klaus Mann in seiner Biografie „Der Wendepunkt“ (1999 [1942], S. 394) schrieb, hatten auch dort der faschistische Umsturz und die Gleichschaltung begonnen. Der Familien-Chauffeur warnte die beiden: „Seien`s vorsichtig! (…) Sie sind hinter ihnen her, vom Braunen Haus (…).“

Der Vater, Thomas Mann, hielt sich zu dieser Zeit in der Schweiz auf und wollte nach Deutschland zurückkehren. Seine beiden Kinder konnten ihn aber davon abbringen.

Klaus Mann fuhr am 13. März nach Frankreich, nur mit dem Notwendigsten im Gepäck, in der Hoffnung, der „Spuk“ würde in wenigen Wochen, höchstens Monaten vorbei sein, was sich später als Illusion entpuppte. Wie Mann in „Der Wendepunkt“ (1993 [1942], S. 412) erzählt, war die Familie auf den Ausbürgerungslisten vertreten. So wurde ihm denn auch 1934 die deutsche Staatsangehörigkeit aberkannt. Er schreibt weiterhin, dass er sich redlich Mühe gegeben hat, den „Herren des Dritten Reiches auf die Nerven zu gehen“ (ebd.). So verfasste er „ketzerische Verlautbarungen“ und gründete seine eigene Zeitschrift „Die Sammlung“, in der viele Exilanten, aber auch nicht-deutsche Autoren publiziert wurden.

3.2 „wer sich aber in dieser Stunde zweideutig verhält …“Manns privater Brief aus dem Exil

Einen Tag vor der Verbrennung „undeutschen“ Schrifttums, also am 09. Mai 1933, schrieb Klaus Mann Gottfried Benn als „leidenschaftlicher Bewunderer seiner Schriften“ (Mann 1933, zit. n. Schuster 1989, S. 510) werbend und zugleich kritisch an. Mann befand sich zu dieser Zeit bereits im Exil in Le Lavandou, Südfrankreich. Er fragte Benn:

Was konnte Sie dahin bringen, Ihren Namen, der uns der Inbegriff des höchsten Niveaus und einer fanatischen Reinheit gewesen ist, denen zur Verfügung zu stellen, deren Niveaulosigkeit absolut beispiellos in der europäischen Geschichte ist und von deren moralischer Unreinheit sich die Welt mit Abscheu abwendet (ebd.).

Für das ungebetene Antreten ersuchte Mann um Verzeihung: „das ist ungehörig, ich muss noch einmal um Entschuldigung bitten“ (ebd., S. 513). Man erhält hier einen Eindruck von der Haltung des jungen Schriftstellers gegenüber Benn. Auffallend ist die tiefe Verehrung und emotionale Bewunderung, die fast schon an Ehrfurcht grenzt, eine Stimmung, die sich durch den ganzen Brief zieht.

Zwar war das Schreiben ein persönliches, dennoch ergriff Mann die Stimme für die zahlreichen emigrierten und ausländischen Schriftsteller aus dem Ausland, die wie er bestürzt waren über die Schritte des Dichters. Was sich in den Medien abzeichnete, konnten sie nicht verstehen. Und es ist gerade die geistige Nähe und Verwandtschaft mit Benn, die Manns Unglauben gegenüber Benns zweideutiger Stellungnahme zu den deutschen Ereignissen begründete (Schröder 1978). Er bezog sich dabei insbesondere auf die dramatischen Veränderungen in der Preußischen Akademie der Künste, wie sie in Kapitel 2.2 bereits skizziert wurden. So fragte man am 14. März alle ordentlichen 31 Mitglieder, ob sie „unter Anerkennung der veränderten politischen Lage der neuen Regierung ihre Loyalität erklären.“ Benn explizierte seine Loyalität gegenüber der nationalsozialistischen Regierung. Diese Tatsache, die damit verbundenen Umformungen und rechte Politisierung der Akademie bestürzte viele Intellektuelle.

Mann, der schon früh nach Frankreich ausgereist war, positionierte sich mit einer Vielzahl von literarischen Emigranten allein aufgrund ihrer Auswanderung, durch diesen Brief aber zusätzlich und ganz entschieden gegen die Verschiebung nach rechts. Er drängte Benn in seinem Unglauben über dessen staatskonformistische Gesinnung, sich eindeutig gegen Hitler zu stellen, indem er ihn fragte „zu wem er in dieser Stunde stehe“ (Mann 1933, zit. n. Schuster 1989, S. 512). Unablässig appellierte er an Benns geistige Nähe zu seinen Bewunderern im Exil und an dessen Verstand, seinen Geist. Mann versuchte Benn in sein Lager zu ziehen, scherzte sogar, indem er sagte an der Küste gehört zu haben: „Der Benn hat sich einfach so viel über den Döblin geärgert, dass er schließlich Nazi darüber wurde[4].“ (ebd.)

Mann vermutete in Benns Hinwendung zum Nationalsozialismus eine Art Trotzhaltung gegenüber der marxistischen Literaturauffassung. Damit lag er, wie in Kapitel 2.2 beschrieben, nicht unbedingt falsch. Man muss in diesem Zusammenhang erwähnen, dass sich Klaus Mann, ähnlich wie Benn, im Streit zwischen den literarpolitischen Lagern nicht wirklich einordnete. Ihm erschien das Positionieren nach rechts oder links mit einer modischen Geste vergleichbar. Mann benannte denn auch den „Typus der ‚marxistischen’ deutschen Literaten“ und „jene Herren, die Dichtungen auf ihren soziologischen Gehalt hin prüften“, bezeichnete diese als aufgeblasene Flachköpfe und „zum Kotzen“, fühlte sich also dahingehend mit Benn völlig einig (ebd., S. 511).

Mich könnte kein Kracauer, kein Ihering je so weit bringen. Im Gegenteil: Während der Ihering heute Mittel und Wege findet sich so ein bisschen faschistisch umzufrisieren und vielleicht wird morgen schon bei ihm die ‚Nation’ stehen, wo gestern das ‚Klassenbewusstsein’ stand - weiß ich nun so klar und so genau wie nie, wo mein Platz ist. Kein Vulgärmarxismus kann mich mehr irritieren. Ich weiß doch, dass man kein stumpfsinniger ‚Materialist’ sein muss, um das Vernünftige zu wollen und die hysterische Brutalität aus tiefsten Herzen zu hassen (ebd., S. 512).

Dennoch war er eindeutig gegen den nationalsozialistischen Staat unter Hitler eingestellt und wies in festerem Ton auf Benns „zu starke Sympathie mit dem Irrationalen“: „Erst die große Gebärde gegen die ‚Zivilisation’ -, ... plötzlich ist man beim Kultus der Gewalt, und dann schon beim Adolf Hitler.“ (ebd.) In „Der Wendepunkt“ (1993 [1942], S. 348) schrieb Mann in diesem Kontext über Benn:

Mit dem ‚Irrationalen’ hatte er es überhaupt. Auch ich war einst verliebt gewesen in diesen Terminus, dessen Inhalt übrigens ebenso fließend und unbestimmt bleibt, wie eben die Sphäre des kritisch-moralischen Geistes ist. Aber wenn das ‚Irrationale’ mir (…) behagt hatte, so erschreckte es mich in seinen aggressiv brutalen Manifestationen, besonders wo diese den Charakter zerstörerischer Massenhysterie anzunehmen drohten

Manns Brief an Benn ist eine äußerst hellsichtige Einschätzung der Lage in Deutschland. Seine früh schon sehr kritische Position gegenüber dem Nationalsozialismus verfolgte er aus der Emigration mit Kraft und Nachdruck. Er brach jedoch nicht mit Benn, sondern schloss mit einem erneuten dringlichen und fordernden Appell sich unzweideutig zu positionieren:

Aber Sie sollen wissen, dass sie für mich und einige andere zu den sehr Wenigen gehören, die wir keinesfalls an die ‚andere Seite’ verlieren möchten. Wer sich aber in dieser Stunde zweideutig verhält, wird für heute und immer nicht mehr zu uns gehören. Aber freilich müssen Sie ja wissen, was Sie für unsere Liebe eintauschen und welchen großen Ersatz man Ihnen drüben dafür bietet; wenn ich kein schlechter Prophet bin, wird es zuletzt Undank und Hohn sein. Denn, wenn einige Geister von Rang [immer noch] nicht wissen, wohin sie gehören: die dort drüben wissen ja ganz genau, wer nicht zu Ihnen gehört: nämlich der Geist (ebd., S. 513).

3.3 Öffentliche Positionierung:Benns „Antwort an die literarischen Emigranten“

Das Anschreiben Klaus Manns vom 09. Mai 1933 erwiderte Benn 14 Tage später unaufgefordert öffentlich mit der von ihm selbst gesprochenen Rundfunkrede „Antwort an die literarischen Emigranten“. Er wandte sich also nicht direkt an Klaus Mann, nannte in seiner Replik, die im Berliner Rundfunk übertragen wurde, keinen Absender des erhaltenen Schriftstücks. Am Folgetag erschien der Text in der „Deutschen Allgemeinen Zeitung“, so dass er allen Emigranten in den umliegenden Ländern zugänglich war (Rübe 1993, S. 313). Loose, ein heftiger Kritiker Benns, (1961, S. 90) wirft ihm vor, er hätte den privaten Brief eines besorgten Bewunderers in die Öffentlichkeit gezerrt, um ihn polemisch zu entstellen. Niemand hatte Benn darum gebeten, er war ja auch kein Mitglied der NSDAP.

Benn schien zu jener Zeit zwar voller Hoffnung für den neuen Staat, musste aber gleichzeitig durch die Vorgänge in Deutschland schon irritiert gewesen sein. So war er über die Ereignisse in der Preußischen Akademie der Künste im Bilde und kannte den „Fall Heinrich Mann“, da er dessen Stelle kommissarisch übernommen hatte. Zudem fand am 10. Mai 1933 die Bücherverbrennung statt, die auch Schriften des von ihm bewunderten Mann vernichtete[5]. In dieses Dilemma, Benn saß wieder „zischen zwei Stühlen“, stieß ihn der Brief Klaus Manns verstärkt hinein.

Mann sprach Benn in seinem Brief grundsätzlich an, dieser jedoch wollte im Grundsätzlichen nicht nachgeben (Wellershoff 1976, S. 142). Für die persönlichen Bemerkungen Manns war Benn empfindlich, so wertete er sie als eng und unangemessen ab. Sobald Benn sich in der Defensive gewahrte - der Ton Manns war für ihn unerträglich - setzte er aggressiver und destruktiver an. Auch wenn er vielleicht ansatzweise seinen Fehlschlag erkannte: Er gab ihn keineswegs zu.

Zu konkreten Vorgängen nahm er keine Stellung, z.B. zur Verfemung Thomas und Heinrich Manns. Vielmehr bekannte er sich ausführlich und pathetisch zu seiner irrationalistischen Geschichtsauffassung, trieb das politische Geschehen zu einer kosmischen Größe auf, vor der jeder Einwand als kleinlich erscheinen muss. Er tat das, was er später verurteilt hat: Er „waberte ins Allgemeine“ und versuchte das Politische, unabhängig von dessen realen Gehalten, seiner künstlerischen Ästhetik einzuverleiben (ebd.; Siemon 1997, S. 276).

Er hob die neue, nationale Form des Sozialismus im Staat hervor und die nunmehr respektierten Rechte des deutschen Arbeiters, für die „am aufrichtigsten und in der sichtbarsten Form und zu wiederholten Malen „jedenfalls Thomas Mann eingetreten ist“ und „dass es dem deutschen Arbeiter besser geht als zuvor“ (Benn 1933, zit. n. Wellershoff 1966, S. 244).

Benn äußerte sich ferner zum Thema Emigration: Er (miss)verstand diese als Flucht, als Mangel an Haltung, Opferwillen und Leidenbereitschaft; erklärte, dass die Emigranten die Bedeutung der politischen Vorgänge nicht erfassen könnten: „dass man über die deutschen Vorgänge nur mit denen sprechen kann, die sie auch innerhalb Deutschlands selbst erleben“ (ebd., S. 240). Er unterstellte, sie seien ausgewandert statt vor den Nazis geflohen. Die Polarisierung Manns störte Benn, er sprach den Emigranten ab, nach rund 100 Tagen der Installation der neuen Regierung bereits die Zukunft absehen zu können. Sie reisten, so Benn, ins Ausland, um es sich in „den kleinen Badeorten am Golf de Lyon, in den Hotels von Zürich, Prag und Paris“ gut gehen zu lassen. Die Haltung der Daheimgebliebenen heroisierte er (Siemon 1997, S. 276). Tatsächlich herrschten zu jener Zeit noch normale Reisebedingungen. Man durfte aber Emigration nicht als moralische Überreaktion Einzelner verstehen, wie es bei Benn anklang. Wahrscheinlich driftete Benn gedanklich in diese Richtung, weil er wusste, dass die vermögende Familie Mann ihr Dasein nicht in Armut fristen würde. Der noble Ton Klaus Manns suggerierte Benn möglicherweise, dass seine berühmte Familie um ihn saß, während er seinen Brief vorlas, dass man sich in Frankreich zum Tee mit anderen Intellektuellen traf – Mann besuchte ja auch Kollegen wie Feuchtwanger und Schickele (Rübe 1993, S. 315). Benn vergaß dabei die vielen anderen, die kein oder kaum Geld verdienen konnten. Zudem war Emigration keine Fortsetzung von in Deutschland gepflegten Lebensstilen. Sie als eine Art neuer Herausforderung oder gar als Abenteuer zu betrachten, war fehl am Platze.

Benn wusste, wie eingangs erwähnt, um die Bücherverbrennung am 10. Mai 33 und die Flucht Heinrich Manns, schreibt dennoch von der „Nation, die Ihnen auch jetzt nicht viel getan hätte, wenn Sie hier geblieben wären“ (Benn 1933, zit. n. Wellershoff 1966, S. 243f). Hier hat er die Zukunft in Deutschland, wie sich später herausstellen sollte, katastrophal falsch antizipiert[6].

Verbalinjurien wie „novellistische Auffassung der Geschichte“, „bürgerliches Neunzehntes-Jahrhundert-Gehirn“ (ebd., S. 241) fielen. Die Emigranten „dort an Ihrem lateinischen Meer“ nannte er „Amateure der Zivilisation und Troubadoure des westlichen Fortschritts“ (ebd., S. 242f) Benn fragte in seiner Rede „(…) wie stellen Sie sich denn nun eigentlich vor, dass Geschichte sich bewegt? Meinen Sie, sie sei in französischen Badeorten besonders tätig?“ und, angelehnt an Nietzsche: „(…) eine herrschaftliche Rasse kann nur aus furchtbaren und gewaltsamen Anfängen emporwachsen. Problem: wo sind die Barbaren des 20. Jahrhunderts?“ (ebd., S. 248) Benn hoffte auf einen typologischen Wandel, auf das Neue mit der Zeitstimmung des Aristokratischen, Strengen, Disziplinären. Er wollte eine geschichtliche Mutation sehen, das Auftreten eines neuen biologischen Typs. Und so erklärte er sich für den neuen Staat: „Ich erkläre mich ganz persönlich für den neuen Staat, weil es mein Volk ist, das sich hier seinen Weg bahnt.“ (ebd., S. 245)

Zudem würde, so Benn, jetzt „die letzte großartige Konzeption der weißen Rasse“ konstruiert. Der neue Mensch strebe zum Absoluten; das ökonomische Kollektiv sei durch das mythische ersetzt worden. Ein neuer biologischer Typ trete hervor, die Geschichte mutiere und ein Volk wolle sich züchten (ebd., S. 242f).

Benn thematisierte aber nie, so Siemon (1997, S. 277), die „blonde Bestie“, er wollte vielmehr, wie in seinem Aufsatz „Züchtung“ angeführt, „ Gehirne mit Eckzähnen“ (Benn 1933, zit. n. Wellershoff 1965, S. 220, Hervorhebung nk). Benn war und blieb irrational und irrational hieß schöpfungsnah und schöpfungsfähig (ebd., S. 242). Jede Verbindung zu einer wie auch immer gearteten Wirklichkeit war illusionär. So schrieb er: „(…) es handelt sich hier gar nicht um Regierungsformen, sondern um eine neue Vision von der Geburt des Menschen (ebd., S. 243). Benn sprach eher für sich selbst als für den Nationalsozialismus. Laut Siemon ist eine echte Übereinstimmung zwischen seinen Vorstellungen und den Praktiken des Nationalsozialismus nicht feststellbar (Siemon 1997, S. 277f). Er sieht in Benns Übertragung seines Kunstwollens auf die politische Sphäre Naivität.

Bei der Analyse der Rede stößt man unweigerlich auf die Frage: Warum antwortete Benn über Rundfunk und Presse? Folgende Annahmen stellen mögliche Interpretationsansätze dar: Benn rettete sich damit vor der peinlichen Unterredung unter vier Augen. Zudem wechselte er die Stilebenen, um Klaus Mann, der als Vertrauter zu ihm sprechen wollte, in die abstrakte Position eines weltanschaulichen Gegners verweisen zu können. Große geschichtliche Ereignisse verlangten laut Benn eine überpersönliche Betrachtungsweise und ein Bekenntnis dazu könne deshalb auch keinem Privatbrief anvertraut werden. Zudem zeuge seine Handlung von einem gewissen Mut (Wellershoff 1976, S. 142f).

Der Hinweis Manns, dass Benn seine alten Freunde verlieren werde, wenn er jetzt nicht zu ihnen stehe, gab Benn die Möglichkeit, sich als Bekenner zu fühlen, der bereit ist, für seine innere Wahrhaftigkeit und die Größe seiner Erkenntnis jedes persönliche Opfer zu bringen: „Ich gehöre nicht zu einer Partei, habe auch keine Beziehung zu ihren Führern, ich rechne nicht mit neuen Freunden.“ (Benn 1933, zit. n. Wellershoff 1966, S. 247) Dass er, wie auch Mann annahm, bei den Nazis keine neuen Freunde finden werde, war Benn nicht unangenehm, er konnte dadurch dem Vorwurf entgehen, er sei ein schnöder Opportunist. Laut Siemon (1997, S. 278) existiert aber auch die Hypothese, dass Benn versuchte, sich bei den neuen Machthabern als „verlässlicher und ernstzunehmender Sympathisant“ vorzustellen, um den angestrebten Einfluss zu erreichen.

Benn wurde für Klaus Mann ein Verräter am Geist, aber das was Mann unter Geist verstand, war für Benn nur der dürre Rationalismus, der flache Humanismus der Aufklärung, den er stets bekämpft hatte. Benn hat die Vorstellung, es könne in der Geschichte human und vernünftig zugehen, schon immer als spießiges Wunschdenken empfunden, was sich in früheren Schriften bereits angedeutet hatte.

3.4 Klaus Manns Rezension„Gottfried Benn. Oder: Die Entwürdigung des Geistes“

Klaus Mann nannte die Rede Benns einen „völlig tobsüchtigen, hirnverbrannten und infamen Speach“ (Mann 1933, zit. n. Schuster 1989, S. 508). Als direkte öffentliche Entgegnung kann man seine Rezension des Benn-Bandes „Der neue Staat und die Intellektuellen“ vom September 1933 in „Die Sammlung“ betrachten. Er formulierte darin zunächst zum „Brief“ Benns:

Der peinlichen Aufgabe, auf diesen Brief Gottfried Benns, der mich durch die Tiefe seines sprachlichen und moralischen Niveaus, durch die Unhaltbarkeit und Verwirrtheit seiner Argumente und durch die Infamie seiner lügenhaften Angriffe gegen im eigenen Land Wehrlose entsetzt hatte, meinerseits zu erwidern, war ich enthoben (...) (Mann 1933, zit. n. Hohendahl 1971, S. 168).

Das besprochene Buch entstand ungefähr Mitte 1933. Benn verkündete darin das Ende der liberalen Ära; die Geistesfreiheit sei aufzugeben für „den neuen Staat“: „Halte Dich nicht auf mit Widerlegungen und Worten, habe Mangel an Versöhnung, schließe die Tore, baue den Staat.“ Diese Parteinahme, so Benn, sei das Resultat einer fünfzehnjährigen gedanklichen Entwicklung. Tatsächlich enthielten die „Prologe“ von 1920 und 1922 sowie „Das späte Ich“ die Ablehnung der Realität und die Sehnsucht nach Urzeit, Mythos, Hades. Laut Sahlberg (1977, S. 134), verbargen sich in dieser überwiegend passiven und depressiv-pessimistischen Einstellung die unterdrückten Allmachtswünsche Benns.

Den letzten Aufsatz „Züchtung“ nannte Mann den „schlimmsten und schlechtesten“. Dessen Entstehung hing eng zusammen mit der in diesem Zeitraum intensiv betriebenen Propaganda für das im Juli 1933 abzuschließende „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ (vgl. dazu auch Kapitel vier). Mann konstatierte: „Halb pathologisch, halb nur gemein entwürdigt sich ein großes Talent vor unseren Augen. Es ruiniert sich auch, während es sich prostituiert. Benn schreibt plötzlich schlecht“ sowie „Außer Kummer und bittrer Enttäuschung nehmen wir nichts mit aus diesem Buch, nicht einmal einen Stachel, nicht einmal eine Beunruhigung“. Als direkte Entgegnung zu Benns Ausführungen ist das abschließende Fazit zu verstehen: „Mangel an Versöhnung – nun lernen wir ihn. Das Schauspiel dieses Verrates am Geist, das uns sonst nur Ekel einflößen könnte, lehrt uns doch Eines: Unversöhnbarkeit gegen die Verräter.“ (Mann 1933, zit. n. Hohendahl 1971, S. 168f) Damit war die Klippe zwischen Benn und Mann sowie zwischen Benn und anderen literarischen Emigranten wohl unüberbrückbar geworden.

4 Eugenische Schriften? Das Beispiel „Züchtung“

Benn, so Joseph Wulf (1989, S. 114), war zeitweise derartig für den neuen Staat, dass er für etwas eintrat, das später zur Euthanasie führen sollte. Er verfasste Arbeiten, die in ihrer Phraseologie stark an den Jargon Hitlers und dessen Wissenschaftler erinnern. Erinnert sei in diesem Zusammenhang an das Mitte 1933 verabschiedete Gesetz „Zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“.

Im Essay „Geist und Seele künftiger Geschlechter“ formulierte Benn: „Verhältnismäßig einfach liegt bei dem Züchtungsproblem die Frage, wovon sich ein Volk entlasten muss, um einer geschlossenen Zukunft entgegen zu gehen“ und (…) dass diese Reinigung des Volkskörpers nicht nur aus Gründen der Rasse-Ertüchtigung, sondern auch aus volkswirtschaftlichen Gründen erfolgen muss, wird einem klar, wenn man hört, dass in Deutschland die an sich viel zu kleine Kinderzahl heute nur von den Schwachsinnigen erreicht wird, und der meistens auch wieder schwachsinnige Nachwuchs kostet den Staat enorme Summen (ebd.).

Benn schenkte damit den in der NS-Presse verbreiteten Lügen Glauben. Er empfand es als bedeutungsvoll „sich darüber zu orientieren, unter welchen Gesichtspunkten die deutsche Eugenik, und sie vertritt ganz ausgesprochen die neue deutsche Weltanschauung, den deutschen Typ züchten will“ (ebd., S. 114f).

Wie eine Übernahme propagandistischer Parolen und eine Verherrlichung des totalen Staates und seines Führers klingen die Sätze in „Züchtung“:

Der totale Staat (...) tritt auf mit der völligen Behauptung völliger Identität von Macht und Geist, Individualität und Kollektivität, Freiheit und Notwendigkeit, er ist monistisch, antidialektisch, überdauernd und autoritär (Benn 1933, zit. n. Wellershoff 1965, S. 214).

und

Führer ist nicht der Inbegriff der Macht, ist überhaupt nicht als Terrorprinzip gedacht, sondern als höchstes geistiges Prinzip gesehen. Führer: das ist das Schöpferische (ebd.).

Man darf diese Aussagen jedoch nicht eins zu eins mit dem real existierenden Nationalsozialismus identifizieren. Vielmehr finden sich Gedanken, die in Benn seit jeher vorherrschten. Das Konzept vom neuen Staat, wie er es entwickelte, sah den Künstler, den geistigen Arbeiter an der Spitze stehen. Laut Siemon solle aus der Erfahrung der Sinnlosigkeit die Welt in eine neue Wertehierarchie überführt werden, die es dem Menschen ermögliche, sich selbst wieder als metaphysisches Wesen zu erleben (Siemon 1997, S. 279f). Um dieses Ziel zu erreichen, bedurfte es, so Benn, einer Rassenzüchtung:

(…) dass aus dieser Verwandlung noch einmal ein neuer Mensch in Europa hervorgehen wird, halb aus Mutation und halb aus Züchtung. Der deutsche Mensch. Er wird sich gegen niemanden erheben, aber er wird sich abheben vom westlichen wie vom östlichen Typ (Benn 1933, zit. n. Wellershoff 1965, S. 216).

Er führte dabei das Beispiel der Juden an. Zu beachten ist, dass Benn keineswegs Antisemit war. Wahrscheinlich für die Anführung dieses Volkes ist, dass er die Züchtungsfrage aus dem Dunstkreis der krankhaften Arier-Fiktion herausholen wollte, um sie im Sinne seiner Geniefrage zu diskutieren. Das die Deutschen sich aber niemals gegen andere Völker erheben würden – darüber wurde Benn später eines besseren belehrt.

„Wer lange herrschen will, muss weit züchten. (...) Gehirne muss man züchten, große Gehirne, die Deutschland verteidigen, Gehirne mit Eckzähnen, Gebiss aus Donnerkeil.“ (ebd., S. 220) Bei Benn spielten jedoch nicht, wie man auf den ersten Blick vermuten könnte, machtpolitischen Überlegungen die überragende Rolle, er war weit entfernt von jeder aktiven Handlung. Ihm ging es um Kämpfe aus Gedanken. Die einzig züchterische Aufgabe, die Benn ernsthaft erwogen haben mag, so Siemon, „kulminiert in der Hervorbringung von Genie.“ (Siemon 1997, S. 281) So formulierte der Dichter in „Zucht und Zukunft“ im Oktober 1933:

(…) also Rasse züchten auch immer heißt: Geist züchten. Nur der Geist – Geist als Entscheidungsfähigkeit, Maßsinn, Urteilsschärfe, Prüfungsschärfe – bildet das Körperliche eines Volkes oder eines einzelnen darin aus, dass man von Rasse und Züchtung sprechen kann (…) Es wird also doch wohl in erster Linie intellektuelle und moralische Züchtung sein (ebd.).

5 Ausblick: Ende des „geistigen Irrtums“ und innere Emigration

Benns geistiger Irrtum dauerte bis Juni 1934, genauer formuliert: bis zum Tag des Röhm-Putsches[7]. Die Ermordung von mehr als einhundert missliebigen Persönlichkeiten versetzte dem zweifelnden Dichter den letzten Stoß. Die nationalsozialistische Politik hatte seine Hoffnungen auf Erneuerung auch vorher schon enttäuscht. Seine Träume – z.B. die Etablierung des Expressionismus als Kunstform des neuen Reiches – hatten sich nicht verwirklicht, er erwachte ernüchtert und frustriert. In Benns Arbeit „Bekenntnis zum Expressionismus“, die im November 1933 als Verteidigung gegen die Angriffe von Börries von Münchhausen[8] veröffentlicht wurde, war die verhaltene Kritik an der Kunstauffassung der Nationalsozialisten bereits zu spüren.

Im Juli 1934 schrieb er denn auch in einem Brief: „Ein deutscher Traum – wieder einmal zu Ende (…)“ und an Ina Seidel:

Ich lebe mit vollkommen zusammengekniffenen Lippen. Schaurige Tragödie! Das Ganze kommt mir allmählich vor wie eine Schmiere, die fortwährend ‚Faust’ ankündigt, aber die Besetzung langt nur für ‚Husarenfieber’. Wie groß fing das an, wie dreckig sieht es heute aus (Benn 1933, zit. n. Lennig 2003 [1962], S. 120).

Aus der einjährigen Verblendung zog Benn die Konsequenz, sich in die Armee zurück zu ziehen, als „eine aristokratische Form der Emigration“ (Benn 1983 [1950], S. 102). Er bekam eine Stellung als Militärarzt in Hannover. Laut Schröder (1978) fand hier eine Bewegung von Außen nach Innen statt: Der Rückzug von einer exponierten Stellung in der Gesellschaft zurück in die isolierte Außenseiterposition von vor 1928, mit dem Unterschied, das sie nun umso entschiedener war. Ab 1936 schrieb Benn nur noch für die Schublade. Er wurde als Kulturbolschewist abgestempelt, von unteren NS-Chargen angegriffen, von oberen noch gedeckt. Im Jahre 1938 erfolgte schließlich der offizielle Ausschluss aus der Reichsschrifttumskammer. Schreibverbot wurde über ihn verhängt. Dieses besiegelte Benns Rückzug vollends. Man kann von einer inneren Emigration sprechen, die sich darin äußerte, dass sich Benn im Alltag anpasste und tarnte, innerlich jedoch einen sublimen Rückzug in den Geist vollzog. Und wie sich später, als er wieder publizierte, herausstellte, hat Benn während dieser Zeit weiter geschrieben und in diesen Arbeiten eine ungewohnt aggressive Haltung gegenüber dem Dritten Reich angenommen.

6 „Doppelleben“ 1950: Zugeständnisse und Rechtfertigung

Vor Niederschrift seiner Biografie „Doppelleben“ 1950 hatte Benn den Brief von Klaus Mann fünfzehn Jahre nicht mehr gelesen. Die erneute Lektüre verblüffte den Dichter:

Dieser Siebenundzwanzigjährige hatte die Situation richtiger beurteilt, die Entwicklung der Dinge genau vorausgesehen, er war klarer denkend als ich, meine Antwort (…) war demgegenüber romantisch, überschwänglich, pathetisch, aber ich muss ihr zugute halten, sie enthielt Probleme, Fragen, innere Schwierigkeiten, die auch heute noch für uns alle akut sind (…). (Benn 1984 [1950], S. 77)

Dass Klaus Mann wahrhaftig kein schlechter Prophet war, gestand Benn sich nun ein; 1933 konnte er das nicht:

Dass ich ihn [den Brief, Anmerkung nk) trotzdem ablehnen musste, zeigt die innere Bedrängnis, in der ich stand. Ich glaubte an eine echte Erneuerung des deutschen Volkes, die einen Ausweg aus Rationalismus, Funktionalismus, zivilisatorischer Erstarrung finden würde (ebd., S. 82).

Auch hat Benn in dieser Publikation versucht, eine späte Antwort auf die Frage Manns zu geben, warum er 1933 in der Akademie der Künste verblieben ist. Er sah sich dem Ansturm „gewisser völkischer und volkhaft ausgerichteter Autoren“ gegenüber und konstatierte „(…) ich behaupte, dass viele von denen, die damals blieben und ihre Posten weiterführten, es darum taten, weil sie hofften, die Plätze für die, die fort gegangen waren, freihalten zu können.“ (ebd., S. 96)

Bei der Gleichschaltung der Akademie, so Benn, wurde er geschnitten. Als diese im Juni 1933 abgeschlossen war, blieb er nicht mehr kommissarischer Leiter der Sektion Dichtkunst und hegte den (später erfüllten) Wunsch die Akademie zu verlassen. Gegenüber seinem Kollegen Loerke äußerte er, dass er von der Selbstherrlichkeit und dem Treiben der neuen Gruppe entsetzt gewesen sei (Loose 1961, S. 80).

Klaus Mann hat in seinem Buch „Mephisto“ in Gestalt des Dichters Pelz eine Persiflage eines auch gesellschaftlich ambitionierten Benn geliefert. Benn hielt dagegen und wendete ein: „Ich ging nirgends aus und ein, wurde auch nirgends eingeladen, betrat kein Ministerium und kein Palais, keine Soiree und keinen Empfang (…)“ (Benn 1984 [1950], S. 95).

Kurz vor Ende des Krieges, am 19. März 1945, erwähnte Benn seinem Brieffreund Oelze gegenüber den Plan, den Essayband „Ausdruckswelt“ mit einem Schlussstück zu versehen: „Willkommen den literarischen Emigranten“. Darin erhält er seine Position gegenüber der Emigration, trotz der geschichtlichen Ereignisse, weitgehend aufrecht:

Ich würde sagen, dass ich meine damaligen Positionen im Wesentlichen aufrecht erhalte und dass ich auch rückblickend das Bleiben in Deutschland für das richtigere halte. Der Untergang eines Volkes (...) ist eine ernste Sache, die sich nicht mit literarischen Arabesken von Miami aus, auch nicht mit einem an sich vielleicht gerechtfertigtem Hass abtun lässt, hier handelt es sich um Kern- und Substanzfragen – tua res agitur. (Benn 1950, zit. n. Schuster 1989, S. 509)

Zudem verkannte er, wieder einmal, die Lage von 1933, indem er die Macht der Intellektuellen falsch einschätzte bzw. überschätzte:

Wenn die, die dann Deutschland verließen und noch heute so sehr auf uns herabsehen, so klug und weitsichtig waren, wie es Klaus Mann ja ohne Zweifel war (…) – warum haben sie das Unheil nicht von sich und uns abgewendet? (Benn 1984 [1950], S. 97)

Eine Art von Trotz, die Benn in seinen defensiven Reden oftmals anhing, ist auch hier meiner Meinung nach unverkennbar.

7 Schluss

Obwohl Gottfried Benn apolitisch eingestellt war – oder gerade deswegen – ist er durch seinen Hang zum Irrationalen und zum Nihilismus im Jahre 1933 dem Glauben verfallen, der Nationalsozialismus unter Hitler könne seine mythischen Visionen von der Menschheit erfüllen. Der Dichter kannte, und das scheint wahrhaftig, die Parteiprogramme der Nazis nicht, zudem nahm er politische Parolen nicht ernst, an sozialdarwinistische Züchtungsprogramme dachte er nicht. Meiner Meinung nach hatte Benn durchaus faschistoide Ansichten, die er, auf seine Art, polemisch zum Ausdruck brachte, die jedoch nicht unmittelbar an die Ideologien des Dritten Reichs gebunden waren. Seine Vorstellungen von der Züchtung des Menschen beriefen sich lediglich auf geistige Gewalt, nicht auf körperliche Zerstörung und Diskriminierung einzelner Menschen oder gar ganzer Völkergruppen. Gewalt war für ihn, so konstatiert auch Wellershoff (1976, S. 131) „nichts schlechthin Verdammungswürdiges, vielmehr, solange er zu glauben vermochte, dass es schöpferische Gewalt sei, begrüßte er sie.“ Für Benn, so scheint es, konnte etwas wirklich Neues nicht ohne Gewalt geschehen.

Benn war niemals Antisemit, er kannte viele Juden, auch Freunde waren darunter. Fraglich bleibt, warum Benn angesichts der Bücherverbrennung und der einsetzenden Diffamierung von Juden im Frühjahr 1933 dennoch sein Bekenntnis zum neuen, totalen Staat abgab und zwar unaufgefordert. Wahrscheinlich war er durch die Ereignisse, die teils kriminellen Vorgänge verwirrt und hegte Zweifel. Seine irrationalistische Geschichtsauffassung aber, seine Hoffnung auf den ‚tragischen, tiefen Menschen’ und die Annahme, der Expressionismus könnte zur dominierenden Kunstform im neuen Reich aufsteigen, zerstreuten diese kurzfristig und machten den Dichter blind. Überdies war Benn ein Gegner der Weimarer Republik, er verabscheute die flachschichtige, bürgerliche, humanitäre Gesinnung und wünschte einen grundsätzlichen, wenngleich nicht unbedingt politischen Wandel herbei.

Betrachten muss man zudem die persönliche Situation des Dichters: Bis 1932 war er ein Außenseiter, der dieses Position pflegte. Mit seiner Wahl in die Preußische Akademie der Künste erlangte er als Schriftsteller Anerkennung und konnte sich einer gewissen Verführung nicht erwehren. Er verfiel dieser jedoch nicht vollends und verabschiedete sich z.B. bereits 1934 auf eigenen Wunsch aus der Akademie. Auch erkannte er nach rund elf Monaten seinen Fehlschritt und ging in die Armee, um dort in einer Art innerer Emigration zu verharren und, wie man später erfuhr, viele, auch anti-nazistische Essays zu verfassen. Er fand sich also in der Nähe seiner alten Position, der des Einzelgängers, wieder.

In „Doppelleben“ 1950 gestand er Fehler von 1933 ein, lediglich seine Haltung zum Topos der Emigration ist, so denke ich, zweifelhaft. Wenn man sich mit Benn beschäftigt hat, so erhält man den Eindruck, dass er in Fällen, in denen er angegriffen wurde und sich in der Defensive gewahrte, polemisierte und einen aggressiven Unterton anschlug, so auch in seiner „Antwort an die literarischen Emigranten“. Ich denke es passt nicht zur Person Benn, nachträglich Wogen zu glätten und für gute Stimmung zu sorgen, denn er war meinem Verständnis nach kein Opportunist. Benn änderte sein Denken ja auch 1933 nicht – was ihm später u. a. als Flucht vor der Realität in den Irrationalismus vorgeworfen wurde – er zog aus ihm die Konsequenz, sich zum Faschismus zu bekennen. Die Anlagen dazu finden sich bereits in früheren Essays, weit vor 1933 und dem Nationalsozialismus. Seine Visionen vom Menschen schienen mit der Etablierung der Herrschaft Hitlers mit politischer Realität gefüllt und dazu nahm er, auch öffentlich, Stellung. Dass sie ihn enttäuschen mussten, antizipierten vor allem linksgerichtete Intellektuelle und Emigranten bereits Anfang 1933, so auch Klaus Mann.

Die Herrschaft Hitlers war grausam und führte zur Vernichtung vieler Millionen Menschen – das steht heute fest. Versucht man sich aber in das Jahr 1933 hinein zu versetzen, so kann man sich vielleicht vorstellen, wie durch Deutschland eine Art „Schicksalsrausch“ ging und man dieser Kraft erliegen konnte. Gerade für einen politisch nicht informierten und nicht-interessierten Typus waren die verkündeten Phantasien gefährlich. So war denn auch Benns geistiger Irrtum teilweise emotionaler Art. Man darf den Dichter also nicht grundsätzlich mit dem bewusst rassistischen, den Arier kultivierenden, militanten Prototypen des nationalistischen Faschisten gleichsetzen.

8 Literatur

Barbian, Jan-Pieter 1993: Literaturpolitik im „Dritten Reich“. Institutionen, Kompetenzen, Betätigungsfelder. Frankfurt/ M.: Buchhändler-Vereinigung.

Benn, Gottfried 1984 [1950]: Doppelleben. Zwei Selbstdarstellungen. Stuttgart: Klett-Cotta.

Deutscher Bundestag (Hrsg.) 1986: Fragen an die deutsche Geschichte: Ideen, Kräfte, Entscheidungen von 1800 bis zur Gegenwart. 12. Auflage. Bonn: Deutscher Bundestag.

Hohendahl, Uwe (Hrsg.) 1971: Benn – Wirkung wider Willen. Dokumente zur Wirkungsgeschichte Benns. Königstein: Athenäum.

Lennig, Walter 2003 [1962]: Gottfried Benn mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Reinbek: Rowohlt.

Loose, Gerhard 1961: Die Ästhetik Gottfried Benns. Frankfurt/ M.: Klostermann.

Mann, Klaus 1993 [1942]: Der Wendepunkt. Ein Lebensbericht. Reinbek: Rowohlt.

Rübe, Werner 1993: Provoziertes Leben. Gottfried Benn. Stuttgart: Klett-Cotta.

Ryan, Judith 1980: Ezra Pound und Gottfried Benn: Avantgarde, Faschismus und ästhetische Autonomie. In: Grimm, Reinhold/ Hermans, Jost (Hrsg.): Faschismus und Avantgarde. Königstein: Athenäum, S. 20-34.

Sahlberg, Oskar 1977: Gottfried Benns Phantasiewelt „Wo Lust und Leiche winkt“. München: edition text + kritik.

Schröder, Jürgen 1978: Gottfried Benn: Poesie und Sozialisation. Stuttgart: Kohlhammer.

Schuster, Gerhard (Hrsg.) 1989: Gottfried Benn. Sämtliche Werke. Band IV. Prosa 2. Stuttgart: Klett-Cotta.

Siemon, Johann 1997: Die Formfrage als Menschheitsfrage: die Genese des künstlerischen Weltbilds in der Prosa Gottfried Benns. München: Iudicium.

Steinhagen, Harald 1983: Gottfried Benn 1933. In: Allemann, Beda: Literatur und Germanistik nach der ‚Machtübernahme’. Colloquium zur 50. Wiederkehr des 30. Januar 1933. Bonn: Bouvier, S. 28-51.

Studt, Christoph 2002: Das Dritte Reich in Daten. München: Beck.

Wellershoff, Dieter 1965: Gottfried Benn. Essays. Reden. Vorträge. Band 1. 3. Auflage. Wiesbaden: Limes Verlag.

Wellershoff, Dieter (Hrsg.) 1966: Gottfried Benn. Autobiografische und vermischte Schriften. Band 4. 2. Auflage. Wiesbaden: Limes-Verlag.

Wellershoff, Dieter 1976: Gottfried Benn. Phänotyp dieser Stunde. München: dtv.

Wulf, Joseph 1989: Literatur und Dichtung im Dritten Reich. Eine Dokumentation. Gütersloh: Mohn-Verlag.

[...]


[1] Ich halte mich also vor allem an Benns Prosa aus den Jahren 1933/34, insbesondere seine Aufsätze, da er tendenziell, so Klaus Mann 1937, „seine Lyrik durchaus rein zu halten wusste.“ (Sahlberg 1977, S. 109)

[2] Gottfried Benn persönlich hat nie ein Problem mit Juden gehabt. Selbst über viele jüdische Bekannte verfügend konstatierte er 1950 in „Doppelleben“, dass sein Leben, der Glanz des Kaiserreichs und auch die kulturellen Jahre 1918-1933 ohne den ‚nichtarischen’ Teil völlig undenkbar wären (S. 75). Keiner Macht der Erde, so Benn, traute man Anfang 1933 zu, „dies durch politische Regelungen oder gar Gewaltmaßnahmen auslöschen oder gar ausrotten zu wollen oder zu können.“

[3] In Italien hatte die literarische Avantgarde bereits seit 1913 in Gestalt des Futurismus eine enge Beziehung zum Faschismus, mit dem sich u. a. Ezra Pound identifizierte (Ryan 1980, S. 20).

[4] Die Reduzierung auf Sympathie und Antipathie gegenüber einzelnen Personen allein, so sei hier erwähnt, wird Benn jedoch nicht gerecht.

[5] Bücher von Feuchtwanger, Kerr, Döblin, Ehrenstein und Pinthus wurden zudem vernichtet, laut Rübe (1993, S. 317) ein „Autodafe des Expressionismus, dessen herausragendster Vertreter ja Gottfried Benn war“. Trotzdem antwortete Benn auf den Brief Klaus Manns mit einer positiven Haltung zum neuen Staat.

[6] Bereits im März 1933 wurde das Konzentrationslager Dachau eingerichtet, das als erstes seiner Art Kommunisten und marxistische Funktionäre unterbringen und später vernichten sollte. Die Plünderung jüdischer Geschäfte hatte im April eingesetzt, jüdische Ärzte und Rechtsanwalte standen Diskriminierungen und Boykotten hilflos gegenüber. An Hochschulen mussten neu Immatrikulierte ihre rassische Abstammung beweisen; der Anteil von Juden wurde auf 1,5 Prozent begrenzt. Marxistische und ‚nichtarische’ Ärzte verloren ihre Krankenkassenzulassung (Studt 2002). Obwohl Benn Zeitung las und in Berlin lebte, haben ihn diese Meldungen nicht abgeschreckt (oder er hat sie in ihrer späteren Bedeutung nicht erkennen wollen).

[7] Der Mord an Röhm, der Spitze der SA, die Unterdrückung der SA und die Beseitigung von konservativen politischen Gegnern (= Röhm-Putsch) begründen Benns Abwendung vom Staat. Man spricht vom Bruch mit Hitler und dem Nationalsozialismus (Schröder 1978).

[8] Benns Artikel war eine Replik auf von Münchhausens Artikel „Die neue Dichtung“, in welchem dieser dem Expressionismus eine „völlig zuchtlose Unanständigkeit“ unterstellt hatte. Der gleiche Autor hat Benn zudem als Juden benannt, so dass dieser sich gezwungen sah ein Arierzeugnis beizubringen (vgl. dazu Benns Schrift „Lebensweg eines Intellektualisten“ von 1934 in „Doppelleben“ 1983 [1950), S. 9-68).

31 von 31 Seiten

Details

Titel
Gottfried Benn - ein Nationalsozialist? Eine Analyse seiner Gesinnung 1933 unter Berücksichtigung der Korrespondenz mit Klaus Mann
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Veranstaltung
Gottfried Benn aus komparatistischer Sicht
Note
1-
Autor
Jahr
2004
Seiten
31
Katalognummer
V108781
Dateigröße
630 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gottfried, Benn, Nationalsozialist, Eine, Analyse, Gesinnung, Berücksichtigung, Korrespondenz, Klaus, Mann, Sicht
Arbeit zitieren
Nadine Kinne (Autor), 2004, Gottfried Benn - ein Nationalsozialist? Eine Analyse seiner Gesinnung 1933 unter Berücksichtigung der Korrespondenz mit Klaus Mann, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/108781

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Gottfried Benn - ein Nationalsozialist? Eine Analyse seiner Gesinnung 1933 unter Berücksichtigung der Korrespondenz mit Klaus Mann


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden