Angewandte Ethik in den Geschichtswissenschaften


Seminararbeit, 2004
11 Seiten, Note: 1,6

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Inhaltsverzeichnis

1. Einführung

2. Wissensethik

3. Geisteswissenschaften

4. Geschichtswissenschaften

Literaturverzeichnis

Einleitung

Ethische Probleme in den Naturwissenschaften sind immer wieder ein Thema in den Medien und auch in der Wissenschaft. Doch wie steht es mit ethischen Problemen in den Geisteswissenschaften? Besteht da kein Handlungsbedarf? Oder gibt es doch spezielle geisteswissenschaftliche, ethisch bedenkliche Probleme, die einer genaueren Untersuchung bedürfen?

Wissenschaftsethik ist da gebraucht, wo aus der theoretischen Wissenschaft praktische Folgen entstehen. Dies ist bei den Naturwissenschaften häufig der Fall durch ihre Umsetzung in Technik. Doch auch bei den Geisteswissenschaften gibt es praktische Folgen. Diese aufzuzeigen und ihre ethische Dimension zu benennen, soll Aufgabe dieser Arbeit sein. Der Aufteilung nach Spinner in forscherische, sammelnde und verteilende Wissensaktivitäten folgend, soll es hier hauptsächlich um den Nachweis gehen, daß auch im Bereich der Geisteswissenschaften die forscherischen Tätigkeiten ethische Relevanz haben. Speziell die Geschichtswissenschaften sollen hier untersucht werden, da der Umfang eine Untersuchung aller Geisteswissenschaften sprengen würde. Im ersten Teil werde ich auf allgemeine Wissensethik eingehen und deren Probleme aufzeigen, der zweite Teil gibt eine oberflächliche Einführung in die spezielle Problematik der Geisteswissenschaften und der dritte Teil schließlich befasst sich konkret mit der angewandten Ethik in den Geschichtswissenschaften.

Allgemeine Wissensethik

Wissensethik hat zum einen das Wissen an sich zum Gegenstand, zum anderen, weitaus größeren Teil, den Umgang mit Wissen. Bei Spinner ist nicht nur das wissenschaftlich erzeugte Wissen relevant, sondern auch jegliche andere Art von Information. Darunter fällt die Erzeugung von Wissen, d.h. die „forscherischen Wissensaktivitäten“1, die Weiterverarbeitung von Wissen, d.h. die „sammelnden Wissensaktivitäten“2 und die Verbreitung von Wissen, die „verteilenden Wissensaktivitäten“3. Nach Spinner gibt es ordnungspolitische Leitwerte für jede dieser Wissensaktivitäten; diese Leitwerte sind die Veränderungsfreiheit für die Forschung, die Beeinträchtigungsfreiheit für die Bewahrung von Wissen und die Verkehrsfreiheit für die Verbreitung.4 Veränderungsfreiheit meint, daß alles Wissen veränderbar sein sollte. Damit ist sowohl eigenes als auch fremdes Wissen gemeint; es dürfen keine Einschränkungen durch Dogmen oder Zensur gemacht werden. Alles darf verändert werden ohne sich mit den Folgen des theoretischen Wissens zu belasten. Es geht um eine quantitative und qualitative Verbesserung des vorhandenen Wissens. In solch einem Ideal muss Wissens- kommunismus herrschen.5

Beeinträchtigungsfreiheit bedeutet, daß es keinen Eingriff in das zu sammelnde Wissen geben soll. Darunter fällt auch besonders low-quality Wissen im Privatbereich, vor allem das Recht auf freie Meinung innerhalb der bestehenden Gesetze.6

Im Bereich der Wissenschaft hat diese Freiheit besondere Relevanz bei der Bewahrung von Quellen, die nicht verändert werden dürfen. Auch Fälschung würde dieser Freiheit widersprechen.

Verkehrsfreiheit schließlich sorgt für den ungehinderten Fluß von Informationen. Besonders wichtig ist hierbei auch die Gleichberechtigung von Information und Gegen- information, oder auch von Kritik.7 Praktische Anwendung sollte die Verkehrsfreiheit für die Wissenschaft im Wissenschaftsjournalismus finden.

Diese drei Freiheiten werden nach Spinner durch eine zu schaffende Wissensordnung vorgegeben und bieten damit die Rahmenbedingungen innerhalb derer Ethiken sich einpassen können.

Diese Ethiken, die sich in die Wissensordnung einpassen sollen, sind die Kreativitätsethik, die Informationsethik und die Publizitäts- und Medienethik.

Dabei hat die Kreativitätsethik im Bereich der Forschung die Güte des Wissens als Inhalt, die Informationsethik die Gleichberechtigung der Informationen und Gegen- informationen und die Publizitäts- und Medienethik achtet auf die informationelle Grundversorgung der Gesellschaft und zeigt im Bereich der Wissensvermittlung Probleme auf.8

Die Beschäftigung mit den Inhalten des Wissens, das bei Spinner nur als Form betrachtet wird, wird hierbei ausgespart. Die drei Bereichsethiken, die Spinner nennt, umfassen den Umgang mit Wissen, nicht jedoch die Problematik, wie mit brisantem Wissen umgegangen werden soll. Die Kreativitätsethik achtet darauf, daß solches Wissen erzeugt werden kann und daß die Güte dieses Wissen so hoch wie möglich ist. Aber was ist mit der Frage der Verantwortung der Wissenschaftler für die Folgen ihres erzeugten Wissens? Diese Frage erwähnt Spinner zwar, bietet aber keine Bereichsethik an, die sich speziell mit dieser Problematik beschäftigen sollte.

Bei diesen Fragen über den Inhalt von Wissen haben sich verschiedene Wissenschaftsethiken herausgebildet; so z.B. die Bioethik oder die Medizinethik.

Geisteswissenschaften

Im Bereich der Geisteswissenschaften fehlt solche eine Ethik jedoch. Zum einen weil Geisteswissenschaften ihre praktische Anwendung meist nicht in der Technik finden, zum anderen scheint das Wissen, das in den Geisteswissenschaften erzeugt wird, keine ethische Dimension zu haben. Doch worum geht es den Geisteswissenschaften überhaupt? Was verbindet und was trennt sie von den Naturwissenschaften?

Diese Frage lässt sich nicht einfach beantworten; viele Geisteswissenschaftler diskutieren darüber. „Diskussionswissenschaften“ oder auch „Buchwissenschaften“9 werden oft synonym zu Geisteswissenschaften verwendet, um die Geisteswissenschaften über ihre Methode zu definieren. Dabei gehen diese Bezeichnungen davon aus, daß nur die Geisteswissenschaften über Diskussion bzw. über das Rezipieren von Büchern zu ihren Erkenntnissen gelangen. Als Abgrenzung zu den Naturwissenschaften eignen sich diese Bezeichnungen nicht, da auch während eines Projekts in den Naturwissenschaften diskutiert wird und die meisten Neuerungen der Naturwissenschaften in Team-Arbeit entstehen. Bücher dienen den Naturwissenschaftlern ebenso als Grundlage wie den Geisteswissenschaftlern, wenn vielleicht auch nicht in diesem starken Maße. Doch wenn der Unterschied nicht in der Methode liegt, worin dann? Ritter definiert die Geisteswissenschaften als

„die Wissenschaften, die im Horizont der uns überhaupt zugänglichen geschichtl- lichen Zeit die Geschichte selbst, Sprache, Kultur, Dichtung, Philosophie, die Reli- gionen, aber ebenso auch Dokumentationen persönlichen Lebens in historischer und hermeneutischer Methode zum Gegenstand haben und vergegenwärtigen.“10

Im Bezug auf ihre Methoden und ihren Gegenstand, nennt Mittelstraß die Geisteswissenschaften, im Gegensatz zu Ritter, unendlich.11 Seiner Meinung nach, sind die Geisteswissenschaften weder über ihre Gegenstände, noch über ihre Methoden eindeutig zu fassen. Dilthey bezeichnete die Geisteswissenschaften zuerst als

„Wissenschaften vom Menschen, der Gesellschaft und dem Staat“12, später benannte er als Gegenstand die geschichtliche geistige Welt des Menschen, die sich in den Werken des Menschen ausdrückt, damit sind Kunstwerke, Dichtungen, Philosophie und Rechts- und Lebensordnungen gemeint. Als Methode, mit der die Geisteswissenschaften vorgehen, nannte er die Auslegung und das Verständnis der geschichtlichen geistigen

[...]


1 Vgl. Spinner, S.738.

2 Ebenda.

3 Ebenda.

4 Vgl. Spinner, S.739f.

5 Ebenda. Wissenkommunismus meint, daß Wissen für jedermann frei zugänglich ist..

6 Ebenda.

7 Ebenda.

8 Vgl. Spinner, S.745.

9 Vgl. Mittelstraß, 1996, S.10.

10 Ritter, S.120.

11 Vgl. Mittelstraß, 1996, S.5.

12 Hier zitiert nach Ritter, S.121.

11 von 11 Seiten

Details

Titel
Angewandte Ethik in den Geschichtswissenschaften
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Veranstaltung
Proseminar
Note
1,6
Autor
Jahr
2004
Seiten
11
Katalognummer
V108793
Dateigröße
403 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Angewandte, Ethik, Geschichtswissenschaften, Proseminar
Arbeit zitieren
Cathleen Schulz (Autor), 2004, Angewandte Ethik in den Geschichtswissenschaften, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/108793

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