Die Rede von der Sünde in den Schmalkaldischen Artikeln und in der Confessio Augustana


Seminararbeit, 2003

19 Seiten, Note: 2


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Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Darstellung
2.1. Martin Luthers Schmalkaldische Artikel, Art. III,
2.2. Das Augsburger Bekenntnis von Phillip Melanchthon, Art. II, III, IV, VI und XIX
2.3. Vergleich

3. Kritik
3.1. Überprüfung wichtiger Aussagen anhand der Bibel
3.2. Kritische Reflexion
3.2.1. Wie wird Sünde erkannt ?
3.2.2. Sünder von Mutterleib an ?
3.2.3. Wo kommt Sünde her ?
3.2.4. Wie entstehen die Früchte der Sünde ?

4. Schluß

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die theologische Grundlage des reformatorischen Bekenntnisses ist unumstritten die Lehre von der Rechtfertigung des Sünders allein durch den Glauben. Der Mensch wird hier also von vornherein als Sünder bezeichnet. Wie aber kommt es zu dieser, in den Augen der heutigen, stark säkularisierten Welt vielleicht recht anstößig wirkenden Bezeichnung? Die Begriffe Sünde und Sünder haben in der modernen Zeit einen starken Bedeutungsverlust und Bedeutungswandel erfahren: Man spricht höchstens noch von Umweltsündern, Diätsünden und Verkehrssündern, aber keinesfalls von der Sündigkeit des Menschen, geschweige denn von der Erbsünde. „Und sicher ist es bis heute auch für viele Christen ein besonders dunkles, schwer zu fassendes, jedenfalls sehr der Interpretation bedürftiges Kapitel christlicher Theologie.“[1]

Als Grundlage für eine solche Interpretation sollen ausgewählte Texte aus den Bekenntnisschriften der evangelisch lutherischen Kirche dienen. Zum Einen, die „Schmalkaldischen Artikel“ von Martin Luther, davon besonders der Artikel III, 1, welcher sich vorrangig mit dem Thema Sünde befaßt, sowie Phillip Melanchthons Augsburger Bekenntnis, aus diesem vor allem die Artikel II, III, IV, VI und XIX.

In einem ersten Teil sollen die beiden Schriften jeweils vorgestellt, sowie deren Inhalt dargestellt, um danach schließlich miteinander verglichen zu werden. Ausgewählte inhaltliche Aussagen sollen dann in einem weiteren Teil zunächst auf biblische Grundlagen überprüft und in der Folge mit Hilfe neuerer systematisch-theologischer Literatur kritisch hinterfragt werden.

2. Darstellung

2.1. Martin Luthers Schmalkaldische Artikel, Art. III, 1

Die Schmalkaldischen Artikel, benannt nach dem Tagungsort der evangelischen Stände, Schmalkalden, wurden im Dezember 1536 vom Wittenberger Reformator Martin Luther verfaßt. Wie der Titel der Schrift bereits besagt[2], hatte diese ursprünglich den Zweck, auf einem päpstlich angeordneten Konzil vorgetragen zu werden. Der zu dieser Zeit amtierende Papst Leo III. hatte für den 23. Mai 1537 ein Konzil nach Mantua ausgeschrieben. Der sächsische Kurfürst Johann Friedrich hatte daraufhin Luther beauftragt, alle Artikel aufzustellen, welche auf diesem Konzil verhandelt werden können und auf welche man bestehen müsse. Da Luther zu dieser Zeit von zahlreichen Krankheitsleiden geplagt war, und seinen baldigen Tod vor Augen hatte, ist diese Schrift stark testamentarisch geprägt[3], was vor allem bei Betrachtung des Schlusses deutlich wird[4]. Am 3. Januar 1537 wurden die Artikel dem Kurfürsten überreicht und am 7. Februar auf dem Schmalkaldischen Bundestag vorgetragen und von zahlreichen Teilnehmern unterschrieben, am Ende allerdings doch als Bekenntnisschrift des Bundes abgelehnt. Das vom Papst ausgeschriebene Konzil wurde in der folgenden Zeit immer wieder verschoben und schließlich erst im Dezember 1545 abgehalten. Die ASm gelangten allerdings trotzdem zu großer Bedeutung: Im Sommer 1538 erschienen sie erstmals im Druck und neben Bibel, Confessio Augustana und deren Apologie wurden sie durchgängig in den Kirchenordnungen der Reformation als verbindliche Lehrnorm aufgeführt und anerkannt[5] und 1580 ins Konkordienbuch aufgenommen. Neben den beiden Katechismen sind sie die einzige lutherische Bekenntnisschrift, welche von Martin Luther selbst verfaßt wurde.

Luther untergliederte die ASm in drei Teile: der erste Teil besteht aus nur einem Artikel, welcher „von den hohen Artikeln der gottlichen Majestät“[6]handelt. In diesem Artikel werden, anlehnend an die drei Glaubensbekenntnisse, wichtige trinitätstheologische Aussagen zusammengefaßt. Der Zweite Teil betrifft die „Artikeln, so daß Ampt und Werk Jesu Christi oder unser Erlosung betreffen“[7], beginnend mit dem wichtigen „Häuptartikel“ und drei weiteren Artikeln betreffend die Messe, Stifte und Klöster, Heiligenanrufung und Papsttum. Der dritte Teil handelt von Artikeln, über die, nach Luthers Meinung verhandelt werden könne[8]. Hierzu gehören Artikel, die sich hauptsächlich auf Lehren beziehen, über welche teils große Uneinigkeit mit der Papstkirche besteht. So auch der, im folgenden näher zu betrachtende Artikel von der Sünde, sowie weiterhin Artikel über Gesetz, Buße, Evangelium, Taufe, Altarsakrament, Priesterehe und andere.

Im Folgenden soll der Artikel III, 1, welcher überschrieben ist mit „Erstlich von der Sunden“[9], näher betrachtet werden. Zu Beginn des Artikels geht Luther auf den Ursprung der Sünde ein. Unter Berufung auf Röm 5, 12 („Deshalb, wie durch einen Menschen die Sünde in die Welt gekommen ist, und der Tod durch die Sünde, so ist der Tod zu allen Menschen durchgedrungen, weil sie alle gesündigt haben.“), kann er behaupten, daß durch den Ungehorsam Adams alle Menschen zu Sündern gemacht wurden und somit dem Tod und auch dem Teufel unterworfen sind. Die durch diesen „Sündenfall“ in die Welt gekommene Sünde wird „Erbsunde oder Häuptsunde“[10]genannt. In der lateinischen Übersetzung wird diese noch genauer beschrieben mit den Worten: „originale, haereditarium, principale et capitale peccatum“[11]. Im zweiten Absatz werden nun die Folgen bzw. Auswirkungen dieser Erbsünde beschrieben, welche Luther in der Mißachtung der Gebote bzw. Verbote des Dekalogs sieht. Als nächstes geht es ihm um die Erkenntnis der Erbsünde: Diese kann seiner Meinung nach nur aus der Schrift geglaubt und nicht mit Hilfe der Vernunft erkannt werden. Zur Untermauerung seiner Aussage verweist er auf folgende Bibelstellen: Ps 50, 7 (Ps 51, 7)[12], Röm 5, 12ff., Ex 33, 20 und Gen 3, 6ff.. Die Aussagen dieser Bibelstellen unterstützen ihn auch bei seiner Ansicht, daß die, von den scholastischen Theologen des Spätmittelalters betreffend der Erbsünde aufgestellten Thesen falsch sind und seinem Artikel widersprechen. Im Folgenden zählt er dazu sieben Lehrsätze, die er den Scholastikern zuweist, auf. Deren Hauptaussagen stehen in einem krassen Gegensatz zu Luthers Rechtfertigungslehre. Es wird behauptet, daß der Mensch trotz des Sündenfalles Adams aus eigenem Antrieb und mit seinen natürlichen Kräften Gottes Gebote, einschließlich das Gebot der Gottes- und Nächstenliebe erfüllen und sich somit Gnade und Rechtfertigung vor Gott selbst „erarbeiten“ könne. Über das Abendmahl wird gesagt, daß dessen Kraft so groß ist, daß der Kommunizierende keines guten Vorsatzes bedürfe, sondern dieser lediglich nicht den Vorsatz, Sünde zu tun, zu haben bräuchte. In der letzten These wird behauptet, daß sich keine biblische Begründung für die Notwendigkeit des Heiligen Geistes und der Gnade zum Tun Guter Werke finde. Luther fügt diesen Thesen beurteilend hinzu, daß derartige heidnische Lehrmeinungen seinerseits nicht toleriert werden können. Die Ursache für diese Lehren sieht er in der Unwissenheit über Christus und die Sünde. Er begründet abschließend seine Meinung, in dem er auf den Heilstod Christi hinweist, welcher vergeblich gewesen wäre, wenn nach den Lehren der Scholastik der Mensch sich oder, besser gesagt, seine Seele selbst erlösen könnte.

2.2. Das Augsburger Bekenntnis von Phillip Melanchthon, Art. II, III, IV, VI und XIX

Das Augsburger Bekenntnis, lateinisch Confessio Augustana, ist die wohl bedeutendste Bekenntnisschrift der Reformation und wurde in seiner Endfassung von dem Wittenberger Professor und Reformator Phillip Melanchthon (1497-1560) verfaßt. Initiiert vom sächsischen Kurfürsten Johan dem Beständigen, sollte von den reformatorischen Theologen Luther, Jonas, Bugenhagen und Melanchthon eine Art Gutachten ausgearbeitet werden, welches den Zwiespalt zwischen der katholischen Kirche des Papstes und der evangelischen Kirche in Sachsen aufzeigen und möglichst eine Einigung herbeiführen soll[13]. Diese sollten, auf einem, vom damaligen Kaiser Karl V., mit dem Ziel der Behebung der Differenzen zwischen den beiden Kirchen, einberufenen Reichstag vorgetragen werden. Als Grundlage dienten der CA die im Vorfeld ausgearbeiteten Torgauer Artikel, sowie die bereits 1529 erschienen Schwabacher Artikel. Während des Reichstages Ende Juni 1530 verfaßte Melanchthon daraus die CA, ursprünglich mit dem Ziel einer Apologie der evangelischen Kirche im Kursächsischen Fürstentum[14]. Am 25. Juni wurde sie dann auf dem Reichstag durch den kursächsischen Kanzler Beyer verlesen und von zahlreichen evangelischen Fürsten und Reichsstädten unterzeichnet.

Die CA umfaßt 28 Artikel, welche sich in zwei große Teile gliedern: Die Artikel 1-21 sind Artikel, welche wichtige Grundsätze bezüglich des Glaubens und der Lehre betreffen, unter anderem Gott, Sünde, Christus, Rechtfertigung, Kirche, Taufe etc. Der zweite Teil, bestehend aus den Artikeln 22-28, befaßt sich mit Punkten, über die teils große Zwietracht mit der katholischen Kirche herrscht. Diese Artikel gingen hauptsächlich aus den schon erwähnten Torgauer Artikeln hervor[15]und behandeln unter anderem in sehr ausführlicher Weise Themen wie die zweifache Gestalt des Abendmahls, die Priesterehe, die Messe und die Beichte.

Das zu behandelnde Thema „Sünde“ begegnet uns in der CA vor allem in den Artikeln II, III, IV, VI und XIX. An der Abfolge ist interessant, daß gleich nach dem Artikel über Gott und noch vor dem Artikel über den Sohn, der Artikel über die Erbsünde folgt.

Melanchthon sagt in diesem II. Artikel, daß alle natürlich geborenen Menschen, also alle außer Jesus Christus, schon bei ihrer Geburt unter der Sünde stehen und von da an schon eine bösartige Neigung aufweisen und nicht zum Glauben an und zur Ehrfurcht vor Gott fähig seien. Er betont, daß die Erbsünde auch wirklich Sünde sei und den Menschen „unter ewigen Gotteszorn“[16]verdamme, der nicht die Wiedergeburt durch Taufe und Geist erlangt habe. Er richtet sich damit ausdrücklich gegen die Pelagianer und gegen Lehrmeinungen, die behaupten, auf natürliche Weise das Heil zu erlangen.

Der dritte Artikel handelt vom Sohn Gottes, also von Jesus Christus und nimmt großteils Material aus den drei Altkirchlichen Symbolen auf. In Hinblick auf die Sünde wird gesagt, daß Christus ein Opfer für die Erbsünde und auch für die anderen Sünden der Menschen sei. Von Christus meint Melanchthon, daß er mit dem Heiligen Geist, den er ihnen ins Herz gäbe[17], die Menschen, die an ihn glauben, vor dem Teufel und vor der Sünde beschütze.

Der IV. Artikel befaßt sich mit dem wichtigsten Thema der Reformatoren, nämlich mit der Rechtfertigung. Ähnlich wie in Luthers „Häuptartikel“ wird das Erreichen von Vergebung und Rechtfertigung durch eigene Werke abgelehnt, da dies nur durch Gnade und vor allem den Glauben an die eigene Erlösung und Sündenvergebung durch den Tod Christi dem Menschen als Geschenk zuteil werde. Er verweist auf Röm 3, 21ff. und Röm 4, 5, wonach dem Menschen dieser Glaube zur Gerechtigkeit angerechnet werde, ihn also vor Gott gerecht werden ließe.

In Anlehnung an diesen IV. Artikel sagt Melanchthon im VI. Artikel, daß gute Werke trotzdem von Wichtigkeit seien, da sie die Frucht, also die sichtbaren Auswirkungen des oben beschriebenen Glaubens seien. Allerdings dürfen diese keinesfalls als Mittel zur Erlangung der Gnade und des Heils angesehen werden, da Sündenvergebung wie eben schon gesagt nur durch den Glauben an Christus erlangt werden könne. Diese Aussage bekräftigt er dann durch einen Ausspruch Jesu aus Lk 17, 10, sowie mit einem Zitat des Kirchenvaters Ambrosius.

Im letzten, zu behandelnden Artikel geht er schließlich der Ursache der Sünde auf den Grund. Diese sieht er im „verkehrten Willen“ bzw. lateinisch: „voluntas malorum“[18], welchen er mit dem Willen des Teufels und der Gottlosen gleichsetzt. In Hinblick auf den Teufel, welcher sich von Gott abgewand habe, zitiert er noch einen Ausspruch Jesu aus Joh 8, 44.

Nachdem die beiden zu behandelnden Texte vorgestellt und deren Inhalte dargestellt wurden, soll im nächsten Teil behandelt werden, welche Ansichten und Aussagen sie teilen und wo sich Unterschiede finden

2.3. Vergleich

Zu Beginn sollen hier jedoch erst einmal die unterschiedlichen Situationen und Zeiten der Entstehung und Abfassung der beiden Schriften bedacht werden. Diese werden behilflich sein, Unterschiede und Gemeinsamkeiten der entsprechenden Texte aus einem verständlicheren Blickwinkel her zu betrachten.

Die CA entstand, wie schon erwähnt, um auf einem Reichstag vorgetragen zu werden, durch welchen der Kaiser erhoffte, die konfessionelle Einigung im Reich wiederherzustellen. Auch Melanchthon und die evangelischen Theologen und Reichsstände wollten unter keinen Umständen eine Abspaltung von der katholischen Kirche. Die CA wollte die altgläubige Seite keinesfalls provozieren. Auch Luther beurteilte damals die CA als positiv, machte Melanchthon andererseits allerdings den Vorwurf des „Leisetretens“[19], also einer mangelnden Radikalität, vor allem in Hinblick auf den Papst . Knapp sieben Jahre später hatte sich die Situation aber geändert: Die Spaltung der Kirche war zu dieser Zeit, vor allem nach dem, aus protestantischer Sicht gescheitertem Augsburger Reichstag, schon wesentlich weiter fortgeschritten, als 1530. Die ASm entstanden in Vorbereitung auf ein vom Papst ausgeschriebenes Konzil, von dem schon im Vorfeld bezweifelt wurde, ob dies ein freies Konzil sein würde. Sie stellen deshalb die Kontroversen mit den Altgläubigen wesentlich radikaler und deutlicher dar, als die CA[20]. Die Artikel sind deshalb sehr stark polemisch geprägt, vor allem, was den Papst betrifft.

In Bezug auf die Sünde teilen aber beide Schriften grundlegende Ansichten über deren Eigenschaften und Auswirkungen: Alle Menschen stehen seit dem Sündenfall Adams unter der Macht der Sünde, welche Erbsünde genannt wird. Diese zeigt sich vor allem im Fehlen von Gottesfurcht und mangelndem Glauben. Die Vergebung der Sünden kann der Mensch nicht von sich aus bzw. auf natürlichem Wege erlangen. Und: Christus ist für die Sünde im Menschen gestorben.

Innerhalb dieser Punkte gibt es jedoch einige kleinere, aber dennoch nennenswerte Unterschiede, d. h. Luther und Melanchthon legen jeweils auf bestimmte Gesichtspunkte mehr oder weniger Wert. Melanchthon zum Beispiel sagt im II. Artikel, daß die Erbsünde schon vor der Geburt im Menschen ist, also von Anfang an. Dadurch wird der Erbcharakter der Sünde stärker zum Ausdruck gebracht. Bei Luther wiederum werden die Folgen und Auswirkungen der Sünde im menschlichen Verhalten wesentlich breiter behandelt. Er nennt explizit die einzelnen Tatsünden, die sich in Mißachtung der 10 Gebote wiederspiegeln. Melanchthon stellt dies hauptsächlich aus positiver Sichtweise dar, in dem er in CA VI die guten Werke als Folgen des Glaubens nennt, was wiederum ASm III, 1, bzw. generell in den ASm so nicht erwähnt wird. Die Rechtfertigung allein aus dem Glauben kommt in Luthers Sündenartikel allerdings nicht so deutlich zum Ausdruck, wie bei Melanchthon in den Artikeln III, IV und VI, was aber vor allem daher kommt, daß diese Lehre im „Häuptartikel“, von welchem sich im Grunde fast alle anderen Artikel der ASm herleiten lassen[21], sehr detailliert beschrieben ist.

Andererseits weisen die beiden Texte aber auch größere Differenzen auf, die im Folgenden genannt seien: In CA II wird gesagt, daß die Sünde alle verdamme, „so nicht durch die Tauf und heiligen Geist wiederum neu geborn werden“[22]. Taufe und Wiedergeburt werden bei Luther nicht mit Sünde bzw. Erbsünde in Verbindung gebracht. Selbst der Taufartikel ASm III, 6 spricht von keiner Notwendigkeit der Taufe, um sich der Verdammnis der Sünde zu entziehen. Ein weiterer wichtiger Unterschied betrifft die Ansichten über die Ursache der Sünde. Die CA sagt im XIX. Artikel, daß die Sünde dem verkehrten Willen, nämlich dem des Teufels und der Gottlosen entspringe. Luther hingegen meint, die Sünde komme von Adam her, auf Grund dessen Ungehorsams. Weiterhin wird die Erkenntnis der Sünde nur in den ASm III, 1 thematisiert, indem Luther schreibt, daß diese nur aus der schriftlichen Offenbarung, also der Bibel geglaubt und nicht durch den Verstand erfaßt werden könne. Diese Gedanken begegnen in der CA überhaupt nicht. Was die Auswirkungen der Sünde hinsichtlich des individuellen Heils betrifft, schreibt Luther, daß der Mensch durch sie dem Tod und dem Teufel unterworfen werde. Der Teufel wird bei Melanchthon in der CA nur, wie oben beschrieben, in Verbindung mit der Ursache der Sünde genannt, jedoch nirgendwo derart wie in ASm III, 1 als Herrscher über die (ungerechtfertigten) Sünder erwähnt.

Ein letzter Vergleich läßt sich im Blick auf die jeweilige Argumentation Luthers bzw. Melanchthons machen. Die Verwerfung der gegnerischen Lehre kommt bei Luther wesentlich stärker zur Geltung und nimmt den größten Teil im Artikel von der Sünde ein. Er richtet sich hier ausdrücklich gegen die Scholastiker und zählt die einzelnen Irrlehren auf und verwirft sie mit harten Worten. Bei Melanchthon bleibt die Kritik an anderen Lehrmeinungen sehr schwach. Im II. Artikel richtet er sich nur gegen die Pelagianer und alle, die eine natürliche Heiligung des Menschen für wahr halten, allerdings nicht direkt gegen die Theologie der Altgläubigen. Außerdem läßt sich noch feststellen, daß Luther mehr mit Hilfe von Bibelzitaten argumentiert, nicht nur im Sündenartikel, sondern auch generell in den ASm, Melanchthon verweist nur in CA VI und XIX auf jeweils ein Bibelzitat.

3. Kritik

Im folgenden Teil werden nahezu ausschließlich rein hamartiologische Aussagen behandelt werden. Auch wenn die Texte zahlreiche Aussagen über die Verbindung von Sünde und Heil machen, muß die Betrachtung der Soteriologie und der Rechtfertigungslehre zurückgestellt werden, da es sich bei diesen beiden um eigenständige Bereiche der Dogmatik handelt, die demzufolge auch eigener Betrachtung bedürfen, welche aber den Rahmen dieses Aufsatzes sprengen würden.

3.1. Überprüfung wichtiger Aussagen anhand der Bibel

In den vorangegangenen Abschnitten wurden die Inhalte und Aussagen der beiden zu behandelnden Texte aus den Bekenntnisschriften herausgearbeitet, wobei festgestellt wurde, daß beide in den grundlegenden Aussagen zum Thema Sünde relativ übereinstimmen. Außerdem fanden sich Positionen, die jeweils nur in einem der beiden Texte erkennbar sind. In diesem Abschnitt soll nun festgestellt werden, ob diese Aussagen auf biblischen Grundlagen basieren bzw. auf welchen, wobei ich mich auf die wichtigsten beschränken werde.

Bei einer solchen Überprüfung anhand biblischer Schriften ergibt sich aber das Problem, daß die Bibel meistens selbst keine einheitliche Theologie in Bezug auf einzelne dogmatische Themen entfaltet, sondern man teilweise eine Vielzahl von Ansichten und Aussagen zu einem theologischen Gebiet findet, bzw. eine Entwicklungs-, Bedeutungs- und Sinnveränderung von Begriffen erkennbar wird. So auch bei dem zu bearbeitenden Thema.

Es soll mit der ersten Aussage begonnen werden. Diese besagt daß die Menschen seit dem Sündenfall Adams unter der Macht der Sünde stünden. Also Adam als Anfangspunkt, wenn nicht gar Urheber der Sünde? Luther gibt als Beleg dafür ja selbst schon Röm 5, 12ff. an, welches auch wirklich die treffendste Stelle in der Bibel ist, in der dieser Zusammenhang zwischen dem Sündenfall Adams und der Sünde aller nachfolgenden Generationen dargestellt wird. Ein ähnlicher Beleg, welcher der Sache allerdings nicht in vollem Maße gerecht wird findet sich im 1. Kor 15, 21f., wo es heißt, daß „durch einen Menschen der Tod gekommen ist [...] 22 Denn wie sie in Adam alle sterben, so werden sie in Christus alle lebendig gemacht werden“. Der Unterschied zur Römerbriefstelle liegt darin, daß hier nur vom Tod gesprochen wird, dem seit Adam die Menschen preisgegeben seien. Der Tod darf aber nicht zwangsläufig mit Sünde gleichgesetzt werden, sondern stellt nur deren Folge dar. Die dritte wichtige Bibelstelle, welche auch den beiden vorigen zu Grunde liegt, ist die Erzählung vom Sündenfall in Gen 3. Aufgrund seines Ungehorsams wird Adam (samt seiner Frau) aus dem Garten verstoßen und damit aus der Nähe Gottes und des Baumes des Lebens, also des ewigen Lebens. Auch hier wird nicht explizit der Begriff Sünde gebraucht und auch sonst läßt sich aus diesem Textzusammenhang heraus die Sünde noch nicht als böse Macht erkennen, die ab da an den Menschen beherrscht und zum Bösen verleitet. Erst im NT wird dieser Gedanke einer ethischen Qualifizierung des Südenfalls erkennbar[23]und findet seine stärkste Ausprägung in den paulinischen Briefen, vor allem im Römerbrief. Also bleibt die wichtigste Belegstelle für diese These immer noch die Adam-Christus-Typologie in Röm 5, 12ff.

Als weitere wichtige Aussage wurde genannt, daß alle Menschen Sünder seien, also unter der Macht der Sünde stünden, und dies von Mutterleib an. Als Paradebeispiel für den ersten Teil der Aussage kann vor allem der, auch von Luther im Zusammenhang mit der Sündenerkenntnis genannte Psalm 57, vor allem Vers 7 angebracht werden: „Siehe, ich bin als Sünder geboren und meine Mutter hat mich in Sünden empfangen.“. Dieser Bibelvers scheint, auf den ersten Blick eindeutig die o.g. Aussage zu belegen. Allerdings sollte man, wie gerade schon erwähnt wurde, auch hier Sünde nicht als eine versklavende, dämonische Macht ansehen, wie es in den behandelten Texten deutlich wird, sondern eher aus ethischer Sicht wahrnehmen. Im NT finden wir im Römerbrief Aussagen in Röm 3, 9, „daß alle, Juden wie Griechen, unter der Sünde sind“ und Röm 6, 12 „zu allem Menschen durchgedrungen“. Diese belegen vor allem die Universalität der Sünde, von der kein natürlich geborener Mensch ausgenommen ist.

Hauptsächlich in ASm III, 1 wird das Thema der sichtbaren Folgen der Sünde, also des sich Äußerns der Sünde im Verhalten des von ihr Betroffenen behandelt. Luther nennt hier die bösen Werke als Früchte der Sünde. Im AT ist Sünde generell immer mit Fehlverhalten verbunden. An bösen Taten läßt sich eine böse Geisteshaltung erkennen[24]. Auch Gott beurteilt in Gen 6,5 und 8, 21 das „Dichten und Trachten des menschlichen Herzens“ als böse. Im NT wird in den sogenannten Lasterkatalogen von Werken erzählt, welche als fleischlich gelten (Gal 5, 19ff.) bzw. den Zugang zum Heil verhindern können (1. Kor 6, 9ff.). Der Vergleich Jesu vom Baum und seinen Früchten in Mt 12, 33-37 spielt auch darauf an, daß aus einer bösen Einstellung auch böse Werke folgen. Umgekehrt dargestellt, wird dies in Joh 8, 34 deutlich: „Wer Sünde tut, der ist der Sünde Knecht“. Beispielgebend ist aber vor allem die Selbsteinschätzung des Paulus in Röm 7, 18-20. Paulus kann das Gute nicht vollbringen, sondern tut das Böse, obwohl er dies nicht will, weil in ihm nichts Gutes ist, sondern die Sünde, welche das böse Tun verursacht.

Wie steht es nun aber mit der Erkenntnis der Sünde, die von Luther in ASm III, 1 zur Sprache gebracht wird? Die Ansicht, daß die Existenz der Sünde nur aus der Offenbarung in der Schrift geglaubt werden könne und müsse, kommt in der Bibel nicht in dieser Weise vor. Denn gerade im AT, wo Sünde mehr eine empirische Größe ist, als eine ontologische[25], wurde Sünde vor allem anhand böser Taten bzw. Werke festgemacht und erkannt. Häufig ziehen solche Sündentaten, vor allem die gegen Gott gerichteten, eine Bestrafung nach sich, was vor allem während des Auszuges aus Ägypten deutlich wird (s. Nu 21,4ff.). Auch anhand von physischen Leiden und Gebrechen wird Strafe Gottes und damit vorausgegangene Sünde erkannt. Dies wird gerade in der Weisheitsliteratur sehr deutlich. Im NT wird diese Haltung schon in Frage gestellt (s. Joh 9, 1-3), und es kommt vor allem in den paulinischen Schriften, da Sünde nun als Macht angesehen wird, ein neuer Aspekt hinzu: Paulus sagt in Römer 3, 20, daß durch das Gesetz Erkenntnis der Sünde komme. Auch Luther hat diesen Gedanken aufgenommen, aber erst im folgenden Artikel III, 2, welcher vom Gesetz handelt.

Als letztes soll noch auf die Aussage von CA XIX über die Ursache der Sünde eingegangen werden. Dort wird gesagt, daß die Sünde dem bösen Willen entspringe, namentlich dem des Teufels und der Gottlosen. Dies wird in der Bibel so direkt nicht bezeugt. Generell bleibt die Ursache der Sünde vor allem im AT ziemlich im Dunkeln. Gen 3 läßt kaum etwas über ihre Herkunft erahnen. Und Paulus sagt in Röm 5, 12 nur, daß die Sünde durch Adamin die Welt gekommensei. Dabei stellt sich die Frage, ob die Sünde nicht schon vorher existent war. Doch darauf soll speziell an späterer Stelle noch einmal eingegangen werden.

3.2. Kritische Reflektion

Spätestens im letzten Abschnitt ist klar geworden, daß die beiden Texte aus den Bekenntnisschriften mit ihren, auch teils unterschiedlichen Ansichten und Aussagen über die Sünde, nicht unhinterfragt bleiben können. Nicht alle Punkte können als eindeutig, und vor allem nicht als allgemeingültig abgehakt werden. Denn seit der Abfassung dieser Schriften, also seit der Reformation, hat sich die Theologie entwickelt und verändert und damit auch ihre Aussagen zur Sünde und den damit verbundenen Themen. Die beiden Texte von Luther und Melanchthon sollten nun aus einer anderen Perspektive betrachtet werden. Diese Betrachtung soll vor allem anhand zweier neuerer dogmatischen Zusammenfassungen geschehen, nämlich die „Dogmatik“ von Wilfried Joest, sowie die „Dogmatik“ von Wilfried Härle. Als weiteres Werk wird noch Christof Gestrichs „Die Wiederkehr des Glanzes in der Welt“ hinzugezogen, welches sich eingehend mit dem Thema Sünde beschäftigt und aus gegenwärtiger Sicht kritisch betrachtet.

3.2.1. Wie wird Sünde erkannt?

In Beantwortung dieser Frage sollte deutlich werden, daß diese präzisiert werden müßte, da sie im Grunde noch weitere Fragestellungen impliziert und auch verschiedene Herangehensweisen möglich sind. Man könnte deshalb unterscheiden zwischen: Wo wird (geschehende) Sünde erkannt? Weiterhin: Wie wird das Wesen der Sünde erkannt? Und schließlich: Wie erkenne ich Sünde bei mir selbst?

Sünde, unter der erstgenannten Fragestellung betrachtet, bedarf nicht unbedingt des Glaubens. Sie kann auch von Menschen, die sich außerhalb des christlichen Glaubenslebens befinden, wahrgenommen werden[26], wenn auch nicht unbedingt unter dem Begriff „Sünde“. Ungerechtigkeit, Verbrechen und Elend sind Teil der gegenwärtigen Lebenswelt und es wird kaum jemand die verursachende Rolle des Menschen dabei abstreiten. Nicht nur menschliches Fehlverhalten oder der Widerspruch zwischen sein und sollen, sondern auch eigenes Fehlverhalten werden von Menschen als „nicht in Ordnung“ wahrgenommen[27]. Dieses Fehlverhalten der Menschen untereinander wird schließlich von christlich sozialisierten bzw. gläubigen Menschen unter dem Begriff Sünde eingeordnet, bzw. zumindest zu deren Folgen gerechnet. Damit ist aber keinesfalls das wirkliche Wesen und Ausmaß der Sünde erkannt.

Die zweite Fragestellung kann dann unter theologischen Gesichtspunkten betrachtet werden. Das Wesen der Sünde wird einerseits in ihren Grundlagen, nicht nur als Fehlverhalten zwischen Menschen, sondern vor allem als Fehlverhalten gegenüber Gott aus den Aussagen in der Schrift erkannt, anderseits durch die theologische Reflexion entfaltet, bzw. zu entfalten versucht. Diese Reflexion geschieht vor allem durch Überlegung und Schlußfolgerung, also mit Hilfe des menschlichen Verstandes und der Vernunft. Aber hier kann eben nur von einem Versuch gesprochen werden. Vieles bleibt im Dunkeln und viele Fragen können nicht eindeutig beantwortet werden, wie an späterer Stelle noch festgestellt werden wird. Wissenschaft kann Definitionen und Beschreibungen der Sünde liefern, aber sie kann nicht dem Menschen die Realität und das wahre Ausmaß der Sünde inBezugauf ihnbewußt machen. Gestrich meint sogar: „Sünde kann in Wahrheit nicht wissenschaftlich ‚aufgearbeitet’ werden, weil sie [...] ihre zerstörerische Rolle in uns immer längst schon spielt, wenn wir darangehen, uns die Wirklichkeit wissenschaftlich zu erschließen.“[28]

Die Erkenntnis der eigenen Sünde, dereigenenSündhaftigkeit aber ist die wichtigste und sicher auch die schwierigste. Dies bedeutet nicht, die Einsicht des ein oder anderen Fehlverhaltens, sondern die allgemeine Anerkennung, daß man selbst, als ganzer Mensch unter der Macht der Sünde steht, aus der man sich selbst nicht befreien kann; das Eingeständnis des eigenen Nicht-Genügens vor Gott. Und diese Art Erkenntnis ist es auch, von der Luther mit Recht behauptet, daß solche Erkenntnis nur aus demGlaubenan die Schrift kommen könne[29].

3.2.2. Sünder von Mutterleib an?

Vor allem CA II, aber auch ASm III, 1 sagen, daß alle, zumindest alle natürlich geborenen Menschen Sünder sind. Die CA II geht, wie oben schon erwähnt wurde noch weiter, indem sie meint, daß diese Sündigkeit schon von Mutterleib an bei allen Menschen existiere. Aber kann man denn gerade bei neugeborenen Menschen, die noch keinerlei geistige Eigenschaften und vor allem noch keinen freien Willen entwickelt haben, von Sündern sprechen? Ein neugeborenes Kind hat doch auf keinen Fall schon irgendwelche „bose[r] Lust und Neigung“[30], so wie Melanchthon schreibt. Die Erbsünde erscheint hier wie eine Disqualifizierung des menschlichen Seins, als ein biologisch vererbter Defekt im Menschen.

Gegen diese Auffassung sollte bedacht werden, daß Sünde immer auch ein Verhalten darstellt, sei es gegenüber Gott, dem Mitmenschen und mir selbst, also demzufolge keine Eigenschaft, sondern eine dynamische Größe, eine Bewegung[31].

In Bezug auf neugeborene Kinder, bzw. auch unter Betrachtung von Ps 51,7 sollte man eher davon ausgehen, daß diesen Kindern die Sünde derart schon „in die Wiege gelegt“ ist, daß sie später, wenn sie im Besitz menschlicher, positiver wie negativer Geisteseigenschaften sind, zwangsläufig einmal Sünder werden und beginnen, Sünde zu tun, aber auf keinen Fall sollte man davon ausgehen, daß Neugeborene schon Sündersind[32]. Denn Sünde setzt immer auch Geist voraus und entsteht erst im Lebensvollzug[33]. Wenn man schon einen Zeitpunkt für den Beginn des Sünderseins eines Menschen wählen will, so sollte man sich am besten an die Aussage Gottes in Gen 8,21 halten: „[...] das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf“.

Ein problematischer Grenzfall, der aber nicht weiter besprochen werden soll, betrifft schwer geistig behinderte Menschen, die ja ebenfalls meist nicht in Besitz voller geistiger Kräfte und eines freien Willens sind und diesen, in vielen Fällen auch nie haben werden.

Die Auffassung sollte also eher in die Richtung gehen, daß Sünde nicht als negativer Teil im Menschen, d.h. als Teil der menschlichen Natur gesehen wird, sondern eher als ein unweigerliches „Bestimmtwerden des menschlichen Personenzentrums durch die Macht der Sünde.“[34]Deshalb gilt es auch zu überlegen, ob der Begriff Erbsünde, mit seiner mißdeutig biologischen Ausrichtung, besser durch ein, dem lateinischen „peccatum originale“ näheren Begriff „Ursünde“ oder „Grundsünde“ zu ersetzen wäre.

3.2.3. Wo kommt die Sünde her?

Wie bereits erwähnt, macht nur CA XIX explizite Aussagen zur Ursache der Sünde. Melanchthon sagt, daß die Sünde vom verkehrten Willen der Gottlosen und des Teufels bewirkt werde. Luther meint nur, in Anlehnung an Röm 5, 12, daß die Sünde durch Adams Ungehorsam gekommen sei, welches aber nicht wirklich die Ursache des Kommens der Sünde erklärt. Die erste Aussage ist dahin strittig, da, wenn Sünde die bewußte Abkehr von Gott ist, nicht nur die Gottlosen und der Teufel so einen verkehrten Willen haben, sondern diese Einstellung, der, sich von Gott abkehrende Wille ja auch in den Gläubigen trotzdem noch als eine menschliche Grundtendenz vorhanden ist. CA XIX macht den Eindruck, daß die Schuld an der Sünde „den Anderen“ zugeschoben werden soll. Sicher ist: Bewirkt wird die Sünde durch den Menschen. Aber wie kam sie zu ihm in Form der Erbsünde?

Dazu soll die Erzählung vom Sündenfall näher betrachtet werden: Erstes wichtiges Element ist hier die Fähigkeit zur Sünde, die sich daraus ergibt, daß Gott dem Menschen das Gebot, nicht vom Baum der Erkenntnis und des Lebens zu essen, auferlegt[35]. Danach kommt der Anlaß zur Sünde: Die Versuchung durch die Schlange. Was aber stellt die Schlange dar? Wichtig ist, daß die Schlange hier nicht mit dem Teufel identifiziert wird, denn dies würde wiederum die Schuld vom Menschen wegtragen und außerdem weitere schwierige Fragen aufwerfen. Härle meint, die Schlange erinnere den Menschen an das von Gott gegebene Verbot und damit die Gefährdung des Menschen durch seinen eigenen Willen. Diese Wahlmöglichkeit lasse in ihm eine „kreatürliche Angst“ aufkommen[36]. Die Schlange schließlich schaffe nun ein Mißtrauen gegenüber Gott, vor dem sich die Menschen in Acht nehmen müßten. Dieses Mißtrauen, welches die kreatürliche Angst zu einer dämonischen mache, ist nach Härles Auffassung die Wurzel der Sünde[37]. Die Sünde sei demnach eine in der Schöpfung angelegte Möglichkeit und die Entscheidung für diese Möglichkeit der Sündenfall, in Form einer „Verfehlung der Lebensbestimmung“[38]. Dieser Erklärungsversuch zeigt neue, wichtige Erkenntnisse über den Sündenfall, vor allem aus psychologischer Sicht, aber es bleibt trotzdem eine wichtige Frage offen: Warum hatte bzw. hat der Mensch die Möglichkeit, sich gegen Gottes Gebot und damit gegen Gott zu entscheiden? Auch wenn es resignierend klingen mag, sollte der Lösungsversuch Wilfried Joests bevorzugt werden: „Es gibt auf diese Frage keine Antwort“[39]. Joest macht dies dadurch plausibel, in dem er darauf verweist, daß nicht nach dem Grund der Möglichkeit von Bösem, also auch der Sünde, gefragt werden sollte, sondern nach seiner Überwindung, da erstere Frage eben wiederum nur auf eigene Entlastung und Entschuldigung ziele[40].

Und um Überwindung der Sünde geht es im Grunde auch Luther und Melanchthon. ASm III, 1 zeigt dies deutlich. Es geht vor allem Luther nicht um reine Darstellung der Sünde und Frage nach Ursachen, sondern er zeigt in seinem Artikel, daß die Sünde der Überwindung bedarf, welche nicht mit menschlichen Kräften, sondern nur durch Jesus Christus geschehen kann. Auch wenn CA XIX vielleicht nicht unbedingt viel in diese Richtung beiträgt, so versucht doch auch Melanchthon in den anderen behandelten CA-Artikeln die Notwendigkeit der Überwindung der Sünde durch Jesus Christus darzustellen.

3.2.4. Wie entstehen die Früchte der Sünde?

Besonders Luther geht in ASm III, 1 auf die besonderen Erscheinungsformen der Sünde ein. Bei ihm äußert sie sich in, aus der Mißachtung der zehn Gebote resultierenden Taten und Geisteshaltungen. Allen voran steht bei ihm der Unglaube, bzw. der Verstoß gegen das erste Gebot. Auch Melanchthon schreibt, daß die Menschen keinen wahren Glauben haben können. Hier stellt sich die Frage, warum dies denn so ist, also die Frage nach einer näheren Charakterisierung der Sünde und die Frage nach dem ausschlaggebenden Moment für Sündentaten. Dieses Moment ist in erster Linie beim Menschen selbst zu suchen. Es gibt dafür verschiedene anthropologische und psychologische Deutungen.

Gestrich sieht Sünde in dem Streben des Menschen nach Bestätigung und Rechtfertigung seiner selbst durch Gott und durch die Mitmenschen.[41]„Der Hunger nach der eigenen Rechtfertigung ist jene uranfängliche Stelle der menschlichen Existenz, wo die Sünde zuerst ihren Schatten auf die Menschheit wirft..“[42]Dieses Verlangen nach eigener Rechtfertigung wirke sich auf das Verhältnis des Menschen zu Gott derart aus, daß Gott diesen menschlichen Bemühungen im Weg stehe und deshalb dem Menschen nichts mehr an einer wirklichen Existenz Gottes gelegen sei. So kommt es nicht nur zu Unglauben, sondern zu Aufruhr und Haß gegenüber Gott[43].

Eine andere Möglichkeit findet man bei Härle: Ähnlich, wie schon bei der Diskussion des Ursprungs der Sünde sieht er auch hier die Angst als ausschlaggebendes Moment. Aus dem Erkennen der Möglichkeit des eigenen Scheiterns heraus, entstehe eine Angst, welche vom Mißtrauen gegenüber Gott geprägt sei. Das Vertrauen auf und Ehrfurcht vor Gott gingen durch diese Angst verloren.[44]Um sich dieser Angst zu entledigen, versuche der Mensch nun diese durch Unterwerfung auf seine Mitmenschen zu übertragen, bzw. sie durch eigene Anpassung und Unterwerfung zu verdrängen[45].

Die beiden Deutungsversuche zeigen uns zwei wichtige Momente, welche den Menschen immer wieder zu nicht-gottgewollten Handeln und Denken veranlassen: Das Streben des Menschen nach Selbstrechtfertigung und die Angst des Menschen vor dem Scheitern. Daraus resultieren dann schließlich die von Luther genannten Früchte, Unglaube und Verstoß gegen die zehn Gebote.

4. Schluß

Die Erarbeitung des Themas „Sünde“ anhand der ausgewählten Texte aus den Bekenntnisschriften hat mich zu mehreren Schlußfolgerungen gebracht:

Vor allem ist mir aufgefallen, wie schwierig es sein kann, ein so prekäres dogmatisches Thema, wie das der „Sünde“ zu bearbeiten. Es ergibt sich eine immense Fülle weiterer Zusammenhänge und Themenkreise. An vielen Stellen wäre ein eingehenderer Blick in andere Teile der Systematik, sowie generell in andere Teile der Theologie notwendig gewesen. Es hat sich gezeigt, daß es allein seitens der Systematik zahlreiche Versuche und Möglichkeiten gibt, Deutungen und Aussagen hinsichtlich der Sünde und der damit verbundenen Lehre zu machen.

Daran anknüpfend habe ich bemerkt, daß die Lehren der Reformatoren aus den Bekenntnisschriften trotz ihres hohen Alters von nahezu 500 Jahren immer noch Aktualität besitzen. Auch wenn einige Ansichten betreffs der Erbsünde ein klein wenig korrigiert werden mußten, bleiben doch die Grundaussagen geltend. Selbst moderne systematisch-theologische Konzepte können zwar einige Fragen näher beleuchten und teils anschaulichere Erklärungen geben, allerdings können sie keine weitergreifenden und die Bekenntnisschriften revidierenden Aussagen über die Sünde machen.

Im Abschnitt über den Ursprung bzw. die Wurzel der Sünde habe ich in Anlehnung an Wilfried Joest festgestellt, daß es auf die Frage nach dem Ursprung der Sünde kein Antwort gibt, denn es geht überhaupt nicht um die Frage nach dem Ursprung, sondern um die Frage nach der Überwindung der Sünde. Diese Aussage soll auch die Hauptaussage dieses Aufsatzes sein. Untersuchungen über Ursprung, Charakteristik und Folgen können zwar helfen die Sünde näher zu verstehen, bzw. Geschehnisse und Zusammenhänge auf sie zurückzuführen, etwas gegen die Sünde getan werden, ihre Macht gebannt werden, kann allerdings nur durch den persönlichen Glauben eines Jeden an die Erlösung von der Sünde durch Jesus Christus.

„Das Interessanteste an der Sünde ist die Möglichkeit ihrer Entmachtung.“[46]

5. Literaturverzeichnis

a) Quellen:

- Die Bekenntnisschriften der evangelisch-lutherischen Kirche, Göttingen 199812
- Die Bibel, nach der Übersetzung Martin Luthers, revidierte Fassung von 1984, Stuttgart 1985

b) Hilfsmittel:

- Stowasser, Joseph M., Stowasser: lateinisch-deutsches Schulwörterbuch, Wien, München 1994

c) Sekundärliteratur:

- Breuer, Klaus, Schmalkaldische Artikel, TRE 30, S. 214-221
- Gestrich, Christof, Die Wiederkehr des Glanzes in der Welt: die christliche Lehre von der Sünde und ihrer Vergebung in gegenwärtiger Verantwortung, Tübingen 1989
- Härle, Wilfried, Dogmatik. Berlin, New York, 20002
- Joest, Wilfried, Dogmatik. Bd. 2, Göttingen 19902
- Knierim, Rolf P., Sünde II. Altes Testament, TRE 32, S. 365-372
- Lohse, Bernhard, Augsburger Bekenntnis I., TRE 4, S. 616-628
- Mildenberger, Friedrich, Theologie der Lutherischen Bekenntnisschriften, Stuttgart, Berlin, Köln, Mainz, 1983
- Podella, Thomas, Sünde 1. Altes Testament, EKL, Sp. 561-563
- Wenz, Gunter, Theologie der Bekenntnisschriften der evangelisch-lutherischen Kirche, Berlin, New York, 1996/1997

[...]


[1]Joest, Wilfried, Dogmatik. Bd. 2, Göttingen 19902, S. 404.

[2]„Artikel christlicher Lehre, so da hätten sollen aufs Concilium zu Mantua [...] überantwortet werden von unsers Teils wegen und was wir annehmen oder nachgeben künnten oder nicht etc.“, BSLK S. 404.

[3]Breuer, Klaus, Schmalkaldische Artikel, TRE 30, S. 214.

[4]„Dies sind die Artikel, darauf ich stehen muß und stehen will bis in meinen Tod, ob Gott will, und weiß darinne nichts zu ändern noch nachzugeben.“ , BSLK S. 462.

[5]Breuer, Klaus Schmalkaldische Artikel, TRE 30, S. 218.

[6]BSLK S. 414.

[7]A.a.O. S. 415.

[8]A.a.O. S. 433.

[9]Ebd.

[10]Ebd.

[11]Ursprünglich, anhängend, hauptsächlichst, tödlich, ebd.

[12]Ps 50, 7 nach Vulgata, vgl. BSLK S. 434, Anm. 3.

[13]Lohse, Bernhard, Augsburger Bekenntnis, TRE 4, S. 617.

[14]A.a.O. S. 619.

[15]BSLK S. 84, Anm. 1.

[16]BSLK S. 53.

[17]“misso in corda eoarum”, gesandt in ihre Herzen, ebd.

[18]A.a.O. S. 74.

[19]WA Br. 5, S. 496, zitiert bei Wenz, Gunter, Theologie der Bekenntnisschriften der evangelisch-lutherischen Kirche, Berlin, New York, 1996/1997, S. 509.

[20]Mildenberger, Friedrich, Theologie der Lutherischen Bekenntnisschriften, Stuttgart, Berlin, Köln, Mainz, 1983, S. 117.

[21]Vgl. Wenz, S. 543.

[22]BSLK S. 53.

[23]Podella, Thomas. Sünde, Altes Testament, EKL, Sp. 561.

[24]Knierim, Rolf P., Sünde II. Altes Testament, TRE 32.

[25]Ebd.

[26]Gestrich, Christof, Die Wiederkehr des Glanzes in der Welt: die christliche Lehre von der Sünde und ihrer Vergebung in gegenwärtiger Verantwortung, Tübingen 1989, S. 197.

[27]Vgl. Joest, S. 394.

[28]Gestrich, S. 198.

[29]Vgl. a.a.O., S. 197.

[30]BSLK S. 53.

[31]Joest, S. 406.

[32]Gestrich, S. 200.

[33]Ebd.

[34]Härle, Wilfried, Dogmatik. Berlin, New York, 20002, S. 478.

[35]A.a.O. S. 470.

[36]A.a.O. S. 473.

[37]Ebd.

[38]A.a.O. S. 474.

[39]Joest, S. 429.

[40]A.a.O. S. 430.

[41]Gestrich, S. 201.

[42]A.a.O. S. 202, bei Gestrich gesperrt.

[43]A.a.O. S. 212.

[44]Härle, S. 481.

[45]A.a.O. S 482.

[46]Gestrich, S. 26.

19 von 19 Seiten

Details

Titel
Die Rede von der Sünde in den Schmalkaldischen Artikeln und in der Confessio Augustana
Hochschule
Universität Leipzig
Veranstaltung
Proseminar Systematische Theologie
Note
2
Autor
Jahr
2003
Seiten
19
Katalognummer
V108810
Dateigröße
498 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Arbeit vergleicht den Artikel III,1 der ASm mit den Artikeln II, III, IV, VI und XIX der CA in Hinblick auf ihre Aussagen zum Verständnis von Sünde bzw. Erbsünde. In einem zweiten Teil werden diese Aussagen anhand von Bibelstellen und neuerer dogmatischer Literatur kritisch betrachtet.
Schlagworte
Rede, Sünde, Schmalkaldischen, Artikeln, Confessio, Augustana, Proseminar, Systematische, Theologie
Arbeit zitieren
Nico Piehler (Autor), 2003, Die Rede von der Sünde in den Schmalkaldischen Artikeln und in der Confessio Augustana, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/108810

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