Der 'Schluckauf' des ARISTOPHANES in PLATONs 'Symposion' (Das Gastmahl) - bloße Nacherzählung oder philosophische Metapher göttlichen Wirkens?


Essay, 2004

11 Seiten


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Inhalt

1. Vorwort

2. Das Symposion und der „Schluckauf“

Der „Schluckauf“ des ARISTOPHANES in PLATONs „Symposion“ (Das Gastmahl) – bloße Nacherzählung oder philosophische Metapher göttlichen Wirkens ?

1. Vorwort

Einleitend in sein Werk „Philosophie der Lebenskunst“ bezieht sich Wilhelm SCHMID in nicht alltäglicher Art und Weise auf Edward HOPPERs Bild „Exkursion in die Philosophie“ von 1959, indem er die vorzufindende Bildsituation beschreibt:

„ Ein Ausschnitt aus dem Alltag zweier Menschen: Ein grübelnder Mann, die Stirn in Falten gelegt und mit strengen Bügelfalten in den Hosenbeinen, sinnt angestrengt über etwas nach. Er ist nicht allein, nicht zu übersehen ist die halb entblößte Frau hinter ihm, hingestreckt auf eine Liege, an deren Rand er sitzt, und abgewandt von ihm, ihr Gesicht ist nicht sichtbar. Die quer übers Kopfkissen hingegossenen Haare könnten verraten, dass sie sich abrupt von ihm weggedreht hat, und sie macht nicht die geringsten Anstalten, sich ihm wieder zuzuwenden. Auch er schenkt ihr keinen Blick, er bleibt am Rand der Liege sitzen, in sich zusammengesunken und etwas verkrampft, eine Gestalt der Ratlosigkeit. Unklar bleibt das Verhältnis zwischen beiden, unklar, ob es um dieses Verhältnis geht, unklar, ob es noch ein Verhältnis gibt…nicht die Besonderheit des Verhältnisses, sondern die Beispielhaftigkeit der Situation ist von Interesse: Beispielhaft für die Ratlosigkeit in bestimmten Situationen des Lebens,…beispielhaft auch dafür, dass diese Ratlosigkeit, dieses Infragestehen vorzugsweise dort zu erfahren ist, wo es um die Dinge der Liebe zu gehen scheint.“[1]

Im Fortgang seiner Beschreibung läßt SCHMID erkennen, dass er annimmt, dass das Buch, welches zwischen dem Mann und der Frau auf der Liege plaziert ist, wohl eine Ausgabe von PLATONs „Symposion“ sein könne und setzt zudem die vorgefundene Bildsituation mit einer Art Einführung in die Philosophie gleich, „denn für die Philosophie, wie sie einst in Platons „Symposion“ vorgestellt worden war, stellt diese Lebenssituation, die Suche nach einer Kunst des Umgangs mit den Dingen der Liebe, eine wichtige Fragestellung dar. Das Bild brächte dann den Augenblick der Philosophie zum Ausdruck, den Augenblick danach, das Einsetzen der Reflexion, das Leben mit der schmerzlichen Distanz zum Anderen, das Denken in der Leere der entschwundenen Lust, das unerbittliche Fragen nach dem Grund.“[2]

Diese zur Bildhaftigkeit gewordene Vorab-Hommage an den Eros bei PLATON steht freilich seit Jahrhunderten im Mittelpunkt philosophischer Reflexionen über die Philosophie des grossen griechischen Denkers hinsichtlich des Seelisch-Schönen.

Allein die Frage, welche Bedeutung wohl der „Schluckauf“ (im folgenden: „Schlucksen“) des ARISTOPHANES im Kontext des Gastmahls haben mag, ist bisher seltener beleuchtet worden. Die beschreibende Literatur stellt den „Schlucksen“ sozusagen als abrupt eintretende Lästigkeit einer bislang fliessenden Kommunikation dar und betrachtet eigentlich erst wieder das Geschehen d a n a c h als „philosophisch vollwertig“. Was, wenn nun aber der „Schlucksen“ und sein Vorgang als abfolgendes Geschehniss selbst im Mittelpunkt der philosophischen Intentionen des PLATON gestanden hat. Woher können wir wirklich wissen, was uns der Philosoph sagen wollte ? Ist da ein philosophisches Detail übersehen worden, welches uns erst, wenn auch mosaiksteinhaft, den eigentlichen Schlüssel der Erkenntnis überreicht ? Diesen Fragestellungen möchte der Autor vorliegenden Essays mit einem dieser selbstgewählten Thematik gut anstehenden philosophischen Augenzwinkern nachgehen.

2. Das Symposion und der „Schluckauf“

PLATONs „Symposion“ – „Das Gastmahl“ entstand etwa 380 v. Chr. und wurde in einer Übersetzung von Marsilio FICINO zwischen 1482 und 1484 erstmals in Florenz gedruckt. J. G. SCHULTHESS besorgte die erste deutsche Übersetzung unter dem Titel „Gastmahl oder Gespräche über die Liebe“, welche1782 in Zürich erschien.

Das Schöne, Gute und damit wertvolle zu untersuchen, ist elementares Interesse jeglicher Philosophie und somit auch Gegenstand in PLATONs „Symposion“. In seiner dialogischen Darstellung von philosophischen Gesprächen lässt PLATON sehr bald durch die Akteure seines Abendmahls die Außergewöhnlichkeit des Eros beschreiben, wenn er vermerkt, Phaidros habe „gesprochen und habe seine Rede ungefähr damit begonnen, dass Eros ein großer Gott sei und bewundernswert unter Menschen und Göttern sowohl aus vielen andern Gründen, als auch namentlich wegen seiner Herkunft. Denn dass er zu den ältesten Göttern gehört, sprach Phaidros, gereicht ihm zu einer besondern Ehre. Hierfür dient aber dies zum Beweise: Eltern des Eros gibt es weder, noch werden dergleichen bei irgend einem Schriftsteller in gebundener oder ungebundener Rede erwähnt; sondern Hesiodos sagt, zuerst sei das Chaos gewesen, ... aber nach diesem ward die gebreitete Erd', ein dauernder Sitz den gesamten Ewigen...Eros zugleich...Er sagt also, diese beiden seien zuerst nach dem Chaos entstanden, die Erde und Eros: Parmenides aber schreibt von der zeugenden Urkraft: Unter allen den Göttern zuerst ersann sie den Eros. Dem Hesiodos stimmt aber auch Akusilaos bei.

Von so vielen Seiten her stimmt man darin überein, dass Eros einer der ältesten Götter sei. Als einer der ältesten ist er uns aber zugleich Urheber der höchsten Güter.“[3]

Im Verlauf des Symposions gibt auch Pausianus seine Anschauungen kund, welchem in der Redefolge sich dann eigentlich der Komödiendichter Aristophanes hätte anschließen sollen. Auf diesen geht das Sprichwort „Eulen nach Athen tragen“ zurück, welches auf eine Textzeile seiner Komödie „Die Vögel“ zurückgeht.

PLATON lässt den Aristodemes berichten, Aristophanes „sei aber gerade von einem Schlucken befallen gewesen, sei es weil er sich überladen oder aus irgend einer andern Ursache, und habe daher nicht reden können, sondern hätte sich mit diesen Worten zu dem Arzte Eryximachos gewandt - dieser hätte nämlich unmittelbar neben ihm gelegen -: »Lieber Eryximachos, du bist dazu verpflichtet, entweder mir den Schlucken zu vertreiben oder für mich zu reden, bis er weggegangen ist.«[4]

Aristophanes spricht hier fordernd in seinem unmittelbaren Nachbarn Erychimachos den erfahrenen Heilkundigen und Arzt an, welcher ihn nun offenbar mittels seines kundigen Wissens von dem momentanen Übel befreien soll. Aristophanes denkt sein Hilfeersuchen alternativ, d.h., er möchte entweder vom Schlucken entledigt oder aber zeitweise vertreten werden. Dabei ist er mehrfach belastet: Einerseits quält ihn der bloße Schlucken, der in regelmäßiger Wiederkehr seinen Körper von innen heraus stoßend in permanenten Aufruhr versetzt. Zweitens wird Aristophanes bei jedem dieser Aufstösse zudem an die möglichen Ursachen des Schluckens erinnert, die, wie weiter unten aufgeführt, menschlich – allzumenschliche Beweggründe als Quelle haben können, und dabei als letztere nicht nur die des Weines. Das Wissen um die Ursache seines Zustandes mag ihn vielleicht in der Situation das Ganze noch peinigender empfinden. Drittens bleibt es nicht aus, dass Aristophanes sozusagen auf einer Meta – Ebene vielleicht peinlich berührt darüber nachdenken muss, was wohl die übrigen Gäste des Abendmahles über seinen Schlucken denken müssen. Daraus muß sich viertens seine Vermutung ergeben, dass seine zeitweisen körperlichen Ausfallerscheinungen nun auch langsam störend auf die Gästegemeinschaft des Symposions wirken müssen. Dies lässt fünftens die Intensität seines Momentan – Leidens nicht geringer werden, denn immer wenn wir uns redlich mühen, unbewusste Reflexe bewusst steuern zu wollen, geraten diese meist gerade noch stärker aus dem Ruder.

Der Schlucken, von welchem Aristophanes befallen wurde, wird heute in wohlgemeinter Abgrenzung offensichtlich vor allem deshalb als Schluckauf bezeichnet, weil ja der eigentliche Begriff des „Schluckens“ zuerst und maßgeblich für den ständigen Vorgang als unbewusster Reflex verwendet wird. Was ist Schluckauf ?

Schluckauf, in der Medizin Singultus (lat. Schluchzen, Röcheln) genannt, entsteht durch unwillkürliche, schnelle Kontraktion des Zwerchfells, wobei sich die Stimmritze verschließt. Beim Einatmen werden die typischen Schluckauf-Geräusche verursacht, wenn die eingesogene Luft gegen die geschlossene Stimmritze prallt. Häufige Ursachen für die Entstehung von Schluckauf sind vor allem der Verzehr zu kalter bzw. zu heißer Speisen oder Getränke, die Wirkung von Alkohol, hastiges Essen oder Trinken, der Zustand der Schwangerschaft, Stress sowie Magen – und Darmerkrankungen.

Erleichternde Abhilfe dieses strapaziösen Zustandes schafft die bewusste Reizung des sog. Parasympatikus, welcher zum vegetativen Nervensystem des Menschen gehört. Obwohl viele Maßnahmen in ihrer lindernden Wirkung umstritten sind, zählen dazu u.a. der Vorschlag, mit den Daumen die Ohren und mit den kleinen Fingern die Nase zuzuhalten, und dabei die Luft anzuhalten; laut singen, das Trinken von Essig, sich von anderen erschrecken lassen oder auch Zucker zu essen. Ein weiterer alter Brauch ist der, den Schluckauf – Geplagten, um ihn abzulenken, danach zu fragen, was er vor zwei oder drei Tagen gegessen habe. Der Schluckauf kann als ein Relikt aus pränatalen Zeiten angesehen werden.

Für den Fötus ist der Schluckauf ein notwendiger Reflex. Dieser muß sich bereits im Fruchtwasser an das Leben "draußen" gewöhnen, und tut dies unter anderem mit Atemübungen. Die geschlossene Stimmritze verhindert dabei das Einfließen von Fruchtwasser. Nach der Geburt ist Schluckauf, biologisch gesehen, kompletter Unsinn. Aber wenn uns sein Auftreten doch weiterhin begleitet, verliert sich wenigstens die Häufigkeit: Im Kindesalter "hicksen" wir 3000 mal mehr als im Erwachsenenalter!“[5]

In dieser leidlichen Situation nun lässt PLATON den Aristodemes weiter berichten:

„Und Eryximachos habe erwidert: Nein, ich will vielmehr beides tun. Ich will nämlich an deiner Stelle reden und du hernach, wenn er vorübergegangen ist, an der meinigen; während ich aber rede, siehe du zu, ob der Schlucken aufhören will, wenn du längere Zeit den Atem anhältst; wenn aber nicht, so schlucke Wasser hinunter! Wenn er jedoch ganz hartnäckig ist, dann nimm etwas, womit du die Nase zum Niesen reizest, und wenn du ein - bis zweimal geniest hast, dann wird er aufhören, wenn er auch noch so hartnäckig ist. Nun, so beginne nur deine Rede, antwortete Aristophanes; ich aber will deinen Rat befolgen.“[6]

Eryximachos reagiert hier auf das Ersuchen seines Nachbarn ungemein großzügig, denn er ist offensichtlich sofort bereit, ihm seine doppelte Fürsorge durch Hinweis und Rede angedeihen zu lassen. Mit dem Ausspruch „...ich will vielmehr beides tun“ praktiziert Eryximachos bereits das Sich – Ausschliessende und das Sich – Ergänzende als das Prinzip des Eros, ohne vorab schon in die Theorieverständigung mit den anderen anwesenden Gästen eingetreten zu sein ! Aristophanes ist durch seine momentane körperliche Unregelmäßigkeit vom Disput über den Eros ausgeschlossen. In einem sog. äußeren Verhältnis übernimmt der Eryximachos freiwillig ihm gegenüber die andere Seite des Prinzips, das Sich – Ergänzen, indem er die Zeit bis zur erwarteten eintretenden Besserung bei Aristophanes überbrückt. Beide vollziehen in concreto sozusagen die Wirkungsweise des Eros. In einem sog. inneren Verhältnis zwischen den Beiden rät Erxchimachos zum Trinken von Wasser und bemüht mit der Vorstellung der „Anfüllung“ von Wasser im Körper und seiner (etwas späteren) „Ausleerung“ wiederum das Prinzip des Eros, dessen Anwendung er dann auch späterhin als Kenntnis der Arzneikunst“ benennt. Sollte der Schlucken hartnäckig bleiben , rät der Medizinmann zu „etwas, womit du die Nase zum Niesen“ reizest und läßt mit diesem eher unbestimmten Hinweis auf die einzunehmende Substanz im Dunkeln, ob er gemeint haben mag, Aristophanes solle sich eine Prise Schnupftabak gönnen.

Es bleibt zu konstatieren, dass Eryximachos zweifach schon vorab zur Anwendung des Eros – Prinzips riet und somit eigentlich einer weiteren Äußerung zum Thema der Gastgemeinschaft gegenüber gar nicht mehr bedurfte, allein er musste nun reden, da er dies seinem Nachbarn ehrenmännisch zugesagt hatte.

Dazu führt Eryximachos nun aus: „Demnach scheint es mir nötig zu sein, da Pausanias zwar einen vortrefflichen Anlauf in seiner Rede genommen, aber sie nicht befriedigend zu Ende geführt hat, daß ich derselben den fehlenden Schluss hinzufüge. Denn dass es einen zweifachen Eros gebe, scheint er mir mit richtiger Unterscheidung hingestellt zu haben; dass derselbe aber nicht bloß in den Seelen der Menschen die Liebe zu schönen Menschen bewirkt, sondern auch die zu vielem andern in vielem andern, in den Körpern aller Tiere und in den Gewächsen der Erde, ja mit einem Worte in allen Dingen, - das glaube ich aus unserer Kunst, der Arzneikunde, ersehen zu haben und aus ihr gelernt, wie groß und bewundernswürdig der Gott ist und über alles seine Wirkungen ausdehnt in den Angelegenheiten menschlicher sowie göttlicher Alt. Ich mache meiner eignen Kunst zu Ehren mit ihr den Anfang. Denn die Natur der Leiber zunächst hat diesen doppelten Eros an sich. Denn das Kranke und das Gesunde am Körper ist zugestandenermaßen verschieden und unähnlich. Das Unähnliche aber begehrt nach Unähnlichem und liebt Unähnliches. Ein anderer ist daher der Eros, der in dem Gesunden, ein anderer der, welcher in dem Kranken sich regt.“[7]

Da für Erychimachos in dieser Situation des Gastmahls die Tat, und nicht das Wort am Anfang stand, führt er nun zu Ehren seines Berufsstandes seinen Standpunkt zur Dualität des Eros aus. Dabei verdeutlicht er mit seiner Bemerkung : „Ich mache meiner eigenen Kunst zu Ehren mit ihr den Anfang“ nicht nur deren Anspruch, sondern hätte gut und gerne anspielend auch äußern können, dass er mit seiner Beratung gegenüber Aristophanes schon längst mit der Ausführung dieser Kunst begonnen habe, wobei nun mehr, während er rede, freilich noch deren Ergebnis bei Aristophanes abzuwarten sei. Zuvor jedoch betont Eryximachos die Bedeutung des Zusammenhangs zwischen Eros und Arzneikunst, wenn er schreibt:

„Denn die Arzneikunst ist, um es mit einem Worte zu sagen, die Kenntnis der Liebesregungen des Körpers in bezug auf Anfüllung und Ausleerung, und wer in diesen Dingen die rechte und die falsche Liebe zu unterschieden weiß, das ist der beste Arzneikundige; und der, welcher eine Veränderung darin hervorzubringen weiß, so dass statt der einen Liebe die andere erworben wird, und welcher versteht, da, wo keine Liebe vorhanden ist, aber vorhanden sein müsste, sie hervorzurufen, und ebenso im entgegengesetzten Falle die vorhandene zu vertreiben, das dürfte der rechte Heilkünstler sein. Er muß nämlich imstande sein, das, was im Körper das Feindseligste ist, einander befreundet zu machen und in gegenseitige Liebe zu versetzen. Das Feindseligste aber ist das Entgegengesetzte: das Kalte dem Warmen, das Bittere dem Süßen, das Trockene dem Feuchten, und alles übrige von dieser Art.“[8]

ARISTOPHANES, mittlerweile von seinem Schluckauf durch fortwährendes Niesen befreit, führt diesen gerade selbsterfahrenen Umstand bestätigend für die Argumente seines Vorredners an: Das Niesen hat den Schluckauf „geheilt“, beides sind Bestandteile gegensätzlicher Vereinigungen im körperlichen Eros. Im Verlauf des Symposions lässt PLATON die Gesprächsteilnehmer feststellen, dass auch die Unterscheidung zwischen Mann und Frau als das Eine gegenüber dem Anderen sowie das gegenseitige Begehren Ausdruck des Eros ist. AGATHON preist den Eros als besonderen Gott, wenn ermeint: „So gebührt es denn auch uns, zuerst den Eros, wie er an sich beschaffen ist, und sodann seine Gaben zu preisen. So behaupte ich denn, dass zwar alle Götter glückselig sind, aber doch Eros, wenn es ohne Frevel und ungestraft zu sagen vergönnt ist, der glückseligste von allen, weil er der schönste und beste ist. Der schönste ist er aber aus folgenden Gründen: Zuerst ist er der jüngste von den Göttern, o Phaidros. Den besten Beweis hierfür liefert er selbst, indem er in flüchtiger Eile das Alter flieht, welches doch offenbar schnell ist; wenigstens ereilt es uns schneller, als es sollte. Das hasst nun Eros seiner Natur nach und nähert sich ihm auch nicht einmal von weitem. Mit der Jugend aber ist er immer verbunden und gehört selber zu ihr“. Zudem lässt PLATON den ARISTOPHANES die Zartheit des Eros preisen, da dieser in der Lage ist, sich „zart und weich... in den Gemütern und Seelen der Götter und Menschen...seine Wohnung...zu gründen.“[9]

Schönheit beweist er durch die Zeugnisse, wie er Farben und den menschlichen Körperbau geschöpft hat. Die Besonderheit der Tugend des Eros besteht darin, dass für ihn bzw. durch ihn keinerlei Unrecht existiert. Somit ist neben seiner Gerechtigkeit auch seine „höchste Besonnenheit“ zu preisen. Hierunter wird bei PLATON die Beherrschung der Lüste und Begierden verstanden. Mit seiner Tapferkeit beherrscht Eros als Liebesgott den Kriegsgott. Bezüglich der Eigenschaft der Weisheit sieht PLATON den Eros als „schaffenden Geist...in überhaupt allen Künsten der Muse.“ Ordnung und Harmonie sind bei Göttern wie Menschen eingetreten, „... seitdem die Liebe unter ihnen erwuchs, nämlich die Liebe zum Schönen; denn im Häßlichen waltet Eros nicht.“[10]

Eros wird mit seinen gegensätzlichen Entsprechungen, wie man in der Philosophie gemeinhin sagt, daher zum Schönsten und Besten unter allen Göttern, denn „er befreit uns von der Entfremdung und erfüllt uns mit Vertraulichkeit; denn er ist es, welcher alle Zusammenkünfte solcher Natur unter uns veranstaltet, indem er bei den Festen, Reigentänzen und Opfern unser Führer ist, Mildheit uns gewährend, von der Wildheit uns entleerend, freigebig mit Wohlwollen, unergiebig an Übelwollen, huldvoll den Guten, gern gesehen den Weisen, bewundernswürdig den Göttern, erstrebenswert den Nichtbesitzenden, behaltenswert den Besitzern, des Wohllebens, der Pracht, der Kostbarkeit und der Anmut...“[11]

Zur Aufrichtigkeit der Lobpreisung des Eros bemerkt SOKRATES in Erwiderung, man dürfe nicht des „bloßen Scheins“ willen oder des Mangel willen begehren; wahres Begehren entstehe um des Gefühles selbst willen. So solle der Starke wünschen, stark zu sein, obwohl er ja in eben diesem erstrebenswerten Zustand schon sei, ebenso wie sich der Gesunde Gesundheit wünschen solle. Das Begehren liegt demnach auch im Wollen des Erreichten für die Zukunft.

Es ergibt sich die Frage, ob Eros, das Schöne schaffend, selbst schön ist. „So nimm denn auch vom Eros, wenn du selber zugestehst, daß er nicht gut und nicht schön sei, deshalb um nichts mehr an, daß er häßlich und schlecht sein müsse, sondern nur, dass er ein Mittleres zwischen beiden sei..“.[12]

Für dieses „Mittlere“ des Eros findet sich durch PLATON folgende Charakterisierung:

„Erstens ist er beständig arm, und viel fehlt daran, dass er zart und schön wäre, wie die meisten glauben, sondern er ist rau und nachlässig im Äußern, barfuss und obdachlos, und ohne Decken schläft er auf der bloßen Erde, indem er vor den Türen und auf den Straßen unter freiem Himmel übernachtet, gemäß der Natur seiner Mutter stets der Dürftigkeit Genösse. Von seinem Vater her aber stellt er wieder um dem Schönen und Guten nach, ist mannhaft, verwegen und beharrlich, ein gewaltiger Jäger und unaufhörlicher Ränkeschmied, der stets nach der Wahrheit trachtet und sie sich auch zu erwerben versteht, ein Philosoph sein ganzes Leben hindurch, ein gewaltiger Zauberer, Giftmischer und Sophist; und weder wie ein Unsterblicher ist er geartet noch wie ein Sterblicher, sondern an demselben Tage bald blüht er und gedeiht, wenn er die Fülle des Erstrebten erlangt hat, bald stirbt er dahin; immer aber erwacht er wieder zum Leben vermöge der Natur seines Vaters; das Gewonnene jedoch rinnt ihm immer wieder von dannen, so dass Eros weder Mangel leidet noch auch Reichtum besitzt und also vielmehr zwischen Weisheit und Unwissenheit in der Mitte steht.“[13]

PLATON vermittelt uns im „Symposion“, dass der Mensch sich deshalb dem Schönen und Guten mit Begeisterung hinwendet, weil es seiner Natur entspricht und zu ihm selbst dazu gehört. Es ist das eigentliche und bessere Ich und vermittelt somit auch eine Art Sehnsucht nach sich selbst. PLATON will jedoch dieses Begehrenswerte nicht mit Genusssucht gleichgesetzt wissen sondern meint die Teilhabe am „Urschönen“ und „Urguten“. Eros ist daher nicht nur als Gottheit gefasst sondern als eine Art begehrenswerter Drang der Menschen zur Teilhabe daran. Das „Urschöne“ wird nicht daher wertvoll, weil wir Menschen es lieben. Das Prinzip liegt in der Umkehrung: wir lieben es, weil wir in uns das Vermögen haben zu spüren, dass es wertvoll es. Das Wertvoll – Sein selbst ist vor uns und unserer Erfahrung (a priori) da. Es ist immer da und ist an kein Entstehen und Vergehen, an keine Minderung oder Mehrung und an keine Grenzen oder menschlich zu schaffende Grundlagen gebunden. Für PLATON ist Eros als sittlich Schönes und sittlich Gutes daher absolut gefasst. Es erklärt sich aus sich selbst.

Neben allen Spekulationen zur Rolle des „Schlucksen“ selbst ahnt der philosophisch geneigte Leser freilich das geradezu Auf-der-Hand-Liegen eines anderen kommunikativen Problems: Wäre der Disput zwischen den Gästen des Symposiums nicht in seiner Gesamtheit ganz anders verlaufen, wäre nicht ARISTOPHANES von dem Schlucksen befallen worden ? Hätten nicht andere Gesprächs- und Erwiderungs-Konstellationen zu anderen Anregungen und Schlußfolgerungen geführt ? Hätte ein anderer Verlauf des Vorabends, welchen ARISTOPHANES im Kreise einer anderen Runde weintrinkend verbrachte, jenen des Symposiums nicht gänzlich anders verlaufen lassen können ? Fragen über Fragen…

Anmerkung: Sämtliche Hervorhebungen durch den Autor – M.S.

Literatur:

1. SCHMID,W.: Philosophie der Lebenskunst. Eine Grundlegung, Frankfurt am Main 1999.
2. PLATON: Das Gastmahl, Philosophie Schülerbibliothek, Berlin 1999.
3. HIRSCHBERGER, J.: Platon: Die Welt in der Idee, in: Geschichte der

Philosophie. Altertum und Mittelalter, Freiburg im

Breisgau 1980, S. 80/81.

[...]


[1] Schmid, W.: Philosophie der Lebenskunst. Eine Grundlegung, Frankfurt am Main 1999, S. 15

[2] Ebenda, S. 15/16.

[3] [Platon: Das Gastmahl, S. 16. Philosophie Schülerbibliothek, S. 121/122 (vgl. Platon-SW Bd. 1, S. 667)]

[4] [Platon: Das Gastmahl, S. 33. Philosophie Schülerbibliothek, S. 138 (vgl. Platon-SW Bd. 1, S. 676)]

[5] (Vgl.: http://www.gesundheit.de/static/themen/special/haettensiesgewusst/archiv/Wie_entsteht_Schluckauf.html

[6] Platon: Das Gastmahl, S. 33. Philosophie Schülerbibliothek, S. 138 (vgl. Platon-SW Bd. 1, S. 676)]

[7] [Platon: Das Gastmahl, S. 33. Philosophie Schülerbibliothek, S. 138 (vgl. Platon-SW Bd. 1, S. 676-677)

[8] Platon: Das Gastmahl, S. 34-35. Philosophie Schülerbibliothek, S. 139 (vgl. Platon-SW Bd. 1, S. 677)

[9] Platon: Das Gastmahl, S. 54. Philosophie Schülerbibliothek, S. 159 (vgl. Platon-SW Bd. 1, S. 688)

[10] Platon: Das Gastmahl, S. 58. Philosophie Schülerbibliothek, S. 163 (vgl. Platon-SW Bd. 1, S. 691)

[11] Platon: Das Gastmahl, S. 59. Philosophie Schülerbibliothek, S. 164 (vgl. Platon-SW Bd. 1, S. 691)

[12] Platon: Das Gastmahl, S. 71. Philosophie Schülerbibliothek, S. 176 (vgl. Platon-SW Bd. 1, S. 698)

[13] [Platon: Das Gastmahl, S. 75. Philosophie Schülerbibliothek, S. 180 (vgl. Platon-SW Bd. 1, S. 700)]

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Details

Titel
Der 'Schluckauf' des ARISTOPHANES in PLATONs 'Symposion' (Das Gastmahl) - bloße Nacherzählung oder philosophische Metapher göttlichen Wirkens?
Veranstaltung
Kommunikationsphilosophie
Autor
Jahr
2004
Seiten
11
Katalognummer
V108900
Dateigröße
448 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Schluckauf, ARISTOPHANES, PLATONs, Symposion, Gastmahl), Nacherzählung, Metapher, Wirkens, Kommunikationsphilosophie
Arbeit zitieren
Michael Schröpfer (Autor), 2004, Der 'Schluckauf' des ARISTOPHANES in PLATONs 'Symposion' (Das Gastmahl) - bloße Nacherzählung oder philosophische Metapher göttlichen Wirkens?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/108900

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