Heinrich Heine - Das Sklavenschiff


Hausarbeit, 2004

13 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Heinrich Heines Gedicht „Das Sklavenschiff“ gilt als eine seiner bittersten Satiren und spricht sozialkritisch das Thema der Sklaverei an. In den Jahren zwischen 1619 und 1808 wurden afrikanische Menschen mit Schiffen in wohlhabende Länder gebracht und dort als Sklaven verkauft. Auf den Schiffen gab es viele Tote, was darauf zurückzuführen ist, dass die Menschen eine schreckliche und menschenunwürdige Behandlung über sich ergehen lassen mussten, denn die Händler, die sich an ihnen bereichern wollten, sahen sie unter anderem aufgrund ihrer Hautfarbe als nieder an und behandelten sie daher schlimmer als Tiere.

Einer dieser Händler ist der Protagonist in Heines Gedicht, der „Superkargo Mynher van Koek“, der schon zu Beginn durch seine Einstellung zu den Menschen, die er auf seinem Schiff transportiert, charakterisiert wird.

Schon das Wortfeld erinnert an eine Art „Kaufmannsjargon“, denn es werden Wörter wie „Betrag“(V. 3), „Profite“(V. 4), „Gewinne“(V. 15), „achthundert Prozent“(V. 15) usw. verwendet. Die Menschen bezeichnet er als „Ware“(V. 8) und kalkuliert mit ihrem Leben und ihrem Tod genauso, wie mit Gummi und Pfeffer. Mit „Branntewein, Glasperlen und Stahlzeug“(V. 13-14) hat er sie gekauft und stellt sie somit auf dieselbe Stufe.

„Lobend werden die Sklaven mit Eisen, abschätzig mit Vieh verglichen“[1]

Die Sklaven stehen also, was ihre Wertung betrifft, noch unter dem Vieh. Stilistisch wie auch inhaltlich stellt das Bezeichnen der Schwarzen als „Ware“ eine Verdinglichung der Menschen dar, die Heine scharf kritisiert.

Eine Steigerung dessen erzielt er allerdings noch durch das Auftreten des Doktors van der Smissen. Schon der Satz „Der Doktor dankt der Nachfrage [...]“(V. 29) wirkt befremdlich auf den Leser, da dies eine Art Plauderton suggeriert, genauso wie das Attribut „lieben“(V. 28), das van Koek in Bezug

auf die Schwarzen verwendet. Durch van der Smissens Bericht schwenkt das Wortfeld nun zu einem eher medizinischen, allerdings aber immer noch sehr sachlichen um, denn es tauchen Wörter wie „Sterblichkeit“(V. 31), „Durchschnitt“(V. 33) , „Verlust“(V. 35), „inspizierte“(V. 27) usw. auf.

Allgemein wirkt van der Smissen eher verzerrt auf den Leser, wie die Karikatur eines Arztes.

Dies beginnt schon bei der Beschreibung, als Smissen zum ersten Mal auftritt; er wird dem Leser als „eine klapperdürre Figur, die Nase voll roter Warzen“(V. 25-26) vorgestellt, wie man sich einen typischen Arzt ja nicht vorstellen würde. Weiterhin wirkt van der Smissen in seiner Wortwahl sehr unpassend, als er die Sklaven „Schelme“(V. 38) nennt. Er wählt diese Bezeichnung in Hinsicht auf die Tatsache, dass sich die Gefangenen aus Verzweiflung tot stellen, um dann ins Meer geworfen zu werden. Was eigentlich als bestürzend empfunden werden müsste, nämlich dass die Sklaven, nur um ihrem Schicksal zu entgehen, den Tod vorziehen, tut der Arzt ab, als würden sie einen Scherz machen.

Auch sehr befremdlich wirkt die von ihm gestellte Diagnose, denn es ist schwer nachzuvollziehen, dass die hohe „Sterblichkeit“(V. 31) dadurch zu begründen ist, dass sich die Sklaven auf dem Schiff langweilen und man ihnen deshalb Musik und Tanz bieten müsse.

Was schon dem Leser als völlig unsinnig erscheint, würde man niemals von einem Arzt erwarten, denn anstatt die Sterblichkeit auf Langeweile zurückzuführen, müsste man erst einmal Lebensumstände und Behandlung auf dem Schiff überprüfen.

All das wird allerdings in den Schatten gestellt, als der Doktor von den Haien erzählt, denen er die Leichen der verstorbenen Schwarzen zum Fraß vorwirft. Begeistert und fasziniert beschreibt er die Fische und schildert dann eine Szene, wie er einige Leichen an sie verfüttert..

Das Wortfeld wandelt sich völlig unerwartet, es kommen Wörter wie „possierlich“(V. 57), „tummeln“(V. 61), „[v]ergnügt“(V. 62) und „bedanken“(V. 64) vor, was das Groteske an der Situation noch hervorhebt, denn ein solches Wortfeld würde man irgendwo zwischen den Beschreibungen eines

Streichelzoos und eines Hobbyaquariums erwarten, aber auf keinen Fall in bezug auf eine solch blutige Szene.

Auch das Wort „schnappen“ könnte man im Bezug auf die geschilderte Situation als Euphemismus empfinden, denn es wird nie dem gerecht, was es beschreiben soll. Mit Wörtern, die so verharmlosend sind, dass der Leser wahrlich vor den Kopf gestoßen wird, wird das Gegenteil erzielt, denn die Situation wirkt noch schrecklicher.

Auch wird der Arzt durch die Schilderung, die er gibt, selbst weiter charakterisiert, er wirkt nun nicht mehr nur als eine verzerrte Karikatur, sondern wie ein Wahnsinniger, dem der Mensch als solcher nicht viel bedeutet.

Ein ähnliches Bild hat man von den Ärzten, die zur Zeit des zweiten Weltkriegs schreckliche Versuche an Menschen durchführten und das Forschung nannten. Der Mensch wird zum bloßen Objekt, was alle moralischen sowie ethischen Vorstellungen und Werte verletzt.

Die Schlussfolgerung, da das Sterben auf Langeweile zurückzuführen sei, sei dem durch Musik und Tanz Abhilfe zu schaffen, ist für van der Smissen nun absolut selbstverständlich, für van Koek sogar mehr als das, denn er vergleicht aus seiner Begeisterung heraus die Klugheit des Arztes mit der von Aristoteles.

So unglaublich der Plan auch klingen mag, auf Sklavenschiffen wurde es tatsächlich so gehandhabt, was folgendes Zitat verdeutlicht und belegt.

„Alles ist dann wie elektrisiert, das Entzücken spricht aus jedem Blick, der ganze Körper gerät in Bewegung, und Verzuckungen, Sprünge und Posituren kommen zum Vorschein, dass man ein losgelassenes Tollhaus vor sich zu haben glaubt. Die Weiber und Mädchen sind indes doch die Versessensten auf dieses Vergnügen, und um die Lust zu vermehren, springen selbst der

Kapitän, der Steuermann und die Matrosen mit den leidlichsten von ihnen zuzeiten herum.“[2]

[...]


[1] Peters, S. 573

[2] Lahnstein, S. 288

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Heinrich Heine - Das Sklavenschiff
Hochschule
Universität Stuttgart
Veranstaltung
NDL
Note
2,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
13
Katalognummer
V108948
ISBN (eBook)
9783640071371
ISBN (Buch)
9783656313410
Dateigröße
463 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Aufgabe war, das Gedicht zu analysieren und besonders auf die Wortfelder einzugehen.
Schlagworte
Heinrich, Heine, Sklavenschiff
Arbeit zitieren
Tatjana Titze (Autor), 2004, Heinrich Heine - Das Sklavenschiff, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/108948

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Titel: Heinrich Heine - Das Sklavenschiff



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