Kriegsende 1945 in Württembergisch Franken am Beispiel der Gemeinde Schrozberg


Facharbeit (Schule), 2004

22 Seiten


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Gliederung

1. Einleitung
1.1 Vorwort zur Seminararbeit
1.2 Vorbemerkung
1.3 Die Gemeinde Schrozberg

2. Die Gemeinde in der Zeit des Nationalsozialismus (1932 – 1944)
2.1 Die Hintergründe zum Einzug des Nationalsozialismus in der Gemeinde
2.2 Schrozberg im II. Weltkrieg
2.3 Die Situation der Gemeinde Schrozberg vor dem Kriegsende ab 1940

3. Das Kriegsende in der Gemeinde Schrozberg
3.1 Die Heimat wird zur Front
3.2 Die ersten Zweifel am Sieg des Krieges durch die Deutschen
3.3 Die ersten alliierten Truppen erreichen die Gemeinde
3.4 Die letzten Kriegstage in der Gemeinde Schrozberg
3.4.1 Riedbach
3.4.2 Kälberbach
3.4.3 Zell
3.4.4 Schrozberg

4. Das Ende des nationalsozialistischen Glaubens in der Gemeinde
4.1 Das Umschwenken der ideologischen Überzeugung
4.2 Ausblick

5. Anhang
5.1 Bildnachweis
5.2 Quellen und Literatur

1. Einleitung

1.1 Vorwort

Schrozberg: Vom Kriege und den NS-Strukturen unberührtes Dorf auf dem öden Flach- land der Hohenloher Ebene, verschont durch seine geografische Lage, fern ab von politi- schem wie auch strategischem Interesse – oder Nazi-Hochburg und bedeutendes Schlachtfeld? Wer heute seinen Weg in das von Feldern und Wiesen umschlossene Schrozberg findet und seine Augen und Ohren in die meist menschenleeren Straßen des 3500-Seelen Ortes richtet, mag letzteres bezweifeln und gedenkt wohl kaum einem der freundlichen doch scheuen Bewohner des Ortes die Erinnerungen an die letzten Kriegsta- ge des zweiten Weltkrieges zu entlocken. Selbst mir, obwohl ich in Schrozberg geboren und aufgewachsen bin, entzogen sich tiefere Kenntnisse über das Geschehen im II. Welt- krieg, sind doch meine Eltern erst 1978 nach Schrozberg gekommen – die Mutter aus Norddeutschland, der Vater gar verwaister Kriegsflüchtling aus Westpreusen, der Sohn ehemals desinteressiert des heimatkundlichen Unterrichts. Das einzige Interesse an der amerikanischen Besatzung lag in meinen Kindheitsalter nur in dem Tausch von Coca- Cola Dosen gegen „Fresspakete”, Camouflage-Jacken, „Lightsticks” und sogar Helmen, wenn die „Amis” mal wieder ein Manöver durch Schrozberg fuhren und wir Kinder, mit zum Peace-Zeichen gespreizten Fingern, die Straßen säumten. Deshalb lag mir nah, die Kriegsjahre einmal genauer zu durchleuchten. Unterstützt von der Redaktion des Hohen- loher Tageblatts fand ich erste Einblicke in diese Zeit und wurde durch die Heimatfor- scherin Frau Dr. Kirchstein-Gamber auf Zeitzeugen aufmerksam gemacht, die mir beihnah frei jeder Scheu von der damaligen Zeit berichteten, um mir mit Ihren lebhaften Erinnerungen ein Bild derjenigen Tage zu zeichnen, die für die damaligen Bewohner der Gemeinde Schrozbergs durch die Befreiung von den Alliierten entweder schnelle Er- leichterung oder doch noch sinnloses Schicksal, kurz vor eigentlichem Ende des Schrec- kens, bedeuteten. Im Stadtarchiv Crailsheim wurde mir Einblick in die Unterlagen gewährt, die Hans Gräser zu der Erstellung seines Buches „Die Schlacht um Crailsheim” verwendete. Eine regelmäßige, regionale Tageszeitung, die zu der untersuchten Zeit 1945 erschien, gab es nicht – somit beschränkten sich meine Recherchen zunächst auf das im Anhang erwähnte Buchmaterial, vor allem auf das Heimatbuch Schrozbergs und einer Gedenkschrift mit Zeitzeugenberichten. Da mir schnell klar wurde, dass schon viel des Geschehens zum Kriegsende klar erfasst wurde, blieben mir als Quelle neuer Apekte nur die Zeitzeugen, die ich dann versuchte zwischen den Zeilen des bereits Geschriebenen zu befragen, was sich jedoch oftmals als schwierig und nicht sehr erfolgsträchtig herausstell- te. Dennoch stellte sich mir in den Gesprächen mit den Zeitzeugen eine mögliche Frage- stellung heraus, die neue Aspekte liefern könnte:

I. Wie konnte der Nationalsozialismus im entlegenen Hohenlohe Fuß fassen?
II. Wann kamen die ersten Zweifel an der Nazi-Ideologie und dem Sieg des Krieges durch die Deutschen auf?
III. Was machte die Gemeinde zum Austragungsort amerikanischer Bewegungen?
IV. Was geschah zum Kriegsende?
V. Wann brach die Nationalsozialistische Überzeugung entgültig zusammen?

Unter diesen Aspekten betrachtete ich die Quellen und achtete auf eine besondere Frage- stellung im Gespräch mit den Zeitzeugen. An dieser Stelle möchte ich mich ganz herzlich bei denen im Anhang unter 5.1 genannten Zeitzeugen für ihre mir gewidmete Zeit bedan- ken.

1.2 Vorbemerkung

(1) Als ,Gemeinde Schrozberg’ sei die Gemeinde nach dem heute gültigen Gemar- kungsplan gemeint. Im II. Weltkrieg galten andere Zuordnungen der Orte.1 ) (2) In der Darstellung der letzten Kriegstage beschränke ich mich – neben Schrozberg – auf Teilorte Riedbach, Kälberbach und Zell um im Rahmen dieser Seminararbeit zu bleiben. Die zu- nächst geplante Einbeziehung Gütbachs2 ) fällt wegen nicht angetroffener Zeitzeugen weg, die von Bartenstein3 ) wegen zu großem Umfangs. (3) Vom der Redaktion des Ho- henloher Tageblatts wurde ich auf das ungewisse Verbleiben eines gewissen Friedrich Al- brecht aufmerksam gemacht4 ), welches ich aufklären konnte. Hierfür habe ich als weiteres Kapitel „Schrozberg im II. Weltkrieg” eingefügt.

1.3 Die Gemeinde Schrozberg

Schrozberg wurde erstmals 1249 urkundlich erwähnt. Im Mittelalter stand es in vielen Beziehungen zu Adelsgeschlechten, u.a. auch mit dem Götz von Berlichingen – um den bekanntesten zu nennen.5 ) Heute liegt die Gemeinde Schrozberg, umgeben von ihren Weilern, ungefähr mittig auf der gedachten Verbindungslinie zwischen Heilbronn und Nürnberg, in einem Landstrich der heute als die Hohenloher Ebene bekannt ist. Dies ist im nord-östlichen Teil von Baden-Württemberg und zählt zum Landkreis Schwäbisch Hall. Insgesamt findet man mit der Gemeinde Schrozberg ein beschauliches und ruhiges Stück Erde vor. Mit den eingemeindeten Teilorten und Weilern (Bartenstein, Riedbach, Ettenhausen, Schmalfelden, Leuzendorf, Spielbach – um die Größeren zu nennen) be- schreibt sie eine Fläche von 10.500 ha und ist an ihren Markungen im Norden durch Krailshausen und Spielbach (Nord-Ost), im Westen durch Bossendorf, im Süden durch Sigisweiler und im Westen durch Mäusberg begrenzt und zählt heute ca. 6.250 Einwoh- ner. Diese verhältnissmäßig große Fläche wird – zu über 70 % – haupsächlich landwirt- schaftlich genutzt, wobei sich auch einige mittelständische Industrie wegen der günstigen Lage angesiedelt hat. Nach einer Trendwende sind die Einwohnerzahlen heute zuläufig, doch stagniert der Arbeitsplatzmarkt: „Da die Stadt nach wie vor mehr Aus- als Einpend- ler vorzuweisen hat, liegt ein Schwerpunkt bei der Schaffung weiterer Arbeitsplätze.”6 ) Auch vor 1920 war die Gegend landwirtschaftlich geprägt, und deshalb „von der Inflation weniger hart getroffen.”7 ) Doch mit der Weltwirtschaftskrise sollte sich die Situation ver- schlechtern.

2. Die Gemeinde in der Zeit des Nationalsozialismus (1932 – 1944)

2.1 Die Hintergründe zum Einzug des Nationalsozialismus in der Gemeinde

Im Wahljahr 1932 zählte Schozberg zum Oberamt Gerabronn.8 ) Durch Inflation und Weltwirtschaftskrise (ab Ende 1929) hatte in ganz Deutschland ein Stimmungswandel Einzug gehalten, dem sich auch das entlegene Hohenlohe nicht entziehen konnte. Natio- nalsozialistische Propaganda und die steigende Arbeitslosenzahl in Deutschland führte dazu, dass der Württembergische Bauern- und Weingärtnerbund starke Wählereinbußen zu verzeichnen hatte. Obwohl die Bürger in der Gemeinde Schrozberg durch die Land- wirtschaft nicht so sehr von der hohen Arbeitslosenquote betroffen waren, stellten die „im Oberamt Gerabronn errungenen 52,9 % (...) das Spitzenergebnis der NSDAP in Württem- berg dar”.9 ) Der Grund hierfür scheint die allgemeine Stimmung, wie auch die Perspekti- venlosigkeit der Gemeindemitglieder, insbesondere die der Jüngeren, wie Marta Hilpert aus Zell (damals 19 Jahre) berichtet: „Ma hat nemands nix gehabt, […] es hat keine Ar- beit gegeben, […] ma wor froh, wenn ma a Fahrrad g’habt hat.”10 ) Um die von der NSDAP versprochene Verbesserung herbeizuführen wurde man sogar regelrecht enthu- siastisch, so weiss Willi Heinkelein z.B. zu berichten, der Bürgermeister Herzog hätte

„mit dem Motorrad auf dem Beiwagen die Frauen, die net laufen konnte’, ’nunder zur Wahl g’führt.”11 ) Nach dem Wahlsieg der NSDAP vernahm man eine deutliche Verbesse- rung der Lage auf dem Arbeitsmarkt. So entstanden auch um Schrozberg durch Hitlers Projekte neue Möglichkeiten Geld zu verdienen. Ein Straßenbauarbeiter, der an einem Bauprojekt an der Kaiserstraße beteiligt war, meinte damals in einem Gespräch zu Willi Heinkelein: „Mit dem Hitler hob i’ ma’ erstes Geld verdient!”12 ) Hitler schuf durch Ar- beitsplätze bei Autobahnbau, Wehrmacht und Haushaltsdienst für Jungmädels grenzenlo- se Begeisterung für seine Politik. Man sprach von einem Aufschwung, es sei etwas „in Bewegung gekommen!”13 ) und die Folge war so großer Respekt vor der Person Hitler, dass er sogar in das morgentliche Schulgebet eingeschlossen wurde:

„Herrgott, du hast einen Mann gesandt mit starkem Herzen und mit fester Hand, du sandest ihn aus reinem

Flammengeist, dass uns zum Himmel reißt...”14 )

Neben der Schule funktionierte die Gleichschaltung der Jugend über spezielle Organisa- tionen. So gab es in Schrozberg und in fast in jedem Teilort Gruppierungen der

,Hitlerjungend’ und für die Frauen die ,Jungmädels’ oder das ,Jungvolk’ sowie den ,Bund deutscher Mädel’. Willi Heinkelein war Jungenschaftsführer der HJ und berichtet über re- gelmäßige Kampfspiele, sogenante Fehden, bei denen man ein um den Arm geschlunge- nes Bändel des Gegners abreißen mußte. Als Mitgliedsbeitrag wurden im Monat 10 Pfennig von ihm eingezogen. In diesen Gruppierungen in Bartenstein hatte man ungefähr einmal die Woche „Dienst”: Im Jungvolk tagsüber, in der Hitlerjugend abends, und ein- mal im Monat mußten die Jungenschaftsführer nach Blaufelden zur einer Schulung bei der unter anderem auch „parteipolitisch geschult”15 ) worden sei. Bei den Jungmädels wurde geturnt oder Handarbeiten angefertigt.16 ) Mit interessanten Freizeittätigkeiten wur- de also die Jugend indoktriniert. Zu den Parteistrukturen der NSDAP in der Gemeinde Schrozberg weiß man wenig, da die Unterlagen, kurz vor Einmarsch der Amerikaner, von einer „Angestellten, die schon lange im Amt gewesen war”17 ) vernichtet worden seien. Die Führungsschicht setzte sich vor allem aus Gewerbetreibenden zusammen18 ), unter der Bevölkerung in Schrozberg soll es jedoch nicht so viele Parteimitglieder gegeben ha- ben.19 ) Man kann davon ausgehen, dass nahezu jeder öffentliche Beruf und jedes Amt mit einer Parteimitgliedschaft behaftet war, denn zum Beispiel über Riedbach meinte Willy Heinkelein mit Nachdruck, es sei geradezu eine „Nazi-Hochburg” gewesen und gab als Begründung an:

„Riedbach hat viel Nazi gehabt. Alles war Nazi! Ha wie soll ich sagen... ’n Schullehrer hat Mitglied sein

müssen, wenn er seinen Posten behalten wollte.”20 )

Auch am Beispiel des Schrozberger Bürgermeisters Willhelm Hirschburger zeigt sich, wie die Partei in öffentliche Ämter verstrickt war. Hirschburger war NSDAP Mitglied und Bürgermeister von Schrozberg er wurde Anfang 1938 zum Ortsgruppenleiter er- nannt.21 ) Er war vielerorts als ein „großer Hitler”22 ) bekannt. Am 1. Oktober 1938 wurde dann im Zuge der Eleminierung gemeindlicher Selbstverwaltung der Bezirk Gerabronn durch das ,Gesetzes über die Landeseinteilung’ aufgelöst und fast ganz dem Kreis Crails- heim zugeordnet.23 )

[...]


1) Vgl.: Kolb, Monika: Heimatbuch Schrozberg, Schwäbisch Hall 1999, S.134 ff.

2) Vgl.: Kirschstein-Gamber, Birgit: Wider das Vergessen, Schrozberg 1995, S. 54

3) Vgl.: Hansberg, Holger: Heimatbuch Schrozberg, Schwäbisch Hall 1999, S.651 ff.

4) Vgl.: Gräser, Hans: Die Schlacht um Crailsheim, Crailsheim 1997, S.71

5) Vgl.: Schiffer, Peter: Heimatbuch Schrozberg, Schwäbisch Hall 1999, S. 65 ff.

6) Izsak, Klemens: Heimatbuch Schrozberg, Schwäbisch Hall 1999, S. 189

7) Kolb, Monika: ebenda, S. 127

8) Vgl.: Kolb, Monika: ebenda, S. 134

9) Kolb, Monika: ebenda, S. 131

10) Hilpert, Marta: In einem Gespräch mit dem Autor am 19.09.2004 in Zell

11) Heinkelein, Willy: In einem Gespräch mit dem Autor am 19.09.2004 in Ettenhausen

12) Heinkelein, Willy: ebenda.

13) Hilpert, Marta: ebenda

14) Heinkelein, Willy: ebenda

15) Heinkelein, Willy: ebenda

16) Kaiser, Karola: In einem Gespräch mit dem Autor am 24.09.2004

17) Kaiser, Karola: ebenda

18) Kolb, Monika: ebenda, S. 135

19) Kaiser, Karola: ebenda

20) Heinkelein, Willy: ebenda

21) Kolb, Monika: ebenda, S. 135

22) Arold, Emma: In einem Gespräch mit dem Autor am 25.09.2004 in Kälberbach

23) Vgl.: Kolb, Monika: ebenda, S. 134

22 von 22 Seiten

Details

Titel
Kriegsende 1945 in Württembergisch Franken am Beispiel der Gemeinde Schrozberg
Autor
Jahr
2004
Seiten
22
Katalognummer
V109003
Dateigröße
1200 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kriegsende, Württembergisch, Franken, Beispiel, Gemeinde, Schrozberg
Arbeit zitieren
Benedikt M. Orlowski (Autor), 2004, Kriegsende 1945 in Württembergisch Franken am Beispiel der Gemeinde Schrozberg, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/109003

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