Fernsehnutzung und Zeit. Fernsehnutzung im Kontext individueller Temporalstrukturen, individueller Zeitkultur und subjektiven Zeiterlebens


Seminararbeit, 2002
24 Seiten, Note: 1,3

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Inhaltsverzeichnis

EINLEITUNG

1 HINTERGRÜNDE DES SUBJEKTIVEN ZEITERLEBENS

2 ZEITBEZOGENE ASPEKTE DER FERNSEHNUTZUNG
2.1 ZEIT IST NICHT GLEICH ZEIT - METHODISCHE ÜBERLEGUNGEN
2.2 ERGEBNISSE
2.2.1 Individuelle Zeitkultur
2.2.2 Die zeitlichen Modalitäten der Fernsehnutzung
2.2.3 Typen von Fernsehnutzungsmustern: Zwischen Zeitkalkül und Mußewunsch

SCHLUSS

LITERATURLISTE

Einleitung

Diese Arbeit stellt den Versuch dar, sich einem komplexen Thema zu nähern und am Ende doch etwas auf den Punkt zu bringen: Dem Thema Fernsehnutzung und Zeit. Allein der Begriff Zeit ist derart vielseitig und komplex, dass es direkt einer Eingrenzung des Begriffes bedarf. Der gesamte (Massen-) Kommunikationsprozess weist vielfältige zeitliche Strukturen auf; von der Makro- bis hin zur Mikroebene. So wird auf Seiten der Fernsehproduktion bzw. der Medienproduktion überhaupt der Alltag von Produktionsroutinen und zeitlichen Zwängen bestimmt, die sich wiederum auf die Medienprodukte in Form von Programmstrukturen auswirken. Auf der anderen Seite weist auch die Rezeption der Medieninhalte zeitliche Determinanten auf. Und nicht zuletzt findet diese Rezeption in individuellen Temporalstrukturen, im Alltag der Rezipienten statt. Hier soll es um die Frage gehen, wie Fernsehnutzung in diese unterschiedlichen individuellen Temporalstrukturen und Zeitkulturen eingebettet ist. Es geht also primär um die Perspektive der Rezipienten. Welche unterschiedlichen - oder vielleicht auch gleichen - Motive lassen sich in Abhängigkeit dieser zeitlichen Faktoren für die Fernsehnutzung finden? Irene Neverla hat hierzu bereits eine sehr aufschlussreiche Explorativstudie durchgeführt, die hier im Vordergrund der Arbeit stehen soll. Allerdings ist diese Arbeit bereits über 10 Jahre alt. Die Suche nach entsprechender aktuellerer Literatur gestaltete sich schwierig. Bei meiner Suche stieß ich jedoch auf einen Themenkomplex, der gerade für die Motive der Fernsehnutzung von entscheidender Bedeutung sein könnte, jedoch in Neverlas Arbeit - auch nach eigenen Angaben - weitgehend unberücksichtigt blieb und weiteren Forschungsarbeiten vorbehalten sei (vgl. Neverla, 1992, 223): Die Rede ist vom subjektiven Zeiterleben. Es ist eine Alltagserfahrung, dass die Zeit subjektiv unterschiedlich schnell zu verlaufen scheint; und zwar in Abhängigkeit von dem, was wir tun (vgl. Wilke, 258). So liegt es nahe, dass auch die Tätigkeit des Fernsehens eine besondere Form des Zeiterlebens bewirkt. Ich will also versuchen, Neverlas Arbeit im Rahmen meiner Möglichkeiten um einige Hintergründe und Querverweise zu diesem Themenkomplex zu ergänzen. Gewissermaßen würde ich damit Neverlas Untersuchung um einige psychologische Aspekte der Zeit erweitern, die in der Rezeptionssituation selbst, gewissermaßen auf der Mikroebene anzusiedeln sind. Auch Klaus Beck betont, dass das Motiv einer Medienhandlung gerade in der Handlung selbst liegen kann und nicht unbedingt auf deren Resultat abzielen muss (Beck, 1994, 195). Die Fragestellung ließe sich wie folgt erweitern bzw. eingrenzen: Welche Motive für die Fernsehnutzung finden sich bezüglich des subjektiven Zeiterlebens in Abhängigkeit individueller Temporalstrukturen und individueller Zeitkultur? Um diese Frage zu klären, will ich zunächst einmal etwas umfassender auf das Phänomen des subjektiven Zeiterlebens eingehen. Anschließend werde ich nach ein paar kurzen methodischen Bemerkungen die Ergebnisse aus Neverlas Explorativstudie referieren und diese um weitere Befunde und Hintergründe ergänzen. Insbesondere sollen dort die Zusammenhänge zum subjektiven Zeiterleben hergestellt werden. Zum Schluss sollen die zentralen Ergebnisse zusammengefasst und Schlussfolgerungen daraus gezogen werden. Außerdem soll es dort noch mal um die Frage gehen, welche Rolle überhaupt die Inhalte bei der Fernsehnutzung spielen. Damit soll Raum für mögliche Zusammenhänge zwischen zeitlichen Strukturen der Medieninhalte und der Rezipienten gegeben werden, wobei die Perspektive jedoch beibehalten wird. Zunächst aber zu ein paar Hintergründen zum subjektiven Zeiterleben.

1 Hintergründe des subjektiven Zeiterlebens

Eine umfassende Abhandlung zum Thema, der ich hier nur ansatzweise gerecht werden kann, findet sich bei Klaus Beck in seinem Buch „Medien und die soziale Konstruktion von Zeit“ (Beck, 1994). Er unterscheidet zwischen der objektiven Zeit der Physik und der subjektiven Zeit des Menschen (Beck, 1994, 67). Wie hängen physikalische und psychologische Zeit nun zusammen?

Für Beck bilde die Wahrnehmung die Grenze zwischen diesen beiden Zeitbegriffen. Dabei ist für ihn als Konstruktivisten jedoch klar, dass Zeitwahrnehmung zu keinem „ikonischen Abbild der Realität“ führe, sondern ein elaborativer und kreativer Prozess sei. „Diese Annahme liegt schon deshalb nahe, weil wir eindeutig über kein zeitspezifisches Sinnesorgan verfügen.“ (Beck, 1994, 67). Es geht hier streng genommen also gar nicht um Zeitwahrnehmung, - denn die Zeit selbst ist gar nicht wahrzunehmen - sondern vielmehr um Zeitbewusstsein. Folglich handelt es sich bei Zeitbegriffen - wie bei allen anderen Begriffen auch - um Konstrukte. Die vermeintlich objektive Zeit der Physik mag sich demnach nur dadurch von unserer subjektiven Zeit unterscheiden, dass sie an dem chronometrischen Zeitgeber Uhr gewissermaßen standardisiert wird und somit intersubjektiv vergleichbar ist. Die chronometrische Zeit lässt sich also als standardisiertes Maß für die natürlichen und kulturellen Abläufe unserer empirischen und sozialen Wirklichkeit verstehen, von dem unser subjektives Zeiterleben durchaus abweichen kann. Auch Neverla weist darauf hin, dass der Zeitbegriff mit seinem abstrakt-linearen Verlauf geschichtlich relativ neu sei, es sich dabei also keineswegs um eine natürliche Größe oder um etwas in unserer Außenwelt objektiv Vorhandenes handele (vgl. Neverla, 1992, 25-35).

Der chronometrischen Zeit werden wir uns also mit Blick auf die Uhr bewusst, aber wie sieht es mit der subjektiven Zeit aus? Ich werde in Anlehnung an Jürgen Wilke trotz möglicher weiterer Differenzierung die Begriffe Zeitwahrnehmung, Zeiterleben, Zeitempfinden, Zeitbewusstsein und Zeitgefühl gleichbedeutend als Synonyme für die subjektive psychologische Zeit verwenden (vgl. Wilke, 257). Zeitwahrnehmung wird nach Winterhoff-Spurk als subjektiver Eindruck der Gegenwart definiert (Winterhoff-Spurk, 1989, 63). Wieso ist Zeit dann nicht wahrnehmbar, wie Beck behauptet? Gehört Gegenwart etwa nicht zur Zeit? Diese Frage lässt sich wie folgt beantworten: Gegenwart besitzt selbst keine zeitliche Ausdehnung, weil sie sonst wieder Elemente der Vergangenheit oder Zukunft enthalten würde, von denen sie jedoch unterschieden sein soll. Gegenwart ist somit eine punktähnliche Größe (Beck, 1994, 73/74; vgl. auch Schneider, 1992, 225). Bei unserem subjektiven Zeiterleben kommt es jedoch gerade auf das Erleben von Dauer an. Nach Beck schreiben wir denjenigen Ereignissen das Prädikat der Dauer zu, die die psychische Präsenszeit überschreiten (Beck, 1994, 69). Die zeitlichen Parameter unseres subjektiven Erlebens scheinen also immer erst nach der eigentlichen Wahrnehmung (die sich ja auf die Gegenwart bezieht) rekonstruiert und damit bewusst zu werden1. Alle Urteile über die Dauer, die zeitliche Lokation oder die chronologische Ordnung von Ereignissen sind also immer erst im Rückblick auf die Ereignisse selbst möglich. Deshalb nennt Winterhoff-Spurk solche Urteile in Abgrenzung von der eigentlichen Zeitwahrnehmung Zeitschätzung. Sie dürfte jedoch die einzige

Möglichkeit sein, Rückschlüsse über die Zeitwahrnehmung als solche zu ziehen 2 (vgl. Winterhoff-Spurk, 1989, 63).

Die Zeit zwischen Wahrnehmungen und der Rekonstruktion ihrer zeitlichen Parameter ist die psychische Gegenwartsdauer - Beck spricht auch von Präsenszeit -, die zwar subjektiv nicht wahrnehmbar ist, für die sich jedoch experimentell eine Dauer angeben lässt3. Was innerhalb dieser Zeitspanne passiert, entscheidet über unser subjektives Zeitempfinden. Winterhoff-Spurk spricht von Ereignisdichte als Determinante unserer Zeitschätzung (Winterhoff-Spurk, 1989, 65/66). Dabei ist jedoch zu beachten, dass eine solche Ereignisdichte schlecht objektiviert werden kann, da es vielmehr um die internen Reaktionen auf bestimmte Ereignisse geht, die wiederum sehr unterschiedlich ausfallen können (vgl. Winterhoff-Spurk, 1989, 65). Beck schreibt: „Zeit wird - wie alle Eigenschaften, die wir der Welt zuschreiben durch interne Zustandsänderungen erzeugt.“ (Beck, 1994, 67). Während wir uns der chronometrischen Zeit mit Blick auf die Uhr bewusst werden, hängt unser subjektives Zeitbewusstsein also von internen Zustandsänderungen ab, auf die wir uns im Rückblick beziehen, wenn wir Urteile über zeitliche Abläufe fällen. In dieser Feststellung liegt bereits eine Erklärung dafür, warum wir selbst eine gleiche Situation zeitlich völlig unterschiedlich erleben können.

Interne Zustandsänderungen werden vermutlich aus einem Wechselspiel aus äußeren Reizen und bereits vorhandenen Informationen und Schemata angeregt. In der Psychologie spricht man von bottum-up - und top- down - Prozessen. So kann die Verarbeitung äußerer Reize beispielsweise durch Wissen aus dem Langzeitgedächtnis beeinflusst werden, indem wir einige Reize für wichtig, andere für unwichtig halten. Persönliche Relevanz und Neuigkeit sind gewissermaßen die Selektionskriterien unserer Wahrnehmung. Neue unbekannte Reize werden generell mit mehr Aufmerksamkeit wahrgenommen, weil sie Verunsicherung bewirken. Sabine Jörg macht dafür den angeborenen Orientierungsreflex verantwortlich. (Jörg, 1992, 279). Dadurch können objektiv gleichartige Reize subjektiv höchst unterschiedliche Bedeutungen haben und dementsprechend auch höchst unterschiedliche Reaktionen hervorrufen. Der Grad mentaler und emotionaler Aktivierung spielt also für unser Zeitempfinden eine entscheidende Rolle. Beck spricht vom Grad des persönlichen Engagements und der erfahrenen Befriedigung (Beck, 1994, 69). Man könnte etwas allgemeiner auch vom Grad der (mentalen und/oder physiologischen) Stimulation sprechen. Wie wirken sich nun diese Einflussgewichte genau auf die Zeitwahrnehmung aus?

Winterhoff-Spurk nennt als ein Erklärungsmodell der Zeitwahrnehmung das Enkodiermodell der Kognitionspsychologie. Danach würden beim Enkodieren von Ereignissen immer auch Informationen über deren zeitliche Relationen abgespeichert (Winterhoff-Spurk, 1989, 64). Je mehr demnach die Aufmerksamkeit auf die zeitlichen Parameter falle, desto langsamer erscheine uns die Zeit. Aus den mir vorliegenden Literatur lässt sich schließen, dass dies umso mehr der Fall ist, je niedriger der Grad der Stimulation durch ein Ereignis ist.

Werden wir beispielsweise von einem Ereignis besonders stark emotional angesprochen, so sind wir mental weniger offen für weitere Ereignisse und deren zeitliche Relationen, da unsere mentalen Verarbeitungskapazitäten begrenzt sind4. Die Zeit kommt dann nicht oder erst später zu Bewusstsein. Wir unterschätzen dann die in ‘Wirklichkeit’ verstrichene Zeit, und die Zeit scheint schnell zu vergehen. Jürgen Wilke fasst dies treffend so zusammen: „Informationshaltige, abwechslungsreiche, ‘motivierende’ Stimuli lassen die Zeit schnell verstreichen.“ Wenn hingegen kaum etwas Bedeutendes oder Neues für uns passiert, richtet sich unsere Aufmerksamkeit mehr auf die zeitlichen Parameter und wir neigen eher zur Überschätzung der verstrichenen Zeit. Diesen Zustand könnte man dann als Langeweile bezeichnen.

Ähnlich formuliert es auch Jürgen Wilke: Langeweile trete ihm nach auf, wenn es in einer Situation zu wenige Informationen gebe: „...die Aufmerksamkeit richtet sich dann auf die Zeit als solche, diese erscheint leer, sie dehnt sich, und es entsteht das Gefühl der Langeweile. (Wilke, 1992, 263)“

Man könnte jetzt im Umkehrschluss vermuten: Je mehr Informationen in einer Situation vorhanden sind, je mehr Ereignisse stattfinden, desto schneller scheine die Zeit zu verlaufen. Peter Winterhoff-Spurk weist jedoch auf experimentelle Untersuchungen hin, nach denen extrem geringe, aber auch extrem hohe Ereignisdichten eher als lang beurteilt würden, mittlere Ereignisdichten hingegen als kurz. Der Einfluss „motivierender Stimuli“ wird bei ihm bestätigt: Auch angenehme Ereignisse würden kürzer beurteilt als unangenehme (Winterhoff-Spurk, 1989, 64). Man könnte diese Befunde dahingehend interpretieren, dass sehr geringe Ereignisdichten unser mentales System unterfordern, wir uns also langweilen, während extrem hohe Ereignisdichten es überfordern, was wiederum dazu führt, dass die kognitive Verarbeitung nur sehr oberflächlich stattfindet, so dass die mentale Involvierung oder Stimulation, sprich die tatsächliche subjektive Ereignisdichte eher gering ausfällt. Außerdem könnten wir eine solche „Reizüberflutung“ auch als unangenehm empfinden, was ebenso zu einem subjektiv langsamen Verlaufen der Zeit beitragen könnte.

Gestützt wird diese Interpretation vom Psychologen D.E. Berlyne (1974, 243-282). Berlyne weist daraufhin, dass Menschen und höhere Säugetiere dahin tendierten, ein mittleres Aktivierungsniveau aufrecht zu erhalten. Dies gewährleiste eine optimale Verarbeitung und Bewertung äußerer Reize. Steige der Reizeinstrom weit über das Optimum des Aktivierungspotentials hinaus, reagiere der Organismus perzeptiv und u. U. auch motorisch mit ‘Rückzug’. Falle der Reizeinstrom hingegen deutlich unter das Optimum herab - also bei Langeweile -, so reagiere er mit der perzeptiv-motorischen Erkundung seiner Umwelt. Berlyne spricht von diversivem Neugier- oder Explorativverhalten.

Um den Bogen zur Fernsehnutzung zu schlagen - hier deutet sich bereits ein mögliches Motiv für die Fernsehnutzung an: Die Bekämpfung von Langeweile. Nach Winterhoff-Spurk handele es sich beim Fernsehen eben um ein Ereignis mittlerer Dichte, das so also zu einem schnellen Verlaufen der Zeit, sprich also zum Zeitvertreib, führe. Zudem könne die Aufmerksamkeit beim Fernsehen, je nach „dispositionellen und situativen Merkmalen“ modifiziert werden. „Aus einer möglicherweise hohen Informationsdichte kann er [der Fernsehzuschauer] eine ihm angemessene Ereignisdichte extrahieren.“ (Winterhoff-Spurk, 1989, 64/65) Diese Möglichkeit der selektiven Aufmerksamkeit wird noch eine zentrale Rolle spielen, wenn es um die Formen der „Zeitintensivierung“ (Beck) bzw. der Zeitverdichtung und Zeitentzerrung (Neverla) geht. Bevor ich jedoch anhand der Explorativstudie von Neverla zu den Zusammenhängen von Zeitwahrnehmung, individuellen Temporalstrukturen und Fernsehnutzung komme, gehe ich noch auf ein paar methodische Überlegungen zu der Studie ein.

2 Zeitbezogene Aspekte der Fernsehnutzung

2.1 Zeit ist nicht gleich Zeit - Methodische Ü berlegungen

Angesicht der Tatsache, dass objektiv gleich lange Zeitintervalle subjektiv höchst unterschiedlich empfunden werden, reicht es nicht aus, bloß quantitative Fernsehnutzungsdaten wie Dauer , Häufigkeit und zeitliche Lokation der Fernsehnutzung zu erheben. Die Tatsache, dass eine Person x zu einer bestimmten Zeit den Fernseher eingeschaltet hat, sagt noch nichts darüber aus, wie aufmerksam und in welcher Weise sie den Inhalt verarbeitet und welche subjektive Bedeutung sie ihm verliehen hat. Um Aufschlüsse über das subjektive Zeiterleben und die individuellen Sinnkonstruktionen für die Fernsehnutzung zu erhalten, wählt Neverla deshalb eine Methodenkombination aus quantitativ-standardisierten Messinstrumenten (Tagebuchverfahren, Fragebögen) und qualitativ-interpretativen Fallanalysen (persönliche Interviews). Ihr geht es nicht darum, bestimmte Hypothesen auf ihre Validität hin zu überprüfen, sondern darum, überhaupt erst einmal Hypothesen über die zeitlichen Aspekte der Fernsehnutzung zu generieren. Ferner geht es ihr um die Frage, wie quantitative Variablen mit qualitativen zusammenhängen (vgl. Neverla, 1992, 115-119). Die Fragebögen dienen dabei der Erhebung soziodemographischer Daten, wie Geschlecht, Alter, Beruf u.s.w. Mit Hilfe des Tagebuchverfahrens erhebt sie Dauer (durchschnittliche Fernsehdauer pro Tag), Häufigkeit (Fernsehtage pro Woche) und die Regelmäßigkeit der Nutzung. Diese Daten ermöglichen es ihr, bestimmte Fernsehnutzungstypen nach individuellen Motiven und Sinnkonstruktionen qualitativ zu bestimmen und mit quantitativen Merkmalen in Verbindung zu bringen. Neverla verzichtet dabei auf Repräsentativität ihrer Stichprobe. Die Stichprobe sei aber bezüglich sozio-demographischer Variablen durchaus ausgewogen verteilt, so dass „typologische Aussagen über Verhaltens- und Orientierungsmuster“ abzuleiten seien (Neverla, 1992, 125,127).

Neverla erhob ihre Daten zu drei verschiedenen Zeitpunkten, um kalendarische und biographische Faktoren mit zu berücksichtigen.

2.2 Ergebnisse

Auf die quantitativen Ergebnisse möchte ich an dieser Stelle nicht gesondert eingehen. Diese werden jeweils an gegebener Stelle mit den qualitativen Ergebnissen in Beziehung gesetzt, auf die ich hiermit direkt eingehen will.

2.2.1 Individuelle Zeitkultur

Wenn wir die folgenden Ausführungen im Lichte der Feststellung betrachten, dass wir stets dahin tendieren, ein mittleres Aktivierungsniveau und damit ein bestimmtes Zeiterleben aufrecht zu erhalten, so dürften es doch unterschiedliche Methoden geben, dies zu erreichen. Der individuelle Umgang mit Zeit ließe sich als individuelle Zeitkultur bezeichnen, um die es in diesem Abschnitt geht. Wie wird Zeit von den von Neverla Befragten erlebt und gestaltet?

Allen Befragten gemeinsam sei, dass Zeit als ein knappes Gut erlebt werde. Die Erfahrung der Zeitnot sei allen Befragten vertraut. Erwartungsgemäß treffe dies auf die Berufstätigen zwar mehr zu als auf Rentner und Arbeitslose, aber auch bei ihnen komme die Zeitnot als Ausdruck der Begrenztheit der Lebenszeit auf der einen Seite und der Unbegrenztheit von Optionen in unserer Gesellschaft auf der anderen Seite zum Ausdruck (vgl. Neverla, 1992, 140 f). In Abhängigkeit von verschiedenen sozialen Hintergründen entdeckt Nerverla jedoch unterschiedliche Orientierungsmuster im Umgang mit der Zeitnot. Dabei zeige sich ein positiver Zusammenhang zwischen sozialen Gestaltungsmöglichkeiten und der Gestaltbarkeit der Zeit. Diejenigen, die nur in geringem Maße am gesellschaftlichen Wohlstand partizipierten, seien auch der Zeit gegenüber fügsamer, während diejenigen, die am Wohlstand und den Gestaltungsfreiheiten der Gesellschaft teilhätten, auch die Zeit als gestaltbarer erlebten. Neverla ordnet die Befragten in drei Gruppen mit unterschiedlichen Orientierungsmustern im Umgang mit Zeit: die Zeitfügsamen, die ZeitmacherInnen und die Zeitsensiblen. Für die Zeitfügsamen stelle Zeit eine Naturgewalt dar, die sich jeglicher Bearbeitung und Gestaltbarkeit entziehe. Als Beispiel beschreibt Neverla den Schankkellner, Herrn H., der unzufrieden mit seiner Arbeit sei, bei der die Zeit subjektiv sehr langsam vergehe, und der anschließend regelmäßig fernsehe. Die Fernsehzeit scheine ihm wiederum sehr schnell zu verlaufen. In seiner Freizeit oft auftretende Langeweile werde mit Fernsehen überbrückt. „Ich kann meine Zeit eigentlich gar nicht einteilen. Wie ich meine Freizeit verbringe, das ergibt sich eigentlich.“

Was sich an diesem Beispiel zeigt und was typisch für diesen Zeitbegriff ist, ist eine eher passive Haltung bei der Bewältigung des Alltages. Das langsame Verstreichen der Zeit bestätigt auch Befunde, die Ernst Pöppel beschreibt. Demnach vergehe die Zeit schneller, wenn man aktiv etwas mache, als wenn man passiv einer Situation ausgeliefert sei (Pöppel, 1986, 84). Dies mag auch damit zusammenhängen, dass der Grad der kognitiven und emotionalen Aktivierung (also die subjektive Ereignisdichte) bei aktiven Tätigkeiten wesentlich höher ist, da Interesse und Selbstbezug5 vorhanden ist (also persönliche Relevanz); insbesondere dann wenn man sich mit der entsprechenden Tätigkeit identifiziert. Jürgen Wilke ergänzt diesen Zusammenhang um Befunde, die zur Arbeitszufriedenheit und dem subjektiven Zeitgefühl von Elisabeth Noelle-Neumann vorliegen: Danach empfänden diejenigen, die voll und ganz mit ihrer Arbeit zufrieden seien, auch die Zeit schneller vergehend (vgl. Wilke, 1992, 263). Die Tatsache, dass im Fall von Herrn H die Zeit bei der Arbeit sehr langsam zu vergehen scheint, die Zeit vor dem Fernseher aber sehr schnell, deutet darauf hin, dass er das Fernsehen offenbar anregender und angenehmer empfindet als seine Arbeit. Es ist also davon auszugehen, dass eine Tätigkeit wie die Arbeit, per se nicht automatisch eine höhere kognitive Aktivität erfordert als das auf den ersten Blick passive Fernsehen. Im Fall von Herrn H. bzw. der Zeitfügsamen generell ist aber anzunehmen, dass die Kategorie Aktiv/passiv als erklärender Faktor für das Zeitempfinden in den Hintergrund tritt, da es sich generell um einen eher passiven Typus handelt, für den das Fernsehen eine vergleichsweise aktive Tätigkeit darstellen könnte. Interessant ist in diesem Zusammenhang noch der Befund, dass sich Herr H. oft auch in seiner Freizeit langweile, die Zeit in seiner Freizeit also grundsätzlich auch eher langsam vergeht. Dies wiederum könnte exemplarisch für einen weiteren Befund Wilkes stehen, wonach VielseherInnen in ihrer Freizeit schneller über Langeweile klagten (Wilke, 1992, 266).

Im Gegensatz zu den Zeitfügsamen stehen die ZeitmacherInnen, die Zeit als bearbeitbare Materie betrachteten. Als Beispiel führt Neverla Frau R. an, die versuche, jede Minute sinnvoll zu nutzen und nicht zu vergeuden: „Ich hab einfach nicht die Zeit, mich einfach nur mit jemandem zu treffen, um zu quatschen.“ Hier findet sich ein besonders rationeller Umgang mit Zeit, als Konsequenz aus der Zeitnot.

Nicht ganz klar wird das Verhältnis zur Zeit bei den Zeitsensiblen, die Zeit für begrenzt gestaltbar hielten. Neverla fasst hierunter sog. „randständige Existenzen“, Jugendliche und Personen, die einen eher unkonventionellen Lebensstil genössen und den gesellschaftlichen Verhältnissen gegenüber eine kritische Haltung einnähmen.

Zusammenfassend ist festzustellen, dass die disponible, also die nicht durch Erwerbsarbeit gebundene Zeit, insgesamt der Kategorie Nützlichkeit und damit dem Zeitkalkül unterworfen wird. Besonders deutlich wird dies bei den ZeitmacherInnen.

2.2.2 Die zeitlichen Modalitäten der Fernsehnutzung

Wir haben festgestellt, dass individuelle Zeitkultur sich auf der einen Seite durch ein mehr oder weniger ausgeprägtes Zeitkalkül kennzeichnet. Auf der anderen Seite muss in der frei zu Verfügung stehenden Zeit aber auch der Wunsch nach Muße, Erholung und Entspannung befriedigt werden. Nach Neverla passe sich das Fernsehen optimal in dieses Spannungsfeld zwischen Zeitkalkül und Mußewunsch ein und komme so unterschiedlichen Zeitkulturen entgegen:

Das Fernsehen minimiere das erforderliche Zeitmanagement, das für andere Freizeitaktivitäten wie Kino, Theater und Museen erforderlich wäre und komme so dem Zeitkalkül entgegen (vgl. Neverla, 1992, 151). Fernsehen stehe immer unmittelbar zur Verfügung ohne Fahrtzeiten und bestimmte Anfangszeiten. Es erfordere also keine Planung und ermögliche ein hohes Maß an Unverbindlichkeit. Das zeige sich auch daran, dass die Entscheidung fernzusehen bei über der Hälfte der Befragten spontan erfolge (vgl. Neverla, 1992, 154). Fernsehen sorgt so zumindest zeitlich für eine optimale Freizeitnutzung. Hinzu komme, dass Fernsehen auch als Informationsquelle oft effizienter erscheine, da es Informationen sehr komprimiert vermittele. Von großer Bedeutung für die Fernsehnutzung sei auch die Möglichkeit, diverse Paralleltätigkeiten während des Fernsehens durchzuführen (Neverla, 1992, 156-157). Neverla spricht von den Komprimierungstechniken der Zeitverdichtung und Zeitdehnung, weil sie es ermöglichten, mehr in der gleichen Zeit zu tun, die Zeit also besser zu nutzen. Auch Klaus Beck nennt die Zeitverdichtung als eine der beiden Formen der Zeitintensivierung. Die andere nennt er Zeit sparen. Während bei Neverla jedoch Zeit sparen als Motiv für die Zeitverdichtung angesehen wird, bezieht er Zeit sparen auf die Verkürzung von Medienhandlungen durch die „Beschleunigung von Sequenzen, Erscheinungs- oder Senderhythmen oder den beschleunigten selektiven Zugriff auf Medieninhalte.“ (Beck, 1999, 545). Ich halte diese Trennung zwischen Zeitverdichtung und Zeit sparen bei Beck jedoch für etwas unscharf, weil hier nicht klar wird, wer in welcher Hinsicht Zeit spart. Deshalb folge ich im Weiteren der Terminologie von Neverla.

Außer der Zeitverdichtung als Komprimierungstechnik besteht nach Neverla durch das Aufzeichnen von Sendungen mit dem Videorecorder auch die Möglichkeit der Zeitentzerrung als Entkomprimierungstechnik (Neverla, 1992, 157). Beck bezeichnet dies als eine Form des Entprogrammierens. Die zeitlichen Struktur des Fernsehprogramms werde dabei zu Gunsten der eigenen alltagszeitlichen Strukturen verändert. (Beck, 1999, 546)

Neben der Möglichkeit des Zeitsparens durch Zeitverdichtung, berichteten aber auch viele Befragte von der Erfahrung des Zeitverlustes durch das Fernsehen. Neverla spricht hier von „Hängenbleiben“ in der Endloszeit des Mediums (Neverla, 1992, 161). Dies trete dann auf, wenn das Fernsehen über einen bestimmten Zeitpunkt, der für das Ende der Nutzung geplant war, hinaus gehe. Neverla erklärt sich dieses Phänomen dadurch, dass während der Fernsehnutzung das Bewusstsein der abstrakt-linearen Zeit zugunsten innerer Mußezeit aufgehoben werde. Nach der Fernsehnutzung werde das Zeitkalkül der abstrakt-linearen Zeit jedoch wieder virulent, so dass die Fernsehnutzung im Rückblick als Zeitverlust erscheine (vgl. Neverla, 1992, 163 f). Neverla unterscheidet wie folgt drei Phasen der Mediennutzung: Die präkommunikative Phase, die kommunikative Phase und die postkommunikative Phase. In der präkommunikativen Phase trete die abstrakt- lineare Zeit in den Hintergrund, weil kein aufwendiges Timing erforderlich sei. In der kommunikativen Phase werde dann die abstrakt-lineare Zeit zugunsten innerer Mußezeit, Entspannung, Ablenkung und Eskapismus vergessen. In der postkommunikativen Phase werde das Zeitkalkül aber wieder virulent, so dass Fernsehen als Zeitverlust und Zeitvergeudung erscheinen könne. In Bezug zum Thema Zeitwahrnehmung scheint sich hier also das zu bestätigen, was eingangs zur mittleren Ereignisdichte des Fernsehens gesagt wurde. In der kommunikativen Phase kann das Fernsehen zu derjenigen Stimulation führen, die verhindert, dass die Zeit zu Bewusstsein kommt. Erst im Rückblick bzw. mit dem Blick auf die Uhr tritt die Zeit wieder ins Bewusstsein. Dies deckt sich mit der Annahme, dass Zeit immer erst im Nachhinein rekonstruiert wird bzw. ins Bewusstsein tritt.

Die Muße-Zeit, die das Fernsehen ermöglicht, könnte man demnach als Dehnung der zeitlosen subjektiven Gegenwartsdauer bezeichnen. Unterstützt wird dies auch durch das endlose Aufeinanderfolgen und Ineinanderübergehen des Fernsehprogramms, dass immer aufs Neue die Aufmerksamkeit bindet. Vermutlich liegt im Vergessen der Zeit die eskapistische Funktion des Fernsehens und damit auch ein zentrales Motiv für seine Nutzung begründet. Norbert Jürgen Schneider weist darauf hin, dass insbesondere diejenigen Medienprodukte besonders angenommen würden, „die dem Konsumenten die Möglichkeit bieten, ‘Zeit zu vergessen’, ‘zeitlos zu werden’,...“ (Schneider, 1992, 227). Fernsehen ermögliche durch die Vermittlung von Zeitlosigkeit regelrecht eine Flucht aus der Wirklichkeit, die durchaus mit der vieler Rauschzustände vergleichbar ist.6 Zeitlosigkeit bzw. das Verharren in der Gegenwart und damit die Flucht vor zeitlichen Zwängen scheint nach Schneider ein elementares Bedürfnis zu sein, das Ausdruck der Sehnsucht zur Zeitlosigkeit der Kindheit sei (vgl. Schneider, 1992, 226). Das Fernsehen scheint dieses Bedürfnis - zumindest vorübergehend - zu befriedigen. Für die individuelle Zufriedenheit mit der eigenen Zeitgestaltung scheint aber die nachträgliche Beurteilung in der postkommunikativen Phase maßgeblich zu sein. Die Frage also, ob die Fernsehnutzung als Zeitgewinn- oder verlust empfunden wird. So scheint das Vergessen der Zeit gleichermaßen durch aktive wie auch durch vergleichsweise passiv-rezeptive Tätigkeiten (wie das Fernsehen) bewirkt werden zu können. Die Frage, ob diese Zeitlosigkeit einen Zeitverlust- oder gewinn für die Betroffenen darstellt, hängt von ihrem nachträglichen Urteil ab, dass wiederum in Abhängigkeit ihrer individuellen Wertedispositionen und damit ihrer individuellen Zeitkultur steht.

Wir haben gesehen, dass das Fernsehen innerhalb der individuellen Zeitkultur verschiedene Funktionen einnehmen kann. Fernsehen ist zugleich Mittel der Zeitökonomie und ermöglicht Flucht vor der Zeitökonomie (vgl. Neverla, 1992, 163-166). Wie hängen nun individuelle Temporalstrukturen und individuelle Zeitkultur mit der Fernsehnutzung zusammen? Als erste Hypothese lässt sich formulieren, dass die ZeitmacherInnen aufgrund ihres ausgeprägten Zeitkalküls vermutlich ein strengeres Urteil über ihre Zeitgestaltung fällen als die Zeitfügsamen und demzufolge auch hinsichtlich ihrer Fernsehnutzung anspruchsvoller sind. Wie sich auch die individuellen Temporalstrukturen auf die Fernsehnutzung auswirken, wird im Folgendem zu zeigen sein.

2.2.3 Typen von Fernsehnutzungsmustern: Zwischen Zeitkalkül und Mußewunsch

Neverla unterscheidet vier Phänotypen individueller Temporalstrukturen, in die die Fernsehnutzung eingebettet sei: Leere Zeit, knappe Zeit, wohlstrukturierte Zeit und unstrukturierte Zeit (Neverla, 1992, 167). Diese Temporalstrukturen würden in erster Linie durch die Arbeitszeiten, aber auch durch andere Aktivitäten bestimmt. Für die individuelle Fernsehnutzung spiele aber neben diesen objektiven Zeitstrukturen auch die individuelle Zeitkultur in ihrem Verhältnis von Mußewunsch und Zeitkalkül eine Rolle. Ich möchte die hier von Neverla gefundenen „Typen von Fernsehnutzungsmustern“ um Befunde von Peter Sicking ergänzen. Sicking hat sich insbesondere mit den Motiven von Fernsehabschaffern beschäftigt und dabei drei übergeordnete Typen von Nichtfernsehern entdeckt: Den aktiven, den bewusst reflektierten und den suchtgefährdeten Nichtfernsehertyp (Sicking, 1999, 45/46). Dabei hat er auch die frühere Mediennutzung der Abschaffer reflektiert. Es wäre interessant, ob sich die von ihm gefunden Typen zumindest hinsichtlich ihrer früheren Mediennutzung in Neverlas Typologie einordnen ließen, so dass möglicherweise weitere Rückschlüsse auf die unterschiedlichen Nutzungstypen möglich wären.

2.2.3.1 Fernsehen als Beschäftigung im Kontext leerer Zeit

(Neverla, 1992, 167-178)

Voraussetzung für die Fernsehnutzung als Beschäftigung ist, dass ausreichend frei zur Verfügung stehende Zeit vorhanden ist, die jedoch nicht mit bestimmten Aktivitäten gefüllt wird. Dies macht es auch naheliegend, dass hier eine eher passive, zeitfügsame Lebensgestaltung vorliegt, weil leere Zeit sonst nicht auftreten würde. Die Prototypen der BeschäftigungsseherInnen seien vorwiegend RentnerInnen und Arbeitslose. Quantitativ handele es sich um Vielseher (Fernsehdauer 5:57-6:28 bei 6-7 Fernsehtagen die Woche und hoher Regelmäßigkeit: 0,217 ). Auch andere Medien wie Radio, Zeitungen und Magazine würden mehr oder weniger intensiv genutzt.

Fernsehen werde bei den Beschäftigungssehern zum Füllen und zur Strukturierung leerer Zeit genutzt. Verschiedene Programme setzten Zeitmarken in den an sich unstrukturierten Tagesverlauf. Der Fernsehkonsum wird von den Befragten sehr kontrovers beurteilt. In einigen Fällen herrscht über den Umfang und die Sinnhaftigkeit der Fernsehnutzung Unzufriedenheit. Frau T. (Neverla, 1992, 65) beispielsweise würde gerne weniger fernsehen und versuche ihren Konsum einzuschränken. Laut Neverla diene Fernsehen bei ihr als Flucht aus der Einsamkeit. Auf der anderen Seite scheint es ihre sozialen Bedürfnisse aber nicht befriedigen zu können. Im Rückblick empfände sie das Fernsehen als sinnlos (vgl. ebd., 169-171).

Frau A.(66) und Frau W. hingegen scheinen alle Bedürfnisse nach Information, Unterhaltung, Entspannung und (para)sozialer Interaktion mit Hilfe des Fernsehens zu befriedigen (vgl. ebd., 171). Allen BeschäftigungsseherInnen gemeinsam sei, dass das Fernsehen zum sozialen Zeitgeber schlechthin werde, gegenüber dem andere Dinge sekundär erschienen. So werde im Fall von Frau W. das Auspacken ihrer Umzugskartons immer wieder aufgeschoben. „Der Vormittag ist so schnell rum, und nachher kommt ja das Fernsehen wieder.“ (ebd., 174)

An diesem Beispiel bestätigt sich die eher passive und zeitfügsame Lebensgestaltung der BeschäftigungsseherInnen. Auch Peter Sicking bestätigt das „geringe Interesse der Vielseher“ - die sicherlich eine große Schnittmenge mit den BeschäftigungsseherInnen haben - an einer „aktiven und gestig anspruchsvollen Alltagsgestaltung (Sicking, 1999, 236). Er beruft sich dabei auf Winfried Schulz, demnach die passive, rezeptive Betätigung des Fernsehens offenbar eher den Befürfnissen der Vielseher entspreche (Schulz, 1997, 96).

Problematisch wird das Fernsehen als Beschäftigung jedoch dann, wenn auch subjektiv Unzufreidenheit über die eigene (nicht vorhandene oder zu passive) Zeitgestaltung empfunden wird, diese aber nicht aus eigener Kraft geändert werden kann. Die Gruppe der BeschäftigungsseherInnen ließe sich sicherlich in Anlehnung an die Forschung von Peter Sicking um die Subgruppe suchtgefährdeter BeschäftigungsseherInnen ergänzen. Das Fernsehen kann bei ihnen in seiner eskapistischen Funktion eine lähmende Wirkung mit suchtähnlichen Symptomen entfalten. Peter Sicking beschreibt Fälle, bei denen die exzessive Fernsehnutzung jegliche aktive Zeitgestaltung und letztendlich auch die Verwirklichung eigentlicher Lebensvorstellungen lähmte. Als Konsequenz schafften die VertreterInnen dieses Typs den Fernseher aus „Selbstschutz“ ganz ab. Sicherlich handelt es sich bei dem „suchtgefährdetem“ Typus um keine Mehrheit, die Tatsache, dass er jedoch in einer relativ kleinen Stichprobe mehrmals vorkam und tendenziell auch bei Neverlas Befragten zu finden ist, deutet darauf hin, dass es sich auch nicht um eine verschwindend kleine Minderheit handelt. Neben der Funktion des Fernsehens als Zeitgeber bei älteren Menschen oder Langzeitarbeitslosen, taucht auch bei Neverla das Motiv des Eskapismus auf; allerdings in sehr positiver Formulierung: Auch jüngeren berufstätigen Menschen diene das Fernsehen als funktionales Mittel bei der Überwindung von Krisen, die auf bestimmte Lebensphasen beschränkt blieben (vgl. Neverla, 1992, 178).

Hier nennt Neverla als Beispiel die 21-jährige Heike, die unter Liebeskummer leide und abends nach der Arbeit nichts mit sich anzufangen wisse und deshalb fernsehe, obwohl sie ansonsten ein unternehmungslustiger Mensch sei. Wie oben angedeutet und wie von Sicking beschrieben treten aber auch Typen auf, bei denen die eskapistische und mitunter exzessive Fernsehnutzung nicht auf einzelne biographische Phasen beschränkt bleibt, sondern bei denen sie ein immer wieder auftretendes Schema der Realitätsflucht darstellt, das ernst zu nehmende Konsequenzen für die Betroffenen haben kann.

2.2.3.2 Fernsehen als Marginale im Kontext knapper Zeit

(Neverla, 1992, 178-192)

Im Gegensatz zu den BeschäftigungsseherInnen verfügten die MarginalseherInnen nur über sehr begrenzt freie Zeit, die von vielfältigen Aktivitäten ausgefüllt werde. Der Prototyp sei daher die berufstätige Mutter (Neverla, 1992, 179). Quantitativ handele sich um eine überdurchschnittliche aber nicht extrem hohe Sehdauer- und Häufigkeit. Bei dieser Gruppe wird die Ungenauigkeit des quantitativen Begriffs VielseherInnen besonders deutlich. Denn auch die MarginalseherInnen wären durchaus dort einzuordnen. In ihrem Fernsehverhalten unterscheiden sie sich jedoch deutlich von den BeschäftigungsseherInnen. Dies werde bei ihnen oberflächlich zunächst in einer Differenz zwischen Einschaltdauer und individueller Sehdauer deutlich, die sich nur dadurch erklären lasse, dass dem Fernsehen mitunter nur marginale Aufmerksamkeit geschenkt werde. Oft komme es auch vor, dass sich die VertreterInnen dieses Nutzungstyps gar nicht vor dem Fernseher aufhielten. Die MarginalseherInnen kennzeichneten sich durch vielfältige Paralleltätigkeiten, wobei der Fernsehen Objekt oszillierender und fluktuierender Aufmerksamkeit sei. Da aber das Fernsehen unter den Tätigkeiten die meiste Zeit in Anspruch nehme, könne man es als Leittätigkeit charakterisieren, die die wechselnden Tätigkeiten der Freizeit durchziehe und strukturiere (Neverla, 1992, 186). Bemerkenswert sei dabei auch, dass Fernsehnutzung und Paralleltätigkeiten oft notwendig miteinander verbunden würden. Das Zitat einer Befragten macht dies deutlich: „Wenn nichts Interessantes im Fernsehen ist, dann bügle ich auch nicht.“(Neverla, 1992, 186)

Entscheidend sei aber auch die Art der Paralleltätigkeiten. Meist handele es sich um Tätigkeiten mit offenen Zeitstrukturen und um solche, die nur geringe Aufmerksamkeit erforderten und von den Befragten selbst oft als langweilig oder „stupide“ empfunden würden (vgl. Neverla, 1992, 186).

Fernsehen habe in Bezug auf Zeit die hier schon erwähnte Funktion der Zeitverdichtung. Neverla und auch Beck nennen das Zeit sparen als zentrales Motiv. Es lässt sich aber in Bezug auf die Zeitwahrnehmung auch noch eine psychologische Motivation für das Marginalsehen angeben:

Es ist anzunehmen, dass bei diesem Typ der Fernsehnutzung eher eine aktive zeitgestalterische Zeitkultur (ZeitmacherInnen) vorherrscht. Es wäre - wie in der ersten Hypothese bereits formuliert - durchaus plausibel, dass dieser Typus nicht nur bezüglich der individuellen rationellen Zeitgestaltung höhere Ansprüche stellt, seine Zeit also optimal nutzen will, sondern auch bezüglich der Reiz - bzw. Informationsdichte. Bei den Befragten sei manchmal das mangelhafte Fernsehprogramm Grund für die Paralleltätigkeit (vgl. Neverla, 1992, 187), manchmal auch umgekehrt die stupide Paralleltätigkeit (Bügeln) Grund für die Fernsehnutzung. Beide Tätigkeiten üben also für sich genommen keinen spezifischen oder befriedigenden Reiz aus. Die Komprimierungstechnik der Zeitverdichtung ist also immer auch eine Reizverdichtung und eine Erhöhung der subjektiven Ereignisdichte. Dies wird auch von den Befunden Sickings tendenziell bestätigt. Die frühere Fernsehnutzung der „aktiven NichtfernseherInnen“ lässt sich am ehesten mit den MarginalseherInnen vergleichen. Neben inhaltlichen Vorbehalten dem Programm gegenüber (vgl. Sicking, 1999, 60) beklagten diese die zu geringe körperliche und/oder geistige Aktivität. Deswegen übten auch sie meist während der Fernsehnutzung Paralleltätigkeiten aus (vgl. ebd., 1999, 56 f.). Das Motiv der „drohenden inneren Unruhe“ bei ausschließlicher Fernsehnutzung findet auch Neverla bei ihren Befragten (vgl. Neverla, 1992, 189).

So ähnlich sich diese beiden Typen hinsichtlich ihres Zeitbegriffs und der einzelne Fernsehnutzung sein mögen, so unterschiedlich sind sie sich jedoch hinsichtlich der individuellen Temporalstrukturen und dem Stellenwert, den das Fernsehnen und andere Tätigkeiten darin einnehmen. Während bei den aktiven Nichtfernsehern schon immer vielfältige Tätigkeiten den Alltag strukturierten, unter denen das Fernsehen immer nur eine marginale Rolle einnahm, ist es bei den MarginalseherInnen im Kontext knapper Zeit eher umgekehrt: Das Fernsehen strukturiert als Leittätigkeit die zahlreichen anderen Tätigkeiten.

Auch das sog. Temposehen, das Neverla im Rahmen inhaltsbezogener Aspek te der Fernsehnutzung anführt, dürfte als Form des Marginalsehens betrachtet werden können, sofern marginal auf die Aufmerksamkeit bezogen ist, die einzelnen Programminhalten entgegengebracht wird. Neverla fasst hierunter Formen des „Zappings“ und „Puzzle-Fernsehens“; also das häufige Umschalten oder Hinundher-Schalten zwischen verschiedenen Programmangeboten. Auch dieses Fernsehverhalten lässt sich als gewollte Zeitverdichtung betrachten, die aus der mangelnden Stimulation durch einzelne Programminhalte herrührt (Neverla, 1992, 212- 115). Temposehen ist jedoch nicht mit der Temporalstruktur der knappen Zeit verbunden, sondern kann auch in anderen individuellen Temporalstrukturen (vielleicht mit Ausnahme der wohlstrukturierten Zeit) auftreten. Neben der hier erwähnten (gewollten) Zeitverdichtung als Mittel zum Zeitsparen nennt Neverla im Kontext knapper Zeit noch die Möglichkeit der Entzerrung ungewollter Zeitverdichtung (Neverla, 1992, 190). Das gleichzeitige Auftreten mehrerer Sendungen bzw. eines anderen Termins oder einer Tätigkeit, die nicht parallel zum Fernsehen ausgeübt werden kann, wird dann selbst Ausdruck von Zeitnot, die mit Hilfe des Videorecorders (oder dem Verschieben von Terminen) beseitigt werden kann. In diesem Fall führt sich das Fernsehen jedoch als zeitsparendes Medium selbst ad absurdum, weil die Programmangebote als Termine im Terminkalender selbst die Zeitnot verursachen, die das Fernsehen bzw. der Videorecorder dann beseitigen soll. Insgesamt lässt sich über diesen Nutzungstyp sagen, dass auch hier das Fernsehen einen festen Bestandteil in der individuellen Temporalstruktur darstellt, diese sogar maßgeblich mitstrukturiert. Das Fernsehen erfüllt Bedürfnisse nach mentaler Stimulation, Unterhaltung und Information und ist dabei gleichzeitig Mittel der Zeitökonomie. Das Fernsehen als Mittel der Zeitökonomie findet jedoch da seine Grenzen, wo die Inhalte selbst zu Terminen in der Alltagsgestaltung werden, die andere Termine verdrängen und selbst zur Zeitnot beitragen. Auch die Gefahr des Hängenbleibens und damit des Zeitverlustes ist mit dem Marginalsehen verbunden. Zeitgewinn- und Verlust liegen, wie schon bei den zeitlichen Modalitäten der Fernsehnutzung gezeigt wurde, eng beieinander.

2.2.3.3 Fernsehen als Ritual im Kontext wohlstrukturierter Zeit

(Neverla, 1992, 192-199)

Die VertreterInnen dieses Nutzungstyps kennzeichneten sich durch ihren wohlstrukturierten Tagesverlauf, in dem das Fernsehen einen klaren Platz zugewiesen bekomme. Dabei werde der Tagesverlauf entweder von der Berufstätigkeit oder von vielfältigen anderen Aktivitäten strukturiert. Quantitativ handele es sich um PuktuellseherInnen. Sie hätten eine geringe Fernsehdauer (1:08- 1:27), viele Fernsehtage (5,66-5,77) und zeichneten sich besonders durch die hohe Regelmäßigkeit (0,22) der Fernsehnutzung aus. Das Fernsehen werde hier zum Ritual, das Informations- und Mußebedürfnisse befriedigt. In diesem Fall strukturiert nicht das Fernsehen den Alltag der Befragten. Es stellt vielmehr eine gleichwertige Tätigkeit unter vielen anderen Tätigkeiten dar. Es ist somit eine Ergänzung in einem ansonsten gut strukturierten und weitgehend ausbalancierten Tagesverlauf (vgl. Neverla, 1992, 199). Inhaltliche Aspekte des Programms spielen hier folgerichtig eine große Rolle. Bestimmte Sendungen könnten dabei nicht nur zu einem Fixpunkt im Tagesverlauf werden, sondern auch in der Biographie der RitualseherInnen und damit zu einem Bezugspunkt ihrer Identität (Neverla, 1992, 192). Prädestiniert für diese Funktion des Fernsehens seien Nachrichtensendungen, aber auch andere Sendungen mit seriellem Charakter.

Nach Neverla ist das Fernsehen als Ritual Ausdruck einer weitgehend ausbalancierten Eigenzeit, in der die Rezipienten das Fernsehen am ehesten für ihre Zwecke nutzten. Die RitualseherInnen lassen sich deswegen am ehesten der Gruppe der ZeitmacherInnen zuordnen . Dies traf zwar teilweise auch auf die MarginalseherInnen zu, sie kennzeichneten sich jedoch durch einen weitaus weniger selbstbestimmten Umgang mit dem Medium. Von ihrer Zeitstruktur sind die RitualseherInnen auch am ehesten mit den von Sicking beschriebenen aktiven Nicht-FernseherInnen zu vergleichen. Bei ihnen spielte jedoch das Fernsehen unter den anderen Tätigkeiten immer schon eine untergeordnete Rolle und erlangte daher keinen Ritualcharakter. Die Unterschiede der beiden Gruppen lassen sich möglicherweise in unterschiedlichen Qualitätsansprüchen den Programminhalten gegenüber oder in biographischen Faktoren suchen.

2.2.3.4 Fernsehen als Interim im Kontext unstrukturierter Zeit

(Neverla, 1992, 199-203)

Nahezu diametral zu den RitualseherInnen lassen sich die InterimsseheInnen einordnen. Der Hauptunterschied lässt sich sicherlich in der bei diesem Typ unstrukturierten Zeit finden. Aber auch Unterschiede in der individuellen Zeitkultur könnten eine Rolle spielen. Ähnlich wie bei den BeschäftigungsseherInnen werde Fernsehen hier zum Füllen leerer Zeit benutzt. Der Unterschied besteht darin, dass es durchaus andere verbindliche Tätigkeiten gibt, die zwar offene Zeitstrukturen haben, jedoch anders als bei den MarinalseherInnen nicht parallel zum Fernsehen ausgeübt werden können. Prototypen seien FreiberuflerInnen, HeimarbeiterInnen, Studierende, Schicht- und TeilzeitarbeiterInnen. Sie kennzeichneten sich durch geringe Sehdauer (1:16-2:45), wenige Fernsehtage (2 - 4,67) und hohe Unregelmäßigkeit (0,57 - 0,72).

Das Fernsehen diene als Überbrückung leerer Zeitabschnitte und zur Befriedigung von Mußebedürfnissen. Dabei spielt die eskapistische Funktion des Fernsehens hier eine besondere Rolle. Die suchtgefährdenten Nutzungstypen werden wir daher auch hier - oder gerade hier antreffen. In dem nachfolgendem Beispiel findet sich zumindest ein Motiv für die Abschaffung des Fernsehgerätes, das den Motiven in Sickings Beispielen sehr ähnelt. (vgl. Sicking, 1999, 161- 207)

Der Studenten Herr G (27) sehe in Lernpausen mit dem geliehenen Fernsehapparat fern. Er sei jedoch froh, wenn er diesen wieder los sei, weil er ihn vom Lernen abhalte. Hier werden die zeitlichen Modalitäten des Fernsehens besonders tückisch. Die schnelle und zeitsparende Möglichkeit, sich beim Fernsehprogramm Erholung und Entspannung zu holen, überdeckt zunächst die Gefahr des Hängenbleibens, die jedoch hinsichtlich der offenen Zeitgestalt der anderen Tätigkeit besonders hoch ist.

„Das Phänomen des Hängenbleibens in der Endloszeit des Fernsehens ist dem Interimssehen deshalb in besonderem Maße zu eigen, weil dieses ein undurchschaubares Konglomerat von Zeitgestaltung, Mußewunsch und Zufall darstellt.“ (Neverla, 1992, 201)

Als einen „Ausweg“ schlägt Neverla den Übergang zum Marginalsehen vor, so dass sich das Fernsehen mit den anderen Tätigkeiten verbinden ließe. Dies scheint mir jedoch aufgrund der zu hohen mentalen Anforderungen der anderen Tätigkeiten nicht möglich.

2.2.3.5 Fernsehlose Zeit im Kontext der Auszeit Urlaub

(Neverla, 1992, 203-205)

Bei allen bisher genannten Nutzungstypen stand für Neverla die Suche nach der Eigenzeit als zentrales Motiv, die sich die unterschiedlichen Nutzungstypen mit Hilfe des Fernsehens zu verschaffen suchten (Neverla, 1992, 166). Bei allen Nutzungstypen bestand die Zeitknappheit in einem Mangel an Eigenzeit, in einem Mangel an Zeit zur Befriedigung der eigenen Bedürfnisse. Mehr oder weniger scheinen es die individuellen Temporalstrukturen zu sein, die diese Zeitnot verursachen oder sogar der Möglichkeit von Eigenzeit widersprechen. Bei den RitualseherInnen scheint Eigenzeit noch am ehesten im Einklang mit den individuellen Temporalstrukuren als Ausdruck der eigenen Lebensgestaltung und Selbstverwirklichung zu stehen. Bei den eher zeitfügsamen Typen scheint die Temporalstruktur eine eigenständige fremde Macht darzustellen, die eine eigene Gestaltung des Alltages nahezu ausschließt. Die Gefahr, sich durch das Fernsehen auch die verbleibende disponible Zeit füllen und strukturieren zu lassen ist bei ihnen deswegen groß. Erst im Rahmen der Auszeit Urlaub, wenn die üblichen Temporalstrukturen außer Kraft gesetzt werden, scheint für alle Eigenzeit ohne Fernsehen möglich zu sein. Die wesentlichen Motive, die wir in Abhängigkeit von Zeitstruktur- und Kultur kennengelernt haben, entfallen im Urlaub: Es gibt keinen Grund, ökonomisch und möglichst sparsam mit der Zeit umzugehen. Auch die Mußebedürfnisse werden im Urlaub auf andere Art und Weise zufrieden gestellt. Dementsprechend berichteten Neverlas Befragte bis auf eine Ausnahme, dass sie im Urlaub kein Fernsehen guckten. Die Ausnahme stelle ein Ehepaar dar, dass zu den RitualseherInnen zähle. Hier zeigt sich noch einmal, wie fest das Fernsehen in den Temporalstrukturen der RitualseherInnen einbaut ist.

Es wäre jedoch sehr wahrscheinlich, dass sich auch im Urlaub die unterschiedlichen Zeitkulturen auf die Urlaubsgestaltung auswirken. ZeitmacherInnen und Zeitfügsame dürften sich auch dort hinsichtlich eher aktiver und eher passiver Tätigkeiten unterscheiden. Hierüber lassen sich aber aufgrund Neverlas Befragungen keine Aussagen machen.

2.2.3.6 Zusammenfassung

Fassen wir die von Neverla gefundenen Ergebnisse und meine Schlussfolgerungen zum Zusammenhang individueller Zeitstruktur-, kultur und Fernsehnutzung unter Berücksichtigung der weiteren hier zitierten Befunde zusammen. Das Fernsehen als Beschäftigung tritt im Zusammenhang mit einer eher passiven zeitfügsamen Alltagsgestaltung auf. Die VertreterInnen dieser Nutzungsweise suchen nach äußeren Strukturierungen ihres Alltags. Dies fängt schon bei der Arbeit an, bei der sie sich eher als machtlos erleben, und setzt sich in der Freizeit fort. Dies hatten wir bei dem Schankkellner Herr H gesehen, aber auch bei der Rentnerin Frau T. Was die Zeitwahrnehmung betrifft, so scheint die Zeit für sie insgesamt eher langsam zu vergehen. Die Fernsehzeit verläuft dagegen vergleichsweise schnell. Das Fernsehen sorgt im ereignis- und reizarmen Alltag der Beschäftigungsseher für eine höhere Ereignisdichte und damit für entsprechende mentale Stimulation und das Vergessen der Zeit. Es beseitigt damit das Ausgeliefertsein einer Situation mit zu wenig Informationen, um mit Wilkes Worten zu sprechen (vgl. Wilke, 258). Diese Sichtweise lässt sich noch um die motivationspsychologische Perspektive von Berlyne ergänzen: Normalerweise löst ein niedriger Reizeinstrom, wie er im Alltag der Beschäftigungsseher häufig auftritt ein „diversives“ Neugierverhalten hervor, mit dem der Organismus einem zu geringen Aktivierungspotential entgegen zu wirken versucht. Das Fernsehen bietet sich in dieser Situation als Reizquelle an und scheint mit seinem diversiven Programmangebot das Neugierverhalten zu kompensieren. Es sorgt für Stimulation und Zerstreuung und bringt das Aktivierungspotential auf ein mittleres Niveau zurück (vgl. Berlyne, 1974, 243-282). Das Fernsehen dient bei dem BeschäftigungsseherInnen also vorwiegend zur Bekämpfung von Langeweile und zum Zeitvertreib. Nebenbei erfüllt es alle Bedürfnisse nach Information, Unterhaltung und Muße. In der postkommunikativen Phase wird aber über die Fernsehnutzung vereinzelt Unzufriedenheit geäußert, was darauf hindeutet, dass das Fernsehen keinen gleichwertigen Ersatz für authentische Lebenserfahrungen bietet. Dies ist auch eines der zentralen Motive für die von Sicking beschriebenen Fernsehabschaffer. Bedenkenswert ist auch, dass die BeschäftigungsseherInnen mit hoher Wahrscheinlichkeit eher der Unterschicht zuzuordnen sind. Die eher passive Zeitkultur lässt auf die geringen gesellschaftlichen Gestaltungsmöglichkeiten schließen (oder umgekehrt). Die Schichtzugehörigkeit der von Neverla angeführten Beispiele sowie der Prototypen Rentner und Arbeitslose sind ein weiteres Indiz für diese Annahme. Auch die von Sicking genannten Untersuchungen über VielseherInnen scheinen dies zu bestätigen: „...handelt es sich bei ihnen doch zumeist um Angehörige der unteren sozialen Schichten. Ältere alleinstehende Personen, Rentner und Arbeitslose finden sich besonders häufig unter den Vielsehern.“(Sicking, 1999, 237). Eine ähnliche Fernsehnutzung findet sich auch bei den Interimssehern. Auch sie scheinen eher zu einer zeitfüllenden, zeitvertreibenden Fernsehnutzung mit eskapistischen Tendenzen zu neigen. Von ihrer Zeitkultur sind sie jedoch weniger eindeutig zuzuordnen, da ihr Alltag stark von ihren unregelmäßigen Arbeitszeiten bestimmt wird, und nur bedingt Raum für individuelle planbare Gestaltung bleibt, die Aufschlüsse über die jeweilige Zeitkultur böte.

Einen eher zeitgestalterischen Umgang mit Zeit gibt es hingegen bei den MarginalseherInnen, wobei die Übergänge sicherlich fließend sind. Von einer erlebnisorientierten Alltagsgestaltung und dem Streben nach authentischer Lebenserfahrung wie bei den aktiven Nichtsehern kann sicherlich keine Rede sein. Die zur Verfügung stehende Zeit wird vorwiegend im Haus verbracht. Es lässt sich aber sagen, dass sich dieser Typus weder ausschließlich mit dem Reizeinstrom durch „stupide“ Hausarbeit noch durch ausschließliche Fernsehnutzung zufrieden gibt. Um ein mittleres Aktivierungsniveau aufrecht zu erhalten, bedienen sie sich einer Kombination aus Fernsehen und anderen Tätigkeiten. Das Fernsehen ermöglicht so auch bei ihnen, eine mehr oder weniger konstante Ereignisdichte über den Tagesverlauf aufrecht zu erhalten. Dieses Motiv lässt sich eigentlich bei allen Nutzungsmustern finden. Fernsehen überbrückt und normalisiert die enormen Ereignisschwankungen der „realen“ Welt. Deswegen tritt es besonders verbreitet dort auf, wo es keinen durch andere Tätigkeiten gefüllten und strukturierten Tagesverlauf gibt. Fernsehen bietet sich dann als Tätigkeit an, die im Gegensatz zu anderen Tätigkeiten auf der einen Seite wesentlich weniger Planung und Überlegung erfordert und auf der anderen Seite weniger Aufmerksamkeit als beispielsweise das Lesen. Das macht es eben auch mit anderen Tätigkeiten vereinbar.

Der Planungsaufwand für andere Tätigkeiten als Alternative für das Fernsehen geht jedoch gegen Null, wenn diese feste Gewohnheiten in einem strukturierten Tagesverlauf darstellen wie bei den RitualseherInnen. Der strukturierte und vorhersehbare Tagesverlauf ist dafür jedoch Voraussetzung. Auch die Fernsehnutzung selbst stellt bei ihnen eine solche feste Gewohnheit dar, die dann meist auch mit voller Aufmerksamkeit zelebriert wird. Fernsehen dient bei ihnen vor allem der Entspannung, Erholung und auch (im Fall von Nachrichtensendungen) der Information. In der Alltagsgestaltung stabilisiert es Gewohnheiten und bietet einen Ausgleich für eher anstrengende Tätigkeiten. Vom Aktivierungsniveau sorgt es beispielsweise für einen ‘sanften Übergang’ von dem sehr ereignisdichten (Arbeits-)Tag zur ereignisarmen Nachtruhe.

Die Tatsache, dass Werktätigkeit und äußere Strukturierung des Tagesverlaufs keine Voraussetzung für diese am ehesten selbstbestimmte Fernsehnutzung ist, bestätigt die hier eindeutige zeitgestaltende und aktive Orientierung im Umgang mit Zeit. Die VertreterInnen dieses Typus neigen dazu, sich selbst Temporalstrukuren aufzubauen, die ihre Bedürfnisse befriedigen. Die Fernsehnutzung dient dabei einer speziellen und geradezu gezielten Bedürfnisbefriedigung, während sie bei den BeschäftigungsseherInnen ein ganzes Spektrum eher diffuser Bedürfnisse befriedigen soll.

Möglicherweise noch aktiver und gestalterischer im Umgang mit Zeit sind die verschiedenen Typen von NichtfernseherInnen. Bedürfnisse nach Ruhe und Entspannung werden bei ihnen durch andere Tätigkeiten befriedigt, beispielsweise durch das Lesen. Informationsbedürfnisse werden durch andere Medien wie Zeitung und Radio abgedeckt. Es ist davon auszugehen, dass es sich bei ihnen in vielerlei Hinsicht um sehr anspruchsvolle - vielleicht die anspruchvollsten - (Mediennutzungs-)Typen handelt. Bei ihnen lässt sich noch einmal der Einfluss der sozialen Schicht bzw. des Bildungsniveaus auf die individuelle Zeitkultur aufzeigen. Gehörten die zeitfügsamen BeschäftigungsseherInnen hauptsächlich zu den unteren sozialen Schichten, lassen sich die NichtfernseherInnen eher der gehobenen Mittelschicht zuordnen. 75 % der von Sicking befragten haben Hochschul- oder Fachhochschulreife (gegenüber. 25 % bei Neverlas Befragten), und 63,2 % verfügen über ein mittleres oder gehobenes Einkommen (vgl. Sicking, 1999, 227-231; Neverla, 1992, 133). Bemerkenswert ist auch, dass die fernsehfreie Lebensweise offenbar mit einer überaus hohen Zufriedenheit einhergeht. (vgl. Sicking, 1999, 219-221).

Ich komme zum Schluss dieser Arbeit und möchte deshalb auf die Ausgangsfragestellung zurück kommen.

Schluss

Ich hatte am Anfang nach den Motiven für die Fernsehnutzung bezüglich des subjektiven Zeiterlebens in Abhängigkeit individueller Temporalstrukturen und individueller Zeitkultur gefragt. Ich bin bereits in der Zusammenfassung über die verschiedenen Typen von Fernsehnutzungsmustern hinreichend auf die unterschiedlichen Motive bzw. deren unterschiedliche Gewichtungen eingegangen. Ich will nun versuchen, Verallgemeinerungen über den Zusammenhang von Temporalstrukturen, Zeitkultur und Fernsehnutzung abzuleiten.

Vergleicht man alle Nutzungstypen, so lässt sich eine allgemeine Tendenz feststellen. Je passiver und fügsamer der Umgang mit Zeit, desto höher der Stellenwert des Fernsehens als zeitfüllendes- und/oder strukturierendes Medium. In diese Tendenz lässt sich auch die Schichtzugehörigkeit einordnen: Je niedriger die soziale Schicht bzw. das Bildungsniveau, desto zeitfügsamer, desto höher der Einfluss des Fernsehens auf die individuellen Temporalstrukturen. Ob auch der Grad der Zufriedenheit mit der eigenen Zeitgestaltung mit abnehmender bzw. gezielterer Fernsehnutzung und aktiverer Zeitgestaltung zunimmt, würde den Rahmen zulässiger Vereinfachung möglicherweise überschreiten. Die hohe Zufriedenheit der Ritual- und NichtseherInnen auf der einen Seite und die vereinzelten Berichte über Unzufriedenheit bei den anderen Nutzungsformen auf der anderen Seite weisen jedoch auf diese Hypothese hin. Aber hier bedarf es sicherlich weiterer Forschung, um genauere und differenziertere Aussagen machen zu können. Mir sind jedenfalls keine Untersuchungen bekannt, die diese Frage zum Thema haben.

Eines, was im Rahmen dieser Arbeit nicht geklärt werden konnte, ist sicherlich die Frage wie Schichtzugehörigkeit, Temporalstrukturen, Zeitkultur und Fernsehnutzung kausal zusammenhängen. Eines ist jedenfalls wahrscheinlich: Es wird keine einseitige lineare Verkettung dieser Faktoren geben. So wird ein niedriger sozialer Status nicht notwendig zur Passivität führen und Passivität nicht notwendig zu hoher Fernsehnutzung. Auf der anderen Seite kann es natürlich sein, dass die Fernsehnutzung eine passive zeitfügsame Haltung eher stützt. Dies ist z.B. bei den Beschäftigungs- oder InterimsseherInnen wahrscheinlich, die zwangsläufig etwas anderes - vielleicht häufig etwas Aktiveres - machen würden, wenn kein Fernseher zur Verfügung stünde. Wahrscheinlich ist, dass sich die genannten Faktoren gegenseitig beeinflussen.

Um nicht die vielen Unterschiede zwischen den einzelnen Nutzungstypen hier erneut zu wiederholen, lässt sich doch eines sagen, was ihnen allen gemeinsam ist. Sie zielen alle darauf ab, durch ihre Fernsehnutzung, stets ein gut zu verarbeitendes stimulierendes Ereignisniveau aufrecht zu erhalten, so dass möglichst selten die Zeit in ihrer abstrakt-linearen Form zu Bewusstsein kommt. Die eher passiven Typen tun dies oft mit Hilfe des Fernsehens, die eher aktiven mit Hilfe unterschiedlichster anderer Aktivitäten. Das Streben nach Zeitlosigkeit scheint ein existentielles menschliches Phänomen zu sein, in dem der Mensch die Begrenztheit seiner Lebenszeit zu vergessen oder vielleicht auch zu überwinden scheint.

Ein Themenkomplex ist bei meinen Ausführungen weitgehend unberücksichtigt geblieben. Die Rede ist von den Inhalten. Einige Autoren beobachten die Entwicklung der Programminhalte mit Skepsis. So befürchtet

Wolfgang Neumann-Bechstein, dass zugunsten eines jederzeit leichten Einstiegs in das Programm inhaltliche

Vielfalt auf der Strecke bliebe (vgl. Neumann-Bechstein, 19, 49 ff.). Auch Beck weist darauf hin, dass aus der ökonomisch begründeten Angst vor dem Verlust der Zuschauer immer mehr in kürzerer Zeit gesendet würde, so dass einige Themen mitunter nicht mehr sachgerecht vermittelt werden könnten (vgl. Beck, 1999, 539 f.). Sicherlich hat das Fernsehen mit seinen Beschleunigungstendenzen zum Teil auf bestimmte (unterstellte) Nutzungsweisen reagiert. Inwieweit lässt sich dies durch die hier referierten Ergebnisse stützen? Die Rolle der Inhalte ist sicherlich hinsichtlich der unterschiedlichen Nutzungstypen ambivalent zu beurteilen. Auf der einen Seite spielen die Inhalte als Zeitmarken gerade bei den RitualseherInnen, aber auch bei den BeschäftigungsseherInnen weiterhin eine große Rolle. So hat das Fernsehen seinen Erfolg auch gerade Sendungen mit seriellem Charakter wie Serien oder Nachrichten mit ihrem ausgewogenen Verhältnis von Neuem und Bekannten zu verdanken (vgl. Beck 1999, 544). Neverla sagt über Nachrichtensendungen: Ihre zyklische Form verbinde sich mit der Linearität ihrer Inhalte und vermittle so zwischen Weltzeit und Alltagszeit (Neverla, 1992, 211) In diesem Nutzungskontext lässt also keineswegs von einer beliebigen Nutzung sprechen, bei der die Inhalte in den Hintergrund träten.

Auf der anderen Seite prognostiziert Neverla in ihrem Schlusswort, dass insbesondere die Nutzungsformen, bei denen die Inhalte zunehmend in den Hintergrund zu treten und der Einstieg ins Programm beliebig zu werden scheinen, zunehmen werden. Dies trifft auf die Marginal-, die Interims und insbesondere die TemposeherInnen zu (vgl. Neverla, 1992, 217-225). Gerade letztere dürften durch die Zunahme von Haushalten mit Kabel- oder Satellitenfernsehen und den Anstieg der zu empfangenden Sender weitere Verbreitung gefunden haben. Nach Neverla ist diese Nutzungsform Ausdruck eines Bedürfnisses nach gewissermaßen eigenen Bildern (vgl. Neverla, 1992, 214). Möglicherweise ist dies auch ein Indiz auf inhaltliche Mängel des Fernsehprogramms. Solche Mängel wurden ja auch von den verschiedenen FernsehabschafferInnen als ein Grund für die Abwendung vom Fernseher genannt (vgl. Sicking, 1999, 220). Deren Zahl habe sich nach Sicking übrigens von 1997 bis 1999 nahezu verdoppelt (vgl. ebd., 1999, 7).

So lässt sich abschließend eine zwar differenzierte, in der Tendenz jedoch eher kritische Haltung gegenüber dem Fernsehen einnehmen. Auf der einen Seite gilt die Kritik sicherlich den Programminhalten. Auf der anderen Seite scheinen bestimmte Nutzungsformen beliebigen, anspruchslosen und oberflächlichen Programminhalten aber auch entgegen zu kommen. Kritisch zu betrachten ist die Fernsehnutzung aber vor allem hinsichtlich ihrer Funktion in der individuellen Alltagsgestaltung einiger Nutzungstypen. Insgesamt waren diejenigen, die das Fernsehen selbstbestimmt für ihre Zwecke instrumentalisierten eher die Minderheit. Bei vielen dürfte das Fernsehen eine selbstbestimmte Alltags- und Lebensgestaltung eher hemmen als fördern. Selbstbestimmte Fernsehnutzung im Einklang mit den eigenen Lebensvorstellungen - und Entwürfen scheint einer gewissen Mündigkeit, Kompetenz und Selbstdisziplin der Rezipienten im Umgang mit dem Medium bzw. der gesamten Alltagsgestaltung zu bedürfen. Ursachen für das Fehlen dieser Kompetenz liegen vermutlich im gesamten Sozialisationsprozess im Elternhaus, in der Schule und später in der Arbeitswelt. Offenbar erleben viele dort keine aktiven Gestaltungsmöglichkeiten und erlernen dementsprechend keine entsprechenden Strategien zur Gestaltung ihrer Lebenssituation. Wie ich erwähnt habe, ist dieses Problem auch ein Problem sozialer Ungleichheit. Eine Herausforderung der Zukunft wird sicherlich sein, höhere Qualitätsstandards für das Fernsehprogramm aufzustellen, die größere wird sein, die sozialen Unterschiede der NutzerInnen hinsichtlich ihrer individuellen und sozialen Gestaltungsmöglichkeiten zu überwinden. In einer für alle selbstbestimmten und ausgewogenen Zeitgestaltung wird auch das Fernsehen seinen Platz einnehmen und sogar einen positiven Beitrag dazu leisten können.

Literaturliste

Beck, Klaus: Medien und die soziale Konstruktion von Zeit. Über die Vermittlung von gesellschaftlicher Zeitordnung und sozialem Zeitbewußtsein, Opladen, 1994

Beck, Klaus: Zwischen Zeitnot und Langeweile, Über die Vielfalt der Medienzeiten und die Zeitgestaltung der Mediennutzer, in Universitas (54/6), 1999, S 538-550

Berlyne, D. E., Konflikt, Erregung, Neugier, Stuttgart, 1974, S 243-282

Jörg, Sabine: Sehen im Zeitraffer. Wie der Fernsehzuschauer die Welt wahrnimmt, in Hömberg, Walter [Hrsg.], Zeit, Raum, Kommunikation: München, 1992, S 277-285

Neumann-Bechstein, Wolfgang: Zeitloses Fernsehen - beliebiges Fernsehen? Die Aufhebung der Zeitbindung und ihre Folgen für Strukturen und Inhalte der Fernsehprogramme, in Hömberg, Walter [Hrsg.], Zeit, Raum, Kommunikation: München, 1992, S 44-54

Neverla, Irene: Fernsehzeit. Zuschauer zwischen Zeitkalkül und Zeitvertreib, München, 1992. S 25-35, 115- 225

Pöppel, Ernst, zitiert nach Wilke, Jürgen: Mediennutzung und Zeitgefühl, in Hömberg, Walter [Hrsg.], Zeit, Raum, Kommunikation: München, 1992, S 538-550

Reeder, G. D., McCormick, C. B., Esselman, E. D. (1987): Self-referent processing and recall of prose, in Journal of Educational Psychology (79), S 243-248

Schneider, Norbert Jürgen: Zeitstrukturen in Musik und Filmmusik, in Hömberg, Walter [Hrsg.]: Zeit, Raum, Kommunikation, München, 1992, S 225-233

Schulz, Winfried, zitiert nach Sicking, Peter: Leben ohne Fernsehen. Eine qualitative Nichtfernseherstudie.

2.Auflage, Wiesbaden, 1999, S 236

Shirey, L. L., Reynolds, E. (1988): Effects of interest on attention and learning, in: Journal of Educational Psychology (79), S 159-166

Sicking, Peter: Leben ohne Fernsehen. Eine qualitative Nichtfernseherstudie. 2.Auflage, Wiesbaden, 1999, S 45-237

Wilke, Jürgen: Mediennutzung und Zeitgefühl, in Hömberg, Walter [Hrsg.], Zeit, Raum, Kommunikation: München, 1992, S 538-550

Winterhoff-Spurk: Peter, Fernsehen und Weltwissen. Der Einfluss von Medien auf Zeit- Raum- und Personenschemata, Opladen, 1989, S 62-73

[...]


1 wie alles, über das wir sprechen; denn die kognitiven Prozesse, die mit Bewusstsein zu tun haben treten erheblich später nach Darbietung eines Reizes auf als die peripheren Prozesse der Wahrnehmung, angeborene Reflexe oder automatisierte Reaktionen.

2 wobei wir uns im Klaren darüber sein müssen, dass wir diese Schätzungen - zumindest implizit - immer an der

standardisierten chronometrischen Zeit messen. Wir werden z.B. sagen, eine Zeitspanne ist uns sehr kurz vorgekommen, wenn mit Blick auf die Uhr vergleichsweise viel Zeit verstrichen ist.

3 Diese Angaben über deren mögliche Dauer schwanken zwischen 100 msek. - 5 sek (Winterhoff-Spurk, 1989, 63), bis

max. 3 sek. (Beck, 1994, 68/69), bis 10 sek. (A.E. Adams; Quelle: siehe Beck), zwischen 2,3 und 12 sek. (Schaltenbrand; Quelle siehe Beck) bis hin zu 40 sek (Schneider, 1992, 225)

4 Als Beispiel für die Begrenztheit des menschlichen kognitiven Systems nennt Beck, dass es höchstens 30 Ereignissen pro Sekunde sind, die wir noch in eine zeitliche Reihenfolge bringen können (Beck, 1994, 68).

5 Der positive Einfluss dieser beiden Faktoren auf die Informationsverarbeitung wurde u.a. von den PsychologInnen Reeder, McCormick, Esselman (1987), Shirey und Reynolds (1988) experimentell nachgewiesen.

6 In seiner eskapistischen Funktion ist das Fernsehen mit seinem Suchtpotential durchaus mit dem von Drogen

vergleichbar, wie dies am Beispiel des suchtgefährdeten (Nicht-)Fernseher-Typs deutlich wird. (siehe Sicking, 1999, 161-203)

7 Die Regelmäßigkeit ist eine Größe zwischen 0 und 1; je kleiner der Wert, desto regelmäßiger die Nutzung.

24 von 24 Seiten

Details

Titel
Fernsehnutzung und Zeit. Fernsehnutzung im Kontext individueller Temporalstrukturen, individueller Zeitkultur und subjektiven Zeiterlebens
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum
Veranstaltung
Medienaltag. Familie, Fernsehen, Neue Medien
Note
1,3
Autor
Jahr
2002
Seiten
24
Katalognummer
V109077
Dateigröße
410 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Fernsehnutzung, Zeit, Kontext, Temporalstrukturen, Zeitkultur, Zeiterlebens, Medienaltag, Familie, Fernsehen, Neue, Medien
Arbeit zitieren
Jörn-Jakob Surkemper (Autor), 2002, Fernsehnutzung und Zeit. Fernsehnutzung im Kontext individueller Temporalstrukturen, individueller Zeitkultur und subjektiven Zeiterlebens, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/109077

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