Psychologie des Materialismus. Über die Konsequenzen des Materialismus für die Willensfreiheit und das Bewusstsein bei Julius Schaller


Hausarbeit (Hauptseminar), 2003

14 Seiten, Note: 2,0


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Inhalt

Einleitung

1 Schallers Überlegungen zu Materialismus, Willensfreiheit und Bewusstsein
1.1 Materialismus als allumfassende Naturnotwendigkeit
1.2 Bewusstsein als Emanzipation von Naturnotwendigkeit
1.3 Materialismus und Bewusstsein

2 Materialismus und Geist – ist das ein Widerspruch?

Materialismus und freier Wille

Schlussbemerkungen

Literaturverzeichnis

Einleitung

Mit den neusten Erkenntnissen in den Neurowissenschaften wird jüngst eine sehr alte Diskussion wieder aktuell: die Diskussion um die Willensfreiheit. So genannte bildgebende Verfahren ermöglichen es, mentale Prozesse mit bestimmten Vorgängen in unserem Gehirn zu identifizieren. Vielleicht ist es nur noch eine Frage der Zeit bis auch unsere Entscheidungen, unser Wille und unsere Handlungen vollständig neurophysiologisch erklärt werden können. Sofern aber auch mentale Phänomene auf diese Art und Weise dem Bereich des Physischen zugeordnet werden können, stellt sich zunehmend die Frage, welchen Raum das Mentale überhaupt noch einnimmt. In der Natur ist alles durch Naturgesetze determiniert. Wie und wo ist Freiheit noch möglich, wenn auch unser Wille Teil dieser materiellen Natur ist? Einige Forscher, wie der Direktor des Max Planck-Institutes für Psychologische Forschung, Wolfgang Prinz, vertreten die Ansicht, dass die Idee eines freien menschlichen Willens mit wissenschaftlichen Überlegungen – und das sind für ihn materialistische Überlegungen – prinzipiell nicht zu vereinbaren sei[1]. Doch eine solche Position hätte weit reichende Konsequenzen für unsere Vorstellung von Verantwortung, unser Rechtssystem und nicht zuletzt unser Selbstverständnis. Grund genug, sich hier mit der Diskussion um Materialismus und Willensfreiheit auseinander zu setzten.

Dass diese Diskussion keineswegs neu ist, zeigt Julius Schaller mit seinem Buch, „Leib und Seele. Zur Aufklärung über ‚Köhlerglauben und Wissenschaft’“ aus dem Jahre 1855. Es ist gewissermaßen als eine Reaktion auf einen schon damals vorherrschenden Trend zu verstehen, in dem jegliche nicht-materialistischen Auffassungen gewissermaßen als „Köhlerglaube“ herabgewürdigt wurden. In dem Kapitel „Psychologie des Materialismus“ setzt sich Schaller kritisch mit den Konsequenzen einer materialistischen Position zum Leib-Seele-Problem auseinander. Auch Schaller vertritt die Auffassung, dass eine materialistische Position mit dem freien Willen nicht zu vereinbaren sei. Im Gegensatz zu Prinz zieht er aber daraus die Konsequenz, dass etwas am Materialismus nicht stimmen kann. Ziel meiner Arbeit ist in erster Linie die Darstellung dieses Kapitels und eine kritische Diskussion Schallers Überlegungen. Dabei soll insbesondere die Frage geklärt werden, ob der Materialismus mit dem Phänomen des Bewusstseins und der Willensfreiheit prinzipiell unverträglich sei oder ob und wie beides ineinander integriert werden könnte. Zunächst sollen also Schallers Überlegungen dargestellt werden. Anschließend folgt die kritische Diskussion, in der auch auf andere Quellen Bezug genommen werden soll. Zum Schluss soll es noch eine abschließende Bewertung und einen Lösungsvorschlag geben.

1 Schallers Überlegungen zu Materialismus, Willensfreiheit und Bewusstsein

Ziel des Kapitels „Psychologie des Materialismus“ ist ein konsequentes Zu-Ende-Denken des Materialismus, wie er bereits im 19. Jahrhundert vertreten wurde; freilich um ihn in seiner letzten Konsequenz als eine Unmöglichkeit darzustellen. Schaller versucht dabei gewissermaßen ein Sinnkriterium anzugeben, dass der Materialismus erfüllen müsste, um als verifiziert zu gelten: Er müsste zeigen, dass es sich bei allen geistigen Prozessen in Wirklichkeit lediglich um physische Prozesse handelt. Bei seiner Argumentation stützt Schaller sich in erster Linie auf die „Tatsache des Bewusstseins“, welches seiner Ansicht nach die Hauptschranke für den Materialismus hinsichtlich dieses Sinnkriteriums darstelle[2]. Ich will zunächst den Materialismus auf der einen Seite und das Wesen des Bewusstseins auf der anderen Seite kurz skizzieren, um den Grundwiderspruch, um den es Schaller in diesem Kapitel geht, deutlich zu machen. Anschließend soll es darum gehen, welche Möglichkeiten der Materialismus in Schallers Augen hat, diesen Widerspruch zu lösen.

1.1 Materialismus als allumfassende Naturnotwendigkeit

Der Materialismus ist diejenige (monistische) Auffassung von der Welt, die davon ausgeht, dass alles nur aus einer Substanz, nämlich Materie bestehe, dass es also daneben weder eine andere, mentale Substanz gebe (Substanzdualismus), noch dass es mentale Eigenschaften gebe, die nicht auf physische reduziert werden könnten (Eigenschaftsdualismus). Diese Materie gehorcht aber nun dem Gesetz der Kausalität, nach dem nichts ohne Ursache geschehe. Ist eine Ursache aber gegeben, so folgt aus ihr mit Notwendigkeit eine bestimmte Wirkung. Wenn aber auch unsere Handlungen und unser Wille nichts weiter als Materie sind, dann gehorchen auch sie eben solchen Gesetzen. Ist also eine bestimmte Ursache gegeben, dann ist es für uns unmöglich, uns anders zu verhalten, sodass unser Handeln nicht die Wirkung dieser Ursache wäre. Aus dieser Auffassung zieht Schaller folgerichtig den Schluss: „Fassen wir diesen ganzen, den Menschen producirenden und auch wieder vernichtenden Prozeß in streng materialistischer Weise, so kann freilich von einem freien Entschluß keine Rede sein [sic!][3].“ Schaller geht sogar in seiner Konsequenz so weit, dass gar kein geistiges Leben möglich wäre, aber dazu später.

1.2 Bewusstsein als Emanzipation von Naturnotwendigkeit

Auf der anderen Seite haben wir das Bewusstsein als „Tatsache der inneren Erfahrung“, welches die „factische Emancipation vom Reiche der Natur [sic!]“, also jener Materie, darstelle[4]. Im Bewusstsein, so Schaller lösten wir uns von dieser reinen Positivität der Natur durch das Mittel der Reflexion.

„In dem Bewußtsein trenne ich mich, wenn auch zunächst in theoretischer Weise, von meinen manichfach wechselnden Trieben und Begierden los; diese reißen mich nicht besinnungslos mit sich fort; ich gehe nicht mit meiner ganzen Innerlichkeit in sie auf, sondern ich reflectire über sie, mache sie zum Gegenstande meiner Beobachtung [sic!].“[5]

Aufgrund dieser Distanz können wir unseren momentanen Trieben etwas entgegensetzen, das uns zum Aufschub oder Unterlassen einer Reaktion bringen kann. Ohne diese Distanz wäre so etwas wie eine Entscheidung nicht denkbar, denn eine Entscheidung kann es nur geben, wenn eine Unentschiedenheit zwischen mehreren Handlungsmöglichkeiten vorhergehe. Wenn unsere Handlungen nur die Wirkung einer Ursache wären, so wäre eine solche Unentschiedenheit, das Vorstellen, mehrerer Handlungsmöglichkeiten, nicht denkbar. Schaller sieht dieses Bewusstsein von Willkür, also mehrere reale Handlungsmöglichkeiten offen zu haben, als eine unbestreitbare Tatsache an, die im krassen Gegensatz zur materialistischen Auffassung stehe[6].

1.3 Materialismus und Bewusstsein

Nach Schaller hat der Materialismus nun zwei Möglichkeiten, mit dem Phänomen des Bewusstseins umzugehen. Die erste wäre, eine Interaktion zwischen Körper und Geist vollkommen in Abrede zu stellen[7]. Das Bewusstsein hätte demnach gar keinen Einfluss auf unser Verhalten. Dass wir unsere Handlungen, als eine Folge unserer (bewussten) Entscheidungen betrachteten, wäre dann nur Illusion. Nur durch Zufall oder durch nachträgliche Konstruktion, hätten wir den Eindruck, dass auf bestimmte Entscheidungen oder einen bestimmten Willen, bestimmte dazu passende Handlungen folgten. Ob wir nun das Bewusstsein über bestimmte Handlungen haben oder nicht, das, was wir tun, geschieht vollkommen unabhängig davon. Zur Illustration nennt Schaller hier das Beispiel des Schlafwandelnden, der ja auch in der Lage sei, komplizierte Bewegungen auszuführen, ohne dabei Bewusstsein zu haben.

Auch wenn dieses Beispiel hinken mag, tatsächlich gibt es auch in neuerer Zeit Vertreter, die behaupten, wir träfen Entscheidungen, bevor wir Bewusstsein darüber erlangten; so z.B. Wolfgang Prinz[8], im Interview mit „Das Magazin“. Dieser beruft sich dabei auf das sog. Libet-Experiment, das laut Prinz diese Schlussfolgerung nahe lege. Demnach täten wir nicht, was wir wollten, sondern wir wollten, was wir täten. Diese Auffassung ließe sich in ihrer modernen Variante als Epiphänomenalismus bezeichnen; d.h. das Bewusstsein wäre nur eine Begleiterscheinung körperlicher Prozesse. Es wird von körperlichen Prozessen verursacht, kann aber selbst nicht auf körperliche Prozesse Einfluss nehmen. Aber auch die älteren dualistischen Positionen des Parallelismus und des Okkasionalismus gehen von einer Nicht-Interaktion von Körper und Geist aus. Auch Schaller weist darauf hin, wie nahe sich hier der Materialismus und der im entgegen gesetzte Dualismus stehen[9]. Der Parallelismus besagt, dass Körperliches und Geistiges voneinander unabhängig existierten und nur durch Gott in Form einer prästabilierten Harmonie gewissermaßen aufeinander abgestimmt seien, wie zwei synchronisierte Uhren. Der Okkasionalismus besagt, dass Gott Körper und Geist nur anlässlich bestimmter Ereignisse aufeinander einwirken lasse[10]. Zu denken wäre hier vielleicht an biblische Wunder, bei denen Gott in das irdische Geschehen eingegriffen haben soll.

Nach Schallers Auffassung sei nun aber die Annahme einer Nicht-Interaktion von Körper und Geist aus Sicht des Materialismus nicht konsequent. Denn der Materialismus müsse eine solche gar nicht in Zweifel ziehen, wenn er davon ausgehe – und das tut er ja –, dass Geistiges nur eine Form des Körperlichen sei[11]. In dieser Variante – und dies wäre die zweite Möglichkeit des Materialismus, das Phänomen des Bewusstseins zu erklären – hätte zwar das Bewusstsein einen (kausalen) Einfluss auf unser Verhalten, die Genese unserer Willensbildung, sowie aller anderen geistigen Tätigkeiten, wäre aber letztendlich durch physische Prozesse determiniert. Das Problem der Willensfreiheit wäre somit nur verschoben. Schaller versucht nun aber zu zeigen, dass nicht nur die Willensfreiheit nicht mit dem Materialismus vereinbar sei, sondern dass damit eigentlich jegliche geistigen Phänomene unserer inneren Erfahrung Dinge der Unmöglichkeit wären. So schreibt Schaller, dass mit der alles umfassenden Naturnotwendigkeit noch mehr untergehe, als nach dem Materialismus damit untergehen soll; „nämlich nicht bloß die innere Freiheit des Entschlusses, sondern auch seine Form, die Vorstellung, das Bewußtsein des Handelnden.“[12] Der Materialismus zöge eine ganz andere Form des Erlebens nach sich, was Schaller als nicht mehr bewusst, sondern bewusstlos und traumartig charakterisiert:

[…] ohne Willkür würde er [der Mensch] nicht nur instinctartig handeln, sondern auch instinctartig denken, d.h. er würde überhaupt nicht denken, nicht vorstellen, sondern nur den Trieb des Thuns empfinden und diesen Trieb, ohne Bewußtsein, ohne Überlegung auch ausführen. […] wir sind nicht die handelnden Subjekte, sondern der Ort, in welchem ein Naturprozeß vor sich geht [sic!].“[13]

Schaller meint, sobald jemand Bewusstsein von einem Naturprozess habe, kann er unmöglich selbst durch diesen Naturprozess determiniert sein: „Wo die allgemeinen Gesetze nicht bloß herrschen, sondern zugleich als solche, in ihrer Allgemeinheit gewusst und hingestellt werden, ist es auch mit der bloßen Naturnothwenigkeit [sic!] zu Ende.[14] “ Zwar gesteht Schaller ein, dass der Prozess des Bewusstseins in all seinen Stationen zugleich ein leiblicher Prozess sei, wie dies möglich sei, stellt er aber letztlich als eine noch offene Frage in den Raum[15]. Jedenfalls habe ich in diesem Kapitel keine Antwort darauf gefunden. Schaller hält also zumindest an einem Eigenschaftsdualismus fest, also an einer Nicht-Reduzierbarkeit mentaler Phänomene auf physische. Wenn es dem Materialismus aber gelingen sollte, das Bewusstsein als einen rein „physikalischen Apparat“ darzustellen, so sei der freie Wille und das Bewusstsein sicherlich eine Unmöglichkeit. Ich halte diese Schlussfolgerung allerdings für fraglich und will daher im Folgenden versuchen, sie kritisch zu hinterfragen.

2 Materialismus und Geist – ist das ein Widerspruch?

Angenommen dem Materialismus gelänge es also, das Bewusstsein als einen rein physikalischen Prozess darzustellen. Hätte Schaller mit seiner Konsequenz wirklich Recht? Was würde daraus folgen? In der Tat wäre der gesamte Prozess des Denkens nur ein Fluss von Ursachen und Wirkungen, und jede unserer geistigen Regungen wäre exakt determiniert. Aber warum sollte dadurch subjektiv nicht das Phänomen des Bewusstseins und der Entscheidungsfreiheit zustande kommen können? Warum folgt daraus, dass wir auch subjektiv den Eindruck hätten, instinktartig zu denken ? Diese Schlussfolgerung folgt meines Erachtens aus zwei Fehleinschätzungen Schallers. Die erste Fehleinschätzung besteht darin, dass Schaller Naturgesetze generell mit einfachen linearen Zusammenhängen assoziiert; etwa mit Gesetzen, nach denen sich anorganische Körper verhalten. Die zweite, darauf aufbauende Fehleinschätzung besteht darin, dass solche Gesetze durch deren Bewusstmachung durchbrochen würden. Zunächst möchte ich aber die erste Fehleinschätzung näher unter die Lupe nehmen.

Schaller meint – berechtigterweise –, dass Naturgesetze, wie er sie versteht, kein Bewusstsein hervorbringen können. „Die Planeten kommen durch die ewigen Gesetze, nach welchen sie sich bewegen, niemals zum Bewußtsein dieser Gesetze [sic!].“[16] Höchstwahrscheinlich hat Schaller damit Recht. Das heißt aber nur, dass die Gesetze, die möglicherweise für das menschliche Bewusstsein verantwortlich sind, nicht so ‚simple“ sind wie jene, welche die Planeten bestimmen. Natürlich läuft unser Überlegen, Entscheiden und Handeln nicht nach einfachen Reiz-Reaktions-Schemata ab – dann sicherlich wäre Bewusstsein nicht möglich –, aber wer sagt denn, dass alles in der Natur so einfach gestrickt ist? Diese Auffassung scheint aber bei Schaller unterschwellig mitzuschwingen und ist wohl Ausdruck einer ‚körperfeindlichen’ Tradition, in der der Mensch nur allzu gerne als die Krone der Schöpfung und als über die Natur erhaben dargestellt wurde. Warum aber soll nicht auch der Mensch in seinem geistigen Leben Naturgesetzen gehorchen, die wahrlich sehr viel komplexer und vielschichtiger sind, als wir es beispielsweise aus dem Tierreich kennen? Wir stehen heute vor vielen Phänomenen, die für uns nicht einfach gesetzesartig formulierbar sind; so z.B. der Mikrokosmos der Quantenphysik oder aber unser Gehirn. Das heißt aber nicht, dass es sich dabei um indeterminierte Bereiche in der Natur handelte. Auch wenn, wir die Gesetze, die für unser Bewusstsein verantwortlich sind, niemals vollständig ausformulieren könnten, so kann es doch sein, dass unser Bewusstsein bis ins kleinste Detail von solchen Gesetzen bestimmt ist. Warum sollte etwas Organisches wie unser Gehirn, das derart komplex ist, nicht auch etwas so Komplexes wie unser Bewusstsein hervorbringen können?

Die zweite Fehleinschätzung besteht darin, dass Schaller davon überzeugt ist, dass mit dem Bewusstsein um Naturnotwendigkeit diese Naturnotwendigkeit durchbrochen werde. Nehmen z.B. an, Folgendes sei ein Naturgesetz: Immer wenn ein Tier auf eine Nahrungsquelle trifft, wird es unter bestimmten nennbaren Bedingungen ohne Zweifel sofort von dieser Gebrauch machen. Wenn man aber diesem Tier Bewusstsein zuspräche, würde man ihm auch zugestehen, dass es die Wahl hätte, von dieser Nahrungsquelle Gebrauch zu machen und dass folglich, dass Gesetz, das den Gebrauch der Nahrungsquelle mit Sicherheit vorhersagen würde, seine Gültigkeit verlöre. Dies ist aber nicht ganz richtig. Denn wenn eine Ausnahme von einem Naturgesetz auftritt, folgt daraus ja nicht, dass etwa Kausalität durchbrochen würde, sondern man würde sagen, das Gesetz wurde nicht richtig formuliert. Man habe beispielsweise bestimmte Bedingungen nicht berücksichtigt. Oder man müsste eben in der Formulierung das Wort Tier durch Tier ohne Bewusstsein ersetzen. Das heißt aber nur, dass dieses Gesetz für Tiere mit Bewusstsein nicht gilt und nicht, dass die Frage, unter welchen Bedingungen Tiere mit Bewusstsein (oder aber Menschen) von einer Nahrungsquelle Gebrauch machen, nicht gesetzesartig formulierbar ist. Und selbst wenn dies nicht der Fall sein sollte, so kann es doch so sein, dass doch unter bestimmten Bedingungen – ob man diese nun kennt oder nicht – mit Notwendigkeit dieses oder jenes Verhalten folgt. Dies ist also ein Beispiel dafür, dass Bewusstsein um ein Naturgesetz uns lediglich von diesem, nicht aber von Naturgesetzen überhaupt frei spricht.

Es ist aber ferner noch nicht einmal so, dass uns Bewusstsein überhaupt aus dem Gültigkeitsbereich eines Gesetzes ausschließen muss. Wir können beispielsweise um die Gesetze der Schwerkraft wissen, bleiben der Schwerkraft aber trotzdem unterworfen. Bewusstsein und Naturnotwendigkeit können also durchaus nebeneinander bestehen.

Das Beispiel der Schwerkraft bringt mich darauf, diesen zweiten Fehlschluss weiter auszubuchstabieren: Schaller meint, sobald wir Bewusstsein von einem Naturprozess haben, begeben wir uns automatisch in Opposition zu diesem Naturprozess. Aber sollten wir z.B. gegen die Schwerkraft ankämpfen, sobald wir um sie wissen? Angenommen die Planeten hätten Bewusstsein von den Gesetzen, die sie bestimmen: Sie würden deswegen noch lange nicht ihre Umlaufbahnen verlassen. Denn dies würde voraussetzen, dass sie erstens die Fähigkeit hätten, ihre Umlaufbahn aus eigener Kraft zu verlassen und zweitens, dass sie überhaupt ein Interesse daran hätten, ihre Umlaufbahn zu verlassen.

Erst recht gibt es beim Menschen keinen Widerspruch zwischen unserem Bewusstsein und der Tatsache, dass dieses durch Naturprozesse hervorgebracht wird. Vielmehr sind diese Naturprozesse die notwendige Vorraussetzung für unser Bewusstsein. Und auch wenn wir uns im Einzelfall wünschen mögen, dass sich unsere geistigen Prozesse etwas anders verhalten, wir uns beispielsweise mehr Selbstbewusstsein wünschen, so gibt es doch für uns keinen Grund, die Gesetzmäßigkeiten, die zu diesem Bewusstsein führen, grundsätzlich abzulehnen. Ich sehe also nicht unbedingt einen Widerspruch zwischen Materialismus und dem Phänomen des Bewusstseins.

Materialismus und freier Wille

Wenn man aber auch nicht so weit gehen will wie Schaller, der einen Widerspruch zwischen Materialismus und Bewusstsein behauptet, so bleibt doch zumindest für die Willensfreiheit ein Problem bestehen. Denn wenn wir in unseren Überlegungen, unserer Willensbildung allgemeinen Gesetzen unterworfen sind, so ist unsere Entscheidung, unser Wille doch von vornherein determiniert. Mit diesem Problem möchte ich mich abschließend noch kurz befassen und einen Lösungsvorschlag anbieten.

Schaller geht davon aus – und intuitiv möchte man ihm Recht geben –, dass es einen Widerspruch zwischen Bedingtheit und Freiheit gebe. Ich möchte mich jedoch denjenigen Denkern anschließen, die diesen Widerspruch als eine Art Kategorienfehler zurückweisen[17]. So könnte man sagen, Freiheit und Bedingtheit gehören unterschiedlichen Kategorien an. Das Phänomen der Freiheit ist ein Phänomen der ersten Person, das der Bedingtheit ist eines der dritten Person. Genauso wenig, wie man sinnvoll sagen kann Wärme sei das Gegenteil von Dunkelheit, kann man sinnvoll sagen, Freiheit sei das Gegenteil von Bedingtheit. Das Gegenteil von Freiheit müsste nun auch ein Phänomen der ersten Person sein, wie Ohnmacht oder Zwang. Der Kategorienfehler beruht nun nach Bieri auf der Verwechselung von Bedingtheit mit Zwang und Freiheit mit (absoluter) Unbedingtheit. Die Frage von Freiheit und Unfreiheit entscheidet sich jedoch nicht mit dem Ob der Bedingtheit – alles ist bedingt –, sondern mit dem Wie bzw. Wodurch. Das Erlebnis der Unfreiheit komme demnach erst dann zustande, wenn es eine erlebte Diskrepanz z.B. zwischen dem Willen und dem Urteil einer Person gibt. Die bloße Tatsache der Bedingtheit könne aber ein solches Erleben nicht hervorbringen.

Auch Björn Burkhardt verteidigt die Willensfreiheit, ohne dabei den Materialismus[18] grundsätzlich in Frage zu stellen. Entscheidend für die Freiheit sei das Erlebnis des Anderskönnens, wenngleich unterschiedliche Handlungsmöglichkeiten in durchaus deterministischen Prozessen vom Gehirn generiert werden müssen.

„Das so verstandene Erlebnis des Anderskönnens steht – wegen seines epistemischen Charakters normalerweise (…) nicht in Widerspruch zur Wirklichkeit. Es impliziert nicht, dass das deliberierende Subjekt in irgendeinem indeterministischen, kontrakausalen Sinne frei ist. […] Das ‚Erlebnis der Offenheit der Entscheidung’ kommt nur zustande, wenn das Gehirn (in durchaus deterministischen Prozessen) Verhaltensalternativen generiert […]“[19]

Die neusten Erkenntnisse der Neurowissenschaften stehen also keineswegs im Widerspruch zu unserer Entscheidungsfreiheit, selbst wenn es gelingen würde, unsere geistigen Phänomene vollständig neurophysiologisch zu erklären.

Schlussbemerkungen

Der Lösungsvorschlag auf das Problem von Materialismus und Willensfreiheit konnte hier nur kurz angerissen werden – Bieri entwickelt ihn in einem ganzen Buch. Mir ist es hier lediglich wichtig, zu bedenken zu geben, dass Willensfreiheit und Materialismus sich nicht ausschließen müssen. Zumindest nicht in der Hinsicht, wie Schaller glaubte. Auch wenn Schaller mit seinem Text eine bemerkenswerte und zutreffende Beschreibung unseres Bewusstseins und unserer Freiheitserfahrung liefert und dies auch zu Recht einigen Vertretern einer als absolut verstandenen materialistischen Weltsicht entgegenhält, so ist er doch der „Verwechslung von Naturnotwendigkeit und Zwang“ verhaftet. Man muss ihm allerdings zu Gute halten, das auch seine Gegner, einige Vertreter der materialistischen Position auch heute noch dieser Verwechslung auf den Leim gehen, welche dann die Willensfreiheit als mit „wissenschaftlichen Überlegungen“ nicht vereinbar oder eben als „Köhlerglaube“ herabwürdigen. Schaller hält diesen Vertretern entgegen, dass sie sich mit ihren Überlegungen zur Willensfreiheit selbst nicht im Bereich der exakten Physiologie aufhielten[20]. Ich würde es jedoch eher so formulieren, dass egal, wie exakt eine Physiologie unseres Geistes auch sein mag, sie niemals in Widerspruch zum Bewusstsein und zur Willensfreiheit geraten kann. Dem Materialismus geht es um eine andere Fragestellung: Er ist ein System zur Beschreibung der intersubjektiv erfahrbaren Welt und nicht der introspektiv erfahrenen. Ob er dieser Aufgabe hinreichend gerecht wird, ist ein anderes Thema. Aus einer Beschreibung der Welt können wir aber nicht die Frage beantworten, was wir tun sollen. Nach Burkhardt ist dies eine Fragestellung des praktischen Denkens, und in diesem Denken müssen wir uns als frei betrachten.

„Der springende Punkt ist also nicht, dass das deliberierende Subjekt glauben muss, es besitze Entscheidungsfreiheit, sondern dass es so entscheiden muss, als ob es frei wäre. Und das bedeutet, wie Kant nachdrücklich betont hat, dass der Mensch vom praktischen Standpunkt aus ‚nicht anders als unter der Idee der Freiheit handeln kann’.“[21]

Literaturverzeichnis

Beckermann, Ansgar: Analytische Einführung in die Philosophie des Geistes, Berlin, 2001

Bieri, Peter: Das Handwerk der Freiheit. Über die Entdeckung des eigenen Willens, München, 2001

Burkhardt, Björn: Und sie bewegt uns doch: die Willensfreiheit, in: Das Magazin, 14 (2), 2003

Pothast, Ulrich: Die Unzulänglichkeit der Freiheitsbeweise: zu einigen Lehrstücken aus der neueren Geschichte von Philosophie und Recht, Frankfurt a. M., 1987

Prinz, Wolfgang: Der Mensch ist nicht frei, in: Das Magazin, 14 (2), 2003

Schaller, Julius: Leib und Seele. Zur Aufklärung über „Köhlerglauben und Wissenschaft“ von Julius Schaller, 3. verm. Ausg., Weimar, 1858

[...]


[1] Vgl. Prinz, 2003, S. 19

[2] Vgl. Schaller, 1858, S. 43

[3] Ebd. S. 45

[4] Vgl. ebd. S. 46

[5] Ebd. S. 47

[6] Vgl. ebd. S. 49

[7] Vgl. ebd. S. 43f

[8] Vgl. a.a.O.

[9] Vgl. a.a.O. S. 44

[10] Vgl. Beckermann, 2001, S. 48

[11] Vgl. Schaller, 1858, S. 45

[12] Ebd. S. 46

[13] Ebd. S. 50

[14] Ebd. S 46

[15] Vgl. ebd. S. 52

[16] Ebd. S. 46

[17] So z.B. Schlick, der das Problem von Freiheit und Determinismus als Scheinproblem bezeichnet, das auf der Verwechslung von Naturnotwendigkeit mit Zwang resultiere (vgl. Pothast, 1987, S. 145f). Peter Bieri verwendet den Begriff des Kategorienfehlers (vgl. Bieri, 2001, S. 249-264).

[18] wobei ich unter Materialismus keinen semantischen Physikalismus verstehen möchte, der davon ausgeht, dass mentale Ausdrücke ohne Bedeutungsverlust in physikalische Ausdrücke übersetzt werden könnten.

[19] Burkhardt, 2003, S. 23

[20] Vgl. Schaller, S. 52

[21] Burkhardt, 2003, S. 23

14 von 14 Seiten

Details

Titel
Psychologie des Materialismus. Über die Konsequenzen des Materialismus für die Willensfreiheit und das Bewusstsein bei Julius Schaller
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum
Veranstaltung
Ethische Probleme der Neurophilosophie
Note
2,0
Autor
Jahr
2003
Seiten
14
Katalognummer
V109081
Dateigröße
368 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Mit der auch in dieser Arbeit thematisierten Problematik von Freiheit und Determinismus habe ich mich noch ausführlicher in meiner Arbeit "Ist die Freiheit noch zu retten? Lösungsvorschläge zur Vereinbarkeit von Freiheit und Determinismus" beschäftigt.
Schlagworte
Psychologie, Materialismus, Konsequenzen, Materialismus, Willensfreiheit, Bewusstsein, Julius, Schaller, Ethische, Probleme, Neurophilosophie
Arbeit zitieren
Jörn-Jakob Surkemper (Autor), 2003, Psychologie des Materialismus. Über die Konsequenzen des Materialismus für die Willensfreiheit und das Bewusstsein bei Julius Schaller, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/109081

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