Die syrisch-irakischen Beziehungen nach dem Zweiten Golfkrieg: Das Rapprochement ab 1997 im Lichte drittweltstaatlicher Außenpolitik


Magisterarbeit, 2005
135 Seiten, Note: 1,3

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Inhaltsverzeichnis

Meilensteine des syrisch-irakischen Rapprochement

Verzeichnis mit Abkürzungen und arabischen Ausdrücken

1. Einleitung in die Thematik

2. Theoretisierung des syrisch-irakischen Rapprochement im Lichte drittwelt- staatlicher und arabisch-nahöstlicher Außenpolitik
2.1. Herleitung der Arbeitsthese
Arbeitsthese

3. Die Ba'th-Republiken Syrien und Irak bis zum Ende des Zweiten Golfkrieges

4. Syrien nach 1991: Konsolidierung des Bonapartismus
4.1. Das Asad-Regime: Interne Gefahrenpotenziale
4.2. Das Asad-Regime: Externe Gefahrenpotenziale
4.2.1. Das Scheitern des syrisch-israelischen Friedensprozesses, 1992-1996
4.2.2. Die türkisch-israelische Militärallianz
4.2.3. Hydropolitik im Euphrat-Tigris-Becken und die Kurdenproblematik

5. Der Irak nach 1991: Rückfall in den Prätorianismus
5.1. Das Regime Husayn: Interne Gefahrenpotenziale
5.1.1. Prätorianische Einschränkung der Regimeautonomie: potenzielle und existente Regimeopposition
5.1.2. Prätorianische Einschränkung der Regimeeffektivität und –legitimität
5.2. Das Regime Husayn: Externe Gefahrenpotenziale

6. Syrien und der Irak nach dem Zweiten Golfkrieg: Eine Narration der bilateralen Beziehungen bis 2001

7. Das syrisch-irakische Rapprochement ab 1997 im Lichte von syrischem Bonapartismus und irakischem Prätorianismus

8. Thesenkritik und Fazit

Literatur- und Quellenverzeichnis

Meilensteine des syrisch-irakischen Rapprochement bis 2001

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Verzeichnis mit Abkürzungen und arabischen Ausdrücken

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung in die Thematik

Am einundzwanzigsten Tag des Dritten Golfkrieges – dem 9. April 2003 – fiel Bagdad ohne nennenswerten Widerstand an US-amerikanische Truppen*. Auf der Frontseite der international vertriebenen arabischen Qualitätszeitung Al-Hayat vom 10. April desselben Jahres erfasste ein quasiepischer Titel dieses historische Ereignis: "Und am 9. April fiel Bagdad…und die Statue Saddams".[1] Mit dem symbolträchtigen und folglich medienwirksam inszenierten Niederriss der Bronzestatue von Saddam Husayn auf der Sahat al-Firdaus[2] ("Platz des Paradieses") in Bagdad wurde das Ende der ba'thistischen Epoche im Irak auch sinnbildlich besiegelt. Damit endete ein fast 35-jähriger Antagonismus zum ba'thistischen Nachbarland Syrien, das nunmehr als einzige staatliche Verkörperung des Ba'thismus ohne den langjährigen Gegenspieler an seiner langen Ostflanke fortlebt. Trotz der schlagartigen Desintegration des für Syrien seit jeher problematischen Ba'th-Regimes haben die Syrer auf den Fall von Bagdad mit "Schock" (sadma), "Verblüffung" (dahsha) und "Angst" (khauf) reagiert.[3] Man habe mit erbittertem Widerstand gegen die Invasoren seitens der Iraker gerechnet und nicht mit deren Bejubelung und der Aushändigung der Hauptstadt auf einem Silbertablett. Für die Mehrheit der Syrer bedeute die kampflose Einnahme Bagdads einen neue naksa im Leben der Araber in Anspielung auf die demütigende Niederlage im arabisch-israelischen Sechstagekrieg von 1967. Dies unter anderem deshalb, weil man gemäß einer syrischen Journalistin ein "Heimatland" (watan) verloren habe. Unter den Syrern sei Wut auf den Diktator Husayn und sein Regime zu spüren gewesen, da er den Elan der Araber gebrochen und deren Würde herabgesetzt habe.

Diese Ambivalenz kennzeichnete das Verhältnis zwischen Syrien und dem Irak, seit sich die beiden post-kolonialen Staaten konsolidierten. Als 1968 im Irak und 1963 in Syrien ba'thistische Regime durch einen coup d'état an die Macht kamen, mutierte die Spannung paradoxerweise zu feindseligem Antagonismus, obwohl die staatstragende Ideologie beider Regime derselben revolutionären Quelle des Ba'thismus entsprang und damit deren Verschmelzung eigentlich hätte feststehen müssen. Eine Vereinigung wurde zwar zumindest diskutiert, am ernsthaftesten 1978-79, doch gingen solche Versuche im Wesentlichen nie über rhetorische Deklaration hinaus. Diese faszinierende Widersprüchlichkeit inspirierte sowohl die bis heute klassisch gebliebene Studie der syrisch-irakischen Beziehungen von 1968 bis 1989 von Eberhard Kienle[4] als auch die vorliegende Magisterarbeit über die syrisch-irakischen Beziehungen nach dem Zweiten Golfkrieg. In Anbetracht der eklatanten Quellenarmut zum syrisch-irakischen Verhältnis der 90er Jahre soll sie Kienles Studie supplementieren und an sie anknüpfen, ohne sie aber fortschreiben zu wollen.

Ein für die Behandlung der vorliegenden Thematik weit wichtigeres Faszinosum war der syrisch-irakische Wiederannäherungsprozess (Rapprochement), der ab 1997 mit einer langsam betriebenen Normalisierung der bilateralen Beziehungen einherging, nachdem im September 1980 unter dem Eindruck des Ersten Golfkrieges die diplomatischen Beziehungen zwischen Damaskus und Bagdad abgebrochen worden waren und seitdem ein Zustand des Kalten Krieges vorgeherrscht hatte. Obwohl rein technische Beziehungen zwischen beiden Ländern selbst die militärische Partizipation Syriens an der Befreiung Kuwaits 1991 überstanden hatten, begann das Rapprochement offiziell mit der syrischen Entsendung einer Wirtschaftsdelegation unter Leitung des Präsidenten der Vereinigung syrischer Handelskammern, Ratib ash-Shallah, vom 19. bis 22. Mai 1997 nach Bagdad.[5] Erwidert wurde dieser Besuch durch eine 37-köpfige irakische Delegation unter Leitung des Präsidenten der Vereinigung irakischer Handelskammern, Zuhayr 'Abd al-Ghafur Yunis, am 13. Juni desselben Jahres (siehe das Foto nach dem Titelblatt).[6]

Das vornehmlich ökonomisch beginnende Rapprochement wurde sukzessive politisiert, obgleich die Wiederaufnahme von diplomatischen Beziehungen nicht eintrat, diese allerdings von beiden Seiten zumindest langfristig angestrebt wurde. Die wirtschaftliche Normalisierung kulminierte vorerst Ende November 2000 in der Wiederinbetriebnahme der Erdölpipeline von Kirkuk (Nordirak) nach Baniyas (syrische Mittelmeerküste), genannt Tapline (trans-Arabian pipeline), die 1982 von Syrien während des Iran-Irak-Krieges einseitig geschlossen worden war (siehe p. 26).[7] Die Politisierung wiederum erreichte ihren Höhepunkt im April 2000 mit der Eröffnung einer irakischen Interessenvertretung unter algerischer Flagge in Damaskus einerseits und einer ähnlichen syrischen Behörde in Bagdad im Mai 2001 andererseits.[8]

Da sich die selbst anhand einer arabischen Quelle wie Al-Hayat rekonstruierte Substanz der syrisch-irakischen Beziehungen nach dem Zweiten Golfkrieg im Vergleich zu anderen nahöstlichen Ereignissen in der gleichen Zeitspanne eher unspektakulär ausnimmt, überrascht auch die Armut an westlichen Sekundärquellen nicht. Dies rechtfertigt aber kaum die politikwissenschaftliche Vernachlässigung der syrisch-irakischen Beziehungen der späten 90er Jahre, weil – regionalgeschichtlich betrachtet – gerade mit dem Rapprochement ab 1997 ein erstaunlicher Prozess in den syrisch-irakischen Beziehungen seit den späten 60er Jahren beobachtbar wurde. Eine kontextualisierende Bezugnahme auf das syrisch-irakische Verhältnis vor dem Zweiten Golfkrieg ist somit unabdingbar und erfolgt in Kapitel 3. Dieser Prozess gewinnt an regionalpolitischer Relevanz, sobald er im Kontext des Nahostsystems nach dem Zweiten Golfkrieg betrachtet wird und im Kontext derjenigen Faktoren, die ihn begünstigt und ausgelöst haben.

Eine mit Kienles Klassiker Ba'th vs. Ba'th vergleichbare Monographie für die 90er Jahre und darüber hinaus ist inexistent, doch wird das bilaterale Rapprochement zumindest in einigen wenigen Periodika behandelt. Hierbei sind die Kurzartikel von Blanche (2001), Feuilherade (1997), George (1996), Moussalli (2000) und Perthes (2001) zu nennen.[9] Die Studien von Maoz (1999), Perthes (2000), Stäheli (2001) und Zisser (2001c) gehen ebenfalls konzis auf die Wiederannäherung ein.[10] Umso befriedigender ist die Lektüre der einschlägigen Artikel in der vom Moshe Dayan Center herausgegebenen Middle East Contemporary Survey (MECS), die in den jährlichen Beiträgen von Bruce Maddy-Weitzman zu den interarabischen Beziehungen, von Ofra Bengio zum Irak und von Eyal Zisser zu Syrien anhand zahlreicher arabischer Quellen die syrisch-irakischen Beziehungen der 90er Jahre bis zum Jahr 2000 rekonstruiert und zu analysieren versucht (siehe Bibliographie im Anhang zu einzelnen Artikeln). Eine Alternative zur MECS stellt das allerdings weit weniger ausführliche und eher deskriptive Nahost-Jahrbuch des Deutschen Orient-Instituts in Hamburg dar, das ebenfalls in jährlichen Beiträgen zu Syrien und dem Irak, die auf einer Vielfalt arabischer Medien basieren, die syrisch-irakischen Beziehungen bis 2001 nacherzählt. In ihrer überwiegend deskriptiven Aufarbeitung des syrisch-irakischen Verhältnisses nach dem Zweiten Golfkrieg entbehren jedoch beide Übersichtswerke einer kontextuellen Analyse aus politologischer Sicht.

Erst eine theoretische Kontextualisierung verleiht dem syrisch-irakischen Rapprochement seine politikwissenschaftliche Relevanz, zusätzlich zu der oben angesprochenen Verortung im Rahmen der syrisch-irakischen Beziehungen überhaupt. Die Frage nach den Faktoren, die Kooperation bzw. Konfrontation im außenpolitischen Verhalten von arabisch-nahöstlichen[11] Drittweltstaaten bestimmen sowie die Frage nach dem Stellenwert innerstaatlicher Konsolidierung für ebensolche Außenpolitik bilden die Leitplanken, innerhalb derer sich die vorliegende Untersuchung bewegt. Beide Fragen bilden die Grundlage der Kapitel 4 und 5, in denen die Annahmen der in Kapitel 2 hergeleiteten Arbeitsthese (siehe pp. 12-16) auf Syrien bzw. den Irak nach dem Zweiten Golfkrieg angewandt werden. Diese beiden Kapitel dienen wiederum als Hintergrund für die darauffolgenden Kapitel 6 und 7, in denen erst das syrisch-irakische Rapprochement diachron aufgearbeitet und darauf in Beziehung zu allen vorangegangenen Kapiteln gestellt wird.

Die dieser Magisterarbeit zugrunde liegende Methodik ist in bezug auf die Recherchen und die Thesenentwicklung eine induktiv-explorative, in bezug auf die Strukturierung der Thematik eine deduktive: Nach einer literaturbasierten Exploration von Forschungskriterien generierte die Bündelung der verschiedenen Informationsstränge induktiv die Arbeitsthese, während die Strukturierung der Thematik deduktiv von dieser These erfolgte. Die Recherchen wurden einerseits in den Suchsystemen der Universität Freiburg im Breisgau und den von dort zugänglichen (über-)regionalen Universitätskatalogen Deutschlands durchgeführt[12], andererseits im Informationsverbund Deutschschweiz (IDS)[13] sowie der Datenbank World Affairs Online (WISO-WAO)[14]. Diese Kombination an deutschsprachigen Datenbanken garantiert eine relativ umfassende Recherche westlicher Sekundärliteratur zur Thematik. Ebenso wurden die äußerst detaillierten Literaturverzeichnisse der Studien von Ehteshami und Hinnebusch (2002)[15], Perthes (2000) und Stäheli (2002) gesichtet und damit die Rechercheergebnisse der Datenbanken bestätigt und ergänzt.

Um die Exploration der Thematik nicht gänzlich auf nicht-arabische Literatur zu beschränken, wurde in der Universitätsbibliothek Marburg (Lahr) der archivierte Bestand der in London herausgegebenen arabischen Tageszeitung Al-Hayat von 1993 bis 2002 systematisch ausgewertet. Diese Recherche ermöglichte erst eine Durchforstung der einschlägigen Jahrgänge anhand thematisch relevanter Kriterien in einem internen Suchsystem von Al-Hayat in Beirut, woraus eine Bibliographie ausgewählter Ausgaben hervorging.[16] Die bibliographischen Angaben der in der MECS benutzten Al-Hayat -Artikel überprüften und ergänzten diese Bibliographie. Andere arabische Quellen konnten nicht systematisch recherchiert werden und mussten bei der Erörterung der Thematik deshalb unberücksichtigt bleiben.

Obgleich die im Titel dieser Magisterarbeit implizierte Zeitspanne ("nach dem Zweiten Golfkrieg") mindestens bis zum 9. April 2003, dem Fall Bagdads, wenn nicht sogar darüber hinaus reicht, musste aufgrund der zeitlichen und materiellen Unvollständigkeit des verfügbaren MECS-Bestandes (bis 2000), des Nahost-Jahrbuches (bis 2001) und des ausgewerteten Al-Hayat -Bestandes (bis 2002) die Behandlung der Thematik mit dem Jahr 2002 abgeschlossen werden. Die interne Recherche von Al-Hayat hat allerdings gemäß den angewandten Kriterien keine Artikel für das Jahr 2002 ergeben, was einerseits auf die Beschränktheit der Suchkriterien zurückgeht und andererseits auf eine merkliche Abkühlung im syrisch-irakischen Verhältnis nach dem 11. September 2001.[17] Da die Deskription der bilateralen Beziehungen in der MECS am ausführlichsten ist, beschränkt sich der Zeitraum der behandelten Thematik auf die Jahre 1991-2000, inklusive das Jahr 1990, das in Kienles Studie (bis 1989) fehlt und in dem sich mit dem irakischen Überfall auf Kuwait die Vorgeschichte zu Desert Storm abspielte.

2000 ist aber genauso eine legitime Zäsur, weil der Tod Hafiz al-Asads in dieses Jahr fällt und durch seinen Nachfolger und Sohn Bashar die syrisch-irakischen Beziehungen eine neue Qualität erlangten, indem das Rapprochement bis zu den Ereignissen des 11. Septembers vom darauffolgenden Jahr beschleunigt und zu einem zentralen Pfeiler der syrischen Außenpolitik wurde.[18] Die syrisch-irakischen Beziehungen nach dem Tode Asads und vor allem nach der manifesten Zäsur des 11. Septembers harren folglich einer genaueren Untersuchung als sie hier betrieben werden kann. In Anbetracht des Quellendefizits nach der Milleniumswende und der praktischen Inexistenz formaler Beziehungen zwischen dem Irak und Syrien vor dem Frühjahr 1997 liegt damit der Schwerpunkt der vorliegenden Untersuchung auf dem Zeitraum des eigentlichen Rapprochement bis zum Jahr 2000.

2. Theoretisierung des syrisch-irakischen Rapprochement im Lichte drittweltstaatlicher und arabisch-nahöstlicher Außenpolitik

Zwecks Komplexitätsreduktion und theoretischer Eingrenzung der behandelten Thematik soll das syrisch-irakische Rapprochement primär als Phase erhöhter Kooperativität in der Außenpolitik zweier aneinander grenzender arabisch-nahöstlicher Drittweltstaaten[19] im post-kolonialen Stadium[20] verstanden werden. Außenpolitische Kooperativität meint hier sowohl tatsächlich erfolgte Kooperation als auch unterschiedlich stark ausgeprägte Kooperationsbereitschaft. Drittweltstaatliche Außenpolitik wie bspw. in den 90er Jahren die syrische gegenüber dem Irak bzw. die irakische gegenüber Syrien ist ein stark unterentwickelter Forschungszweig der Politikwissenschaft.[21] Dies gilt insbesondere für die analytische Erfassung von außenpolitischen Entscheidungsprozessen in Drittweltstaaten, was auf die extreme Unzuverlässigkeit, Intransparenz oder schlichte Inexistenz von statistischem Datenmaterial in diesem Politikbereich zurückgeht.[22] Beides gilt auch in unterschiedlichem Masse für die restriktive außenpolitische Informationspolitik des Asad-Regimes im autoritären Syrien bzw. des Regime Husayn im totalitären Irak.

Die gemäß den Recherchen aktuellste Kritik dieses politologischen Defizits findet sich in der 1998 von Stephanie G. Neuman herausgegebenen Aufsatzsammlung International relations theory and the Third World, in der zahlreiche Drittwelttheoretiker den Eurozentrismus der im akademischen Diskurs vorherrschenden Theorien der Internationalen Beziehungen dekonstruieren.[23] Grundannahmen der (neo-)realistischen und idealistischen Denkschulen werden für die meisten Drittweltstaaten für irrelevant erklärt, da sie aus der westfälischen, d.h. europäisch-nationalstaatlichen, und post-westfälischen, d.h. sich supranational integrierenden, Staatenwelt unreflektiert auf die Dritte Welt angewandt werden.[24] Eine solche neocolonial epistemology (Neuman, p. 37) blendet völlig aus, dass die meisten Drittweltstaaten missglückte koloniale Transplantate des westfälischen Prototyps "Nationalstaat" darstellen und sich folglich eher in einem vor -westfälischen und damit prä -souveränen Stadium der Modernisierung und des nation building befinden.[25] Ergo vernachlässigen die Theorien der internationalen Beziehungen die interne Dimension dieser "Quasistaaten" (Jackson) in eklatanter Weise und werden somit der außenpolitischen Realität der Drittweltstaaten keinesfalls gerecht.[26] Als augenfälligstes Beispiel hierfür gilt das (neo-) realistische Axiom von der innerstaatlichen Ordnung eines westfälischen Nationalstaates im Gegensatz zu der ihn umgebenden, außerstaatlichen Unordnung (internationale Anarchie).[27] Aus drittweltstaatlicher Optik herrscht hingegen eher innerstaatliche Unordnung, dafür aber außerstaatliche Ordnung und Verortung in der internationalen Hierarchie zwischen zentraler Triade und peripherer Dritter Welt.

Um der internen Dimension von Drittweltstaaten den ihr gebührenden analytischen Stellenwert zu verleihen, schlägt Mohammed Ayoob in seinem Aufsatz das Konzept des subaltern realism vor.[28] Es soll der Tatsache Rechnung tragen, dass die Mehrheit der zwischenstaatlichen Konflikte in der Dritten Welt im Prozess der Staatswerdung (state- making) der Drittweltakteure begründet liegen. Dieser Prozess der Modernisierung und nationalstaatlichen Konsolidierung verantwortet die innerstaatliche Unordnung, die sich als internal war wie ein Leitfaden durch die Aufsatzsammlung von Neuman zieht.[29] Er ist typisch für prä-souveräne Staaten und fällt demnach aus den vorherrschenden Typologien der Theorien der Internationalen Beziehungen heraus.[30] Da sich laut Kienle auch die arabischen Staaten in einem Stadium zwischen dem Territorial- und Nationalstaat befinden, würde der theoretische Korpus der Internationalen Beziehungen für die hiesige Theoretisierung der syrisch-irakischen Beziehungen irrelevant.[31] In der Herleitung der Arbeitsthese (siehe pp. 12-16) wird hingegen mit der Anwendung eines neorealistischen Theorieansatzes auf Syrien und eines drittweltstaatlichen auf den Irak ein Mittelweg beschritten.

Das nahöstlich-arabische Faktum der anhaltenden Staatswerdung und die Realität des nahöstlich-arabischen Raumes nach dem Zweiten Golfkrieg diskreditieren aber eindeutig die neorealistische These von der funktionalen Gleichheit (functional similarity) der Systemeinheiten.[32] Unter Bezugnahme auf die Staatswerdung in der Dritten Welt müsste eher von einer strukturellen Diversität (structural differentiation) der Systemkomponenten ausgegangen werden, da die Drittweltstaaten keine gleichen Einheiten eines Systems bilden, sondern in ihrer Modernisierung und ihrem nation building unterschiedlich weit fortgeschritten sind.[33] Die Strukturdifferenzen im arabischen Nahen Osten gehen zudem einher mit einer funktionalen Differenzierung der arabisch-nahöstlichen Systemakteure seit dem Zweiten Golfkrieg. Angesichts der Abwesenheit einer regionalen Hegemonialmacht wurde das arabisch-nahöstliche System von einer funktional differenzierten Trias organisiert, der Saudi-Arabien mit seinem islamisch-finanziellen Potenzial angehörte, Ägypten mit seiner militärischen, kulturellen und politischen Macht und Syrien als verbliebener Frontstaat mit seinem militärischen und ideologischen Gewicht.[34] Während Korany diesen Sachverhalt als "power […] diffusion" und "balance of weakness" bezeichnet, spricht Perthes von einer "Disaggregation von Macht" im Rahmen einer "Ranginkonsistenz".[35]

Diese Fragmentation der arabisch-nahöstlichen Staatenwelt der 90er Jahre steht in krassem Gegensatz zu arabistischen[36] und panarabischen Inhalten der verschiedenen Vereinigungsideologien wie etwa dem Ba'thismus des syrischen und irakischen Regimes. Die für eine Drittweltregion einmalige interarabische Verbundenheit durch Sprache, Kultur, Religion, Ideologie und Migration bedeutete für die einzelnen Staaten stets ein hohes Maß an Permeabilität gegenüber externer Penetration, weshalb sich die eurozentrische Trennung zwischen Außen- und Innenpolitik für den arabischen Nahen Osten nicht aufrechterhalten lässt.[37] Die Inkongruenz zwischen arabischen Regimen in ihren post-kolonialen polities und einer gelebten arabischen Kulturgemeinschaft erklärt die Reaktionen der Syrer auf den Fall Bagdads aus der Einleitung und die Tatsache, dass die extreme Animosität zwischen den Ba'th-Regimen niemals die gesellschaftliche Verbundenheit zwischen Irakern und Syrern geschwächt hat.[38] Die aus dieser Inkongruenz und Penetrabilität hervorgehende Verletzlichkeit der arabischen Regime erklärt den konfliktiven Charakter des Arabismus, was Stephen M. Walt "the paradox of pan-Arabism" nennt.[39] Je stärker ein Regime die Verwirklichung eines arabistischen Ideals unter eigener Führung verfolgte, desto höher war die Verletzlichkeit der anderen Regime, die diese Bemühungen zu torpedieren suchten. Dies galt insbesondere für die Ba'th-Ideologie als überaus zentralistischer Spielart des Arabismus.[40] Die solchen Rivalitäten entspringende "normative Fragmentierung" (Barnett) der arabischen Welt zog die allmähliche Transformation von qaumīyya (panarabischem Nationalismus) zu watanīyya (einzelstaatlichem Nationalismus) nach sich und damit die Zementierung der kolonial aufoktroyierten Staateneinteilung.[41] Barnett sieht in diesen divergenten Tendenzen der arabischen Welt einen regelrechten "clash between Arabism and Westphalia", der sich aber durch die Deideologisierung der interarabischen Beziehungen und der Pragmatisierung der Außenpolitik zugunsten des post-kolonialen Status zu entscheiden scheint.[42]

Die Akzeptanz von "Westfalen" und die Neutralisierung des Arabismus (‘urūba)[43] liefen in den 90er Jahren parallel zur verstärkten Diskussion der sharqausatīyya (Mideasternism) als alternativer Nahostideologie, die sich weitestgehend mit dem Konzept eines New Middle East deckt, das Shimon Peres in seinem gleichnamigen Buch von 1993 propagiert.[44] Israel und die arabischen Nahoststaaten sollten gemäß einem funktionalistischen Paradigma durch komplexe Interdependenz in einen gemeinsamen Wohlfahrts- und Demokratieraum integriert werden.[45] Solch ein Integrationsprojekt setzt allerdings die Existenz von postmodernen Wohlfahrtsdemokratien voraus, während die arabischen Staaten in bezug auf die Staatsentwicklung höchstens als modern bezeichnet werden können, da weiterhin diverse militärische, politische, ökonomische und kulturelle Faktoren als Bedrohungen der nationalen Sicherheit wahrgenommen werden.[46] Interdependenz gemäß der sharqausatīyya wurde von vielen Arabern als einseitige Dependenz von Israel wahrgenommen und teilweise sogar als neokoloniale Strategie israelischer Hegemonialpolitik denunziert, was einige arabische Buchtitel zu diesem Thema veranschaulichen (siehe Fußnote).[47]

Derweilen versetzte die Entwertung der Damaskus Deklaration der ‘urūba einen deutlichen Dämpfer, wonach die Verwirklichung des arabistischen Konzepts al-amn al-‘arabī ("die arabische Sicherheit"), d.h. einer interarabischen Struktur der kollektiven Sicherheit, endgültig gescheitert schien.[48] Nach dem Trauma des 2. August 1990 (dem irakischen Überfall auf Kuwait) hätten gemäß der Damaskus Deklaration fortan die 2 Militärmächte Syrien und Ägypten den Schutz der 6 Staaten des Golf-Kooperationsrates (GCC) als Teilstück einer "comprehensive Arab defense order" garantieren sollen.[49] Der Text der Deklaration beteuerte aber gleichzeitig die Verpflichtung der Signatarstaaten "to respect the unity and territorial integrity, the equality of sovereignty [and] the nonintervention in domestic affairs", was erstmals die Souveränität als Grundlage der interarabischen Beziehungen verbriefte und die kolonialen Grenzziehungen anerkannte.[50] Implizit bedeutete dies das Recht der Signatarstaaten, ihre Sicherheit individuell zu organisieren und exklusiven Anspruch auf Ressourcen innerhalb ihres jeweiligen Territoriums erheben zu dürfen. Das arabische Diktum sirā‘ hudūd wa lā sirā‘ wudjūd ("Kampf um Grenzen, kein Kampf um Existenz"), das den arabisch-israelischen Friedensprozess der 90er Jahre beschrieb, illustrierte die neue interarabische Logik, die einem Revisionismus gegen den post-kolonialen Status quo zu entsagen schien.[51] Zudem gingen die Golfstaaten im Gefolge von Desert Storm bilaterale Sicherheitsabkommen mit westlichen Militärmächten ein, allen voran den USA, und öffneten damit die Nahostregion für extrasystemische Kräfte wie selten zuvor.[52]

Stimmt die These von der positiven Korrelation zwischen Fragmentierung und Penetrabilität, so bedeuteten die funktionale Machtdiffusion nach dem Zweiten Golfkrieg und die Damaskus Deklaration eine weitere äußere Verwundbarkeit des arabischen Nahen Ostens, dem seit jeher "most penetrated international relations subsystem" (Brown).[53] Durch die hohe Fragmentation und Penetrabilität verschärften sich auch der traditionell (neo-)realistische Charakter und die Instabilität dieses "primitiven" Staatensystems (Braun), in dem laut Perthes eine "sicherheits- und außenpolitische Nullsummenmentalität" vorherrscht.[54] Letzterer erkennt im Nahen Osten ein "Musterbeispiel eines kompetitiven Selbsthilfesystems [...], in dem die einzelnen Staaten ihre Sicherheit negativ an der Sicherheit anderer definieren."[55] Das im Nahen Osten extrem ausgeprägte Sicherheitsdilemma, wonach das paranoide Streben eines Staates nach absoluter Sicherheit, absolute Unsicherheit für alle bedeutet, hat die im Vergleich zu allen Drittweltregionen extremste Militarisierung nach sich gezogen.[56] Ehteshami und Hinnebusch (1997) sprechen in diesem Zusammenhang denn auch von einem "primitive anarchic subsystem where the low degree of institutionalization of norms and rules in relations between states cause deep insecurity, militarization and resort to violence".[57] Die zwischenstaatlichen Beziehungen in diesem System sind äußerst bilateralisiert, zentralisiert sowie personalisiert und unterliegen einer Optik der relativen statt absoluten Gewinne und Vorteile.[58] Im arabischen Nahen Osten sind selbst Wirtschaftsbeziehungen der politischen Interaktion zwischen Regimen funktional untergeordnet und somit politisch instrumentalisiert.[59]

Die Sensibilisierung für spezifisch drittweltstaatliche Außenpolitik und die Charakterisierung des arabisch-nahöstlichen Staatensystems sollen als kontextueller Hintergrund dienen, vor welchem im Rahmen der Arbeitsthese das syrisch-irakische Rapprochement in den nachfolgenden Kapiteln erörtert wird. Die analytische Berücksichtung der internen Dimension (state-making, internal war) bei der Betrachtung der Außenpolitik Syriens und des Irak muss auch in die Theoretisierung des Rapprochement einfließen, da dieses hier als außenpolitisches Kooperationsverhalten zweier arabisch-nahöstlicher Drittweltstaaten verstanden wird. Die im Folgenden hergeleitete Arbeitsthese für den syrisch-irakischen Wiederannäherungsprozess reduziert die Außenpolitik von Drittweltakteuren aber nicht allein auf ihre interne Dimension, sondern bezieht Erkenntnisse der neorealistischen Allianztheorie sowie generell der Theorien der Internationalen Beziehungen mit ein.

2.1. Herleitung der Arbeitsthese

Malik Mufti entwickelt in Sovereign creations: Pan-Arabism and political order in Syria and Irak eine Korrelation zwischen Staatswerdung (state formation) und interarabischem Allianzverhalten sowohl für Syrien als auch für den Irak.[60] In einem diachronen Modell zeigt er, dass beide Staaten etwa dieselben Phasen der republikanischen Staatswerdung durchliefen und diesen entsprechend eine eher konfrontative oder kooperative Haltung im arabistischen Sinne einnahmen. In der anfänglichen Phase der Regimestabilisierung (praetorianism) stand das Allianzverhalten ganz im Dienste derselben, was Mufti defensive unionism nennt. Darauf folgt die Phase der Regimekonsolidierung (bonapartism), in der Allianzen nicht mehr rein defensiv der Instabilitätsreduktion dienten, sondern aufgrund bestehender innerer Stabilität offensivere Außenpolitik im (neo-) realistischen Sinne möglich wurde. Ergo ist im prätorianischen Stadium die Penetrabilität für transnationale Kräfte relativ hoch und nationalstaatliche Konsolidierung somit eher tief, im bonapartistischen ist erstere tiefer und letztere höher. Zeitlich vereinfacht deckt sich der Prätorianismus mit den 50er und 60er Jahren, der Bonapartismus mit den 70er und 80er Jahren.

Drei Indikatoren geben den Grad der Staatlichkeit und Regimestabilität und damit den Fortschritt der Staatswerdung an: Autonomie, Effektivität (efficacy) und Legitimität.[61] Autonomie meint den Grad der außenpolitischen Entscheidungsfreiheit des Regimes von innenpolitischen Zwängen durch ausreichend verfügbare Ressourcen. Effektivität beschreibt die Fähigkeit des Regimes, seine Macht gesellschaftlich zu implementieren, wobei despotische Macht (despotic power) von infrastruktureller Macht (infrastructural power) unterschieden wird. Erstere bezeichnet die Wirkkraft von repressiven Machtorganen wie Polizei, Armee und Sicherheitsdiensten, letztere die gesellschaftliche Wirkkraft von Institutionen und deren Fähigkeit, die Gesellschaft zu modellieren. Mit despotischer Macht wirkt das Regime unmittelbar und gewaltsam auf die Bevölkerung ein, mit infrastruktureller Macht wird sie hingegen mittelbar, d.h. institutionell, und ohne direkte Repression beeinflusst. Je effektiver infrastrukturelle Macht die Gesellschaft beherrscht, desto geringer die Notwendigkeit des Regimes, despotische Macht einsetzen zu müssen: Infrastrukturelle Macht moderiert despotische Macht.[62] Legitimität, der dritte Indikator, beschreibt die Akzeptanz der post-kolonialen Staatlichkeit in der Bevölkerung, die einhergeht mit der Akzeptanz des Regimes, das innerhalb dieser polity operiert. Je höher die Legitimität des Regimes, desto geringer die Notwendigkeit, Propaganda und symbolische Politik zur Regimelegitimation einzusetzen.

Im prätorianischen Stadium der Regime stabilisierung sind die Autonomie, Effektivität und Legitimität des Regimes eher eingeschränkt, weil es von innen und von außen infrage gestellt wird.[63] Das Regime ist angesichts innerer Instabilität in seiner außenpolitischen Entscheidungsfreiheit weniger autonom, der Staat penetrabel und eher penetriert. Folglich besteht eine erhebliche Inkongruenz zwischen Staat und Regime. Es herrscht ein Zustand innerer Unordnung, indem despotische Macht verstärkt eingesetzt wird, weil infrastrukturelle Macht relativ ineffektiv ist. Die Legitimität des Regimes ist aufgrund dieser Instabilität schwach, weshalb Propaganda und symbolische Politik zur Regimelegitimierung intensiv betrieben werden. Außenpolitisch ist Kooperationsbereitschaft eher ein Ausdruck defensiver raison de régime, die einzig und allein der Regimestabilisierung dient (Primat des regime survival). Kooperativität von prätorianischen Regimen ist demzufolge monokausal bedingt.

Umgekehrt sind im bonapartistischen Stadium der Regime konsolidierung die Autonomie, Effektivität und Legitimität des Regimes weniger eingeschränkt.[64] Die außenpolitische Entscheidungsfreiheit des Regimes ist autonomer, der Staat weniger penetrabel und penetriert. Die Kongruenz zwischen Staat und Regime ist im Verhältnis zum prätorianischen Stadium ausgeprägter. Die Wirksamkeit infrastrukturelle Macht moderiert den Einsatz von despotischen Mitteln, und die höhere Legitimität des Regimes vermindert den Einsatz von Propaganda und symbolischer Politik. Außenpolitische Kooperationsbereitschaft eines konsolidierten Regimes ist eher Ausdruck von raison d'état, d.h. realpolitischer Gleichgewichtspolitik, die die Interessen des Staates zu wahren versucht. Kooperativität von bonapartistischen Regimen ist demzufolge multifaktoriell bedingt.

Außenpolitisches Kooperationsverhalten von prätorianischen Staaten lässt sich mit dem drittwelttheoretischen Konzept des omnibalancing von Steven R. David begreifen. In seinem einflussreichen Aufsatz "Explaining Third World Alignment" kritisiert er (neo-)realistische Ansätze zur Erklärung von drittweltstaatlichem Allianzverhalten.[65] Auch er bezweifelt die Gültigkeit der (neo-)realistischen Prämisse von der innerstaatlichen Ordnung im Gegensatz zu zwischenstaatlicher Anarchie für die Dritte Welt und das Allianzverhalten von Drittweltakteuren. Die besondere Prominenz von innerstaatlicher Unordnung, sprich Instabilität, und somit von internen Gefahren werde in den (neo-)realistischen Analysen von drittweltstaatlichem Allianzverhalten vernachlässigt. Da in Drittweltstaaten die interne Regimegefährdung die externen Gefahren übertreffe, würden Drittweltregime einen Balanceakt zwischen interner und externer Gefahrenbekämpfung betreiben, um im Sinne der raison de régime an der Macht zu bleiben und zu überleben. Diese eher introvertierte Balancepolitik, omnibalancing in Davids Terminologie, äußert sich außenpolitisch darin, dass mit den sekundären Gefahrenpotenzialen des Auslandes kooperiert wird, um die primären Gefahrenpotenziale im Inland auszuschalten. Allgemeiner formuliert ist externe Kooperation stets eine Funktion der internen Regimegefährdung. Ergo folgt das omnibalancing der Drittweltstaaten der gleichen Logik wie das defensive unionism von prätorianischen Staaten. Davon abgleitet lässt sich behaupten, dass zumindest im Bereich der außenpolitischen Kooperation der Prätorianismus das Stadium der Drittweltstaaten schlechthin darstellt.

Außenpolitisches Kooperationsverhalten von bonapartistischen Staaten der Dritten Welt ist wiederum eher mit (neo-)realistischen Allianzansätzen wie demjenigen von Stephen M. Walt erklärbar. In seiner neorealistischen Studie über das Allianzverhalten von Nahoststaaten entwickelt er die klassische Gleichgewichtstheorie (balance of power) weiter zu einer Theorie der Gefahrenbalance (balance of threat).[66] Während gemäß ersteren Staaten die reale Macht von anderen Staaten auszubalancieren versuchen, ist gemäß letzterer die Perzeption dieser Macht für alllianzpolitisches Verhalten ausschlaggebend. Wird die Macht eines Staates als Gefahr perzipiert, folgt ein (neo-)realistischer Balanceakt in Richtung Allianzbildung.[67] Gefahren und ihr Einfluss auf das Allianzverhalten können laut Walt mit folgenden Hypothesen operationalisiert werden:[68]

1. Von außen gefährdete Staaten gehen Allianzen ein, um Gefahren auszugleichen.
2. Je höher die reale Macht des gefährdenden Staates, desto höher die Tendenz des gefährdeten Staates zu alliieren (balance of power).
3. Je naher der gefährdende Staat, desto höher die Tendenz des gefährdeten Staates zu alliieren.
4. Je offensiver und aggressiver der gefährdende Staat perzipiert wird, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass der gefährdete Staat alliiert (balance of threat).

Staaten reagieren auf "aggregierte Bedrohung"[69], d.h. die Kumulation der genannten Faktoren, mit proportionalem Allianzverhalten oder – allgemeiner gesagt – mit proportionaler Kooperationsbereitschaft. Anders formuliert korreliert die von einem Staat perzipierte Anarchisierung der internationalen Beziehungen in seinem regionalen Umfeld mit der Kooperativität dieses Staates gegenüber potenziellen Allianzpartnern. Interne Gefahrenpotenziale spielen in Walts Ansatz keine Rolle, da von Staaten mit innerer Ordnung und Stabilität ausgegangen wird, die aber in zwischenstaatlicher Anarchie operieren. Ähnliches kann für bonapartistische Staaten der Dritten Welt gelten, deren Regime bereits relativ konsolidiert und stabil sind, für welche also externe Gefahren im Gegensatz zu internen Priorität erhalten. Außenpolitische Kooperation ist folglich eine Funktion äußerer Gefährdung und nicht wie bei prätorianischen Drittweltstaaten eine Funktion von innerer Gefährdung. In diesem Sinne folgen bonapartistische Drittweltstaaten in ihrer Außenpolitik derselben (neo-)realistischen Logik des balancing against threats wie Nationalstaaten des westfälischen Systems.

Die theoretischen Verquickungen von Prätorianismus, raison de régime und omnibalancing einerseits und Bonapartismus, raison d'état und balancing against threats andererseits können auf Syrien bzw. den Irak nach dem Zweiten Golfkrieg appliziert und zur Erklärung des Rapprochement ab 1997 herangezogen werden. Prätorianismus und Bonapartismus werden dabei aber nicht mehr als zeitliche Stadien wie in Muftis These gedacht, sondern als detemporalisierte Zustände höherer oder tieferer Autonomie, Effektivität und Legitimität eines Regimes in seiner staatlichen polity. Obwohl laut Mufti beide Ba'th-Republiken in den 80er Jahren die bonapartistische Phase erreicht hatten, ist der Irak nach Desert Storm gemäß diesen drei Kriterien in einen prätorianischen Zustand zurückgefallen, während Syrien seinen Bonapartismus beibehielt und sogar ausbaute. Regime instabilität, d.h. tiefere Autonomie, Effektivität und Legitimität, herrschte im Irak vor, während in Syrien Regime konsolidierung, d.h. höhere Autonomie, Effektivität und Legitimität, die Zeit nach dem Zweiten Golfkrieg prägte. Demzufolge galt für das irakische Regime die Vorrangigkeit interner gegenüber externer Gefahrenpotenziale, für das syrische Regime hingegen waren externe Gefahrenpotenziale primär, interne sekundär.

Ergo dominierte die raison de régime die irakische Außenpolitik, weshalb kooperatives oder allianzpolitisches Verhalten ein Ausdruck von defensivem omnibalancing waren. Das Regime Husayn kooperierte mit externen Gefahren, um die internen in Schach zu halten. Dementgegen dominierte die raison d'état die syrische Außenpolitik, weshalb kooperatives oder allianzpolitisches Verhalten ein Ausdruck von neorealistischem balancing against threats war. Obschon der drittweltstaatliche Charakter von Syrien und dem Irak in den 90er Jahren bestehen blieb, folgt hieraus, dass der Irak tendenziell die Außenpolitik eines klassischen Drittweltstaates im Sinne Steven R. Davids betrieb, Syrien dagegen tendenziell die Außenpolitik eines konsolidierten Nationalstaates im Sinne von Stephen M. Walt. Nichtsdestotrotz bestanden auch in Syrien interne Gefahrenpotenziale während der 90er Jahre fort, doch waren sie aus der Perspektive des Regimes sekundär. Syrien nach dem Zweiten Golfkrieg näherte sich deshalb tendenziell der neorealistischen Systemeinheit an, während sich der penetrable Irak der 90er Jahre wieder weit davon entfernte. Ergo war der Charakter des syrisch-irakischen Rapprochement eine Konsequenz von prätorianischer bzw. bonapartistischer Außenpolitik, obschon die Wiederannäherung nicht eine Allianz im obigen theoretischen Sinne war, sondern ein Ausdruck erhöhter bilateraler Kooperativität. Es ist jedoch legitim die hier verwendeten allianztheoretischen Ansätze auch auf bilaterale Kooperation und Kooperationsbereitschaft niederer Intensität anzuwenden, da eine Allianz lediglich ein sehr hohes Maß an ebensolcher Kooperativität darstellt.

Aus den vorangegangenen Überlegungen wird die Arbeitsthese hergeleitet:

Das syrisch-irakische Rapprochement nach dem Zweiten Golfkrieg ist das Produkt je anderer außenpolitischer Paradigmata. Der Irak fiel zurück in den Prätorianismus, weshalb in seiner Außenpolitik die Logik der raison de régime und des omnibalancing bestimmte. Die Autonomie, Effektivität und Legitimität des Regimes waren relativ eingeschränkt. Infolgedessen überwogen die internen Gefahrenpotenziale gegenüber den externen. Syrien verblieb im Bonapartismus, weshalb die Logik der raison d'état und des balancing against threats seine Außenpolitik bestimmte. Die Autonomie, Effektivität und Legitimität des Regimes waren relativ hoch. Infolgedessen überwogen in der Perzeption des syrischen Regimes die externen gegenüber den internen Gefahrenpotenzialen. Da im Falle des Irak die erhöhte Kooperativität Syrien gegenüber monokausal der Regimestabilisierung und internen Gefahrenbekämpfung diente, wurde das Rapprochement von irakischer Seite proaktiv betrieben und eine rasche Verdichtung, sprich Politisierung, der Beziehungen angestrebt. Im Falle Syriens war die Kooperativität als gleichgewichtspolitischer Akt eines relativ konsolidierten Regimes multifaktoriell bedingt, weshalb Syrien dem irakischen Drängen auf politischere Beziehungen reaktiv nachkam. Aus den gegensätzlichen Logiken ging somit eine aktiv-reaktive Kooperationsdialektik hervor.

Von der Arbeitsthese ist die Struktur der beiden Hauptkapitel abgeleitet. Kapitel 4 und 5 untersuchen den syrischen Bonapartismus bzw. den irakischen Prätorianismus, indem in den Unterkapiteln 4.1. bzw. 5.1. die internen und in 4.2. bzw. 5.2. die externen Gefahrenpotenziale analysiert werden. Die primäre Außenbedrohung Syriens gemäß der Perzeption des Asad-Regimes wird wie folgt unterteilt: das Scheitern des syrisch-israelischen Friedensprozesses und die Machtergreifung des Likud 1996 (4.2.1.), die Offenlegung der türkisch-israelischen Militärallianz 1996 (4.2.2.) und die Euphratwasser- und Kurdenproblematik (4.2.3.). Die für das Regime Husayn primäre Innenbedrohung besteht aus der Einschränkung der Regimeautonomie, -effektivität und –legitimität durch die Folgen des Uno-Sanktionenregimes (5.1.1. und 5.1.2.).

3. Die Ba'th-Republiken Irak und Syrien bis zum Ende des Zweiten Golfkrieges

Um die regionalhistorische und -politische Besonderheit des syrisch-irakischen Rapprochement der 90er Jahre herauszustreichen, die Arbeitsthese historisch zu kontextualisieren und zu veranschaulichen, ist eine Retrospektive auf die Beziehungen der beiden Ba'th-Regime bis zum Ende von Desert Storm erforderlich. Dieses Kapitel zeigt, dass das ba'thistische Syrien seit jeher eine externe Gefahr für das Regime Husayn darstellte, mit der es aber nach seinem Rückfall in den Prätorianismus ganz im Sinne des omnibalancing während des Rapprochement der späten 90er Jahre kooperierte. Im Gegensatz zu den syrisch-irakischen Beziehungen nach dem Zweiten Golfkrieg, d.h. der eigentlichen Interaktion während des Rapprochement, ist das Verhältnis der beiden Ba'th-Regime vor dem Abbruch der diplomatischen Beziehungen Ende 1980 relativ gut dokumentiert. Außer dem 1990 erschienenen Standardwerk Ba'th vs. Ba'th: The Conflict between Syria and Iraq 1968-1989 von Eberhard Kienle und der für die Magisterarbeitthese grundlegenden Studie von Malik Mufti Sovereign creations: Pan-Arabism and political order in Syria and Iraq von 1996 existieren in der westlichen Literatur mehrere Kurzabhandlungen.[70]

Die Kienles (1990) Monographie strukturierende Periodisierung des syrisch-irakischen Verhältnisses deckt sich mit der von Mufti untersuchten Transformation Syriens und des Irak von prätorianischen zu bonapartistischen Staaten und den entsprechenden Auswirkungen auf das bilaterale Verhältnis. Regionalhistorisch wiederum decken sich die Staatswerdungen bis zum Abbruch der diplomatischen Beziehungen mit dem sukzessiven Abklingen des hegemonialen Antagonismus zwischen Ägypten (Niltal) und dem Irak (Mesopotamien), der in der Levante (Großsyrien) ausgetragen wurde.[71] Das Ende dieses struggle for Syria geschah gleichzeitig mit der Ende der 70er Jahre beobachtbaren Reorientierung der irakischen Außenpolitik von der Levante weg in Richtung Golfregion, die im Iran-Irak-Krieg mündete.[72] Dieser Konflikt und vor allem der kurz darauffolgende Zweite Golfkrieg kippten die asymmetrische Machtbalance zwischen den beiden Ba'th-Staaten erstmals zu Syriens Gunsten, nachdem der post-koloniale Irak machtpolitisch stets der prädominante Part gewesen war.[73]

Auf die von Mufti beschriebene monarchistische Phase[74] der irakischen Hashemiten und ihrer expansionistischen Vereinigungspolitik folgte die prätorianische Phase der post-kolonialen Territorialstaaten Syrien und Irak. Das post-koloniale Syrien vor der Machtergreifung des Ba'th 1963 war "a classic penetrated state" und spielte die Opferrolle im angesprochenen Wettkampf um die Levante.[75] Die syrischen Regime dieser Phase hatten eine tiefe Effektivität und noch tiefere Legitimität, was der dominantere Irak zu seinen Gunsten auszunutzen trachtete.[76] Seinerseits durchlief der Irak von 1958, dem Sturz der Monarchie, bis 1968, der Machtergreifung des Ba'th, eine Phase des internen Machtkampfes innerhalb der neuen Mittelschicht von Offizieren, Bürokraten und der Intelligenz, welcher in den Staatsstreichen der 60er Jahre gipfelte.[77] Kienles Periodisierung zufolge bildete der endende Prätorianismus die erste Konfliktphase zwischen den sich allmählich konsolidierenden Ba'th-Regimen (consolidation conflict von 1968-72).[78]

Übereinstimmend mit dem Prätorianismuskonzept dominierten in dieser Phase des zwischenstaatlichen Konflikts die raison de régime sowie gegenseitige ideologische, legitimatorische und propagandistische Destabilisierungsversuche.[79] Die transnationale Wirkkraft des irakischen Ideologieexports bildete das gravierendste Gefahrenpotenzial der noch instabilen Regime Jadid (1966-70) und Asad – stärker als alle gleichgewichtspolitischen Überlegungen –, weshalb in dieser Phase die syrische Propaganda die irakische an Intensität und Aggressivität übertraf.[80] Zwar bezichtigten sowohl das syrische als auch das irakische Regime ihr jeweiliges Gegenüber ein "Agentenregime" (nizām ‘amīl) im Dienste des Imperialismus und Zionismus zu sein, doch legte die syrische Propaganda des jeweiligen Regimes größeren Wert auf die eigene Verkörperung des wahren Ba'thismus (al-ba‘th al-haqīqī) und der "ursprünglichen historischen Bewegung" (haraka ta’rīkhīyya asīla).[81] Das irakische Regime wurde als "reaktionäres Regime" (nizām radja‘ī), "Renegatenbewegung" (harakat ar-ridda) und "Agentenclique" (tum‘at al-‘umalā‘) gebrandmarkt, wobei insbesondere der tribale und regionale ("takritische") Charakter des Regimes bloßgelegt wurde.[82] Letzteres nicht zuletzt deshalb, um vom alawitischen und damit ebenso tribal-regionalen Charakter des Asad-Regimes abzulenken, für welches arabistische Legitimierung nach dem Debakel der naksa und der gescheiterten Unterstützung der PLO im jordanischen Bürgerkrieg 1970 oberste Priorität besaß.[83]

Darüber hinaus entstammte die Legitimitätsnot der syrischen Regime Jadid und Asad der syrischen Exilierung der Ba'th-Gründer Salah ad-Din al-Bitar und Michel 'Aflaq durch den Staatsstreich von 1966 und der anschließenden Niederlassung 'Aflaqs im Schosse des Rivalenregimes in Bagdad.[84] Der Putsch war das Endergebnis einer in den frühen 60er Jahren zunehmenden Spaltung der syrischen Ba'th-Partei in eine regionalistisch orientierte Faktion radikal-progressiver Marxisten (qutrīyūn) – nach 1966 die Neo-Ba'thisten – und einer nationalistisch, d.h. panarabisch gesinnten Faktion (qaumīyūn) um die Gründergeneration.[85] Diese Spaltung zwischen dem Regional- und Nationalkommando hatte sich im Gefolge des kontroversen syrischen Austritts aus der United Arab Republic 1961 verschärft, der für arabistische Elemente in Syrien einer Häresie gleichkam.[86] Das Nationalkommando um 'Aflaq verbündete sich nach seiner Expatriierung mit den irakischen Ba'thisten um Ahmad Hasan al-Bakr, die sich 1968 im Irak an die Macht putschten.[87] Danach manifestierte sich der ehemalige Antagonismus zwischen Regionalisten und Nationalisten innerhalb des syrischen Ba'th auf zwischenstaatlicher Ebene zwischen Syrien (qutrīyūn) und dem Irak (qaumīyūn).[88]

Die aus dogmatischer Sicht höhere Legitimation der panarabischen qaumīyūn und somit des irakischen Ba'th sowie die im Allgemeinen "inzestuös" (Seale) engen Beziehungen innerhalb der Ba'th-Bewegung erhöhten die Gefahr von Überläufen aus der syrischen in die irakische Partei.[89] Als potenzielle Abtrünnige galten syrische Ba'thisten, die dem Nationalkommando aus persönlichen oder ideologischen Gründen loyal geblieben waren, sunnitische und andere nicht-alawitische Mitglieder des syrischen Ba'th und diejenigen Parteigänger, die die Neo-Ba'thisten für die naksa verantwortlich hielten.[90] Der irakische Ba'th war durch Abtrünnigkeit weniger gefährdet, da das syrische Regime eine nur geringe Anziehungskraft auf irakische Ba'thisten ausübte.[91]

Die zweite und dritte Konfliktphase in Kienles Periodisierung entspricht der allmählichen Ausprägung des Bonapartismus in Muftis Staatswerdungsmodell und folglich einer extrovertierteren regionalen Außenpolitik, die den zwischenstaatlichen Konflikt intensivierte.[92] Kienle nennt die Transitionsphase von 1972-75 denn auch from regime consolidation to regional competition (Kapitel 2) und die eigentlich bonapartistische von 1975-78 escalation and exacerbation of regional competition (Kapitel 3). Die Ausprägung des syrischen bzw. irakischen Bonapartismus resultierte aus dem syrischen Pseudosieg im Oktoberkrieg 1973 und der Konfrontationsrente aus dem Golf, dem Erdölboom der 70er Jahre und dem irakisch-iranischen Algier-Abkommen von 1975, das den kurdischen Widerstand im Irak lahmlegte.[93] Die dadurch freigesetzten Ressourcenströme nährten die megalomanische Sicht des Regime Husayn, das dem Irak die Rolle und das Gewicht Chinas, der UdSSR oder der USA beimaß.[94]

Während der Irak bis zum Algier-Abkommen durch den kurdischen Widerstand an seiner bonapartistischen Entfaltung gehindert wurde, gelang es dem Asad-Regime dank der Korrekturbewegung (al-haraka at-tashīhīyya) und dem ersten wirtschaftlichen infitāh ("Öffnung") seine Basis zu konsolidieren[95] Damit einher ging anfangs 1972 auch ein Rückgang der legitimatorischen Instabilität und ergo der Propagandatiraden gegen Bagdad, weil der infitāh die Kooptation und Klientelbildung auf der Basis materieller Loyalitäten begünstigte.[96]

Das syrische Regime versuchte diesen anfänglichen Vorteil gegenüber dem Irak auszubauen, indem es dessen geopolitische Binnenlage[97], sprich Abhängigkeit von der Tapline für den Erdölexport, ausnutzte. Vom Juni 1972 bis Januar 1973 verlangte das Asad-Regime eine Neuverhandlung der vom Irak entrichteten Transitgebühren, worauf sich im Sommer 1973 das Regime Husayn entschloss, sich dieser Abhängigkeit durch den Bau von alternativen Exportpipelines zu entziehen.[98] Der Irak und die Türkei unterzeichneten ein Abkommen zum Bau einer Pipeline von Kirkuk zum Mittelmeerhafen Dörtyol, die 1977 ihren Betrieb aufnahm.[99] Eine zweite Exportalternative bot die bereits 1975 eröffnete Pipeline von Al-Haditha zur schmalen Golfküste, die jährlich 48 Millionen Tonnen Erdöl aus Kirkuk transportierte. Durch diese beiden Alternativen verfügte der Irak über ausreichende Exportkapazitäten ohne auf die Tapline von Kirkuk zum syrischen Mittelmeerhafen Baniyas angewiesen zu sein. Bereits im April 1976 beendete der Irak seinen Erdölexport durch die Tapline, um Syriens Interventionsabsichten in den libanesischen Bürgerkrieg im selben Jahr zu torpedieren.[100] Durch die Verunsicherung der Golfregion im Rahmen des Iran-Irak-Krieges war er allerdings gezwungen, den Erdölexport 1981 durch die Tapline kurzfristig wiederaufzunehmen, bis diese ein Jahr darauf für die nächsten 18 Jahre endgültig stillgelegt wurde (für die Wiedereröffnung während des syrisch-irakischen Rapprochement siehe p. 90, pp. 92-93).[101]

Der irakische Widerstand gegen eine pax siriana im Libanon und gegen die Verwirklichung großsyrischer Träume äußerte sich im Spätsommer 1976 in ersten, vom Irak gesponserten Sabotage- und Terroraktionen gegen das syrische Regime, worauf die syrischen Muslimbrüder bis zum Massaker von Hamah 1982 diese Funktion indirekt ausübten.[102] Als die syrische Intervention und Militärpräsenz im Libanon Ende 1976 von der AL legalisiert wurde, ging an demselben Tag in Bagdad der anti-syrische Propagandasender saut sūrīya al-‘arabīyya ("Stimme des arabischen Syrien") auf Sendung, der erst 21 Jahre später im Rahmen des syrisch-irakischen Rapprochement geschlossen wurde (siehe p. 87). Nach dem iranisch-irakischen Waffenstill 1988 wurden Ressourcen verfügbar, die der Irak zur Intensivierung des Konfliktes mit Syrien im libanesischen Bürgerkriegsgewirr einsetzte.[103] Die syrienfeindliche Regierung des Kommandanten der libanesischen Armee, General Michel 'Aun, wurde vom Irak als erstem Staat anerkannt und nach dessen Aufruf zum Befreiungskrieg im März 1989 mit Gratiswaffen im Wert von 15 Mio. $ pro Monat beliefert.[104] 'Aun, der die Implementierung des Ta'if-Abkommens verhinderte, wurde im Oktober 1990 durch eine von den USA gedeckte syrisch-libanesische Militäraktion aus dem Libanon vertrieben, worauf Syrien seine Hegemonie über den Zedernstaat ausbreitete.[105]

Während der prätorianischen und bis in die bonapartistische Phase hinein bewegte sich die syrisch-irakische Kooperation auf technischer und ökonomischer Ebene, niemals jedoch auf parteipolitischer oder militärischer.[106] In der bonapartistischen Phase wurde jedoch die technisch-ökonomische Zusammenarbeit wegen der extrovertierteren Außenpolitik der beiden Ba'th-Akteure negativ beeinflusst.[107] Dies ging soweit, dass sich die Rivalen 1975 in der Auseinandersetzung um die Aufteilung des Euphratwassers am Rande einer militärischen Konfrontation gegenüberstanden. Syrien hatte zwischen 1968-73 den Tabaqa-Staudamm am oberen Euphrat gebaut, dessen Reservoir (buhayrat al-Asad) 1975 gleichzeitig mit dem türkischen Keban-Stausee – ebenfalls am Euphrat – aufgefüllt wurde.[108] Beides führte zu einem massiven Rückgang des Wasserflusses in den Irak, der zusammen mit einer Dürrekatastrophe im selben Jahr die irakische (Land-)Wirtschaft zu ruinieren drohte. Ein eigentlicher "Wasserkrieg" konnte nur durch die Mediation Saudi-Arabiens abgewendet werden.

Das tiefe Kooperationsniveau dieser Zeit steht zumindest oberflächlich in eklatantem Kontrast zur vierten Konfliktphase in Kienles Periodisierung, die nach außen hin zwar auf eine Union zwischen Syrien und dem Irak hinauslief, realiter jedoch die Weiterführung des Konflikts mit anderen Mitteln war.[109] Die Inversion von Clausewitz' bekannter Phrase galt gemäß Kienle für alle kurzzeitigen Entspannungen und Rapprochements im syrisch-irakischen Verhältnis bis zum Abbruch der Beziehungen. Das Rapprochement ab 1997 fällt interessanterweise völlig aus diesem Schema, wie ab Kapitel 6 gezeigt wird. Das Unionsprojekt von 1978-79 war eine Wiederholung von früheren Rapprochements, doch war diesmal Syriens geostrategische Verwundbarkeit nach dem ägyptisch-israelischen Friedenschluss von Camp David der entscheidende Unterschied.[110] Syrien suchte in der Union mit dem traditionell potenteren Irak zusätzliche strategische Tiefe gegen Israel und einen geopolitischen Ausgleich zum abgefallenen Ägypten, nachdem sich die "Standhaftigkeits- und Konfrontationsfront" (djabhat as-sumūd wa at-tasaddī) des Tripoli-Blocks als ineffektiv erwiesen hatte.[111] Der Irak versuchte, die Exponiertheit Syriens auszunutzen und mit friedlichen Mitteln das zu erreichen, was durch Konfrontation nicht gelungen war – nach der Ausgrenzung des ägyptischen Hegemons die Vormacht in der Levante und damit über Syrien für sich zu entscheiden.[112]

Nach dem Kooperationstief Mitte der 70er Jahre propagierten die beiden Rivalen in der Charter for Joint National Action (mithāq al-‘amal al-qaumī al-mushtarak) vom Oktober 1978 ein regelrechtes Kooperationshoch.[113] Beide Staaten gingen jedoch von unterschiedlichen Interessen aus und verfolgten dementsprechend diverse Kooperationskonzepte auf unterschiedliche Art und Weise. Obwohl die Formulierung der Charta zum geplanten Subkomitee für militärische Kooperation im Gegensatz zu den allgemeinen Unionsabsichten konkreter ausfiel[114], verstanden die Ba'th-Rivalen darunter keineswegs dasselbe. Syrien hatte sich zwar vorrangig wegen der militärischen Stärkung auf das Unionsprojekt eingelassen, doch versuchte es ähnlich dem Rapprochement der 90er Jahre schrittweise vorzugehen und zuerst technische Kooperation zu intensivieren, während der Irak die sofortige Stationierung irakischer Truppen auf syrischem Territorium verlangte.[115] Syrien lehnte nicht nur diese offensichtliche Souveränitätseinschränkung ab, sondern auch die im Rahmen der Militärunion vorgesehene Auflösung der "Verteidigungsbrigaden" (sarāyat ad-difā‘), die als Eliteeinheit dem Machterhalt des syrischen Regimes dienten.[116]

Der Irak machte die Militärkooperation sowie die Kooperation in anderen Bereichen von der Vereinigung der beiden Parteiapparate abhängig und strebte eine konstitutionelle Vereinigung der beiden Systeme in einem Einheitsstaat mit einem einzigen Entscheidungszentrum an.[117] Syrien schwebte höchstens eine föderale Verbindung mit geringem Souveränitätsverlust vor, worauf die absichtliche Ambiguität des Chartatextes mit der schwammigen Formel "to seek […] to bring about the closest form of unity ties" zurückgeht und die Einrichtung eines "Gemeinsamen Höheren Politischen Komitees" (al-hai’a as-siyāsīyya al-‘ulīyā), das sich mit diesen unity ties beschäftigen sollte.[118] Das syrische Regime schreckte vor der Vereinigung der Parteiapparate zurück, weil diese wie die Stationierung irakischer Truppen womöglich das Ende des Asad-Regimes bedeutet hätten. Der irakische Ba'th war im Gegensatz zu seiner Schwesterpartei ein hocheffizienter und militanter Macht- und Geheimdienstapparat, während der syrische Ba'th der Armee sowie anderen Sicherheitsdiensten unterstand und vielmehr als Organisations-, Indoktrinations- und Legitimationsorgan fungierte.[119] Außerdem hatte der irakische Ba'th aufgrund seiner engen Verbindung mit dem Nationalkommando um 'Aflaq einen legitimatorischen Vorsprung.[120]

Kurz nach der endgültigen Machtübernahme von Saddam Husayn und dem angeblich gesundheitsbedingten "Rücktritt" Al-Bakrs fand das Rapprochement ein jähes Ende. Genauso wie das potentere Regime in Bagdad das Unionsprojekt initiiert hatte, so wurde es auch von diesem für beendet erklärt. Am 28. Juli 1979 wurde nach altbewährter Ba'th-Manier ein regimegefährdendes Komplott aus dem Ausland aufgedeckt, wobei die unspezifische Anspielung offensichtlich Syrien galt.[121] Eine syrische Beteiligung an einem Komplott wäre durchaus denkbar gewesen, da einige der innerirakischen Rivalen Husayns sich für eine Union mit Al-Bakr an der Spitze, Asad als seinem Vize und Husayn als Nummer 3 aussprachen, womit die Machtambitionen von letzterem hätten gezügelt werden sollen.[122] Gemäß Mufti und Trip initiierte Husayn das Unionsprojekt allein, um die Loyalität seiner Gefährten zu testen und damit Opponenten auf dem Weg zur Staatsspitze zu liquidieren.[123]

Nach der interarabischen Isolierung Ägyptens, dem gescheiterten syrisch-irakischen Unionsprojekt und damit der geostrategischen Isolation Syriens gegenüber israelischer Militärüberlegenheit setzte sich die syrisch-irakische Rivalität in konfrontativer Form fort, nachdem der Irak das Algier-Abkommen aufgekündigt und den Iran invadiert hatte.[124] Nach der Ablösung der proisraelischen Pahlavi-Ordnung durch den Khomeinismus und folglich dem Ende der vorderasiatischen twin pillar -Politik der USA entpuppte sich der Iran als möglicher Allianzpartner Syriens.[125] Neben der UdSSR war Syrien denn auch das zweite Land, das das islamistisch-revolutionäre Regime im Iran anerkannte. Obwohl die ba'thistische Republik Syrien und die islamische Theokratie Iran auch heute offensichtlich eine alliance contre nature bilden, war und ist der gemeinsame Nenner ihrer revisionistischen Staatsideologien ein ausgeprägter Anti-Imperialismus.[126]

Trotzdem hat der Irak als das eigentliche Objekt dieser gleichgewichtspolitischen Regionalallianz gegolten.[127] Nach einem schnellen Sieg des Irak über den Iran, der im Anfangsstadium des Ersten Golfkrieges durchaus möglich schien, wäre Syriens geostrategische Lage in der Levante noch prekärer geworden, als es nach der Zäsur von Camp David sowieso der Fall war.[128] Der danach wohl erneuerte Hegemonieanspruch des Irak über das großsyrische Einflussgebiet hätte Syriens Konfrontationsstatus gegenüber Israel wesentlich kompromittiert, weshalb das Asad-Regime dem Iran militärisch beistand und die Doktrin der arabischen Solidarisierung mit dem Irak über Bord warf.[129] Syrien legitimierte diese Irak-Politik dann aber mit der bewährten Begründung, dass durch einen Krieg an der arabischen Peripherie und gegen einen potenziellen Verbündeten der Araber wertvolle Ressourcen für die anti-zionistische Konfrontation verschütt gingen.[130] Als syrische Waffenlieferungen an den Iran ertappt wurden, ließ der Irak die syrische Botschaft in Bagdad stürmen und brach im Oktober 1980 die diplomatischen Beziehungen zum ba'thistischen Rivalen ab.[131]

Nachdem Syrien am 10. August 1982 die Tapline als klar pro-iranischen Akt der Wirtschaftskriegsführung stillgelegt hatte, erreichten die syrisch-irakischen Beziehungen ihren absoluten Tiefpunkt in den 80er Jahren.[132] Zwei Tage davor hatte Syrien die gemeinsame Grenze geschlossen, um angebliche irakische Unterstützung für den bereits zerschlagenen Widerstand der Muslimbrüder zu unterbinden.[133] Die Schließung der Tapline, die dem Irak 40 % seiner Erdölexporteinkommen raubte, war für Syrien allerdings ökonomisch nur verkraftbar, weil Erdölimporte zu äußerst günstigen Konditionen aus dem Iran vereinbart worden waren.[134] Bis zum Ende des Iran-Irak-Konfliktes wurde in unterschiedlichen Mengen stark verbilligtes Erdöl, ein beträchtlicher Teil davon sogar gratis, aus dem Iran nach Syrien geliefert.[135] Nach interarabischer Mediation eines syrisch-irakischen Rapprochement Mitte der 80er Jahre kam es zwar zwischen 1985-86 zu mehreren Treffen zwischen Repräsentanten des Regimes – 1987 trafen sich sogar Asad und Husayn –, doch scheiterten diese ähnlich dem Unionsversuch Ende der 70er Jahre.[136] Syrien strebte im Sinne einer Wiederbelebung der gemeinsamen Charta the closest form of unity ties an, während der Irak kompromisslos panarabische und damit auch syrische Solidarität mit der antipersischen Qādisīyyat Saddām einforderte.

Diese Kooperationsbereitschaft Syriens dürfte auf seine zunehmende interarabische Isolation gegen Ende der 80er Jahre zurückzuführen sein, in die sich das Asad-Regime nicht zuletzt wegen der antiirakischen Allianz mit dem Iran manövriert hatte.[137] Nachdem 1989 mit dem Arab Cooperation Council (Ägypten, Jordanien, Irak, Nordjemen) und der Arab Maghreb Union (die fünf Maghrebstaaten) zwei weitere Gruppierungen zusätzlich zum bereits bestehenden Gulf Cooperation Council (die arabischen Golfstaaten) gegründet worden waren, befanden sich insgesamt 15 der 22 Mitglieder der AL – nicht aber Syrien – in subregionalen Kooperationsstrukturen.[138] Die interarabische Schwächung Syriens kam dem Irak nach dem Ende des Ersten Golfkrieges 1988 mehr als gelegen, als er seine hegemonialen Ambitionen innerhalb und außerhalb des ACC-Rahmens wiederaufnahm. Das Treffen des ACC im Februar 1990 und der im Mai darauffolgende arabische Gipfel in Bagdad wurden vom Irak genau für diese Zwecke instrumentalisiert.[139] Erneute arabische Mediationsversuche, ein syrisch-irakisches Rapprochement herbeizuführen und Syrien als neutralisierendes Gegengewicht zum Irak in die regionalen Entwicklungen einzubeziehen, schlugen aus denselben Gründen wie in den 80er Jahren fehl.[140]

Der nach dem Ende des achtjährigen Golfkrieges neu erwachte Hegemonieanspruch des Irak wurde allerdings durch die negativen Auswirkungen dieses Konflikts auf die irakische Volkswirtschaft verunmöglicht. Von der gesamthaften Außenverschuldung, die sich auf 67-90 Mia. $ belief, waren 30-40 Mia. $ an die arabischen Golfstaaten zu entrichten.[141] Diese wurden am bereits genannten Gipfeltreffen vom Mai von ihrem Gastgeber beschuldigt, durch Überschreitung der Opec-Quoten dem Irak Ressourcen vorzuenthalten und somit ökonomischen Krieg gegen den Irak zu führen.[142] Neben der in den Monaten darauf perfektionierten Alibifunktion dieses Erdölstreits sollte auch das legendäre Treffen zwischen Husayn und der amerikanischen Botschafterin in Bagdad, April Glaspie, den irakischen Überfall auf Kuwait und damit den Ausbruch des Irak aus seiner De-facto-Binnenlage rechtfertigen.[143] Die Völkerrechtsverletzung vom 2. August 1991 sollte dem Irak nicht nur die Souveränität über den Shatt al-'Arab – das trotz achtjähriger Kriegsführung unerreichte Minimalziel – endgültig sichern, sondern darüber hinaus die koloniale Abtrennung vom Golf korrigieren.[144]

Syrien überwand seine interarabische Isolation am Gipfel der AL vom 10.-11. August in Kairo, als ökonomische Sanktionen gegen den Irak und die Entsendung von arabischen Truppen – einschließlich 17'000 Syrer – im Rahmen der Operation Desert Shield nach Saudi-Arabien beschlossen wurden.[145] Der Auftrag des syrischen Kontingents sollte sich allein auf die Verteidigung Saudi-Arabiens und später auf die Befreiung kuwaitischen Territoriums beschränken.[146] In seiner Rede vom 12. September rechtfertigte Asad die syrische Teilnahme mit der Begründung, die Golfkrise könne nicht einfach "Ausländern" überlassen werden, weshalb eine arabische Militärpräsenz am Golf im arabischen Interesse liege. Ähnlich der Verurteilung des Iran-Irak-Krieges wurde auch der Überfall auf Kuwait als peripherer Konflikt verurteilt, der die arabische Aufmerksamkeit von der zentralen Front gegen den Zionismus ablenke.[147] Nachdem Asad in seinem Brief vom 12. Januar 1991 Husayn noch syrischen Beistand im Falle eines Angriffs auf den Irak nach dem Rückzug aus Kuwait garantiert hatte, kam es kurz darauf während Desert Storm zum ersten militärischen Aufeinandertreffen syrischer und irakischer Truppen in der Geschichte der Ba'th-Regime.[148] Die syrische Teilnahme an Desert Storm war indes mehr von symbolisch-politischer Bedeutung als von konkret militärischer; bei einem Artillerieduell soll die syrische Seite sogar absichtlich an irakischen Stellungen vorbeigefeuert haben.[149]

Dieser kurze Abriss der Beziehungen zwischen den beiden Ba'th-Republiken Syrien und Irak bis zum Ende des Zweiten Golfkrieges dient den Kapiteln 6 und 7 als historische Tiefendimension bei der regionalgeschichtlichen Verortung des syrisch-irakischen Rapprochement. Davor wird in den folgenden Kapiteln 4 und 5 der Theoretisierung des Wiederannäherungsprozesses nachgekommen, indem gemäß der Arbeitsthese zuerst das bonapartistische Stadium Syriens nach dem Zweiten Golfkrieg und darauf das prätorianische Stadium des Irak aufgezeigt wird. Beide Kapitel sollen nach einer Narration der syrisch-irakischen Beziehungen von 1991 bis 2001 in Kapitel 6 das Rapprochement ab 1997 in Kapitel 7 erklären helfen.

4. Syrien nach 1991: Konsolidierung des Bonapartismus

Die Arbeitsthese nimmt an, dass Syrien im Gegensatz zum Irak im bonapartistischen Stadium der Regimekonsolidierung verblieb und dessen Charakteristika zu festigen vermochte. Die Autonomie, Effektivität und Legitimität des Asad-Regimes waren im Verhältnis zum Irak relativ hoch, weshalb es innenpolitisch keiner existentiellen Gefährdung und Destabilisierung ausgesetzt war. Staat und Regime waren deshalb eher kongruent als im Irak, wonach die Regierung in Damaskus einer raison d'état folgend die externe Sphäre als besonders bedrohlich perzipierte. Folglich gerierte sich Syrien unter dem Asad-Regime eher wie eine westfälische Systemeinheit, die gleichgewichtspolitisch die externen Gefahrenpotenziale auszubalancieren trachtete (balancing against threats).

4.1. Das Asad-Regime: Interne Gefahrenpotenziale

Eine Analyse der innenpolitischen Entwicklung Syriens nach dem Zweiten Golfkrieg anhand der MECS von 1991-2000 belegt, dass sich die internen Gefahrenpotenziale – soweit empirisch nachprüfbar – im Rahmen hielten und keine ernsthafte Gefährdung der Regimestabilität darstellten. Die interne Autonomie des Asad-Regimes war demnach relativ hoch, was auf den relativen Erfolg seiner Effektivität und Legitimierung zurückzuführen ist. Infrastrukturelle Macht im Rahmen der Regimeeffektivität wurde ausgebaut und moderierte damit den behelfsmäßigen Einsatz despotischer Machtmittel, die aber gleichwohl wirksam blieben.[150]

In diesem Sinne sollte die während den 90er Jahren rege betriebene Amnestierung und Freilassung von Regimegegnern nicht nur als legitimatorischer Akt eines autoritären Regimes verstanden werden, sondern implizit als fortgeschrittene Kontrolle über oppositionelle Elemente in der Gesellschaft.[151] Die Begnadigungsschübe, in deren Genuss häufig islamistische Regimegegner kamen, standen im Zeichen der vom Asad-Regime angestrebten Versöhnung bzw. Kooptation der zerschlagenen Muslimbrüderopposition, die von 1976-82 die Hauptgefahr für den frühen syrischen Bonapartismus gebildet hatte. Im Dezember 1995 durfte 'Abd al-Fatah Abu Ghudda, der ehemalige Generalinspektor der Muslimbrüder von 1976-82 und von 1986-90, nach 16-jährigem Exil in Saudi-Arabien in seine Heimatstadt Aleppo zurückkehren und sich dort niederlassen.[152] Obwohl Abu Ghudda kurz darauf aus gesundheitlichen Gründen wieder in sein ehemaliges Exil zurückgekehrt war, entsandte Asad nach dessen Tod im Frühjahr 1997 eine hochrangige Delegation nach Aleppo, um Abu Ghuddas Familie zu kondolieren.[153] Diese bedankte sich dafür offiziell bei Asad und für dessen Angebot, den Präsidentenjet für die Überführung des Leichnams von Abu Ghudda nach Aleppo zur Verfügung zu stellen.[154]

Dieses von der syrischen Propaganda stark hervorgehobene Ereignis illustrierte einen gewissen Dialog zwischen dem Regime und den Muslimbrüdern, deren Anführer teilweise, wenn auch zaghaft, nach Syrien zurückkehrten und ihre Aktivitäten in nicht-politischen Bereichen wiederaufnehmen durften.[155] Dass ein Teil der Muslimbrüderführung sowohl außerhalb als auch innerhalb Syriens in diesen Dialog einwilligte, zeugte davon, dass sie die Konsolidierung des Asad-Regimes akzeptierten und eine gewaltsame Auseinandersetzung für zwecklos hielten. Allerdings ging die Moderation der Muslimbrüder nicht so weit, dass die drei Bedingungen für eine Aussöhnung mit dem Regime hätten erfüllt werden können: erstens ein Reuebekenntnis für die Rebellion von 1976-82, zweitens die Rückkehr der Muslimbrüder nach Syrien und drittens der Verzicht auf politische Aktivitäten.[156] Der Dialog fand mit der kompromisslosen Haltung des Regimes in dieser Frage vorerst ein Ende.

Das syrische Regime war nicht auf eine gänzliche Aussöhnung mit den Muslimbrüdern angewiesen, um die Regimestabilität zu garantieren, da bereits eine kooptierte geistliche Elite bestand, die dem Regime bei Bedarf seine islamische Legitimität bescheinigte.[157] Im Gegenzug zeigte sich das Asad-Regime gegenüber islamischer Selbstdarstellung und religiösen Aktivitäten seiner Bürger tolerant und erlaubte sogar die Eröffnung von Koranschulen im Namen Asads (madāris al-Asad li-ta‘līm al-qur’ān).[158] Auffälliger waren die Kontakte des Regimes zu islamistischen Gruppierungen des arabischen Auslands, was zusammen mit der Politik gegenüber den Muslimbrüdern und der Kooptation anderer Geistlicher im Zeichen einer innenpolitischen Präventionsstrategie stand, um militante Regimeopposition aus islamistischem Lager von vornherein zu verunmöglichen.[159] Trotzdem kam es im März 1996 zu einer Reihe von Bombenanschlägen in verschiedenen syrischen Städten und am 31. Dezember in einem Damaszener Busbahnhof, die vorerst dem israelischen und türkischen Geheimdienst angelastet wurden.[160] Zumindest in letzterem Fall soll der Anschlag aber auf das Konto einer militanten Islamistengruppe gegangen sein, die damit den Tod eines ihrer Mitglieder in syrischer Haft rächen wollte.[161] Die Muslimbrüder sollen hingegen nicht in den Anschlag involviert gewesen sein.

Die Abwesenheit ernsthafter Regimeopposition im Inneren lässt sich allerdings nicht allein auf die genannte Prävention von indigenem Islamismus zurückführen. Seit dem Ende des Zweiten Golfkrieges bis 1997 verzeichnete die syrische Wirtschaft ein im Vergleich zu den 80er Jahren ausgeprägtes Wachstum dank den Golfrenten, der kontinuierlichen Erhöhung der Erdölproduktion und folglich des Erdölexports sowie der staatlichen Förderung ausländischer Investitionen im Rahmen des Investitionsgesetzes Nr. 10.[162] Damit einher gingen eine Reduktion der Ausgaben für die nationale Sicherheit (Armee, Polizei, diverse Sicherheitsapparate), deutlich erhöhte Importe vor allem von Konsumgütern und seit 1993 erstmals ein expliziter Fokus der Regierung auf infrastrukturelle und sozioökonomische Entwicklung.[163] Allerdings führte der massive Rückgang der Einnahmen aus dem Erdölgeschäft 1998 von bis zu 30 % im Vergleich zum Vorjahr (von 2.3 Mia. $ auf 1.6 Mia. $) zu einem Defizit von 184 Mio. $, während 1997 noch ein Überschuss von 454 Mio. $ geherrscht hatte.[164]

Die Rezession in der zweiten Hälfte der 90er Jahre war nicht nur ein Produkt der gesunkenen Erdöleinnahmen, sondern hauptsächlich eine direkte Folge des exorbitanten Bevölkerungswachstums, das mit 3.3-3.5 % pro Jahr weltweit zu den höchsten gehört.[165] Die Regierung war dieses demographische Problem bis dahin nur kosmetisch angegangen. Das infrastrukturelle Wachstum konnte trotz seiner Intensivierung durch die Regierung nicht mit dem Bevölkerungswachstum Schritt halten, weshalb spätestens ab 1998 realiter negatives Wachstum bestand.[166] Langfristig bilden die demographischen Raten eines der Hauptgefahrenpotenziale für die politische Stabilität, doch hielten sich ihre negativen Auswirkungen während der 90er Jahre noch in Grenzen. Auch das Jahr 1999 erlebte keine Brotunruhen, obwohl die schwerwiegendste Dürre des gesamten Jahrhunderts zu landwirtschaftlichen Ertragsverlusten von bis zu 30 % im Vergleich zu den Vorjahren geführt hatte.[167]

Das einzige wirklich nennenswerte Gefahrenpotenzial für die Regimestabilität entsprang der Nachfolgefrage, die sich nach dem tödlichen Verkehrsunfall von Asads Sohn und potenziellem Nachfolger Basil im Januar 1994 zuspitzte.[168] Da die Legitimität der syrischen Minderheitenherrschaft stark von der Person und zentralen Stellung des Präsidenten Asad abhing, gestaltete sich die Nachfolgeregelung zwangsläufig als fundamentales Problem für den Fortbestand des Regimes.[169] Dass der oft prekäre Gesundheitszustand von Asad eigentliche Diadochenkämpfe nach sich ziehen könnte, hatte der Zeitraum von 1983-84 gezeigt, als Asad nach einem Herzleiden die Macht vorübergehend an ein sechsköpfiges Komitee übertragen musste. Rif'at al-Asad, Asads jüngerer Bruder und damals Kommandant der Prätorianergarde sarāyat ad-difā‘ ("Verteidigungsbrigaden"), versuchte sich in diesem Gremium über Asad hinwegzusetzen, wodurch Syrien an den Rand eines Bürgerkrieges geriet. Nach Asads Rekonvaleszenz und Rückkehr in die politische Arena wurde sein Bruder ins Exil verbannt.

Das syrische Regime[170] besteht aus einem formellen Apparat, das die offiziellen, "sichtbaren" Ämter umfasst und in dem sunnitische Syrer relativ stark vertreten sind und einem informellen, d.h. "unsichtbaren" Apparat, genannt djamā‘a ("Schar, Trupp, Kollektiv").[171] Dieser wird fast ausschließlich von hohen Militärs alawitischen Ursprungs geführt, die das eigentliche Machtzentrum und die existentielle Absicherung des Regimes bilden. Sie sind es, die die Nachfolgefrage letztinstanzlich entscheiden, weil ohne ihren Rückhalt kein neues Regime Bestand hätte.[172] Die Austragung des Machtkampfes um die Nachfolgeregelung in den 90er Jahren hat aber erneut bestätigt, dass das Asad-Regime seine Konsolidierung und Stabilität nicht allein repressiven Mechanismen verdankte, sondern vielmehr der Komplexität immanenter checks and balances.[173] Dies gilt vor allem für den während der frühen Asad-Zeit professionalisierten, d.h. entideologisierten Sicherheitsapparat, in dem sich zahlreiche Spezialtruppen und Geheimdienste gegenseitig kontrollieren, gleichzeitig aber im Eigen- und Regimeinteresse kooperieren.[174] Da dieses ausgeklügelte, sich selbst regulierende System die Erfolgsaussichten verdüsterte, militärische Gewalt als Mittel der Regimeopposition anzuwenden, war das Asad-Regime der 90er Jahre relativ immun gegen prätorianische Staatsstreichversuche.[175]

Die im Rahmen der Nachfolgefrage vollzogene Auswechslung der meisten Divisionskommandanten in den 90er Jahren spielte sich demgemäß gewaltfrei und zumindest gegen außen hin reibungslos ab.[176] Dies erstaunt umso mehr, nachdem 1992 Rif'at al-Asad, formell einer der drei Vizepräsidenten Syriens und der einzige Regimeexponent mit einer eigenen namhaften Machtbasis, nach Syrien zurückgekehrt war.[177] Er versuchte indirekt über das 1997 gegründete Satellitenfernsehen Arab News Network (ANN) und durch die Zeitung einer im selben Jahr gegründeten Exilpartei – beide Medien im Besitze seines Sohnes Sumar – von London aus seinen Einfluss unter der alawitischen Gemeinschaft in Syrien wiederzugewinnen.[178] Dieser unliebsame Aktivismus wurde im darauffolgenden Jahr mit dem Ende seiner Vizepräsidentschaft quittiert und ein Jahr vor Asads Tod mit einer großangelegten Säuberungsaktion unter seinen Anhängern in der Region um Latakia.[179]

Die Untergrabung von Rif'ats Nachfolgeanspruch war umso dringender, als Ende der 90er Jahre Asads gesundheitlicher Niedergang nur noch ein offenes Geheimnis war. 1997 unterzog er sich einer Prostataoperation, worauf analog zur Nachfolgekrise anfangs 80er Jahre ein mehrköpfiges Komitee gebildet wurde, um dem geschwächten Staatsoberhaupt zu assistieren und sein Amt im Notfall zeitweilig zu übernehmen.[180] Ebenso sollte Rif'at die Stellung von Asads anderem Sohn Bashar nicht kompromittieren, dessen Nachfolgestatus nach der tödlichen Verunglückung seines Bruders Basil im Jahre 1994 systematisch aufgebaut worden war. Basil hatte bereits zu Beginn der 90er Jahre enge Beziehungen zum syrischen Sicherheitsapparat geknüpft und kommandierte sogar eine Brigade der Republikanergarden, die die Regimesicherung nach der Auflösung von Rif'ats Spezialeinheit übernommen hatten.[181] Die Medien inszenierten seine Person als modernen Hoffnungsträger, der die junge Generation in eine Ära nach Asad führen würde.[182] Nach seinem Tod übernahm Bashar diese Funktion, der in Rekordzeit eine militärische Karriere absolvierte, auf der politischen Bühne schrittweise die Leitung des Libanon-Ressorts von Vizepräsident Khaddam übernahm und sich als Förderer moderner Informationstechnologien hervortat.[183] Außerdem sollte er mit der Leitung von Kampagnen gegen Korruption, Schmuggel und Drogenhandel ähnlich seinem Bruder die Funktion eines Saubermannes verrichten und Syriens diesbezügliche Imageprobleme im In- und Ausland beheben helfen.[184]

Auch die Verjüngung der militärischen Elite durch Bashar nahestehende Offiziere sollte die Korrumpiertheit, Ineffizienz und altersbedingte Reformfeindlichkeit des vergreisten Sicherheitsestablishments beseitigen und so das Image des syrischen Regimes nach außen verbessern.[185] Einige dieser Exponenten verband man vor allem im westlichen Ausland mit syrischem Staatsterror: Muhammad al-Khuli etwa, ehemaliger Luftwaffenchef, war 1986 involviert gewesen in die geplante Sprengung einer Maschine der El Al am Flughafen Heathrow, worauf Großbritannien die diplomatischen Beziehungen zu Syrien abbrach; 'Ali Duba wiederum, ehemals Leiter des militärischen Geheimdienstes und demgemäß eines der wichtigsten Mitglieder der djamā‘a, zeichnete 1982 für das Blutbad von Hamah verantwortlich. Duba wurde 1993 zwar formell befördert, doch verlor er seine ursprüngliche Machtposition und ging 2000 in Pension.[186] Dasselbe Schicksal ereilte Hikmat Shihabi, sunnitischer Generalstabschef und ein potenzieller Kandidat für die Nachfolge, der von seinem alawitischen Stellvertreter 'Ali Aslan ersetzt wurde.[187] Khuli hingegen erhielt erneut den Posten des Luftwaffenchefs, was im Hinblick auf Bashars Nachfolge als notwendige Stärkung des innersten Machtzirkels durch besonders loyale Weggefährten Asads gewertet wurde.[188]

[...]


* Die Chronologie beruht auf Kapitel 6 "Syrien und der Irak nach dem Zweiten Golfkrieg: Eine Narration der bilateralen Beziehungen bis 2001".

[1] Al-Hayat, Donnerstag 10. April 2003, p. 1. Fußnotenhinweis: Sätze mit spezifischen Informationen ohne Fußnoten fallen meist jeweils unter die letzte vorangegangene Fußnote und ihre bibliographischen Angaben.

[2] Vollständig transkribiert werden lediglich die kursiven, gesamtarabischen Ausdrücke sowie die Titel der Al-Hayat -Artikel. Dabei gilt eine aus den Standards der Encyclopédie de l'Islam (EI) und der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft (DMG) kombinierte Transkription: Diejenigen Transkripte der DMG mit diakritischen Zeichen wurden durch EI-Zeichen ersetzt. Das ق wird allerdings durch das q der DMG umschrieben. Das hamzah am Wortanfang fällt in der Umschrift weg. Bestimmte Artikel werden gemäß DMG in assimilierter Form wiedergegeben. Nicht-kursive arabische Personen- und Ortsnamen werden dagegen vereinfacht transkribiert oder der Vertrautheit halber in ihrer europäisierten Form belassen.

[3] Azmashli, Samar: "…wa dahsha wa sadma fī sūrīya min taslīm baghdād ilā-l-ghuzāt bi-suhūla" [...Verblüffung und Schock in Syrien über die schnelle Aushändigung Bagdads an die Eroberer] in: Al-Hayat, Donnerstag 10. April, p. 8.

[4] Kienle, Eberhard: Ba'th vs. Ba'th: The conflict between Syria and Iraq 1968-1989. London 1990.

[5] Al-Hayat, Sonntag 22. Februar 1998, p. 18

[6] ibd ., Dienstag 29. Juli 1997, p. 4

[7] ibd., Mittwoch 22. November 2000, p. 1, 6

[8] ibd., Samstag 1. April 2000, p. 1, 6 und Mittwoch 23. Mai 2001, p. 1, 6

[9] Blanche, Ed: "Syrian and Iraq find common cause". in: Jane's Intelligence Review 13 (October 2001) 10 Couldson. pp. 41-43; Feuilherade, Peter: "Syria & Iraq: Mending fences?" in: Middle East International 552 (13 June 1997). pp. 8-10; George, Alan: "Syria and Iraq call a tactical truce". in: Jane's Intelligence Review 8 (June 1996) 6 Couldson. pp. 262-263; Moussalli, Ahmad S.: "The geopolitics of Syrian-Iraqi relations". in: Middle East Policy 7 (October 2000) 4 Malden. pp. 100-109; Perthes, Volker: "Syrian regional policy under Bashar al-Asad: Realignment or economic rationalization?" in: Middle East Report. Malden 31 (Fall 2001) 3/220. pp. 36-41

[10] Siehe hierzu den Beitrag von Michael Eppel "Syrian-Iraqi relations: Iraq as a factor in the Syrian foreign policy" in: Maoz, Moshe et al. (eds.): Modern Syria: From Ottoman rule to pivotal role in the Middle East. Brighton 1999. pp. 220-25; Perthes, Volker: Vom Krieg zur Konkurrenz: Regionale Politik und die Suche nach einer neuen arabisch-nahöstlichen Ordnung. Baden-Baden 2000. p. 148; pp. 287-88; Zisser, Eyal: Asad's legacy: Syria in transition. London 2001c. pp. 86-87; Stäheli, Martin: Die syrische Aussenpolitik unter Hafez Assad: Balanceakt im globalen Umbruch. Stuttgart 2001. pp. 493-94

[11] Der Ausdruck "arabisch-nahöstlich" wird von Perthes (2000) übernommen.

[12] Zugang über das Web-Portal der Universitätsbibliothek Freiburg i. Br.: www.ub.uni-freiburg.de

[13] Zugang über das Web-Portal der Zentralbibliothek Zürich: www.zb.unizh.ch

[14] Zugang über das Web-Portal der Universitätsbibliothek Freiburg i. Br.: www.ub.uni-freiburg.de

[15] Ehteshami, Anoushiravan und Raymond A. Hinnebusch (eds.): The foreign policies of Middle East states. Boulder 2002.

[16] Gedankt sei Frau Nada Itani, Head of Information bei Al-Hayat in Beirut, die diese Recherche kostenlos veranlasst hat. Die Recherchen ergaben neben einer Vielzahl deskriptiver Nachrichtenartikel auch zahlreiche analytische Meinungsartikel (siehe für beide Sorten das Quellen- bzw. Literaturverzeichnis).

[17] Al-Hayat, Freitag 26. Oktober 2001, p. 7

[18] Blanche, p. 42

[19] Für die Drittweltstaatlichkeit Syriens und des Irak sowie der arabischen Welt im Allgemeinen siehe Fergany, Nader (ed.): Taqrīr at-tanmīya al-insānīyya al-‘arabīyya li-l-‘ām 2002 [Arab Human Development Report 2002]. New York 2002.

[20] Syrien und der Irak sind keine typischen post-kolonialen Staatsgebilde, da sie zu denjenigen arabischen Staaten gehören, die vom Kolonialismus erst geschaffen wurden und folglich hochartifiziell sind (Luciani, Giacomo [ed.]: The Arab state. London 1990. pp. 5-6). Aus ba'thistischer Optik gilt Syrien als vom Kolonialismus trunkiertes "Großsyrien" (sūrīya al-kubrā), das die bilād ash-shām (Libanon, Palästina [inkl. Israel], Jordanien, türkische Provinz Hatay) umfasst, während der Irak als vom Kolonialismus konstruiert gilt (Ehteshami [2002], p. 32, 142). Die Dekolonisierung war folglich für keines der beiden Länder eine Wieder erlangung einer früheren Unabhängigkeit. Diese syrische bzw. irakische Artifizialität erklärt, weshalb sich die ba'thistische Mixtur aus repressivem Autoritarismus und arabistischem Revisionismus gerade dort zu etablieren vermochte.

[21] Pawelka, Peter: "Die politische Ökonomie der Außenpolitik im Vorderen Orient". in: Orient 35 (1994) 3 Opladen. p. 369. Die jüngste Außenpolitik arabischer Drittweltstaaten (inkl. der 90er Jahre) wurde bisher nur in der Studie von Ehteshami und Hinnebusch (2002) aufgearbeitet.

[22] Mufti, Malik: Sovereign creations: Pan-Arabism and political order in Syria and Iraq. Ithaca 1996. p. 14; Korany, Bahgat und Ali E. Hillal Dessouki (eds.): The foreign policies of Arab states: The challenge of change. Boulder 1991. p. 199

[23] Neuman, Stephanie G. (ed.): International relations theory and the Third World. London 1998. p. 2

[24] Neuman, pp. 5-12, p. 37

[25] ibd., p. 123, 217

[26] ibd., p. 43, 45. Für den Begriff "Quasistaat" siehe die drittwelttheoretische Monographie von Robert H. Jackson: Quasi-States: Sovereignty, International Relations, and the Third World. Cambridge 1990.

[27] ibd., p. 3

[28] ibd., p. 34. Das Konzept des subaltern realism, vorgestellt in Neumans zweitem Kapitel (pp. 31-54), wird theoretisch nicht weiterentwickelt; Ayoob wollte es wohl eher als Anregung in die drittweltstaatliche Debatte einbringen

[29] ibd., p. 42. Siehe dazu Kapitel 4 "The primacy of internal war" (pp. 77-101) von Steven R. David.

[30] ibd., p. 124

[31] Kienle (1990), p. 17, 20

[32] Neuman, p. 214

[33] ibd., p. 228

[34] Perthes (2000), p. 43, 119

[35] ibd., p. 42; Hudson, Michael C.: Middle East dilemma: The politics and economics of Arab integration. New York 1999. p. 51

[36] Arabistisch wird hier in Anlehnung an den Begriff arabism (arabisch ‘urūba) von "panarabisch" unterschieden und bezeichnet reduzierte Formen der Vereinigungspolitik wie etwa die Vereinigung der bilād ash-shām als Ziel eines syrozentrischen Arabismus (Ehteshami [2002], p. 143).

[37] Perthes (2000), p. 33, 35; Korany (1991), pp. 55-58; Ehteshami (2002), p. 20; Kienle (1990), p. 25

[38] Perthes (2000), p. 147

[39] Walt, Stephen M.: The origins of alliances. Ithaca 1987. p. 206

[40] Cordesman weist darauf hin, dass im Ba'thismus genau wie im Kommunismus zwei Zentren nicht denkbar sind, weshalb Syrien und der Irak ähnlich gespalten waren wie die Sowjetunion und China (Cordesman, Anthony H. and Ahmed S. Hashim: Iraq: Sanctions and beyond. Boulder 1997b. pp. 195-96).

[41] Ehteshami (2002), p. 8; Barnett, Michael N.: Dialogues in Arab politics: Negotiations in regional order. New York 1998. p. 3. Diese Diskrepanz versinnbildlicht auch die ba'thistische Terminologie, die die arabischen Länder nicht als Nationalstaaten, sondern als Regionen (aqtar; sing . qutr) begreift.

[42] Perthes (2000), p. 199, 315; Ehteshami (2002), p. 50; Barnett, Michael N.: "Regional security after the Gulf War". in: Political Science Quarterly 111 (Winter 1996-1997) 4. p. 660. Hinnerbusch spricht in diesem Zusammenhang von einer "socialization of formerly revisionist states into more 'realistic' behavior" (Ehteshami [2002], p. 20). Korany (1991) weist allerdings auf die wesentliche Tatsache hin, dass die Deideologisierung der interarabischen Beziehungen nicht auf die arabischen Bevölkerungen ("the subelite level") zutrifft (p. 52). In diesem Sinne lässt sich eine Spannung zwischen einer raison d'état unter den Staatsklassen und einer raison de la nation (arabe) in den Gesellschaften erkennen.

[43] ‘urūba bezeichnet hier verschieden intensive und verschiedenartige Formen der interarabischen Kooperation im politischen Kontext des Arabismus (d.h. der Vereinigung der arabischen Länder).

[44] Barnett (1998), p. 3; Perthes (2002), p. 104

[45] Ehteshami (2002), p. 72

[46] Neuman, p. 221

[47] Barnett (1996-1997), p. 604. Ash-sharq al-ausat al-djadid?! Sinariyu l-haimana l-isra'iliyya [Ein neuer Naher Osten?! Szenario der israelischen Hegemonie] von 'Ala 'Abd al-Wahhab, Kairo 1993; As-salam al-mudan. "Ash-sharq al-ausat al-djadid": min isra'il al-kubra ila isra'il al-'uzma [Der verfluchte Friede. "Der neue Nahe Osten": von Großisrael zu Grösst-Israel] von Munir al-Hamash, Damaskus 1995; Ash-sharqausatiyya: mukhattat amriki-sahyuni [Die sharqausatīyya: ein amerikanisch-zionistischer Plan] von Hilmi Sha'arawi (ed.), Kairo 1998. Die Buchtitel entstammen der Biographie von Perthes (2000), pp. 371-420.

[48] Perthes (2000), p. 179; Ehteshami (2002), p. 50

[49] Perthes (2000), p. 72; Maddy-Weitzman, Bruce: "Inter-Arab relations". in: Ami, Ayalon (ed.): Middle East Contemporary Survey 1991, Vol. XV. Boulder 1993. p. 164. Siehe auch da den Text der Damaskus Deklaration auf pp. 163-65.

[50] Maddy-Weitzman (1993), p. 164; Barnett (1998), p. 227; Barnett (1996-1997), p. 602

[51] Perthes (2000), p. 127

[52] ibd., 172 (siehe dort die Fußnote 108)

[53] Ehteshami (2002), p. 29; Brown, L. Carl: International politics and the Middle East: Old rules, dangerous games. Princeton 1984. p. 4

[54] Braun, Aurel (ed.): The Middle East in global strategy. Boulder 1987. p. 134, 141; Perthes (2000), p. 208

[55] Perthes (2000), p. 168

[56] ibd., p. 136; Barnett (1996-1997), p. 607; Korany, Bahgat et al. (eds.): The many faces of national security in the Arab world. London 1993. p. 58

[57] Ehteshami, Anoushiravan und Raymond A. Hinnebusch: Syria and Iran: Middle powers in a penetrated regional system. London 1997. p. 13. Perthes (2000, p. 340) weist darauf hin, dass das nahöstliche System nicht mit Anarchie pur gleichgesetzt werden darf, da trotz des eindeutig realistisch-anarchischen Charakters der intraregionalen Beziehungen eine – wenn auch eher tiefe – Institutionalisierung erkennbar ist (der Institutionenkomplex der AL, intraregionale Zusammenschlüsse wie der GCC, verschiedenartige Regime wie der Nahost-Friedensprozess, der mittlerweile aufgeweichte Israelboykott, etc.).

[58] Perthes (2000), pp. 197-98; p. 294

[59] ibd., p. 272, 284

[60] Mufti, Malik: Sovereign creations: Pan-Arabism and political order in Syria and Iraq. Ithaca 1996. p. 2, 253, 259; pp. 255-57

[61] ibd., pp. 12-13, 257-58

[62] Diese Unterscheidung findet sich auch in Huntingtons Konzept der prätorianischen Gesellschaft. Siehe dazu: Tibi, Bassam: Das arabische Staatensystem: Ein regionales Subsystem der Weltpolitik. Mannheim 1996. p. 22

[63] Mufti, p. 11

[64] ibd., p. 14. Der hier übernommene Begriff des Bonapartismus ist nicht identisch mit dem ursprünglich marxistischen Konzept gleichen Namens. Letzterem wurde vor allem die Betonung von relativer Handlungsautonomie einer oligarchischen Klasse entnommen. Siehe dazu: Smith, B.C.: Understanding Third World politics: Theories of political change and development. London 2003, pp. 112-116; Mufti, p. 14

[65] David, Steven R.: "Explaining Third World alignment". in: World Politics 43 (January 1991) 2 London. pp. 233-256.

[66] Walt, Stephen M.: The origins of alliances. Ithaca 1987.

[67] ibd., p. 148, 172

[68] ibd., pp. 22-25; p. 32, 165

[69] Perthes (2000), p. 40

[70] Die einschlägigen Artikel zu den syrisch-irakischen Beziehungen bis zum Zweiten Golfkrieg in der MECS blieben mit Ausnahme der Beiträge von Dishon und Kehat im Band 1978-79 unberücksichtigt. Siehe ansonsten Baram, Amatzia: "Ideology and power politics in Syrian-Iraqi relations, 1968-1984" in: Maoz, Moshe und Avner Yaniv (eds.): Syria under Assad: Domestic constraints and regional risks. London 1986. pp. 125-139; Eppel, Michael: "Syrian-Iraqi relations: Iraq as a factor in the Syrian foreign policy" in: Maoz (1999). pp. 210-227; Eppel, Michael: "Syria: Iraq's radical nemesis" in: Baram, Amatzia und Barry Rubin (eds.): Iraq's road to war. London 1994. pp. 177-189; Kienle, Eberhard: "The limits of Fertile Crescent unity: Iraqi policies toward Syria since 1945" in: Hopwood, Derek (ed.): Iraq: Power and society. Oxford 1993. pp. 357-379. Siehe auch das Unterkapitel "Der Irak – Ba'th-Rivale um die arabische Führung" in Stäheli (2001). pp. 152-162.

[71] Patrick Seale untersucht diesen Regionalkonflikt in The Struggle for Syria bis zur Gründung der United Arab Republic (UAR) 1958, als er vorläufig entschieden schien (Baram [1994], p. 180; Hopwood, p. 364): "A tacit premise underlying the Arab policies of both Egypt and Iraq was that Syria held the key to the struggle for local primacy" (Seale, Patrick: The Struggle for Syria: A study of post-war Arab politics, 1945-58. London 1965. p. 2). Seale erkennt darin eine seit der Antike bestehende Rivalität zwischen dem Niltal und Mesopotamien (Ehteshami [2002], p. 146). Nach Hopwood endete der ägyptisch-irakische struggle for Syria Ende der 60er Jahre mit der naksa, d.h. der vernichtenden Niederlage der Araber im Sechstagekrieg, und dem damit eingeläuteten Ende des Nasserismus (Hopwood, p. 369). Danach wurde Syrien zum eigentlichen Rivalen des Irak, weshalb eher von einem struggle against Syria gesprochen werden könnte (ibd., p. 372).

[72] Maoz (1986), p. 126

[73] Hopwood, p. 376; Baram (1994), p. 187; Kienle (1990), p. 150; Maoz (1999), p. 210-11

[74] Mufti, p. 253. Diese erste Phase in Muftis Dreistufenmodell der Staatswerdung blieb in der Herleitung der Arbeitsthese unberücksichtigt, weil sie für die Analyse des syrisch-irakischen Rapprochement anhand des Begriffpaares Prätorianismus/Bonapartismus keine Relevanz besitzt. Gemäß Mufti war das ultimative Ziel des hashemitischen Monarchismus die Wiedervereinigung der gesamten arabischen Halbinsel, weshalb die irakische Aussenpolitik der Logik des expansionist unionism folgte. Die in den 40er Jahren im Rahmen der Fertile Crescent Union von Nuri as-Sa'id betriebene Wiedervereinigung von Großsyrien (Syrien, Libanon, Palästina und Transjordanien) entsprang dieser Logik (Baram [1994], p. 174; Hopwood, p. 359; Maoz [1999], p. 212).

[75] Ehteshami (2002), p. 145

[76] Maoz (1999), p. 213

[77] Brown, L. Carl (ed.): Diplomacy in the Middle East: The international relations of regional and outside powers. London 2001. p. 190; Ismael, Tareq Y. und Jacqueline S. Ismael (eds.): The Gulf War and the New World Order. Gainesville 1994. p. 272

[78] Kienle (1990), pp. 31-60 (Kapitel 1)

[79] Stäheli, p. 154

[80] Ehteshami (1997), p. 65; Kienle (1990), pp. 31-60

[81] Kienle (1990), pp. 41-42

[82] ibd., p. 52, 77

[83] ibd., p. 55, 78; Brown (2001), p. 177-78. Am 9./10. 1967 verlor Syrien die Golanhöhen an Israel, worauf die Polarisierung innerhalb der syrischen Ba'th-Spitze zwischen den radikal-marxistischen Neo-Ba'thisten um Salah Jadid und den moderateren Militärs um Luftwaffenchef Asad zunahm und im Staatsstreich vom 19. November 1970 mündete. Der Machtübernahme Asads war der Nichteinsatz der Luftwaffe auf Seiten der PLO-Guerrillas während des Schwarzen Septembers vorausgegangen, weshalb die Neo-Ba'thisten die Entmachtung Asads forderten (Stäheli, pp. 37-38).

[84] Kienle (1990), p. 43; Maoz (1999), p. 218

[85] Stäheli, p. 35; Baram (1994), p. 180; Kienle (1990), p. 32, 34. In der Ba'th-Terminologie bezeichnet qutr ("Region") einen arabischen Staat (bspw. Syrien oder Irak) und qaum die gesammte arabische Nation.

[86] Kienle (1990), p. 32.

[87] Maoz (1999), p. 127

[88] Stäheli, p. 152

[89] Seale, Patrick: Asad of Syria: the struggle for the Middle East. London 1988. p. 354

[90] Kienle (1990), pp. 35-36; Hopwood, p. 372

[91] Kienle (1990), p. 31

[92] ibd. (1990), pp. 61-86 (Kapitel 2) und pp. 87-134 (Kapitel 3)

[93] Hopwood, p. 375; Kienle (1990), p. 87, 170

[94] Hopwood, p. 375; Kienle (1990), p. 94

[95] Kienle (1990), pp. 61-62; Stäheli, p. 75, 79

[96] Hopwood, p. 373; Kienle (1990), p. 40, pp. 44-45, 75-76

[97] Der Irak ist mit lediglich 58 km Küstenlänge genauso wie Jordanien ein De-facto-Binnenland (Anderson, Ewan W.: The Middle East: Geography and geopolitics. London 2000. p. 220).

[98] Kienle (1990), pp. 65-68, 69-70

[99] Maoz (1986), p. 129

[100] Kienle (1990), pp. 113-114

[101] ibd., p. 163; Maoz (1986), p. 136

[102] Kienle (1990), pp. 117-18

[103] ibd., p. 166

[104] Ibrahim, Ferhad (ed.): Die Kuwait-Krise und das regionale Umfeld: Hintergründe, Interessen, Ziele. Berlin 1992. p. 80. Daneben leistete der Irak auch anderen anti-syrischen Kräften im Libanon, bspw. der PLO und den Forces Libanaises, Sukkurs (Stäheli, p. 199).

[105] Ehteshami (1997), p. 214; Zisser, Eyal: "Syria (Al-Jumhuriyya al-'Arabiyya al-Suriyya)". in: Ami, Ayalon (ed.): Middle East Contemporary Survey 1990, Vol. XIV. Boulder 1992. p. 666

[106] Kienle (1990), p. 59, 65

[107] ibd., p. 106

[108] Rubin, Barry und Kemal Kirişci (eds.): Turkey in world politics: An emerging multiregional power. Boulder 2001. p. 244; Çarkoğlu, Ali und Mine Eder: "Domestic concerns and the water conflict over the Euphrates-Tigris river basin". in: Middle Eastern Studies 37 (January 2001) 1 London. p. 67.

[109] Kienle (1990), pp. 135-51 (4. Kapitel), p. 1

[110] ibd., p. 134

[111] Stäheli, p. 158; Kehat, Dina: “Syria (Al-Jumhuriyya al-'Arabiyya al-Suriyya)”. in: Legum, Colin et al. (eds.): Middle East Contemporary Survey 1978-79, Vol. III. New York 1980. p. 814

[112] Mufti, p. 218; Hopwood, pp. 375-76; Dishon, Daniel: “Inter-Arab affairs”. in: Legum, Colin et al. (eds.): Middle East Contemporary Survey 1978-79, Vol. III. New York 1980. p. 239

[113] Für den Chartatext siehe entweder Kienle (1990), pp.176-78 oder Kehat, pp. 268-70.

[114] "This subcommittee shall undertake the formulation of a joint defence pact providing the groundwork for complete military unity between the two countries." vs. "The two leaderships agreed upon a charter for joint national action between the two countries [...], including a determination to seek ardously – with a continous and scientific plan – to bring about the closest form of unity ties between Iraq and Syria." (Kehat, pp. 269-70)

[115] Kienle (1990), p. 141; Kehat, p. 816; Dishon, p. 239

[116] Kienle (1990), p. 140; Stäheli, p. 51

[117] Kienle (1990), p. 141; Dishon, p. 237

[118] Mufti, pp. 210-11; Kehat, p. 269; Kienle (1990), p. 138

[119] Kienle (1990), p. 145; Kehat, p. 815

[120] Dishon, p. 239

[121] ibd., p. 238. Der paranoide Diskurs der mu’āmara ("Verschwörung"), d.h. die omnipräsente Gefährdung der ba'thistischen Revolution durch reaktionäre Kräfte, war und ist die ultimative Rechtfertigung des irakischen Totalitarismus bzw. syrischen Autoritarismus (Bengio, Ofra: Saddam's world: Political discourse in Iraq. New York 1998. p. 125). Wie ausgeprägt dieser Diskurs in den arabischen Regimen und Gesellschaften war und weiterhin ist, zeigt eine populärwissenschaftliche Studie von Bassam Tibi (Tibi, Bassam: Die Verschwörung: Das Trauma arabischer Politik. Hamburg 1993).

[122] Seale (1988), p. 355

[123] Mufti, p. 219-20; Trip, Charles: A history of Iraq. Cambridge 2002. p. 220. Die pathetisch-grausame Inszenierung dieser Säuberung nach dem Aufdecken der vermeintlichen Verschwörung ging um die Welt: Saddam Husayn ließ die Abführung seiner Rivalen aus einem Saal aufzeichnen, während er auf der Bühne weinend Zigarre rauchte (ibd., p. 222).

[124] Ehteshami (1997), p. 90, 104

[125] ibd., p. 89

[126] Agha, Hussein J. und Ahmad S. Khalidi: Syria and Iran. Rivalry and cooperation. London 1995. p. 117

[127] ibd., p. 3, 117; Ehteshami, p. 22, 91

[128] Seale (1988), p. 357; p. Stäheli, p. 193

[129] Freedman, Robert O. (ed.): The Middle East from the Iran-Contra affair to the Intifada. Syracuse 1991. p. 308

[130] Seale (1988), p. 357

[131] Seale (1988), p. 358

[132] Maoz (1986), p. 136

[133] ibd., p. 136; Stäheli, p. 194

[134] Ehteshami (1997), pp. 208-9

[135] ibd. pp. 208-10; Agha, p. 110; Freedman, p. 308

[136] Freedman, pp. 309-10

[137] Stäheli, p. 432; Zisser (1992), p. 655

[138] Maddy-Weitzman, Bruce: "Inter-Arab relations". in: Ami, Ayalon (ed.): Middle East Contemporary Survey 1990, Vol. XIV. Boulder 1992. p. 131

[139] Maddy-Weitzman (1992), pp. 134-37

[140] ibd., pp. 136-39

[141] Bengio, Ofra: "Iraq (Al-Jumhuriyya al-'Iraqiyya)". in: Ami, Ayalon (ed.): Middle East Contemporary Survey 1990, Vol. XIV. Boulder 1992. p. 384

[142] ibd., p. 401

[143] ibd., p. 381; pp. 398-402

[144] ibd., p. 379; pp. 401-2

[145] Zisser (1992), pp. 663-64; Maddy-Weitzman (1992), p. 155

[146] Stäheli, p. 436

[147] Baram (1994), p. 185; Zisser, Eyal: "Syria (Al-Jumhuriyya al-'Arabiyya al-Suriyya)". in: Ami, Ayalon (ed.): Middle East Contemporary Survey 1991, Vol. XV. Boulder 1993. p. 676

[148] Hopwood, pp. 376-77

[149] Baram (1994), p. 186; Stäheli, p. 436; Zisser (1992), p. 675

[150] Syrien ist wie der bath'istische Irak ein Paradebeispiel einer daulat al-mukhābarāt, eines regelrechten Geheimdienststaates, in dem diverse Sicherheits- und Geheimdienste die Bevölkerung und sich selbst gegenseitig in Schach halten (Korany [1993], p. 208; Ehteshami [2002], p. 171).

[151] 1991 wurden 2'864 meist islamische Regimegegner als wohlwollende Geste gegenüber islamischen Gruppierungen in Syrien begnadigt (Zisser [1993], p. 670). Im Jahr darauf wurden zusätzlich 1'154 Personen aus der Haft entlassen (Zisser [1995a], p. 725). Anlässlich des 25. Jahrestages der Asadschen Korrekturbewegung wurden 1995 5'300 Häftlinge amnestiert, 1200 davon waren politische Gefangene, meist Muslimbrüder, die zwischen 1976 und 1982 verhaftet worden waren (Zisser [1997], p. 593). 1998 wurden kurz vor dem Besuch Asads in Paris 225 politische Gefangene freigelassen, darunter Muslimbrüder, ehemalige Weggefährten Salah Jadids und oppositionelle Kommunisten, unter ihnen Riyadh Turk (Zisser [2001a], p. 556). Im Jahr darauf wurde anlässlich des Beginns von Asads fünfter Amtszeit eine Generalamnestie verkündet, die ca. 250'000 Straftaten umfasste, diesmal aber keine politischen Delikte (Zisser [2001b], p. 551). Wiederum wurden mehrere Muslimbrüder freigelassen. Nach dem Tode Asads wurde dem syrischen Parlament das Gesetz Nr. 17 betreffend eine Generalamnestie zur Annahme vorgelegt, wodurch die neue Regierung erstmals das Vorhandensein politischer Häftlinge eingestand (Zisser [2002], p. 540). In der Folge kam es zur Freilassung von 600 Gefangenen.

[152] Zisser, Eyal "Syria (Al-Jumhuriyya al-'Arabiyya al-Suriyya)". in: Maddy-Weitzman, Bruce (ed.): Middle East Contemporary Survey 1995, Vol. XIX. Boulder 1997. p. 596; Zisser, Eyal: "Syria (Al-Jumhuriyya al-'Arabiyya al-Suriyya)". in: Maddy-Weitzman, Bruce (ed.): Middle East Contemporary Survey 1997, Vol. XXI. Boulder 2000. p. 655

[153] Zisser (2000), p. 656

[154] ibd, p. 655

[155] Zisser (2000), p. 656

[156] Zisser, Eyal: "Syria (Al-Jumhuriyya al-'Arabiyya al-Suriyya)". in: Maddy-Weitzman, Bruce (ed.): Middle East Contemporary Survey 1998, Vol. XXII. Boulder 2001a. p. 571

[157] Muhammad Sa'id al-Buti und vor allem der Mufti Syriens, Ahmad Kaftaru, sind islamische Aushängeschilder des Regimes (Zisser [1998], p. 636). Von den mehr als 80 Sitzen, die im syrischen Parlament seit den Wahlen von 1990 für unabhängige Kandidaten reserviert waren, ging seitdem ein Teil an unabhängige Geistliche, die ergo in die parlamentarische Pseudopolitik des Regimes eingebunden wurden (Zisser [2001a], p. 570).

[158] Zisser, Eyal: "Syria (Al-Jumhuriyya al-'Arabiyya al-Suriyya)". in: Maddy-Weitzman, Bruce (ed.): Middle East Contemporary Survey 1996, Vol. XX. Boulder 1998. p. 636

[159] Bspw. waren die Verantwortlichen für den Anschlag auf amerikanische Truppen im saudi-arabischen Dahran 1996 vom Libanon durch Syrien nach Saudi-Arabien gereist, was zu ernsthaften Verstimmungen im syrisch-saudi-arabischen Verhältnis führte (Zisser [2001a], p. 572).

[160] Zisser (1998), p. 633; Zisser (2000), p. 655

[161] Zisser (2000), p. 655. Bei der Gruppierung soll es sich um die harakat at-taghīr al-islāmīyya li-tathīr ard al-djazīra ("Islamische Bewegung der Veränderung für die Reinigung der Arabischen Halbinsel") gehandelt haben. Eines ihrer Mitglieder wurde in Syrien inhaftiert, nachdem seine Verwicklung in die Anschläge auf die US-Basis in Dahran ans Tageslicht gekommen war.

[162] Zisser, Eyal: "Syria (Al-Jumhuriyya al-'Arabiyya al-Suriyya)". in: Ami, Ayalon (ed.): Middle East Contemporary Survey 1993, Vol. XVII. Boulder 1995b. pp. 638-39; Zisser (1997), p. 597. Die Erdölförderung stieg von 470'000 b/d (barrels per day) im Jahr 1991 auf 620'000 b/d 1997, als Syrien seine maximale Förderkapazität erreichte und für die nächsten 10 Jahre bei gleich bleibender Förderung der komplette Verbrauch der syrischen Erdölreserven vorausgesagt wurde (Zisser [2000], p. 658). Die Wachstumsrate betrug 1992 10.6 % des BSP, fiel aber über die Jahre bis auf 0.8 % im Jahre 1998 (Zisser [2001a], p. 573). Das Gesetz Nr. 10 vom Mai 1991 gilt als Kernstück des zweiten syrischen infitāh; es sollte Investitionen von aus- und inländischem Kapital erheblich erleichtern und Unternehmungen privilegieren, die die syrische Arbeitsmarktsituation verbesserten (Stäheli, p. 502; Lawson, Fred H.: Why Syria goes to war: Thirty years of confrontation. Ithaca 1996. p. 140).

[163] Zisser, Eyal: "Syria (Al-Jumhuriyya al-'Arabiyya al-Suriyya)". in: Ami, Ayalon (ed.): Middle East Contemporary Survey 1992, Vol. XVI. Boulder 1995a. p. 729; Zisser (1995b), p. 639; Zisser (1996), p. 618; Zisser (1997), p. 597; Zisser (1998), p. 639. Gemäß Maoz (1999, p. 116) sollen sich allein die Militärausgaben im Zeitraum von 1990-96 mehr als halbiert haben.

[164] Zisser (2001a), p. 573

[165] ibd. (2000), pp. 658-59

[166] ibd. (2001a), p. 573

[167] Zisser, Eyal: "Syria (Al-Jumhuriyya al-'Arabiyya al-Suriyya)". in: Maddy-Weitzman, Bruce (ed.): Middle East Contemporary Survey 1999, Vol. XXIII. Tel Aviv 2001b. p. 558

[168] Maoz (1999), p. 40

[169] ibd., p. 38. In der Anfangsphase der bonapartistischen Konsolidierung des syrischen Regimes in den 70er Jahren bekleideten Minderheitenvertreter gemäß Schätzungen ca. 60 % der oberen Militärchargen, während die sunnitische Mehrheit vornehmlich in den niederen Rängen zu finden war (Stäheli, p. 56; Maoz [1999], p. 49).

[170] Ehteshami et al. (1997 bzw. 2002) charakterisieren das Asad-Regime einerseits als "authoritarian-populist Bonapartist regime" (p. 61) und andererseits als "presidential monarchy" (p. 148). Somit war in Syrien davon auszugehen, dass einer der Söhne Asads dessen zentrale Position "beerben" würde.

[171] ibd., pp. 43-44; Stäheli, p. 48, pp. 50-51

[172] Von den Alawiten im eigentlichen Machtzentrum gehören viele dem Clan der Qalbiyya an, dem auch Hafiz al-Asad entstammt (Maoz [1999], p. 40). Die Nachfolge wurde denn auch abgeschirmt von der Öffentlichkeit innerhalb dieser alawitischen Elite geregelt (ibd., p. 48). Auch nach der Regierungsumbildung von 1992 blieben der informelle Machtapparat und die Kernministerien für Inneres, Information und Wirtschaft in alawitischen Händen, während die meisten anderen formalen Ministerposten von Sunniten besetzt wurden (Zisser [1995a], p. 728).

[173] Maoz (1999), p. 49

[174] Stäheli, pp. 57-58

[175] Maoz (1999), p. 49

[176] ibd., p. 48

[177] Zisser (1995a), p. 726

[178] ibd. (2000), pp. 654-55. Das Sprachrohr dieser Arab Democratic People's Party ist die Zeitung ash-sha‘b al-‘arabī.

[179] Zisser (2001a), p. 566; Zisser (2001b), p. 555

[180] ibd. (2000), pp. 650-51

[181] Maoz (1999), p. 39

[182] ibd., pp. 39-40; Van Dam, Nikolaos: The struggle for power in Syria: Politics and society under Asad and the Ba'th Party. London 1996. p. 130

[183] Maoz (1999), p. 41; Zisser (1998), p. 634; Zisser (2001a), p. 568; Zisser (2001b), pp. 553-54

[184] Zisser (1997), p. 595

[185] ibd. (1997), p. 594; Maoz (1999), p. 45. Eine andere Methode, eine Verjüngung der Elite ohne deren Destabilisierung herbeizuführen, bestand darin, die Söhne der höchsten Funktionäre in wichtige politische oder wirtschaftliche Funktionen einzubinden (Zisser [2000], p. 653).

[186] Zisser (1995b), p. 637; Zisser, Eyal: "Syria [Al-Jumhuriyya al-'Arabiyya al-Suriyya]". in: Maddy-Weitzman, Bruce [ed.]: Middle East Contemporary Survey 2000, Vol. XXIV. Tel Aviv 2002. p. 535

[187] ibd. (2001a), p. 567

[188] Zisser "Syria (Al-Jumhuriyya al-'Arabiyya al-Suriyya)". in: Ami, Ayalon und Bruce Maddy-Weitzman (eds.): Middle East Contemporary Survey 1994, Vol. XVIII. Boulder 1996. p. 615

134 von 135 Seiten

Details

Titel
Die syrisch-irakischen Beziehungen nach dem Zweiten Golfkrieg: Das Rapprochement ab 1997 im Lichte drittweltstaatlicher Außenpolitik
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Note
1,3
Autor
Jahr
2005
Seiten
135
Katalognummer
V109084
ISBN (Buch)
9783640142194
Dateigröße
1076 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Beziehungen, Zweiten, Golfkrieg, Rapprochement, Lichte, Außenpolitik
Arbeit zitieren
David Jan Slavicek (Autor), 2005, Die syrisch-irakischen Beziehungen nach dem Zweiten Golfkrieg: Das Rapprochement ab 1997 im Lichte drittweltstaatlicher Außenpolitik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/109084

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