Persönlichkeitsentwicklung, moralische Ordnung und Recht


Seminararbeit, 2004

5 Seiten, Note: 2,3


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Persönlichkeitsentwicklung, moralische Ordnung und Recht

Nach der Veröffentlichung seiner Untersuchung über den Selbstmord widmete sich Durkheim dem Problem der moralischen Ordnung der modernen Gesellschaft: Nachdem die Religion in der modernen, rationalisierten Gesellschaft nicht mehr im Stande war ihre moralische Funktion aufrecht zu erhalten, glaubte Durkheim, dass es eine säkulare, rationale Moral sei, die benötigt wird. Da aber die Vernunft nicht genüge, um den Menschen zu vermitteln, warum sie vernünftig sein sollten, müsse es eine Autorität geben, die diese rationale Moral stützt.[1] Im Zuge dieser Forschung erarbeitete und erklärte Durkheim unter anderem die Stufen und Phasen der Persönlichkeitsentwicklung, die Begriffe der individuellen Autonomie und Authentizität sowie die Freiheit, die der Mensch durch Sozialisation und Persönlichkeitsentwicklung erlangt. Im folgenden sollen diese Themen bearbeitet werden und schließlich durch zwei Szenarien, zum einen die gelungene und zum anderen die gescheiterte Sozialisation und Persönlichkeitsentwicklung, dargestellt werden.

Die Phasen der Persönlichkeitsentwicklung:

Durch die Abstraktion der autoritätsverleihenden Elemente der Religion und der anschließenden Verknüpfung derer mit der Vernunft[2], versucht Durkheim die Frage der Pädagogik zu klären. Durch seine Soziologie der Erziehung wollte er eine Moralwissenschaft schaffen und diese in der Schule institutionalisieren.[3] Dazu müsse man aber zunächst ihre Ausgangspunkte präzisieren, d.h. die Zeit- und die Ortbedingungen so genau wie möglich festlegen. Dazu unterscheidet Durkheim drei Perioden der Persönlichkeitsentwicklung, wobei die ersten beiden noch zur Kindheit gehören: Die erste Phase wird „fast gänzlich in der Familie oder in der Vorschule verbracht“[4]. Die zweite Phase entspricht der Schulzeit (auch zweite Kindheit genannt) und die dritte der Zeit nach der Schule.

Jedem dieser Abschnitte wird eine besondere Bedeutung im Verlauf der Persönlichkeitsentwicklung zugeschrieben, wobei der letzte von der Bedeutung her eher zurückgestellt werden kann, da nach der zweiten Kindheit, was der Schulzeit entspricht, „die Basis der Moral niemals mehr aufgebaut werden kann, wenn man sie versäumt hat.“[5] In dieser Phase kann die Bildung des Moralcharakters nur noch vollendet werden, das Wesentliche muss bereits getan sein, d.h. die grundlegenden Elemente der Moral müssen schon gebildet worden sein. In der ersten Periode ist das intellektuelle Leben des Kindes noch nicht weit genug entwickelt, um kompliziertere Begriffe, welche die Grundlage der Moralität sind, aufbauen zu können. „Die engen Grenzen seines [des Kindes] intellektuellen Horizontes begrenzen zu gleicher Zeit seinen Moralhorizont.“[6] Somit ist die zweite die kritische Phase der Persönlichkeitsentwicklung, denn, wie eben schon erwähnt, kann der Moralcharakter nur in dieser Periode entwickelt werden, da das Kind zuvor noch nicht fähig dazu ist und später nur noch eine Verfeinerung und Intellektualisierung der Gefühle möglich ist. Allerdings ist zu beachten, dass dieses Alter der Persönlichkeitsentwicklung eine Durchgangsphase ist. Das bereits erwähnte kann also auch auf die beiden anderen Perioden angewendet werden.[7]

Wann man von individueller Autonomie spricht:

Wie bereits erwähnt besteht die Moral aus drei zusammenhängenden Elementen: 1. dem Geist der Disziplin, 2. der Zugehörigkeit zu Gruppen und 3. der Autonomie des Willens des Individuums.[8] Hier soll nun ausschließlich der Begriff und die Bedeutung der individuellen Autonomie geklärt werden. Durkheim veranschaulicht, dass nur die freiwillige Verpflichtung des Individuums, etwas zu tun, ihm die moralische Wertschätzung verleiht. Dabei nähert er sich Kants Moralphilosophie und vor allem dessen kategorischen Imperativ. Allerdings führt er das Moralverhalten nicht völlig auf die Freiheit als vernünftiges Wesen zurück, die der Verpflichtung zum moralischen Gesetz entspricht, sondern macht die Pflicht des Individuums zum moralischen Verhalten in seiner Bindung an die moralische Autorität der Gesellschaft fest.[9] Von individueller Autonomie kann man demnach sprechen, wenn man sich der Gründe seines Handelns bewusst ist, und zwar indem man sich aus freiem Willen der Regel fügt oder einem Kollektivideal weiht.[10]

Wann man von Authentizität spricht:

Durch Authentizität soll das Moraltemperament des Kindes rational gebildet werden.[11] Die Abstraktionen der Idee von Pflicht und Gutem sollen mit der Wirklichkeit verknüpft werden, um dem Kind ein Gefühl dafür zu vermitteln. Dabei soll das Kind in Kontakt treten mit der konkreten und lebendigen Wirklichkeit der Dinge. Dabei muss allerdings beachtet werden, dass die Leidenschaft, mit der eine derartige Erziehung vollbracht werden soll, mit Methoden erweckt wird, die vor der Vernunft verantwortet werden können. Diese Methoden sollen Ideen und Gefühle erwecken, die das Kind möglichst mit der Sache in Kontakt bringen, auf die sich diese Ideen und Gefühle beziehen. Der Gegenstand der Gefühle an sich soll seine Wirkung auf das Gewissen des Kindes haben und somit jene Geisteszustände hervorrufen, die er ausdrückt. Es muss also die Wirklichkeit selbst erfasst und untersucht werden.[12]

Warum der Mensch erst durch Sozialisation und Persönlichkeitsentwicklung frei wird:

Wie wichtig die Sozialisation und Persönlichkeitsentwicklung ist, wird klar, wenn man genauer betrachtet, was dadurch eigentlich bewirkt wird: Durch die Anerziehung von Moralregeln entsteht ein Gleichgewicht aus Leidenschaften und Beherrschung (Selbstherrschaft; also auch Regelmäßigkeit und Reglementierung)[13]. Dieses Gleichgewicht verleiht dem Menschen Freiheit.[14] Nun fragt man sich natürlich, was Beherrschung mit Freiheit zu tun hat, aber auch diese Frage weiß Durkheim zu beantworten: Die Moralregeln bilden eine Art Schutzwall, der die menschlichen Leidenschaften im Zaum hält. Nur weil diese gezügelt werden, ist es möglich sie zu befriedigen. In dem Fall, dass dieser Schutzwall durchlässig ist und die Leidenschaften hindurchbrechen, stürzen sie sich in die Unendlichkeit und kennen keine Grenze mehr.[15] „Aber man nähert sich keinem Ziel, [...].Der Abstand bleibt immer der Gleiche, wie weit man auch geht.“[16] Nach Durkheim ist dem Menschen nichts „[...] schmerzlicher als die Unsicherheit einer solchen Perspektive.“[17] Die „vollkommene Allmacht [ist also] ein anderer Name für vollkommene Ohnmacht“[18] Demnach muss der Mensch um frei zu sein eine Fähigkeit herausbilden, die ihm erlaubt sich selbst zu beherrschen. Diese Fähigkeit nennt man Moraldisziplin. Sie ist das, was im Charakter am wesentlichsten ist[19] und lehrt den Menschen, seinen Trieben zu widerstehen und eben den Moralregeln, die etwas unveränderliches und festes darstellen, Folge zu leisten. Diese Kraft zu entwickeln ist einer Aufgabe der Erziehung, also der Sozialisation und Persönlichkeitsentwicklung.

Die Szenarien der gelungenen und der gescheiterten Sozialisation und Persönlichkeitsentwicklung:

Um die Bedeutung der Persönlichkeitsentwicklung besser darstellen zu können, soll diese nun mittels zweier Szenarien dargestellt werden: Zum einen die gelungene und zum anderen die gescheiterte Sozialisation und Persönlichkeitsentwicklung.

Durch die gelungene Sozialisation und Persönlichkeitsentwicklung erfährt der Mensch die Moralität mit all ihren (oben genannten) Elementen.

Unter der Anwendung der Moralregeln erhält der Mensch die Macht, sich zu beherrschen, was, wie bereits weiter oben veranschaulicht wurde, das wirklich Wesentliche der Freiheit ist.[20] Der Mensch lässt also seinen Leidenschaften nicht freien Lauf, sondern fügt sich einem System von Regeln, das sich einzig nach der besonderen vorherrschenden Situation ausrichtet. Durch diese Gesamtheit von Verhaltensmustern werden die Handlungen der Menschen reguliert. Unter der Voraussetzung einer gelungenen Persönlichkeitsentwicklung hat der Mensch also die Fähigkeit „unter den gleichen Umständen, die gleichen Handlungen zu vollziehen, [... also] Gewohnheiten anzunehmen und ein gewisses Bedürfnis nach Regelmäßigkeit“[21] aufzuweisen.[22] Letztendlich aber garantiert die Autorität diesen freiwilligen Gehorsam.[23] Auf Grund dieser Autorität ist es dem sozialisierten Menschen nicht möglich zu zögern. Da es sich um Pflichten handelt, wird der Mensch keine Berechnungen anstellen oder Folgen und Nutzen abwägen. Solche Abwägungen sind verboten. Die Pflicht ist unwiderlegbar, ihr wird ohne Bedenken gehorcht.[24]

Durch die Moralerziehung soll das Kind an die Gesellschaft gebunden werden, denn dadurch kann das zweite Element der Moral entstehen. Der sozialisierte Mensch hängt mehr an anderen als an sich selbst; er ist solidarisch mit einer Gesellschaft oder fühlt sich mit ihr solidarisch.[25] Er handelt also hauptsächlich im Hinblick auf ein Kollektivinteresse und verfolgt im Allgemeinen Ziele, die eine Gesellschaft zum Objekt haben, also unpersönlich sind.[26] Solche Handlungen entstehen alleine aus dem Grund, dass die Menschen zusammen leben, nicht einzeln. Dadurch wirken die individuellen Bewusstseinszustände aufeinander und Ideen und Gefühle, die im isolierten Bewusstsein nie entstanden wären, werden ausgetauscht. Zusammengefasst heißt das also, dass der Mensch in dem Ausmaß, in dem er ein soziales Wesen ist, auch ein moralisches Wesen ist.[27]

Nun ist zu beachten, dass diese beiden Aspekte der Moral ein und der selben Sache angehören, nämlich der Gesellschaft. Diese Rolle verdankt die Gesellschaft der Tatsache, dass sie über den Individuen steht, also eine imperative Autorität darstellt. Sie ist das „ [...] einzig mögliche Ziel für unser moralisches Verhalten.“[28] [29]

Als Abrundung einer gelungenen Sozialisation sei noch zu erwähnen, dass das Moralbewusstsein, eine Tendenz aufweist, welche die Moralität des Aktes an die Autonomie des Handelnden bindet[30], was bereits ausführlicher behandelt wurde (siehe individuelle Autonomie).

Insgesamt kann man sagen, dass der Mensch bei gelingender Sozialisation und Persönlichkeitsentwicklung aus freiem Willen moralisch handelt. Er hat also gelernt, was und warum etwas moralisch ist, und kann/ will sich dem Gelernten nicht widersetzen, da moralisches Handeln in seiner Natur liegt. Er befolgt die Regeln, die ihm die Autorität der Moral gebietet, und versteht auch den tieferen Sinn dahinter, so dass es ihm eigentlich gar nicht möglich ist unmoralisch zu handeln.

Bei gescheiterter Sozialisation und Persönlichkeitsentwicklung hat der Mensch die Moral und ihre Elemente nicht kennen gelernt, kann sie also nicht anwenden und versteht sie nicht.

Menschen, die sich keinen Regeln unterwerfen können, haben ein „[...] Temperament, dass schon an der Basis krankt [...]“[31]. Daher ist ihre Moralität auch ungewiss und zufällig. Solchen Personen widerstrebt jegliche Gewohnheit, sie handeln also rein impulsiv. Durch dieses Verhalten versuchen sie frei zu bleiben, erreichen damit jedoch eher einen Zustand ewiger Unbeständigkeit.[32] Menschen, denen der Geist der Disziplin fehlt, wohnt ein unstillbarer Durst inne, der niemals gestillt werden kann. Solche Menschen, unter ihnen auch die sogenannten „Zweifler“[33], überschreiten die Grenzen der zur Verfügung stehenden Energiemenge und stören somit das Gleichgewicht aus Leidenschaft und Beherrschung (s.o.). Ein solcher Drang nach Unbegrenztem hat immer Unsicherheit und Pessimismus zur Folge.[34]

Zum Element des „Anschlusses an die soziale Gruppe“ ist zu sagen, dass in desintegrierten Gesellschaften der freie Wille des Bürgers weniger stark angezogen wird, es herrscht also Egoismus vor. Solch ein Ich-Kult und das eben beschriebene Gefühl der Unendlichkeit kommen oft gleichzeitig vor und sind stets traurige Epochen.[35]

Letztendlich ist bei gescheiterter Sozialisation nicht an eine Autonomie des Willens zu denken. Da den Menschen keine Elemente der Moral beigebracht wurden, können sie diese auch nicht leben und am wenigsten nachvollziehen oder verstehen. Ein solches Leben liegt nicht in der Natur des Menschen und wird somit immer mit Schmerzen und Ungewissheit verbunden sein. Der unmoralische Mensch hat nichts, woran er sich halten kann, nichts Beständiges, und wird somit von stetigem Wandel und ständiger Ungewissheit durchs Leben gehetzt.

„Einsicht ist der erste Schritt zur Besserung“:

Durkheim war zu seiner Zeit schon sehr bewusst, wie wichtig und unerlässlich die richtige Erziehung des Kindes ist. Auch heutzutage ist dies ein oft diskutiertes Thema, wobei häufig vergessen wird, dass Verständnis (Autonomie des Willens) einen sehr wichtiger Teil der Entwicklung von Kindern darstellt. Dieses Bewusstsein sollte viel stärker in die modernen Gesellschaften unserer Zeit eingehen, denn Verständnis ist der einzige Weg um Wissen und auch Taten sowie Verhaltensweisen zu verfestigen und Einsicht in deren Wert zu erlangen. Dazu gehört natürlich auch, dass schon Eltern ihren Kindern das richtige Verhalten vorleben müssen.

Literatur:

- Münch, Richard (2002): Soziologische Theorie- Grundlegung durch die Klassiker. Campus Verlag

Frankfurt/ New York

- Durkheim, Emile (1995): Erziehung, Moral und Gesellschaft im Reader zum Proseminar

[...]


[1] Vgl. Münch, Richard (2002): Soziologische Theorie- Grundlegung durch die Klassiker, S.81 (im folgenden zitiert als „Münch“)

[2] Vgl. ebenda, S. 81

[3] Vgl. ebenda, S. 86

[4] Nach Durkheim, Emile (1995): Erziehung, Moral und Gesellschaft, S.72, Z. 10f (im folgenden zitiert als „Durkheim“)

[5] Nach Durkheim, S. 72, Z. 27f

[6] Nach ebenda, S. 72. Z. 22ff

[7] Vgl. ebenda, S. 74f

[8] Vgl. Münch, S. 81

[9] Vgl. ebenda, S.85f

[10] Vgl. Durkheim, S.164f

[11] Vgl. ebenda, S.144

[12] Vgl. Durkheim, S.144

[13] Vgl. ebenda, S. 99

[14] Vgl. ebenda, S.97

[15] Vgl. ebenda, S.95

[16] Nach ebenda, S. 93, Z.21ff

[17] Nach ebenda S. 93, Z. 35f

[18] Nach ebenda, S.97, Z.17f

[19] Vgl. ebenda, S.98

[20] Vgl. ebenda, S. 106

[21] Nach Durkheim, S. 81, Z. 34ff

[22] Vgl. ebenda, S. 81

[23] Vgl. ebenda, S. 83

[24] Vgl. ebenda, S. 85

[25] Vgl. ebenda, S. 128

[26] Vgl. ebenda, S. 111

[27] Vgl. ebenda, S. 125

[28] Nach ebenda, S. 140, Z .30f

[29] Vgl. ebenda, S. 140

[30] Vgl. ebenda, S. 158

[31] Nach Durkheim, S.81, Z. 17f

[32] Vgl. ebenda, S. 81

[33] Nach ebenda, S.92, Z. 31

[34] Vgl. ebenda, S. 93

[35] Vgl. ebenda, S. 120

4 von 5 Seiten

Details

Titel
Persönlichkeitsentwicklung, moralische Ordnung und Recht
Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg
Veranstaltung
PS Allgemeine Soziologie: Vertiefung: Emile Durkheim
Note
2,3
Autor
Jahr
2004
Seiten
5
Katalognummer
V109129
Dateigröße
350 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Persönlichkeitsentwicklung, Ordnung, Recht, Allgemeine, Soziologie, Vertiefung, Emile, Durkheim
Arbeit zitieren
Melanie Rottmüller (Autor), 2004, Persönlichkeitsentwicklung, moralische Ordnung und Recht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/109129

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