Fontanes "Effi Briest". Wie kann man Schüler der Oberstufe für Pflichtlektüre begeistern?

Ein Projekt zu Fontanes berühmtem Roman


Wissenschaftlicher Aufsatz, 2005

7 Seiten


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W.-Ruth Albrecht

Zwischen Fiktion und Realität: „Effi Briest“ - oder:

Wie kann man Schülerinnen und Schüler der Oberstufe für Pflichtlektüre begeistern ?

Ein Projekt zu Fontanes berühmtem Roman1

Zu den zentralen Frauengestalten in der Kunst gehört zweifellos Theodor Fontanes Effi Briest. Sie ist nicht nur Sujet/Gegenstand der Literatur (Theodor Fontane [1819-1898], Friedrich Spielhagen [1829-1911], Rolf Hochhuth [geb. 1931]), sondern auch der bildenden Kunst (Max Liebermann [1847-1935]) und der Filmkunst (Rainer Werner Fassbinder [1945-1982]). Da stellt sich die Frage, was Künstler an der Figur so fasziniert ? Hat es damit zu tun, dass diese fiktionale Figur ein ganz reales Vorbild hat, Elisabeth, Edle und Freiin (oder Freifrau) von Plotho Zerben (1853-1952), spätere Elisabeth von Ardenne ? Oder könnte es auch eine Frage der Verknüpfung von Vergangenheit und Gegenwart, Wirklichkeit und künstlerischer Fantasie sein?

Fontane herkömmlich

„Effi Briest“ galt schon immer, und gilt auch heute noch, als ein Roman, an dem man im Deutschunterricht der Oberstufe nicht vorbeikommt. Generationen von Schülerinnen und Schülern haben die Beschreibung des Briestschen Herrenhauses zu Hohen-Cremmen, die Spukhandlung, die Bedeutung des Chinesen und das Gespräch Innstetten-Wüllersdorf analysiert und sie haben daran Herangehensweisen erprobt, die auch heute noch angebracht sind. Darüber hinaus bieten sich jedoch gerade für Fontanes Romane andere Methoden der Texterschließung an, etwa die literatursoziologische und die geistesgeschichtliche. Effi Briest verlangt geradezu die Aufarbeitung und Einbeziehung realer Ereignisse und Personen, lassen sich doch vielfältige Beziehungen zwischen Realität und Fiktion nachweisen.

Hinzu kommt: Neueste Veröffentlichungen von Gegenwartsschriftstellern haben sich in doppelter Spiegelung von Fiktion und Realität des Romans und seines Autors angenommen. Hierzu gehören die biografische Erzählung von Manfred Frankes Buch über „Leben und Werk der Elisabeth von Ardenne“, der Roman „Ein weites Feld“ des Literaturnobelpreisträgers Günter Grass (geb. 1927) und das Schauspiel „Effis Nacht“ des Dramatikers Rolf Hochhuth (geb. 1931). Damit wird auch ein literarischer Bogen von der Vergangenheit zur Gegenwart gespannt. Eine kritisch-ästhetische Auseinandersetzung mit Fontanes Realismuskonzeption, die in der Gegenwartsdiskussion um die gesellschaftliche Verantwortung des Schriftstellers kreist, wird auf diese Weise möglich.

Als ich also erneut „Effi Briest“ im Unterricht zu behandeln hatte, ging es mir zunächst um die Frage: Wie kann ich diese „Pflichtlektüre“ interessant und ansprechend vermitteln ? Denn selbstverständlich gehört Fontane auch an der Heinrich-Böll-Gesamtschule Düren zum Unterrichts“kanon“ der Oberstufe/Sekundarstufe II2. Doch in Stufe 13 richtet sich der Blick verständlicherweise zunächst auf das Abitur, auf das Punktesammeln und die Klausurphasen. Letztere bestimmen in der Schulpraxis bekanntlich auch die zeitliche Strukturierung der Abfolge von Unterrichtseinheiten.

Die Behandlung der Unterrichtseinheit „Der poetische Realismus am Beispiel von Fontanes Roman ´Effi Briest´“ sollte zu Beginn des Schuljahres 96/97 erfolgen. Bis zur Klausurphase standen 12 Stunden zur Verfügung, d.h. etwa vier Wochen bei drei Wochenstunden im Grundkurs/GK Deutsch.

Begonnen habe ich mit einer konventionellen Unterrichtseinheit: Während in den ersten sechs Stunden klassische, werkimmanente Interpretationsweisen wiederholt und geübt wurden, sollten in den letzten sechs Stunden werkübergreifende Methoden benutzt und in Schülerreferaten behandelt werden, u.a. die biografische, die literaturgeschichtliche und die literatursoziologische Methode. In Partnerarbeit wurden sechs Referate verfasst, die als schriftliche Hausarbeiten bewertet wurden. Die Ergebnisse wurden im Unterricht vorgetragen:

1. Die Zeit des Wilhelminismus
2. Der realistische Hintergrund der Romanfabel und der Figur „Effi Briest“
3. Thematische Variationen des Grundkonflikts in Unwiederbringlich, Irrungen und Wirrungen
4. Verarbeitung des literarischen Erbes am BeispielHochhuth: „Effis Nacht“
5. Biografie Theodor Fontanes
6. Max Liebermann als Buchillustrator

Was ich bis jetzt beschrieben habe, bewegt sich - wie gesagt- noch im üblichen Unterrichtsrahmen und hat mit Projektarbeit wenig gemein. Die Überlegungen, ein Projekt durchzuführen, ergaben sich erst später. Als ich in den Herbstferien die Schülerarbeiten las, fand ich sie interessant genug, um sie einem größeren Kreis vorzustellen. Gleichzeitig erfuhr ich vom Wettbewerb „Schule des Jahres“, bei dem verschiedenste Projekte eingereicht werden konnten.

Spurensuche als Projekt

Nach den Herbstferien besprach ich also mit den Schülerinnen und Schülern, ob sie sich nicht mit dem Thema „Effi Briest“ an dem Wettbewerb beteiligen wollten. Beim Studium der Wettbewerbsunterlagen kam dann die Idee auf, in einem Projekt das reale Vorbild der Kunstfigur „Effi Briest“ gegenüberzustellen. Ausgehend von Fontanes Roman sollten über die bibliografische Spurensuche die Verästelungen des Themas in Kunst und Realität aufgezeigt und dokumentiert werden. Hierzu wollten wir eine Ausstellung mit Büchern, Fotografien, Bildern von den Protagonisten Fontane, vom Baron Ardenne (1848-1919), von ihrem Liebhaber Emil Hartwich (1843-1886) und Max Liebermann (1847-193) sowie mit Filmen konzipieren. Begleitend sollte eine Broschüre mit den Schülerarbeiten angefertigt werden.

Die Realisierung dieses Plans legten wir auf die beiden letzten Tage vor den Weihnachtsferien und beantragten hierzu bei der Schulleitung zwei Projekttage. Diese Terminierung ergab sich aus dem Wettbewerbstermin und aus der Tatsache, dass die Vorbereitung auf das anstehende Abitur erst einmal Vorrang hatte.

Beim eigentlichen Projekt wurden vier Arbeitsgruppen mit folgenden Schwerpunkten gebildet:

Gruppe 1: Redaktionsarbeit, Korrektur der Schülerarbeiten und ihre Bündelung zu einer Broschüre

Gruppe 2: Arbeit am Computer und Erstellung eines Drucksatzes mit Winword 6

Gruppe 3: Entwurf und Gestaltung von Plakaten mit Fotografien der Protagonisten

Gruppe 4: Bibliografieren und Buchausleihe für eine Buchausstellung

Während der beiden vorgesehenen Tage arbeiteten die Schülerinnen und Schüler engagiert und konzentriert und „investierten“ weit mehr Zeit, als es der reguläre Unterricht vorsah. Nur dadurch gelang es auch, den Wettbewerbstermin einzuhalten. Die meisten der gewünschten Bücher waren nur über Fernleihe, also nicht umsonst zu erhalten, zumal es sich auch um Werke handelte, die versicherungspflichtige Fragen mit sich brachten.

Kurz, es ging also auch ums Geld. Deshalb wurden parallel Gespräche mit der Leitung der Stadtbücherei Düren geführt mit der Überlegung, ob die von den Projektteilnehmern geplante Ausstellung nicht in Kooperation mit der Stadtbücherei durchgeführt werden konnte. Bei der Vorstellung des Projekts erklärte sich die Leitung der Bücherei dann dazu bereit, die Fernleihekosten zu übernehmen, das Inventar in Form von Stellwänden und Glaskästen sowie die Räumlichkeiten zur Verfügung zu stellen.

Projektabschluß Ausstellung

Im Januar 1997 wurde eine Vorauswahl – auch im Sinne eines Testvorlaufs - der Ausstellungsgegenstände beim Tag der offenen Tür an der Heinrich-Böll-Gesamtschule präsentiert. Die „offizielle“ Ausstellung in der Bücherei fand unter positiver (Besucher-) Resonanz der Öffentlichkeit im Mai 1997 in Düren statt. Auch die Presse berichtete3.

Wie motiviert man nun Schüler zu einer solchen Aktion? Hier gibt es natürlich keine „Patentrezepte“. Wie beschrieben, erwuchs die Idee zu dem Projekt aus dem traditionellen Deutschunterricht. In der gymnasialen Oberstufe ist es selbstverständlich, dass Leistungsmotivation über Noten angeregt wird, wollen die Schüler doch über einen guten Abiturnotendurchschnitt ihre Studien- und Berufschancen erhöhen. Dies erklärt aber nur zum Teil, warum sich die Schüler so motiviert auf das Projekt einließen. Im vorliegenden Fall kam sicher eine spezifische Gruppenkonstellation und ein Konkurrenzverhältnis des Grundkurses zum Leistungskurs und zur Theatergruppe der Schule hinzu. Auch ein gewisses Minderwertigkeitsgefühl der Schüler der gymnasialen Oberstufe einer Gesamtschule gegenüber Schülern traditioneller Gymnasien vor Ort konnte genutzt werden, um das Selbstbewusstsein zu heben.

Nicht zuletzt spielt auch das Engagement der Lehrkraft, die ermutigt, anspornt, selbst aktiv mitarbeitet und Interesse am Thema zeigt, eine wichtige Rolle.

Literatur

Luise Berg-Eblers: Theodor Fontane für die Schule. Die europäische Dimension im Deutschunterricht. In: Diskussion Deutsch, H. 144, Dezember 1995, S. 246-255

Horst Budjuhn: Fontane nannte sie "Effi Briest". Das Leben der Elisabeth von Ardenne. Berlin: Quadriga Verlag Sevetin, 1985

Theodor Fontane. Briefe in zwei Bänden. Ausgewählt und erläutert von Gottfried Erler. Berlin/Weimar: Aufbau, 1968, S. 122 f.

Manfred Franke: Leben und Roman der Elisabeth von Ardenne, Fontanes „Effi Briest“. Düsseldorf (Droste) 1994, S. 66 f

Günter Grass: Ein weites Feld. Roman. Göttingen: Steidl, 1995

Rolf Hochhuth: Effis Nacht. Reinbek: Rowohlt, 1996

Perspektiven. Grundlagen zum Verstehen und Verfassen von Texten im Deutschunterricht der Sekundarstufe II, Stuttgart: Klett, 1976, S. 193 ff.

Schriftstücke. Ein Arbeitsbuch für das Verfassen von Texten im Deutschunterricht der Oberstufe. Stuttgart: Klett, 1989, S. 15 ff: „Über Erzähltexte schreiben“

Autorin

Dr. W.-Ruth Albrecht ist Sprach- und Sozialwissenschaftlerin und unterrichtet/e seit 1990 unter anderen die Fächer: Deutsch, Geschichte und Sozialwissenschaft an der Heinrich-Böll-Gesamtschule. Sie hat sowohl spezielle Unterrichtseinheiten über „produktive Rezeption“ am Beispiel des „Krimi“ im Deutschunterricht als auch allgemeine pädadogische Beiträge zum schulischen Unterricht veröffentlicht.

Kontakt: dr.w.ruth.albrecht@web.de

[...]

1 Der Projektbericht konnte noch Ende 1996 dank der Förderung der Dürener Stadtsparkasse als Broschüre publiziert werden: „Effi Briest – Fiktion und Realität. Annäherung an eine Kunstfigur und ihr authentisches Verbild. Durch den Grundkurs Deutsch 13 (1996/97) der Heinrich-Böll-Gesamtschule, Düren [...]“. Auf dieser Grundlage gab es dann im Mai 1997 eine kleine Ausstellung in der Dürener Stadtbücherei

2 Das Effi-Briest-Projekt stand in erkennbarem Zusammenhang mit dem von der Autorin (als damaliger Fachleiterin Deutsch) ausgearbeiteten und behördlich genehmigten fünfseitigen „Curriculum Deutsch Oberstufe (Sek. II) der Schuljahre 1993/94 bis 1995/96“

3 Vgl. „Dürener Zeitung“ vom 5. Mail 1997: „Effi Briest auf der Spur: Sehenswerte Schau der Heinrich-Böll-Schule“. Die Ausstellung: „Effi Briest – Fiktion und Realität“ (2. bis 22. Mai 1997) stand bewußt, so auch der Einladungstext, „im Vorfeld des Gedenkjahres anläßlich des 100. Todesjahres Fontanes: Sie geht zurück auf ein Projekt, das im Zusammenhang mit der 100jährigen Bucherscheinung des weltberühmten Romans ´Effi Briest´ (1886) von Fontane den historischen Hintergrund [...] und die Realereignisse aufarbeitet. Gezeigt werden Bücher, Reproduktionen von Fotografien und Bilder der Protagonisten Fontane, von Ardenne, Hartwich und Max Liebermann sowie Filme. Die Ausstellung will eine Annäherung an Kunstfigur und ihr authentisches Vorbild ermöglichen.“

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Details

Titel
Fontanes "Effi Briest". Wie kann man Schüler der Oberstufe für Pflichtlektüre begeistern?
Untertitel
Ein Projekt zu Fontanes berühmtem Roman
Autor
Jahr
2005
Seiten
7
Katalognummer
V109186
ISBN (Buch)
9783640118786
Dateigröße
370 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Zwischen, Fiktion, Realität, Effi, Briest, Schülerinnen, Schüler, Oberstufe, Pflichtlektüre, Projekt, Fontanes, Roman, Thema Effi Briest
Arbeit zitieren
Dr. Wilma Ruth Albrecht (Autor), 2005, Fontanes "Effi Briest". Wie kann man Schüler der Oberstufe für Pflichtlektüre begeistern?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/109186

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