Mann, Thomas - Der Tod in Venedig - Analyse und Interpretation und ein Vergleich mit der Verfilmung von Visconti


Facharbeit (Schule), 2004

19 Seiten, Note: 13


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Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Autor und sein Werk
2.1 Biographie
2.2 Inhaltsangabe von „Der Tod in Venedig“
2.3 Entstehung und Einordnung in das Gesamtwerk

3. Zur Einordnung der Erzählung
3.1 Der Tod in Venedig - eine Novelle?
3.2 Vergleich des vorliegenden Werkes mit der Urnovelle

4. Homosexualität im Werk und beim Autor
4.1 Charakterisierung der Personen
4.2 Sprache und Stilmittel
4.3 Die verleugnete sexuelle Identität des Thomas Mann

5. Vergleich der Novelle mit der Verfilmung
5.1 Die Verfilmung von Visconti
5.2 Analyse der Filmszene „Die Begegnung“
5.3 Wertender Vergleich der Verfilmung mit der Novelle

6. Schluss
6.1 Zusammenfassung der Ergebnisse
6.2 Fazit und Schlusswort

Literaturverzeichnis Versicherung

1. Einleitung

„Es scheint, daß mir hier einmal etwas vollkommen geglückt ist, ein glücklicher Zufall, wie sich versteht. Es stimmt einmal Alles, es schießt zusammen, und der Kristall ist rein.“ (Mann an Philipp Witkopp, 12.03.1913).

Solch lobende Worte des kritischen Thomas Mann lassen schon vermuten, wie vielschichtig dieses Werk ist.

Da wir uns schon im Unterricht mit der von Thomas Mann verfassten Novelle „Mario und der Zauberer“ beschäftigt haben und mir sein Stil gefällt, war ich angenehm überrascht, noch ein Werk von ihm bearbeiten zu können. Diese Facharbeit hat das Ziel zu analysieren, inwieweit schon in diesem frühen Werk Manns die homophilen Neigungen des Autors deutlich werden. Dazu werde ich die Protagonisten der Novelle charakterisieren und aufzeigen, ob Parallelen zu Thomas Mann vorhanden sind.

Den Abschluss wird ein Vergleich der Novelle mit der 1971 entstandenen Verfilmung von Luchino Visconti bilden, die dahingehend untersucht wird, ob sich der ebenfalls homosexuelle Regisseur auch in Bildform dem früher heiklen Thema der gleichgeschlechtlichen Liebe gewidmet hat und ob die filmische Umsetzung künstlerisch wie unterhaltsam mit der literarischen Vorlage mithalten kann.

2. Der Autor und sein Werk

Thomas Mann ist einer der wichtigsten deutschen Schriftsteller des zwanzigsten Jahrhunderts.

Zu Deutschland hatte er ein sehr gespaltenes Verhältnis, er liebte das Land, weil es seine Heimat war und gleichzeitig hasste er die Deutschen, weil sie Hitler an die Macht gebracht haben.

2.1 Biographie

Thomas Mann wurde am 6. Juni 1875 in Lübeck als zweites von vier Kindern geboren. Sein Vater Johann Heinrich war angesehener Kaufmann, Konsul in den Niederlanden und später auch Senator in Lübeck, seine Mutter Julia stammt aus Südamerika. Als Sohn eines alten Patriziergeschlechts fühlt er sich immer als Bürger der gehobenen Gesellschaftsschicht angehörig, was er nach Misdorf mit Gesund im Leben stehen, fleißig sein und Geld verdienen, ethische Grundsätze haben und sich für Menschlichkeit und Demokratie einsetzen verbunden hat (vgl. BÜRGER UND KÜNSTLER, 1). Er hat zwei Schwestern, Karla und Julia1, und seinen Bruder Heinrich, der ebenfalls ein bekannter deutscher Autor war.

Mann besucht eine Lübecker Privatschule und danach das Realgymnasium.

Von jungen Jahren an beginnt sich Thomas Mann für Literatur, Kunst und Philosophie zu interessieren, wie auch Zimmer in seiner Biographie berichtet (vgl. ZIMMER 2001, 4 ff.) und veröffentlicht das monatliche Magazin „Der Frühlingssturm“, das sich diesen Themen widmete. Er studiert Literatur, Geschichte und Wirtschaftspolitik.

1891 stirbt sein Vater an Krebs, die Familie zieht nach München.

Während einer Italienreise mit seinem Bruder beginnt er mit der Niederschrift seines Roman „Buddenbrocks“, für den er 1929 den Nobelpreis für Literatur bekommt. 1905 heiratet er Katharina Pringsheim, mit der er zusammen sechs Kinder hat, Erika, Klaus, Golo, Monika, Elisabeth und Michael2.

Seine berühmtesten Werke sind neben den „Buddenbrocks“ die Romane „Zauberberg“ und „Doktor Faustus“, und eine Reihe von Erzählungen und Novellen wie „Mario und der Zauberer“, „Tonio Kröger“, „Die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ und eben auch „Der Tod in Venedig“.

1918 bekommt er das Ehrendoktorat der Bonner Universität verliehen. Er gewinnt später außerdem Ehrendoktorwürden vieler Universitäten, unter anderen der Harvard-University; 1926 findet seine Aufnahme in die Preußische Dichterakademie statt und ihm wird auch der Professortitel verliehen (vgl. MANN-SEITE, 1). Das NS-Regime in Deutschland treibt ihn zur Flucht. Als er die tschechische Staatsbürgeschaft annimmt, wird ihm das Ehrendoktorat und die Deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt. Zimmer weist darauf hin, wie sehr dies sein Bild von Deutschland geprägt hat (vgl. ZIMMER 2001, 5 ff.). Er lebt im Exil, erst in der Schweiz, um dann 1938 nach Amerika überzusiedeln. 1944 erwirbt er die amerikanische Staatsbürgerschaft. Nach seiner Rückkehr nach Europa 1952 bis zum Ende seines Lebens lebt er in der Schweiz, denkt aber nicht an eine Rückkehr nach Deutschland. Am 12. August 1955 stirbt Thomas Mann in Zürich.

2.2 Inhaltsangabe

Thomas Mann´s Novelle „Der Tod in Venedig“ aus dem Jahre 1913 erzählt vom Untergang eines Schriftstellers.

Der erfolgreiche Autor Gustav von Aschenbach spaziert durch München, als ihm ein Fremder begegnet, der ihn auf die Idee bringt, zu verreisen.

Auf dem Schiff begegnet er einem Greis, der sich für einen jungen Mann ausgibt.

In Venedig steigt er in eine Gondel und wird gegen seinen Willen direkt zum Lido gebracht. Im Hotel erblickt er den polnischen Jungen Tadzio und verliebt sich in ihn. Wegen des faulen Geruches in den Straßen will Aschenbach abreisen, am Bahnhof wird sein Gepäck aber falsch verschickt und er kehrt ,erleichtert bleiben zu können, ins Hotel zurück. Aschenbach bildet sich ein, Tadzio würde sein Interesse erwidern und beginnt Tadzio nachzustellen.

Als er Plakate mit beschwichtigenden Meldungen sieht und viele Touristen das Hotel verlassen, bleibt Aschenbach, da er auf Tadzios Nähe nicht mehr verzichten mag. In einem Reisebüro wird er über die Seuche in der Stadt aufgeklärt und bekommt den Rat, sofort abzureisen, aber er bleibt.

Bei einem Frisör lässt er sich künstlich verjüngen. Er steckt sich mit der Cholera an und sein Zustand verschlechtert sich täglich. Tadzio beobachtend verstirbt Gustav von Aschenbach.

2.3 Entstehung und Einordnung in das Gesamtwerk

Die Arbeit an „Der Tod in Venedig“ beginnt Thomas Mann laut Große im Juli 1911 und sie dauert ungefähr ein Jahr (vgl. GROSSE 2002, 18). Aber erste Ideen und Planungen finden sich schon deutlich früher. Neben seiner Reise nach Venedig sind auch die Personen der Handlung keine Idee Manns sondern „... alles war gegeben, war eigentlich nur einzustellen und erwies dabei aufs verwunderlichste seine kompositionelle Deutungsfähigkeit.“ (THOMAS MANN, 18), Mann hat also lediglich seine erlebten Situationen verarbeitet und miteinander in Verbindung gesetzt, was aber seine künstlerische Leistung nicht mindert.

Das Problem der Schaffenskrise, das Thomas Mann aufgreift, hat zur Zeit der Entstehung viele bürgerliche Künstler beschäftigt. Hauptauslöser war die schnelle industrielle Entwicklung und der wirtschaftliche Wandel des noch recht jungen Kaiserreichs.

Auch das politische System erwies sich als Hürde, denn Wilhelm II. wollte auch in der Kunst das Sagen haben: „Eine Kunst, die sich über die von Mir bezeichneten Gesetze und Schranken hinwegsetzt, ist keine Kunst mehr“ (WILHELM II, 7). Als gesellschaftskritischer Künstler hätte Thomas Mann unter diesen Bedingungen nur schwerlich überlebt, deshalb nahm er die preußische Ideologie an (vgl. ANDRI ARN 1998, 6 f.).

Zimmer weist darauf hin, dass „Der Tod in Venedig“ genauso Höhe- wie auch Endpunkt der frühen Werkperiode des Thomas Mann ist, die sich vorwiegend mit den Themen Untergang und Verfall beschäftigt, was schon das Wort „Tod“ im Titel andeutet (vgl. ZIMMER 2001, 7).

Und in diesem frühen Werk deckt Thomas Mann bereits die Hauptthemen seiner literarisch- philosophischen Tätigkeit auf: Spannung zwischen Bürgertum und Künstlertum und die Faszination für den Tod. Auch erkennt man den Einfluss Schopenhauers und Nietzsches Philosophie schon in diesem Frühwerk des Literaten. So gehört „Der Tod in Venedig“ sicherlich zu den bedeutsamsten und bekanntesten Schriften von Thomas Mann und wahrscheinlich sogar zu den wichtigsten Prosatexten deutschsprachiger Literatur des zwanzigsten Jahrhunderts.

3. Zur Einordnung der Erzählung

3.1 Der Tod in Venedig - eine Novelle?

Was ist eine Novelle? Ist sie ein in sich umrissener Handlungsstrang, oder gleicht sie eher einem nicht sehr komplexen Roman?

Novella (ital.) bedeutet Neuigkeit, sie erzählen also etwas Neues, vorher Unbekanntes; und einer Begebenheit gibt oft nicht die Wichtigkeit den Reiz, sondern das Neue (vgl. NOVELLENMATERIAL).

Prinzipiell sind Novellen nicht anderes als Erzählungen, die kürzer sind als Romane, da sie über keine Nebenhandlungen verfügen und deshalb auch nur wenige Protagonisten benötigen. Die Handlung bezieht sich auf ein kurzes, krisenhaftes Ereignis, das das Leben der Hauptperson gehörig durcheinander bringt. Sie erzählen keine Geschehnisse wie der Roman, sie konzentieren sich auf ein Begebnis, wie Lukacs treffend formulierte: „ Ein Menschenleben durch die unendliche sinnliche Kraft einer Schicksalsstunde ausgedr ü ckt.“ (NOVELLENMATERIAL). Die Struktur einer Novelle ähnelt stark der des Dramas: Rahmenhandlung, ein sich anbahnender Höhe- und Wendepunkt, eine Verzögerung und die Lösung oder Katastrophe (vgl. NOVELLENMATERIAL); in „Der Tod von Venedig“ ist dies besonders eingängig, da der Aufbau in fünf Kapiteln stark den fünf Akten des Dramas ähnelt.

3.2 Vergleich des vorliegenden Werkes mit der Urnovelle

Boccaccios „Decamerone“ ist eine Sammlung von Novellen, die bei dem Ausbruch der Pest 1348 in Florenz entstanden ist. Einige Menschen mussten sich versteckt halten, während die Pest [draußen] wütete, und erzählten sich Geschichten. Diese sind in dem „Decamerone“ niedergeschrieben worden (vgl. NOVELLENMATERIAL). Die „Falkennovelle“ aus dem „Decamerone“ gilt als die „Urnovelle“. Sämtliche Merkmale, die in einer Novelle vorhanden sein sollen, sie erst als Novelle kennzeichnen, sind in ihr vereint.

Sie handelt von dem reichen Federigo, der sich unsterblich verliebt. Er gibt für seine Angebetete Monna Giovanna sein gesamtes Vermögen aus, sie verschmäht ihn jedoch. Zuletzt bleibt dem Mann nur noch sein Falke.

Der Sohn der Monna Giovanna aber freundet sich mit Federigo an und ist fasziniert von dessen Falken. Eines Tages erkrankt der Sohn und meint, nur der Besitz des Falken würde ihn genesen. Die Mutter geht zum Grundstück Federigos, dieser will dem hohen Besuch etwas besonderes auftischen und meint, nur der Falke sei edel genug.

Nach dem Essen berichtet die Mutter von ihrem Anliegen, das ihr Federigo nun nicht mehr erfüllen kann. Der Sohn stirbt, Federigo und Monna Giovanna leben danach glücklich zusammen.

Gibt es nun Parallelen zwischen der „Falkennovelle“ und dem „Tod von Venedig“? Zum einen gibt es die Rahmenhandlung, in der eine Frau eine Geschichte erzählt; bei „Der Tod in Venedig“ entspricht das Aschenbachs Alltag, dem er in der Binnenhandlung mit seiner Reise zu entfliehen hofft.

Goethes „unerhörte Begebenheit“ (NOVELLENMATERIAL) wird ausgedrückt durch das Braten des Falken, obwohl die Frau den Falken lebend wollte; in Thomas Manns Werk bleibt Aschenbach wegen Tadzio in Venedig, wenn auch die Seuche und sein Befinden dagegen sprechen.

Auch der formale Wendepunkt ist in beiden Werken vorhanden, bei Boccaccio wird der Falke gebraten, Mann und Frau verlieren alles, gewinnen am Ende aber sich selbst; bei Thomas Mann ist der Wendepunkt die Stelle, als Aschenbachs Homosexualität ganz deutlich wird, er sie nicht mehr leugnet und die Worte „Ich liebe dich!“ (MANN 1912, 97) spricht, aber sein Untergang beginnt Das Leitmotiv ist bei Boccaccio der Falke, der edel den anachronistischen Adel repräsentiert, während in „Der Tod von Venedig“ Todessymbole den Weg

Aschenbachs säumen und ihn letztlich auch in den Tod leiten.

All diese Punkte zusammen gesehen ergeben, dass „Der Tod von Venedig“ den Titel Novelle zu Recht trägt. Dafür sprechen eindeutige Kennzeichen, die das gesamte Werk durchziehen.

4. Homosexualität im Werk und beim Autor

4.1 Charakterisierung der Personen

Gustav von Aschenbach stammt aus gutem Elternhaus und die Kombination „ dienstlich n ü chterner Gewissenhaftigkeit “ (MANN 1912, 19) seines Vaters und den „ dunkleren, feurigen Impulsen “ (a.a.O.) der Mutter brachten diesen „ besonderen K ü nstler “ (a.a.O.) hervor.

Aschenbach ist die Hauptperson dieser Novelle, ein Schwerpunkt ist seine Liebe zum jungen Tadzio, die er sich aber zunächst nicht eingestehen mag. Als er Tadzio zum ersten Mal begegnet, beschreibt er den Knaben als „ vollkommen sch ö n “ (a.a.O., 50), etwas später ist er über dessen „ wahrhaft gottähnliche Sch ö nheit “ (a.a.O., 57) erstaunt. Er redet sich ein, dass es nicht der Junge ist, der ihn fasziniert, sondern dass er viel mehr „... das Sch ö ne selbst zu begreifen...“ (a.a.O., 84) versucht. Er erklärt das damit, dass sich Gott, um das Geistige sichtbar zu machen, gern der Gestalt und Farbe menschlicher Jugend bediene (vgl. a.a.O., 84).

Mag man dieser Erklärung zunächst noch Glauben schenken, wird bald deutlich, dass hier tiefere Gefühle aufgezeigt werden. Aschenbach beginnt sich mehr und mehr auf Tadzio zu fixieren. Er meint, dass Tadzios Name am häufigsten gerufen wird, dass der Knabe bewundert und umworben wird (vgl. a.a.O., 62); das er nur seine eigenen Empfindungen und Wünsche äußert, verheimlicht er. Dem Jungen, der Tadzio küsst, droht er gedanklich sogar (vgl. a.a.O., 63).

Auch die nicht vollzogene Abreise ist Tadzios zuzuordnen. Aschenbach nimmt „... den fauligen Geruch der Lagune...“ (a.a.O., 55) wahr und denkt daran, Venedig zu verlassen. Nur wegen Tadzio entscheidet er: „ Ich will also bleiben.“ (a.a.O., 59). Als ihm später bei einem Spaziergang die „ widerliche Schw ü le “ (a.a.O., 67) in den Gassen auffällt, bezweifelt er seinen Entschluss jedoch und denkt erneut an eine schnelle Abreise. Er zögert am nächsten Morgen das Frühstück lange hinaus, um Tadzio nochmal zu sehen. Der Weg zum Bahnhof wird für ihn zur „ Leidensfahrt “ (a.a.O., 71), ihm fällt auf, „... wie sehr sein Herz an dem allen hing.“ (a.a.O., 72) und meint damit nur Tadzio. Als er über das Missgeschick mit seinem Gepäck aufgeklärt wird, erfüllt ihn „Eine abenteuerliche Freude, eine unglaubliche Heiterkeit...“ (a.a.O., 74) und er erkennt, „... da ß ihm um Tadzios willen der Abschied so schwer geworden war.“ (a.a.O., 77).

Seinen Tagesablauf hat er inzwischen an Tadzio angepasst, um sich in dessen Nähe aufhalten zu können, seine Erscheinung enthusiasmiert ihn derart, dass er wieder zum kreativen Schreiben angeregt wird (vgl. GROSSE 2002, 24). Einmalig bekommt er die Gelegenheit, Tadzio allein anzutreffen, er ist deshalb so aufgeregt, dass sein Herz „... wie ein Hammer schlägt...“ (MANN 1912, 89). Dass er seine Chance vergibt, ist für ihn eine bittere „ Niederlage “ (a.a.O.). Dennoch bleiben Aschenbachs ständige Präsenz und Nähe von Tadzio nicht unbemerkt, es muss sich eine Beziehung zwischen den beiden ausbilden (vgl. a.a.O., 94) und als Tadzio Aschenbach anlächelt, wird er davon so ergriffen, dass er die Worte „ Ich liebe dich! “ (a.a.O., 97) ausspricht.

Aschenbach wird immer aufdringlicher, er stellt Tadzio sogar nach, lässt sich bei dem Hotelfrisör ein jüngeres Äußeres anlegen, nur um Tadzio zu gefallen, was er früher bei dem alten Greis auf dem Schiff noch verurteilt hat (vgl. a.a.O., 34 f.). Mit der Leidenschaft, die er für Tadzio mit der Zeit entwickelt, verliert er zunehmend an Würde und es kostet ihm schließlich das Leben.

Neben Aschenbach kommen aber noch zahlreiche Nebenfiguren vor.

Sie alle haben die Aufgabe daraufhin zu deuten, dass Aschenbach sterben wird, sie leiten Aschenbach quasi in den Tod. Dass sie etwas miteinander verbindet, erkennt man an deren Personenbeschreibung. So trägt jeder einen Hut, hat rötliches Haar und eine stumpfe Nase, ist mager und scheint etwas Fremdes an sich zu haben. Exemplarisch sei hier einmal der Wanderer genannt, der in Aschenbach erst die Reiselust weckt, die ihn in seinen Tod führt: „... mager, bartlos und auffallend stumpnäsig, geh ö rte der Mann zum rothaarigen Typ...“ (a.a.O., 11), war „... durchaus nicht bajuwarischen Schlages...“ (a.a.O.) und trägt einen „...b reit und gerade gerandeten Basthut...“ (a.a.O.).

Dafür, dass sie Todesboten sind, gibt es mehrere eindeutige Hinweise. Den Wanderer zum Beispiel trifft Aschenbach auf dem Friedhof und er steht „ bei gekreuzten Füßen “ (a.a.O., 12), des Gondolieres Gondel ist „... schwarz, wie es sonst [...] nur Särge sind... “ (a.a.O., 41) und der Gitarrenspieler umwehen „... Schwaden staken Karbolgeruchs... “ (a.a.O., 113). Auch haben sie etwas Falsches an sich, beispielsweise der Gondoliere, der keine Konzession besitzt (vgl. a.a.O., 46) oder der greise Geck auf dem Schiff, der sich jünger gibt als er ist (vgl a.a.O., 34 f.). Auch scheinen sie zu wissen, wie die Geschichte zu Ende geht, denn der Schiffszahlmeister ist besorgt, dass Aschenbach sich noch umentscheiden könnte, nicht nach Venedig zu reisen (vgl. a.a.O., 33) und der Gondelfahrer meint selbstsicher: „ Sie werden bezahlen.“ (a.a.O., 45), und schließlich bezahlt Aschenbach mit seinem Leben.

Darüber hinaus tauchen noch zahlreiche andere Symbole für den Tod auf, wie „ die Sanduhr im Elternhaus, die schon fast abgelaufen ist.“ (HERMES 1987, 51), der faule Geruch, der die Straßen Venedigs durchzieht und die drohende Cholera ankündigt und „ ü berreife und weiche “ (MANN 1912, 133) Erdbeeren, an denen er sich mit der Cholera infiziert.

Wie man auf den ersten Blick nicht vermutet, gehört auch Tadzio zu der obigen Personengruppe. Man mag ihm zwar noch eine gewisse Ausstrahlung zugestehen, doch bleibt er als Persönlichkeit weitestgehend Aschenbachs subjektiven Einschätzungen unterstellt. Er sogt dafür, dass Aschenbach in Venedig bleibt, gegen Ende hat er sogar „... die Füße gekreuzt...“ (a.a.O., 110). Aschenbach denkt, Tadzio „ ... ist kränklich, er wird wahrscheinlich nicht alt werden...“ (a.a.O., 116) und er ist der Letzte, den Aschenbach sieht, bevor er in seinem Stuhl zusammensinkt und den „ Liebestod “ (FRIZEN 1993, 78) stirbt.

4.2 Sprache und Stilmittel

Thomas Mann hat eine unfassbar umfangreiche Wortwahl, wie sie nur selten zu finden ist. Jederzeit findet er ein passendes Adjektiv, das es dem Leser erleichtert, sich jede nur erdenkliche Situation so vorzustellen, als hätte er sie leibhaftig miterlebt. So ist Tadzio „ honigfarben “ anstatt 'blond' (vgl. Mann 1912, 50), man 'geht' nicht, man 'schreitet' oder 'wandelt' und es wird nicht 'nachgedacht', sondern 'gesonnen' (vgl. Frizen 1993, 86). Dazu kommt eine erstaunliche Wortfülle von durchschnittlich 32,1 Wörtern pro Satz, wogegen ein Sechstklässler nur 11,79 Wörter schreibt (vgl. a.a.O., 87) und eine komplexe, hypotaktische Satzstruktur.

Sehr auffällig ist auch das ständig wechselnde Erzählverhalten von auktorial zu personal und wieder zurück. Aus der Perspektive von Aschenbach selbst wird personal erzählt, der so seine Vermutungen äußert, zum Beispiel scheint der Wanderer einen grauen Wetterkragen zu tragen und ist offenbar nicht bajuwarischen Schlages (vgl. Mann 1912, 11 f.). Vereinzelt gibt es kurze Selbstgespräche (vgl. a.a.O., 97), direkte Rede wiederum kommt nur sehr selten vor (vgl. a.a.O., 45).

Dem gegenüber steht der allwissende Erzähler, der Aschenbach im Verlauf der Handlung immer kritischer beäugt und dem Leser auf dessen zweifelhafte Verhalten hinweist. Er nennt Aschenbach zunächst den „Einsam stummen“, auch den „Aufbrechenden“, von den „Enthusiasmierten“ und „Heimgesuchten“ über den „Verliebten“ und „Berückten“ letztlich den „Hinabgesunkenen“ (vgl. Frizen 1993, 91). Diese distanzierte Darstellung ist Teil der Ironie, die das Werk begleitet. Dazu gehört auch der „Meisterstil“ (Hermes 1987, 61), den Thomas Mann verwendet. Mit Aussagen wie „Die Meisterhaltung unseres Stiles ist Lüge und Narrentum...“ (Mann 1912, 134 f.) parodiert er Aschenbachs Stil und stellt ihn in Frage.

4.3 Die verleugnete sexuelle Identität des Thomas Mann

Landläufig wird gesagt, Thomas Mann habe homophile Neigungen besessen, sie aber nach Außen hin verheimlicht und verleugnet. So war er glücklich mit seiner Frau verheiratet und hatte mit ihr auch Kinder. Dennoch spricht viel dafür und die Diskussion dauert bis heute an, deshalb möchte ich untersuchen, welche Hinweise sich im Text von „Der Tod in Venedig“ im Bezug auf die Homosexualität des Thomas Mann finden lassen.

Ein erster Anhaltspunkt ist die nicht zu übersehende Ähnlichkeit zwischen Thomas Mann und seiner erfundenen Figur Gustav von Aschenbach. Beide sind erfolgreiche Schriftsteller, wobei Mann zwar schon mit seinem Roman „Buddenbrocks“ berühmt wird, aber im Gegensatz zu Aschenbach seine sprichwörtliche Adelung in Form des Nobelpreises noch vor sich hat. Auch beim Wohnort München haben beide etwas gemeinsam. Der Name von Aschenbach setzt sich aus Zeitgenossen Thomas Manns zusammen: Da wäre zum einen der Musiker Gustav Mahler, der Aschenbach den Vornamen leiht, und der Nachname könnte vom Nazarener Achenbach abstammen (vgl. FRIZEN 1993, 20). Die im zweiten Kapitel genannten Werke Aschenbachs sind laut Hermes „... Projekte Thomas Manns aus den Jahrzehnt 1900-1910.“ (HERMES 1987, 68) und wurden teilweise später auch noch von Thomas Mann umgesetzt.

Wie Thomas Mann in einem Brief an seinen Bruder geschrieben hat, hat er sich auch über Erschöpfung und fehlende Arbeitslust beklagt (vgl. a.a.O.), eine weitere Parallele zu Aschenbach.

Ein weiterer Punkt, der zu dieser These passt, ist die Tatsache, dass Thomas Mann die Reise nach Venedig wirklich unternommen hat und dass sämtliche der in der Novelle auftretenden Personen auf realen Vorbildern aufgebaut sind, ebenso hat es den missglückten Gepäcktransport bei der Abreise wirklich gegeben (vgl. FRIZEN 1993, 8). So hat das Vorbild für Tadzio, Wladislav Moers, über sich selbst gesagt: „Ich galt als ein sehr hübsches Kind“ (HERMES 1987, 70), und war verblüfft, wie detailgenau er von Thomas Mann beschrieben wird, er muss also recht genau beobachtet worden sein.

Auffällig ist auch, dass die meisten Personen der Novelle sehr negativ und bedrohlich dargestellt werden, so ist der Gondoliere von „brutaler Physiognomie“ (a.a.O., 42) und das Gesicht des Gitarristen ist „...herrisch, fast wild...“ (vgl. a.a.O., 43). Gegensätzlich dazu Tadzio, dessen Haar nicht etwas blond sondern honigfarben ist, der eine gerade Nase und einen lieblichen Mund hat (vgl. MANN 1912, 50). Man kann also sagen, Thomas Mann lebt mit der Figur Aschenbach genau das aus, wovor er sich selbst bewahren möchte, denn mit der Novelle hebt er sich praktisch aus seiner persönlichen Schaffenskrise heraus und er verarbeitet seine homophilen Wünsche, muss ihnen so nicht im realen Leben unterliegen, aber durch die Ironie, die die gesamte Novelle durchzieht, distanziert er sich auch gleichzeitig und wird damit unangreifbar.

5. Vergleich der Novelle mit der Verfilmung

5.1 Die Verfilmung von Visconti

Zum visuellen Vergleich der Novelle habe ich mir die die 1971 erschienene Verfilmung von Luchino Visconti ausgesucht. Visconti lebt von 1906 bis 1976 und führt ein Leben voller Widersprüche, wie Bombarda in seiner Biographie anmerkt (vgl.ARTE). So wird er religiös und konservativ erzogen, bewegt sich aber später durch die Bekanntschaft mit Jean Renoir eher auf links-politischen Pfaden. Ebenso steht er offen zu seiner Homosexualität.

Diese Begegnung ist es auch, die sein Interesse für Film und Theater wiedererwecken. Was mit jungen Jahren beginnt, „ Ich bin mit dem B ü hnengeruch in der Nase auf die Welt gekommen...“ (VISCONTI, 1), wird erst 1942, er ist schon 36 Jahre alt, fortgestzt. Seinen Debüt gibt er mit „OSSESSIONE - Von Liebe besessen“ und es ist der erste neorealistische Film, wird vom Publikum aber nur zaghaft aufgenommen. Der Neorealismus setzt sich in Italien durch und Visconti veröffentlicht weitere umstrittene Filme wie „TERRA TREMA - Erde bebt“ und „Rocco und seine Brüder“.

Sowieso hat Visconti sich vorwiegend negativen Themen gewidmet, und gesagt, er „... ziehe es vor, die Geschichte von Niederlagen zu erzählen...“ (VISCONTI, 5), so auch „MORTE A VENEZIA“, die Verfilmung von Thomas Manns „Der Tod in Venedig“, die von vielen Seiten stark kritisiert wurde.

Urs Jenny schreibt in seiner Kritik von einer unheimlich verwandelten Hauptfigur und vertritt aufgrund der Musik sogar die Meinung, Visconti verdanke Mahlers Symphonien mehr als der Literatur Thomas Manns (vgl. JENNY 1971, 105). Ganz hart geht Reed mit Visconti ins Gericht, wenn er sagt „ Fast alles an der Viscontischen Verfilmung verfehlt Intention und Leistung Thomas Manns. “ (REED 1983, 173), auch er kann sich mit der Verwandlung Aschenbachs zum Komponisten nicht anfreunden und unterstellt, dass das feine Gewebe von Beziehungen in der filmischen Umsetzung zerstört wurden (vgl. a.a.O., 173 f.).

Visconti selbst hat über seinen Film gesagt: „ Das wirkliche Thema des Films ist Suche des K ü nstlers nach Vollendung und die Unm ö glichkeit, je Vollendung zu finden; in dem Augenblick, in dem der K ü nstler zur Vollendung findet, erlischt er.“

(VISCONTI-ZITAT, 1).

5.2 Analyse der Filmszene „Die Begegnung“

Für eine detaillierte Analyse einer kurzen Szene habe ich mir die heraus gesucht, in der sich Aschenbach und Tadzio zum ersten Mal sehen, weil dieses „Treffen“ handlungsrelevant für den restlichen Films ist.

Eingeleitet wird sie von einem Kameraschwenk quer durch den Raum. Dieser stoppt, als Aschenbach im Bild auftaucht. Von nun an ist er in der Halbtotale zu sehen; die Kamera folgt ihm die Halbnahe Einstellung annehmend bis zu seinem Tisch; er setzt sich und die Einstellung wechselt auf Nah, während er anfängt in einer Zeitung zu lesen. Von nun an entspricht der Kameraausschnitt Aschenbachs Augen, man sieht, wie er sich im Raum umschaut. Um das zu verdeutlichen, gibt es einen Schnitt und Aschenbach wird noch mal kurz Groß im Bild gezeigt, ein weiterer Schnitt und wieder sieht sich Aschenbach um.

Sein Blick wandert über die Personen im Raum und trifft schließlich Tadzio, hier verweilt sie etwas länger als bei den Übrigen, trotzdem hat es zuerst den Anschein, als wäre es nur eine Person unter vielen.

Ein Schnitt und Aschenbach ist wieder Groß im Bild, er starrt regungslos auf einen Punkt, wirkt betroffen und angespannt, will sich wieder seiner Zeitung widmen.

Bis hierhin gibt es mit dem Gemurmel der Personen im Raum einen on-Ton, nun sieht man kurz eine Kapelle und eine Hintergrundmusik setzt ein, es wird zum off- Ton gewechselt, [denn die Musik bleibt weiterhin zu hören, während sich das Bild wieder Aschenbach zuwendet]. Dieser wirkt nervös, legt die Zeitung beiseite, weil er wieder zu Tadzio sehen muss. Dieser ist jetzt Nah im Bild, Aschenbach kann sich noch einmal abwenden und sieht sich um. Man sieht ihn Nah im Bild, sein Blick landet unweigerlich wieder bei Tadzio. Dieser Wechsel von Aschenbach zu Tadzio und zurück wirkt wie das Schuss-Gegenschuss-Verfahren, obwohl kein einziges Wort gesprochen wird, scheint es, als würden beide kommunizieren.

Die Kamera zoomt jetzt in die Halbtotale und man erkennt, dass sich Aschenbach und Tadzio genau gegenüber sitzen. Ein Schnitt und die Kamera zeigt Aschenbach Groß im Bild, dieser starrt unbeweglich geradeaus. Die Einstellung auf Tadzio wird von Mal zu Mal größer, bis er jetzt einmal Groß zu erkennen ist. Von hier aus zoomt die Kamera heraus bis in die Totale und während die Musik kurz unterbrochen wird ist Tadzio der Mittelpunkt des Bildes.

In dieser Szene erkennt man, wie fasziniert Aschenbach vom ersten Augenblick an von Tadzio ist. Schon hier wird deutlich, was später im Film zu sehen ist, nämlich dass er seinem Blick kaum noch von ihm lassen kann, dass er wie magisch angezogen wird. Auch die Wichtigkeit Tadzios wird aufgezeigt, denn wie er am Ende dieser Szene den Mittelpunkt des Bildes bildet, nimmt er auch im weiteren Handlungsverlauf eine zentrale Rolle ein.

5.3 Wertender Vergleich der Verfilmung mit der Novelle

Der Film zeigt den alternden Gustav von Aschenbach, der auf der Suche nach seiner Jugend nach Venedig reist. Die Begegnung mit dem Jüngling Tadzio bringt noch einmal Auftrieb in sein Leben, aber in der Stadt beginnt das Sterben. So die Beschreibung auf der Rückseite der Videocassette. Wenn man das Buch gelesen hat, weiß man aber, dass dies nur ein Schwerpunkt ist, der in der Novelle gesetzt wird.

Im Unterschied zur Novelle beginnt die filmische Umsetzung mit Aschenbachs Schifffahrt nach Venedig. Die Gründe für die Reise bleiben vorerst ungeklärt. Aschenbach selbst erkennt man sofort am vornehmen Kleidungsstil. Dadurch und weil er sich ständig bedienen lässt, erscheint er arrogant und unsympathisch. Der Regisseur hat Aschenbach aber auch sonst erheblich anders charakterisiert als in der Novelle vorgegeben, so ist er ein Musiker anstatt ein Schriftsteller, was den Vorteil birgt, im Film mit Hintergrundmusik zu arbeiten und eine direkte Verbindung zu Aschenbach aufzubauen. Der Impuls stammt wohl daher, dass wie schon in 4.3 geschrieben, der Komponist Gustav Mahler für Aschenbachs Vorname Pate gestanden hat, aber auch eine Verbindung mit Adrian Leverkün aus Manns Roman Dr. Faustus ist denkbar (vgl. JENNY, 104).

Als er das Schiff verlassen will, begegnet er einem lachenden Greis; da aber nicht wie in der Novelle auf die Falschheit des Mannes hingewiesen wird, fällt es später schwer, hier einem Zusammenhang mit der Szene herzustellen, in der Aschenbach sich selbst optisch verjüngen lässt.

In Venedig angekommen, besteigt er eine Gondel. Die Unsicherheit, weil er nicht an sein gewolltes Ziel gebracht wird, ist ihm deutlich anzumerken. Als Aschenbach droht, den Gondoliere nicht zu entlohnen, ist dessen „Sie werden bezahlen“ recht markant, insbesondere, weil im gesamten Film Worte nur spärlich eingesetzt werden und so beinahe jeder Satz als besonders wichtig aufgefasst werden sollte. Allerdings ergeben sich dadurch auch Nachteile, denn der nun folgende Geldwechsel bleibt ohne Worte einfach unverständlich, man fragt sich, wo Aschenbach war. Dieses Problem taucht auch an weiteren Stellen im Film auf, beispielsweise beim Hotelfrisör, bei dem sich er ein jüngeres Aussehen geben lässt. Zum einem fehlt der Bezug zum Greisen Geck auf dem Schiff (jemandem, der nur den Film kennt, würde dies niemals auffallen), zum anderem bleiben seine Beweggründe aufgrund der nur minimal eingesetzten verbalen Kommunikation erneut unbekannt.

Im Hotelzimmer angekommen gilt der erste Blick Aschenbachs dem Spiegel, was kenntlich macht, das ihn sein Alter merklich angreift.

Das Wetter, in der Novelle immer hervorgehoben und wiederholt ausführlich beschrieben, bleibt im Film nahezu unbeachtet, nur beiläufig wird erwähnt, das der Chirocco „etwas schlechtes Wetter“ bringt.

Im Film eingestreut sind auch mehrere Rückblenden, die die Vorgeschichte von Aschenbach und seine Beweggründe für die Reise aufzeigen sollen. In der Praxis erweisen sich die Rückblenden allerdings als äußerst störend für den Ablauf des Films, manchmal fragt man sich gar, ob gerade eine Rückblende oder die Gegenwart zu sehen ist. Wenn Aschenbach in einer Szene von Publikum ausgepfiffen wird, wird der in der Novelle sonst so ernsthafte Charakter gar ins lächerliche gezogen.

Ein Trick, der so in der Novelle nicht umzusetzen war, ist, dass nahezu alle Personen im Film irgendeine Kopfbedeckung tragen, dieses in Schriftform zu erwähnen wäre überflüssig und störend, da man es im Film aber nebenbei mitbekommt und nicht explizit darauf hingewiesen wird, heben sich Aschenbach und Tadzio, die beide nur selten ihr Haupt bedecken, automatisch von den übrigen Leuten ab. Als Tadzio im Film zum ersten Mal in Erscheinung tritt, wird sofort deutlich, dass diese Person in der Handlung eine wichtige Rolle einnimmt (vgl. 5.2). Aschenbachs Blick bleibt auf dem Jungen haften und dieser schaut zurück. Dieses Spiel wird in den folgenden Szenen weitergespielt, nahezu ununterbrochen ist Tadzio im Bild zu sehen, der langsam mit immer größerer Neugier zurückblickt, beispielsweise als Tadzio nach einer Fahrstuhlfahrt mit Aschenbach aussteigt, sich nochmals umdreht und ihn lange und intensiv anstarrt. Dieses sich Anschauen soll im Film die Sehnsucht Aschenbachs nach der Jugend verdeutlichen, aber auch seine homoerotischen Neigungen, die im Film gar nicht erwähnt werden, in der Novelle jedoch einen eigenen Schwerpunkt einnehmen, kann man hier erkennen. Vertieft wird dies auch durch die missglückte Abreise, vor der er in sich hinein sagt: „Adieu Tadzio, es war alles zu kurz, Gott segne dich.“

Nachdem er wieder im Hotel ist, gilt sein erster Blick aus dem Fenster Tadzio, der ihm zurückwinkt. Am Bahnhof jedoch sieht man schon einen Kerl, der, unbemerkt von Aschenbach, wegen der Cholera, die in der Stadt umgeht, zusammenbricht. Eine nette Idee ist die Tatsache, dass die Kamera entweder Aschenbach zeigt oder mit seinen Augen die Umgebung absucht. Damit werden die Hauptpersonen noch mehr hervorgehoben und in den Mittelpunkt der Handlung gerückt. In einer der nächsten Szenen spielt Tadzio am Klavier „Für Elise“ und Aschenbach ist dadurch sehr angetan, diese Verbindung zwischen den beiden Hauptpersonen ist eine der besten Ideen der Filmumsetzung und meiner Meinung nach äußerst gelungen. Im Anschluss an diese Szene trägt Tadzio ausnahmsweise mal einen Hut und Aschenbach spricht die Worte: „Ich liebe dich!“

Für die letzten Szenen muss man sich meiner Meinung nach Zeit nehmen und das hat Visconti auch getan. Das langsam sich anbahnende und sacht ausklingende Ende ist optimal gelungen. Aschenbach wird mit der Zeit schwächer, muss sich hinsetzen. Nur mit Mühe kann er sich noch in den Badestuhl schleppen, um sterbend Tadzio ins Meer waten zu sehen.

Er ist künstlerisch wie menschlich an seinem Tiefpunkt angekommen. Die Unvollkommenheit des Alters hat ihn überholt.

Insgesamt hält sich der Film stark an der Buchvorlage, was bei dem Skript kein schlechter Gedanke ist, nur hat Visconti zwar nur an wenigen, dafür aber elementaren Stellen seine Interpretation mit eingebracht. Ob einem diese Version zusagt, muss letztendlich jeder selbst entscheiden. Ich für meinen Teil bin von der Umsetzung etwas enttäuscht. Der Aschenbach, den ich dort kennen lerne, ist mir völlig fremd. Zu wenig Gemeinsamkeit besitzt dieser geschlagene Komponist mit dem stolzen preußischen Mann aus der Novelle.

Ich halte es auch für sinnvoll, wenn die Sprache im Film mehr Beachtung gefunden hätte. Wenn Aschenbach selbst schon nicht viel spricht, hätte zum Beispiel ein Erzähler im off-Ton, der Aschenbach repräsentiert, den Film begleitend kommentieren können. Die Gefühlswelten Aschenbachs wären so deutlicher hervorgetreten und man hätte sich die störenden Rückblenden sparen können. Auch wenn der Film szenenweise gelungen ist, wie die Einbindung der Mahler'schen Symphonien, ist doch der Gesamteindruck eher negativ und wird der literarischen Vorlage nicht gerecht.

Und wahrscheinlich schaut man sich den Film sowieso erst an, nachdem man die Novelle gelesen und eigene Gedanken dazu entwickelt hat.

6. Zusammenfassung und Schlusswort

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Thomas Mann nicht zu viel versprochen hat. „Der Tod in Venedig“ bietet ein sehr facettenreiches Leseerlebnis und mir sind auch noch während des dritten Durchlesens neue Details und Verknüpfungen aufgefallen. Ich behaupte, dass auch ein viertes Mal noch Neuigkeiten bringen würde; und ich finde diese Tatsache macht ein gelungenes Buch aus. Auf einige Punkte, die in der Novelle angesprochen werden, wie die Einflüsse griechischer Mythologie, konnte ich aus Platzgründen nicht eingehen, aber mit meiner Schwerpunktsetzung auf der Homosexualität konnte ich sicherlich aufzeigen, wie persönlich dieses Werk für Thomas Mann war.

Abwechslungsreich war die Analyse der Visconti`schen Verfilmung, auch wenn mir seine Interpretation nur wenig zusagt und das Niveau der Novelle niemals erreicht wird. Bleibt abschließend nur noch zu hoffen, dass auch mir bei dieser Facharbeit einmal etwas vollkommen geglückt ist.

Literaturverzeichnis

Primärliteratur:

MANN 1912

MANN, Thomas: Der Tod in Venedig. Frankfurt a. M., 16. Aufl.. : Fischer, 2003

BOCCACCIO 1999

BOCCACCIO, Giovanni di: Das Dekameron. Frankfurt : Insel, 1999

Sekundärliteratur:

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FRIZEN, Werner: Oldenbourg Interpretationen. Thomas Mann. Der Tod in Venedig. München, 2., überarb. u. korr. Aufl.. : Oldenbourg, 1997

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GROSSE, Wilhelm: K ö nigs Erläuterungen und Materialien. Thomas Mann. Der Tod in Venedig. Hollfeld, 2., ergänzte Aufl.. : Bange, 2003

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HERMES, Eberhard: Lekt ü rehilfen. Thomas Mann. Der Tod in Venedig. Stuttgart, 9. Aufl.. : Klett, 2002

AUTOBIOGRAPHIE

MANN, Thomas: Ü ber mich selbst. Frankfurt a. M., : Fischer, 1994

REED 1983

REED, T.J.: Thomas Mann. Der Tod in Venedig. Text, Materialien, Kommentar. München, 3. Aufl.. : Carl Hanser, 1984

Zimmer 2001

ZIMMER, Thorsten: Interpretationshilfe Deutsch. Thomas Mann. Der Tod in Venedig. Freising : Stark, 2001

Quellenverzeichnis:

THOMAS MANN

MANN, Thomas.

In: GROSSE, Wilhelm (Hrgb.): K ö nigs Erläuterungen und Materialien. Thomas Mann. Der Tod in Venedig. Hollfeld, 2., ergänzte Aufl.. : Bange, 2003

JENNY 1971

JENNY, Urs: Filmkritik. 15. Jg./1971, Nr. 7, S. 378 ff.

In: GROSSE, Wilhelm (Hrgb.): K ö nigs Erläuterungen und Materialien. Thomas Mann. Der Tod in Venedig. Hollfeld, 2., ergänzte Aufl. : Bange, 2003

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ARN, Andri: Thomas Mann. Der Tod in Venedig. Eine Deutscharbeit. September '98 http://www.referate.heim.at/referate/html/todven01.html, 21.03.2004

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WILHELM II VON PREUSSEN.

Auf: http://www.referate.heim.at/referate/html/todven01.htm, 21.03.2004

Medien:

VISCONTI 1971

VISCONTI, Luchino: Der Tod in Venedig. Death in Venice.

Alfa Cinematografica S.r.l. Artwork & Photography : Warner Bros., 1971

Versicherung

Hiermit versichere ich, dass ich die Arbeit selbstständig angefertigt, keine anderen als die angegebenen Hilfsmittel benutzt und die Stellen der Facharbeit, die im Wortlaut oder im wesentlichen Inhalt aus anderen Werken entnommen wurden, mit genauer Quellenangabe kenntlich gemacht habe.

Ich bin einverstanden, dass die von mir verfasste Facharbeit der schulinternen Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird.

Westfeld, den 22.03.2004

( Jörg Gakenholz)

[...]


1 Beide Schwestern haben später Selbstmord begangen.

2 Erika, Golo und Klaus sind ebenfalls Schriftsteller geworden

19 von 19 Seiten

Details

Titel
Mann, Thomas - Der Tod in Venedig - Analyse und Interpretation und ein Vergleich mit der Verfilmung von Visconti
Note
13
Autor
Jahr
2004
Seiten
19
Katalognummer
V109198
Dateigröße
406 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Ich hatte meinen Spaß damit, vielleicht hilft die Arbeit jetzt noch anderen.
Schlagworte
Mann, Thomas, Venedig, Analyse, Interpretation, Vergleich, Verfilmung, Visconti
Arbeit zitieren
Jörg Gakenholz (Autor), 2004, Mann, Thomas - Der Tod in Venedig - Analyse und Interpretation und ein Vergleich mit der Verfilmung von Visconti, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/109198

Kommentare

  • Gast am 28.4.2008

    ;).

    Gruß dich,

    ich möchte nur Danke sagen weil mir deine Arbeit viel geholfen hat und ich finde, dass die Arbeit sehr, sehr gut gemacht ist.

    ein Student aus Kroatien,
    Hrvoje Gasparic

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