Friedriech Nietzsches Deutung des christlichen Jenseits in "Der Antichrist" und sein Gegenkonzept


Facharbeit (Schule), 2005

12 Seiten


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Inhaltsverzeichnis

Vorwort

1. Friedrich Nietzsche
1.1. Biographie
1.2. Nietzsches Schaffen

2. Untersuchung von „Der Antichrist“
2.1. Aufbau und Themen
2.2. Das Jenseits
2.2.1. Untersuchung von Kapitel 43
2.2.2. Zusammenfassende Deutung

3. Literaturverzeichnis
3.1. Bücher
3.2. Neue Medien

Vorwort

„Diese ewige Anklage des Christentums will ich an alle Wände schreiben, wo es nur Wände gibt – ich habe Buchstaben um auch Blinde sehen zu machen…“

Nietzsches polemische Kritik am Christentum gilt als eine der schärfsten überhaupt, in der Interpretation seiner Gedankenkomplexe herrscht jedoch fast immer Dissens. Interessant am Antichristen als eines seiner späten Werke ist, dass Nietzsche sich voll und ganz auf Kritik am Christentum und dessen Sklavenmoral konzentriert. Diese Arbeit soll einen Teil seiner Religionskritik aufschlüsseln, nämlich seine Deutung des christlichen Jenseits und sein Gegenkonzept.

1. Friedrich Nietzsche

1.1. Biographie

Friedrich Wilhelm Nietzsche wurde 1844 in Röcken als Sohn eines protestantischen Pfarrers geboren. Nachdem sein Vater 1849 verstarb zog die Familie nach Naumburg, wo von Nietzsche 1858 bis 1864 die Landessschule Pforta besuchte. 1864 studierte er Theologie und klassische Philologie in Bonn bei Friedrich Ritschl. Auf dessen Betreiben lehrte Nietzsche ab 1869 an der Universität Basel als außerordentlicher Professor für klassische Philologie. 1868 lernte Nietzsche Wagner und seine Frau Cosima kennen, die Freundschaft brach jedoch 1876 ab, den Bruch vollzieht er 1878/1880 mit seinem zweibändigem Werk „Menschliches, Allzumenschliches“. 1872 veröffentliche Nietzsche sein erstes größeres Werk „Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik“, welches nicht die erhoffte Resonanz fand, ebenso wenig wie seine vier „Unzeitgemäße[n] Betrachtungen“, welche zwischen 1873 und 1876 erschienen. Nietzsche wendet sich von der Philologie ab und konzentriert sich auf die Philosophie. Nietzsches gesundheitlicher Zustand beginnt sich 1879 zu verschlechtern, die Diagnose lautet progressive Paralyse. Er lässt sich frühzeitig pensionieren und wechselt aufgrund seiner Krankheit häufig seinen Wohnort, im Sommer bleibt er in Sils-Maria, im Winter meist in Italien. In dieser Zeit verfasst Nietzsche einen Großteil seiner Werke, die in ihrer polemischen Schärfe stark zunahmen, unter anderem auch „Der Antichrist“. 1889 erlitt Nietzsche einen Nervenzusammenbruch in Turin. Er verbrachte elf Jahre in einer Irrenanstalt in Jena, dann kurze Zeit bei seiner Mutter und wurde dann von seiner Schwester in der Villa Silberblick in Weimar gepflegt. Er verstarb am 25. August 1900.

1.2. Nietzsches Schaffen

Nietzsches Denken wird oft in folgende Abschnitte geteilt:

Die Wagnerianisch-Schopenhauerische Zeit (1872-1876), in der er von diesen beiden Männern und der griechischen Kultur beeinflusst wurde. Er schreibt in dieser Periode „Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik“ und seine vier „Unzeitgemäße[n] Betrachtungen“. Nietzsche sagt der Philosophie Schopenhauers ab und entfremdet sich von Wagner, aufgrund von Uneinigkeiten betreffend Musik, Nationalismus und Antisemitismus.

Es folgt eine Zeit der Kulturkritik (1876-1882), die folgende Werke umfasst: Der erste Teil von „Menschliches, Allzumenschliches“ erscheint im Jahre 1878, der zweite Teil 1880 und 1882 „Die fröhliche Wissenschaft“. Laut Nietzsche ist die Wissenschaft der Kunst vorzuziehen, da sie der objektivere Umgang mit der Welt sei. Das bekannteste Zitat aus dieser Zeit ist wahrscheinlich „Gott ist tot“, mit dem Nietzsche die Notwendigkeit der Überwindung der Moral verdeutlichen will.

Nietzsches Hauptwerk „Also sprach Zarathustra“ (1883-1885) setzt sich auseinander mit der Umwertung aller Werte, dem Tod Gottes, der Lehre vom Übermenschen und der ewigen Wiederkehr des Gleichen.

„Der Antichrist“ (1895) gehört zu Nietzsches späteren Werken, in denen er seine Lehren genauer ausführt, bzw. schärfer formuliert.

2. Untersuchung von „Der Antichrist“

Im Folgenden wird Nietzsches Werk der Antichrist untersucht. Das Augenmerk liegt auf seiner Kritik am Christentum und am christlichen Jenseits, sowie das Gegenkonzept das er präsentiert. Zuerst wird der formale Aufbau untersucht und die Themen des Werkes benannt, dann wird auf die Fragestellung der Facharbeit eingegangen.

2.1. Aufbau und Themen

Nietzsche baut „Der Antichrist“ nicht systematisch auf. Das Werk besteht aus 62 als eigene Kapitel gegliederte Aphorismen, die fragmentarisch anmuten und wenig direkten Bezug untereinander nehmen, sondern sich meist nur bei den Themen überschneiden, die sie behandeln. Deshalb werden im Folgenden nur die für die Fragestellung relevanten Themen genannt und inhaltlich erklärt, um nicht den Rahmen der Arbeit zu überschreiten.

Zum Titel des Werkes: Der Begriff Antichrist stammt aus der Bibel und ist ein Synonym für den Teufel, bzw. für den oder einen Gegenspieler Gottes. Dieser Titel hat etwas Reißerisches an sich, was zu der scharfen Polemik des Werkes selber passt, denn Nietzsche als Autor dieses Werkes kann durchaus als Feind des Christentums gesehen werden.

Nietzsche kritisiert am Christentum vor allem das Mitleid als den „[K]onservator alles Elenden“[1]. Indem man Mitleid ausübt, erhält man laut Nietzsche nur das Elend oder „multipliziert“ es noch.

Der Idee des Übermenschen ist das Mitleid ebenfalls nicht dienlich. Denn das Ziel der Menschheit liege darin, den Übermenschen zu wollen und zu bejahen.

"Der Mensch ist ein Seil, geknüpft zwischen Tier und Übermensch, - ein Seil über einem Abgrunde"[2]

Jeder Mensch kann ein Übermensch werden, aber nicht als solcher zur Welt kommen. Der Übermensch überwindet den Nihilismus, den Zerstörer der Moral. Er schafft seine eigenen moralische Werte und lebt damit die Herrenmoral aus.

Das Christentum stellt die umgekehrte Entwicklung dar, da es den Übermenschen eben nicht will, sondern aus Furcht „das Herdentier, das kranke Tier Mensch“ (Kap. 3)[3], nämlich den Christen geschaffen hat, indem es den Übermenschen als den „Bösen“ wertet und damit eine moralische Begründung hat gegen ihn vorzugehen. Mit dem Begriff „Böse“ zu argumentieren ist für Nietzsche falsch. Denn er unterscheidet zwischen zwei Arten von Moral: Zum einen die Herrenmoral, die zwischen „Gut“ und „Schlecht“, im Sinne von schlicht, unterscheidet. Die Herrenmoral ist ein Moralsystem für die herrschenden und „vornehmen“ Menschen. Die Sklavenmoral hingegen ist bloß aus der Ablehnung gegen die Herrenmoral und gegen die Realität, in der die schwachen Menschen unterlegen sind, entstanden. Der Begriff „Gut“ der Sklavenmoral bedeutet Gutmütigkeit und Leichtgläubigkeit, mittels des Begriffs „Böse“ argumentiert sie gegen die Herrenmoral, indem die Schwachen und Missratenen, die der Sklavenmoral folgen, sich „eine and[e]re Welt erfinden, von wo aus jene Lebens-Bejahung als das Böse, als das Verwerfliche an sich erschien.“ (Kap. 24). Diese imaginäre Welt stützt sich unter anderem auf den Sündenbegriff und folglich auf das christliche Jenseits.

2.2. Das Jenseits

Im Folgenden soll Nietzsches Deutung des christlichen Jenseitsbegriffs geklärt werden. Dazu wird das Kapitel 43 aus „Der Antichrist“ sowohl sprachlich als auch inhaltlich untersucht, um eine Basis für eine Interpretation von Nietzsches Gedanken zu schaffen. Denn anhand der sprachlichen bzw. rhetorischen Darstellung lässt sich sein Standpunkt erkennen, welcher später zu einer Gesamtdeutung führt. Bei der Untersuchung werden Nietzsches Gedanken durch hervorgehobene Zitate eingeleitet, die jeweils im Folgenden untersucht werden, es wird auch untersucht, inwiefern die rhetorische Darstellung den inhaltlichen Aspekt unterstützt.

2.2.1. Untersuchung von Kapitel 43

„Wenn man das Schwergewicht des Lebens nicht ins Leben, sondern ins ‚Jenseits’ verlegt – ins Nichts -, so hat man dem Leben überhaupt das Schwergewicht genommen.“[4]

Mit diesen Worten beginnt das näher zu untersuchende 43. Kapitel des Antichristen. Das Christentum sei auf das Jenseits fixiert, welches laut Nietzsche nicht existiere, bzw. ein Nichts sei. Somit ist diese Jenseitsfixierung für Nietzsche paradox, denn für ein Nichts zu leben ist sinnlos. Er zitiert den Begriff „Jenseits“ um sich von diesem Gedanken zu distanzieren, mittels einer Parenthese setzt er ihn mit dem „Nichts“ gleich, das Jenseits ist für ihn also wertlos. Der Begriff „Leben“ wird als Genitivobjekt und als Akkusativobjekt benutzt, diese beiden Objekte werden im Satz nahe aneinandergerückt. Es ist auch ein Kyklos zu erkennen, das Wort „Schwergewicht“ schließt den Satz ein. Indem Nietzsche den Satz auf diese Weise als Wortspiel aufbaut, hebt er die Paradoxie bei der Jenseitsfixierung hervor. An anderer Stelle arbeitet Nietzsche ähnlich:

„So zu leben, dass es keinen Sinn mehr hat zu leben, das wird jetzt zum Sinn des Lebens …“

Hier nennt Nietzsche explizit die Sinnfrage des Lebens, die nicht mit dem Jenseits beantwortet werden. Um seine These zu stützen, arbeitet er mit rhetorischen Mitteln, zum einen mit der Epipher mit „leben“ bzw. dem dazugehörigen Substantiv „Leben“, zum anderen mit dem Wortspiel mit „Sinn“ und „Leben“, um das Paradoxon hervorzuheben: Der Sinn des Lebens sei nun kein solcher mehr, wenn man ihn im christlichen Jenseits sucht. Die Folgen seien fatal, denn die „große Lüge von der Personal-Unsterblichkeit“ führe zu einer falschen Lebenseinstellung. Die Idee der „unsterbliche[n] Seele“ führe dazu, dass auch „minderwertige“ Menschen, die Nietzsche abwertend als „kleine Mucker und Dreiviertels-Verrückte“ bezeichnet, fordern, dass ihretwegen die „Gesetze der Natur“ durchbrochen werden. Nietzsche bezieht sich hier auf seine Idee des Übermenschen, respektive auf das „das Gesetz der Selection“ (Kap. 7), denn die Entwicklung zum Übermenschen funktioniert nicht, wenn jeder sich als gleichwertig mit anderen Menschen betrachtet und nicht einsieht, dass es einen höherwertigen Menschen geben wird, bzw. er als Wegbereiter dienen muss. Das Christentum bedient sich eben dieser „Mucker“ um sich durchzusetzen:

„[D]as Christentum [verdankt] dieser erbarmungswürdigen Schmeichelei vor der Personal-Eitelkeit seinen Sieg, - gerade alles Missratene, Aufständisch-Gesinnte, Schlechtweggekommene, den ganzen Auswurf und Abhub der Menschheit hat es damit zu sich überredet.“

Nietzsche polemisiert hier sehr stark gegen das Christentum. Er wertet den „Sieg“ ab, indem er das das Verb „verdanken“ benutzt. Dieses Verb suggeriert keinen „ehrlichen“ Sieg, sondern ein z.B. durch glückliche Umstände und nicht durch Können oder Stärke erreichter und damit unverdienter Erfolg. Die Mittel werden abgewertet, indem er sie zum einen pejorativ als „erbarmungswürdige Schmeichelei“, zum anderen als „Überredung“ bezeichnet. Die Absurdität des Sieges wird zudem durch Neologismen hervorgehoben, bzw. durch unübliche Substantivierungen von Verben, wie z.B. „Schlechtweggekommene“ und dem Hendiadyoin „Auswurf und Abhub“. Dies geschieht um die „Zielgruppe“ abzuwerten. Um die „Schwachen“ auf seine Seite zu ziehen und sich gegen die Herrenmenschen durchzusetzen bietet das Christentum also den Jenseitsbegriff an, um die Eitelkeit anzusprechen. Es wertet die „Kleinen“ und „Schwachen“ auf, indem es ihnen sagt, sie seien genau so viel wert wie andere Leute und ihren Lebenswert bestätigt. Dies geschieht mit der egozentrischen Lehre vom Seelenheil:

„Das ‚Heil der Seele’ – auf deutsch: ‚die Welt dreht sich um mich’“

Nietzsche bietet hier eine „Übersetzung“ an: Er zitiert die christliche Lehre des Seelenheils um sie hochtrabend erscheinen zu lassen und sich zu distanzieren, dann reduziert er sie auf eine kindlich anmutende, egozentrische, plumpe und somit absichtlich unhaltbar formulierte Aussage. Der Anakoluth und die Redensart „auf deutsch“ heben die Gegensätzlichkeit hervor. Also zieht das Christentum den „Abhub“ der Menschheit durch Schmeichelei auf seine Seite, indem es ihm seine egozentrische Lehre präsentiert, um die Forderungen nach „Gleichheit“ legitimieren zu können. Dies ist ein Problem, denn laut Nietzsche ist das Gefühl der Ungleichheit wichtig:

„das Christentum hat jedem Ehrfurchts- und Distanz-Gefühl zwischen Mensch und Mensch , das heißt der Voraussetzung zu jeder Erhöhung, zu jedem Wachstum der Kultur einen Todkrieg […] gemacht,- es hat aus dem ressentiment der Massen sich seine Hauptwaffe geschmiedet gegen uns, gegen alles Vornehme, Frohe, Hochherzige auf Erden, gegen unser Glück auf Erden…“

Das Gefühl der Ungleichheit wird mit einem Euphemismus benannt, dem „Ehrfurchts- und Distanz-Gefühl“. Das Christentum sei gegen dieses Gefühl und somit gegen den Fortschritt der Kultur vorgegangen, indem es sich des Ressentiments als „Hauptwaffe“ bedient hat. Das Ressentiment ist der heimliche Groll, bzw. Realitätshass der Sklavenmoral. Durch Versagen im realen Leben wird mit dem christlichen Jenseits eine Begründung gesucht, um sich mit den „Herrenmenschen“ auf eine Stufe stellen zu können. Denn der christlichen Lehre nach werden nämlich alle Menschen nach dem Tode gleich gerichtet und kommen entweder in die Hölle oder in das Paradies. Die „Sklavenmenschen“ haben die Hoffnung aufgrund der Reinheit von Sünden, die durch das Christentum definiert sind, in das Paradies zu kommen, während die Herrenmenschen nach dieser Lehre aufgrund ihrer Sünden in die Hölle kämen. Damit hätten sich die Verhältnisse umgekehrt, denn die Sklavenmoral würde im Diesseits herrschen. Dies geschieht mit dem erfundenen Begriff der Sünde, der den Priestern, die als Metonymie für das Christentum stehen, als Herrschaftsmittel über die Anhänger der Sklavenmoral dient, indem sie das richtige Verhalten im Diesseits definieren, auf der einen Seite herrscht der Priester durch Angst, auf der anderen Seite durch Belohnung. Für Nietzsche haben jedoch nicht die Sklavenmenschen sondern die Herrenmenschen den richtigen Lebensstil, sie sind „vornehm“ und „froh“, sie sagen „Ja!“ zu ihrem eigenen Leben anstatt es zu verneinen, sie finden ein reales Glück im Diesseits, welches Nietzsche mit der Redewendung „Glück auf Erden“ benennt und müssen sich nicht an die Hoffnung klammern ins Paradies zu kommen, sondern können im Diesseits herrschen und nicht erst im Jenseits, also gar nicht herrschen, da das Jenseits reine Fiktion ist. Das diesseitige Glück der Herrenmenschen wird auch durch den Einfluss des Christentums auf die Politik geschmälert:

„Und unterschätzen wir das Verhängnis nicht, das vom Christentum aus sich bis in die Politik eingeschlichen hat. Niemand hat heute mehr den Mut zu Sonderrechten, zu Herrschaftsrechten, zu einem Ehrfurchtsgefühl vor sich und seinesgleichen,- zu einem Pathos der Distanz…“

Die Schwäche des Christentums wird durch seine Subtilität und Heimlichkeit ausgeglichen, die Nietzsche mit dem Begriff „einschleichen“ kritisiert. Wie oben beschrieben fordert das Christentum Gleichheit für alle. Deswegen ist der Einfluss auf die Politik so schlecht, denn aufgrund der Angst vor dem Jenseits, also dem jüngsten Gericht, werden keine Rechte mehr erlassen, die den Herrenmenschen dienlich sind. Somit haben die Anhänger der Sklavenmoral es geschafft mit ihrer imaginären Macht im Jenseits Einfluss auf das Diesseits zu nehmen, indem sie die Aristokraten, also Herrenmenschen, durch subtile und heimliche Mittel korrumpieren. Die Hinterhältigkeit der Mittel liefert gleichzeitig eine Rechtfertigung, denn für Nietzsche müsste es sonst undenkbar sein, dass die Sklavenmoral über die Herrenmoral triumphieren könnte und durch Revolution das „Vorrecht der meisten“, worunter man eigentlich Demokratie versteht, durchsetzt. Damit wäre die Herrenmoral durch den Realitätshass der Sklavenmoral besiegt.

2.2.2. Zusammenfassende Deutung

Was ist also das christliche Jenseits für Nietzsche?

Es ist festzuhalten, dass das Christentum für Nietzsche mit der Sklavenmoral gleichzusetzen ist, bzw. es die Sklavenmoral geschaffen hat. Das Grundempfinden ist also das Ressentiment, wie oben erklärt, die Ablehnung der Wirklichkeit.

„Wer allein hat Gründe, sich wegzulügen aus der Wirklichkeit? Wer an ihr leidet.“ (Kap. 15)

Um dieser Wirklichkeit zu entfliehen, erfindet das Christentum also den Jenseitsbegriff. Der Jenseitsbegriff ist die absolute Realitätsferne, da es schlichtweg nicht existiert und es gibt dem Leben eine „imaginäre Teleologie“ (Kap. 15), mit dem die Sklavenmoral versucht die Sinnfrage des Lebens zu klären. Durch die Erfindung des Sündenbegriffs kehren sich die Verhältnisse im Jenseits um, die Sklavenmoral handelt „richtig“, da Sündenfrei und die Herrenmoral wird bestraft, da alles was die Macht der Herrenmoral im Diesseits ausmacht als Sünde und als „Böse“ definiert wird. Somit dient der Jenseitsbegriff als Waffe. Alle Anhänger der Sklavenmoral sind vereinigt unter dem Glauben daran, dass sie im Jenseits über die Herrenmenschen herrschen. Zudem werden Herrenmenschen mit dem Jenseitsbegriff korrumpiert und beginnen das Jenseits zu fürchten und richten sich nach der christlichen Moral. Das Christentum ist hierfür hinterlistig vorgegangen: Die „obersten Werte der Geistigkeit [werden] als sündhaft [gelehrt]“ (Kap. 5), damit der Mensch nicht mehr erkennt, was richtig und falsch ist, er wird, so Nietzsche, verdorben. Nietzsche definiert Verdorbenheit nicht moralisch, da Nietzsche gegen die existierende Moral ist, sondern wenn „ein Individuum […] seine Instinkte verliert, wenn es wählt, wenn es vorzieht, was ihm nachteilig ist.“ (Kap. 6), dann ist es verdorben. Der Mensch übt also Mitleid aus und schadet nicht nur sich selbst, da er für andere Menschen lebt, sondern auch der Menschheit allgemein, da das Elend dadurch erhalten bleibt, bzw. das Leid sich durch Mitleid noch erhöht. Indem das Christentum die Aristokratie korrumpiert, übt es also Macht aus, aber nicht in dem Sinne, wie Nietzsche es fordert. Nietzsche fordert Macht des einzelnen Menschen, er fordert Moralfeindliche Menschen, in dem Sinne, dass man die bestehende Moral vernichtet und seine eigenen moralischen Werte schafft. Dies wäre nicht gegeben wenn alle der Sklavenmoral folgen.

Was ist Nietzsches Gegenkonzept zum Jenseits?

Ein direktes Gegenkonzept hat Nietzsche nicht geschaffen, sonst wäre er bloß der Begründer einer neuen Religion, die auch imaginäre Teleologie lehrt. Nietzsches Forderungen sind vielfältig, auch wenn sie sich überschneiden: Überwindung des Nihilismus, Umwertung aller Werte, der Wille zur Macht und der Übermensch. Der Wille zur Macht ist jedoch nicht wörtlich zu verstehen als politische oder physische Macht, sondern eher als Schaffenskraft, wie sie für die Umwertung aller Werte oder den Übermenschen benötigt wird. An anderer Stelle liefert uns Nietzsches Vergleich von Christentum und Buddhismus eine weitere Facette: Während das Christentum den „Kampf gegen Sünde“ (Kap. 20) propagiert, betreibt der Buddhismus den „Kampf gegen das Leiden“ (Kap. 20), für Nietzsche sind die Begriffe „Leiden“ und „Sünde“ antithetisch. Der Buddhismus enthält in gewisser Weise die Lehre des Übermenschen, da er die Begriffe der Sklavenmoral von „Gut und Böse“ bereits überwunden hat und die Anhänger frei leben, denn der Buddhismus ist keine Religion des Zwanges und der Askese, sondern zielt auf Wunschlosigkeit, also Akzeptanz der Wirklichkeit, ab und ist somit gegensätzlich zur christlichen Motivation, dem Ressentiment. Der Grund hierfür liegt laut Nietzsche darin, dass der Buddhismus von den „höheren und […] gelehrten Stände[n]“ (Kap. 21) kommt und nicht wie das Christentum von den „Muckern“. Dadurch ist das Ressentiment von vornherein schon ausgeschlossen, da ein Anhänger eines hohen Standes keinen Grund hat, die Realität zu verdrehen.

3. Literaturverzeichnis

3.1. Bücher

„Der Antichrist“, Erste Auflage 1986, Insel Verlag Frankfurt am Main

„Also sprach Zarathustra“, Erste Auflage Januar 1978, Philipp Reclam jun. GmbH & Co. KG, Stuttgart

3.2. Neue Medien

www.wissen.de

de.encarta.msn.com

de.wikipedia.org

www.google.de

Erklärung zur Selbstständigkeit

Ich erkläre hiermit, dass ich die vorliegende Facharbeit ohne fremde Hilfe angefertigt und nur die im Literaturverzeichnis aufgeführten Quellen und Hilfsmittel benutzt habe.

Khanh David To Tuan

[...]


[1] Kapitel 7, „Der Antichrist“, Erste Auflage 1986, Insel Verlag Frankfurt am Main

[2] „Also sprach Zarathustra“, Erste Auflage Januar 1978, Philipp Reclam jun. GmbH & Co. KG, Stuttgart

[3] Der Klammerausdruck bezieht sich hier und im Folgenden auf „Der Antichrist“, Erste Auflage 1986, Insel Verlag Frankfurt am Main

[4] Alle im Folgenden kursiv gedruckten Zitate beziehen sich, wenn nicht anders angegeben, auf das Kapitel 43 (S. 76-78) aus der oben genannten Ausgabe von „Der Antichrist“

12 von 12 Seiten

Details

Titel
Friedriech Nietzsches Deutung des christlichen Jenseits in "Der Antichrist" und sein Gegenkonzept
Autor
Jahr
2005
Seiten
12
Katalognummer
V109205
Dateigröße
357 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Friedriech, Nietzsches, Deutung, Jenseits, Antichrist, Gegenkonzept
Arbeit zitieren
Khanh To Tuan (Autor), 2005, Friedriech Nietzsches Deutung des christlichen Jenseits in "Der Antichrist" und sein Gegenkonzept, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/109205

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