Die Verwendung des Clarus-Gutachtens in Georg Büchners Woyzeck


Hausarbeit, 2002

13 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhaltverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Verwendung des Clarus-Gutachtens auf verschiedenen Ebenen des Stückes
2.1. Woyzecks Wahnsinn
2.2 Die soziale Ebene
2.3 Das Eifersuchtsdrama

3. Zusammenfassung

4. Literatur

1. Einleitung

Georg Büchner hat sich für alle seine Werke an Quellen orientiert, selbst in dem „Hessischen Landboten“ und dem Lustspiel „Leonce und Lena“ finden sich reichhaltige Verwendungen von Büchner bekannten Berichten und Werken. Eine besonders interessante Art der Quellenarbeit verbirgt sich jedoch hinter seinem „Woyzeck“. Denn das Drama ist nicht – wie Leonce und Lena – ein rein fiktiver Text, sondern scheint sich eher an die –authentische Fälle bearbeitenden – Werke „Dantons Tod“ oder „Lenz“ anzuschließen. Doch werden bei diesen die historische Vorgaben fast penibel genau befolgt, handelt es sich bei diesen um die künstlerische Ausgestaltung der vorliegenden Quellen – so oder ähnlich könnte es sich wirklich abgespielt haben – ist es beim „Woyzeck“ doch entschieden anders. Nähme man den „Woyzeck“ schlicht als Dramatisierung des wahren, im Gutachten des Hofrats Clarus ausführlich dargelegten Kriminallfalles Johann Christian Woyzeck, müsste man Büchner Geschichtsklitterung vorwerfen. Doch Büchner ging es sicherlich nicht um eine massenwirksame Aufbereitung eines populären Stoffes. In der folgenden Arbeit soll nun nachvollzogen werden, wie Büchner das Gutachten verwendet, um daraus weit mehr als ein „Kriminaldrama“ zu machen. Da die wörtliche und inhaltlichen Übernahmen schon mehr als ausführlich dokumentiert sind, soll auch besonders darauf geachtet werden, was Büchner eben gerade nicht übernimmt, wo er die vorgegebenen Pfade des authentischen Falles verlässt. Um diesem Vorgehen auch strukturelle Nachvollziehbarkeit zu verleihen, sollen verschiedene Ebenen das Dramas – das Eifersuchtsdrama, der Wahnsinn des Protagonisten und die soziale Ebene des Stücks – gesondert betrachtet werden. Um eine – dem Umfang dieser Arbeit nicht angemessene – Kompliziertheit zu vermeiden, werde ich mich an die von Werner R. Lehmann erarbeitete Lesefassung der „Münchner Ausgabe“ von Georg Büchners Werken halten und damit notgedrungen sicher auch die ein oder andere Facette, die unter dem Gesichtspunkt editionsphilologischer Fragestellungen deutlicher zu Tage treten würde, aussparen müssen.

2. Die Verwendung des Clarus-Gutachtens auf verschiedenen Ebenen des Stückes

2.1. Woyzecks Wahnsinn

Auch wenn man geneigt ist, die Geburt des Interesses für und die Beschäftigung mit dem Seelenleben des Menschen im näheren Umfeld von Sigmunds Freuds psychoanalytischen Arbeiten zu suchen: Die Bedeutsamkeit der Psyche wurde schon weit vorher erkannt. So ist die Erkenntnis, dass Störungen des Seelen- und Gemütsleben eines Menschen seine Urteilskraft und damit die Verantwortlichkeit für seine Taten beeinträchtigen können, dass auch der Geist krank sein kann, für Georg Büchner und seine Zeitgenossen keine Neuigkeit mehr. Durch das Vorlesungsverzeichnis der medizinischen Fakultät Gießens aus Büchners Studienjahren wissen wir, dass „Psychiatrie“ und „Psychologie“ dort bereits zum Lehrplan gehörten. „Die grundlegende medizinische Frage hieß: ‚Wie wird der normale Mensch melancholisch, verworren, lebensüberdrüssig, verrückt oder verbrecherisch?‘“[1] Auch im Falle des Mörders Johann Christian Woyzecks, der seine Geliebte Johanna Christine Woost erstochen hatte, wurde diese Frage gestellt. Dem Hofrat Dr. Johann Christian August Clarus oblag es in seinen beiden Gutachten festzustellen, ob der Mörder Woyzeck geisteskrank und damit unzurechnungsfähig war. Dass der historische Woyzeck von Clarus für nicht wahnsinnig und damit schuldfähig gehalten wurde, soll an dieser Stelle noch nicht thematisiert werden. Zunächst soll hier betrachtet werden, welche der von Clarus festgehaltenen Äußerungen Woyzecks, die als symptomatisch für Geisteskrankheiten gelten können, sich in Büchners Drama niedergeschlagen haben. Eine augenscheinliche Übernahme auf diesem Gebiet betrifft das in den Clarus-Gutachten mehrfach auftauchende „Freimaurer“-Motiv. Dort wird berichtet, Johann Christian Woyzeck habe „beunruhigende Träume von Freimaurern gehabt“[2] zeitweilig sich gar von den „Freimaurern verfolgt“[3] gefühlt. Kein Wunder, hatte er doch auf seinen Wanderungen „schon allerhand nachteilige Gerüchte über die Freimaurer gehört, unter anderm, daß sie durch heimliche Künste, zu denen sie nichts als eine Nadel brauchten, einen Menschen ums Leben bringen könnten.“[4] Um diesen Teil der wahnhaften Vorstellungen des historischen Woyzecks hat Georg Büchner eine Szene gestaltet, die diese diffuse Bedrohlichkeit eindrucksvoll illustriert. Auf freiem Feld sagt Woyzeck zu Andres:

WOYZECK: Ja Andres; den Streif da über das Gras hin, da rollt Abends der Kopf[...]Andres, das waren die Freimaurer, ich hab´s, die Freimaurer, still![5]

[...]


[1] Ludwig Büttner: Büchners Bild vom Menschen. Nürnberg 1967. S. 83

[2] Zweites Clarus-Gutachten. In: Georg Büchner: Werke und Briefe, München 2001. S. 633

[3] Zweites Clarus-Gutachten.(wie Anm.2). S. 633

[4] Zweites Clarus-Gutachten (wie Anm.2). S.642

[5] Georg Büchner, Woyzeck. Lesefassung erarbeitet von Werner R. Lehmann. In: Georg Büchner, Werke und Briefe. München 2001. S.235

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Die Verwendung des Clarus-Gutachtens in Georg Büchners Woyzeck
Hochschule
Freie Universität Berlin  (FB Germanistik)
Veranstaltung
Grundkurs A + B
Note
1
Autor
Jahr
2002
Seiten
13
Katalognummer
V10921
ISBN (eBook)
9783638172226
ISBN (Buch)
9783638787369
Dateigröße
403 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Büchner Woyzeck Quellen Verwendung Clarus Gutachten
Arbeit zitieren
Mario Fesler (Autor), 2002, Die Verwendung des Clarus-Gutachtens in Georg Büchners Woyzeck, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/10921

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