Eine historische Betrachtung der Großen Hungersnot 1846 - 1851 und ihres Einflusses auf die demografische Struktur Irlands


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005

37 Seiten, Note: 1,0


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Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung
1.1. Vorgehensweise

2. Besonderheiten der Great Famine

3. Die demografische Struktur Irlands heute

4. Die demografische Struktur Irlands vor der Großen Hungersnot, 1820 bis 1840

5. Die Große Hungersnot 1846 bis 1851
5.1. Ursachen
5.1.1. Versuch einer Erklärung nach dem Bevölkerungsgesetz von Malthus
5.2. Maßnahmen gegen den Hunger
5.2.1. Nahrungsimporte und –exporte
5.2.2. Gesetze und Gesetzesänderungen
5.2.3. Arbeitshäuser
5.2.4. Armenküchen
5.2.5. Spenden

6. Veränderungen der demografischen Struktur nach der Great Famine
6.1. Natürliche Bevölkerungsbewegung
6.2. Fertilität
6.3. Mortalität
6.3.1. Natürliche Mortalität
6.3.1.1. Erhöhte Mortalität aufgrund von Verhungern
6.3.1.2. Erhöhte Mortalität aufgrund von Seuchen
6.4. Zusammensetzunge der Bevölkerung
6.4.1. Alter
6.4.2. Geschlecht
6.5. Migration
6.5.1. International Emigration

7. Auswirkungen auf die Ökonomie

8. Fazit

Anhang

I. Abbildungsverzeichnis

II. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Welche Auswirkungen Katastrophen auf Gesellschaft, Kultur und Wirtschaft haben können sind kein Geheimnis. Erst vor kurzem konnte jeder am Bildschirm und in den Zeitungen verfolgen, wie eine Tsunami große Teile der Küstenregionen Südostasiens dem Erdboden gleichgemacht hat. 175.000 Menschen (Learn Line NRW 2005) fanden in den Fluten den Tod.

Die sozioökonomischen Auswirkungen einer solchen Katastrophe lassen sich schwer abschätzen, sind jedoch sicherlich gravierend, nicht nur für die Überlebenden, sondern auch für kommende Generationen. Ein Autor trieb es sogar so weit, von einem „event with something of the characteristic of a low-level nuclear attack“ (Clarkson et al 1999, 15) zu sprechen. Das Ziel dieser Seminararbeit ist es, aufgrund einer historischen Betrachtung der Großen Hungersnot in Irland von 1845 bis 1850[1] die Veränderungen in der demografischen Struktur der irischen Bevölkerung durch den Einfluss einer Katastrophe zu beschreiben die bis heute noch in den Gedanken der Einwohner des Landes und der Auswanderer festsitzt und die dazu geführt hat, dass sich eine Bevölkerung über den halben Globus verstreut hat. Die Great Famine wird in Irland auch heute noch immer wieder thematisiert. Sie ist, auch nach knapp 150 Jahren, ein Markstein der irischen sowie der Weltgeschichte. In den Gaeltacht-Gebieten in denen die irische Landessprache noch gesprochen wird, aber auch in der Literatur, spricht man auch häufig von An Gorta Mor, dem „Großen Hunger“ oder The Great Hunger (Wikiweb 2005a). Die Gründe für ihr Auftreten sind immer noch strittig, ihre Konsequenzen bedeutend, welches Land auch immer die daraufhin folgende irische Diaspora erreichte. Genauso wie es die Südostasische Tsunami für kommende Generationen sein wird.

1.1. Vorgehensweise

Zuerst möchte ich zeigen, warum die Great Famine anders war als Hungersnöte die man auf der ganzen Welt vorfindet. Dann folgt eine Beschreibung der gegenwärtigen demografischen und gesellschaftlichen Struktur Irlands einiger Besonderheiten durch die sich die sozioökonomische Struktur Irlands von der des übrigen Europa unterscheidet. Nachdem ich diese herausgearbeitet habe, schlage ich einen Bogen zum Irland vor der Hungersnot zu Beginn des 19. Jahrhunderts und versuche die Gründe darzustellen, die dazu geführt haben, dass das Schicksal des Großteils einer Bevölkerung vom Ernteertrag einer einzigen Pflanzenart abhängig wurde. Das darauf folgende Kapitel beschreibt die Zeit der Great Famine, ihre Ursachen und wie die irische Bevölkerung und die englischen Besatzer versucht haben das Unglück zu verhindern. Im Anschluss beschreibe ich, wie sich die demografische Struktur durch die Hungersnot beeinflusst wurde und das letzte Kapitel soll einen Eindruck davon geben, wie Irland sich aufgrund eines dreiviertel Jahrzehnts des Hungers verändert hat.

2. Besonderheiten der Great Famine

Wenn man in der Weltgeschichte nach Hungersnöten sucht, hält sie einige parat. Gemeinsamkeiten haben sie alle: Sie kosten Menschenleben, entvölkern teilweise ganze Landstriche und unter den Opfern finden sich meist die Ärmsten und Schwächsten. Doch was macht die Great Famine so besonders? Klar ist, dass sie größer war als die meisten modernen Hungersnöte. In Äthiopien 1972 bis 1974 starben 200.000 Menschen, in der Sahel Zone 1973-1974 waren es 100.000 in einer Gegend in der 25 Millionen Menschen leben, im Sudan Mitte der 80er starben ungefähr 100.000 bei einer Einwohnerzahl von 20 Millionen. Hier gab es zwar überall zig Tausende von Toten, nur waren die Zahlen im Vergleich zur Gesamtbevölkerung relativ gering. Um eine Hungersnot vom Ausmaß der irischen zu finden, muss man etwas weiter zurückgehen. Vergleichbar sind hier nur das Sowjetische Desaster 1918 bis 1922 mit ungefähr 5 Millionen Toten (IGFM 1998), die Hungersnot unter Stalin 1932 bis 1933 mit ungefähr 6 Millionen Toten (IGFM 1998) und die Hungersnot in Bengal 1943 bis 1944 mit ungefähr 3 Millionen Toten (Ziegel 1999). Die Hungersnot während des Chinesischen „Großen Sprungs nach vorn“ ab 1956 die 30 bis 43 Millionen Chinesen das Leben kostete (Begriffsportal 2005) spielt dabei in ihrer eigenen makaberen Liga.

Allerdings kann man sagen, lässt man die absoluten Zahlen außer Acht und sieht sich die Proportionen an, dann sucht die Great Famine ihresgleichen, da sie fast ein Achtel der irischen Bevölkerung vernichtete. Nimmt man hier z.b. die Great Finnish Famine zum Vergleich, so hat diese die Bevölkerung „nur“ um 5% auf 1,7 Millionen reduziert, im Gegensatz zur irischen mit 12,5, was knapp 1 Million Leben entspricht.

Eine zweite Besonderheit stellt die massive Migrationswelle dar, die während der Hungerjahre einsetzte. Alle größeren Hungersnöte bringen Migrationströme mit sich, doch diese sind normalerweise nur von kurzer Dauer, erstrecken sich über relativ kurze Strecken und die Flüchtlinge kehren wieder zurück, wenn die Gefahr vorbei ist. Die Auswanderung während der Famine war jedoch genau das Gegenteil. Sie war über eine hohe Distanz und meist dauerhaft. Irland war seit jeher ein Auswanderungsland doch Schätzungen sagen, dass von den 1,5 Millionen Menschen die zwischen 1845 und 1850 Ausgewandert sind mehr als die Hälfte aufgrund von Hunger das Land verließen. Natürlich gab es auch nationale Wanderungen, diese sind aber weniger auffällig als die internationale „Landflucht“. Der Cork Examiner schrieb im März 1847: „[...]the emigrants of this year are not like those of former ones; they are now actually running away from fever and disease and hunger, with money scarcely sufficient to pay passage for and find food for the voyage” (Ó Gráda, C./ O’Rourke, K. H. 1996, 9). Auf die Migration komme ich nochmals in Kapitel 6.1.2. zurück.

Ein dritter Faktor, der erkennen lässt, dass das irische Desaster seinesgleichen sucht ist die Tatsache, dass die Hungersnot eine solch große und dauerhafte Auswirkung auf Irlands Wirtschaft und Bevölkerung hatte. Typischerweise erholt sich eine Bevölkerung wieder, wenn die Krise vorbei ist. Im irischen Fall war dies allerdings nicht so. Hier sank die Bevölkerungsgröße von 8,5 Millionen Einwohnern 1845 auf 4,2 Millionen 1926 (Fitzpatrick, A. J./ Vaughan, W. E.1978, 3). Das statistische Jahrbuch weist erst ab 1936 eine Bevölkerungszunahme aus. Diese jedoch nur in Nordirland, in der Republic of Ireland war die Bevölkerungszahl noch bis 1966 rückläufig (Fitzpatrick, A. J./ Vaughan, W. E.1978, 3).

Schließlich gibt es noch eine weitere Eigenheit der Great Famine: Der Ort und der Zeitpunkt. Während Hungersnöte heutzutage meist nur noch in unterentwickelten Ländern auftreten traf es damals die westliche Welt völlig unvorbereitet. Hungersnöte waren in England seit 1600 und in Schottland seit 1700 nicht mehr aufgetreten. Auf dem Kontinent war das letzte größere Aufflackern von Hunger 1816-1819 aufgrund von Missernten zu beobachten, die durch die Eruption des Vulkanes Tambora auf der südindonesischen Insel Sumbawa hervorgerufen wurden (Werdenberger & Obertoggenburger 2005). Doch dann schlug die Great Irish Famin e im „back garden of ‘the workshop of the world’” (Ó Gráda C. 1989, 9) zu. Während in London Pläne für die Great Exhibition im Crystal Palace, 1851, geschmiedet wurden starben in Irland immer noch Tausende an Krankheiten die mit dem Hunger in Zusammenhang standen. Doch Irland war zu diesem Zeitpunkt schon 50 Jahre vollwertiges Mitglied des Vereinigten Königreichs. Hier zeigt sich deutlich wie ungleichmäßig sich die industrielle Revolution in Europa ausgebreitet hatte.

Zuletzt kann man noch sagen, dass die Ursachen von Hungersnöten normalerweise entweder durch schlechte Ernten, schlechtes Wetter, Krieg oder politische Fehlentscheidungen entstehen. In Irland war der Auslöser jedoch ein ökologisches Desaster, die Kartoffelfäule, die im Jahr zuvor in Nordamerika gewütet hat. Verstärkt wurde dies dadurch, dass die irische Landbevölkerung in hohem Maße von der Kartoffel als Grundnahrungsmittel abhängig war.

3. Die demografische Struktur Irlands heute

Wie schon erwähnt, war die Zahl der Einwohner Gesamtirlands bis 1936 rückläufig, in der Republic of Ireland sogar bis 1966. Da es schwer ist Daten für die Gesamtbevölkerung der Insel zu bekommen, weil Nordirland immer als Teil Großbritanniens gesehen wir beziehen sich meine folgenden Ausführungen auf Eire[2] und die in diesem Landesteil zusammengefassten Provinzen Leinster, Munster, Connacht und den republikanischen Teil von Ulster. Das niedrigste Zensusergebnis an Einwohnern war 1961 mit 2.818.341 erfassten Personen erreicht, dann begann der Anstieg. 1966 waren es dann schon 2.884.002 Menschen, 1971 2.978.248 und am 28. April 2002[3] wurde die 3.9 Millionen Marke überschritten. Dieser stetige Rückgang lässt sich durch eine hohe Emigration und niedrige Heiratsraten erklären. Es gibt in Irland zwar sehr viele Großfamilien, 1961 waren noch in 18% aller Haushalte 7 oder mehr Kinder zu finden. 2003 waren es nur noch 2,4%. Allerdings ist der Anteil von Familien mit 5 Kindern und mehr mit 17,5% (CSO 2003c) noch höher liegt als in Deutschland mit 4,21% (Destatis 2004a). Dem gegenüber steht jedoch eine niedrige Heiratsrate von 42,7% im Vergleich zu Deutschland mit 59,33%[4], gepaart mit einem relativ hohen durchschnittlichen Heiratsalter das in den 90ern bei 28,3 für Männer und 26.3 für Frauen lag. Obwohl Irland im Vergleich zu anderen EU-Ländern relativ klein ist hat es doch in einigen Aspekten den „großen Brüdern“ einiges voraus. Im Gegensatz zu Deutschland, Frankreich und Großbritannien, die alle einen prozentualen jährlichen Bevölkerungszuwachs von unter 1 haben[5] steigt die irische Bevölkerung mit 1,16% (CIA 2004) jährlich an. Dies liegt unter anderem daran, dass im Zensuszeitraum 1996 bis 2002 die Zahl der Geburten mit durchschnittlich 54.000 noch deutlich über den durchschnittlichen Todesfällen von 31.000 jährlich (dies entspricht einer durchschnittlichen Sterberate von 7,94 pro 1000 Einwohner) liegt und eine positive Wanderungsbilanz von durchschnittlich 26.000 Einwanderern vorliegt. Durch diese hohe Geburtenrate von 1,89 Kindern pro Frau, die sogar noch Frankreich (mit 1,85) übertrifft, schwebt die irische Gesellschaft nicht in so großer Gefahr zu überaltern wie es z.B. in Deutschland der Fall ist. Der prozentuale Bevölkerungsanteil der unter 15-jährigen lag zum Zeitpunkt der Erhebung 2004 bei 21,2%[6], die 15 bis 64-jährigen bei 67,5, was in etwa den anderen Ländern entspricht die zum Vergleich herangezogen wurden, und der Anteil der Einwohner über 65 bei 11,4%. Die Analphabetenrate liegt unter 1%. Zieht man hier einen Vergleich mit einem Aspiranten auf die EU-Mitgliedschaft dann zeichnen sich der Unterschied deutlich ab: In der Türkei können 13,5% der Bevölkerung nicht lesen oder schreiben. Ein weiterer Aspekt, der deutlich macht, dass Irland Wie man sieht ist Irland also ein aufstrebendes Land, das nicht mit so großen demografischen Problemen zu kämpfen hat wie manch anderes Land in der EU. Doch das war nicht immer so. Das nächste Kapitel gibt einen Überblick über die demografischen Gegebenheiten in der Zeit vor der Great Famine.

4. Die demografische Struktur Irlands vor der großen Hungersnot, 1820 bis 1840

Wenn man sich die Bevölkerungsdaten Irlands so ansieht denkt man nicht, das ein Land, dass heute zu den am dünnsten besiedelten der EU gehört, früher extrem überbesiedelt war.

Die Gesamtbevölkerung Irlands lag 1841 bei nahezu 8.175.124 Menschen (Fitzpatrick, A. J./ Vaughan, W. E.1978, 3). Da damals die Republic noch nicht abgespalten war kann man nur annähernd errechnen wie viele Menschen in den Provinzen gelebt haben die diese heute bilden. Rechnet man Leinster, Munster, Connacht und einen Teil von Ulster (die Counties Cavan, Donegal, Monaghan) zusammen bekommt man 6.528.799 Bewohner (Fitzpatrick, A. J./ Vaughan, W. E.1978, 15 i.V.m. 10ff). Die restlichen 1.646.325 Einwohner lebten auf dem jetzigen Gebiet Nordirlands das sich aus den Counties Antrim, Armagh, Belfast, Down, Fermanagh, Londonderry und Tyrone der Provinz Ulster zusammensetzt. Doch wie kam es zu so einer Überbesiedlung? Die Tatsachen, dass damals wie heute der Katholizismus sehr ausgeprägt war (1861 waren 4.505.265 Einwohner oder 77,7% der Bevölkerung katholisch gegenüber 1.293.702 oder 21,3% Angehöriger anderer Glaubensrichtungen[7] ) und deshalb Verhütung nicht sehr oft praktiziert und nicht gern gesehen wurde, gepaart mit Familienplanungsideen die aus der heutigen dritten Welt entliehen sein könnten führten zu einer rasanten Bevölkerungsentwicklung. Noch dazu beigetragen haben die Tatsachen, dass in Irland eine große Zahl der Einwohner in der Landwirtschaft tätig und die Urbanisation nicht sehr fortgeschritten war. 1841 lebten nur 13,89% der Bevölkerung in Städten über 2000 Einwohner (Fitzgerald/ Vaughan 1978, 27). Im Zensusjahrgang 1821 bis 1831 kam es zu einer Bevölkerungszunahme von 6,8 Millionen auf 7,8 Millionen. Dies entspricht einem Prozentsatz von 15%. 1841 wurde dann die 8 Millionen-Marke überschritten. Allerdings flaute hier das Wachstum auf eine prozentuale Zunahme von 5,3% ab. Diese Werte sind aber nach Aussage von Historikern eher zu tief geschätzt (Ó Gráda C. 1989, 12). Zeitgenössische Beobachter verglichen die irische Gesellschaft auch mit einem „rabbit warren“ (Ó Gráda C. 1989, 12). Auch der englische Kolonialismus trug seinen Teil zur hohen Fruchtbarkeit bei. Die Abgabenlast der Pächter führte dazu, dass der Kartoffelanbau für ihren Eigenbedarf zur Monokultur wurde, denn bei fortschreitender Erbteilung auf immer kleineren Parzellen konnte nur dank der anspruchslosen und ertragreichen Kartoffel die Subsistenz für eine Familie erwirtschaftet werden. Umgekehrt bildete jetzt ein kleiner Kartoffelacker die ausreichende Voraussetzung, eine Ehe einzugehen. Die Heiratsziffer stieg bei gleichzeitig sinkendem Heiratsalter. Drastische Auswirkungen auf die Geburtenziffer waren die Folge.

Diese Erklärung, erweist näherer Betrachtung jedoch als nicht 100% zutreffend. Zeitgenössische Beobachter schreiben zwar über die irischen Frauen: „[...]their propensity to generation causeth that they cannot endure. They are women at thirteen and old wives at thirty” (Ó Gráda C. 1989, 14). Forschungen in diese Richtung wiederlegten dies aber. Der Zensus von 1841 zeigte jedoch, dass das durchschnittliche Heiratsalter bei den Männern die um 1820 herum geboren waren bei knapp über 30 und bei Frauen bei 26 lag. Betrachtet man den Median des Heiratsalters der Heiratstafeln 1841 so liegt er bei 27,5 für Männer und bei 23,6 für Frauen. Was hier noch wichtig scheint zu erwähnen ist, dass es regionale Unterschiede gab. Das durchschnittliche Heiratsalter bei Frauen in Connacht lag mit 25 Jahren um 1,8 Jahre unter dem in Leinster. Ein Zeitabschnitt der groß genug ist um bei einer durchschnittlichen Familie in Connacht noch ein Kind draufzurechen. Auch ließen sich Klassenunterschiede feststellen. Das durchschnittliche Heiratsalter eines Farmers im Parish[8] Killashandra in Cavan lag 4 Jahre über dem eines Arbeiters (Ó Gráda C. 1989, 14). Ist man nun ein Anhänger des malthusianischen Bevölkerungsgesetzes muss man davon ausgehen, dass irgendwann eine Katastrophe wie die Great Famine eintritt, da bis zum Beginn der Hungersnot knapp 2 Millionen acres (0.8 Millionen Hektar)[9] für den Kartoffelanbau genutzt wurden und der sog. Irish lumper, eine Kartoffelart die 7 bis 9 Monate im Jahr angebaut werden konnte, ein Hauptnahrungsmittel des Großteils der Bevölkerung war. Sir William Petty, ein zeitgenössischer Beobachter, schrieb einmal nieder, dass: „[...] six out of eight of all the Irish [...] feed chiefly upon milk and potatoes“ und „[...]potatoes from august till may[...]“ (Ó Gráda C. 1989, 23).

5. Die große Hungersnot 1846 bis 1851

Doch warum kam es überhaupt dazu, dass sich eine Bevölkerung so auf eine Hauptnahrungsart spezialisierte?

5.1. Ursachen

Böse Zungen behaupten, dass die englische Regierung Schuld trägt und behaupteten dass sie den Erfolg der Kartoffel erst einmal ausprobieren wollte und sie deshalb in Irland einführte (Happe, H. U. 1987, 42). Doch dies stimmt nicht. Vor der Hungersnot waren die Iren Europas „potato people“par excellence (Ó Gráda C. 1999, 17). In den frühen 1840ern hatte der tägliche Verbrauch ungefähr 2,3 kg pro Kopf erreicht (Ó Gráda C. 1999, 17). Zum Vergleich: In Frankreich waren es nur 165 Gramm. Doch warum? Die strukturellen Bedingungen der Great Famine waren langfristig im kolonialen Status Irlands angelegt. Seit dem misslungenen Versuch Heinrichs VIII., die Reformation auf Irland auszudehnen, hatte England die Kolonialisierung vorangetrieben. Die Begünstigung englischen Feudalbesitzes während der Diktatur Cromwells erhärtete die Machtverhältnisse. Die Grundbesitzer konnten dank einer immer repressiveren Gesetzgebung über die irischen Pächter fast nach Gutdünken verfügen.

Weil viele landlords nicht residents, sondern absentees waren, also nicht auf irischem Boden lebten, hatte sich nie ein fürsorglicher Paternalismus zugunsten der verarmten Landbevölkerung entwickelt. Stattdessen wurde der permanente Kapitalabfluss gefördert. Hinzu kam, dass, wie schon erwähnt, die Bevölkerung hauptsächlich aus ländlichen Gebieten kam und 2/3 der Arbeitskräfte sich durch Landwirtschaft ernährten. Da allerdings das Land meist unter den Söhnen aufgeteilt wurde kam es zu immer kleineren Parzellen. Vor dem Great Famine umfassten 45% aller bäuerlichen Pachtbetriebe eine Anbaufläche von weniger als 1,25 Hektar. Im County Mayo gab es sogar den Fall, dass zwischen 110 Pächter 167 acres[10] aufgeteilt wurden was pro Bauer 0,62 Hektar oder 6151 m2 bedeutete Um davon eine Familie zu ernähren, lag es nahe Kartoffeln anzubauen. Moderne Ernährungsanalysen beweisen, dass die vorwiegende Ernährung der Iren durch Kartoffeln und Buttermilch alle Proteine, Kalorien und Mineralstoffe beinhaltete, die er brauchte (Ó Gráda C. 1989, 26). Doch auch das Einkommen spielte eine wichtige Rolle. Durch die Britischen corn laws von 1815 waren Kartoffeln erheblich billiger als Getreide. Diese Gesetze wurden eingeführt im den „einheimischen“ englischen Markt vor Getreideimporten zu schützen indem hohe Einfuhrzölle zu zahlen waren. Dies führte dazu, dass die ortsansässigen Farmer zwar vor ausländischen Billigproduzenten geschützt wurden, die verarmte Bevölkerung sich jedoch kein oder nur wenig Getreide leisten konnte. Als Ersatz, der in Irlands feuchtem, gemäßigten Klima und seinem sauren Erdreich wunderbar gedieh, bot sich die Kartoffel nahezu an (Ó Gráda C. 1999, 18).Wie lässt sich nun die Hungersnot erklären wenn die Kartoffel all die Jahre ein vertrautes Hauptnahrungsmittel war. Tabelle 1 gibt Aufschluss über die Mengen die auf der Insel verarbeitet und verzehrt wurden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: Jährlicher Kartoffelverbrauch (in Millionen Tonnen)

Der irish lumper, die Kartoffelart die sich als die am meisten verwendete herauskristallisiert hatte, war zwar sehr ertragreich, allerdings war er nicht so resistent gegen den Kartoffelpilz Phythophthora infestans wie andere Kartoffelarten. Dieser Pilz lässt das Kartoffelkraut faulen und seine Sporen greifen, bei feuchter Witterung in den Boden geschwemmt, die Knollen an. Die Verbreitung des Erregers war 1842 von den USA ausgegangen und hatte sich nach West- und Mitteleuropa ausgedehnt. In Irland trat die Kartoffelpest im Spätsommer 1845 auf, aber noch blieb die Missernte im Rahmen „normaler“ Hungerjahre, weil die Haushalte über Reserven verfügten (was nichts anderes bedeutet, als dass das Setzgut für das folgende Jahr aufgegessen werden musste). Erst die Missernten von 1846 bis 1848 und Seuchen, die sich in der Folge ausbreiteten, wie Ruhr, Cholera und Skorbut, waren es die das Land in den Katastrophalen Zustand stürzten aus dem es sich, endgültig, erst im 2. Jahrhundert befreien konnte. Erst der Kartoffelertrag von 1850 fiel wieder normal aus und lies eine langsame Entspannung der Lage bei drastisch dezimierter Bevölkerung zu.

5.1.1. Versuch einer Erklärung nach dem Bevölkerungsgesetz von Malthus

Bedenkt man das oben dargestellte, explosive Bevölkerungswachstum und stellt dem die sich ständig verkleinernden Anbauflächen gegenüber so muss man sich irgendwann einmal fragen ob Irland und die Hungersnot nicht ein Paradebeispiel für das malthussche Bevölkerungsgesetz darstellen. Dieses sagt unter anderem aus, dass die Beschränkung des Nahrungsspielraums in erschlossenen Ländern das Wachstum der Bevölkerung immer wieder in Übereinstimmung mit diesem Nahrungsspielraum bringt, wobei der Trieb zur Fortpflanzung bei den armen Schichten am höchsten ausgeprägt ist und diese Vermehrung unter Kontrolle gehalten werden muss. Dies geschieht durch präventive oder repressive „ checks“. Präventive checks währen Spätehe und die Beschränkung der Kohabitationen[11], repressive checks wären Krieg, Seuchen, Not und Elend. In seinem Essay on Population von 1798 schreibt er fast schon prophetisch:

Famine seems to be the last, most dreadful resource of nature. The power of population is so superior to the power of the earth to produce subsistence for man, that premature death must in some shape or other visit the human race. The vices of mankind are active and able ministers of depopulation. They finish the dreadful work themselves. But should they fail in this war of extermination, sickly seasons, epidemics, pestilence and plague, advance in terrific array, and sweep off their thousands and tens of thousands. Should success be still incomplete, gigantic inevitable famine stalks in the rear, and with one mighty blow levels the population with the food of the world. (Malthus, T. R. 1798, 118f)

Obwohl Malthus diesen Passus nicht in speziell auf Irland bezogen hat könnte man denken, dass er dieses Land im Hinterkopf hatte. Dies war jedoch nicht der Fall denn nur 10 Jahre später vertrat er in der Edinburgh Review anonym folgende Ansicht:

Although it is quite certain that the population of Ireland cannot continue permanently to increase at its present rate, yet it is as certain that it will not suddenly com to a stop. [...] Both theory and experience uniformly instruct us, that a less abundant supply of food operates with a gradually increasing pressure for a long time before its progress is stopt. It is difficult indeed to conceive a more tremendous shock to society, than the event of its coming at once to the limits of the means of subsistence, with all the habits of abundance and early marriages that accompany a rapidly increasing population. But happily for mankind, this never is, not even can be the case. The event is provided for by the current interests and feelings of individuals long before it arrives; and the gradual diminution of the real wages of the labouring classes of society, slowly, almost insensibly, generates the habits necessary for an order of things in which the funds for the maintenance of labour are stationary. (Malthus, T.R. 1808, 42)

Demnach hat er, bezogen auf Irland, seine eigene These etwas abgeändert. Nur reicht es, auszusagen dass die Great Famine kein Beweis für die Richtigkeit des malthusianischen Bevölkerungsgesetzes ist, indem man versucht Malthus mit Malthus zu widerlegen? Meiner Meinung nach nicht. Die irische Geschichtsschreibung und die Malthusianer akzeptieren zwar die Erklärung durch präventive und repressive checks, der englische Ökonom Mokyr allerdings nicht. In seinem Buch: „ Why Ireland starved“ (Mokyr, J. 1983) versuchte er durch empirische Belege die Frage zu klären ob Malthus recht hatte und der Grund für die Hungersnot eine Überpopulation war oder nicht. Da man aber für die Prüfung dieser Frage idealerweise Daten hinsichtlich der Bevölkerungsgröße, Bodenbeschaffenheit, Beschäftigungsstruktur, Einkommen, Bildung und ähnliches braucht, die über einen langen Zeitraum erhoben wurden war dies für ein Irland in der Zeit vor der Hungersnot nicht einfach. Der Grund dafür ist schnell gefunden. Es gab keine solchen Daten. Aus diesem Grund rekonstruierte er auf Basis des Poor Inquiry, dem Zensus von 1841 und den Ergebnissen der Devon Commission[12] die ökonomischen und demographischen Daten für alle 32 Counties und führte dann eine multivariate Regression mit den entsprechenden Variablen durch. Die Ergebnisse sind in den Tabellen 2 und 3 dargestellt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 2: Deskriptive Daten, erhoben nach Provinzen

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Tabelle 3: Kreuzkorelationen der einzelnen Variablen

Malthus geht davon aus, dass der Geschlechtstrieb bei den armen Schichten am ausgeprägtesten ist, und diese machen sich durch ihre Vermehrung nur noch ärmer. Dies wird im irischen Fall aber anhand der Ergebnisse von Mokyr widerlegt. Aufgrund seiner Ergebnisse kann man sagen, dass die Hungersnot in Irland zwar in den ärmsten gegenden am härtesten zuschlug. Dies waren aber auch die Gegenden wo sich danach die Lebensverhältnisse und das Pro-Kopf-Einkommen am stärksten verbesserten.

5.2. Maßnahmen gegen den Hunger

Als die Phythophthora infestans Irland erreichte und anfing ihre schreckliche Wirkung zu entfalten wurde das Vorhandensein einer Hungersnot gigantischen Ausmaßes noch weitgehend geleugnet oder ignoriert. In politischen Kreisen hatte die alleinige Erwähnung des Problems zur Folge, dass man als Radikaler gebrandmarkt wurde: [...] to profess belief in [...] the existence of a formidable potato blight, was as sure a method to be branded a radical, as to propose to destroy the Church.” (Ó Gráda C. 1989, 39). Einzig der britische Innenminister Sir Robert Peel, der seit seiner Zeit als Minister für Irland, 1822, mit den Problemen der irischen Bevölkerung vertraut war, handelte (Wikiweb 2005b). Dies sollte allerdings auch seinen politischen Untergang als Premierminister bedeuten.

5.2.1. Nahrungsimporte und -exporte

Peel Begriff sehr schnell, dass die einzige Hoffnung, den Armen in Irland zu helfen, darin bestand billiges Getreide einzuführen, nachdem der Preis für Kartoffeln aller Art in die Höhe schnellte. Es kam soweit, dass der durchschnittliche Tageslohn eines Landarbeiters nicht mehr ausreichte, das tägliche Essen zu bezahlen: „The average agricultural wage per day was now less than the cost of a poor man’s food [...]“ (Ó Gráda C. 1989, 41) Aus diesem Grund gab er im November 1885 Anweisung, für £100.000[13] Getreide und Mehl zu kaufen Genug um 1 Million Menschen einen Monat lang zu ernähren. Woher diese Importe kamen ist nicht ganz klar, da hier die Literaturangaben auseinander gehen. Barrett schreibt, dass sie aus Indien kamen (Barrett 2005a), Ó Gráda meint sie kamen aus Amerika (Ó Gráda C. 1989, 40). Diese Vorsichtsmaßnahme sollte als Puffer dienen um den schlimmsten Fall abzuwenden. Als 1846 die Pilzinfektion mit aller Kraft zuschlug war dies allerdings nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Was erst die Gemüter später auch sehr erregte war die Tatsache, dass Irland, seit Anfang der 1840er Jahre die Kornkammer Großbritanniens (Barrett 2005b), während der Hungersnot Nahrungsmittel exportierte! „By the 1840s, Ireland had become the granary of Britain, exporting sufficient grain to feed two million people a year. In addition Ireland supplied horses, ponies, bones, lard, animal skins, honey, rags, shoes, soap, glue and seed.“ (Barrett 2005b). Internetrecherchen zeigen, dass manche Anhänger der Republic of Ireland dies auch heute noch für Absicht der Englischen Krone halten um einen Genozid oder, wie sie es nennen, irischen Holocaust durchzuführen:

„As no Jewish person would ever refer to the "Jewish Oxygen Famine of 1939 - 1945", so no Irish person ought ever refer to the Irish Holocaust as a famine.“ (Fogarty 1995).

In den ersten neun Monaten 1847, auf dem Höhepunkt der Hungersnot, segelten 57 Schiffe von Tralee nach Liverpool, hauptsächlich mit Getreide beladen und sechs Schiffe segelten von Kilrush nach Glasgow die 6.624 Fässer Hafer geladen hatten (Barrett 2005b). Nach Bristol gingen 509.013 Gallonen[14] Butter und 313.668[15] Gallonen Butter nach Liverpool.

„English consumers attract(ing) food away, through the market mechanism, from famine-stricken Ireland to rich England, with ship after ship sailng down the river Shannon with various types of food.“ (Ó Gráda C. 1999, 122)

Was genau exportiert wurde kann man in den Tabellen 4 und 5 sehen.

Warum dies? Wäre es nicht schlauer gewesen ein Exportembargo zu verhängen und zu warten, dass sich Angebot und Nachfrage auf einem niedrigeren Niveau einpendeln? Die Regierung verließ sich stattdessen auf den Preismechanismus des Freien Marktes um eine Anpassung herbeizuführen. Dabei konzentrierte sie sich auf die Theorien von Adam Smith demzufolge, auf lange Sicht, die Freigabe von Importen mehr Sinn macht als das Verbot von Exporten da die Bauern durch den Export genug Geld verdienen um billige Importe zu tätigen und um ihre Pacht zu zahlen um weiter wirtschaften zu können.

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Tabelle 4: Getreideexporte 1846 - 1847

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Tabelle 5: Landwirtschaftliche Exporte 1840 - 1850

Dies erwies sich jedoch nicht als sinnig und in Tabelle 6 sieht man dass ab 1847 die Importe die Exporte bei weitem überstiegen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 6: Getreide Im- und Exporte 1842 - 1851

Als Fazit kann man hier sagen, dass ein zeitweiliges Getreideexportembargo, gekoppelt mit Einschränkungen und Verboten in der Brau- und Brennindustrie oder ein höheres öffentliches Engagement, irisches und importiertes Getreide aufzukaufen und zu normalen Preisen zu verkaufen, hätten Ende 1846 und Anfang 1847 den Hunger etwas mildern können.

5.2.2. Gesetze und Gesetzesänderungen

Wie schon erwähnt versuchte der damalige Premierminister Robert Peel der Hungersnot durch Gesetzesänderungen und die Verabschiedung neuer Gesetze entgegenzuwirken. Obwohl er wusste, dass die Abschaffung der Gesetze das Ende seiner Regierung bedeutete, entschied er sich, es aus humanitären Gründen zu tun.

1846 brachte Peel drei Gesetzvorschläge ein, deren erster völlige Aufhebung der Getreidezölle nach drei Jahren, der zweite eine neue Herabsetzung des allgemeinen Zolltarifs, der dritte Zwangsmaßregeln zum Schutz von Eigentum und Leben in Irland beantragte. Seine eigene Partei verweigerte die Unterstützung, doch mit der Mehrheit der Whigs[16] und der Radikalen passierten zwei Gesetze am 29. Juni 1846 das Parlament. Die Getreide- und Tarifbill wurden angenommen, dagegen die irische Zwangsbill durch die Bemühungen einer Koalition von Schutzzöllnern und Radikalen, Whigs und Iren verworfen. Eine folgende Vorlage wurde in direkter Konsequenz niedergeschmettert und Peel gab am Folgetag auf. Unglücklicherweise bewirkte die Abschaffung nur wenig, um die Leiden in Irland zu mindern. Obwohl die Getreidegesetze 1846 aufgehoben wurden, blieb die konservative Partei gespalten und Peel wurde von den Schutzzollanhängern in der Partei zum Rücktritt gezwungen.

Er führte auch die mehr oder weniger erfolgreichen cash-for-work-programmes wieder ein. Durch die Schaffung von Arbeitsplätzen durch staatliche Bauvorhaben, so genannte Notstandsarbeiten, wurde versucht der verarmten Bevölkerung die Chance zu geben Geld für Nahrungsmittel zu verdienen. Dies wurde von seinem Nachfolger Russell mit dem Labour rate act fortgeführt. Allerdings wurde durch dieses Gesetz 1847 die finanzielle last auf die Schultern der Iren gelegt, da diese public works dann aus den irischen Steuereinnahmen zu zahlen waren, und die Englische Krone war nicht mehr dafür verantwortlich. Gesammelt wurden diese Steuereinnahmen von frisch gegründeten poor law unions die für ihren jeweiligen Parish zuständig waren.

Ein Hauptteil dieser Arbeiten war komplett sinnlos wie folgender Text zeigt:

Among other things, the Irish could not build Irish railways because this would discriminate against English railway builders. They could not seed lands because this might give the Irish farmer an advantage over the English farmer and enable him to fare better in the market. The money could only be used, and was only used, to build roads where nobody ever traveled, to have them start anywhere and end nowhere, or to erect bridges where there was no river. (A Bit O Blarney.com 2005)

Ende 1846 mussten £5 Millionen[17] aufgebracht werden um eine knappe dreiviertel Million Arbeiter zu bezahlen. Dies war ein Grund warum diese Arbeiten 1847 auch wieder eingestellt wurden. Ein anderer war die Angst, dass die, meist unqualifizierten, Bedürftigen die, aufgrund des Labour rate acts, angestellt werden mussten, gelernte Arbeiter allein durch ihre Masse aus deren Arbeitsfeld drängten. Diese Entscheidung hinterließ ihre Spuren in ländlichen Gebieten: Farmen waren von ihren Feldern durch nicht beendete Straßen abgeschnitten, Hütten die isoliert auf Lichtungen standen, alles in allem „constant and unsightly monument(s) of a disastrous period“ (Ó Gráda C. 1989, 45).

5.2.3. Arbeitshäuser

Ein weiterer Versuch den Hunger zu bekämpfen, indem man den Armen Arbeit und damit die Möglichkeit sich selbst zu helfen gab, waren so genannte Arbeitshäuser oder workhouses. Diese wurden zu Anfang des 18. Jahrhunderts eingerichtet mit folgendem Zweck eingerichtet: „for employing and maintaining the poor, punishing vagabonds and providing for and educating foundling children“ (Higginbotham 2002). Aber auch Frauen mit unehelichen Kindern suchten dort of Zuflucht da eine Schwangerschaft außerhalb der Ehe oft zum Ausschluss aus der Gemeinschaft führte. Die Bewohner bekamen dort Kleidung und Nahrung, mussten dafür aber auf engstem Raum miteinander leben, wurden mitunter von der Bevölkerung gemieden und mussten körperliche Arbeit verrichten. Die Abbildungen 2 und 3 zeigen den Grundriss und das reale Aussehen eines dieser Häuser. Im Sommer 1845 gab es 130 dieser Arbeitshäuser über das ganze Land verteilt. Diese waren Anfangs noch eine Rettung für die Hunger leidenden Iren, mit der Zeit verwandelten sie sich allerdings zu Todesfallen da nicht selten Seuchen wie Typhus und Ruhr in ihren Mauern wüteten und die sanitären/ hygienischen Zustände katastrophal waren (siehe Tabelle 7).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 7: Todesfälle in workhouses aufgrund von killer diseases, 1845 - 1850

Mit zunehmender Dauer der Hungersnot wollten aber immer mehr Menschen in diese Häuser da sie sich dort eine rettende Zuflucht versprachen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Grundriss eines Arbeitshauses für 800 Bewohner

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Luftaufnahme des Arbeitshauses von Parsonstown

Deshalb mussten die Arbeitshäuser teilweise mit Polizeiabteilungen beschützt werden.

On the dreadful 10th November 120 were admitted beyond the regulated number. Hundreds were refused admission for want of room, some unhappy being pushed on the high roads and in the fields. Influenced by terror and dismay — leaving entire districts almost deserted — the better class of farmers, in numbers, sold their property, at any sacrifice, and took flight to America. And the humbler classes left the country in masses, hoping to find a happier doom in any other region. In this Union 367 persons died in the workhouse; the Master of the workhouse also died. In the adjoining Union, Ballina, 200 were admitted to the workhouse beyond the number it was built for (1200). Hundreds were refused admission for want of room and 1,138 died in the workhouse; the medical officer of the workhouse was also carried off. In another adjoining Union, Ballinasloe, all the officers of the workhouse were swept away, and 254 inmates of the workhouse perished. (Higginbotham 2002)

Da die Arbeitshäuser von den schon erwähnten poor law unions getragen wurden, diese jedoch durch die Hungersnot sehr belastet und die meisten workhouses überbelegt waren mussten teilweise die Essensrationen verringert werden was die Situation für die Insassen oft sehr verschlimmerte. Thornton schreibt in einem Artikel:

„In previous famines, the Irish and English people had provided extensive charity. But why donate when the taxpayer was taking care of the situation? The English people were heavily taxed to pay for massive welfare programs. The Irish taxpayer was in no position to provide additional charity.“ (Thornton 1998)

Um einige Zahlen zu nennen: 1849 lebten über 200.000 Menschen in diesen Häusern wobei weitere 800.000 im Freien verpflegt wurden und vor den Toren kampierten. Tabelle 8 zeigt dies.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 8: Anzahl der betriebenen workhouses und der Bedürftigen die versorgt wurden

5.2.4. Armenküchen

Wenn jemand an der Tür eines workhouses zurückgewiesen wurde blieb, ihm meist nur noch der Gang zu einer Suppenküche. Diese wurden 1847 gezielt errichtet und schienen ein Schritt in die richtige Richtung zu sein. Hier wurde probiert das Problem, den Unterhalt der Armen zu sichern, direkt angegangen, ohne die Angst, dass jemand aus seinem angestammten Erwerbsfeld gedrängt wurde. Die Kosten wurden durch Spenden und Beiträge getragen, ergänzt durch Regierungszuschüsse. Für viele bedeutete dies die Rettung. Im Juli 1847 wurden täglich 3 Millionen Essen ausgegeben wobei der Name Suppenküche vielleicht zu speziell ist. Es gab nicht nur Suppe sondern „’ soup’ or gruel – in effect ’any food cooked in a boiler and distributed in a liquid state’“ (Ó Gráda C. 1989, 45). Mancherorts wurden auch mehr Portionen verteilt als Menschen vorhanden waren. Ob die, oft nicht sehr nährreiche, wässrige Suppe dafür verantwortlich war, ob im Sommer 1847 die Mortalität fiel oder ob das ein saisonales Problem war, ist noch nicht hinreichend geklärt. Fakt ist jedoch, dass die letzten, von der Regierung betriebenen, Küchen Ende September 1847 geschlossen wurden. Fakt ist auch, dass dies bei weitem die effektivste aller Methoden seitens der Regierung war zu versuchen den Hunger etwas einzudämmen.

5.2.5. Spenden

Eine letzte Art der Hilfeleistung waren Spenden, national wie international. Allerdings ist hier nicht viel bekannt. Es kursieren nur einige Geschichten über die Gönnerhaftigkeit beziehungsweise den Geiz bestimmter Leute. Zum Beispiel der Mythos über die Queen Victoria und ihre Verachtung den Iren gegenüber. Hier wird gesagt, dass sie nur £50[18] spendete (Ó Gráda C. 1999, 197). Andere Quellen behaupten sie hätte £1000[19] gespendet (Thornton 1998), damit aber den Türkischen Sultan, der ebenfalls helfen wollte, dazu gebracht, seine Hilfeleistung von £10000[20] auf £1000 zu verringern, da er sie nicht beschämen wollte. Auch die allgemeine englische Politik gegenüber internationaler Hilfe muss sehr in Frage gestellt werden. Die Einwohner von Massachusetts sendeten ein Schiff voller Getreide, dass von der englischen Regierung mit der Begründung eingelagert wurde, dass es den freien Handel stören würde wenn das Korn auf den Markt käme.

6. Veränderungen der demografischen Struktur nach der Großen Hungersnot

Nachdem ich dargestellt habe, inwieweit sich die Great Famine von anderen Hungersnöten unterschied, wie sie überhaupt dieses katastrophale Ausmaß erreichen konnte und was getan wurde um dem Hunger entgegenzuwirken, möchte ich nun darstellen, welche Auswirkungen sie auf die demographische Struktur während und unmittelbar nach dem Desaster hatte. Das und wie diese Auswirkungen sich noch in der Gegenwart spüren lassen, wurde schon in Kapitel 3 beschrieben.

6.1. Natürliche Bevölkerungsbewegung

Durch Hunger, Seuchen oder sonstige auftretende Pathologien wird eine natürliche Bevölkerungsbewegung gestört. Mackenroth schreibt dazu:

Seuchen und Hungersnöte lösen eine Wellenbewegung im Bevölkerungsvorgang aus. Ihre erste Wirkung ist meist eine doppelte. Sie bewirken einmal eine erhöhte Sterblichkeit, und zwar vornehmlich in den sowieso schon todesbedrohten Altersjahrgängen, weil diese besonders anfällig sind, also bei den Greisen, Säuglingen und Kleinkindern. [...] Die erste demographische Wirkung der Hungersnöte und Seuchen ist, ganz nüchtern registriert, daß die sowieso Todesbedrohten und daher Anfälligen beschleunigt wegsterben. Die zweite Wirkung ist der Ausfall von Eheschließungen und Geburten. (Mackenroth 1953, 106f)

Das dies der Fall ist lässt sich in Irland sehr gut erkennen. Grafik 1 zeigt, welche Altersgruppen während des Desasters besonders gefährdet waren.

Ó Gráda bezeichnet diesen Schwund auch als „The Famines most important legacy.“ (Ó Gráda C. 1989, 69), da man die Auswirkungen heute noch spürt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Grafik 1: Todesursachen die mit einer Hungersnot in Verbindung stehen, aufgeschlüsselt nach Altersgruppen

6.2. Fertilität

Leider ist eine genaue Aufstellung der Geburtenraten in den Jahren der Hungersnot nicht möglich, da zwischen 1841 und 1864 die Daten fehlen[21]. Vergleicht man aber den durchschnittlichen Wert von 260.873[22] mit der Zahl von 136.414 Lebendgeburten 1864 (Fitzpatrick, A. J./ Vaughan, W. E.1978, 244), so kann man hier einen deutlichen Unterschied feststellen. Wie Kapitel 6.6. zeigt, ist dieser allerdings hauptsächlich auf die dezimierte Bevölkerung zurückzuführen, da sich nach der Famine durch den wirtschaftlichen Aufschwung in den am stärksten betroffenen Gebieten auch die Geburtenrate steigerte.

Auch zeigen die Abbildungen 4 und 5, dass der prozentuale Anteil der „zölibatären“ Einwohner Irlands nach der Hungersnot 1851 zurückging. Denkbar, und durch die Aussagen von Mackenroth gestützt (Mackenroth 1953, 107), ist jedoch, dass in den Hungerjahren die Geburtenrate deutlich sank. Ó Gráda erklärt das folgendermaßen: „This could have stemmed from declines in both the desire and the capacity to bear children” (Ó Gráda C. 1999, 89f).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4: Prozentualer Anteil zölibatärer Männer 1841 und 1851

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 5: Prozentualer Anteil zölibatärer Frauen 1841 und 1851

6.3. Mortalität

Eire verlor während der Great Famine 1 Million Einwohner. Gebiete, wo die Armut am größten war, waren am stärksten betroffen. Allerdings lassen sich nicht alle diese Todesfälle nur auf Hunger zurückführen. Durch die katastrophalen Zustände überall da wo sich die Menge der Betroffenen zusammenballte, wurde auch die Verbreitung von Seuchen gefördert und es starben mehr Menschen an durch Hunger verursachte Krankheiten als dass sie verhungerten (Clarkson et al 1999, 104). Tabelle 6 zeigt wie sich die Bevölkerung während der Jahre 1841 bis 1981 verändert hat. Man sieht, dass in der Zeit von 1841 bis 1851 anteilsmäßig mehr Menschen starben, als in den Erhebungszeiträumen danach. Erstaunlich ist allerdings, dass manche Teile Irlands anscheinend gar nicht betroffen waren. Dublin verzeichnete sogar einen Bevölkerungsanstieg. Dies lässt sich allerdings durch nationale Migration erklären, da viele Menschen die ländlichen Gebiete verließen, um in den Städten oder besser gesagt Ballungszentren Schutz zu suchen (Clarkson et al 1999, 36). Grafik 2 lässt dies gut erkennen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Grafik 2: Veränderung der urbanen und ländlichen Bevölkerung 1841 und 1871

6.3.1. Natürliche Mortalität

Es ist schwer in dieser Zeit zwischen natürlichen und unnatürlichen Todesursachen zu unterscheiden, da es in diesen chaotischen Jahren fast unmöglich war, alle Todesfälle zu erfassen. Fakt ist, dass zwischen 1845 und 1851, nach statistischen Angaben, 1.169.064[23] Menschen ihr Leben verloren. Aus Tabelle 7 ist deutlich zu ersehen, wie in den betroffenen Jahren die Todesfälle sprunghaft anstiegen.

6.3.1.1. Erhöhte Mortalität aufgrund von Verhungern

Hier kann man, wie schon erwähnt, nur spekulieren. Es ist jedoch möglich, eine ungefähre Vorstellung von der erhöhten Sterberate zu bekommen, indem man die zusätzlichen Todesfälle untersucht, die basierend auf einer geschätzten normalen Sterberate eine so genannte excess mortality bilden. In Abbildung 6 kann man die am schwersten betroffenen Gebiete deutlich erkennen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 9: Todesfälle pro Jahr 1831 - 1863

6.3.1.2. Erhöhte Mortalität aufgrund von Seuchen

Wie schon erwähnt starben, während der Hungersnot mehr Menschen an Seuchen als am Hunger selbst. Im Großen und Ganzen lassen sich die Krankheiten in zwei Klassen aufteilen. Einerseits waren es Mangelerkrankungen aufgrund von Unterernährung andererseits waren es Krankheiten, die durch die Hungersnot begünstigt wurden. Da diese Aufteilung etwas verwirrend klingt, hier eine Erklärung: Zur ersten Kategorie gehören zum Beispiel Vitaminmangel-Erkrankungen, zur zweiten virale oder bakterielle Infektionen, die aufgrund des geschwächten Zustandes der Opfer oder aufgrund der hygienischen Zustände hervorgerufen wurden. Abbildung 7 zeigt die Menge der Opfer, die die einzelnen Krankheiten forderten. Wie man deutlich sehen kann, forderten Fieberinfektionen und Ruhr/ Diarrhoe die meisten Menschenleben.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 7: Zahl der Opfer von Krankheiten

Solch hohe Zahlen von Opfern wie sie in den vorhergegangenen Kapiteln beschrieben wurden schlagen sich natürlich auch in der demographischen Struktur eines Nationalstaates nieder. Wie sich dies im Falle der An Gorta Mor zeigte, wird nachfolgend beschrieben.

6.4. Zusammensetzung der Bevölkerung

In Teil 6.1. habe ich schon erwähnt, dass die Great Famine Veränderungen mit sich brachte, die Ó Gráda als deren Erbe bezeichnet. Dies ist der Fall, da sich, durch das Wegfallen ganzer Generationen und potentieller Mütter die Zusammensetzung der Gesellschaft hinsichtlich des Alters und der Geschlechter ändert. Dies ist der Inhalt der folgenden Kapitel.

6.4.1. Alter

Eine Hungersnot fordert nach Mackenroth (Mackenroth 1953, 106f) ihre Opfer meist unter den Altersgruppen, die von ihrer Konstitution her noch nicht oder nicht mehr sehr widerstandsfähig gegenüber schlechter Bedingungen in ihrer Umwelt sind. In Irland waren dies vor allem Kleinkinder bis 15 Jahre und ältere Menschen wie Grafik 1 deutlich erkennen lässt. Allerdings spielten nicht nur die Umweltbedingungen eine Rolle. Teilweise waren es auch, ethisch verwerfliche, aber vom rationalen Kalkül her, völlig klare Entscheidungen, denen eine Chance zu geben die eine höhere Chance hatten zu überleben. Ó Gráda bezeichnet dies als „ lifeboat ethics“ (Ó Gráda C. 1989, 50):

„The famine presumably forced many families, like the occupants of an overloaded lifeboat, to make life-and-death choices: an equal sharing of the burden of hunger might have doomed all” (Ó Gráda C. 1989, 50)

Ein Bericht aus dieser Zeit lässt hier keine Fragen offen:

„The admittedly curious tale of an infant ‘at the mother’s breast (who) had to be removed’ so that its teenage brother ‘might receive sustenance from his mother to enable him to remain at work’” (Ó Gráda C. 1989, 50)

Wie eine Studie gezeigt hat, waren demnach Kinder unter zehn Jahren und alte Menschen über 60 bei den Hungertoten überrepräsentiert. Die Alten und Jungen wurde also praktisch geopfert. Wie Ó Gráda allerdings noch erwähnt, lag das nicht nur an den beschriebenen rationellen Entscheidungen sondern auch an den weiter oben beschriebenen Krankheiten Ruhr, die eher bei Jüngeren auftrat, oder Typhus, der meist die Alten dahinraffte. Die Veränderungen zwischen 1841 und 1851 lassen sich gut in Tabelle 10 ablesen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 10: Einwohnerzahl nach Geschlecht und Stand, 1841 und 1851

6.4.2. Geschlecht

Betrachtet man das Geschlechterverhältnis lässt sich aufgrund von Tabelle 11 sagen, dass die Great Famine hier nicht zu starken Veränderungen geführt hat. Zwischen 1841 und 1851 stieg der Frauenanteil zwar von 50,3% auf 51,3%[24].

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 11: Einwohner, aufgeteilt nach Geschlechtern, 1821 bis 1971

6.5. Migration

Eines der Hauptmerkmale der An Gorta Mor war ihr Einfluss auf die Migration. Es war eine Emigration mit Push -Charakter, die in Irland eher ihren Höhepunkt erreichte als in anderen Ländern, die an der großen, transatlantischen, Diaspora in Richtung Amerika teilnahmen. Doch auch andere Gründe als der Hunger in erster Linie führten zur Migration von Hunderttausenden. Dadurch, dass viele Menschen durch den Hunger ihr Saatgut für das nächste Jahr essen mussten, sich in Schulden stürzten und schlussendlich verarmten, konnten viele ihre Pacht nicht mehr aufbringen. Dies war für viele landlords ein willkommener Anlass sie von ihrem Land zu vertreiben. Diese evictions sind auch heute noch in den Erinnerungen der Menschen aktuell und viele Ruinen in Irland zeugen davon. Dies ist der Fall da die landlords, zum Schutz vor der heimlichen Rückkehr der ehemaligen Pächter, die Wohnhäuser niederreißen ließen. Studien sprechen hier von 70.000 Vertriebenen zwischen 1846 und 1853 (Ó Gráda C. 1999, 44). Dies führte zu Migrationsströmen, teilweise in die Städte (Ó Gráda C. 1999, 105), teilweise ins Ausland. Inwieweit sich die Auswanderung erhöhte, zeigt Tabelle 12.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 12: Emigration 1841 bis 1851

6.5.1. Internationale Emigration

Die ganze Geschichte der irischen Emigration zu erzählen würde den Rahmen dieser Arbeit mehr als sprengen. Aus diesem Grund gehe ich nur auf die Hauptpunkte ein. Eines der Hauptzielländer war Amerika. Leider lässt sich auch hier nicht genau sagen, wie viele Menschen dorthin wollten und auch gelangten, da auch hier wieder genaue Daten fehlen. Wie aber schon erwähnt, flohen während der Hungersnot 1,5 Millionen Menschen vor dem Tot. Für einige bedeutete diese Überfahrt allerdings nicht die Rettung, sondern den Untergang, da geldgierige Reeder kaum noch seetüchtige coffin ships benutzten, um die Emigranten zu transportieren. Allerdings schaffte es die Mehrheit lebend über den Atlantik. Tabelle 13 gibt Auskunft über die relativ geringe Sterberate auf den Schiffen, hier speziell derer die nach New York unterwegs waren, da dies die Hauptanlaufstelle für irische Emigranten war (Ó Gráda C. 1999, 114).

Doch wie konnten sich die Menschen die Überfahrt leisten? Es waren nicht die Ärmsten, die das Land verließen (Ó Gráda C. 1999, 107). Meist waren es Farmer, die ihr Land verkauften, um überzusiedeln bevor es auch für sie zu spät war. Andererseits waren es aber auch Pächter, die von wohlmeinenden landlords einen Teil der Überfahrt gezahlt bekamen, als positive Alternative zu den evictions. Doch auch für die, die kein Geld hatten, gab es einen Ausweg. Sie flohen nach England oder Schottland (Ò Gráda 1999, 109).

Die Flut von irischen Auswanderern, die in der Neuen Welt ihre Zukunft sahen, führte dazu, dass heute viele Amerikaner irische Vorfahren haben.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 13: Todesfälle während der Überfahrt in Prozent

MR= Mortality rate, Obs.= Zahl der Schiffe

7. Auswirkungen auf die Ökonomie

Nicht nur auf die Bevölkerung hatte die Migration Auswirkungen, auch auf die ökonomische Situation. Murray brachte dies folgendermaßen zum Ausdruck: „the best go, the worst remain“ (Ó Gráda C. 1999, 109). Dadurch, dass so viele Menschen starben oder das Land verließen, kam es zu einem Arbeitskräftemangel. Dies hatte zur Folge, dass schon während der Hungersnot, sich die Arbeitsmarktsituation verbesserte, die Löhne stiegen und sich damit die allgemeine Lebensqualität langsam hob. Auch die Pachten sanken, da mehr Land zur Verfügung stand und die landlords Bauern brauchten um es zu beackern. Dies war besonders in den Gegenden der Fall, die am schlimmsten von der Not betroffen waren. Eigentlich könnte man die Grundbesitzer teilweise als die ökonomischen Verlierer betrachten. Allerdings änderten sich diese Zustände wieder. Die Landwirtschaft ging zugunsten von Viehweidewirtschaft zurück und

8. Fazit

Viele Historiker, ob nun Malthusianer oder nicht, sagen, dass die Great Famine ein Teil des Schicksals Irlands war. Malthus nannte Hungersnöte „ the ultimate recourse of nature“ (Ó Gráda C. 1999, 229), ein letzter Ausweg bei Überbevölkerung. Andere wiederum sagen, dass solche Katastrophen ineffektive Mittel sind, solche Korrekturen herbeizuführen, da sie nur eine vorübergehende Auswirkung auf die Bevölkerung haben. Nach der Great Finnish Famine 1867 bis 1868 hatte sich das Land sich nach ein paar Jahren wieder erholt gehabt. Da, wie schon in Kapitel 6.4.1 dargestellt, Hungerkatastrophen eine „gesündere“ Bevölkerung nach sich ziehen, da die Alten, Kranken und Schwachen auf „natürliche“ Weise ausgesiebt werden, hätte dies auch in Irland, wie nach einer der vorangegangenen Hungersnöte in den 40er Jahren des 18. Jahrhunderts, der Fall sein sollen. Dies war allerdings nicht so. Die Bevölkerung stieg nicht an, um das Vakuum zu füllen, das die An Gorta Mor hinterlassen hat. Es sollte mehr als ein halbes Jahrhundert dauern bis der Zensus wieder einen Bevölkerungsanstieg, für das ganze Land, verzeichnen konnte. Dies war jedoch weniger das Eintreffen malthusianischer Vorhersagen über ein niedrigeres Erstheiratsalter und sinkende Fruchtbarkeit in der Ehe durch sexuelle Abstinenz, sondern durch eine massive, dauerhafte Auswanderungswelle. Für die Menschen, die blieben, war dies jedoch nicht so schlimm, sondern eher eine Entlastung. Bedeutete es für sie doch, durch Wegfall von Arbeitskräften, höhere Löhne und eine höhere Chance eine Arbeit zu finden. Dadurch zeichnete sich eine deutliche Erhöhung der Lebensqualität ab.

Auch heute noch ist die Great Famine nicht aus den Köpfen vieler Iren gewichen. Man findet überall Famine Memorials, ob nun als Kunstwerk oder als Gedenkstein. Die Abbildungen 9 und10 zeigen zwei dieser Denkmale. Das Department of Arts, Heritage, Gaeltacht and the Islands bemüht sich, leider mit begrenztem Erfolg, die Erinnerungen wach zu halten. Leider ist das nicht immer möglich. Orte wie Schull und Skibbereen in Cork waren lange Zeit Synonyme für die gewaltige Grausamkeit mit der die Hungersnot gewütet hat. Menschen krochen aus den umliegenden Gegenden zur Stadt, nur um dort an der Tür des workhouses abgewiesen zu werden (Skibbereen Business Promotions 2005). 10.000 Opfer liegen nun dort begraben (Travelingo 2005). Nun, 150 Jahre später, erinnert nicht mehr viel daran. Der Ort ist ein florierendes Touristenziel geworden, wo nicht mehr viel an die Tragödien erinnert, die sich dort abgespielt haben. Wenn aber auch die physischen Denkmäler verschwinden. In den Überlieferungen wird the Black ´47 immer lebendig bleiben. Das Jahr 1846 wird immer als das Jahr in Erinnerung bleiben als das Jahr in dem die Kartoffelernte misslang.

„A long farewell to the white potatoes, how great the happiness they could afford.

How glad they made us when they came before us, with faces smiling at us from the board;

They fed the mother and the son from childhood, the strong, the weak, the young and the old

But oh! My misery and endless anguish, for they have perished without frost or cold.” (Ó Gráda C. 1999, 218)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 8: National Famine Memorial: 'Coffin Ship', Murrisk, Co. Mayo

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 9: Famine memorial, Ennistymon, Co. Clare[25]

Anhang

I. Abbildungsverzeichnis:

Quellen:

Abbildungen:

- Abbildung 1 auf der ersten Seite: Fitzpatrick, A. J./ Vaughan, W. E.1999, 24

- Abbildung 2: Higginbotham 2005

- Abbildung 3: Higginbotham 2005

- Abbildung 4: Clarkson et al 1999, 58

- Abbildung 5: Clarkson et al 1999, 59

- Abbildung 6: Clarkson et al 1999, 39

- Abbildung 7: Clarkson et al 1999, 105

Grafiken:

- Grafik 1: Ó Gráda C. 1999, 91

- Grafik 2: Clarkson et al 1999, 27

Tabellen:

- Tabelle 1: Ó Gráda C. 1989, 25

- Tabelle 2: Ó Gráda C. 1999, 31

- Tabelle 3: Ó Gráda C. 1999, 32

- Tabelle 4: Ó Gráda C. 1999, 124

- Tabelle 5: Ó Gráda C. 1999, 126

- Tabelle 6: Ó Gráda C. 1999, 123

- Tabelle 7: Clarkson et al 1999, 128

- Tabelle 8: Clarkson et al 1999, 125

- Tabelle 9: Fitzpatrick, A. J./ Vaughan, W. E.1978, 243

- Tabelle 10: Fitzpatrick, A. J./ Vaughan, W. E.1978, 87

- Tabelle 11: Fitzpatrick, A. J./ Vaughan, W. E.1978, 3

- Tabelle 12: Fitzpatrick, A. J./ Vaughan, W. E.1978, 260

- Tabelle 13: Ó Gráda C. 1999, 107

II. Literaturverzeichnis:

Bücher:

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Eagleton, T. 1995: Heathcliff And The Great Hunger, London

Edwards, R. D. 1956: The Great Famine – Studies in Irish History 1845–52, Dublin

Fitzpatrick, A. J./ Vaughan, W. E. 1978: Irish Historical Statistics – Population,

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Fitzpatrick, D. 1985: Irish Emigration – 1801–1921, Dublin

Guinnane, T. W. 1997: The Vanishing Irish – Households, Migration And The Rural

Economy In Ireland 1850 – 1940, Chichester

Happe, H. U. 1987: Irland und die Emigration, Aachen

Mackenroth, G. 1953: Bevölkerungslehre – Theorie, Soziologie und Statistik der Bevölkerung, Berlin

Miller, K. A. 1985: Emigrants and Exiles – Ireland and the Irish Exodus to North America, New York, Oxford

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Ó Gráda, C. 1989: The Great Irish Famine, London

Ó Gráda, C./ O’Rourke, K. H. 1996: Migration As Disaster Relief: Lessons From The

Great Irish Famine, London

Ó Gráda, C. 1999: Black ’47 And Beyond – The Great Irish Famine In History, Economy, And Memory, Chichester

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CSO 2003c: Census 2002, Volume 3: http://www.cso.ie/census/documents/vol3_entire.pdf

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Fogarty 1995: Irish Holocaust: http://www.irishholocaust.org/

Higginbotham 2005: http://users.ox.ac.uk/~peter/workhouse/ireland.html

IGFM 1998: http://www.igfm.de/mr/mr1998/mr9813.htm

Learn Line NRW: http://www.learn- line.nrw.de/angebote/agenda21/lexikon/tsunami.htm#Aktuell

Malthus T.R. 1798: Pelican edition, 1970, Harmondsworth: Essay on the Principle of Population

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Skibbereen Business Promotions: http://www.skibbereen.ie/history/famine.html

Thornton 1998: http://www.mises.org/freemarket_detail.asp?control=88

Travelingo: http://www.travelingo.org/europe/ireland/county-cork/skibbereen/

Wikiweb 2005a: http://en.wikipedia.org/wiki/An_Gorta_M%F3r

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Ziegel 1999: http://www.sai.uni-heidelberg.de/abt/intwep/zingel/jbindi99.htm

[...]


[1] Hier gehen die Angaben in der Literatur auseinander

[2] Name der Republic of Ireland in der Landessprache

[3] Die sog. Census Night

[4] Beide Zahlen sind inklusive geschiedener und verwitweter

[5] D: 0,04; F: 0,42; GB 0,30 (Welt in Zahlen 2005)

[6] D: 14,9; F: 18,6; GB: 18,3 (Welt in Zahlen 2005)

[7] Frühere Daten sind leider nicht vorhanden

[8] A parish, simply defined, is an administrative area. A parish can also be a governmental administrative unit, such as is used in Ireland and in the State of Louisiana in the U.S. Using Louisiana as our primary example, let it suffice to say that the parish there is comparable to a county in other states. (Parish Records 2005)

[9] entsprechen 8.093,6 km2 bei einer Landmasse von 84.421 km2

[10] Entsprechen 675825 m2 oder 67.6 Hektar

[11] „Beiwohnen“ oder „Beischlaf“, (Exsudo 2005)

[12] Kommission die 1838 geschaffen wurde um die Auswirkungen des Poor Relief (Ireland) Act zu prüfen

[13] Ungefähr $480.000

[14] Entsprechen ungefähr 2.314.024 Litern

[15] Entsprechen ungefähr 1.425.966 Litern

[16] Die Whigs waren lange Zeit neben den Tories die einzige Partei in der britischen Politik. Die Bezeichnung "Whig" wurde ursprünglich beleidigend von den politischen Gegnern gebraucht und bedeutet "Viehtreiber"

[17] Ungefähr $24000000

[18] Ungefähr $240

[19] Ungefähr $4800

[20] Ungefähr $48000

[21] Vgl. Tabellen in Fitzpatrick, A. J./ Vaughan, W. E. 1978, 241ff

[22] Basierend auf den Werten von 1832 bis 1840 in Fitzpatrick, A. J./ Vaughan, W. E. 1978, 241, geteilt durch 9

[23] Zahl wurde errechnet aus den Todesfällen der Jahre 1845 bis 1851 nach Fitzpatrick, A. J./ Vaughan, W. E. 1978, 243

[24] Diese Zahlen wurden errechnet aufgrund des Anteils der Frauen an der Gesamtbevölkerung 1841 und 1851 anhand der Tabelle in Fitzpatrick, A. J./ Vaughan, W. E. 1978, 3

[25] Es stellt eine der zahllosen Geschehnisse dar die sich während der Hungersnot zugetragen haben. Ein kleiner Junge wurde mit einem Brief in der Tasche vor der Tür eines workhouses aufgefunden. Im Brief stand, dass seine Eltern tot waren und man den Jungen doch bitte aufnehmen solle. Da das workhouse jedoch überfüllt war musste der Junge Tag für Tag vor der Türe warten bis auch er schließlich verhungert war. Das Denkmal zeigt rechts den Jungen wie er vergeblich vor der Türe wartet.

37 von 37 Seiten

Details

Titel
Eine historische Betrachtung der Großen Hungersnot 1846 - 1851 und ihres Einflusses auf die demografische Struktur Irlands
Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg
Veranstaltung
Hauptseminar Bevölkerungsanalyse
Note
1,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
37
Katalognummer
V109277
Dateigröße
1992 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Eine, Betrachtung, Großen, Hungersnot, Einflusses, Struktur, Irlands, Hauptseminar, Bevölkerungsanalyse
Arbeit zitieren
Michael Nürnberger (Autor), 2005, Eine historische Betrachtung der Großen Hungersnot 1846 - 1851 und ihres Einflusses auf die demografische Struktur Irlands, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/109277

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