Laboratorien der Gewalt. Die Ordnung der nationalsozialistischen Konzentrations- und Vernichtungslager


Essay, 1993

14 Seiten


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LABORATORIEN DER GEWALT

Die Ordnung der nationalsozialistischen Konzentrations- und

Vernichtungslager

(Rezensionsessay zu Wofgang Sofsky: Die Ordnung des Terrors. Das Konzentrationslager. Frankfurt a. M 1993, erschienen in: >Politische Vierteljahresschrift<. Zeitschrift der deutschen Vereinigung für Politische Wissenschaft, Heft 4: Dezember 1993)

Mehr als zwei Jahre lang schien in der neuen Bundesrepublik die Maxime zu gelten, die Notwendigkeit der Aufarbeitung der DDR-Geschichte habe nun endgültig Vorrang vor der Beschäftigung mit der NS-Vergangenheit. Und nur noch vereinzelte Stimmen sprachen von der "doppelten deutschen Vergangenheit", der es sich zu stellen gelte. Doch mit der Eruption der fremdenfeindlichen Gewalt, die nicht nur die Namen "Rostock", "Mölln" oder "Solingen" trägt, sondern geradezu ubiquitären Charakter hat, sind auch diese neuen Gewißheiten zerstoben. Und so nimmt es nicht Wunder, wenn sich in diesem Zusammenhang der zeitgeschichtliche Blick wiederum auf die - wie es schien - längst zur Historie geronnene "erste Vergangenheit" richtet und von derem Kristallisationskern - dem NS-Vernichtungskomplex und dessen exzessivem Terror - besonders angezogen wird.

Die akademische Soziologie in Deutschland hat sich mit dieser Thematik kaum befaßt, wenngleich sich doch bereits das 1946 veröffentlichte Standardwerk zum System der deutschen Konzentrationslager, Eugen Kogons Buch "Der SS-Staat", nicht nur als Bericht über die Ereignisse, sondern auch als Analyse der sozialen Realität der Konzentrationslager verstand. Dem folgte 1951 (dt. 1955) Hannah Arendts (in der Bundesrepublik lange Zeit viel zu oberflächlich rezipiertes) Opus magnum "Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft" (Arendt 1986), dessen Unterkapitel über die Konzentrationslager erstmalig jene Sichtweise prägte, die Wolfgang Sofsky zur Grundlage seiner Untersuchung machte. Denn allein auf die historischen Konstellationen und gesellschaftlichen Funktionen abzuheben, verfehlt gerade das Besondere des Konzentrationslagers, jene absolute Macht, die sich grundlegend von den bekannten Formen sozialer Macht emanzipiert hat.1 Sofsky geht "von einer ähnlichen Intuition aus wie Arendts klassische Theorie der totalen Herrschaft" (328), und zieht für seine Untersuchung zeitgenössische Quellen, Monographien und insbesondere Erinnerungen von ehemaligen Häftlingen heran. Doch zeichnet sich insbesondere die Erinnerungsliteratur durch die Besonderheit aus, daß die Berichte der Überlebenden von Konzentrations- und Vernichtungslagern zwar außerordentlich zahlreich sind, gleichzeitig jedoch von auffallender Monotonie. "Je echter diese Zeugnisse sind, desto kommunikationsloser sind sie, desto klagloser berichten sie, was sich menschlicher Fassungskraft und menschlicher Erfahrung entzieht" (Arendt 1986: 679). Wolfgang Sofsky versucht diese Sprachlosigkeit zu überwinden, indem er scheinbar nur das ihm zur Verfügung stehende Material verdichtet. Auf diese Weise gelingt ihm die Charakterisierung eines Stücks spezifischer sozialer Realität, die sich erst aus der Binnenbeschreibung der Konzentrationslager erkennen läßt.

Absolute Macht

Sofskys Untersuchung liefert keine Systemgeschichte oder historisch-politische Einordnung, sondern eine Nachsicht des Konzentrationslagers als "ein Machtsystem eigener Art" (22). Sie greift deshalb nicht nur auf Konzepte der allgemeinen Machtsoziologie zurück, sondern auch auf die soziologische Situationsanalyse. Ziel ist eine "dichte Beschreibung der Machtwelt des Konzentrationslagers" (24). Methodisch sind dichte Beschreibungen für Sofsky nichts anderes als Bedeutungsanalysen. Sie liefern keine Protokolle von Ereignissen, sondern Interpretationen von Handlungen und Situationen, keine Berichte, sondern Deutungen von Strukturen und Prozes- sen.

Konzeptionell ist die Untersuchung vom Begriff der absoluten Macht geleitet. Der Autor erläutert diesen Begriff anhand spezifischer Merkmale, von denen einige hier erwähnt sein sollen: Absolute Macht ist "organisierte Macht" (29), das heißt Macht, die sich nicht auf Tradition, Gewohnheit, Legitimation stützt, sondern auf Organisation und Gewalt. Absolute Macht "entledigt sich ideologischer Legitimationszwänge" (32); Macht, die sich legitimieren muß, ist nicht absolut - damit wird die Rolle der Ideologie sekundär. Absolute Macht ist "absolute Etikettierungsmacht" (30): die Macht war nicht das Ergebnis einer sozialen Ordnung, sondern die Macht ordnete das soziale Gefüge. Absolute Macht ist "gestaffelte Macht" (31); die Delegation von Macht, verbunden mit der Verleihung des Privilegs der Willkür, ließ die Macht ubiquitär werden. Normalerweise entstehen durch die Delegation von Macht wechselseitige Abhängigkeiten, die eine Schwächung der "absoluten Macht" erwarten lassen. Zwar gab es diese Abhängigkeiten, es gab Korruption und Erpreßbarkeit. Aber das System als solches wurde dadurch kaum beeinträchtigt, und wo doch, wurde die Beeinträchtigung mehr als wettgemacht durch die Multiplizierung der Exekution entgrenzter Gewalt. Diese "schiere Gewalt" (34) ist die direkteste Form der absoluten Macht.

Ihre Absolutheit zeigt sich vor allem in einer Eigenschaft: Absolute Macht ist nicht, wie andere Herrschaftsformen, Herrin über Leben und Tod, sondern sie "tilgt die Trennlinie zwischen Leben und Tod" (229). Sie verwandelt die ihr Unterworfenen in "lebende Skelette" (37), in "Lebende auf Zeit" (306). Diese Eigenschaft kann den Opfern kein anderer Zweck, etwa ein ökonomischer, nehmen, dem sie sonst noch ausgeliefert sind. Absolute Macht tobt sich aus, wann immer sie will. Sie will Freiheit nicht beschränken, sondern vernichten, das Handeln nicht steuern, sondern zerstören. Sie zehrt die Menschen aus, durch nützliche und sinnlose Arbeiten. Selbst mit dem Töten, diesem letzten Bezugspunkt aller Macht, begnügt sie sich keineswegs. Denn zuvor "transformiert sie die universalen Strukturen des menschlichen Weltbezugs" (29): Raum und Zeit, die Selbstverständnisse des Menschen, das soziale Verhältnis zu anderen, das Sachverhältnis zur Arbeit.

Raum und Zeit

Das Konzentrationlager stellt in Sofskys Perspektive die Welt geradezu auf den Kopf; es ist eine Einrichtung, um Menschen eine Zeitlang in einem Zustand zu halten, dessen Ende der Tod ist, der Tod durch Verhungern, Krankheit, Folterqual oder Totschlagen. Dieser Ort ist nicht nützlich, sondern er nutzt das staatliche Interesse am massenwirksamen Terror und läßt einige Geschundene zu Demonstrationszwecken frei; er nutzt das Interesse von Industriebetrieben an Arbeitskräften ohne jeden Schutz und ohne Solidarität zur Vernichtung durch den Arbeitsplatz.

Hannah Arendt zitierend nennt der Autor die Konzentrationslager "Laboratorien der Gewalt" (35). Sie sind Systeme rigoroser Überwachung, ein "Gehäuse der Gewalt" (61). Das Wechselverhältnis von Raum und Mensch ist stillgelegt. Die Möglichkeit, sich Orte und Regionen anzueignen, ist für die Insassen verschwindend gering. Absolute Macht zerstört den Raum als Handlungs- und Lebensraum. Sie pfercht die Menschen hautnah zusammen, stellt sie ab, hetzt sie hin und her. Der Mensch ist nicht mehr Mittelpunkt seiner Welt, sondern nurmehr ein "Objekt im Raum" (61). Aber nicht allein die Gewalt der Aufseher, insbesondere die Körper der anderen zerstörten den Bewegungsraum (87). Obwohl aufs engste zusammengedrängt, fehlte dieser Masse jede innere Verbindung und Einheit. Nirgendwo ist die Verlassenheit des einzelnen größer als in einer atomisierten, dichtgedrängten Masse, in der es jeder auf den Platz des anderen abgesehen hat. Die Ordnung des Raums ist eine bevorzugte Technologie absoluter Macht, mit der sie sich permanente Gewalt erspart. Sie verteilt sich im Raum und zwingt die Menschen in eine Situation ohne Ausweg.

Die Zeit des Lagers war mehr als ein äußerer Zwang, wie er jeder sozialen Zeit eigen ist. Die Lagermacht durchdrang das innere Zeitbewußtsein und zerriß das innere Band von Erinnerung, Erwartung und Hoffnung. Absolute Macht übertrifft die bekannten Formen organisierter Zeitkontrolle bei weitem. Keineswegs begnügt sie sich mit der Synchronisation und Koordination der Ereignisse. Sie zerstört die Kontinuität der inneren Zeit, kappt die Verbindungen zwischen Vergangenheit und Zukunft, "sperrt die Menschen in einer ewigen Gegenwart ein" (88). Fern davon, nur die Körper zu beherrschen, bemächtigt sie sich der biographischen Zeit und der Bewegungen des Geistes. Zudem ist die Zeitstruktur der unmittelbaren Gewaltsituation stets okkasionell. Sie kennt kein Früher und Später, sondern nur absolute Präsenz. Sie teilt die Zeit in "ein Jetzt und ein Nicht-Jetzt" (93). Deshalb verlangte die pur Selbsterhaltung von den Häftlingen eine umgehende und grundlegende Umbildung der geistigen und seelischen Aktivitäten. Nicht Erinnerung und Erwartung waren geboten, sondern rasche Wahrnehmung und spontane Improvisation. Terror reduziert das menschliche Bewußtseinsfeld auf den Augenblick. Ein fundamentales Zeitmerkmal der Häftlingsexistenz war daher der "absolute Vorrang der Gegenwart, des Hier und Jetzt" (105).

Soziale Strukturen

In allen Konzentrationslagern galten rigide Lagerordnungen. Doch wurde der Terror durch die in diesen Ordnungen festgelegten Regeln keineswegs eingeschränkt, sondern systematisiert und "auf Dauer gestellt" (133). Der Regelkatalog war inkorporierter Terror. Er erfaßte fast alle Situationen des Lageralltags und schrieb den Häftlingen jede Kleinigkeit vor. Dadurch gerieten sie in eine schier ausweglose Situation. Wenn Regeln nämlich alles erfassen, ist es unmöglich, nicht gegen eine Regel in diesem "Dschungel von Strafanlässen" (247) zu verstoßen. Der "Terror der Überregulierung" (133) produzierte nicht Ordnung, sondern Unordnung. Dies lieferte den Aufsehern den Freibrief, im Namen der Regeln Willkür ausüben zu können.

Die Barbarei des KZ-Personals hatte organisatorische und soziale Grundlagen. "Menschliche Untaten benötigen weder einen ideologischen Hintersinn noch eine zeitraubende Umformung von Dispositionen" (135). Für Grausamkeit reicht ein Mangel an moralischem Sinn und die Verrohung durch den täglichen Dienstbetrieb. Die Aufseher prügelten, quälten und töteten, nicht weil sie mußten, sondern weil sie durften. Auch die Einteilung der Häftlinge in die verschiedenen Kategorien war weniger ein Erkenntnis- als ein Machtinstrument. Je näher eine Klasse den Machthabenden stand, desto höher ihr sozialer Rang und desto größer die Überlebenschancen. Diese latente Struktur der Klassifikation war jedoch komplexer als das Symbolsystem der Farben. Sie beruhte insgesamt auf vier, hierarchisch geordneten, Kriterien: An der Spitze der Klassentaxonomie rangierte der rassistische Gegensatz von Mensch und >Untermensch<. Es folgte der geographische und nationale Code. Und schließlich die Kriterien der politischen Feindschaft und der sozialen Abweichung. Das System der Klassifikationen war nicht das Produkt gesellschaftlicher Ungleichheit, sondern deren wichtigste Ursache. Absolute Macht ist imstande, die Gesellschaft nach ihrem Modell zu konstruieren. Im Lager galt, so Sofsky, "der Primat des Politischen über das Soziale" (143).

Gewalt und Tod

In den Konzentrationslagern war exzessive Gewalt alltäglich, denn das Tötungsverbot der zivilen Gesellschaft war aufgehoben. Wo der Terror losgelassen ist und seine Gehilfen keine Strafen zu fürchten haben, entfällt eine wesentliche Barriere. Die Gewalt, die stets eine Möglichkeit menschlichen Handelns ist, hat freie Bahn: "Die Täter mußten nie, aber sie konnten immer quälen und töten, einzeln oder gemeinsam, in allen Situationen, beiläufig oder impulsiv, mit Wut, ohne Wut, mit Lust, ohne Lust mit Ziel oder ohne Ziel" (257).

Sofsky betont, daß sich der Charakter bestimmter Gewalttaten, die ihren Ursprung oftmals in militärischen bzw. strafvollzugsspezifischen Drill- oder Strafpraktiken hatten, in den Lagern vollständig veränderte. Doch dienten sie in den Konzentrationslagern nicht mehr einem bestimmten Ziel, nicht mehr der Zurichtung des einzelnen oder der Gruppe zu einem von der Institution vorgegebenen Zweck, sondern wurden zu Gewaltexessen: Der Exzeß sprengt den Rahmen geregelter Gewalt. Er ist keine Strafe, keine Folter, keine Hinrichtung. Er nimmt Strafe und Folter allenfalls als willkommenen Anlaß. Im Exzeß tobt sich die Macht an Wehrlosen aus. Seine Wurzel liegt in der "Situation der Allmacht" (257). Im Exzeß beweist der Täter seinen Triumph über den anderen. Er zeigt, wie frei er ist; er demonstriert "die absolute Freiheit der Willkür" (257). Der Exzeß ist Gewalt um ihrer selbst willen, Terror an sich. Der Exzeß zeigt, "wie absolute Freiheit in die Schinderei des Menschen umschlägt". 275).

Dieser Deformationsprozeß war Sofskys Grundthese zufolge allgemein. Denn alles, was von außen an Vorgaben in die Welt der Konzentrationslager hineingegeben wurde, wurde von ihm so deformiert, daß alles ein ununterscheidbarer Teil der Lagerwelt wurde. Diesem allgemeinen Deformationsprozeß unterlag auch die Arbeit der Häftlinge.

Arbeit als Terrorinstrument

Die Arbeit sollte die Menschen beschädigen, ihre Widerstandskraft brechen. Absolute Macht verändert die Struktur der Arbeit grundlegend. Sie befreit sich vom Kalkül der Nützlichkeit und Effektivität und unterwirft die Arbeit dem Gesetz des Terrors. Weder Ideologie noch Ökonomie, sondern Gewalt, Terror und Tod regierten die soziale Struktur der Arbeit. Die Lagerökonimie war in einem radikalen Sinne politische Ökonomie. Das Terroregime war nicht so sehr an Leistungen interessiert als am Prozeß des Arbeitens, an der auszehrenden Plackerei. Wer nicht mehr arbeiten konnte, war überflüssig. Er wurde aussortiert und getötet. Wer aber arbeitete, dessen Kräfte waren in wenigen Wochen erschöpft, falls es ihm nicht gelang, in ein geschütztes Kommando zu kommen. "Arbeit sicherte nicht das Leben, sondern ruinierte es" (194).

Auch eine Arbeit in der industriellen Fertigung war, so Sofsky, keine Garantie fürs Überleben. In der Regel arbeiteten die Gefangenen unter den elendsten Bedingungen. Außenlager waren "nichts anderes als Konzentrationslager im Kleinformat" (212). Die Tötung der dort Sterbenden fand freilich meist nicht im Werk selbst statt. Wer nicht mehr zu gebrauchen war, wurde zurückgeschickt ins Stammlager, nach Auschwitz oder, in den letzten Monaten, nach Bergen-Belsen. Auch in den Privatbetrieben schufteten sich die Menschen zu Tode. Auf das Leben kam es auch der Privatwirtschaft nicht an. Zwar war sie weniger an Terror als an billigen Arbeits-kräften interessiert. Doch sie nahm den Massenmord in Kauf, wenn dies der Steigerung der Produktion diente. So waren die Außenlager für viele nur eine Zwischenfrist, ein aufgeschobenes Todesurteil.

Für ihre Arbeit bekamen die Gefangenen nichts, weder Geld noch Brot. Von Ausbeutung kann schon deshalb keine Rede sein, weil ein ungleicher Tausch nicht stattfand. Die Häftlinge wurden nicht ausgenutzt, sie wurden gehetzt, geschunden, bis alle Kraft aufgerieben war. Das einzige, was der Häftling erhielt, war ein kurzer Aufschub, "eine Gnadenfrist bis zur vollkommenen Erschöpfung" (193). Die Arbeit sollte die Menschen beschädigen, ihre Widerstandskraft brechen. Sie war kein Mittel des Überlebens, sondern der absoluten Macht und des Terrors.

Arbeit als Überlebensmittel

Zwar räumt auch der Autor ein, daß sich die Liste der Nutznießer der Häftlingsarbeit "wie ein Firmenverzeichnis der deutschen Industrie" liest (210). Aber Macht wäre für ihn nicht absolut, müßte sie sich den Geboten der Sachlichkeit und Produktivität unterwerfen. Die Lagerökonomie war "in einem radikalen Sinne politische Ökonomie" (194). Macht dominierte die Wirtschaft und bestimmte die Bedeutung der Arbeit.

Ausgehend von dieser Grundentscheidung, erscheint es konsequent, wenn Sofsky in diesem Zusammenhang weder den Begriff "Zwangsarbeit" noch "Sklavenarbeit" akzeptiert. Er kri-tisiert die These vom Konzentrationslager als Sklaven- und Zwangsarbeitssystem. Die herrschende Logik der KZ sei die des Verlusts, Arbeit daher nicht Zweck, sondern Mittel der Tortur gewesen. Sie habe sowohl ökonomische Erwägungen wie das menschliche Sachverhältnis zur Arbeit überformt und im Kapo-System ihren adäquaten Ausdruck gefunden. Das KZ produziert krasse Verelendung und menschlichen Abfall; den Insassen herrscht es Gleichgültigkeit als Fluidum absoluter Macht und Ohnmacht auf. Terrorstrafen und Exzesse zerreißen willkürlich den Zusammenhang von Anlaß und Sanktion. Sie folgen aus dem standardisierten Ensemble der Gewalt und bedürfen keiner besonderen Neigung zur Grausamkeit.

Um seine These vom Sieg der absoluten Macht in den Konzentrationslagern zu stützen, blendet Sofsky nicht nur jenes "Firmenverzeichnis der deutschen Industrie" aus, sondern spricht der von den KZ-Häftlingen geleisteten Arbeit jede reale Bedeutung für ihr Überleben ab. Und selbst in den fortwährenden Selektionen der nicht mehr arbeitsfähigen KZ-Häftlinge sieht Sofsky lediglich eine "beispiellose Situation absoluter Macht", in welcher der einzelne Gewaltträger die "Drehscheibe des Todes" (279) bewegt.

Wolfgang Sofsky geht damit noch weit über Eugen Kogon oder Hannah Arendt hinaus, die schon früh auf die ökonomische Unproduktivität der in den Konzentrationslagern geleisteten Arbeit hingewiesen hatten. Nirgends, so schrieb Hannah Arendt, seien bisher Konzentrationslager um der möglichen Arbeitsleistung willen eingerichtet worden; ihre einzige ökonomische Funktion war und ist die Finanzierung des sie bewachenden Apparats, und das heißt für sie: "ökonomisch sind die Konzentrationslager um ihrer selbst willen da. Überall hätte die gleiche Arbeit, wenn Arbeit geleistet wurde, unter anderen Bedingungen unvergleichlich viel besser und billiger geleistet werden können" (1986: 684).

Verläßt man jedoch die Binnenperspektive, so war die Rolle der Arbeit in den Konzentrationslagern zutiefst widersprüchlich: Einerseits fabrizierte sie geradezu "lebendige Leichname", gleichzeitig aber bot sie den KZ-Häftlingen einen gewissen Schutz, indem sie ein Minimum an Vorhersehbarkeit in das Handeln der Täter brachte. Und deshalb ist die Sichtweise des Autors - trotz (und gerade wegen) ihrer frappierenden Erkenntnisse über das Wesen des individuellen Exzesses - zu kritisieren. Denn sie hat nur halb ausgesprochene Ausblendungen zur Voraussetzung, die die Ergebnisse seiner Analyse präformieren.

So analysiert Sofsky weder die Rolle der Konzentrationslager im Gesamtgefüge der nationalsozialistischen Macht, noch wendet er sich der Frage zu, wie es zur Vernichtung der europäischen Juden kam oder kommen konnte. Beide Zusammenhänge waren jedoch für das Überleben der KZ-Häftlinge von ausschlaggebender Bedeutung. Da beide ein Spannungsfeld schufen, das der "absoluten Macht" und damit dem "Überflüssigwerden" der Menschen teils minimale, teils bestimmende Grenzen setzte.

Die Tendenz, die Konzentrationslager zu einem SS-eigenen Arsenal von Zwangsarbeitern umzugestalten, kam schon vor dem Winter 1941/42 zum Ausdruck, und sie überkreuzte sich in paradoxer Weise mit gleichzeitigen, ebenfalls seit Kriegsbeginn forcierten Bestrebungen zur Ausmerzung und Beseitigung bestimmter unerwünschter Gruppen. Das gilt vor allem für das Schicksal der Juden. Da Himmler zur gleichen Zeit aber das Ziel verfolgte, den Arbeitseinsatz von Konzentrationslagerhäftlingen für die Kriegsindustrie zu intensivieren, wurde selbst ein Teil der deportierten Juden dem Zwangsarbeitsprogramm der KZ eingegliedert und, wenigstens vorläufig, von der Vernichtung ausgenommen. Das Neben- und Gegeneinander der beiden Zwecke charakterisierte in den Jahren 1942-1944 vor allem das Geschehen im Lager Auschwitz. Alle anderen Judenvernichtungslager im Osten (einzige Ausnahme das Lager Lublin-Majdanek) waren eigens und ausschließlich als Endstationen zur fabrikmäßigen Liquidierung eingerichtet. In Treblinka, Belzec, Sobibor, Chelmno wurden die mit Bahn- und Lastwagentransporten eintreffenden Juden regelmäßig kurz nach der Ankunft so gut wie ausnahmslos vernichtet. Es handelte sich hier mithin gar nicht um Lager im eigentlichen Sinne, da eine langfristige Unterbringung der Gefangenen von vornherein nicht beabsichtigt war.

Dagegen stellte Auschwitz mit seinen drei großen Lagerkomplexen (Stammlager, Birkenau, Monowitz) einerseits das größte aller KZ dar und wurde als solches ein Riesenarsenal von Häftlingsarbeitern für die Rüstungsindustrie, andererseits entwickelte es sich mit den außerhalb des Lagerzaunes von Birkenau errichteten großen Vernichtungsbunkern und Krematorien zur größten Judenvernichtungsanlage. Das bedeutete: Nur in Auschwitz, wo die beiden Zwecke (Vernichtung und Arbeiteinsatz der Juden) an einem Ort konkurrierten, entstand jenes Ausleseverfahren der sogenannten Selektion, dem fast jeder ankommende Judentransport unterworfen wurde: aus der Masse der deportierten jüdischen Männer, Frauen und Kinder sonderten SS-Ärzte und SS-Führer auf der sogenannten "Rampe" von Birkenau - wohl je nach Bedarf und dem Gesundheitszustand der Transporte - eine größere oder kleinere Zahl von Arbeitsfähigen (bevorzugt Jugendliche, Männer mittleren Alters und arbeitfähige Frauen ohne Kinder) aus, die von der Vernichtung ausgenommen, als Häftlinge registiert und ins angrenzende Lager überwiesen wurden, wo sie eine Chance des Überlebens hatten, solange sie arbeitfähig blieben.

In einer Unzahl von Fällen geschah es jedoch, daß diese registrierten, nummerierten und immer wieder gezählten Häftlinge "zu leben aufhörten", und zwar infolge einer der zahllosen, dem KZ eigenen Ursachen. "Dies war aber nicht der Zweck der KZ-Einrichtung, ganz besonders nicht in der Zeit, als neben den NS-KZs bereits die Vernichtungslager bestanden und als nach deren Muster in den KZs selbst ausgesondert und getötet wurde, wer nicht arbeitsfähig und somit lebensfähig war."2

Eine Art "Probelauf" für ein solches Selektionsunternehmen fand ab Sommer 1941 in den Konzentrationslagern unter der Tarnbezeichnung "Sonderbehandlung 14f13" statt, als im Verlauf weniger Monate systematisch Tausende von KZ-Häftlingen von "Euthanasie"-Ärtzen ausgewählt und in drei ehemalige Irrenanstalten verbracht wurden, die in Todesfabriken umfunktioniert worden waren. Sofsky ist der Auffassung, daß die Konzentrationslager durch diese Aktion "eine Doppelfunktion als Arbeits- und Vernichtungslager" erhielten (278). Träfe dies zu, so wäre nicht nur die oben aufgezeigte Unterscheidung zwischen Konzentrationslagern und Vernichtungslagern nebensächlich, sondern auch die These von der Singularität des Holocaust. Doch selbst wenn diese beiden Aspekte als sekundär ausgeklammert blieben: Entscheidendes Kriterium für die Aussonderung und Vernichtung der KZ-Häftlinge war bereits während der "Pilotaktion >14f13<" die nicht mehr vorhandene Arbeitsfähigkeit.3

Inbesondere in der zweiten Kriegshälfte führte dann die Erhöhung der Arbeitzeit für die Häftlinge, ihr Einsatz bei meist körperlich sehr schweren Bauarbeiten, den ein großer Teil der Häftlinge nicht gewohnt war, zu einer fortgesetzten Auszehrung der Kräfte der Gefangenen. Gerade hier wird aber die zutiefst widersprüchliche Rolle der Arbeit in den Konzentrationslagern deutlich: Einerseits "produzierte" die Arbeit in der Kriegsproduktion geradezu jene todgeweihten "lebenden Skelette", die in der Alltagssprache der "Konzentrationäre" zu "Muselmännern" wurden, andererseits bot sie den KZ-Häftlingen die Chance des Überlebens und verhinderte (solange sie "arbeitsfähig" blieben) ihr "Überflüssigwerden" (von dem im folgenden noch die Rede sein wird). Die Arbeit gewährte den Häftlingen eine "Gnadenfrist", die selbst für die jüdischen Häftlinge in Auschwitz-Monowitz, so Sofsky, drei bis vier Monate betrug.

Damit aber eröffnete sich für die Häftlinge ein Zeithorizont, der über das "Hier und Jetzt" des Lagers hinausreichte und auf das Heranrücken der alliierten Armeen und die Befreiung des Lagers gerichtet war.

Das Konzentrationslager und die Moderne

Das Konzentrationslager gehört, so Wolfgang Sofsky in seinem Epilog, in die Geschichte der modernen Gesellschaft. "Auf den Schlachtfeldern der Massenkriege wurde die Vernichtungskraft moderner Technik erprobt, in den Schlachthäusern der Konzentrationslager die Zerstörungsmacht moderner Organisation" (315).

Und mehr noch: Für den Soziologen Zymunt Bauman besteht eine innere Verknüpfung von NS-Völkermord, Moderne und Zivilisation.4 Diese Perspektive erschüttert unser Bild der Moderne in seinen Grundlagen. Denn nach wie vor sind wir es gewohnt, die Moderne als einen Zivilisationsprozeß zu deuten, in dem Gewalthandeln tabuisiert ist, Affektkontrolle und Selbststeuerung herrschen und in dem der "Einbruch" von Destruktivität den Rang einer Normabweichung besitzt. Bauman jedoch sieht nicht nur die Konzentrationslager, sondern auch die Todesfabriken als eine der Moderne stets inhärente Möglichkeit, denn selbst in der Max Weberschen Begrifflchkeit - moderne Bürokratie, rationaler Geist und wissenschaftliche Mentalität - fände sich kein einziges Element, das den Holocaust ausschlösse. Entsprechend vehement wendet er sich gegen Sichtweisen, die den Holocaust als Ausnahme, als "Rückfall" oder als zeitweilige Störung zivilisierter Normalität gedeutet wissen möchten und sieht ihn als das Resultat eines einzigartigen Zusammentreffens im Grunde normaler und gewöhnlicher Faktoren. Damit gewährt, so Baumans Grundthese, die Art und Weise der Vernichtung der europäischen Juden - und erst recht gilt dieses für die Vernichtungspolitik in den Konzentrationslagern - einen Einblick in die sonst ignorierten andersartigen Aspekte jener gesellschaftlichen Prinzipien, die in die Entwicklung der Moderne eingebettet sind und legt Merkmale unserer Gesellschaft frei, die sich unter "nicht-experimentellen" Bedingungen nicht hätten beobachten lassen.

Daß die eigentliche Brisanz des Themas aber gerade in diesen Zusammenhängen liegen könnte, wird von Sofsky in seinem Schlußwort lediglich angerissen. Sicherlich ginge ein solche Fragestellung über eine rein soziologische Binnenanalyse der Konzentrationslager hinaus. Gerade aber durch die Binnenperspektive - die Voraussetzung für Wolfgang Sofskys großartige Analyse der exzessiven Gewalt - wird die Gefahr, die von den Konzentrationslagern für das globale Gesamtgefüge ausging, auf seltsame Weise irreal. Deshalb ist es notwendig sich ergänzend zu Sofskys Binnenanalyse abschließend noch einmal einige der - mehr als 40 Jahre alten - Schlußsätze Hannah Arendts (1986: 699-702) ins Gedächtnis zu rufen, bei der die Konzentrationslager am Ende einer langen Analyse der "Elemente und Ursprünge totaler Herr-schaft" stehen: "Der Versuch der totalen Herrschaft, in den Laboratorien der Konzentrationslager das Überflüssigwerden von Menschen herauszuexperimentieren, entspricht aufs genaueste den Erfahrungen moderner Menschen von ihrer eigenen Überflüssigkeit in einer übervölkerten Welt und der Sinnlosigkeit dieser Welt selbst . ... Die ungeheure Gefahr der totalitären Erfindungen, Menschen überflüssig zu machen, ist, daß in einem Zeitalter rapiden Bevölkerungszuwachses und ständigen Anwachsens der Bodenlosigkeit und Heimatlosigkeit überall dauernd Massen von Menschen im Sinne utilitaristischer Kategorien in der Tat >überflüssig< werden. ... Es steht zu fürchten, daß die Konzentrationslager und Gaskammern, welche zweifellos eine Art Patentlösung für alle Probleme von Überbevölkerung und >Überflüssigkeit< darstellen, nicht nur eine Warnung, sondern auch ein Beispiel bleiben werden."

Mag diese Warnung vor der Institution des Konzentrationslagers aus heutiger Sicht auch antiquiert wirken, die hinter dieser Institution vorborgenen politischen Probleme, sind auch nach dem Ende des Nazismus und dem Untergang des Totalitarismus keineswegs gelöst. So schrieb Hannah Arendt bereits im Herbst 1958 - anläßlich der zweiten Auflage der Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft - zu diesen verborgenen, ungelösten Problemen folgende Zeilen, die heute mehr denn je Gültigkeit beanspruchen können: "Der voll entfaltete Imperialismus in seiner totalitären Form ist ein Amalgam gewisser Elemente, die sich in allen politischen Verhältnissen und Problemen unserer Zeit finden. ... Hinter jedem dieser Elemente verbirgt sich ein ungelöstes tatsächliches Problem: hinter dem Antisemitismus die Judenfrage; hinter dem Verfall des Nationalstaats das ungelöste Problem einer Neuorganisation der Völker; hinter dem Rassismus das ungelöste Problem eines neuen Konzepts der Menschheit; und hinter der Expansion um der Expansion willen das ungelöste Problem, eine ständig schrumpfende Welt, die wir mit anderen Völkern teilen müssen, deren Geschichte und Tradition außerhalb der westlichen Welt liegen, zu organisieren."5

Anmerkungen

1 Hannah Arendt stellte sich dieser Grenze der Historiographie des Totalitarismus, indem sie eine spezifische Verbindung von narrativer Geschichtsschreibung und politischer Theorie schuf. Vgl. Seyla Benhabib: Hannah Arendt und die erlösende Kraft des Erzählens, in: Dan Diner (Hg.), Zivilisationsbruch. Denken nach Auschwitz, Frank furt/M. 1988, S. 150-174.

2 Andrzej J. Kaminski, Konzentrationslager 1896 bis heute. Geschichte, Funktion, Typologie, München 1990, S. 32.

3 Bereits hier zeigte sich übrigens das Resultat, daß nicht nur die Opfer, sondern auch ein Teil der unmittelbaren Täter (in diesem Fall der Angehörigen der ehem. "Euthanasie-Organisation T4) konditioniert und schließlich, wie Hannah Arendt dies prophezeite, in Reaktionsbündel verwandelt wurden. Vgl. die Untersuchung des Verfassers "Die >Sonderbehandlung 14f13< in den Konzentrationslagern des Dritten Reiches. Ein Beitrag zur Dynamik faschistischer Vernichtungspolitik, Frankfurt/M. 1987, S. 119/120.

4 Vgl. Zygmunt Bauman, Dialektik der Ordnung. Die Moderne und der Holocaust, Hamburg 1992.

5 Hannah Arendt, Totalitarianism, in: Meridian 2/2, S. 1. Zit. nach Eisabeth Young-Bruehl, Hannah Arendt. Leben, Werk und Zeit, Frankfurt am Main 1991, S. 288.

13 von 14 Seiten

Details

Titel
Laboratorien der Gewalt. Die Ordnung der nationalsozialistischen Konzentrations- und Vernichtungslager
Autor
Jahr
1993
Seiten
14
Katalognummer
V109304
Dateigröße
454 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Rezensionsessay ohne Sekundärliteratur, erschienen in: Politische Vierteljahresschrift. Zeitschrift der deutschen Vereinigung für Politische Wissenschaft, Heft 4, Dezember 1993.
Schlagworte
Laboratorien, Gewalt, Ordnung, Konzentrations-, Vernichtungslager
Arbeit zitieren
Dr. phil. Walter Grode (Autor), 1993, Laboratorien der Gewalt. Die Ordnung der nationalsozialistischen Konzentrations- und Vernichtungslager, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/109304

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