Frisch, Max - Andorra und Lessing, G.E. - Nathan der Weise - Die Problematik des Vorurteils analysiert und dargestellt anhand der Dramen


Facharbeit (Schule), 2005

17 Seiten, Note: 15 Punkte


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Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Begriff des Vorurteils

3 „Nathan der Weise“ von Gotthold Ephraim Lessing
Kurzinhalt und Epocheneinordnung
Die Ringparabel als ein Zeichen für
Toleranz
Wirkungsabsicht Lessings

4 „Andorra“ von Max Frisch
Kurzinhalt
„Du sollst dir kein Bildnis machen“ –Frischs Modell des Vorurteils in Bezugauf die Judenfrage
Die Zeugen –Gefahr des Gruppendenkens
Intention Frischs

5 Vergleich der Dramen

6 Zusammenfassung

7 Literaturverzeichnis

8 Erklärung

1 Einleitung

Die Auseinandersetzung mit der Themensuche meiner Facharbeit bereitete mir keine großen Schwierigkeiten, da ich schon im Voraus wusste, dass ich gerne meine Facharbeit zu dem Drama „Andorra“ anfertigen würde. Nachdem ich das Stück gelesen hatte, war ich sehr bestürzt darüber, wozu Vorurteile im schlimmsten Fall führen können. Auf Grund der Tatsache, dass das Drama „Nathan der Weise“ der gleichen Problematik entspricht und wir es schon kurz im Unterricht angeschnitten hatten, entschied ich mich für mein Thema „Problematik des Vorurteils analysiert und dargestellt anhand der Judenfrage in den Dramen „Nathan der Weise“ von Gotthold Ephraim Lessing und „Andorra“ von Max Frisch.

Literatur zu den beiden Dramen war genügend vorhanden, jedoch waren die Bücher so umfangreich, so dass ich sehr viel Zeit benötigte, um das Material zu sondieren. Außerdem fiel es mir an manchen Textpassagen schwer, mich auf das Wesentliche zu konzentrieren und Unwichtiges außer Acht zu lassen. Im Großen und Ganzen kann ich aber behaupten, dass nur wenige Probleme beim Anfertigen meiner Facharbeit auftraten und ich Freude beim Arbeiten hatte.

Ich hoffe, dass sich der Leser meiner Facharbeit einen Überblick über die Dramen verschaffen kann und erkennt, was Vorurteile anrichten können. Vielleicht ergeht es ihm so wie mir und der Leser versucht über seine eigenen Vorurteile oder die unserer Gesellschaft nachzudenken.

2 Begriff des Vorurteils

Vorurteile bezeichnen vorgefasste, nicht fundierte Meinungen, die gegenüber Personen und Bevölkerungsgruppen geäußert werden, jedoch nicht auf eigene Erfahrungen beruhen und ohne Reflektion übernommen werden. Vorurteile sind oft negative oder ablehnende Einstellungen, die kundgegeben werden, um sich selbst und um die eigene Gruppe zu stärken. Sie zielen häufig auf soziale Minderheiten in einer Gesellschaft, die nicht anerkannt werden, weil die Majoritäten nicht mit z.B. anderen Werten oder einer anderen Lebensweise der Minoritäten konfrontiert werden möchten.[1]

Vorurteile werden generell vermittelt durch die Erziehung und im Nachhinein ist es schwer, sie wieder auszumerzen.

3 „Nathan der Weise“ von Gotthold Ephraim Lessing

3.1 Kurzinhalt und Epocheneinordnung

„Nathan der Weise“ von Gotthold Ephraim Lessing ist ein dramatisches Gedicht in fünf Akten, das 1779 veröffentlicht und 1783 uraufgeführt wurde.

Das Stück spielt während des Waffenstillstands des dritten Kreuzzuges 1192 in Jerusalem und besteht aus zwei Handlungen, die zum Schluss des Werkes zusammengefügt werden. Die erste Handlung beginnt damit, dass der Jude Nathan nach der Ankunft seiner Geschäftsreise erfährt, dass seine angenommene Tochter Recha von einem christlichen Tempelherrn aus einem Feuer gerettet wurde. Daraufhin sucht Nathan die Bekanntschaft des Tempelherrn, um ihm persönlich seinen Dank auszusprechen. Jedoch weicht dieser Nathan aus, weil er seine Religion ablehnt. Später überzeugt Nathan den Lebensretter Rechas, der sein Leben dem muslimischen Herrscher, dem Sultan Saladin verdankt, weil er vom Sultan aus der Kriegsgefangenschaft entlassen wurde, da der Tempelherr dem verstorbenen Bruder des Sultans, Assad, ähnlich sah.

Mit dieser Handlung verknüpft ist eine zweite, die an den Hof des Sultans Saladin und seiner klugen Schwester Sittah führt. Saladin steckt in Geldschwierigkeiten und holt aus diesem Grund Nathan zur Hilfe, um von ihm Geld zu leihen. Saladin möchte die Weisheit und die Klugheit, die Nathan vom Volk zugesprochen wird, auf die Probe stellen, in dem er ihn fragt, welche Religion die wahre sei. Nathan antwortet darauf mit der Ringparabel, die Schlüsselszene des Dramas.

Der Tempelherr verliebt sich in Recha und begehrt sie zur Frau, doch Nathan, der einen Verwandten in ihm vermutet, verweigert dies. Zum Schluss stellt sich zum einen heraus, dass Recha ein christliches Waisenkind ist und die Schwester des Tempelherrn, zum anderen, dass die Geschwister die Kinder des verstorbenen Assad sind. Obwohl sie in drei verschiedenen Religionen aufgewachsen sind, gehören sie alle nur einer Familie an.

„Nathan der Weise“ ist in die Epoche der Aufklärung einzuordnen und sie erfuhr mit Lessings Schaffen ihren Höhepunkt. Ein Kerngedanke dieser Epoche ist der Appell der Aufklärer an die Menschen, rational, selbstständig und unabhängig von jeglichen Dogmen der Kirche und des Staates zu denken und zu handeln. Weiterhin fordern sie Toleranz, Gleichheit der Menschen von Natur aus und die Überwindung von rassischen Schranken mit dem Ziel der allseitigen Entwicklung des eigenen Geistes.[2]

3.2 Die Ringparabel als ein Zeichen für Toleranz

Die Ringparabel, mit der Nathan auf die Frage des Sultans, welche die „wahre Religion sei“[3], antwortet, ist der Kernpunkt des dramatischen Gedichtes. Nathan erzählt von einem Mann, der einen Ring mit der Eigenschaft besitzt, seinen Träger „vor Gott und Menschen angenehm zu machen“[4]. Um seinen Söhnen gleichermaßen gerecht zu werden, lässt der Mann zwei Kopien des Rings anfertigen und übergibt vor seinem Tod jedem Sohn einen Ring. Als unter ihnen ein Streit über den echten Ring entsteht, schlichtet ein Richter den Streit, indem er die drei Söhne auffordert, „die Kraft des Steins in seinem Ring' an Tag zu legen“[5], also durch Humanität und mitmenschliches Verhalten die dem Ring zugeschriebene Wirkung zu verwirklichen.

Jedoch ist Saladin mit der Geschichte und somit mit der ausweichenden Antwort Nathans unzufrieden, weil er erhofft hat, dass Nathan sich „aus Einsicht, Gründen, Wahl des Bessern“[6] für eine bestimmte Religion entscheiden würde.

Des Weiteren kommt das Problem auf, dass zwei verschiedene Begriffe von Religion aufeinander stoßen, denn Saladin geht von der Religion aus, die auf der Offenbarung beruht und aus der bestimmte Bräuche und Verhaltensweisen vorgegeben werden[7]: „[…] bis auf die Kleidung, bis auf Speiß´ und Trank.“[8] Saladin erkennt treffend, dass sich die Religionen genau darin unterscheiden, aber ihm wird nicht Nathan´s Auffassung von Religion bewusst. Nathan geht von der allgemeinen Religion aus, die die Identität eines jeden Menschen prägt und welche ihm ermöglicht, Gott mit Hilfe seiner Vernunft zu erkennen. Deshalb versucht Nathan, Saladin zu verdeutlichen, dass das Trennende alle Menschen verbindet und dies die Religionen gemeinsam haben: „Denn gründen alle sich nicht auf Geschichte? Geschrieben oder überliefert?“[9]

Lessing geht davon aus, dass der ursprüngliche Ring die Urreligion, auch bezeichnend als eine Natur- oder Vernunftreligion ist, die von Gott geschaffen wurde und die einzige Religion auf der Welt war. Dadurch, dass der Vater die Ringe kopiert, diese jedoch nicht voneinander zu unterscheiden sind, bedeutet dies bezogen auf die Religions-Problematik, dass die neuen Ringe jeweils durch die Geschichte geprägt wurden und somit die einzelnen Religionen entstanden. Die Undifferenzierbarkeit der drei Ringe weist darauf hin, dass es nicht auf die Unterschiede ankommt, sondern auf den gemeinsamen Kern, die Geschichte.[10]

Am Ende der Ringparabel lässt Lessing den Richter, der den Streit der drei Brüder schlichten soll, zu Wort kommen. Dieser fällt kein Urteil über den Streitpunkt, sondern gibt den Brüdern nur einen Rat. Er greift das Motiv der „Wunderkraft“ des echten Ringes auf und stellt fest, dass das Verhalten der Brüder egoistisch ist und sie nur an den Besitz glauben, der sie aber nicht glücklich macht: „Jeder liebt sich selber nur /Am meisten? – O, so seid ihr alle drei/Betrogene Betrüger! Eure Ringe sind alle drei nicht echt […]“[11]. Lessing drückt mit dem Rat des Richters aus, dass die Religionen selbstsüchtig und von gegenseitiger Vernichtung geprägt gewesen sind, womit er sich auf die Kreuzzüge bezieht. Er fordert die drei Söhne und somit auch die drei Religionen auf, „die Sache völlig [zu nehmen], wie sie liegt“[12], d.h. ihren Glauben nach außen zu tragen, diesen zu leben und Akzeptanz gegenüber anderen Religionen zu zeigen, denn jeder Mensch muss in seinem Glauben gelassen werden. Jeder sollte Gottes Gnade und der Liebe vertrauen, denn Gott liebt alle Menschen gleichermaßen.

Aus diesem Grund gibt es keine „wahre“ Religion. Es kommt vielmehr auf den rechten Gebrauch der Religion an und wie dieser in die Tat umgesetzt wird: „Es eifre jeder seiner unbestochenen/Von Vorurteilen freien Liebe nach!“[13]

Ein guter Mensch lebt „mit innigster Ergebenheit in Gott“[14], was die Übersetzung von Islam ist, „mit Sanftmut“[15], beherrscht also seine Aggressionen und „mit herzlicher Verträglichkeit“[16], strebt somit nach Ordnung im Zusammenleben mit den anderen Religionen.[17]

Außerdem entwickelt Lessing mit der Ringparabel eine Zukunftsperspektive, in der die Hoffnung ruht, dass sich „der Steine Kräfte“[18] bei den „Kindes-Kindeskindern“[19] zeigen und bewähren wird. Die Wahrheitsfrage wird „über tausend tausend Jahre“[20] von einem anderer „weisren Mann“[21] entschieden werden.

3.3 Wirkungsabsicht Lessings

Die Veröffentlichung des dramatischen Gedichtes „Nathan der Weise“, war eine Reaktion von Lessing auf den „Fragmentenstreit“ mit dem Hamburger Hauptpastor Johann Melchor Goeze, der sich von 1774 bis 1778 hinzog. Der Kernpunkt des Streites ist die Forderung Lessings, Toleranz gegenüber den anderen Weltreligionen zu zeigen und sich von Dogmen und Gesetzen abzuwenden. 1778 wurde der Streit durch herzogliche Ordnung gewaltsam beendet.

Lessing will ein Zeichen setzen gegen die damals herrschende Ignoranz gegenüber dem Judentum und dem Islam und geht deswegen auch heftigst gegen Vorurteile vor. Außerdem plädiert er „für die Brüderschaft aller Menschen“ und bezieht sich damit auf den Toleranzbegriff. Jedem sollte bewusst sein, wie wichtig und vor allem wie notwendig es ist, das Denken anderer und die entsprechende Eigenart zu tolerieren. Lessing, als ein Vertreter der Aufklärung, möchte mit seinem Werk an die Menschen appellieren, die religiösen Barrieren zu überwinden, damit eine Gleichheit aller Menschen entsteht.

Mit der Figur des Nathan, verstärkt er seine Absicht, dass auch ein Jude die Weisheit, der Inbegriff aller Tugenden im 18. Jahrhundert, besitzen kann und schafft demnach ein Idealbild, nach dem jedes Individuum streben und von dem es auch lernen sollte, um jene Vollkommenheit erfahren .

„Nathan der Weise“ symbolisiert das Zusammengehörigkeitsgefühl aller Menschen über die Grenzen der Völker, der Religionen und der Stände hinweg.

4 „Andorra“ von Max Frisch

4.1 Kurzinhalt

Das Stück „Andorra“ von Max Frisch steht nicht in Verbindung mit dem existierenden Kleinstaat Andorra, sondern „ist der Name für ein Modell“[22]. Die Hauptfigur dieses Dramas ist der angebliche Jude Andri, der von dem Lehrer Can vor den Schwarzen gerettet und adoptiert wird. Doch in Wahrheit ist Andri sein eigener Sohn, dessen Mutter, die Senora, eine Schwarze ist. Durch diese Lüge, dass Andri ein Jude sei, wird er von den Andorranern verurteilt, weil er nicht in ihr vorgefasstes Bild passt. Andri wird von den Andorranern eingeschüchtert, weil er sich der Rolle eines Juden anpasst, alle Vorurteile in Kauf nimmt und somit kein vernünftiges Leben mehr führen kann. Somit wird ihm auch die Hochzeit mit Barblin, die Tochter von Lehrer Can, untersagt.

Seine wahre Herkunft erfährt er durch den Besuch seiner Mutter in Andorra, die vor ihrer Abreise getötet wird. Jedoch hat sich Andri mit seiner Rolle als Jude abgefunden und glaubt weder der Senora, noch seinem Vater Can.

Das Drama endet mit der Judenschau bei der Andri als Jude „identifiziert“ und daraufhin von den Schwarzen getötet wird. Der Vater kann nicht mit der Schuld leben und begeht Selbstmord. Auch Barblin wird mit Andris Tod nicht fertig und verfällt in geistige Verwirrung.

Das Stück besteht aus zwölf Bildern, die sehr objektiv Andris Geschichte darlegen. Zwischen den jeweiligen Bildern lässt Frisch die Andorraner in den Zeugenstand treten. Diese nehmen zu den Geschehnissen und Andris Tod Stellung, aber weisen jede Schuld von sich. Der Leser bekommt den Eindruck vermittelt, es würde sich um ein Gerichtsverfahren handeln.

Allerdings bleibt es jedem Leser selbst überlassen, sein eigenes Urteil zu fällen.

4.2 „Du sollst dir kein Bildnis machen“ – Frischs Modell des Vorurteils in Bezug auf die Judenfrage

Sich ein Bildnis des Anderen zu machen, heißt gleichzeitig sich diesem Bildnis anzupassen und danach zu leben. Genau dieses Verhalten lässt sich in dem Stück „Andorra“ wieder finden, da die Andorraner nur ihr „festgefügtes Bild“[23] kennen und kein anderes Bildnis akzeptieren. Demnach scheitert Andris Versuch, sich in diese Gesellschaft zu etablieren am andorranischen Vorurteil.[24] Jeder Andorraner gibt überzeugt zu, dass er weiß, „wie der Jud ist“[25]. So erzählt z.B. der Doktor von seinen Erfahrungen in Bezug auf die Juden, die er in der Welt gesammelt hat: „Ich kenne den Jud. Wo man hinkommt, da hockt er schon, der alles besser weiß. […] Das Schlimme am Jud ist sein Ehrgeiz. In allen Ländern der Welt hocken sie auf allen Lehrstühlen. […] Sie sind nicht zu ändern.[26]

Der Begriff des Vorurteils zieht sich durch das ganze Drama hindurch und ist der zentrale Begriff, denn Vorurteile prägen die Realität in Andorra. Ein Andorraner sieht in Andri das, was er auf keinen Fall sein möchte und macht ihn zudem noch für Taten verantwortlich, die Andri nicht begangen hat. Der Tischler verurteilt Andri, die Stuhlbeine nicht verzapft zu haben, obwohl der Geselle diesen Stuhl angefertigt hat. Um jede Schuld von sich zu weisen, bestätigt der Geselle, Andri hätte diesen Stuhl hergestellt.

Es kommt soweit, dass Andri des Todes an der Senora beschuldigt wird, obwohl er zu diesem Zeitpunkt zu Hause bei der Mutter war. Die Einwohner Andorras schützen sich selbst, in dem sie die Abwehrmechanismen der Verschiebung und der Projektion anwenden und dadurch Andri als Sündenbock dienen muss.

Er unterwirft sich seinem Urteil, sucht seine Fehler bei sich selbst und es bleibt ihm keine andere Wahl, als sein Anderssein zu akzeptieren: „Seit ich höre, hat man mir gesagt, ich sei anders“[27], beteuert Andri im Gespräch mit dem Pater. Er verdeutlicht ihm, dass er dem Bild der Andorraner, wie sie ihn sehen, in jeder Hinsicht gerecht geworden ist. Sie geben die Charaktereigenschaften der Juden vor und Andri entspricht diesen. Nach Ansicht der Andorraner sind Juden geldgierig, ohne Gemüt, ängstlich, ehrgeizig und feige und diese Werte hat Andri ohne zu hinterfragen angenommen.

Jedoch kostet ihm dies den Tod, denn er wird bei der Judenschau, die von den Schwarzen auf Grund des Todes der Senora veranlasst wird, als Jude „identifiziert“, erkannt durch seinen Gang, sein Lachen und seinem Geld in der Tasche. Diese Merkmale passen wiederum in das Bildnis der Andorraner über die Juden. Hervorzuheben sind die Kommentare des Doktors und des Tischlers zum Geschehen: „Was hab ich gesagt? Der sieht´s am Gang…“[28], „Wie er sich wehrt um seine Wertsachen“[29]. Angesichts des Unrechts seines Todes, haben die Andorraner nichts anderes im Sinn, als ihre Vorurteile weiterhin auszuspielen, um ihre eigene Haut zu retten.

Frisch lässt das Drama mit der Szene enden, in der die verwirrte Barblin das Haus weißelt und somit die Schuld in Andorra übertüncht. Die Farbe weiß gilt als ein Symbol für die Unschuld. Denn Andorra ist „ein Hort des Friedens und der Freiheit und der Menschenrechte“[30], wie der Doktor zu sagen pflegt.

4.3 Die Zeugen – Gefahr des Gruppendenkens

Die Zeugen treten zwischen den jeweiligen Bildern in den Vordergrund vor eine Zeugenschranke, die zeitlich lange nach dem eigentlichen Bühnengeschehen stattfindet. Somit gewährt Frisch den Andorranern, sich für das Geschehen zu rechtfertigen. Mit Ausnahme des Paters beteuern alle Andorraner ihre Unschuld am Ausgang des Dramas.

Alle haben ihre Ausreden, warum sie persönlich keine Verantwortung hatten. Dies zeigt, dass keiner über sein Verhalten, seine Feigheit oder über seine Vorurteile nachdenkt, sondern stattdessen versucht, die Geschehnisse zu verdrängen, um nicht mit der Vergangenheit konfrontiert zu werden. Sie wollen keineswegs die Schuld für Andris Tod übernehmen. Denn sie fühlen sich als einzelne Person nicht für das verantwortlich, was sie in der Gruppe getan haben.

Die Einwohner Andorras sind von einer „andorranischen Ichheit besetzt“[31]. Wenn sich die Personen beschreiben wollen, beginnen sie mit den Worten: „Ein Andorraner ist [z.B.] nüchtern und schlicht “[32] Die Einwohner des Landes bilden demnach eine Gruppe, da eine uneingeschränkte Beziehung zwischen ihnen herrscht, weil sie voneinander wissen, dass sie Landsleute sind. Sie wollen in ihrer eigenen isolierten Welt leben und keinen Fremden hineinlassen. Andri ist für sie ein Fremder, weil er ein Jude ist. Die Vorurteile, die sie gegen Andri hegen, stärken die Gruppengemeinschaft ungemein. Sie entlasten ihr eigenes Gewissen von Schuld- und Angstgefühlen, in dem sie diese auf Andri projizieren. Was immer die Andorraner sind, aber nicht tolerieren können, wird auf Andri abgewälzt.

Alle Zeugen haben sich an dem Juden verschuldet. Sei es der Wirt, der Andri für seine Mordtat schuldig spricht, der Tischler, der ihm seine weitere berufliche Perspektive verdirbt, der Geselle, der nur seinen eigenen Kopf retten möchte oder der Soldat, der Andri Barblin wegnimmt und ihn an die Schwarzen ausliefert.[33] Der Doktor weist jede Schuld von sich und vertritt, wie er sagt, die Allgemeinheit mit seiner Aussage. Die Andorraner seien für die Ereignisse nicht zur Rechenschaft zu ziehen, teilweise belastet er sogar Andri: „[…] einmal abgesehen davon, dass sein Benehmen (was man leider nicht verschweigen kann) mehr und mehr (sagen wir es offen) etwas Jüdisches hatte.“[34] Der Pater zeigt Reue, sich wie alle Andorraner ein Bildnis von Andri gemacht zu haben. Dennoch bezeugt er, dass er ihm während seinen Gesprächen mit Liebe begegnen wollte. Er gesteht zwar die Bildnisproblematik ein, doch er verschweigt das Offensichtliche, nämlich die Realität.

Der Doktor gilt als Paradebeispiel eines Patrioten, der von den Andorranern hoch geachtet wird. Er bildet keinen Satz, ohne die Worte Heimat oder Andorra zu benutzen: „Andorra ist ein kleines, aber ein freies Land. Wo gibt´s das noch? Kein Vaterland in der Welt hat einen schöneren Namen, und kein Volk auf Erden ist so frei!“[35] oder: „[Es gibt kein Land], dass in der ganzen Welt so beliebt ist wie wir“[36] Durch seine patriotischen Phrasen, erhält er einen großen Stellenwert in Andorra. Was er sagt, ist die Wahrheit. Im Grunde genommen bildet er den Gruppenführer in Andorra. Er ist derjenige, der das Selbstverständliche ausspricht und folglich „die Selbstverständigung der andorranischen Gesellschaft“[37] beschirmt.

4.4 Intention Frischs

Max Frischs Drama „Andorra“ sollte als ein Lehrstück aufgefasst werden bezogen auf die Intoleranz in unserer Gesellschaft. Dadurch, dass Frisch einen Juden als Protagonisten im Stück wählt, werden Bezüge zum Antisemitismus im Dritten Reich gezogen. Jedoch legt Frisch einen großen Wert darauf, dass sein Werk nur ein Modell ist, was jederzeit, überall auf der Welt und auf alle anderen Menschen anwendbar ist. „Andorra“ bezieht sich auf Erfahrungen der Vergangenheit, auf das Jetzt und auf Zukünftiges, denn die Problematik des Vorurteils wird es immer geben.

Frisch möchte ein Zeichen gegen Vorurteile und Diskriminierung setzen mit dem Leitzitat aus der Bibel: „Du sollst dir kein Bildnis machen“, denn Bildnisse führen immer mehr dazu, dass sich zuerst das Individuum ein Bild von sich selbst macht, dann von seinen Mitmenschen und schließlich das Bild des einzelnen von Zeitgenossen und Ereignissen geprägt ist und wird. Die Wahrheit wird dabei eher unterschwellig beachtet.

Darüber hinaus durchbricht Frisch das Illusionstheater, indem er die Schuldigen zwischen den einzelnen Bildern in den Zeugenstand ruft und inszeniert somit „Bewusstseinstheater“[38]. Damit beabsichtigt er, dass die Zuschauer nach Selbsterkenntnis suchen sollen.

Das Werk mit seinem politischen Rahmen und dem immer aktuellen Zeitbezug gehen der Frage nach der Suche des Menschen, sowie der Frage der Abhängigkeit des Individuums von seiner Umgebung nach.

5 Vergleich der Dramen

Im Kern haben die Stücke die gleiche Absicht, die Menschen dazu aufzufordern, über ihre Vorurteile nachzudenken und zu versuchen, diese abzubauen. Jedoch geht Lessing dabei eher auf die Problematik der drei Weltreligionen ein und spricht gegen den Absolutheitsanspruch der Religionen. Frisch dagegen versucht anhand einer einzelnen Person darzustellen, wozu Intoleranz führen kann.

Ihre Religion bereitet den beiden Protagonisten große Schwierigkeiten. Nathan verliert wegen seines Glaubens seine Frau und seine sieben Söhne, die von den Christen in Gath ermordet wurden. Er muss für seine Akzeptanz in der Gesellschaft hart kämpfen, weil er ein Jude ist.

Andri scheitert an der Etablierung in die Gesellschaft, weil er zum einen in keinster Weise als Jude akzeptiert wird, zum anderen aber auch, durch sein eigenes resignierendes Verhalten keine Stärke zeigt.

Die Stücke enden sehr unterschiedlich, was daran liegt, dass Nathan einen guten Menschen verkörpert, indem er aus leidvollen Erfahrungen lernt, sich mit Hilfe seiner Vernunft und seinem Glauben an Gott nach der Liebe zu streben, die frei von jeglichen Vorurteilen ist und auch versucht, diese Liebe an seine Mitmenschen weiterzugeben. Zudem überwindet er durch seinen Glauben die Krise, adoptiert die Christin Recha und schafft es durch seinen guten Umgang mit Menschen, die Figuren des Stücks von Vorurteilen zu befreien und bringt die in den drei Weltreligionen zersplitterte Familie wieder zusammen. Andri hingegen kann seine Krise nicht bewältigen, obwohl er von der Senora über seine wirkliche Herkunft in Kenntnis gesetzt wird. Er wird von der Gesellschaft an den Pranger gestellt und von den Schwarzen ermordet. Frisch wählt diesen Ausgang seines Stückes, um die Bedrohlichkeit von Intoleranz zu verdeutlichen, dass diese sogar zu Mord führen kann.

Es ist erstaunlich, wie Schriftsteller, die von völlig verschiedenen Ereignissen der Geschichte geprägt wurden und aus unterschiedlichen Epochen stammen, das gleiche Ziel verfolgen, die allseitige Toleranz gegenüber Menschen und den Religionen. Dies spricht für die Problematik des Vorurteils und das etwas dagegen unternommen werden muss.

6 Summary

The play “Nathan der Weise“ by Gotthold Ephraim Lessing, was written in the epoch of the Enlightenment, deals with the fragmentation of the three world-religions and is Lessing´s reaction to the “Fragmentenstreit”. The sultan Saladin asks Nathan, which religion is the ´true´ one and Nathan responds with the ring parabola, the drama´s central item. The ring parabola illustrates the human´s equality in front of God, however Lessing wants to emphasize that it depends on each person, how to handle his faith. The author demands to show tolerance in relation to other religions and also turn away from dogmas. He requests the human beings to overcome religious and racial barriers and to develop a communal spirit.

The drama “Andorra” by Max Frisch, deals with the Andorrans´ prejudices towards the alleged Jew Andri. They blame him of all occurences which happened, because he doesn´t match standard norms. Consequently the Andorrans project all feelings of guilt and anxity on Andri. Although Andri finds out that he isn´t a Jew, he doesn´t believe the truth and he further remains on his role as a Jew. Although he is innocent regarding the Senora´s murder, but the “Blacks” identify him as a Jew and because of this, he will be murdered. Frisch stresses that “Andorra” on the one hand doesn´t have anything to do with the small state Andorra and on the other hand there exist no connections to national socialism, because “Andorra” is only a model. He wants to accuse minorities´ discrimination and to warn of imaginary issue, because portraits only consist of prejudices, with which in the worst case death is involved. Altogether the two plays have the only aim to take legal proceedings against the always dominant intolerance between religions or minorities. Each human should strive for his free love without any prejudices.

7 Literaturverzeichnis

Büntig, Karl Dieter: Deutsches Wörterbuch, Chur/Schweiz, 1996;

Diekhans, Johannes (Hrsg.): Gotthold Ephraim Lessing – Nathan der Weise, Paderborn, 1998;

Frisch, Max: Andorra, Frankfurt am Main, 1961;

Hermes, Eberhard: Interpretationshilfen Ideal und Wirklichkeit -

Lessing ,Nathan der Weise´ /Goethe, Iphigenie`/

Brecht , Der gute Mensch von Sezuan`, Stuttgart, 1999;

Kabisch, Eva-Maria: Literaturgeschichte, Stuttgart, 1997;

Kästler, Reinhard: Königs Erläuterungen und Materialien – Max Frisch „Andorra“, Hollfeld, 1986;

Müller-Michaels, Harro (Hrsg.): Deutsche Dramen - Interpretationen zu Werken von der Aufklärung bis zur Gegenwart –Band 2: Von Hauptmann bis Botho Strauß, Königstein, 1981;

Ritscher, Hans: Grundlagen und Gedanken zum Verständnis des Dramas Lessing „Nathan der Weise“, Frankfurt am Main, 1974.

8 Erklärung

Ich versichere, dass ich die Facharbeit einschließlich evtl. beigefügter Zeichnungen, Kartenskizzen und Darstellungen selbst angefertigt habe und keine anderen als die im Literaturverzeichnis genannten Hilfsmittel benutzt habe. Alle Stellen, die dem Wortlaut oder dem Sinn nach anderen Werken entnommen sind, habe ich in jedem einzelnen Fall unter genauer Angabe der Quelle deutlich als Entlehnung kenntlich gemacht.

Ort, Datum Unterschrift

[...]


[1] vgl. Büntig, Karl Dieter: Deutsches Wörterbuch, Chur/Schweiz, 1996, S.1280.

[2] vgl. Kabisch, Eva-Maria: Literaturgeschichte, Stuttgart, 1997, S.10;

[3] vgl. Diekhans, Johannes: Nathan der Weise, Paderborn, 1998, S.73, V.1845;

[4] Diekhans: Nathan der Weise, S.79, V.2017;

[5] ebd., S.79, V.2044;

[6] Diekhans: Nathan der Weise, S.73, V.1848;

[7] vgl. Hermes, Eberhard: Interpretationshilfen Ideal und Wirklichkeit –Lessing ,Nathan der Weise´ Goethe, Iphigenie`/ Brecht , Der gute Mensch von Sezuan`, Stuttgart, 1999, S.32;

[8] Diekhans: Nathan der Weise, S. 78, V.1973;

[9] ebd., S.78, V.1975-1976.

[10] vgl. Ritscher, Hans: Grundlagen und Gedanken zum Verständnis des Dramas Lessing „Nathan der Weise“, Frankfurt am Main, 1974, S. 63;

[11] Diekhans: Nathan der Weise, S.79, V. 2022-2025;

[12] ebd., S.79, V. 2032;

[13] ebd., S. 79, V. 2042;

[14] Diekhans: Nathan der Weise, S. 80, V. 2046;

[15] ebd., S.80, V. 2044;

[16] Diekhans: Nathan der Weise, S.80, V. 2045;

[17] vgl. Hermes, Eberhard: Interpretationshilfen Ideal und Wirklichkeit –Lessing ,Nathan der Weise´ Goethe, Iphigenie`/ Brecht , Der gute Mensch von Sezuan`, Stuttgart, 1999, S.33;

[18] Diekhans: Nathan der Weise, S. 80, V. 2047;

[19] ebd., S.80, V. 2049.

[20] ebd., S.80, V. 2050;

[21] ebd., S.80, V. 2052.

[22] Frisch, Max: Andorra, Frankfurt am Main, 1961, S.8.

[23] Frisch: Andorra, S.155;

[24] vgl. Müller-Michaels, Harro: Deutsche Dramen - Interpretationen zu Werken von der Aufklärung bis zur Gegenwart - Band 2: Von Hauptmann bis Botho Strauß, Königsstein, 1981, S.115;

[25] Müller-Michaels: Deutsche Dramen - Interpretationen zu Werken von der Aufklärung bis zur Gegenwart - Band 2: Von Hauptmann bis Botho Strauß, S. 116;

[26] Frisch: Andorra, S. 39, Z. 30 ff.;

[27] Frisch: Andorra, S.80, Z. 2.

[28] Frisch: Andorra, S.111, Z.6;

[29] Frisch: Andorra, S.113, Z.9;

[30] Frisch: Andorra, S. 64, Z.27-29;

[31] Müller-Michaels: Deutsche Dramen - Interpretationen zu Werken von der Aufklärung bis zur Gegenwart - Band 2: Von Hauptmann bis Botho Strauß, S.115;

[32] Frisch: Andorra, S.38, Z.18.

[33] vgl. Kästler, Reinhard: Königs Erläuterungen und Materialien – Max Frisch „Andorra“, Hollfeld, 1981, S. 66;

[34] Frisch: Andorra, S.96, Z.21-22;

[35] Frisch: Andorra, S.39, Z.1-3;

[36] Frisch: Andorra, S.64, Z.15;

[37] Müller-Michaels: Deutsche Dramen - Interpretationen zu Werken von der Aufklärung bis zur Gegenwart - Band 2: Von Hauptmann bis Botho Strauß, S.120.

[38] Frisch: Andorra, S.154, Z.25.

16 von 17 Seiten

Details

Titel
Frisch, Max - Andorra und Lessing, G.E. - Nathan der Weise - Die Problematik des Vorurteils analysiert und dargestellt anhand der Dramen
Note
15 Punkte
Autor
Jahr
2005
Seiten
17
Katalognummer
V109316
Dateigröße
497 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Frisch, Andorra, Lessing, Nathan, Weise, Problematik, Vorurteils, Dramen
Arbeit zitieren
Nadine Steckenborn (Autor), 2005, Frisch, Max - Andorra und Lessing, G.E. - Nathan der Weise - Die Problematik des Vorurteils analysiert und dargestellt anhand der Dramen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/109316

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