Kafka, Franz - Die Verwandlung - Das Vaterproblem in "Die Verwandlung"


Referat / Aufsatz (Schule), 2003

10 Seiten, Note: 1


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Gliederung

A Biographie und kurze Inhaltsangabe der Erzählung „Die Verwandlung“ von Franz Kafka

B Trifft die Aussage des Kritikers Eugen Loewenstein, das Buch sei ganz Vater­problem, zu oder lässt die Erzählung auch auf andere Konflikte schließen? Aus­arbeitung der Thematik unter Einbeziehung Franz Kafkas Tagebücher sowie seinen „Brief an den Vater“ als autobiographisches Dokument
I Gregors Probleme vor und nach seiner Verwandlung
1. in seinem Beruf
2. in seiner Familie
3. unter dem Aspekt seines Junggesellendasein
II Die Beziehungsproblematik zwischen Vater und Sohn
1. Darstellung des Vaters
a) in Bezug auf seine körperliche Überlegenheit
b) als geistig Überlegener
2. Der Eindruck des Vaters auf den Sohn
a) als Furcht einflößender Tyrann
b) als versagendes Familienoberhaupt
3. Die Verwandlung des Vaters

C Abwägung

D Der Versuch, Kafkas Werke zu interpretieren

Franz Kafka wurde am 3. Juli 1883 als Kind des Kaufmanns Hermann Kafka und seiner Ehe­frau Julie als ältestes von 6 Kindern in Prag geboren. Dort verbrachte er auch den größten Teil seines kurzen Lebens. Der 19 jährige Student Kafka scherzt seinem Schulfreund und Kommi­litonen Oskar Pollak gegenüber: "Prag lässt nicht los. Uns beide nicht. Dieses Mütterchen hat Krallen. Da muss man sich fügen, oder: an zwei Seiten müssten wir es anzünden, am Vyseh­rat und am Hradschin, dann wäre es möglich, dass wir loskommen. Vielleicht überlegst Du es Dir bis zum Karneval."[1] Diese große Verbundenheit zu seinem Lebensumfeld prägen die spä­teren Werke Kafkas sowie die sehr strenge Erziehung, die Kafka über sich ergehen ließ. Kafka stand zeitlebens unter dem gefürchteten Eindruck seines Vaters, wobei er seine Eltern, die ständig mit dem Vergrößern des eigenen Geschäftes beschäftigt waren, nur selten sah. Nach dem Besuch des Humanistischen Staatsgymnasiums in Prag-Altstadt von 1893 bis 1901 studierte Kafka zunächst Chemie, wech­selte jedoch nach zwei Wochen zu den Studienfächern Germanistik und Kunstgeschichte über. Später trat er auf Wunsch seines Vaters ein Jura­studium an, worauf dann nach seiner Promotion im Juni 1906 ein Rechtspraktikum am Landes- und Straf­gericht folgte. Ab Juli 1908 bis zu seiner Pensionierung im Jahre 1922 arbeitete er sehr erfolgreich, aber todunglücklich als Aushilfsbeamter für die Arbeiterunfallver­sicherungsanstalt des Königreichs Böhmen. In einer Tagebuchaufzeich­nung vom 21. August 1913 vermerkt er: „Mein Posten ist mir unerträglich, weil er meinem einzigen Verlangen und meinem einzigen Beruf, das ist der Literatur, widerspricht. Da ich nichts anderes bin als Literatur und nichts anderes sein kann und will, so kann mich mein Posten niemals an sich reißen, wohl aber kann er mich gänzlich zerrütten“[2]. Den einzi­gen Vorteil in seiner Tätigkeit sah er darin, dass er nur bis 14 Uhr Dienst hatte und sich somit dem Schreiben widmen konnte. Im Herbst des Jahres 1912 entstanden Kafkas erste Hauptwerke, näm­lich ein Großteil des Romas „Der Verschollene (Amerika)“ und die beiden Kurzgeschichten „Das Urteil“ und „Die Verwandlung“. In den darauf folgenden Jahren, verfasste er Erzählungen und Romane wie z.B. „Das Urteil“, „In der Strafkolonie“, „Ein Hungerkünstler“, „Der Prozess“ und viele mehr. Kafkas Selbstzweifel und Selbstkritik veranlassten ihn, testamentarisch zu bestimmen, dass sein literarischer Nachlass nach seinem Tod verbrannt werden sollte. Sein Freund und Nach­lass­verwalter Max Brod, kam Kafkas letztem Willen glücklicherweise jedoch nicht nach, sondern ent­zifferte in mühevoller Arbeit die stenographischen Manuskripte der drei großen Romane Kafkas „Der Prozess“, „Das Schloss“, „Amerika“, der kleinen Erzählungen und Prosastücke und schließlich der Tagebücher und Briefe. Bereits 1917 erkrankte Franz Kafka an Lungentuberkulose, was ihn zu mehreren Kuraufenthalten zwang. Im Jahre 1923 starb er im Sanatorium Hoffmann in Kierling bei Wien.

In der längsten und bekanntesten Erzählung Kafkas „Die Verwandlung“ ist die Hauptfigur ein Handlungsreisender namens Gregor Samsa, der eines Morgens als Käfer verwandelt, jedoch weiterhin mit menschli­chen Empfindungen versehen, aufwacht. Er ist besorgt, dass er seiner beruflichen Tätigkeit nicht mehr nachkommen und somit seine Familie nicht mehr ernähren kann. Während die Eltern ent­setzt und angeekelt reagieren, ist seine Schwester Grete die Einzige, die sich zunächst um seine Belange kümmert. Im Verlauf der Handlung distanziert sie sich jedoch ebenfalls von Gregor und fordert am Ende sogar seine Beseitigung. Als er sich eines Nachmittags ins Wohnzimmer verirrt, verliert der Vater die Beherrschung und bewirft ihn mit Äpfeln. Ein Apfel bleibt in seinem Rücken stecken und ruft eine Entzündung hervor. Während sich Gregor tödlich angeschlagen in seinem verschmutzten und verwahrlosten Zimmer aufhält, beobachtet er die Vor­gänge in der Wohnung: Die Eltern und seine Schwester haben eine Arbeit gefunden und an drei Herren wurde unterver­mietet. Eines Abends steckt Gregor seinen Kopf wieder ins Wohnzimmer, während sich die Untermieter dort aufhalten. Es kommt zum Eklat. Gregor muss mit anhören, dass für die Familie steht nun fest, dass er fort­geschafft werden muss. In diesem Augenblick verlassen Gregor seine Kräfte – er schleppt sich mit letzter Kraft in sein Zimmer und stirbt.

Zahlreiche Literaturkritiker haben sich mit Kafkas Werken auseinandergesetzt und sind zu dem Schluss gekommen, dass vor allem seine Erzählung „Die Verwandlung“ autobiographi­sche Züge trägt und als Verarbeitung der problematischen Beziehung Franz Kafkas zu seinem Vater Hermann verstanden werden kann. Auch der Kritiker Eugen Loewenstein schrieb in einer der ersten Buchbesprechungen im „Prager Tagblatt“ vom 9. April 1916: „Das Buch ist ganz Vater­problem“. Ob diese Aussage von Loewenstein, den Franz Kafka persönlich kannte („Ich habe vor ein paar Tagen mit dem einen Chef einer großen Wäschefabrik, Joss und Löwenstein, gespro­chen, Eugen Löwenstein heißt er.“[3] ), zutrifft, soll in dieser Arbeit erörtert werden. Da sich in der Erzählung „Die Verwandlung“ tatsächlich viele Parallelen zu Kafkas Leben finden, bietet es sich an, Kafkas Tagebücher sowie seinen „Brief an den Vater“ (ver­fasst 1919, erschienen 1952) zu Hilfe zu nehmen. Denn dieser handschriftlich über 100 Seiten umfassende Brief ist die einzige größere biographische Äußerung Franz Kafkas, mit dem er nicht nur seinen Vater-Sohn-Konflikt aufarbeiten wollte, sondern auch gewissermaßen eine gesamte Lebensanalyse vornimmt.

Hier muss in erster Linie Kafkas bereits in der Einleitung erwähnte Abneigung zu seinem Beruf als Angestellter der Versicherungsanstalt angesprochen werden. Auch die Fabrik, die er unfreiwillig mit seinem Schwager Karl Hermann betrieb, machte ihm sehr zu schaffen. “Vorgestern Vorwürfe wegen der Fabrik bekommen. Eine Stunde dann auf dem Kanapee über Aus-dem-Fenster-sprin­gen nachgedacht", schreibt Kafka 1912 verbittert in sein Tagbuch[4]. Ähnlich unglücklich ist Gregor Samsa mit seiner Tätigkeit als Reisender, die er nur ausführt, um die Schulden des Vaters zu begleichen und seiner Familie eine Existenz zu sichern. Mit seiner Aussage „Ach Gott, was für einen anstrengenden Beruf habe ich gewählt! … Der Teufel soll das alles holen!“ [S. 6, Z. 4-11] und „Dies frühzeitige Aufstehen macht einen ganz blöd­sinnig“ [S. 6, Z. 19-20] gibt er dem Leser einen ersten Eindruck darüber, wie er seine Arbeit und die damit verbundenen Unannehm­lichkeiten verabscheut. Er betrachtet die Tatsache, dass er ständig auf Reisen ist, als eine ihm auferlegte Plage, die es ihm darüber hinaus nicht möglich macht, regelmäßiges und gutes Essen einnehmen zu können [S. 6, Z. 8-9]. Vor allem aber scheint ihm sein Chef, dem er gerne so die Meinung sagen würde, dass dieser vom Pult falle [S. 6, Z. 30-31], sehr verhasst und gleichzeitig gefürchtet. Er empfindet sich als „Kreatur des Chefs, ohne Rückgrat und Verstand“ [S. 7, Z. 20-21] und verachtet seinen Vorgesetzten, da dieser seine Macht vor allem im Umgang mit den Ange­stellten ausspielt: "Es ist auch eine sonderbare Art, sich auf das Pult zu setzen und von der Höhe herab mit dem Angestellten zu reden, der überdies wegen der Schwerhörigkeit des Chefs ganz nahe herantreten muss." [S. 6, Z. 31-34]. Da Gregor jedoch das Wohlergehen seiner Familie aufs Spiel setzen würde, wenn er sich gegen den Chef auflehnte und Angst hat, seinen Posten zu ver­lieren, was dazu führen könnte, dass „dann der Chef die Eltern mit den alten Forderungen wieder verfolgen würde“ [S. 13, Z. 33-34], versucht er sogar noch nach seiner Verwandlung zum Käfer, seinen dienstlichen Verpflichtungen nachzukommen. Der einzige Hoffnungsschimmer, an den er sich klammert, ist seine Absicht, nach Rückzahlung der Schulden, diese ihm verhasste Anstellung aufzugeben: „…mache ich die Sache unbedingt! Dann wird der große Schnitt gemacht“ [S. 6, Z. 37 - S. 7, Z. 2].

Allerdings ist sich Gregor darüber im Klaren, dass dies erst in frühestens fünf bis sechs Jahren der Fall sein wird. Bis dahin muss er sich weiterhin mit der Rolle des Ernährers seiner Familie abfin­den, was ihn allerdings auch mit einem gewissen Stolz erfüllt („… und fühlte, während er starr vor sich ins Dunkle sah, einen großen Stolz darüber, dass er seinen Eltern und seiner Schwester ein solches Leben in einer so schönen Wohnung hatte verschaffen können“ [S. 25, Z. 8-12]). Doch die­ses Gefühl vermischt sich mit dem Gedanken, ausgenutzt zu werden. Während Gregor unmittelbar nach dem Zusammenbruch des Geschäftes seines Vaters sofort alles unternommen hatte, um mehr zu verdienen und somit seine Familie zu ernähren, denn er hatte „damals mit ganz beson­derem Feuer zu arbeiten angefangen und war über Nacht aus einem kleinen Kommis ein Reisen­der geworden, der natürlich ganz andere Möglichkeiten des Geldverdienens hatte …“ [S. 30, Z. 21-25], unternehmen seine Eltern und seine Schwester nicht das Geringste, um etwas zum Unterhalt beizutragen. Gregor hat zwar Verständnis dafür, dass seine Mutter, die an Asthma leidet und seine Schwester Grete, die erst 17 Jahre alt ist und ihre Jugend noch genießen soll, keiner Arbeit nach­gehen, stellt jedoch fest, dass sein Vater in den fünf Jahren, die er jetzt schon nicht mehr gearbei­tet hat, immer schwerfälliger wird. Hinzu kommt seine Einsicht, dass die Familie es inzwischen als selbstverständlich hin­nimmt, dass Gregor zum Ernährer der Familie geworden ist: „Man hatte sich eben daran gewöhnt, sowohl die Familie als auch Gregor, man nahm das Geld dankbar an …“ [S. 30, Z. 32-34]. Allerdings schmerzt es ihn, dass im Gegensatz zu dem Beginn seiner Ernährerrolle, als er sehen konnte, wie glücklich er seine Familie machte, langsam die Gewohnheit siegt und er mit Bedauern feststellt: „… aber eine besondere Wärme wollte sich nicht mehr ergeben.“ [S. 30, Z. 34-35]. Gregor fühlt sich demnach ausgenutzt und von der Familie ausgeschlossen. Dieser Ein­druck bestätigt sich vor allem nach seiner Verwandlung zum Käfer. Er muss mit­erleben, dass seine Familie sich nicht um Gregor sorgt, sondern sich in erster Linie darüber Gedanken macht, wie sie ohne seinen Verdienst leben können. Darüber hinaus erfährt er, dass sein Vater nicht nur ein kleines Vermögen aus seinem Geschäft retten konnte, sondern auch der monatliche Unterhalts­beitrag Gregors zum Teil angelegt worden war, so dass die Familie etwa zwei Jahre davon leben könnte. Die Ausbeutung seiner Familie zeigt sich in seiner Überlegung, dass man mit den „über­schüssigen Geldern die Schuld des Vaters gegen­über dem Chef weiter abgetragen haben könnte“ [S. 31, Z. 36 – S. 31, Z. 1], was ihm eine vor­zeitige Beendigung seiner ungeliebten Arbeit ermög­licht hätte. Aber nicht nur seine jetzige Nutzlosigkeit macht Gregor unglücklich, sondern auch die Art und Weise, wie seine Eltern sich nun ihm gegenüber verhalten: Er wird in ein Zimmer gesperrt und – später auch von seiner Schwester – wie Ungeziefer behandelt. Anstatt über die Ursachen der Verwandlung nach­zudenken, anstatt Gregor zu helfen („… aber alle hätten ihm zurufen sollen, auch der Vater und die Mutter: ‚Frisch Gregor’ hätten sie rufen sollen, ‚immer nur heran, fest an das Schloss heran’“), lässt die Familie ihn in seiner Verzweiflung alleine („… aber nun wurde die Tür nicht mehr geöffnet und Gregor wartete vergebens“ [S. 25, Z. 23-24]) und geht – jetzt ohne Gregor – ihren eigenen Weg.

Während seines „Käferdaseins“ fügt sich Gregor zunächst in seine Isolierung und zieht sich beschämt und trauernd zurück. Nur einmal wehrt er sich energisch: Als seine Mutter und seine Schwester sein Zimmer ausräumen, verhindert er mit aller Gewalt, dass das Bild, das eine Dame mit Pelzhut und Pelzboa darstellt, von der Wand genommen wird. Das Gemälde hat für ihn offen­bar eine so große Bedeutung, dass er sogar seine geliebte Schwester angreifen würde: „Er saß auf seinem Bild und gab es nicht her. Lieber würde er Grete ins Gesicht sprin­gen.“ [S. 40, Z. 12-13]. Die Überlegung, warum dieses Bild so wichtig für Gregor ist, führt zu der Vermutung, dass die „Pelzdame“ für ihn das Bild einer idealen Frau symbolisiert. Sie bleibt für ihn jedoch unerreichbar, da er schon eine Familie versorgen muss und somit keine eigene gründen kann. Hinzu kommt, dass Gregor als Reisender nur selten Kontakt zu Frauen hat und vielleicht deshalb die Beziehung zu seiner Schwester Grete über eine normale Bruder-Schwester-Beziehung hinausgeht. „Er wollte sie nicht mehr aus seinem Zimmer lassen, wenigstens nicht, so lange er lebte …“ [S. 53, Z. 33-34) und „Gregor würde sich bis zu ihrer Achsel erheben und ihren Hals küssen“ [S. 54, Z. 10-11]. Hier zeigen sich wiederum Paralle­len zu Franz Kafkas Junggesellendasein und seiner ausgesprochen herzlichen Beziehung zu seiner Schwester Ottla. In seinem „Brief an den Vater“ schreibt er „Von Ottla wage ich kaum zu schreiben … Du siehst uns zwar […] oft beisammen, wir flüstern, lachen … Du hast den Eindruck von frechen Verschwörern … sitzen wir beisammen, mit aller Anstren­gung, mit Spaß, mit Ernst, mit Liebe …“[5]. Des weiteren zeigt sich, dass so wie Gregor wegen sei­ner Ernährer­rolle im Grunde seine Familie dafür verantwortlich macht, bisher keine Frau kennen gelernt zu haben („… ein immer wechselnder, nie andauernder, nie herzlich werdender menschli­cher Verkehr“ [S. 6, Z. 9-11]), Kafka seinem Vater die Schuld gibt, dass er sein großes Verlangen nach einer Ehe und nach Kindern nie erfüllen konnte, denn er schreibt: „Und es ist mir dann, als kämen für mein Leben nur Gegenden in Betracht, die Du entweder nicht bedeckst oder die nicht in Deiner Reich­weite liegen, … und besonders die Ehe ist nicht darunter.“[6].

Hier zeigt sich schon ganz deutlich die Beziehungsproblematik, die zwischen Franz Kafka und sei­nem Vater bestand und auch bei Gregor und seinem Vater in „Die Verwandlung“ wieder zu finden ist. Sie beginnt bei der äußerlichen Erscheinung Hermann Kafkas. Sein Sohn Franz schreibt „Ich mager, schwach, schmal, Du stark, groß, breit. Schon in der Kabine kam ich mir jämmerlich vor, und zwar nicht nur vor mir, sondern vor der ganzen Welt, denn Du warst für mich das Maß aller Dinge.“[7] Demgegenüber sieht Gregor seinen Vater „… recht gut aufgerich­tet, in eine straffe blaue Uniform mit Goldknöpfen gekleidet …“ [S. 42, Z. 17-18] und staunt „über die Riesengröße seiner Stiefelsohlen“ [S. 42, Z. 31-32]. Ebenso fällt ihm auf, dass der Blick der schwarzen Augen seines Vaters frisch und aufmerksam ist und er auf seine äußere Erscheinung bedacht ist, denn „… das sonst zersauste weiße Haar war zu einer peinlich genauen, leuchtenden Scheitelfrisur niedergekämmt“ [S. 42, Z. 21-24]. Diese Feststellung ist für Gregor umso bedeutender, als er selbst, als Käfer ver­wandelt, nur noch über „… kläglich dünne Beine“ [S. 5, Z. 10] verfügt, die „ununterbrochen in der verschiedensten Bewegung waren und die er überdies nicht beherrschen konnte“ [S. 9, Z. 14-15]. Auch seine Sehfähigkeit büßt er ein, „denn tatsächlich sah er von Tag zu Tag die auch nur ein wenig entfernten Dinge immer undeutlicher“ [S. 33, Z. 1-2] und im Gegensatz zum gepflegten Äußeren seines Vaters sieht er sich als Ungeziefer, das am Ende aus Desinteresse allem gegen­über zu einem ver­wahrlosten Insekt verkommt („…war auch er ganz staubbedeckt; Fäden, Haare, Speiseüber­reste schleppte er auf seinem Rücken und an den Seiten mit sich herum; seine Gleich­gültig­keit gegen alles war viel zu groß, als dass er sich, wie früher mehrmals während des Tages, auf den Rücken gelegt und am Teppich gescheuert hätte“ [S. 52, Z. 37 – S. 53, Z. 5]).

Doch nicht nur die Betrachtungsweise der körperlichen Überlegenheit des Vaters dem Sohn gegenüber zeigt den offenen Konflikt. Franz Kafka schreibt in seinem „Brief an den Vater“: „Ver­gleiche uns beide: ich, … der aber eben nicht durch den Kafka'schen Lebens-, Geschäfts-, Erobe­rungswillen in Bewegung gesetzt wird, … Du dagegen ein wirklicher Kafka an Stärke, Gesundheit, Appetit, Stimmkraft, Redebegabung, Selbstzufriedenheit, Weltüberlegenheit, Ausdauer, Geistes­gegenwart, Menschenkenntnis, einer gewissen Großzügigkeit ...“[8] Diese von Franz Kafka empfundene geistige Unter­legenheit und der Versuch, sich dagegen aufzu­lehnen, werden auch bei Gregor Samsa ersichtlich. Gregor zeigt Geschäftswillen („dessen Arbeitserfolge sich sofort in Form der Provision zu Bargeld verwandelten“ [S. 30, Z. 25-26]) sowie Großzügigkeit, denn seinen Verdienst opfert er der Familie, „er selbst hatte nur ein paar Gulden für sich behalten“ [S. 31, Z. 32-22] und er plant, seine Schwester Grete aufs Konser­vatorium zu schicken „ohne Rücksicht auf die großen Kosten, die das verursachen musste“ [S. 31, Z. 2-3]. Auch seine Ausdauer wird dadurch belegt, dass Gregor während seines fünfjähri­gen Arbeitsverhältnisses noch nicht einmal krank war [S. 7, Z. 23] und ihm eine Krankmeldung „äußerst peinlich und verdächtig“ vorkäme [S. 7, Z. 22-23]. Eine weite­re Problematik, nämlich die Unfähigkeit Kafkas, sich in Gegenwart seines Vaters auszudrücken, findet sich nicht nur in seinem „Brief an den Vater“ sondern auch in der Erzählung „Die Verwand­lung“. Kafka Worte: „Ich wäre ja wohl auch sonst kein großer Redner geworden, aber die gewöhn­lich fließende menschliche Sprache hätte ich doch beherrscht. Du hast mir aber schon früh das Wort verbo­ten, deine Drohung: ‚kein Wort der Widerrede’ und die dazu erhobene Hand begleiten mich schon seit jeher. Ich bekam von dir - du bist, sobald es um deine Dinge geht, ein ausgezeich­neter Redner - eine stockende, stotternde Art des Sprechens …“[9] erinnern an die Szene, als Gregor mit Schreck feststellen muss, dass seine Stimme „wohl unverkennbar seine frühere war, in die sich aber, wie von unten her, ein nicht zu unterdrückendes, schmerzliches Piepsen mischte, das die Worte förmlich nur im ersten Augenblick in ihrer Deutlich­keit beließ, um sie im Nachklang derart zu zerstören, dass man nicht wusste, ob man recht gehört hatte“ [S. 8, Z. 3-8]. Die auffallende Häufigkeit, mit der ausgeführt wird, dass Gregor aufgrund sei­ner neuen Art sich zu äußern, nicht mehr „verstanden“ wird [S. 16, Z. 5; Z. 24; S. 21, Z. 7; S. 22, Z. 17; S. 28, Z. 32] lässt vermuten, dass Franz Kafka sein Leben lang darunter litt, in Gegenwart sei­nes Vaters nervös zu werden und deshalb zum Stottern neigte, was er durch das Niederschreiben seiner Werke zu verarbeiten suchte.

Dass Franz Kafka nicht nur nervös wurde, wenn er seinen Vater sah, sondern regelrecht Angst vor ihm hatte, belegen zahlreiche Stellen in seinem „Brief an den Vater“, wobei er interessanterweise viele seiner negativen Erfahrungen Gregor Samsa erleben lässt. Wie oben bereits ausgeführt, erinnert sich Kafka an die erhobene Hand seines Vaters. Auch in seiner Erzählung „Die Verwandlung“ ist es einzig und allein der Vater, der gegen Gregor die Hand erhebt, denn „jeden Augenblick drohte ihm doch von dem Stock in des Vaters Hand der tödli­che Schlag auf den Rücken oder auf den Kopf“ [S. 22, Z. 31-33]. So, wie Franz Kafka seinen Vater mehrfach als Tyrannen bezeichnet, der ihm Angst und Schrecken einflößte, stellt er Gregors Vater dar und lässt ihn gewalttätig und brutal erscheinen: „Der Vater ballte mit feind­seligem Ausdruck die Faust, als wolle er Gregor in sein Zimmer zurück­stoßen …“ [S. 18, Z. 17-19], was er schließlich zum Ende des ersten Teils auch tut: „ da gab ihm der Vater von hinten einen jetzt wahrhaftig erlösenden starken Stoß, und er flog, heftig blutend, weit in sein Zimmer hinein. Die Tür wurde noch mit dem Stock zugeschlagen, dann war es endlich still“ [S. 23, Z. 30-34]. Auch die Aussage Kafkas „Schrecklich war es auch, wenn du schreiend um den Tisch herumliefst, um einen zu fassen, offenbar gar nicht fassen wolltest, aber doch so tatest und die Mutter einen schließlich scheinbar rettete“[10], erinnert an die Szene, in der Herr Samsa Gregor mehrmals durch das Zimmer jagt („So machten sie mehrmals die Runde um das Zimmer …“ [S. 42, Z. 37 - S. 43, Z. 1]), wobei sich Gregors Vater in keiner Weise dadurch beeindrucken lässt, dass die Kräfte Gregors sichtbar nachlassen, „denn während der Vater einen Schritt machte, musste er eine Unzahl von Bewegungen ausführen“ [S. 43, Z. 8-10]. Hier zeigt sich der autobio­graphische Gehalt dieser Erzählung sehr deutlich, denn Kafka stellt bei einem Vergleich seines Lebens mit dem seines Vaters frustriert fest: „Es ist so, wie wenn einer fünf niedrige Treppenstufen hinaufzusteigen hat und ein Zweiter nur eine Treppenstufe, die aber so hoch ist wie jene fünf zusammen“[11]. Ähnlich wie Franz Kafka, der sich darüber im Klaren ist, dass er nie den Ansprüchen seines Vaters gerecht werden kann und sich daher von seinem Vater abwendet („…hier war ich tatsächlich ein Stück selbstständig von dir wegge­kommen, wenn es auch ein wenig an den Wurm erinnerte, der, hinten von einem Fuß nieder­getreten, sich mit dem Vorderteil losreißt und zur Seite schleppt …“[12] ), versucht auch Gregor, schwer verletzt durch einen Apfel, den sein Vater nach ihm wirft, sich in sein Zimmer zu schleppen, „in der Hoffnung, als könne der überraschend unglaubliche Schmerz mit dem Ortswechsel vergehen“ [S. 43, Z. 30-31].

Während der darauf folgenden Wochen, in denen Gregor nicht nur an seiner Verwundung leidet sondern auch beginnt, Nahrung zu verweigern, wird ihm gestattet, am Abend durch die geöffnete Zimmertür am Familienleben teilzuhaben. Wenn die Türe geöffnet wird, überfällt ihn manchmal der Gedanke, „die Angelegenheiten der Familie ganz so wie früher wieder in die Hand zu nehmen“ [S. 47, Z. 14-16]. Vor seiner Verwandlung stellt sich die Situation so dar, dass Gregor die Rolle des Vaters ausführt, während der Vater allerdings die Rolle des Fami­lienoberhauptes weiterhin reprä­sentiert. Während der Sohn durch seine Arbeit die Schulden seines Vaters begleicht und darüber hinaus für den Unterhalt der gesamten Familie aufkommt, sieht der Tagesablauf des Vaters so aus, dass er am Morgen lange schläft, dann stundenlang am Frühstückstisch die Zeitung liest [S. 18, Z. 32-36], um sich nach dem Mittagsschlaf eben­falls wieder der am Nachmittag erscheinenden Zeitung zu widmen. Er versucht, seine schein­bare Autorität zu unterstreichen, indem er der „Mutter und manchmal auch der Schwester mit erhobener Stimme vorzulesen pflegt“ [S. 25, Z. 1-2]. Anstatt sich um die Existenz seiner Fami­lie zu kümmern, lässt er sich gehen und begrüßt seinen Sohn am Abend im Lehnstuhl liegend, ohne sich die Mühe zu machen aufzustehen. Er ist zu träge, das Haus zu verlassen; lediglich an ein paar Sonntagen im Jahr und an den höchsten Feiertagen bequemt er sich, mit Gregor und der Mutter kleine Spaziergänge zu machen. Auch versucht er Autorität zu demonstrieren, indem er „wenn er etwas sagen wollte, fast immer stillstand und seine Begleitung um sich ver­sammelte“ [S. 42, Z. 15-16]. Aufgrund des Nichtstuns seines Vaters bean­sprucht Gregor die Rolle des Familienoberhaupts, so dass ein Machtkonflikt zwischen Vater und Sohn unver­meidbar ist.

Allerdings muss Gregor nach seiner Verwandlung und der hieraus resultierenden „Arbeits­unfähig­keit“ feststellen, dass sein Vater durchaus bereit ist, seinen bequemen Ruhestand aufzugeben und die Zukunftsplanung der Familie zu übernehmen. Aus dem alten, schwerfälli­gen Mann, „der schon fünf Jahre nichts gearbeitet hatte und sich jedenfalls nicht viel zutrauen durfte“ [S. 32, Z. 12-13] wird ein aufrecht gehender, gepflegter, aktiver Familienvater, der wieder einer Arbeit nachgeht und gemeinsam mit Mutter und Tochter fähig ist, auch ohne Mit­hilfe seines Sohnes die Familie zu ernähren. Dieses Wissen vermittelt Gregors Vater ein neues Selbstbewusstsein und ein neues Lebensgefühl. Dies zeigt sich nach Gregors Tod, wenn er mit seiner Frau und Grete einen Ausflug ins Grüne unternimmt und er gemeinsam mit ihnen feststellt, dass die Zukunftsaussichten durchaus nicht schlecht seien, da ihre Anstellun­gen sehr lukrativ und besonders für später viel versprechend seien [S. 63, Z. 20].

Am Ende dieser umfangreichen Analyse der Erzählung „Die Verwandlung“ und die Unter­suchung der Probleme Gregors speziell hinsichtlich der Vater-Sohn-Beziehung kann fest­gestellt, dass der Kritiker Eugen Loewenstein einerseits Recht hat mit seiner Ansicht, das Buch behandle einen Vater-Sohn-Konflikt. Allerdings kann nicht behauptet werden, die Geschichte sei „ganz Vater­problem“, da auch andere Probleme, wie zum Beispiel Gregors Stellung innerhalb der Familie sowie seine Abneigung zu seinem Beruf eine nicht unwesentli­che Rolle spielen.

Bei dem Vorhaben, Kafkas Werke zu interpretieren, wird man immer wieder dazu verleitet, einen biographischen Zusammenhang zwischen dem jeweiligen Hauptdarsteller und Kafka selbst herzu­stellen. Besonders bei der Erzählung „Die Verwandlung“ ist die Versuchung groß, da es unüber­sehbare Ähnlichkeiten zwischen der Familie Samsa und der Familie Kafka gibt. Diese Parallelen wurden unter Verwendung Kafkas Tagebücher sowie seinen „Brief an den Vater“ immer wieder belegt. Allerdings dürfen seine Werke nicht rein biographisch gedeutet werden, da sonst schnell Fehlinterpretationen entstehen könnte. Vielleicht ist die Tatsache, dass Kafka zu Lebzeiten fast völlig unbekannt war und nach dem Tode rasch zu einer Welt­berühmtheit wurde, der Grund dafür, dass bei kaum einem Dichter die Meinungen und Deu­tungen zu seinen Werken so weit auseinan­der gehen wie bei Kafka. Deshalb bietet es sich an, diese Arbeit mit einem Zitat des Literaturkritikers Willy Haas zu beenden: „Ich kann es mir nicht vorstellen, wie irgendein Mensch ihn überhaupt verstehen kann, der nicht in Prag und nicht um 1890 oder 1880 geboren ist. Deshalb verstehe ich auch keinen der Tausenden Essays, die über Kafkas Werke geschrieben wurden …. da doch jedes Wort, das hin­zugefügt wird, überflüssig ist und den Inhalt nur verschleiert.“[13]

[...]


[1] Johanneum Lüneburg Informationssystem, http://www.fh-lueneburg.de

[2] Kafka, Franz: Tagebücher, in: Franz Kafka, Gesammelte Werke, hrsg v. Max Brod, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, 1993

[3] Brief an Grete Bloch am 20.06.1914, in: www.homepage.uibk.ac.at

[4] Kafka, Franz: Tagebücher, in: Franz Kafka, Gesammelte Werke, hrsg v. Max Brod, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, 1993

[5] Kafka, Franz: Brief an den Vater, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, 1996

[6] ebd.

[7] ebd.

[8] Kafka, Franz: Brief an den Vater, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, 1996

[9] ebd.

[10] Kafka, Franz: Brief an den Vater, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, 1996

[11] ebd.

[12] ebd.

[13] Leonhard Brosch, Kafka und Prag, in: Franz Kafka, Nachwirkungen eines Dichters, Verlag J. Pfeiffer, München, 1983

10 von 10 Seiten

Details

Titel
Kafka, Franz - Die Verwandlung - Das Vaterproblem in "Die Verwandlung"
Veranstaltung
11. Klasse
Note
1
Autor
Jahr
2003
Seiten
10
Katalognummer
V109325
Dateigröße
429 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kafka, Franz, Verwandlung, Vaterproblem, Klasse
Arbeit zitieren
Michael Denkler (Autor), 2003, Kafka, Franz - Die Verwandlung - Das Vaterproblem in "Die Verwandlung", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/109325

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