Nationalsozialistische Außenpolitik 1933 bis 1939: Bündnispolitik, Einschüchterung und Beschwichtigung


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004

20 Seiten, Note: 2,0


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Gliederung / Inhaltsverzeichnis

1. Hinführung zum Thema und Herleitung sowie Erläuterung der Fragestellung

2. Aufbereitung der zugrundeliegenden Theorie des Sozialkon- struktivismus

3. Analyse der Deutschen Außenpolitik von 1933 bis 1939 an ausgewählten Beispielen
3. 1. Ziele nationalsozialistischer Außenpolitik
3. 2. Nationalsozialistische Außenpolitik gegenüber Großbritannien 1933 bis 1939
3. 3. Nationalsozialistische Außenpolitik gegenüber der Sowjetunion 1933 bis 1939

4. Abschließende Würdigung durch den Verfasser

5. Literatur

Erklärung an Eides Statt

Hiermit erkläre ich, Adrian H. Hoos, daß meine im Rahmen des Seminares im Grundstudium der Politikwissenschaft an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Internationale Beziehungen, bei Ersin Özsahin angefertigte Hausarbeit mit dem Titel ‘Nationalsozialistische Außenpolitik 1933 bis 1939: Bündnispolitik, Einschüchterung und Beschwichtigung’ ausschließlich in eigenständiger Arbeit bzw. unter Zuhilfenahme zugelassener Hilfsmittel entstanden ist.

Ich weise im übrigen darauf hin, daß Grundlage der vorliegenden Arbeit aus grundsätzlichen Erwägungen der Ästhetik sowie der Sinnbildung die unreformierte deutsche Orthographie sein wird. Bei personalen Begriffen sei die ausschließlich verwendete männliche Wortform als die weibliche Wortform einschlie- ßend begriffen.

Büttelborn/Mainz, den 30.12.2005,

Adrian H. Hoos

1. Hinführung zum Thema und Herleitung sowie Erläuterung der Fragestellung

Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten am 31.01.1933 nahm das Deutschland der Wei- marer Republik unwiederbringlich sein Ende. Innenpolitisch setzte eine Zeit der Repression ge- gen politische Gegner und Demokraten ein, außenpolitisch wurde neben der Revision des Ver- sailler Vertrages vor allem die Wiederaufrüstung und die wehrpolitische Gleichberechtigung Deutschlands.1

Nirgendwo jedoch sei Hitlers Handschrift als Diktator jedoch deutlicher zu erkennen als im Willen zum Krieg, den er Deutschland und Europa aufzwang. Diesen habe er nach einem klaren Programm geplant und durchgeführt, welches er bereits 1924 in seinem Werk 'Mein Kampf' formuliert hatte. Unter Verarbeitung bereits virulenter Rasseideologie und damit verknüpften Sozialdarwinismus habe er die Überlegenheit der arischen Rasse und die damit verbundene Notwendigkeit der Lebensraumgewinnung frühzeitig proklamiert2.

Zugute gekommen sei Hitler dabei die Möglichkeit, die Vorbereitung des mit der Lebensraum begründeten Ostkrieges zunächst hinter der Fassade traditioneller Revisions- und Großmachtpolitik verbergen zu können, obwohl die nationalsozialistische Außenpolitik von Beginn an 'Kriegspolitik im inne einer kriegerischen Risikopolitik'3 war. Die Wiederaufrüstung, die Wiedereinführung der Wehrpflicht (1935), die Remilitarisierung des Rheinlandes (1936) sowie der 'Anschluß' Österreichs (1938) fallen unter dieses Phänomen.4

Nennenswerter Widerstand der Westmächte Großbritannien und Frankreich, aber auch der Sow- jetunion, waren dabei nicht wahrzunehmen. Prominentes Beispiel war die 'Beschwichtigungspoli- tik' Chamberlains, der 1938 zunächst die Tschechoslowakei zum Opfer fiel, bevor das Scheitern der Beschwichtigung mit dem Kriegsbeginn durch Deutschland endgültig offenkundig wurde.

Doch auch das Verhalten Deutschlands war den verschiedenen Staaten gegenüber durchaus un- terschiedlich. So waren die Töne gegenüber Frankreich oder der Tschechoslowakei durchaus aggressiver und offensiver als gegenüber Großbritannien und der Sowjetunion - und dies, ob- wohl auch diese Staaten als langjährige gefestigte Demokratie im einen und kommunistische

Weltmacht im anderen Falle durchaus politisch-weltanschaulich durchaus kontrovers zum Nationalsozialismus standen.

Diese Politik der Einschüchterung und Beschwichtigung soll im Rahmen dieser Hausarbeit zu erklären versucht werden. Bedienen werde ich mich dabei der Theorie des Sozialkonstruktivismus, die von Alexander Wendt begründet und vertreten wurde. Beispielhaft ausgewählt wurden hierfür die beiden unterschiedlichen Staaten Großbritannien und Sowjetunion, weil erstens die ihnen seitens der nationalsozialistischen Führung zugemessene Bedeutung für den Kriegsfalle als auch die ideologisch-rassische Sicht auf diese Staaten differierten.

2. Aufbereitung der zugrundeliegenden Theorie des Sozialkonstruktivismus

Meine Hausarbeit wird - wie bereits in der Einleitung dargelegt - auf der Theorie des Sozialkon- struktivismus des Alexander Wendt basieren. Grundlage der Theorie ist die Annahme, daß die Internationalen Beziehungen - wie alle Phänomene der sozialen Welt - ein soziales Konstrukt seien5. Dies impliziert zwei Grundannahmen: Erstens, daß die Strukturen der Internationalen Beziehungen sozial sind und zweitens, daß sie die Identitäten und Interessen der Akteure beein- flussen.6

Als Akteure verstehen wir in diesem Zusammenhange anthropomorphisierte Staaten - d.h. ihnen werden menschliche Eigenschaften wie Identitäten, Interessen und Zweckbestimmtheit im Han- deln zugerechnet.7 Der Staat ist demnach definiert als ‘an organizational actor possessing sover- eignty and a territorial monopoly on organized violence, whose form is constituted in relation to the society it governs by a structure of political authority’.8 Das Handeln einzelner Akteure gegenüber anderen Akteuren konstruiert sich nach Wendt aufgrund von Bedeutungen, die die anderen Akteure für den Handelnden haben.9

Die daraus resultierenden ‚collective meanings’10 erschaffen die Struktur der Internationalen Beziehungen. Sie konstituieren und determinieren beim einzelnen Akteur11 dessen Identitäten, die wiederum in vier Teil-Identitäten zu gliedern sind12:

1.) Personale Identitäten: Sie umfassen die inneren Qualitäten eines Staates. Diese machen seine Individualität aus, grenzen ihn also gegen andere Staaten ab. Folgerichtig zählt hier- zu vor allem das Staatsgebiet als neben dem Staatsvolk und der Staatsgewalt konstitutiven Elemente eines Staates.
2.) Kulturelle Identitäten: Hiermit sind stabile, rollenspezifische Voraussetzungen und Er- wartungen gemeint, die der Akteur sich selbst zuweist. Dies geschieht, indem er sich aus der Perspektive anderer Akteure betrachtet. Aufgrund dessen, daß ein Staat in Beziehung zu sehr viel mehr als nur einem anderen Staat stehen kann und also mehrere Rollen ein- nimmt, kann jeder Staat auch mehrer kulturelle Identitäten aufweisen, die jeweils nur in Bezug zur jeweils erforderlichen Gegenrolle des spezifischen anderen Staates bestehen und durch das hierdurch geprägte Verhalten des Gegenüber bestätigt werden. Jemand kann also nur die Rolle des Arztes wahrnehmen, wenn andere die Gegenrolle des Patien- ten einnehmen und ihn so in seiner Rolle bestätigen. Auch ein ausgebildeter Arzt kann - trotz seiner Ausbildung - in die Rolle des Patienten gelangen, wenn er einer Behandlung auf einem ihm fachfremden Gebiet bedürftig wird. Kulturelle Identitäten versetzen die Staaten in die Lage ‚ to see situations as calling for taking certain actions, and thus for de- fining their interests in certain ways’.13

Diese beiden Teilidentitäten als die entscheidenden Teilidentitäten für Fortschritte auf dem Ge- biet des dieser Arbeit zugrundeliegenden Erkenntnisinteresses sollen hierbei in der Genauigkeit ihrer Darstellung genügen. Wendt unterscheidet weiterhin ‚type identities’, die die Zugehörigkeit zu einer speziellen Gruppe kennzeichnen, zu welcher der Akteur durch bestimmte ihm innewoh- nende Characteristica gehört, sowie ‚corporate identities’, welche als Kombination von ‚role i- dentity’ und ‚type identity’ die Identifikation zwischen einem Individuum und einem anderen ermöglicht14.

Identitäten implizieren Interessen, sind allerdings nicht auf diese reduzierbar. Identitäten zeigen die Eigenschaften des Akteurs an, während Interessen darauf deuten, was er zielhaft anstrebt - also seine Motivation zur Teilnahme an sozialen Handlungen: ‚Without interests identities have no motivational force, without identities interests have no direction’.15

Dabei unterscheidet Wendt zwischen objektiven und subjektiven Interessen16, wobei man die subjektiven Interessen auch als Präferenzen bezeichnet. Diese geben an, auf welche Weise die objektiven Interessen erreicht werden sollen, und stellen somit die eigentlichen Motivationskräfte dar. Kulturelle Identität hängt mit subjektiven Interessen zusammen, während objektive Interessen mit der personalen Identität korrelieren. Bei Nichterfüllung der Interessen, ist der Erhalt der Identität in beiden Fällen nicht gesichert.

Die mit der personellen Identität zusammenhängenden objektiven Interessen werden auch natio- nale Interessen genannt. Diese sind: Physische Sicherheit, Autonomie, ökonomische Wohlfahrt und kollektive Selbstachtung.17 Eigennutz ist dabei keine Notwendigkeit zum Identitätserhalt, sondern eine Präferenz, die beschreibt, wie man die Notwendigkeiten erfüllt: ‚Self-interest is a- bout motivation, not behavior’.18 Sowohl Interessen als auch Identitäten werden erst während der Interaktionen definiert.

Im Verlaufe der Interaktion kann es zu zwei Verhaltensweisen bzw. Interaktionsformen kommen: Imitation steht sozialem Lernen gegenüber19, wobei letzteres das Bedeutendere ist. Hierzu stellen wir uns folgenden Vorgang vor20: Zwei Akteure A und B treffen sich zum ersten Mal. Beide sind sich gegenseitig unbekannt, habe hingegen ein Selbstbild und eigene Fähigkeiten bzw. Ressour- cen. A definiert diese Situation ebenso für sich wie B und handelt aufgrund dieser Definition, welche B unbekannt bleibt. In die Situationsdefinition geht zudem das Fremdbild vom jeweils anderen ein, wie A bzw. B sich den anderen jeweils wünschen. B definiert bzw. Bewertet nun A’s Aktion unter Berücksichtigung seiner eigenen vorhergehenden Definition der Situation und seines Selbstbildes. B reagiert aufgrund dieser Bewertung, womit er seinerseits sich selbst und auch A eine ihm genehme Rolle zuweist. Nun interpretiert und reagiert A wiederum auf B vor- hergehende (Re-)Aktion. So kommt ein Kreislauf des Agierens und Reagierens jeweils auf Basis eigener und von denen des Gegenüber unabhängigen Definitionen in Gang, in dessen Verlauf die Identitäten und Interessen beider Akteure für den jeweils anderen erkennbar werden - und sich ändern können: ‚This process of signaling, interpreting, and responding completes a 'social act' and begins the process of creating intersubjective meanings’.21 Bei einem fortwährenden Prozeß dieser Art entwickeln beide beteiligten Akteure stabile Konzepte über sich selbst sowie den je- weils anderen, welche sie auf der nächsten Stufe der Interaktion in ihre Interpretation mit einbe- ziehen. Die hiermit einhergehende Teilung des Wissens wird eine internationale Kultur konstitu- iert. Für diese ist es von allergrößter Bedeutung, wie die Akteure sich darstellen, da die Selbst- darstellung schließlich Ausgangspunkt für die Interpretation und Reaktion des jeweils anderen ist.

Wendt unterscheidet zwischen drei Struktur-Idealtypen, welche im internationalen System entstehen können und auf den Rollen Fein, Rivale oder Freund basieren.

1.) Feindschaft entsteht, wenn A sich so darstellt, daß er B’s Recht auf Existenz, Autonomie und Souveränität nicht anerkenne will. B wird dadurch gezwungen, A als Feind anzuer- kennen und entsprechend zu handeln. Ob eine wirkliche Bedrohung von A ausgeht, ist dabei nicht weiter von Belang, ebensowenig die A durch B zugeschriebenen Absichten. Durch diese Logik der Feindschaft, die eine Logik der Bedrohung ist, werden allmählich beide Akteure tatsächlich zur Bedrohung füreinander. Diesen Zustand des - im schlimms- ten Falle - ‚War of all against all’ bezeichnet Wendt als ‚Hobbesian Culture’.22 Der Dar- stellung A’s als Feind folgt die Selbstdarstellung B’s ebenfalls als Feind, wobei die Ent- scheidungsfindungen auf worst-case-Annahmen und relativen Gewinnen beruhen. In ei- nem Gewaltkreislauf, in dem relative Gewinne zählen, ist folgerichtig, daß keiner der Akteure freiwillig auf die Begrenzung der eingesetzten Mittel (Gewalt) verzichten wird.
2.) Die zweite Strukturmöglichkeit ist die ‚Lockean Culture’23, welche die Rollen der Riva- len bestimmt. Das Recht auf Existenz und Souveränität wird gegenseitig im Grundsatz anerkannt, was zu einer Regulierung und einer Begrenzung der ausgeübten Gewalt führt. Gewalt bleibt jedoch grundsätzlich nicht ausgeschlossen, weshalb relative Gewinne auch hier noch eine Rolle spielen.
3.) Der letzte Struktur-Idealtyp ist die ‚Kantian Culture’ auf der Basis des Rollenbildes des Freundes.24 Dieses herrscht vor, wenn die Regeln der Gewaltlosigkeit und der gegenseiti- gen Hilfe von allen Akteuren befolgt werden. Diese Regeln existieren unabhängig von- einander und sind gleichbedeutend. Freundschaft ist dabei zeitlich nicht begrenzt; die ei- genen Interessen sind dauerhaft die Interessen des anderen.

Die beschriebenen Kulturen sind dabei ‚self-fulfilling prophecies’25 und neigen von daher zur Reproduction, doch ist eine Änderung dennoch nicht ausgeschlossen, da die Kulturen letztlich auf Ideen und gemeinsamen Vorstellungen beruhen. Entscheidend für die Möglichkeit einer Än- derung ist der Grad der Internalisierung der Kultur.26 Den Zwang der Internalisierung betrachtet Wendt dabei als den ersten (schwächsten) Grad, der daher die größten Möglichkeiten einer Ände- rung bietet - in jenem Moment nämlich, in dem der Zwang entfällt. Bei Internalisierung der Kul- tur aus eigenem Interesse besteht die Möglichkeit einer Änderung, sobald die Kosten der Interna- lisierung höher sind als ihre Gewinne. Eine Internalisierung, die auf Legitimität beruht, ist hinge- gen kaum zu ändern. Den Regeln der Kultur wird nicht mehr aus reinem Eigennutz Folge geleis- tet, sondern weil sie als legitim und gut erachtet werden und der Akteur sich mit ihnen identifi- ziert: ‚The more deeply that a structure of shared ideas penetrates actors´ identities and interests the more resistant to change it will be.’27

Die Struktur des internationalen Systems ändert sich demnach, wenn die Akteure sich selbst redefinieren - und zwar sowohl ihre Identität als auch ihre Interessen. Hiermit geht logisch eine Änderung der Interaktion einher, welche wiederum die Struktur bestimmt.

3. Analyse der deutschen Außenpolitik 1933 bis 1939 an ausgewählten Beispielen

3.1. Ziele nationalsozialistischer Außenpolitik

Die Außenpolitik des Nationalsozialismus war zunächst von einem deutlichen Revisionismus geprägt, womit sie sich von der Außenpolitik bis 1933 nicht grundlegend unterschied28. Der Revisionismus hatte dabei mehrer Aspekte29:

1.) territorial - Wiederherstellung der Grenzen von 1914, Anschluß Österreichs, Räumung der besetzen Gebiete, Aufhebung der Demilitarisierung des Rheinlandes
2.) finanziell - Lösung der Reparationsfrage
3.) militärpolitisch - Aufhebung der deutschen Rüstungsbeschränkungen, Wiederherstellung der unbeschränkten Wehrhoheit
4.) politisch-moralisch - Revision der Kriegsschuldthese nach Artikel 231 des Versailler Vertra- ges
5.) kolonialpolitisch - Rückgabe der ehemaligen Kolonien
6.) machtpolitisch - Anerkennung des Deutschen Reiches als Großmacht
7.) ökonomisch - Wiedererlangung der handelspolitischen Souveränität und Ausbau der deut- schen

Wirtschaftskraft

Bei genauer Betrachtung lassen sich all diese Aspekte einer der Identitäten oder den aus ihnen erwachsenden Interessen nach Kapitel 2 zuordnen: Das Territorium (1) ist der personellen Identi- tät zuzuordnen, die Militärpolitik (4) als Ausdruck der hieraus resultierenden 'nationalen Interes- sen'. Hierunter fällt auch der wirtschaftspolitische Aspekt (7), der - zusammen mit der Reparati- onsfrage (2) das nationale Interesse der Volkswohlfahrt abbildet; die Reparationsfrage kann auch - in Verbindung mit der Kriegsschuld (4) das nationale Interesse an der kollektiven Selbstachtung erfüllen. Der machtpolitische (6) Aspekt ist - ebenso wie der kolonialpolitische (5) - der Kulturellen Identität zuzurechnen (das Reich sieht sich selbst als Großmacht und will auch als solche gesehen werden).

Die Durchsetzung dieser Ziele auf kriegerischem Wege wurden dabei von Beginn an angestrebt. Nationalsozialistische Außenpolitik hatte vor allem den Zweck 'der Erhaltung, Förderung und Ernährung unseres Volkes für die Zukunft'30, weshalb die nationalsozialistische Bewegung 'ver- suchen (mußte), das Mißverhältnis zwischen unserer Volkszahl und unserer Bodenfläche (...) als Nährquelle (...) wie auch als machtpolitischer Stützpunkt (...) zu beseitigen'31. Sie war demnach in ihren Zielen vor allem den nationalen Interessen, wie sie sich aus der personalen Identität er- geben, geschuldet. Aufgrund der Tatsache der bereits dichten Besiedlung des zur Lebensraum- gewinnung vorgesehenen Osten Europas und der zu erwartenden Widerstände gegen die ange- dachte 'Ostkolonisation' mußte der Krieg für den Nationalsozialismus zwingend die 'Orientie- rungsmarke seiner Außenpolitik sein'. Dies äußerte auch Hitler frühzeitig in seinem zweiten Buch (1928), in dem er schrieb, in der Begrenztheit des Lebensraumes liege der 'Zwang zum Lebens- kampf, im Lebenskampf dafür aber die Voraussetzung zur Entwicklung'32.

3.2. Nationalsozialistische Außenpolitik gegenüber Großbritannien 1933-1939

Gegenüber Großbritannien vereint der Nationalsozialismus widerstreitende Ansichten: Einerseits sieht er die Briten als 'arisches Brudervolk'33, dessen Duldung der deutschen Ostkolonisation mindestens erreicht werden müsse - im Rahmen eines deutsch-britischen Ausgleiches34 -, zumal so die Freiheit der maritimen Zufahrtswege gewährleistet worden wäre. Andererseits sprach Hit- ler schließlich 1937 - also noch zwei Jahre vor Kriegsbeginn - von 'den beiden Haßgegnern Eng- land und Frankreich (...), denen ein starker deutscher Koloß ein Dorn im Auge sei'35. Bedeutend ist, daß 'das Wesen nationalsozialistischer Außen- und Kriegspolitik jedem verschlossen (bleibt), der zur Analyse nicht ständig den personalen Faktor Adolf Hitler (...) mit einbezieht.'36 Von da- her kann im weiteren die Politik des 'Führers' Adolf Hitler und die des Deutschen Reiches als synonym betrachtet werden.

Ein konstitutives Element der Beziehungen zwischen dem Deutschen Reich und Groß-Britannien ist demnach die 'type identity', die auf Deutscher Seite zunächst beiderseits gleich gesehen wird - beide Gesellschaften sind 'arische Brüdervölker' -, wobei die Ablehnung dessen durch die britische Seite zu einer Negierung dieses positiven Effektes auf die deutsche Sichtweise auf die deutsch-britischen Beziehungen führt.

Großbritannien nimmt dabei zu diesem Zeitpunkt in den Kriegsplanungen Hitlers einen entschei- denden Platz ein: Einerseits hält er das Empire für innerlich geschwächt - durch Kolonialkonflik- te -, andererseits geht er auch vor dem Hintergrund der Bedrängung Großbritanniens durch Japan in Fernost und durch Italien im Mittelmeer von der abwägenden Furcht der Briten aus, in einen langwährenden europäischen Krieg einzutreten37. Eine Weigerung Großbritanniens werde zudem eine weitere wichtige Wirkung erzielen: Das innenpolitisch ebenfalls geschwächte Frankreich, welches Hitler am Rande eines Bürgerkrieges sieht, werde im Falle der Weigerung Großbritan- nien, in einen Krieg gegen Deutschland einzutreten und angesichts des geplanten 'Westwalles' zur Absicherung der Westfront gegen Frankreich ebenfalls einen Kriegseintritt scheuen.38

In diesem Zusammenhange werden die internationalen Bemühungen Hitlers - wie unten die Kon- terkarierung britisch-französischer Einigungsbemühungen - von der personalen Identität und dem damit verbundenem nationalen Interesse der nationalen Sicherheit (über den Umweg der militärischen Überlegenheit) auch im Falle expansiver Ostpolitik gesteuert. Umgekehrt scheinen die Reaktionen der Briten auf das Ansinnen Deutschlands, auf dem Kontinent freie Hand' ge- währt zu bekommen (für die Ostkolonisation) sowohl auf die personale Identität - nationale Inte- ressen: nationale Sicherheit, kollektive Selbstachtung -, aber auch (und bis 1938 in besonderem Maße) durch die Rollenidentität als Weltmacht geprägt zu sein, die nicht infrage gestellt werden soll.

So geht auch Hitler realistischerweise davon aus, daß die zunehmenden Aufrüstungsbemühungen sowie das offensive (teilweise aggressive) Auftreten des Deutschen Reiches (zum Beispiel ge- genüber Polen, das man als Kriegsschuldner ansieht) die Briten inzwischen zu einer ihrerseitigen Aufrüstung herausgefordert hat. Faktisch stimmt dies auch: Die Appeasement-Politik, als Frie- denspolitik verstanden, ist mit Ausbruch des Krieges gescheitert. Die Überstrapazierung des bri- tischen Empire mit Konfliktherden in unterschiedlichsten Regionen - wie bereits oben geschil- dert - zwingt die Regierung Großbritanniens allerdings zu solcher Doppelstrategie von 'peace and rearmament' und ist in Form der Appeasement-Politik zumindest soweit erfolgreich, daß der Zusammenbruch Großbritanniens nach Kriegsbeginn verhindert werden kann.39

Rasches Handeln bleibt für Hitler demnach angesagt: Im September 1938 wendet sich Deutsch- land gegen die Tschechoslowakei. Die Westmächte treten Hitler in seinem Anschlußbestreben (Österreich fiel diesem bereits im Frühjahr desselben Jahres 'zum Opfer') zwar entgegen, doch nicht mit dem Willen zu militärischem Widerstand, sondern zwecks Verhandlungen. In der Tat muß die Tschechoslowakei nach der Konferenz von München die deutschbesiedelten Gebiete - das Sudetenland - abtreten40. Hitlers Hoffnung, die Westmächte hätten die Tschechoslowakei insgeheim bereits aufgegeben, scheint sich also zumindest im Ansatz hier zu bestätigen41. Die Erklärung nach jener 'Konferenz von München', das britische und das deutsche Volk wünschten sich den Frieden und wollten nie wieder Krieg gegeneinander führen, läßt zwar einerseits auf eine Entspannung der Beziehungen beider Staaten schließen, doch hindert dies Hitler nicht, im Jahr darauf mit einer Rede in Saarbrücken den Wahlkampf in Großbritannien zu kommentieren und somit seinen Verhandlungspartner Chamberlain zu demontieren - was wiederum auf eine deutliche Kränkung Hitlers durch das - wenn auch nicht sonderlich entschiedene - Entgegentre- ten Großbritanniens gegen seine Tschecholowakei-Pläne zu deuten ist.

Eben jenes nicht sonderlich entschiedene Entgegentreten der Briten stützt jedoch die Vermutung, daß auf britischer Seite die Wahrung der Rollenidentität als Weltmacht - jedenfalls zu diesem Zeitpunkte - die Bedürfnisse nach nationaler Sicherheit aufgrund der personalen Identität über- wogen.

Die Hoffnung Hitlers, Großbritannien werde sich dem großdeutschen Wunsch nach weltmächti- ger Mitsprache in den kontinentalen Belangen beugen, verflüchtigt sich jedoch alsbald: 'England will kein übermächtiges Deutschland in seiner Nähe, das eine ständige Bedrohung seiner Inseln wäre. Dafür wird es kämpfen.'42 Deutschland müsse daher ein Bündnis gegen England bilden, um diesem später im Konflikte begegnen zu können, zumal die Briten ihre Rüstungsbemühungen seit 1937 sehr verstärkt haben43 und auf deutscher Seite die britische Überlegenheit in diesem Rüs- tungswettlauf eingesehen wird. Der kommende Krieg muß demnach aus damaliger Sicht in 'ver- kehrter Frontstellung', nämlich gegen die beiden 'Haßgegner' Großbritannien und Frankreich' geführt werden.44 Dies Berücksichtigend, wird insbesondere auf die Seekriegsrüstung ein beson- derer Schwerpunkt der deutschen Rüstungspolitik gelegt - zugleich ein letzter Versuch der Einschüchterung der Briten.

Hitler unterstellt hierbei das überwiegen der personalen Identität für das Handeln der Briten, woraus er schließt, die Rüstung und die Kriegsbereitschaft Großbritanniens würden bis zu einem e- ventuellen Kriege eine zumindest teilweise (auf der See) Überlegenheit der Briten zur Folge haben. Zugleich spricht hier die Insultation des Reiches und seines 'Führers' über die Zurückweisung der corporativen Gemeinsamkeiten, wie sie von deutscher Seite gesehen werden. Die Tatsache, daß die deutsche Führung ihre Seekriegsflotte als der britischen unterlegen betrachtet, wird zudem zu einem weiteren konstitutiven Element ihrer Politik - gezielte Aufrüstung zwecks stärkerer Gefährdung der nationalen Interessen Großbritanniens bei gleichzeitiger Drohung und Infragestellung der Weltmachtstellung zur See seitens Deutschlands.

Aus diesem Grunde versucht Deutschland auch, ein Zusammengehen von Frankreich mit Groß- britannien durch gezielte Störversuche zu verhindern: Die Westfront soll wenigstens so schwach wie möglich gehalten werden, wenn sie schon nicht abzuwenden ist. Dies geschieht vor allem durch stete bilaterale Angebote und Abkommen Deutschlands, wie zum Beispiel dem deutsch- britischen Flottenpakt von 1935, der die kurz zuvor gestarteten Bemühungen Frankreichs, mit Großbritannien und Italien gemeinsam eine Antirevisionsfront gegen Deutschland zu bilden, kon- terkariert.45

Zudem gab es zunehmend Differenzen zwischen Großbritannien und Frankreich, das in diesem Bereich seitens der Briten als intransigent wahrgenommen wurden (so in den Genfer Verhandlungen auch mit Deutschland im Jahre 1937).46

Spätestens mit den britisch-französisch-polnischen Beistandsabkommen im März 1939 wird jedoch gänzlich klar, daß Groß-Britannien zu einer kampflosen Aufgabe seiner Interessen (Rollenidentität: Wahrung der Stellung als Großmacht) auf dem Kontinent nicht bereit ist. Zudem spricht dafür, daß auch die personale Identität und das Sicherheitsinteresse Großbritanniens als zunehmend tangiert empfunden wird, daß das Beistandsabkommen noch im April 1939 auf ein beiderseitiges Abkommens Großbritanniens und Polens erweitert wird.

Die Bedeutung von Identitäten kann demnach für die deutsche Außenpolitik gegenüber Großbri- tannien erkannt werden, wenn auch - insbesondere im Falle des Politik Groß-Britanniens - nicht immer klar benannt werden kann, welche der Identitäten in der Hauptsache die britische Politik beeinflussen. Erkennbar wird jedoch außerdem der Tatbestand des 'sozialen Lernens', der sich in der zunehmenden Aggressivierung der deutschen Politik gegenüber Großbritannien äußert, nach- dem dieses auf seine entscheidende Rolle auch in Kontinentaleuropa nicht aufzugeben bereit ist - aber auch in der reaktiv zunehmenden Forcierung eigener Ausgleichsmaßnahmen (Vertragspoli- tik, Aufrüstung) seitens Großbritannien.

Klar ist auch, daß hier ein Strukturwandel stattgefunden hat - von der Lockeanischen der Rivalen (auch Hitler, selbst wenn er dies anders sah, wollte nie Freundschaft, sondern stets Rivalität mit Großbritannien, was sich durch die Forderung nach dem Rückzug aus den kontinentalen Belan- gen ausdrückte) zu der Hobbes’schen Struktur der Feindschaft (was sich letztlich auch nach dem hier betrachteten Zeitraum auswirkte, als der ‚totale Krieg’ - also ein Krieg ohne jegliche Ge- waltbegrenzung ausgerufen wurde). Die Struktur der Rivalität schien - zumindest von deutscher Seite aus - ebenso auf Legitimität beruhend wie später die der Feindschaft. Erstere als begrenzter Konflikt zwischen ‚germanischen Brudervölkern’, letztere nach der entsprechenden Selbstdar- stellung der Briten und dadurch geänderter Selbstdefinition der Deutschen vor allem aufgrund der britischen Haltung zu den als lebensnotwendig erachteten deutschen Expansionsinteressen: Wer das Lebensnotwendige abstreitet, ist Feind.

3.3. Die nationalsozialistische Außenpolitik gegenüber Rußland

'Das Verhältnis Berlins zu Moskau glich seit dem ersten Weltkrieg dem zweier kommunizierender Röhren: Stieg der Grad der Vertrautheit zu einem der östlichen Nachbarn, so bewegten sich die Beziehungen zum anderen nahezu gegen Null.'47 Dies resultiert aus den widerstreitenden Interessen in Bezug auf Polen, auf das im Grunde beide Staaten Anspruch erheben.

Im Rahmen dieses Prinzips der kommunizierenden Röhren werden 1933 mit der Sowjetunion ein Kreditabkommen sowie die Verlängerung des Berliner Vertrages von 1926 erreicht; demgegen- über steht ein deutsch-polnischer Nichtangriffspakt im darauffolgenden Jahr. Eine eindeutige Festlegung für bzw. gegen einen der beiden Staaten oder gar gegen beide Staaten (für beide Staaten ist aufgrund deren Verhältnis zueinander nicht möglich) wird somit nicht vorgenommen.

Eine Zusammenarbeit wurde dabei vor allem auf wirtschaftlicher Seite befürwortet, zumal die Sowjetunion zur Zeit der Weltwirtschaftskrise ein nicht unbedeutend stabilisierender Faktor insbesondere für die deutsche Exportwirtschaft war.48

Eine Zusammenarbeit wurde zwar von militärischen Kreisen aus rüstungspolitischen Gründen zunächst befürwortet, doch überwog hiergegen zunächst das politische Interesse der Begründung der Lebensraumgewinnung im Osten - so wurde bereits Anfang 1934 (nach dem Zustandekommen des deutsch-polnischen Nichtangriffsvertrages) die Sowjetunion aus der Liste der freundschaftlichen Staaten gestrichen.49

Hitler machte hierfür vor allem ideologische Gründe geltend: Man sei bei der Bekämpfung des deutschen Kommunismus behindert, wenn 'aus außenpolitischen Gründen mit der Zentrale dieser politischen Vergiftung politisch und militärisch zusammengearbeitet wird.'50 Hieraus läßt sich auch das Abkommen mit Polen erklären, welches über den starken Druck, den es auf die Sowjet- union ausüben sollte, einen Systemwechsel - möglicherweise per Umsturz - befördern sollte51. Dies entspricht der Rollenidentität in dem Sinne, daß der Nationalsozialismus sich als dem Kommunismus diametral entgegengesetzt sah. Es weist zudem auf die Legitimation der Struktur der Feindschaft, wie sie im Grunde seit Beginn der Ideologie des Nationalsozialismus besteht (schließlich sollte auch die Sowjetunion der Lebensraumgewinnung zum Opfer fallen) und nur mühsam überdeckt wird, hin - die Deutschen sind nicht nur rassisch, sondern auch ideologisch die Guten, das Schlechte - der kommunistische, jüdische Russe - muß bekämpft (und vernichtet) werden.

In den folgenden Jahren erhält die Sowjetunion einen vor allem wirtschaftlich beeinflußten Wert für das deutsche Reich. So sollte einerseits die Exportwirtschaft eine drohende Wirtschaftskrise in Deutschland verhindern helfen, andererseits konnten so die knappen Rohstoffe zwecks Aufrüstung Deutschlands erworben werden, ohne die Westmächte hiervon in Kenntnis zu setzen52.

Spätestens seit 1938 wird die Doppelstrategie des Reiches, die Sowjetunion zwar zunächst als wirtschaftlichen Partner zu halten, insgeheim jedoch die Möglichkeiten des Lebensraum-Krieges auszuloten, offensichtlich, als der Nichtangriffspakt mit Polen zu einem Quasi-Angriffspakt gegen die Sowjetunion ausgebaut werden soll.53

Die Sowjetunion ist ob der erkennbaren deutschen Abneigung bereits frühzeitig ebenfalls auf Gegenkurs gegangen und versucht, sich mit den Westmächten zu verbünden.54 Diese Strategie scheitert jedoch aus Sicht der Sowjetunion mit der ‚Kapitulation’ der Westmächte in der Tsche- choslowakei-Frage. Nach dieser Krise, also etwa zeitgleich zu den Sondierungen Deutschlands mit Polen, strebte der Sowjet-Führer Stalin nun ebenfalls ein Bündnis mit dem Deutschen Reich an.

Der kurz vor Kriegsbeginn ausgehandelte ‚Hitler-Stalin-Pakt’, ein gegenseitiger Nicht- Angriffspakt, war dieser Situation geschuldet: Deutschland wollte sicherstellen, daß die Sowjet- union sich selbst nicht in der Rolle des Feindes Deutschlands sieht und sich doch noch mit den Westmächten verbündet. Die Sowjetunion sah die Westmächte also so schwach an, daß sie zur Gewährleistung ihrer nationalen Sicherheitsinteressen - wenigstens auf Zeit - diesen Pakt einzu- gehen bereit war (zumal er direkt keine positive Unterstützung der deutschen Expansionspolitik gen Westen, v.a. Frankreich vorsah, was ihm die spätere Vereinigung mit den Westmächten noch offen ließ)55.

4. Abschließende Würdigung durch den Verfasser

Wie im Rahmen dieser Hausarbeit gezeigt werden konnte, kann der Sozialkonstruktivismus außenpolitische Entwicklungen vor Ausbruch des zweiten Weltkrieges erklären. Sowohl im Falle Großbritanniens als einer Westmacht, also auch der Sowjetunion als kommunistischer Großmacht im Osten, konnte dies gelingen.

Insbesondere die Bedeutung der personalen sowie der kulturellen Identität sowie die mit ersterer korrelierenden nationalen Interessen - die eben über reine Existenzsicherung hinausgehen - konnte hier aufgezeigt werden. Doch auch die Folgerungen für die Konstituierung und die Ände- rung der Struktur der internationalen Beziehungen, wie Wendt sie zieht, konnten hier nachgewie- sen werden: Die Änderung der Struktur der Beziehung zwischen Deutschland und Großbritan- nien aufgrund der deutlich unterschiedlichen Rollenverständnisse und -interessen (insbesondere das Abstreiten des aus dessen personaler Identität hervorgehenden nationalen Interesses Deutsch- lands der Lebensraumgewinnung durch die Briten) der Interaktionspartner (bzw. -gegner) und der damit einhergehende Redefinition auf Deutscher Seite ebenso wie die Struktur zwischen Deutschland und der Sowjetunion, die aufgrund entgegengesetzter Kulturellen Identitäten und Rollenverständnisse eine als legitim internalisierte Feindschaft sehen, die allerdings sich nicht sofort in ungebremster Gewalt ausdrückt, da wiederum personale Interessen (Bedrohung Deutschlands durch die Westmächte; zu geringe Erwartungen der Sowjetunion bezüglich der Hilfsbereitschaft oder -fähigkeit der Westmächte und resultierende - mögliche - Bedrohung durch Deutschland sowie gegenseitige wirtschafts- und rüstungspolitische Interessen) eine zeit- weise Abschwächung dieser Feindschaft zu einer starken Rivalität erlauben.

Insbesondere sind demnach für die deutsche Außenpolitik maßgebend:

1.) Die nationalsozialistische Rasseideologie: Sie begründet die Notwendigkeit der Lebens- raumgewinnung; diese stellt, da die Rasseideologie in dieser Verknüpfung mit dem Le- bensraum auch territoriale Elemente umfaßt, Teil der personalen Identität und der objek- tiven nationalen Interessen Deutschlands dar.
2.) Die Ablehnung dieser nationalen Interessen Deutschlands durch die Westmächte, obwohl sie unmittelbar von der Lebensraumgewinnung nicht betroffen wären (da: Ostkolonisati- on).
3.) Die Sowjetunion als von der Ostkolonisation direkt Betroffene natürlicher Feind dieser nationalen Interessen, zumal hier auch die Kulturellen- bzw. Typidentitäten nicht mitein- ander vereinbar sind.
4.) Jene Kulturellen Identitäten sind es umgekehrt auch vornehmlich, die die britische Ver- weigerung der Anerkennung des Lebensraum-Interesses Deutschlands begründet. Gewis- se Zweifel an der Gewährleistung der nationalen Sicherheit bestehen zwar ebenfalls auf britischer Seite, doch ist entscheiden, daß Großbritannien seine Rolle als führende Macht in Europa nicht infrage gestellt sehen möchte.
5.) Die Konkurrenz der nationalen Interessen im wirtschaftlichen Bereich, die eine zumindest zeitweise Aufschiebung der territorialen nationalen Interessen erzwingen und so eine zeitweise Annäherung Deutschlands und der Sowjetunion ermöglichen.

Als Problem erwies sich jedoch im Verlaufe der gesamten Arbeit an dieser Hausarbeit die kon- krete Operationalisierung der Theorie. Wie stark welche Identität welches Interesse, das wieder- um seinerseits wie stark wirkt, beeinflußt, kann nicht sinnvoll empirisch gemessen werden. So bleiben auch diese Anwendungen auf die Theorie in diesem historischen - also im Grund einfach einzuordnenden Falle - letztlich theoretisch. Zur Literaturauswahl sei noch folgendes gesagt: Die Vielzahl historischer Primärtexte - also v.a. Quellen - zu diesem Themenkomplex systematisch auszuwerten, stellt einen eigenen Teilkomplex im Studium der Geschichtswissenschaften dar; dies obliegt dem Autor daher nicht. Vielmehr habe ich mich hier darauf beschränkt, die in der Literatur zum Thema angeführten Schlußfolgerungen dort, wo sie sich dem allgemeinen Ge- schichtswissen entzogen, anhand der geleisteten Angaben zu überprüfen. Dies mag kritisiert wer- den, doch hätte eine andere Vorgehensweise der Rahmen einer solchen Grundseminar-Arbeit im Fache Politikwissenschaft möglicherweise gesprengt. Insbesondere zum Thema ‚Großbritannien’ gab es noch ein weiteres Werk (Manfred Funke (Hg.): Hitler, Deutschland und die Mächte. Mate- rialien zur Außenpolitik des dritten Reiches). Wesentliche Erkenntnisse über das im Werk Bernd- Jürgen Wendts hinaus lieferte dieses jedoch nicht, weshalb auch auf die Heranziehung verzichtet wurde.

5. Literaturliste

- Allard, Sven (1974): Stalin und Hitler. Die sowjetische Außenpolitik 1930 bis 1941. Bern.
- Geisler, Walter: Die deutsch-polnische Raumgemeinschaft im Gesamt-Ostraum. In: OstraumBerichte 1 (1935), S. 9-20
- Hitler, Adolf (1935): Mein Kampf. München.
- Hitlers zweites Buch. Ein Dokument aus dem Jahre 1928. Eingeleitet und dokumentiert von Gerard L. Weinberg. Stuttgart (1961).
- Jackson, Robert; Sørensen, Georg (1999): Introduction to International Relations. New York.
- Müller, Rolf-Dieter (1984): Das Tor zur Weltmacht. Die Bedeutung der Sowjetunion für die deutsche Wirtschafts- und Rüstungspolitk zwischen den Weltkriegen. Boppard.
- Petzina, Dietmar: Vierjahresplan und Rüstungspolitik. In: Wirtschaft und Rüstung am Vorabend des Zweiten Weltkrieges, S. 65-80.
- Piekalkiewicz, Janus (1994): Der Zweite Weltkrieg. Augsburg.
- Schreiber, Gerhard (1984): Das strategische Lagebild von Luftwaffe und Kriegsmarine 1938. In: Knipping (Hg.): Machtbewußtsein in Deutschland am Vorabend des Zweiten Weltkrieges. Paderborn.
- Vogelsang, Thilo (1962): Reichswehr, Staat und NSDAP. Beiträge zur deutschen Geschichte 1930- 1932. Stuttgart. (=Quellen und Darstellungen zur Zeitgeschichte, Bd. 11).
- Weidenfeld, Werner: Gustav Stresemann. Der Mythos vom engagierten Europäer. In: GWU 12 (1973).
- Wendt, Alexander (1992): Anarchy is what states make of it: the social construction of power politics. International Organization 46: 2, S. 391-425.
- Wendt, Alexander (1995): Constructing International Politics. International Security 20:1, S. 71-81.
- Wendt, Alexander (1996): Identity and Structural Change in International Politics. In: Lapid, Yosef; Kratochwil, Friedrich (Hrsg.): The Return of Culture and Identity in IR Theory. Boulder. S. 47-64.
- Wendt, Alexander (1999): Social Theorie of International Relations. Cambridge.
- Wendt, Bernd-Jürgen: Großdeutschland. Außenpolitik und Kriegsvorbereitung des Hitlerregimes. München 1987.
- Wirsching, Andreas: Deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert. München 2001.

[...]


1 Wirsching, Andreas: Deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert. München 2001. S. 61

2 Wirsching: Deutsche Geschichte. S. 73f.

3 Wendt, Bernd-Jürgen: Großdeutschland. Außenpolitik und Kriegsvorbereitung des Hitlerregimes. München 1987. S. 7.

4 Wirsching: Deutsche Geschichte. S. 74.

5 Vgl. Jackson, Robert; Sørensen, Georg (1999): Introduction to International Relations. New York: Oxford University Press, S. 238.

6 Vgl. Wendt, Alexander (1995): Constructing International Politics. International Security 20:1, S. 71-81 (künftig zitiert als A. Wendt (1995)) S. 71. An dieser Stelle sei darauf hingewiesen, das der Konstruktivismus sich vor allem aus der Kritik am Neorealismus konstituiert. Wendt bezieht in all seinen Texten kritisch Position besonders zu den von Kenneth Waltz vertretenen Ansichten. Zwar erfährt Waltz Zustimmung von Seiten Wendts im Punkte der Betrachtung von Staaten als zentrale Akteure, allerdings auch ebenso harsche Kritik, wenn Waltz schreibt, daß diese ihre Sicherheit ausschließlich eigennützig nach ihren Bedingungen definieren. Ebenso kritisiert Waltz die Betrachtung von ‚self-help’ als natürliche Folge der Anarchie sowie das Nichtbeachten von Interessen- und Identitätenformierung. Der tiefstgreifende Unterschied zwischen Realisten und Konstruktivisten besteht in der Ansicht über die Entstehung der Strukturen im internationalen System. Während die Realisten die Ursache der Strukturen bzw. der Anarchie in der Verteilung materieller Ressourcen sehen, stellen diese für die Konstruktivisten nur einen Teil der Ursache dar, da ‚shared knowledge’ und Interaktion mindestens genauso bedeutend sind. Vgl. A. Wendt (1995), S. 72-73.

7 Vgl. Wendt, Alexander (1999): Social Theorie of International Relations. Cambridge. S. 193-245. (künftig zitiert als A. Wendt (1999)).

8 Ibd., S. 243.

9 Vgl. Wendt, Alexander (1996): Identity and Structural Change in International Politics. In: Lapid, Yosef; Kratochwil, Friedrich (Hrsg.): The Return of Culture and Identity in IR Theory. Boulder. S. 47-64 (künftig zitiert als A. Wendt (1996)), S. 50.

10 Vgl. Wendt, Alexander (1992): Anarchy is what states make of it: the social construction of power politics. International Organization 46: 2, S. 391-425 (künftig zitiert als Wendt (1992)). S. 397.

11 Da Akteure in diesem Zusammenhang grundsätzlich Staaten sind, werden diese im weiteren Text synonym verwendet.

12 Wendt unterscheidet zwischen „corporate“ oder „personal identities“, „type identities“, „role identities“ oder auch ‘social identites’ (vgl.: Wendt 1996, S. 51) und collective identities“.

13 A. Wendt (1996), S. 51.

14 Vgl. A. Wendt (1999), S. 224- 230 und A. Wendt (1996), S. 50-51.

15 A. Wendt (1999), S. 231.

16 Vgl. A. Wendt (1999), S. 231-232.

17 Vgl. A. Wendt (1999), S. 233-238 sowie A. Wendt (1996), S. 51.

18 A. Wendt (1999), S. 240.

19 Identitäten und Interessen werden durch Imitation erworben, wenn Akteure das Selbstverständnis derer annehmen, die sie für erfolgreich halten. Diese Art des Erwerbs von Identitäten wird allerdings von Wendt nur am Rande beachtet. Vgl.: A. Wendt 1999, S. 324-325.

20 Diese Situation bezeichnet Wendt als „First-Encounter“. Vgl. A. Wendt 1999, S. 330-331 sowie Wendt 1992, S. 404ff.

21 A. Wendt (1992), S. 405.

22 Vgl. A. Wendt (1999), S. 259-278. Die ‚Hobbesian culture’ wird von Wendt an anderer Stelle auch als ‚cooperative security system’ bezeichnet. Vgl.. A. Wendt (1992), S. 400.

23 Vgl. A. Wendt (1999), S. 279-297. Diese Kultur bezeichnet er in A. Wendt (1992), S. 400 als ‚individualistic security system, was aber keine Auswirkugne auf die Bedeutung hat.

24 Vgl. A. Wendt (1999), S. 297- 309. Eine andere Bezeichnung, ‚cooperative security system’, ist in A. Wendt (1992), S. 400, zu finden.

25 Vgl. A. Wendt (1999), S. 309 sowie S. 331.

26 Vgl. Ibd., S. 268-279.

27 A. Wendt (1999), S. 278.

28 Vgl. Weidenfeld, Werner: Gustav Stresemann. Der Mythos vom engagierten Europäer. In: GWU 12 (1973), S. 745.

29 Vgl. Wendt, Bernd-Jürgen: Großdeutschland. S. 49.

30 Hitler, Adolf (1935): Mein Kampf. München. S. 687.

31 Hitler: Mein Kampf. S. 732.

32 Hitlers zweites Buch. Ein Dokument aus dem Jahre 1928. Eingeleitet und dokumentiert von gerard L. Weinberg. Stuttgart (1961). S. 47.

33 Vgl. B.-J. Wendt: Großdeutschland. S. 75.

34 Ibd., S. 68.

35 Ibd., S. 18

36 Ibd., S. 105.

37 Ibd., S. 19.

38 Ibd., S. 23.

39 Ibd., S. 83.

40 Vgl. Piekalkiewicz, Janus (1994): Der Zweite Weltkrieg. Augsburg. S. 33.

41 Vgl. B.-J. Wendt: Großdeutschland. S. 22.

42 Ibd., S. 118f.

43 Vgl. Schreiber, Gerhard (1984): Das strategische Lagebild von Luftwaffe und Kriegsmarine 1938. In: Knipping (Hg.): Machtbewußtsein in Deutschland am Vorabend des Zweiten Weltkrieges. Paderborn. S. 179

44 Vgl. B.-J. Wendt: Großdeutschland, S. 135f.

45 Vgl. Ibd., S. 97

46 Vgl. Ibd. S. 92.

47 Vgl. Ibd., S. 93.

48 Vgl. Müller, Rolf-Dieter (1984): Das Tor zur Weltmacht. Die Bedeutung der Sowjetunion für die deutsche Wirtschafts- und Rüstungspolitk zwischen den Weltkriegen. Boppard. S. 255.

49 Vgl. Müller (1984): Das Tor zur Weltmacht. S. 258.

50 Vgl. Vogelsang, Thilo (1962): Reichswehr, Staat und NSDAP. Beiträge zur deutschen Geschichte 1930-1932. Stuttgart. (=Quellen und Darstellungen zur Zeitgeschichte, Bd. 11). Hier: Brief Hitlers an Reichenau, S. 434.

51 Vgl. Geisler, Walter: Die deutsch-polnische Raumgemeinschaft im Gesamt-Ostraum. In: Ostraum-Berichte 1 (1935), S. 9-20.

52 Vgl. Petzina, Dietmar: Vierjahresplan und Rüstungspolitik. In: Wirtschaft und Rüstung am Vorabend des Zweiten Weltkrieges, S. 65-80. S. 69., außerdem Müller (1984): Das Tor zur Weltmacht. S. 289 ff.

53 Vgl. Müller (1984): S. 310f.

54 Vgl. Allard, Sven (1974): Stalin und Hitler. Die sowjetische Außenpolitik 1930 bis 1941. Bern. S. 5

55 Vgl. Allard (1974): Stalin und Hitler. S. 180ff.

3 von 20 Seiten

Details

Titel
Nationalsozialistische Außenpolitik 1933 bis 1939: Bündnispolitik, Einschüchterung und Beschwichtigung
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Veranstaltung
Internationale Beziehungen
Note
2,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
20
Katalognummer
V109344
Dateigröße
391 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Sozialkonstruktivistrische Analyse der Außenpolitik des Deutschen Reiches 1933-1938 an ausgewählten Beispielen (Schwerpunkt GB).
Schlagworte
Nationalsozialistische, Außenpolitik, Bündnispolitik, Einschüchterung, Beschwichtigung, Internationale, Beziehungen
Arbeit zitieren
Adrian Hoos (Autor), 2004, Nationalsozialistische Außenpolitik 1933 bis 1939: Bündnispolitik, Einschüchterung und Beschwichtigung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/109344

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