In Voraussicht auf die Ausübung des Lehrerberufes versucht man sich als Lehramtsstudent oft vorzustellen, wie es sein wird vor einer Klasse zu stehen. Manchmal hat man geradezu panische Angst davor, ein andermal sieht man sich als heldenhafter Meister vor seinen Schülern. Um diese Vorstellungen von seiner baldigen Zukunft objektiver zu gestalten, hört man sich um; bei Kommilitonen, welche schon ihre Praktika absolviert haben, oder bei Verwandten oder Bekannten, die den Lehrerberuf ausüben. Oft erfährt man vom "unwilligen" Schüler, welcher dem Lehrer den Beruf zur Qual werden läßt. Damit verbunden werden meist die alten Zeiten gelobt, in welchen die Schüler diszipliniert und auf "Einsen" erpicht waren. Die heutigen Kinder seien frech, vorlaut und respektierten die Autorität des Lehrers nicht. Ob dem wirklich so ist, soll auf den folgenden Seiten nicht hinterfragt werden. Thema dieser Ausführungen sind Mißverständnisse, welche aus der Körpersprache von Schüler und Lehrer resultieren können.
Nun stellt sich folgerichtig die Frage, inwieweit sich die eben genannte Problematik dem Thema dieser Arbeit zuordnen läßt. Was beide gemeinsam haben ist die Kommunikation. Die Körpersprache ist ein Bestandteil der Kommunikation, und nur durch die Kommunikation zwischen Schüler und Lehrer ist der Lehrer in der Lage, sich ein Urteil über den Schüler zu bilden. Gesetzt den Fall, daß diese Kommunikation zwischen Schüler und Lehrer auf Mißverständnissen beruht, würde sie ein falsches Bild vom Schüler vermitteln. Diese Logik veranschaulicht die Wichtigkeit des Wissens um Mißverständnisse innerhalb der Kommunikation. Jeder weiß aus eigener Erfahrung, daß Mißverständnisse nicht selten sind.
Es wäre unsinnig zu versuchen, einen Katalog von körpersprachlichen Mißverständnissen und deren Aufklärungen aufzustellen. Summiert man die im Gespräch selbst erlebten Mißverständnisse und multipliziert diese mit den Bedingungen unter denen sie noch auftreten hätten können, so stellt man schnell fest, daß deren Anzahl unerschöpflich ist. Versucht man aber, sich die Gründe für Mißverständnisse vor Augen zu führen, so wird man feststellen, daß diese sich einander oft ähneln und somit deren Zahl geringer sein kann. Dies impliziert zwar, daß es auch hierbei kaum möglich sein wird alle zu nennen, der Versuch aber, die wichtigsten darzustellen, eher von Erfolg gekrönt sein wird.
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Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die „Allpräsenz“ der Körpersprache
3. Komplexität der Körpersprache
3.1. Die Vielzahl der Kanäle körpersprachlichen Ausdrucksverhaltens
3.2. Unbewußtes Wahrnehmen und Senden von Körpersprache
4. Individualität der Körpersprache
4.1. Kulturell bedingte Unterschiede
4.2. Sozial bedingte Unterschiede
4.3. Unterschiede bedingt durch Charakter
5. Schlußbetrachtung
Zielsetzung und Themenfelder
Das Hauptziel dieser Arbeit besteht darin, das Verständnis für körpersprachliche Signale im schulischen Kontext zu schärfen, um Missverständnisse zwischen Lehrenden und Lernenden zu reduzieren. Die Arbeit untersucht die psychologischen und sozialen Grundlagen nonverbaler Kommunikation, um Lehrkräften eine objektivere Einordnung des Schülerverhaltens zu ermöglichen.
- Die Allpräsenz und Unvermeidbarkeit nonverbaler Kommunikation
- Die hohe Komplexität und Unkontrollierbarkeit körpersprachlicher Kanäle
- Die Rolle unbewusster Wahrnehmungs- und Sendeprozesse
- Einflussfaktoren der Individualität: Kultur, soziales Milieu und Charakter
- Vermeidung und Entschärfung von Konflikten durch bewusste Reflexion
Auszug aus dem Buch
3.2. Unbewußtes Wahrnehmen und Senden von Körpersprache
Die Komplexität der Körpersprache erweitert sich noch durch die unbewußte Wahrnehmung. Diese nimmt wahr, ohne daß unser Bewußtsein davon informiert sein muß. Sie spiegelt sich wider im Empfinden des Empfängers. Er kann sich auf diesem Wege vom Sender bedroht oder sich im Dialog bestätigt fühlen, oder Sympathie oder Antipathie gegenüber dem Sender empfinden. Ähnlich der bewußten Wahrnehmung kann die unbewußte Wahrnehmung nicht eindeutig zwischen körpersprachlichem Ausdrucksverhalten und zufälligem Verhalten unterscheiden. Es kann somit vorkommen, daß die unbewußte Wahrnehmung eines Empfängers zufälliges Verhalten als körpersprachliches Ausdrucksverhalten interpretiert. Der Empfänger wird in Folge dessen sein weiteres Verhalten gegenüber seinem Gesprächspartner, aufbauend auf einem Irrtum, ausrichten. Es ist leicht einzusehen, daß der weitere Gesprächsverlauf von Mißverständnissen geprägt sein wird, dazu ein Beispiel, welches sich an Bsp. 3 anschließt.
(Bsp. 4) Der Lehrer muß nicht bewußt die lang ausgestreckten Beine seines Schülers als Angriff gegen seine Person werten. Er kann aber diese Sitzhaltung unbewußt als Eindringen in den Raum seiner Autorität wahrnehmen. Das Ergebnis wäre eine Abwehrhaltung gegenüber dem Schüler, entstanden durch seine unbewußte Wahrnehmung. Der Schüler wiederum würde diese Abwehrhaltung durch das Verhalten des Lehrers zu spüren bekommen. Da es in seinen Augen keinen Anlaß dazu gab, wird er nun ebenfalls in eine Abwehrhaltung treten. Diese wird den Lehrer in seiner schon vorhandenen Auffassung bestärken.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit motiviert die Auseinandersetzung mit Körpersprache als essenzielles Werkzeug für Lehrkräfte, um die Dynamik zwischen Lehrer und Schüler besser zu verstehen.
2. Die „Allpräsenz“ der Körpersprache: Dieses Kapitel verdeutlicht, dass Kommunikation durch das Verhalten unausweichlich ist, da auch Schweigen oder körperliche Haltung immer Informationen vermitteln.
3. Komplexität der Körpersprache: Es wird analysiert, warum die Kontrolle über die Vielzahl der Ausdruckskanäle (visuell, taktil, etc.) und die unbewussten Wahrnehmungsprozesse kaum vollständig möglich ist.
4. Individualität der Körpersprache: Der Fokus liegt auf den individuellen Prägungen durch Kultur, soziales Milieu und Charakter, die zu unterschiedlichen Interpretationsmustern führen können.
5. Schlußbetrachtung: Der Autor fasst die Bedeutung der Reflexion zusammen und betont, dass Bewusstsein über die eigene und fremde Wahrnehmung hilft, Konflikte im Schulalltag abzubauen.
Schlüsselwörter
Körpersprache, Unterricht, Nonverbale Kommunikation, Missverständnisse, Lehrer-Schüler-Interaktion, Wahrnehmung, Sozialisation, Kulturelle Differenzen, Proxemik, Ausdrucksverhalten, Kommunikationstheorie, Reflexion, Pädagogik, Individualität, Konfliktlösung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit behandelt die Problematik von Missverständnissen, die zwischen Lehrern und Schülern aufgrund von Fehlinterpretationen der Körpersprache entstehen können.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Fokus stehen die Unvermeidbarkeit nonverbaler Kommunikation, die physiologische Komplexität, unbewusste Wahrnehmungsmechanismen sowie kulturelle und soziale Prägungen des Ausdrucksverhaltens.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, angehenden Lehrkräften zu verdeutlichen, wie Körpersprache unbewusst wirkt, um sie für Fehlinterpretationen zu sensibilisieren und ihnen mehr Sicherheit im Umgang mit Schülern zu geben.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor stützt sich auf eine theoretische Auseinandersetzung mit kommunikationstheoretischen Modellen und veranschaulicht diese durch praxisnahe Beispiele aus dem Schulalltag.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Mechanismen hinter der unbewussten Kommunikation und untersucht, wie individuelle Unterschiede (kulturell, sozial, charakterlich) zu einer verzerrten Wahrnehmung führen können.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Begriffe sind Körpersprache, nonverbale Kommunikation, Missverständnisse, Wahrnehmung, soziale Milieus und interkulturelle Aspekte.
Warum spielt die „Allpräsenz“ der Kommunikation für Lehrer eine Rolle?
Sie verdeutlicht, dass selbst passives Verhalten oder bloße Anwesenheit eine Wirkung auf Schüler hat, die als Botschaft interpretiert werden kann, was dem Lehrer bewusst sein sollte.
Wie beeinflusst das soziale Milieu die Deutung von Körpersprache?
Verschiedene soziale Herkünfte führen zu unterschiedlichen Konventionen im Ausdrucksverhalten, was dazu führen kann, dass ein Lehrer das Verhalten eines Schülers falsch bewertet, weil es nicht seinen eigenen sozialen Standards entspricht.
- Quote paper
- Andreas Taut (Author), 2001, Körpersprache im Unterricht, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/10937